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Full text of "Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande .."

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University  of  Toronto 


http://www.arcliive.org/details/allgemeinegeschi02eber 


ALLGEMEINE  GESCHICHTE 


DER 


LITERATUR  DES  MITTELALTERS 

IM  mmmm 


f 

VON 


ADOLF  EBBET. 


ZWEITER  BA^sD. 


LEIPZIG, 

VERLAG  VON  F.  C.  W.  VOGEL. 

18S0. 


JUN  1 5  1933 


Si  7f 


Die 


Lateinische  Literatur 

vom  Zeitalter  Karls  des  Grossen  bis  zum  Tode 
Karls  des  Kahlen. 


Das  Recht  der  Uebersetzimgen  ist  vorbehalten. 


Vorrede. 


Der  vorliegende  Band,  den  früher  zu  vollenden  ich  durch 
manche  Störung  meiner  Gesundheit  behindert  ward,  führt  in 
zwei  Büchern,  dem  vierten  und  fünften,  nur  die  Geschichte  der 
lateinischen  Literatur  des  Mittelalters  bis  zum  Tode  Karls 
des  Kahlen;  dem  folgenden  Bande  ist  es  vorbehalten,  im  sechsten 
Buche  die  Geschichte  der  Nationalliteraturen  des  Abendlands, 
d.  h.  hier  allein  der  germanischen,  von  ihren  Anfängen  bis  zu 
demselben  Zeitpunkt  zu  erzählen,  worauf  das  siebente  die  karo- 
lingische  Literatur  auf  beiden  Gebieten,  dem  der  lateinischen  wie 
dem  der  Nationalliteraturen,  unter  welchen  dann  auch  die  roma- 
nischen vertreten  erscheinen,  zusammen  bis  zu  Ende  behandeln 
wird.  Dass  mit  den  letzten  Decennien  des  neunten  Jahrhunderts 
in  der  lateinischen  Literatur  eine  Wendung  eintritt  und  man 
daher  mit  dem  Tode  Karls  des  Kahlen  füglich  eine  Periode 
derselben  abschliessen  kann,  jedesfalls  um  diese  Zeit  einen 
Zeitabschnitt  zu  machen  hat,  wird  die  Fortsetzung  des  Werkes 
lehren.  In  dem  siebenten  Buche  werde  ich  auch  erst  bei  einer 
allgemeinen  Betrachtung  der  liturgischen  Poesie,  die  durch  das 
Aufkommen  der  Sequenzen  einen  neuen  Impuls  erhält,  die  Hym- 
nendichtung des  neunten  und  der  Anfänge  des  zehnten  Jahr- 
hunderts im  Zusammenhange  behandeln,  denn  die  Abfassungs- 
zeit der  meisten  dieser  Gedichte  lässt  sich  nur  nach  Jahrhun- 
derten bestimmen. 

Die  Ueberwindung  der  mannichfachen  Schwierigkeiten, 
welche  die  Ausführung  meiner  Arbeit  bot,  wurde  nicht  nur 
durch  manche  tüchtige,  namentlich  historische  Monographien, 
die  ihres  Orts  genannt  sind,  erleichtert,  sondern  auch  durch  einige 
allgemeinere  Werke  von  Bedeutung,  welche  hier  besonders  her- 
vorgehoben zu  werden  verdienen.    Ich  nenne  einmal  zwei  vor- 


1^^ 


VI  VORREDE. 

treffliche  Gesehichtswerke,  Simsons  Jahrbücher  des  fränkischen 
Reichs  unter  Ludwig  dem  Froramen  und  Dümmlers  Ge- 
schichte des  ostfränkischen  Reichs.  Der  letztere  hat  sich  auch 
um  die  karolingische  Literatur  und  ihre  Geschichte  besondere 
Verdienste  erworben  durch  die  Herausgabe  vieler  unedirten  Ge- 
dichte, durch  welche  er  die  bald  zu  erwartende  Sammlung  der 
Poetae  lutini  aevi  Carolini ')  in  den  Monumenten  der  deutschen 
Geschichte  vorbereitete,  dann  nicht  minder  durch  die  im  4.  Band 
des  Neuen  Archivs  der  Gesellschaft  ftir  ältere  deutsche  Ge- 
schichtskunde 1879  erschienene  Abhandlung:  Die  handschrift- 
liche Ueberlieferung  der  lateinischen  Dichtungen  aus  der  Zeit 
der  Karolinger.-)  Zu  besonderem  Dank  bin  ich  noch  dem  all- 
gemein anerkannten  Buche  von  Wattenbach :  Deutschlands  Ge- 
schichtsquellen im  Mittelalter  bis  zur  Mitte  des  dreizehnten  Jahr- 
hunderts verbunden.  In  bibliographischer  Beziehung  war  mir 
auch  Bährs  Geschichte  der  römischen  Literatur  im  karolingischen 
Zeitalter,  Carlsruhe  1840  (3.  Supplementband  der  Gesch.  der 
röm.  Lit.)  von  einigem  Nutzen. 

Noch  habe  ich  —  wegen  der  Angabe  der  Seitenzahl  —  zu 
bemerken,  dass  die  von  mir  angeführte  Ausgabe  der  Acta  S.  S. 
ord.  S.  Benedicti  Mabillons  die  in  Venedig  1733  erschienene  ist. 


1)  Diese  Sammlung,  von  welcher  der  erste  Band  schon  im  nächsten 
Winter  erscheinen  soll ,  wird  die  von  uns  hier  behandelten  Gedichte  ver- 
eint und  mit  allem  textkritischen  Apparat  bringen. 

2)  Da  ich  diese  Arbeit  so  häufig  zu  citiren  hatte,  habe  ich  mich  auf 
die  Abkürzung:  Dümmler,  N.  A.  stets  beschränkt. 


Leipzig  im  Juni  1880. 

A.  Ebert. 


Inhalt. 


Viertes    Buch:    Die  lateinische  Literatur  im  Zeit- 
alter Karls  des  Grossen. 

Seite 

Einleitung 3 

I.  Kapitel.     Alcuiu 12 

II.        ,.         Paulus  Diaconus 36 

III.  „         Epische  Dichtung:  Hibernicus  exul,  Angilbert  ...  56 

IV.  „         Eklogen :  Naso,  Conflictus  veris  et  hiemis     ....  64 
V.         „          Theodulf 70 

VI.         „         Ethelwulf 85 

Vn.         „          Volksmässige  weltliche  Dichtung.  Paulin  von  Aquileja  86 

VlII.          „          Einhard.     Reichsannalen 92 

IX.         „         Heiligenleben:  Eigil,  Liudger 104 

X.         „          Smaragdus 108 


Fünftes  Buch :  Die  lateinische  Literatur  vom  Tode 

Karls  des  Grossen  bis  zum  Tode  Karls  des 

Kahlen. 

Einleitung 115 

I.  Kapitel.     Raban 120 

IL         „         Walahfrid  Strabo 145 

III.  „         Gottschalk 166 

IV.  „         Ermoldus  Nigellus 170 

V.          „          Ermenrich  von  Ellwangen 179 

VI.         ^         Lothringen:  Wandalbert,  Sedulius  Scotus  ....  185 

VII.         .         Westfrancien :  Lupus 203 


VIII 


Inhalt. 


Seite 

VIII.  Kapitel.  Publicistik.     Agobard 209 

IX.  „  Claudius  und  seine  Gegner  Dungalus  und  Jonas     .  222 

X.  „  Paschasius  Radbert.    Ratramnus 230 

XI.  „  Hincmar  von  Reims 247 

Xn.  „  Johannes  Scotus  Erigena 257 

XIII.  „  Prudentius.     Florus.    Audradus 267 

XIV.  ,.  MUo.     Heiric 277 

XV.  '       V  Eklogen  und  Elegien:   Agius,  Ildericus,  Bertharius  292 

XVI.  „  Eulogius.     Alvarus 299 

XVII.  „  Volksmässige  rythmische  Dichtung 311 

XVni.  „  Historiographie.     Heiligenleben    und   Translationen 

Ostfrancieus 328 

XIX.  „  Heiligenleben  und  Translationen  Westfranciens  .     .  344 

XX.  „  Weltliche  Biographien:  Vitae  Ludovici       ....  358 

XXI.  „  Reichsannalen.     Nithard 365 

XXII.  „  Geschichten  von  Bisthümern  und  Klöstern      .     .     .  374 

XXIII.  „  VV^eltchronik :  Frechulf,  Ado 380 

XXIV.  ,.  Nationalgeschichte:  Nennius,  Erchanbei-t    ....  387 
XXV.  „  Geographie:  Dicuil,  Bernard 392 


Viertes  Buch. 

Die  lateinische  Literatiu*  im  Zeitalter  Karls  des  Grossen. 


Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  II. 


EINLEITUNG. 


Ein  neuer  Aufschwung,  ja  eine  Wiederherstellung  der  Welt- 
literatur beginnt  mit  und  durch  Karl  den  Grossen.  Am  Ende 
der  vorigen  Periode  fanden  wir  eine  literarische  Kultur  im 
Abendlande  nur  noch  im  Norden  und  Südosten,  in  Britannien 
und  Italien,  aber  wirklich  productiv  bei  den  Angelsachsen  allein, 
welche  die  Bildungsmittel  der  Italiener  wie  der  Iren  sich  an- 
geeignet, um  sie  schöpferisch  zu  verwerthen.  Das  Herz  des 
Abendlandes,  das  Frankeureich,  das  grösste  und  mächtigste  der 
neuen  Reiche,  welches  die  christliche  Bildung  mit  dem  Schwert 
gegen  den  anstürmenden  Islam  geschirmt  hatte,  war  seit  den 
Tagen  des  Fortunatus  aller  literarischen  Kultur  entfremdet.  Karl 
führt  sie  dorthin  zurück,  ja  er  macht  es  zum  Hauptsitze  der- 
selben, und  selbst  für  das  ganze  Mittelalter,  indem  er  von  hier 
aus  das  neue  germanisch-romanische  Weltreich  gründete.  Mit 
der  Hei-stellung  desselben  geht  die  Restauration  der  Weltlite- 
ratur Hand  in  Hand.  Dieselben  historischen  Momente  erschei- 
nen bei  der  einen  wie  bei  der  andern  wirksam:  die  nahe  Be- 
ziehung des  Pippinschen  Königshauses  zu  den  Angelsachsen  und 
die  Eroberung  des  langobardischen  Reiches.  Die  Christianisi- 
rung  von  Deutschland  durch  Bonifatius  und  seine  Schüler  und 
Schülerinnen  war  die  erste  Voraussetzung  des  neuen  Weltreichs, 
dessen  Schwerpunkt  im  Germanenthum  ruhte,  und  zugleich  die 
erste  Bedingung  der  literarischen  Kultur  diesseits  des  Rheines, 
welche  selbst  bereits  von  jenen  angelsächsischen  Missionen  hier 
angepflanzt  ward.    Von  nicht  geringerer  Bedeutung  aber  war 


4  Einleitung 

für  das  neue  Iraperium  der  Zukunft  die  Einfügung  der  deut- 
schen Kirche  durch  Bonifatius  in  den  Organismus  der  allge- 
meinen katholischen,  wodurch  zugleich  die  Beziehungen  der 
Arnulfingen  zu  dem  Papstthum  wesentlich  verstärkt  wurden. 
Ein  Angelsachse  ist  es  auch,  der,  von  Karl  dem  Grossen  be- 
rufen, dessen  Hof  zum  Mittelpunkt  der  Gelehrsamkeit  und  zur 
Wiege  elnei;  neuen  literarischen  Bewegung  im  Abendlande 
macht:  der  Schüler  Egberts,  eines  Schülers  von  Beda,  Alcuin; 
in  ihm  reicht  diese  Literaturperiode  der  vorausgehenden  die 
Hand. ') 

Alcuin  aber  wurde  erst  fünf  Jahre  nach  der  vollen  Unter- 
werfung der  Langobarden,  in  Italien  selbst  von  Karl  berufen 
(781).  Wie  die  Eroberung  des  Langobardenreichs  wahrhaft  den 
Grund  zu  dem  neuen  Imperium  legte,  da  sie  die  thatsächliche 
Herrschaft  über  Rom  zur  Folge  hatte,  so  hat  sie  auch  erst  das 
Bildungsbedürfniss ,  das  die  acht  germanische,  universell  an- 
gelegte Natur  Karls  erfüllte  und  durch  das  ganze  Leben  be- 
seelte, ihm  zum  vollen  Bewusstsein  gebracht.  Die  feine  Civili- 
sation  der  lango bardischen  Grossen  (wesentlich  eine  Frucht  der 
in  jenem  Lande  conservirt'en  grammatischen  Schulen),  die  nahen 
Beziehungen  zu  der  Curie,  die  Begegnung  mit  angesehenen  Ge- 
lehrten, Italienern  wie  Fremden,  der  gewaltige  Eindruck  der 
Denkmäler  der  antiken  Architektur  und  Skulptur  —  all  das 
musste  in  Italien  dahin  wirken,  Karl  die  grossen  Lücken  seiner 
eigenen  Bildung  und  den  geringen  Stand  der  seines  Volkes  er- 
kennen zu  lassen.  Und  indem  die  Verhältnisse  von  selbst  in 
dem  „Könige  Germaniens,  Galliens  und  Italiens",  wie  Alcuin 
einmal  in  einem  Briefe  v.  J.  796  -)  Karl  anredet ,  das  wenn 
auch  anfangs  nur  dunkle  Streben  nach  der  Wiederherstellung 
des  abendländischen  Kaiserthums  erwecken  mussten,  musste 
auch  der  Wunsch  Karls,  sich  in  den  Vollbesitz  der  überliefer- 
ten christlich-römischen  Bildung  zu  setzen,  immer  mehr  sich 
steigern,  wie  andrerseits  wieder  die  Aneignung  dieser  Bildung 
erst  jenes  Streben  zu  einem  bewussten  machte  und  ihm  eise 
ideale  Weihe  gab.     So   konnte  erst  die  Civitas  dei  Augustins, 


1)  Der  Monachus  Sangallensis  macht  üb.  I,  cap.  2  Alcuin  geradezu 
zum  Schüler  des  Beda. 

2)  Alcuini  Epistolae  in :  Monumenta  Alcuiniana  a  Ph.  Jaffeo  praeparata 
ediderunt  Wattenbach  et  Duemmler.     Berlin  1S73.    Ep.  6"  (p.  307). 


zum  vierten  Buch.  5 

seine  spätere  Lieblingslectüre ,  Karl  die  christliche  Bedeutung 
des  Imperium  vollkommen  erschliessen. 

Karl  begnügte  sich  aber  nicht  mit  der  Berufung  des  aus- 
gezeichneten angelsächsischen  Lehrers,  welcher  in  Begleitung 
von  drei  Schülern  als  seinen  Gehülfen,  Wizo,  Fridugis  und  Sigulf, 
7S2  an  Karls  Hofe  erschien;  er  zog  zugleich  auch  ein  paar 
Gelehrte  Italiens  an  denselben,  den  schon  bejahrten  Gramma- 
tiker Petrus  von  Pisa  und  den  Langobarden  Paulus,  den  Diacon. 
Alcuin  und  Petrus  wurden  Karls  eigene  Lehrer,  namentlich  der 
erstere,  den  er  auch  als  seinen  Magister  y.ca'  lioyj^v  bezeichnet, 
während  des  andern  Unterricht,  der  specifisch  italienischen  Bil- 
dung entsprechend,  sich  nur  auf  die  Grammatik  beschränkte. 
Alcuin  ward  zugleich  Vorstand  der  Hofschule,  die  er  durchaus 
restaurirte,  im  Geist  und  nach  dem  Vorbild  des  angelsächsischen 
Schulwesens.  Die  Angelsachsen  aber  verstanden  sich  auch  auf 
den  Laienunterricht  und  selbst  in  den  höchsten  Kreisen:  ihre 
bedeutendsten  Lehrmeister  waren  ja  selbst  aus  den  vornehm- 
sten Ständen  hervorgegangen,  ein  Aldhelm  wie  Egbert  waren 
von  königlichem  Geschlechte.  Je  ärger  nun  die  Verwahrlosung 
der  Studien  an  dem  fränkischen  Hofe  gewesen  war  —  vermoch- 
ten doch  die  Pippiniden  nicht  mehr,  wie  selbst  noch  die  letz- 
ten Merowinger,  ihren  Namen  zu  schreiben  — ,'  desto  grösser 
und  allgemeiner  war  jetzt  dort  die  Lernbegierde:  auch  die 
Frauen  nahmen  au  dem  Unterrichte  Theil,  die  Töchter  Karls, 
seine  Schwester,  seine  Base,  indem  auch  hierin  das  Vorbild  der 
Angelsachsen  wirksam  gewesen  sein  mag.  ^) 

Nur  um  so  leichter  wurde  das  literarische  Interesse  hier 
aus  der  Schule  in  die  Gesellschaft  übertragen.  Und  so  bildete 
sich  allmählich  ein  engerer  der  Wissenschaft  ergebner  Hofkreis, 
den  man  mit  einer  Akademie  verglichen  und  also  benannt  hat. 
Alcuin  selbst  nennt  einmal  Karls  gelehrten  Hofstaat  oro^ew/c/.-) 
Die  von  dem  gleichen  Streben  nach  weiterer  geistiger  Ausbil- 
dung beseelten  Schüler  und  Freunde  Alcuins  traten  durch  dieses 
in  einen  vertraulicheren  Verkehr,  der  sie  über  die  Schranken 
des  Standes  und  Lebensberufs  hinwegsehen  Hess,  indem  sie  sich 
gegenseitig  mit  besonderen  Beinamen  nannten  als  Merkmal  und 


1)  S.  Bd.  I,  S.  5S7  u.  615. 

2)  Ep.  241  (p.  775): evangelicas  quaestiones  achademicis  ve- 

stris  a  nobis  enucleandas  inquiritis. 


G  '        Einleitung 

Zeugniss  jenes  gemeinsamen  Strebens,  das  ein  Band  von  freund- 
schaftlichem Charakter  werden  musste ;  so  schieden  sie  zugleich 
sich  von  den  Uneingeweihten.  Alcuin,  der  offenbar  diese  Sitte 
dort  eingeführt,  welche  auch  nur  eine  Ueberlieferung  der  Angel- 
sachsen war  1),  gibt  selbst  die  „Familiarität''  als  den  Grund  der- 
selben an.-)  Für  den  Charakter  der  neuen  literarischen  Bewegung, 
die  von  diesen  Männern  ausgeht,  ist  aber  die  Wahl  der  Namen 
höchst  bezeichnend,  sie  sind  nämlich  ebensowohl  dem  klassi- 
schen Alterthum  als  der  Bibel,  namentlich  dem  alten  Testament, 
entlehnt :  wie  Alcuin  nach  Horaz  Flaccus,  so  heisst  Karl  selbst 
nach  dem  königlichen  Sänger  und  Krieger  des  alten  Bundes  Da- 
vid, wie  Karls  Schwiegersohn  Angilbert  Homer,  so  Einhard  Bese- 
leel  nach  dem  kunstreichen  Ausschmücker  der  Stiftshütte,  so  füh- 
ren andre  die  Namen  Naso  und  Aaron ;  selbst  den  Belogen  Virgils 
sind  solche  Beinamen,  und  nicht  selten,  entnommen,  wie  Menal- 
cas,  Thyrsis,  Damoetas.  Andre  sind  allerdings,  wie  bei  den 
späteren  Humanisten,  nichts  weiter  als  lateinische  Ueberti*a- 
gungen,  so  wenn  Wizo  Candidus,  Arno  Aquila  genannt  wird. 
Aber  auch  Frauen  dieses  Kreises  führen  solche  vertrauliche 
Namen,  wie  Karls  Schwester,  die  Aebtissiu  Gisela,  die  Alcuin 
wegen  ihrer  Hochschätzung  der  Bücher  rühmt,  Lucia,  und 
Gundrad,  die  gelehrte  Base  des  Kaisers,  Eulalia,  sowie  seine 
Tochter  Rotrude  Columba  heissen.  Man  ersieht  hieraus  schon 
den  ganz  gesellschaftlichen  Charakter  dieser  Sitte.  3) 

Dieser  engere  wissenschaftlich  gebildete  Hofkreis  Karls 
schmückte  und  hob  die  Unterhaltung  durch  Kunst  und  Wissen- 
schaft: so  wurden  bei  und  nach  der  Tafel  Räthsel  aufgegeben, 
musicirt,  Gedichte  vorgelesen  und  receusirt,  aber  auch  specu- 
lative  Fragen  behandelt  und  Kapitel  der  Civitas  dei,  dieses  so 
tief  und  vielseitig  anregenden  Werkes,  vorgetragen.  Karl  war 
überall  der  belebende  Mittelpunkt,  da  seine  Wünsche  ja  mass- 
gebend waren,   Alcuin  aber   auch  hier  seine  rechte  Hand;   in 


1)  So  gibt  schon  Aldhelm  seinem  Schüler,  dem  König  Alfred  vonNorthum- 
brien  den  Namen  Acircius  in  dem  ihm  gewidmeten  Werke.    S.  Bd.  I,  S.  590. 

2)  Ep.  199  (p.  6S6):  Saepe  familiaritas  nominis  immutationem  solet 
facere:  sicut  ipse  Dominus  Simonem  mutavit  in  Petrum.  et  filios  Zebedei 
filios  nominavit  tonitrui.  Quod  et  iam  antiquis  vel  his  novellis  diebus  pro- 
bare poteris. 

3)  Eine  sorgfältige  Zusammenstellung  aUer  der  Namen  s.  in  Dümmlers 
Artikel:  Alcuin,  in  der  Allgem.  Deutschen  Biographie  Bd.  1,  S.  345. 


ziim  \-ierten  Buch.  7 

diesem  Hofkreis  war  in  der  That  wieder  eine  „Gesellschaft" 
geschaffen,  in  welcher  die  Wissenschaft,  in  so  beschränktem 
Masse  dies  auch  der  Fall  sein  mochte,  in  allgemeine  humane 
Bildung  umgesetzt  erscheint.  —  Aber  die  sogenannte  Akademie 
bedeutete  doch  noch  mehr  für  den  König.  So  sehr  auch  Karl 
durch  den  Unterricht  des  Petrus  wie  des  Alcuin  seine  Kennt- 
nisse vermehrt  hatte,  sein  Wissensdurst  war  hierdurch  nur  ver- 
stärkt worden;  er  bedurfte  gleichsam  eines  gelehrten  Hofstaats, 
um  auf  alle  seine  wissbegierigen  Fragen,  welche  die  verschie- 
densten Wissenschaften,  wie  Theologie,  Grammatik  und  Astro- 
nomie, betrafen,  alsbald  eingehende  und  ausführliche  Antwort 
zu  erhalten  —  ein  Bedürfniss  das  sich  noch  mehr  geltend 
machte,  als  Alcuin  den  Hof  verlassen  hatte  und  nach  Tours 
übergesiedelt  war.  Dieselben  Gelehrten  haben  denn  auch,  und 
vornehmlich  die  jüngeren,  die  wissenschaftliche  Correspondenz 
des  Königs,  namentlich  mit  seinem  ,Magister',  nach  seinen  An- 
gaben oder  Dictaten  geführt.  0 

Die  Literatur  aber,  die  aus  diesem  gelehrten  Hof  kreise 
Karls  hervorgeht,  reiht  sich,  so  eigenartig  sie  auch  zum  Theil 
ist,  doch  an  die  lateinische  der  Angelsachsen  sowie  an  die 
Dichtung  des  letzten  Poeten  von  Bedeutung  im  Frankenreiche, 
des  merowingischen  Hofdichters  Fortunatus  an,  welcher  zugleich 
die  Schulpoesie  seiner  Keimath  Italien  vertritt,  so  also  gleich- 
sam als  Vorfahr  des  Petrus  von  Pisa  und  des  Paulus  Diaconus 
erscheint.  Wie  die  angelsächsische  Literatur  und  die  Dichtung 
des  Fortunatus,  geht  die  karoliugische  Literatur,  ganz  im  Gegen- 
satz zu  der  älteren  christlich-lateinischen,  nicht  von  der  Kirche, 
sondern  von  der  Schule  aus ;  wenn  auch  diese  Schule  noch 
eng  mit  der  Kirche  verknüpft  war,  doch  ein  sehr  wesentlicher 
Unterschied!  So  werden  auch  die  klassisch-lateinischen  Auto- 
ren und  namentlich  die  Dichter,  vor  allen  Virgil  und  Ovid, 
ihre  Vorbilder,  zunächst  in  formeller  Beziehung,  aber  indem 
die  gelehrte  Bildung  hier  zuerst  im  Mittelalter  in  epochemachen- 
der Weise  auf  den  Boden  der  Gesellschaft  tritt,  auch  in  Bezug 
auf  den  Inhalt.  In  dieser  Rücksicht  wirkt  zugleich  auf  das 
bedeutendste  der  Gedanke  der  Wiederherstellung  des  abendlän- 

1)  S.  Ale.  Ep.  112  (p.  4.59):  Vestra  —  so  schreibt  Alcuin  an  Karl  — 
vero  auctoritas  palatinos  erudiat  pueros,  ut  elegantissime  proferant,  quic- 
quid  vestri  sensus  lucidissima  dictaverit  eloquentia,  ut  ubique  regalis  no- 
minis  carta  decurrens  regalis  sapientiae  nobilitatem  ostendat. 


8  Einleitung 

disclien  Imperium  ein:  man  sieht  in  Karl  einen  zweiten  Augii- 
stus.  Und  so  entstellt  eine  weltliche,  auch  von  Laien  gepflegte 
Dichtung  wieder,  so  zeigen  sich  bereits  die  Anfänge  einer  Hof- 
poesie und  einer  nationalen  Epik,  die  auch  der  politischen  Ten- 
denzen nicht  ermangeln.  Dies  wird  die  folgende  Darstellung 
der  Literatur  im  einzelnen  veranschaulichen. 

Ging  mm  die  Initiative  zu  der  Erneuerung  der  literarischen 
Kultur  im  Frankenreiche  —  die,  gleichwie  dieses  zum  Welt- 
reich, zur  Erneuerung  der  Weltliteratur  wurde  —  von  Karl  dem 
Grossen  aus,  so  sorgte  er  nicht  minder  auch  für  die  Verbrei- 
tung derselben,  indem  er  zunächst  bemüht  war  die  Bildung  der 
Geistlichen,  der  Lehrer  des  Volkes,  dann  durch  Errichtung  und 
Verbesserung  der  Schulen  dieses  selbst  zu  heben.  Hierzu  trieb 
Karl  schon  sein  eignes  Bildungsbedürfniss,  noch  mehr  dann  das 
lebhafteste  Gefühl  von  der  Verpflichtung  des  christlichen  Herr- 
schers, die  Bürger  seines  Keichs  für  den  Gottesstaat  zu  erziehen, 
eine  Verpflichtung,  die  sich  ihm  um  so  mehr  aufdrängte,  je 
souveräner  er  gleich  einem  andern  Constantin  über  die  Kirche 
gebot  und  je  mehr  er  zum  Imperator,  zum  Weltherrscher  sich 
berufen  fühlte.  Jene  Fürsorge  Karls  bekundete  sich  in  ver- 
schiedenen Verordnungen. 

So  richtete  Karl  im  Jahre  787  ein  Rundschreiben  ')  an  alle 
Bischöfe  und  Klöster,  worin  er  sie  auf  das  eindringlichste  er- 
mahnt, die  studia  litierarnim  zu  pflegen,  indem  er  dem  rechten 
Leben  das  rechte  Reden  als  Gott  gleich  wohlgefällig  zur  Seite 
stellt 2),  und  darauf  hinweist,  dass  erst  diese  Studien  die  Be- 
fähigung verliehen,  in  den  tiefern  Sinn  der  Bibel  einzudringen. 
Er  wünscht  die  Geistlichen  ebenso  gelehrt  als  fromm,  dann  wür- 
den sie  erst  die  Religion  würdig  vertreten.  Diese  Encyclica  hatte 
eine  bestimmte  Veranlassung,  es  waren  die  vielen  fehlerhaften 
Schreiben,  die  von  Klöstern  an  den  König  in  den  letzten  Jahren 
gerichtet  waren.    In  einer   andern  Encyclica  3)  an  den  Klerus 


1)  Monumenta  Germaniae  bistor.  Leges  I,  p.  52.  —  Monum.  Carolina 
ed.  Jaffe.     Berlin  1867.  p.  343. 

2) qualiter,  sicut  regularis  norma  honestatem  morum,  ita  quoque 

docendi  et  discendi  instantia  ordinet  et  ornet  seriem  verborum,  ut  qui  Deo 
placerp  appetunt  recte  vivendo,  ei  etiam  placere  non  neglegant  recte  lo- 
quendo. 

3)  Monum.  Germ.  hist.  1.  1.  p.  44.  S-  über  die  Zeit  des  Erlasses  Dahn 
{Paulus  Diaconus  I,  S.  52  if.),  der  ihn  nicht  mit  Unrecht  erst  nach  786  setzt. 


zum  vierteil  Buch.  9 

erklärt  er,  seinen  Dank  für  die  ihm  im  Kriege  wie  im  Frieden 
bewährte  göttliche  Gnade  durch  eine  Besserung  des  Zustandes 
der  Kirchen  bezeigen  zu  wollen,  und  zwar  indem  er  die  ver- 
gessene Werkstätte  der  Wissenschaft  wiederherstelle  und  durch 
sein  eignes  Beispiel  zum  Studium  der  freien  Künste  auffordere. 
So  habe  er  schon  früher  den  durch  die  Unwissenheit  der  Schrei- 
ber entstellten  Bibeltext  bessern  lassen.  Jetzt  aber  habe  er 
nach  dem  Beispiel  seines  Vaters,  der  die  Kirchen  mit  dem  römi- 
schen Gesänge  geschmückt,  für  eine  andre  Verbesserung  des 
Kultus  Sorge  getragen,  indem  er  durch  Paulus  Diaconus  aus 
den  Werken  der  katholischen  Väter  eine  Blumenlese  von  Homi- 
lien  habe  ausziehen  lassen,  um  an  der  Stelle  der  bisher  beim 
Abendgottesdienst  gebrauchten  Lectionen,  welche  durch  eine 
Unzahl  von  Sprachfehlern  entstellt  wären,  zu  dienen.  In  dem 
berühmten  Capitulare  vom  Jahr  789  verlangt  Karl  die  Verbin- 
dung von  Schulen  mit  allen  Episcopalkirchen  und  Klöstern, 
wo  nicht  bloss  Kinder  von  Leibeigenen  (aus  welchen  der  Klerus 
sich  gewöhnlich  ergänzte),  sondern  auch  von  Freien,  Edlen 
(ingenui)  unterrichtet  werden  sollen,  und  zwar  in  den  Psalmen, 
Noten,  Gesang,  Computus  und  Grammatik,  und  er  dringt  darauf, 
dass  die  geistlichen  Bücher  wohl  emendirt  sind.  Evangelium, 
Psalterium  und  Missale  sollen  deshalb  nur  Erwachsene  abschrei- 
ben und  mit  aller  Sorgfalt,  i)  Sind  auch  diese  Schulen  zunächst  zur 
Ausbildung  des  Klerus  bestimmt  gewesen,  wie  auch  in  dem  Capi- 
tulare ausdrücklich  angezeigt  wird  -),  so  sollten  sie  doch  darauf 
sich  nicht  beschränken:  wird  doch  in  einem  späceren  Capitulare 
von  802  geradezu  gefordert,  dass  ein  jeder  seinen  Sohn  zur  Erler- 
nung des  Lesens  in  die  Schule  schicke  und  ihn  bis  zur  VolL 
endung  des  Uutemchts   dort  verweilen  lasse.  3)  —  Auch   die 


1)  Monum.  Gemi.  bist.  1.  1.  p.  65.  Cap.  Xo.  71.  —  Auf  die  Anwendung 
der  ganz  ausser  Gebrauch  gekommenen  Interpunction  drang  Alcuin  bei  dem 
Kaiser  in  dem  oben  S.  7  Anm.  1  citLrten  Briefe :  Punctorum  vere  distinetiones 
vel  subdistinctiones  licet  omatun}  faciant  pulcherrimum  in  sententüs.  tarnen 
usus  illorum  propter  rusticitatem  pene  recessit  a  scriptoribus.  Sed  sicut 
totius  sapientiae  decus  et  salutaris  eruditionis  ornatus  per  vestrae  nobili- 
tatis  industriam  renovari  incipit,  ita  et  horum  usus  in  manibus  scribentium 
redintegrandus  esse  optirae  videtur. 

2)  A.  a.  0.:  Et  ut  scolae  legentium  puerorum  fiant  —  sonst  auch 
scholae  lectonim  genannt,  im  Gegensatz  zu  der  Sängerschule,  s.  z.  B.  Mo- 
num. Carolina  ed.  Jaffe,  p.  421. 

3)  Ut  unusquisque   filium  suum  litteras   ad  discendum  mittat  et 


10  Einleitung 

Pflege  des  von  Pippin  eingeführten  römischen  Kirchengesangs 
wird  in  dem  erstgenannten  Capitulare  den  Geistlichen  von  neuem 
in  Erinnerung  gebracht,  i)  Karl  Hess  sich  auch  zu  diesem  Zweck 
zwei  Singlehrer  vom  Papste  senden.  —  Am  wirksamsten  aber 
war  für  die  Verbreitung  der  wissenschaftlichen  Bildung  die 
Uebertragung  der  angesehensten  Bisthümer  und  Abteien  an  die 
in  der  Hofschule  und  in  der  durch  Alcuin  gegründeten  Muster- 
klosterschule von  Tours  gebildeten"-)  oder  von  auswärts  berufe- 
nen ausgezeichneten  Gelehrten.  Auf  die  Laien  aber  musste  das 
Beispiel  des  Kaisers,  auf  das  er  selbst  auch  hinzuweisen 
pflegte,  von  dem  grössten  Einfluss  sein. 

Und  in  der  That  durfte  Karl  auf  sein  Beispiel  sich  berufen. 
Ihm  hatten  die  unermüdlich  betriebenen  Studien,  das  stetig  fort- 
dauernde universelle  Interesse  an  der  Wissenschaft  die  Frucht 
wahrer  Bildung  gezeitigt.  Mit  Recht  erhoben  die  Zeitgenossen 
seine  Weisheit.  Ihm  hat  Gott,  meint  Alcuin,  auch  schon  um 
die  Weisheit  zu  zieren,  die  Kaiserkrone  gegeben.  3)  Die  Forde- 
rung Plato's  dass  die  Philosophen  herrschen  sollen,  sieht  er 
durch  ihn  erfüllt. 4)  Alcuin  selbst  aber,  und  dies  ist  dessen 
grösstes  Verdienst,  hat  Karl  die  Wege  der  Wissenschaft  geführt 
und  ihm  das  Ziel  stets  vor  Augen  gehalten.  Nichts  ist  zum 
Regieren  uothwendiger  als  die  Weisheit :  wie  oft  spricht  er  dies 
direct  und  indirect  in  seinen  Briefen  an  Karl  aus.^)  —  Die  Auf- 
klärung Karls,  die  er  namentlich  auch  seinem  Sinn  für  Mathe- 
matik und  Astronomie  verdankte,  gibt  sich  auch  in  seiner  ge- 
setzgeberischen Thätigkeit  kund.  So  bekämpft  er  in  dem  zu- 
erst erwähnten  Capitulare  mancherlei  Aberglauben  des  Volkes, 
der  nur  zu  oft  von  den  Geistlichen  unterstützt,  ja  gepflegt  wurde, 
wie  das  Taufen  der  Glocken,  den  Hagelschutz  durch  an  Ruthen 
aufgehängte  Papiere,  die  wohl  Beschwörungsformeln  enthielten, 
das  Befragen  der  Bibel  durch  Aufschlagen  aufs  Geradewohl 
um  die  Zukunft  zu  erfahren,  sowie  andre  Weissagungen.  Karls 
religiöse  Aufklärung  zeigt  sich  aber  vornehmlich  in  der  Stellung, 


ibi  cum  omni  sollecitucline  permaneat  usqne  dum  bene  instructus  perveniat. 
Monum.  Germ.  bist.  1.  1.  p.  107. 

1)  1.  1.  p.  60,  No.  79. 

2)  Monachus  Sangallensis,  Kb.  I,  cap.  9  init. 

3)  Ep.  241  (p.  775). 

4)  Ep.  170  (p.  613). 

5)  Vgl.  Ep.  78  (p.  347). 


zum  vierten  Buch.  11 

welche  er  zu  dem  von  Byzanz  angefachten  Bilderstreite  ein- 
nahm. Nicht  allein  in  der  Verwerfung  einer  jeglichen  Adora- 
tion  der  heiligen  Bilder,  sondern  mehr  noch  in  der  rationellen 
Begründung  dieses  Beschlusses  der  Frankfurter  Synode,  der  nur 
der  Ausdruck  der  Willensmeinung  Karls  war,  offenbart  sich 
recht  seine  gesunde,  durch  die  romanische  Bildung  nur  geläu- 
terte germanische  Natur.  Von  der  romanischen  Bigotterie  war 
ihm  nichts  eigen.  Das  beweisen  auch  recht  manche  Anekdoten 
der  Folgezeit,  die  von  Geistlichen  erzählt  des  grossen  Kaisers 
Frömmigkeit  verdächtigen.  Auch  ein  Zeugniss  seiner  allge- 
meinen Bildung,  das  ihn  über  seine  Zeit  erhebt,  ist  das  natio- 
nale Interesse,  das  er  nach  Einhard  an  der  Sprache  und  Poesie 
seines  Volkes  nahm,  jene  grammatisch  behandelt,  diese  gesam- 
melt und  aufgezeichnet  zu  sehu.^ 


1)  Eeuter,  Geschichte  der  religiösen  Aufklärung  im  Mittelalter.  Bd.  I. 
Berlin  IS" 5.  —  Kettberg,  Kirchengeschichte  Deutschlands.  Göttingen  lS4t] — 
4S.  2  Bde.  —  Lorentz.  Karls  des  grossen  Privat-  und  Hofleben.  In:  Eaumers 
histor.  Taschenbuch  Bd.  III.  1S32.  —  Phillips,  Karl  der  Grosse  im  Kreise 
der  Gelehrten.  In:  ALmanach  der  kais.  Akademie  der  Wissensch.  in  Wien 
1S56.  —  Oebeke,  De  academia  Caroli  Magni.  Gymn.  Progr.  von  Achen 
1847.  —  Büdinger,  Yon  den  Anfängen  des  Schulzwangs.  Festrede.  Zürich 
1865.  —  Ebert,  Die  literarische  Bewegung  zur  Zeit  Karls  des  Grossen.  In: 
Deutsche  Rundschau.  Bd.  XI.  IST". 


ERSTES  KAPITEL. 

ALCUIN. 

An  der  Spitze  der  Autoren  dieser  neuen  Periode  der  Weltlite- 
ratur, welche  der  schöpferische  Genius  Karls  ins  Leben  rief,  in- 
dem er  den  Boden  bereitete  und  bestellte,  auf  dem  sie  erwuchs, 
steht  mit  Recht  der  Mann,  dem  er  selbst  hauptsächlich  seine 
wissenschaftliche  Bildung  verdankte,  und  der  das  Hauptwerk- 
zeug für  die  Ausführung  seiner  Absichten  war  —  Alcuin.  0 
Niemand  konnte  dazu  mehr  berufen  sein,  als  dieser  Vertreter 
des  in  der  literarischen  Kultur  damals  am  meisten  fortgeschritte- 
nen rein  germanischen  Stammes.  Die  nationale  Verwandt- 
schaft machte  Alcnin  erst  zum  wahren  Organ  Karls,  sie  machte 
erst  jene  vollkommene  geistige  Wechselwirkung  zwischen  bei- 
den möglich ,  sie  Hess  zugleich  mit  der  politischen  Weltherr- 
schaft jetzt  auch  die  literarische  für  die  karolingische  Zeit  auf 
die  Germanen  übergehn,  denn  die  bedeutendsten  Autoren  der- 


1)  B.  Flacci  Albini  seu  Alcuini  opera  cura  et  stud.  Frobenii.  2  Tom. 
in  4  Voll.  Regensburg  1777.  —  *Moüumenta  AIcuiniana  a  Ph.  Jaffe  prae- 
parata  edid.  Wattenbach  et  Duemmler  (Bd.  YI  der  Bibl.  rer.  german.  Jaffe's), 
Berlin  1S73.  (Darin:  Vita  Willibrordi,  De  patr.  reg.  et  sanctis  Euboricae 
und  Epistolae).  —  *Disputatio  de  rhetoi-ica  et  de  virtutibus  sap.  reg.  Karli 
et  Albini  magistri,  in:  Rhetores  latini  minores  ed.  Halm.  Leipzig  1S63.  — 
*Disputatio  Pippini  cum  Albino  scholastico  herausgeg.    von  W.  Wilmanns 

in  Zeitschr.  f.  deutsch.  Alterthum.    N.  F.    Bd.  II.  (IS69).     S.  530  ff. 

Lorentz,  Alcuins  Leben,  ein  Beitrag  zur  Staats-,  lüi-chen-  und  Cultur- 
geschichte  der  karolingischen  Zeit.  Halle  1S29.  —  Monnier,  Alcuin  et  Charle- 
magne  avec  des  fragments  d'un  commentaire  iuedit  d'Alcuin  etc.  2e  ed. 
Paris  1S63.  — Dümmler,  Alkuin,  in  der  Allgemeinen  Deutschen  Biographie. 
Bd.  I.  Leipzig  1S75. —  Zeissberg,  Alcuin  und  Arno,  in:  Zeitschrift  f.  österr. 
Gymnas.  13.  Jahrg.  1S62.  —  Sickel,  Alcuinstudien  in:  Sitzungsber.  der  phil. 
bist.  Cl.  der  Wiener  Akad.    Bd.  LXXIX,  1S75.  —  Dümmler,  N.  A.  S.  llSff. 


Alcuin.  Leben.  13 

selben  sind  fast  alle,  wie  schon  ihre  Namen  zeigen,  germani- 
scher Abkunft. 

Alcuin,  der  als  Schriftsteller  auch  Albinus  ')  gern  sich  nannte, 
war,  von  edlem  Geschlecht,  um  d.  J.  735  in  York  geboren.  Wie 
sein  Verwandter,  der  berühmte  Missionarbischof  Willibrord  und 
wie  einst  Beda,  war  er  schon  als  kleines  Kind  dem  dortigen 
Kloster  übergeben.  In  der  Domschule,  deren  Vorstand  der  Erz- 
bischof Egbert  war,  erhielt  er  seine  Bildung.  Mehr  noch  als 
Egbert  war  sein  Lehrer  ein  Verw^andter  desselben,  Aelbert,  der 
eigentliche  Magister  der  Schule.  Ihn  zeichnete  eine  seltene 
Universalität  des  Wissens  und  ein  ebenso  grosser  Lehreifer  aus, 
die  bald  die  Schule  weithin  berühmt  machten,  so  dass  selbst 
Ausländer  sie  bezogen.  Alcuin,  der  schon  als  Kind  das  grösste 
Interesse  an  den  Studien  zeigte  und  namentlich  von  Virgil  ent- 
zückt war,  gehörte  bald  zu  den  besten  Schülern  und  so  beglei- 
tete er  denn  auch  seinen  Lehrer  Aelbert  auf  einer  der  wissen- 
schaftlichen Reisen,  die  dieser  unternahm,  um,  wie  Alcuin  selbst 
sagt,  „etwas  Neues  von  Büchern  oder  Studien  zu  finden."-) 
Diese  Fahrt  ging  nach  Rom,  dem  Hauptziel  solcher  Reisen. 
Alcuin  wurde  dann  aus  dem  Schüler  der  Gehülfe  Aelberts,  na- 
mentlich als  dieser  nach  Egberts  Tod  766  Erzbischof  wurde. 
Als  Aelbert  aber  12  Jahre  später  resignirte,  theilte  er  seine 
Aemter  unter  seine  zwei  Lieblingsschüler:  Eanbald  erhielt  das 
Erzbisthum,  Alcuin  dagegen,  der  zum  Diacon  geweiht  war,  die 
Schule  und  die  reiche  Bibliothek  zur  Verwaltung.  Xach  Aelberts 
Tod  780  begab  sich  Alcuin,  um  für  Eanbald  das  Pallium  zu 
holen,  nach  Rom.  Auf  der  Rückkehr  von  dort  im  folgenden 
Jahre  war  es,  wo  er  in  Parma  mit  Karl  dem  Grossen  zusam- 
mentraf —  den  er  bereits  früher  bei  Gelegenheit  einer  Sen- 
dung von  seinem  Lehrer  Tvennen  gelernt  —  und  die  Berufung 
empfing. 


1)  Den  Namen  mehr  latiiiisirend.  Derselbe  erscheint  auch  in  Verbin- 
dung mit  Flaccus:  Flaccus  Albinus,  z.  B.  Ep.  4  u.  TS.  —  Vgl.  auch  Ep.  155 
(p.  582). 

2)  Xon  semel  externas  peregrino  tramite  terras 

lam  peragrant  ovans,  sophiae  deductus  amore: 
Si  quid  forte  novi  librorum  seu  studiorum, 
Quod  secum  ferret,  terris  reperiret  in  illis. 
De   sanctis  Euboricae  urbis  v.  1454  ff.     Es   erinnert  dies  ganz  an  die 
Entdeckungsreisen  der  Humanisten  der  späteren  Zeit. 


14  Alcuin. 

Von  Karl  mit  den  Abteien  von  Ferrieres  und  Troyes  aus- 
gestattet, verweilte  Alcuin  an  dessen  Hofe  zunächst  acht  Jahre, 
indem  in  diesen  Zeitraum  seine  Hauptthätigkeit  an  der  Hof- 
schule und  für  die  Ausbildung  Karls  selbst  fällt.  Alcuin  wirkte 
aber  dort  nicht  bloss  als  vortrefflicher  Lehrer  —  welche  Wirk- 
samkeit die  Betrachtung  seiner  Werke  genauer  darlegen  wird 
—  sondern  auch  durch  seinen  geistig  anregenden  Umgang.  Al- 
cuin war  kein  Pedant,  er  zechte  fröhlich  mit  beim  heitern  Kö- 
nigsmahle, er  gerade  amüsirte  die  Gesellschaft  in  echt  angel- 
sächsischer Weise  mit  Räthselaufgaben,  die  niemand  besser  als 
Karl  selbst  zu  lösen  verstand,  er  neckte  gern  durch  scherz- 
hafte Epigramme  die  jungen  Freunde,  wennschon  mit  der  Ab- 
sicht ihre  Fehler  zu  bessern,  aber  er  lenkte  auch  das  Gespräch 
auf  die  ernstesten  Gegenstände  des  Glaubens  und  des  Wissens. 
Zugleich  war  Alcuin  offenbar  auch  damals  schon  der  Rathgeber 
Karls  bei  seinen  den  Kultus  und  den  Unterricht  betreffenden 
Verordnungen. 

Gegen  790  aber  ging  er,  wie  es  scheint  von  Heimweh  ge- 
trieben, zumal  er  nur  zeitweilig  von  seinem  Erzbischof  und 
König  beurlaubt  war,  nach  England  zurück,  jedoch  nur  auf  ein 
paar  Jahre,  denn  793  finden  wir  ihn  bereits  im  Frankenreich 
wieder.  Zur  Rückkunft  nach  diesem  bewogen  ihn  ebensowohl 
die  traurigen  öffentlichen  Verhältnisse  seines  Vaterlandes  als 
der  dringende  Wunsch  Karls,  der  seiner  Gelehrsamkeit  damals 
bei  der  Bekämpfung  der  von  Spanien  eingewanderten  Häresie 
des  Adoptianismus  wie  der  durch  das  zweite  Nicäische  Concil 
beschlossenen  Bilderverehrung  besonders  bedurfte.  Alcuin  aber 
glaubte  gerade  vor  allem  berufen  zu  sein,  für  die  Reinheit  des 
Glaubens  in  die  Schranken  zu  treten,  wozu  schon  sein  Lehrer 
Aelbert  ihn  ausersehen  hatte.  So  nahm  er  in  der  Eigenschaft 
eines  Vertreters  der  englischen  Kirche  an  dem  Concil  zu  Frank- 
furt 79-1  Theil,  wo  unter  seinem  massgebenden  Einfluss  im  Sinne 
Karls  in  jenen  beiden  kirchlichen  Fragen  die  Entscheidung  ge- 
troffen wurde.  In  beiden  trat  er  auch  als  polemischer  Schrift- 
steller auf.  Im  J.  796,  wo  in  Folge  der  Ermordung  seines  ihm 
so  theuern  Königs  Ethelred  Alcuin  jeden  Gedanken  an  eine 
Heimkehr  aufgab,  wurde  ihm  auch  sein,  jetzt  durch  das  Alter 
doppelt  gerechtfertigter  Wunsch,  aus  der  unmittelbaren  Zer- 
streuung des  Hof-  und  Staatslebens  sich  zurückziehen  zu  dür- 
fen, von  Karl   erfüllt,   indem  er  die  gerade  damals  erledigte 


Leben.  15 

Abtei  Yon  Tours  erhielt.  Das  berühmte  Kloster  und  seine  Schule 
waren  sehr  herabgekommen,  Aleuiu  stellte  sie  wieder  her,  ja 
er  schuf  hier,  wie  dies  Karl  gewünscht  0,  eine  Musterunterrichts- 
anstalt, ein  zweites  York,  wo  die  oft  aus  weiter  Ferne  hin- 
gekommenen Schüler  zu  Lehrern  des  Frankenreichs  ausgebildet 
wurden.  Die  literarischen  Hülfsmittel  Hess  er  sich  aus  England 
holen.  —  Zugleich  setzte  Alcuin  aber  auch  dort  seine  Thätig- 
keit  als  Kultusminister  Karls,  wenn  man  so  sagen  darf,  fort, 
er  gab  ihm  nicht  bloss  brieflich  seineu  Rath,  sondern  er  war 
auch  unermüdlich ,  Häresien ,  namentlich  den  Adoptiauismus, 
durch  Sendschreiben  wie  durch  ganze  Werke  zu  bekämpfen. 
Ja  er  nahm  auch  von  dort,  auf  Karls  Wunsch,  an  der  Synode 
von  Achen  den  bedeutendsten  Antheil.  Durch  den  ausgedehn- 
testen Briefwechsel  blieb  er  mit  der  gelehrten  Welt  im  Franken- 
reiche,  namentlich  auch  am  Hofe,  wie  mit  seinen  Freunden  in 
England  in  steter  Verbindung.  So  hat  dieser  bedeutende  Mann 
eine  höchst  maunichfache  und  lebhafte  geistige  Thätigkeit  bis 
zu  seinem  Tode  S04  bewahrt,  indem  er,  wie  er  einmal  sagt-), 
den  Samen  des  Wissens  am  Abend  des  Lebens  ebenso  in  Fran- 
cien  ausstreute,  als  am  Morgen  in  Britannien. 

Alcuins  Werke  sind  theils  in  Prosa,  theils  in  Versen  ver- 
fasst.  Die  einen  wie  die  andern  sind  von  nicht  geringem  Ein- 
fluss  gewesen.  Die  ersteren  aber  haben  am  nachhaltigsten  ge- 
wirkt: sind  sie  auch  zu  einem  guten  Theil  für  die  allgemeine 
Literatur  nur  von  indirecter  Bedeutung,  so  ist  diese  doch  eine 
grosse  gewesen.  Dies  gilt  namentlich  von  den  Lehrbüchern 
Alcuins,  welche  für  den  wissenschaftlichen  Unterricht  im  Franken- 
reiche nicht  bloss  in  ihrer  Zeit,  sondern  auch  noch  lange  nach- 
her massgebend  gewesen  sind.  Wie  Alcuin  zunächst  und  vor 
allem  ein  vortrefflicher  Schullehrer  war,  so  verdienen  sie  auch 


1)  Ale.  Ep.  TS  (p.  345):  Ego  vero  —  schreibt  Alcuin  an  Karl  —  Flaccus 
vester  secundiun  exhortationem  et  bonam  voluntatem  vestram  aJiis  per  tecta 
sancti  Martini  sanetarum  meUa  scripturarum  ministrare  satago,  alios  vetere 
antiquarum  disciplinarum  mero  inebriare  studeo,  alios  grammaticae  subtiH- 
tatis  enutrire  pomis  incipiam,  quosdam  stellarum  ordine  —  ceu  pictor  ciu- 
libet  magniticare  domus  ciümina  —  inluminare  gestio,  plurima  plurimis 
factus,  ut  plurimos  ad  profectum  sanctae  Dei  ecclesiae  et  ad  decorem  im- 
perialis  regni  vestri  erudiam. 

2)  Ep.  1.  (p.  347). 


16  Alcuin. 

vor  allen  seinen  andern  Schriften  hier  den  Vortritt,  zumal  sie 
uns  zugleich  ein  Bild  von  seinem  Unterricht  in  der  Hofschule 
geben.  Es  sind  einmal  drei  Compendien,  der  Grammatik,  der 
Rhetorik  und  der  Dialektik.  Dem  Inhalt  nach  sind  sie  zwar 
noch  weniger  originell,  als  sich  von  Büchern  dieser  Art  schon 
von  vornherein  erwarten  lässt,  wohl  aber  sind  sie  ihrer  Form 
nach  eigenthümlich,  wenn  auch  diese  Eigenthttmlichkeit  keine 
Erfindung  des  Alcuin  ist,  vielmehr  auf  angelsächsischer  Ueber- 
lieferuug  beruht.  Sie  sind  nämlich  in  dialogischer  Form  verfasst, 
katechismusartig,  iudess  so,  dass  in  der  Regel  der  Lernende 
fragt,  der  Lehrende  antwortet.  Aldhelm,  der  erste  bedeutende 
nationale  Lehrer  der  Angelsachsen,  hat  bei  diesen  davon  auch 
das  erste  Beispiel  in  seiner  an  Alfred  von  Northumbrien  ge- 
richteten Metrik  gegeben,')  Er  motivirt  dort  die  Anwendung 
dieser  Form  damit,  dass  sie  die  Klarheit  der  Auseinandersetzung 
fördere,  Alcuin  gibt  dagegen  einmal  in  seiner  Grammatik  als 
Grund  Erleichterung  des  Gedächtnisses  an  -) ;  beide  Motive 
werden  wohl  zugleich  gewirkt  haben.  In  der  Art  aber,  wie 
Alcuin  diese  Form  anzuwenden,  dem  Unterricht  am  Hofe  ge- 
schickt anzupassen  versteht,  indem  er  ihr  einen  Zug  dramati- 
scher Lebendigkeit  verleiht,  zeigt  er  eine  gewisse  Originalität. 
Wie  mit  der  Grammatik  der  Unterricht  begonnen  wurde, 
so  schickt  ihrem  Compendium  Alcuin  eine  kurze  Einleitung  in 
das  wissenschaftliche  Studium  überhaupt  voraus,  deren  Haupt- 
gedanken ihn  und  seine  Zeit  charakterisiren.  Das  Licht  der 
Weisheit,  heisst  es  hier,  ist  dem  menschlichen  Geiste  angeboren, 
aber  es  ruht  in  ihm  verborgen,  wie  der  Funke  im  Feuerstein, 
es  muss  durch  wiederholten  Unterricht  geweckt  werden.  Die 
Weisheit  ist  nur  um  Gottes,  der  Tugend  oder  ihrer  selbst  willen, 
nicht  wegen  irdischer  Vortheile  zu  lieben;  die  Zierde,  die  sie 
verleiht,  ist  unvergänglich,  wie  die  Seele,  der  sie  angehört. 
So   wird  der  Werth  der  Wissenschaft  gegenüber  den  äusseren 


1)  S.  Bd.  I,  S.  591.  Die  Bezugnahme  auf  Augustin  und  Isidor  zeigt,  dass 
er  bei  den  Angelsachsen  hierin  keine  Vorgänger  hatte.  Aldh.  opp.  ed.  Giles 
p. 233. 

2)  Fuerunt  in  schola  Albini  Magistri  duo  pueri ,  unus  Franco ,  alter 
Saxo,  qui  nuperrime  spineta  grammaticae  densitatis  irruperunt.  Quapropter 
placuit  Ulis  paucis  literulis  [Froben  emend. :  paucas  literalis]  scientiae  re- 
gulas  memoriae  causa  per  interrogationes  et  responsiones  excerpere. 
Opp.  T.  II,  p.  26S. 


Grammatik.  17 

vergänglichen  Gütern  von  Alciiin  gezeigt.  Der  Gipfel  der  Wis- 
senschaft aber  ist  die  Theologie,  das  Yerständuiss  der  heiligen 
Schrift;  sieben  Stufen  führen  zu  ihm  empor,  es  sind  die  7  freien 
Künste:  Grammatik,  Rhetorik,  Dialektik,  Arithmetik,  Geome- 
trie, Musik  und  Astrologie,  welche  den  7  Säulen  des  Hauses 
der  Weisheit  bei  Salomo  ')  gleichen;  wie  sie  die  Philosophen, 
ja  Consuln  und  Könige  berühmt  gemacht,  so  haben  auch  die 
Gelehrten  des  Christenthums  durch  sie  den  Sieg  über  die  Ketzer 
davon  getragen.  So  wird  die  religiöse  Weihe  den  Studien  ge- 
geben, die  auch  hier  zunächst  für  den  Klerus  bestimmt  er- 
scheinen. 

Schon  diese  Einleitung  ist  in  ein  Zwiegespräch  von  „Schülern" 
und  dem  „Magister"  gekleidet,  ebenso  die  folgende  Grammatik, 
nur  "sverden  hier  die  Schüler  genauer  bezeichnet  und  spielen 
hier  auch  eine  andere  Rolle.  Es  sind  ihrer  zwei,  ein  fünfzehn- 
jähriger Sachse,  versteht  sich  ein  Angelsachse,  und  ein  vier- 
zehnjähriger Franke.  Dieser,  der  jüngere,  weniger  gebildete, 
fragt,  der  ältere,  der  Sachse  antwortet:  die  Vertheilung  der 
Rollen  ist  bezeichnend.  Der  Magister  redet  nur  ausnahmsweise, 
er  hilft  nur  in  schwierigeren  Fällen  aus,  namentlich  wo  die 
Grammatik  in  das  Gebiet  der  Dialektik  hinüberstreift,  bei  Be- 
griffsbestimmungen, wie  er  z.  B.  im  Eingang  res,  intellectus  und 
vox  definirt,  mit  welchen  dreien  jede  Disputation  ausgeführt 
werde.  Der  an  sich  so  trockenen  wissenschaftlichen  Couver- 
sation  wird  aber  ein  gewisser  dramatischer  Reiz  verliehn,  der 
sicherlich  nach  dem  Leben  copirt  die  freiere  Bewegung  der 
Hofschule  abspiegelt,  indem  Scherze  der  Schüler  eingeflochten 
werden,  durch  welche  selbst  die  Unterrichtsmethode  ironisirt 
wird. 2)  —  Was  den  Inhalt  angeht,  so  werden  nach  den  Buch- 
staben und  Silben_die  einzelnen  Redetheile  behandelt.  Bei  den 
Silben  werden  Accent  und  Quantität  nur  kurz,  und  zwar  vom 
Magister  selber  berührt,  weil  sie  zur  Metrik  gehörten  und  dort 
erst  zu  lernen  wären. '^j  Die  Metrik  erscheint  also  als  beson- 
dere Disciplin  und  als  besonderer  Unterrichtsgegenstand  für  ge- 


1)  Proverb.  c.  IX,  v.  l. 

2)  So  z.  B.  S.  Ecce,  France,  de  appellativis  speciebus  habes  abunde,  ut 
reor,  licet  nullus  tuae  aviditati  possit  satisfacere.  Fr.  Non  siim  tarn  avidus, 
quam  tu  invidus,  qui  nulla  vis  aperire,  iiisi  interrogatione  coactus.  1. 1.  p.  273. 

3)  1.  Lp.  270. 

Ebert,  literatur  des  Mittelalters  II.  2 


18  Alcuin. 

reiftere  Schüler.')  Uebrigens  ist  der  Inhalt  des  Compendiiim 
aus  älteren  Grammatiken,  von  denen  auch  die  des  Douat  und 
Priscian  citirt  werden,  und  was  die  Definitionen  angeht,  aus 
Isidors  Etymologien  entlehnt. 

Wurde  diese  Grammatik,  wie  die  Einkleidung  zeigt,  direct 
für  die  Hofschule  von  Alcuin  verfasst,  so  sind  dagegen  seine 
Rhetorik  und  Dialektik  zunächst  für  Karl  den  Groesen  selbst 
geschrieben,  wie  denn  auch  in  ihnen  der  Dialog  von  „König 
Karl"  und  seinem  „Magister  Albinus'^  geführt  wird.  Und  zwar 
wurden  sie,  wie  ich  aus  dem  Eingang  der  Rhetorik  schliesse, 
zum  Zweck  der  Repetition  des  vorausgegangenen  mündlichen 
Unterrichts ,  auf  welchen  auch  dort  hingewiesen  wird  -) ,  und 
zugleich  wohl  zu  einer  weiteren  S3^stematischen  Ausführung 
desselben  verfasst.  Auch  scheint  die  Rhetorik  wenigstens 
erst  nach  der  Wiederkehr  Alcuius  aus  England,  und  zwar  bald 
danach,  verfasst  worden  zu  sein. 3)  Auch  in  diesem  Lehrbuch 
zeigt  der  Dialog  einen  gewissen  individuellen  Charakter.  Al- 
cuin beobachtet  in  seinen  Antworten  dieselben  höfischen  For- 
men als  in  seinen  Briefen  an  Karl.  Er  gibt  sich  sogar  den 
Anschein,  als  könne  er  dem  König  eigentlich  nichts  sagen,  was 
dieser  nicht  schon  selbst  wisse,  als  antworte  er  nur  aus  Gehor- 
sam. Karl  will  aber  die  Rhetorik  lernen  wegen  ihrer  Bedeu- 
tung für  die  „civiles  quaestiones"  —  also  die  Bedeutung,  die  sie 

1)  So  nennt  sie  auch  Raban  unter  den  Disciplinen,  die  er  bei  Alcuin 
in  Tours  studirte.     S.  weiter  unten  Rabans  Biographie. 

2)  Verum  ex  quo  mihi  paucis  tuis  responsionibus  ianuas  rhetoricae 
artis  vel  dialecticae  subtilitatis  claustra  partim  aperuisti,  valde  mihi  in  eas 
rationes  fecisti  intentum.  maxime  quia  me  in  cellaria  arithmeticae  discipli- 
nae  pridie  sagaciter  induxisti  vel  astrologiae  splendore  inluminasti.  So 
sagt  Karl  im  Eingang  der  Rhetorik  1.  Lp.  525.  Man  sieht  hiei'aus  zugleich, 
dass  der  systematische  Unterricht  in  den  mathematischen  Disciplinen  voraus- 
gegangen war.  —  Auch  die  dem  Buch  vorausgeschickten  Distichen,  in  wel- 
chen dasselbe  als  das  gemeinsame  Werk  Karls  und  Alcuins  bezeichnet 
wird,  sprechen  für  meine  Ansicht,  die  auch  in  der  Natur  der  Sache  be- 
gründet erscheint. 

3)  Sie  beginnt  mit  den  "Worten  Karls :  Quia  te,  venerande  magister  Al- 
bine, Dens  adduxit  et  reduxit,  quaeso  ut  liceat  mihi  te  de^rhetoricae 
rationis  praeceptis  parumper  interrogare ;  nam  te  olimmeminidixisse, 
totam  eins  artis  vim  in  civilibus  versari  quaestionibus.  A.  a.  0.  I\Iit  dem 
letzten  Satz  scheint  auch  auf  den  früheren  vor  der  Reise  stattgehabten 
mündlichen  Unterricht  hingewiesen  zu  werden.  Vielleicht  hatte  gerade  die 
längere  Abwesenheit  Alcuins  Karl  das  Bedürfniss  eines  solchen  Lehrbuchs 
empfinden  lassen. 


Rhetorik.    Dialektik.     De  orthographia.  19 

im  Alterthum  hatte.  Und  in  der  That  wird  hier  auch  nur  die 
aus  dem  Alterthum  überlieferte  Rhetorik  geboten,  bloss  etwas 
christlieh  zugestutzt.  Die  stoffliche  Grundlage  bildet  Cicero's 
Werk  De  invenlione,  auf  das  auch  direct  hingewiesen  wird, 
nur  werden  neben  den  dort  entlehnten  Beispielen  aus  der  alten 
Geschichte  auch  Beispiele  aus  der  Bibel  gegeben,  ähnlich  wie 
dies  Ambrosius  in  seiner  Bearbeitung  der  Ofiicien  that. ')  Neben 
Cicero  ist  hauptsächlich  Julius  Victor  benutzt,  und  zwar  sind 
aus  beiden  lange  Stellen  wörtlich  aufgenommen. 

Diesem  Compendium  ist  noch  ein  kleiner  Anhang  über  die 
Tugenden  augefügt,  weshalb  auch  das  ganze  Werk  Disputatio 
de  rhetorica  et  de  virtiitibus  in  den  Handschriften  betitelt  ist. 
Dieser  Anhang  ist  mit  der  Rhetorik  nur  äiisserlich  verknüpft, 
indem  er  als  üebung  in  derselben^betrachtet  wird.-)  Nach  der 
Definition  von  virtiis  werden  als  deren  vier  Theile  die  Cardinal- 
tugenden  bezeichnet,  darauf  von  diesen  wieder  die  partes  ge- 
geben (wie  z.  B.  die  drei  der  Prudentia :  Memona,  Intelligentia, 
Providentia)  und  alle  definirt.  Zu  einem  schönen  Schwung  er- 
hebt sich  die  Rede  Alcuins  als  er  gegen  das  Ende  den  Reiz 
der  Tugend,  ihren  hohen  Werth  schildert. 

Auch  die  Dialektik,  in  welcher  die  Form  des  Dialogs 
von  unbedeutenderer  Ausführung  ist,  ist  bloss  eine  möglichst 
wörtliche  Compilation,  namentlich  aus  Isidors  oben  genanntem 
Werk,  wie  auch  aus  der  pseudoaugustiuischen  Schrift  über  die 
10  Kategorien  und  aus  Boetius'  De  differentiis  topicis. 

Als  eine  Ergänzung  der  Grammatik  lässt  sich  ein  Schrift- 
chen Alcuins  De  orthographia  betrachten,  in  welchem,  nach 
dem  Vorbild,  und  unter  Benutzung  einer  gleichnamigen  Schrift 
Beda's,  nach  dem  Anfangsbuchstaben  geordnet  eine  Reihe  von 
Wörtern  aufgeführt  werden,  welche  zu  orthographischen  Fehlern 
leicht  Veranlassung  boten,  um  vor  diesen  hier  zu  warnen.  Dies 
Schriftcheu  ist  nicht  uninteressant  für  die  Keuntniss  der  Aus- 
sprache des  Lateinischen  damals  und  nicht  ohne  Werth  für  die 
Kritik  der  Texte  jener  Zeit. 

Noch  ein  merkwürdiges  kleines  Lehrbuch  Alcuins  ist  zu 
erwähnen,  das  recht  als  eine  Frucht  seiner  Thätigkeit  an  der 


1)  S.Bd.I,  S.  152. 

2)  Dass  er  aber  von  Alcuin  selbst  lainzugefügt  wurde,  zeigt  nicht  bloss 
sein  Eingang  und  Schluss,  sondern  auch  die  Rückbeziehung  bei  der  Tempe- 
rantia  auf  das  Ende  der  Rhetorik:    Ne  quid  nimis. 

2* 


20  Alciiin. 

Hofscliiüe  erscheint,  wie  es  denn  auch  zunächst  für  Karls 
Sohn  Pippin  verfasst  ist.  Ich  meine  die  Disputaiio  Pippini  cum 
Albino  scholastico.  Es  ist  dies  ein  Handbüchlein  für  „Denk- 
übung", zur  Schulung  des  Scharfsinnes  und  Witzes,  auch  in 
dialogischer  Form.  Es  lassen  sich  zwei  Abschnitte  darin  unter- 
scheiden :  im  ersten  fragt  der  Schüler,  im  zweiten  der  Magister. 
In  jenem  wird  in  der  Kegel  von  verschiedenen  dem  Menschen 
sehr  nahe  liegenden  Objecten  und  Begriffen  eine  Definition  ver- 
laugt und  in  witziger  Weise  durch  ein  Bild  oder  eine  Metapher 
gegeben,  so  von  dem  Körper  und  seinen  Gliedmassen,  dem  Leben 
und  Tod,  den  Elementen,  den  Gestirnen,  den  Jahreszeiten  u.  s.  w. 
Z,  B.  „Was  ist  die  Zunge?  Eine  Geissei  der  Luft."  „Was 
ist  der  Nebel?  Die  Nacht  am  Tage,  die  Mühe  der  Augen." 
Oder:  „Was  ist  der  Tag?  Die  Anregung  zur  Arbeit."  Wie 
nun  manche  dieser  Antworten,  als  Frage  gegeben,  Käthseln 
gleichen  würden,  so  werden  denn  in  dem  zweiten  Abschnitt 
solche  in  der  That  von  dem  Lehrer  dem  Schüler  aufgegeben, 
welcher  durch  die  Antworten  des  ersten  Abschnittes  in  das 
Wesen  des  Räthsels  eingeführt,  gleichsam  zur  Lösung  geschult, 
diese  selbst  jetzt,  und  zwar  oft  wieder  in  einer  räthselhaften 
Form  gibt.i)  Dieser  letztere  Zug,  der  ganz  originell  ist,  zeigt 
recht  in  welchem  Grade  das  Räthsel  bei  den  Angelsachsen 
gepflegt  ward.  Und  wenn  auch  bei  der  Abfassung  des  Büch- 
leins eine  aus  dem  Alterthum  stammende  Schrift  Alcuin  den 
Weg  gewiesen  und  er  ihr  und  andern  das  Material  zu  einem 
guten  Theile  verdankte  '-),  so  ist  doch  diese  Art  der  Verwerthung 
zum  Schulunterricht  acht  angelsächsisch-national.  Bei  keinem 
Volke  ist  das  Räthsel  je  beliebter  gewesen.'')  Und  Alcuin 
theilte  diese  Vorliebe  in  hohem  Grade. 

Endlich  schliessen  sich  an  die  Lehrthätigkeit  Alcuins,  und 
insbesondere  in  der  Pfalz,  seine  von  Tours  aus  an  Karl  gerich- 


1)  Z.  B.  No.  94 :  A.  Quis  est  quem  videre  non  potes  nisi  clausis  ocu- 
lis?  P.  Qiii  stertit.  tibi  ostendit  illum.  Es  ist  eben  somnus  gemeint,  und 
es  ist  die  Frage  dem  Vers  3  des  Räthsels  Somnus  des  Symphosius  (No.  99 
bei  Riese,  Anthol.  lat.  I,  p.  207)  entlehnt:  Sed  me  nemo  uidet,  nisi  qui 
sua  lumina  claudit. 

2)  S.  darüber  Wilmanns  a.  a.  0. 

3)  S.  meinen  Aufsatz  über  die  Räthselpoesie  der  Angelsachsen,  insbe- 
sondere die  Aenigmata  des  Tatwine  imd  Eusebius  in  den  Berichten  über 
die  Verhandl.  der  k.  sächs.  Ges.  d.  Wissensch.  Bd.  XXIX,  1877.    S.  20  ff. 


Disputatio  Pippini.     Theologische  Werke.  21 

teten    astrouomischen   Abhandlungen  De   saltu   lunae   und    De 
bisse.vto,  sowie  ein  paar  Kalenderfragen  betreffende  Briefe. 

Von  den  übrigen  wissensebaftliehen  Arbeiten  unseres  Autors 
treten  durch  ihre  Zahl  wie  durch  das  Ansehen,  das  sie  in  ihrem 
Zeitalter  hatten,  die  theologischen  in  den  Vordergrund; 
aber  wir  haben  hier  um  so  weniger  genauer  auf  sie  einzugehen, 
als  sie  inhaltlich  von  keiner  Originalität  sind.  Die  meisten  sind 
Erklärungen  der  Bibel,  von  welchen  das  umfangreichste 
und  geschätzteste  Werk  der  auf  den  Wunsch  der  Gisela  und 
Rotrud  verfasste  Commentar  zum  Evangelium  Johannis  ist.  Auch 
er  ist,  gleich  den  andern,  nur  eine  Compilation  aus  älteren  be- 
rühmten Werken,  welche  theils  wörtlich,  theils  nur  dem  Sinne 
nach  excerpirt  sind;  dies  bemerkt  Alcuin  selbst  in  der  Wid- 
mung, wo  er  zugleich  als  seine  Hauptquellen  Augustins  Erklä- 
rung, des  Ambrosius  Schriften,  sowie  Gregors  und  Beda's  Ho- 
milien  nennt.  Diese  Art  der  Erklärung  durch  eine  „Blüth'en- 
lese"  von  Citaten  aus  den  Kirchenvätern  wurde  aber  ein  Muster 
für  die  Folgezeit,  die  durch  die  directen  und  indirecteu  Schüler 
Alcuins,  wie  wir  sehen  werden,  darin  noch  Grösseres  leistete. 
Bemerkenswerth  ist  noch  die  mit  seinen  mathematischen  Studien 
wohl  zusammenhängende  Vorliebe  Alcuins  für  Zahlenmvstik, 
die  hier,  wie  auch  sonst  bei  ihm,  sich  in  recht  auffallender 
Weise  zeigt.  —  Ein  gewisses  historisches  Interesse  haben  diese 
Commentare  in  ihrer  Beziehung  zu  den  Personen,  denen  sie 
gewidmet  sind;  dies  gilt  namentlich  auch  von  dem  Commentar 
zu  dem  Prediger,  welchen  Alcuin  zunächst  für  seine  Schüler 
Onias,  Candidus  und  Fredegisus  geschrieben  hat,  um  ihnen, 
„nachdem  sie  aus  dem  Neste  väterlicher  fürsorgender  Liebe  in 
die  freien  Lüfte  weltlicher  Geschäfte  entflogen",  als  Handbuch 
christlicher  Moral  zu  dienen,  welches  vor  der  Eitelkeit  der  Welt 
sie  warnen  soll.  —  Sein  bedeutendstes  theologisches  Werk  aber, 
das  diesem  Zeitalter  auch  am  meisten  imponirte,  waren  die  Karl 
dem  Grossen  als  Kaiser  gewidmeten  drei  Bücher  De  ßde  Trini- 
tatis,  womit  Alcuin  auch  von  dem  Nutzen  des  Unterrichts,  den 
er  Karl  in  der  Dialektik  gegeben,  die  welche  daran  zweifelten, 
überzeugen  wollte.')    Die  kulturgeschichtliche  Bedeutung  des 


1)  S.  die  Widmung,  Monum.  Alcuin.  p.  673:  ut  convincerem  eos,  qui 
minus  utile  aestimabant,  vestram  nobüissimam  intentionem  dialecticae  dis- 
cere  velle  rationes,  quas  beatus  Augustinus  in  libris  de  sancta  Trinitate 
adprime  necessarias  esse  putavit. 


22  Alcuin. 

Werkes  liegt  in  der  Tbat  darin,  dass  dies  neue  System  der 
Dogmatik,  so  nnvollkommen  es  war  und  so  wenig  originell, 
da  es  durchaus  auf  Augustinisclier  Grundlage  rulite,  zu  specu- 
lativem  Nachdenken  wieder  aufforderte  und  die  Nothwendigkeit 
einer  philosophischen  Vorbildung  zeigte. 

Unmittelbarer  iuteressiren  uns  hier  zwei  philosophisch-mo- 
ralische Schriften  Alcuins,  welche  auch  in  den  ersten  Jahren 
des  neunten  Jahrhunderts  verfasst  sind,  und  auch  auf  den  Wunsch 
von  Laien.  Die  eine,  De  vwtiitibus  et  vüiis  betitelt,  ist  für  den 
Grafen  der  Bretagne,  Wido  geschrieben,  ein  Laieubrevier,  mit 
besonderer  Rücksicht  auf  das  Amt  des  Grafen.  Nach  den  Wor- 
ten der  Widmung  soll  dies  Buch  Wido  überall  begleiten,  auch 
auf  seinen  Kriegszügen,  „damit  er  sich  darin  betrachte",  alle 
Zeit  „was  er  zu  thun  und  wovor  er  sich  zu  hüten"  wisse,  um 
so  zum  Gipfel  der  Vollkommenheit  zu  gelangen,  der  —  was 
sehr  zu  beachten  —  wie  Alcuin  sagt,  auch  dem  Laien  erreich- 
bar sei,  da  vor  Gott  kein  Unterschied  zwischen  dem  Laien  und 
Kleriker  bestehe,  vielmehr  von  ihm  ein  Jeder  nur  nach  seinem 
Verdienst  belohnt  werde.  Als  Handbuch  ist  es  absichtlich  kurz 
gefasst,  und  des  leichteren  Studiums  wegen  jeder  Tugend  und 
jedem  Laster  ein  besonderes  Kapitel  gewidmet.  Trotzdem  ver- 
misst  man  eine  vollkommene  Ordnung  in  dem  Buche,  das  uns 
aber  offenbar  auch  in  einem  schlechten  Zustand  überliefert  ist. 
Wie  in  der  Behandlung  der  Tugenden  einzelnes  an  Lactanz' 
Institutionen  erinnert,  so  in  der  der  Laster  an  Prudenz,  obgleich 
im  Allgemeinen  Alcuin  hier  Cassian,  beziehungsweise  Aldhelm  i) 
folgt.  Ganz  eigenthümlich  ist  ihm  aber  die  besondere  Berück- 
sichtigung des  Richterstandes,  da  ja  gerade  durch  Karl  den 
Grossen  die  Gerichtsbarkeit  vorzugsweise  in  die  Hände  der 
Grafen  gelegt  war.  So  werden  von  dem  Richter  insbesondere 
Gerechtigkeit,  Mitleiden  und  Unbestechlichkeit  gefordert;  auch 
der  Pflichten  der  Zeugen  wird  speciell  gedacht. 

Gleichen  praktischen  Sinn  und  Geschick  in  der  Verwerthung 
der  Studien  zeigt  Alcuin  in  der  andern,  kleinereu  Schrift  De  t^a- 
tione  animae.  Sie  ist  auf  den  Wunsch  der  Gundrad,  welcher  durch 
Gespräche,  die  sie  mit  Alcuin  das  Jahr  zuvor  gehabt,  veranlasst 
war,  geschrieben  und  zwar  in  der  Form  eines  Briefes.-)   Wie  die 


1)  S.  Bd.  I,p.  334uncl5S9. 

2)  Ep.243  beiJaffe. 


De  \irtutibus  et  vitiis.     De  ratione  animae.  23 

"Wahl  dieser  Form  hier  eine  passende  ist,  so  zeigt  Alcuin  auch  in 
dem  Inhalt,  dass  er  Frauen  für  philosophische  Betrachtung  zu  in- 
teressireu  versteht.  Das  moralische  Moment  lässt  er  die  Darstel- 
lung beherrschen,  in  welcher  das  yerhältniss  der  Seele  zu  Gott 
durchaus  den  Schwerpunkt  bildet.  Erst  indem  er  dieses  schil- 
dert, geht  er  auf  ihr  Wesen  ein.  Zwei  Gedichte  schliessen  sich  an 
die  Erörterung  an,  von  welchen  das  erste  in  Distichen  das  Lob 
der  menschlichen  Seele  singt  und  dabei  die  Gedanken  der  Ab- 
handlung recapitulirt ;  das  zweite  fordert  die  Gundrad  zum  Preise 
Gottes  in  adonischen  Versen  auf,  die  zu  6  sechszeiligen  Stro- 
phen verbunden  sind.  Die  Bedeutung  der  Sechszahl,  die  in 
ihren  Theilen  vollkommen  sei,  fügt  Alcuin  hinzu,  möge  ihr  der 
Kaiser  selbst  erklären,  der  unter  so  vielen  Sorgen  des  Palastes 
und  der  Regierungsgeschäfte  die  Geheimnisse  der  Philosophen 
vollständig  zu  wissen  sich  bemühe,  wie  kaum  ein  Anderer,  der 
nichts  von  der  Welt  zu  thun  habe.  Ruht  auch  dieses  Schrift- 
chen nur  auf  überlieferten  Ansichten,  so  ist  doch  die  dem  Zweck 
entsprechende  Anlage  und  die  leichtverständliche  Ausdrucks- 
weise zu  rühmen,  und  beweist  wieder  recht,  wie  Alcuin  der 
Mann  war,  wissenschaftliche  Bildung  in  weiteren  Kreisen  zu 
verbreiten. 

Von  historischen  Prosaschriften  hat  Alcuin  nur  ein  paar 
Heiligenleben  aufzuweisen,  von  welchen  aber  zwei  blosse 
stilistische  Bearbeitungen  sind,  das  eine  von  der  Vita  des  h. 
Richarius,  das  andere  von  der  des  h.  Vedastus,  jene  auf  den 
Wunsch  des  Augilbert,  diese  auf  den  des  Rado  unternommen, 
welche  beide  Aebte  von  Klöstern  waren,  die  diesen  Heiligen 
gewidmet.  Solche  Renovationen  älterer  Vitae  werden  nun 
immer  mehr  IMode,  ein  Zeugniss  fortschreitender  ästhetischer 
Bildung,  so  wenig  geschmackvoll  auch  noch  ihre  Ausführung 
in  der  Regel  ist.  —  Ein  drittes  Heiligenleben  Alcuins  ist  Ori- 
ginalwerk: es  ist  die  Vita  des  h.  Willibrord,  des  Apostels  der 
Friesen  und  Vorläufers  des  Bonifatius,  welcher  der  erste  Bischof 
von  Utrecht  war.  Er  war  ein  Xorthumbrier,  aber  in  Irland  ge- 
bildet, wohin  er  sich  zu  dem  Zweck  nach  dem  Beispiel  anderer 
bedeutender  Kleriker  Englands  begeben.*)  Zwölf  Jahre  ver- 
weilte er  dort.     Dann  ging   er  als  Missionar  nach  Friesland 


1) peregrinatioiiis  amore  instigatus.     Et  quia  in  Hibernia  sco- 

lasticam  eruditionem  vi^uisse  audivit  etc.    c.  4. 


24  Alcuin. 

(690) ;  da  er  dort  aber  damals  keine  Erfolge  erzielte,  so  begab 
er  sich  nach  dem  Frankeureich.  Von  Pippin  begünstigt,  wurde 
er  im  J.  695  von  Papst  Sergius  zum  Missionsbischof  ordinirt, 
und  predigte  dann  wieder  bei  den  Friesen,  den  Dänen  und 
selbst  auf  Helgoland.  Nach  der  Eroberung  Frieslands  durch 
Karl  Martell  erhielt  er  das  Utrechter  Bisthum. 

Willibrord  hatte  auch  das  Kloster  Epternach  gegründet. 
Von  dem  Abte  dieses  Klosters,  Beonrad  war  Alcuin  gebeten 
worden  die  17/0,  Mores  und  Miracida  des  Heiligen  zu  schrei- 
ben, und  obgleich  der  vielbeschäftigte  die  Zeit  dazu  Nachts 
sich  abstehlen  musste,  entsprach  er  doch  der  Bitte  und  im  voll- 
sten Masse  —  wohl  um  so  mehr,  als  Willibrord  sein  Verwandter 
war.  Alcuin  verfasste  nämlich  das  Heiligenleben  in  doppelter 
Gestalt,  zuerst  in  Prosa,  dann  in  Versen,  indem  das  erstere 
zur  öffentlichen  Vorlesung  in  der  Kirche  vor  den  Mönchen  be- 
stimmt sein  sollte,  das  andere  dagegen  zur  Privatlectüre  der 
Gelehrten  unter  denselben,  und  er  fügte  dem  ersteren  oben- 
drein noch  eine  kurze  Homilie  für  das  Volk  zur  Predigt  an 
den  Natalitien  des  Heiligen  hinzu.  0  Was  nun  zunächst  die 
prosaische  Vita  betrifft,  so  hat  sie  natürlich  gemäss  der  ihr 
gestellten  Aufgabe  eine  erbauliche  Tendenz,  Alcuin  schreibt 
hier  nicht  als  Historiker;  trotzdem  kann  man  mit  Eecht  ihm 
vorwerfen,  mit  den  geschichtlichen  Vorstudien  es  sich  zu  be- 
quem gemacht  zu  haben,  zumal  bei  einem  Helden,  der  kein 
Heiliger  gewöhnlichen  Schlags,  sondern  ein  kulturgeschichtlich 
bedeutender  Missionar  war.  Auch  die  Anordnung  des  Stoffes 
ist  keine  strenge;  zu  loben  bleibt  nur,  dass  im  Gegensatz  zu 
anderen  Vitae  jener  Zeit,  namentlich  auch  der  von  Alcuin  selbst 
bearbeiteten  Vita  Ricliarii,  der  Stil  von  Schwulst  sich  frei  hält, 
wenn  er  auch  einer  bildlichen  Ausdrucksweise  darum  nicht  ganz 
entsagt.  Dies  gilt  auch  von  der  metrischen  Vita  (in  Hexa- 
metern), die  übrigens  nichts  weiter  als  eine  Versitication  der 
prosaischen,  selbst  unter  Beibehaltung  von  Worten  und  Kede- 
wendungen,  ist,  aber  mit  manchen  nicht  unwesentlichen  Aus- 
lassungen, wie  denn  auch  darin  auf  die  Prosa  zur  Ergänzung 
verwiesen  wird.-)    Wie   dieser  metrischen  Vita  eine  Praefatio 


1)  Alcuin  gibt  selbst  diese  Bestimmung  der  drei  Arbeiten  in  der  Zu- 
schrift an  den  Abt  Beonrad,  der  zugleich  Erzbischof  von  Sens  war,  an. 

2)  S.  Absatz  13,  Monum.  Alcuin.  p.  69. 


Vita  Wülibrordi.    De  patr..  reg.  et  sanct.  Euboricae.  25 

in  Distichen  vorausgeht,  so  folgt  ihr  in  demselben  Yersmass 
ein  offenbar  viel  später  hinzugefügter  Epilog  über  den  Vater 
des  Heiligen,  in  welchem  zugleich  nachträglich  die  Geburt  und 
Erziehung  des  Willibrord,  auf  Grund  der  ersten  Kapitel  der 
Prosa  erzählt  werden.') 

Mit  diesem  Werk  sind  wir  schon  auf  das  Feld  der  Dichtun- 
genAlcuins  übergetreten.  Die  grösste,  bedeutendste  und  auch 
wohl  die  älteste  der  uns  erhaltenen,  die  wohl  noch  in  York, 
sicher  in  jüngeren  Jahren  von  ihm  verfasst  ist,  führte  den  Titel: 
De  patribus,  regibiis  et  sanctis  Euboricae.  wie  ihr  Schluss  mit 
Sicherheit  zeigt."-}  Mit  diesem  Titel  wird  zugleich  der  Inhalt 
genauer  bezeichnet,  sowie  der  Charakter  der  Dichtung  ange- 
deutet. Er  ist  kein  bloss  geistlicher  wie  in  dem  versificirten 
Heiligenleben,  das  sonst  in  mancher  Beziehung  an  diese  Dich- 
tung erinnert.  Wenn  auch  in  ihr  Alcuin  die  Geschichte  des 
Erzbisthums  York  gibt,  so  beschränkt  er  sich  doch  keineswegs 
darauf.  Nicht  ein  kirchliches,  sondern  ein  nationales  Interesse 
hat  ihn  zunächst  zu  dem  Werke  getrieben:  wie  er  selbst  im 
Eingang  sagt  (v.  16  ff.),  will  er  den  Ruhm  des  Vaterlandes  und 
der  Vaterstadt  verherrlichen.  Nun  kann  ihm  freilich  dieser 
Ruhm  nur  ein  christlicher  sein.  Und  so  beginnt  er  denn  nach 
kurzen  historischen  Yorbemerkuna-eu  mit  der  Christianisiruug 
Xorthumbriens  unter  König  Edwin,  dem  ersten  Oberherrscher 
der  Angelsachsen,  627  seine  Geschichte,  und  führt  sie  dann  an 
der  Hand  der  Nachfolger  desselben  bis  auf  Aklfrid  fort,  mit 
dessen  Tod  705,  wie  Lappenberg  sagt  3),  der  Lichtpunkt  der 
Geschichte  Northumbriens  zu  verbleichen  beginnt:  erst  von  hier 
ab  liefert  die  Reihe  der  Erzbischöfe,  an  der  Stelle  der  Könige, 

1)  Die  metrische  Yita  hebt  nämlich  sogleich  mit  dem  Erscheinen  des 
Heiligen  in  Francien  an,  -was  vom  ästhetischen  Gesichtspunkt  anzuerkennen 
ist.  Dass  die  Schlussdistichen  (was  Jaffe  und  Wattenbach  nicht  bemerk- 
ten) viel  später  hiiizugefügt  sind,  trotzdem  üu'er  in  dem  Widmungsschreiben 
gedacht  -wird,  zeigen  sie  selbst,  s.  v.  3:  iit  dudum  cecini,  und  v.  49:  cuius 
vita  etc.,  camenis  olim  fuit  praetitulata  meis.  Die  Erwähnung  üi  der  Dedi- 
cation  muss  also  ein  späterer  Zusatz  sein. 

2)  Haec  idcirco  cui  isc.  Euboricae)  proprüs  de  patribus  atque  Regi- 
bus  et  sanctis  ruralia  carmina  scripsi.  v.  1653  f.  Daher  sind  die  bisher 
dem  Gedicht  gegebenen  Titel:  De  ponliflcihus  et  sanctis,  oder  bloss  De 
sanctis  ecclesiae  Eboracensis  unrichtig.  In  diesem  Falle  ist  aber  der  Titel, 
wie  man  oben  sieht,  von  besonderer  Bedeutung. 

3)  Geschichte  von  England  Bd.  I,  S.  205. 


26  Alcuin. 

den  leitenden  Faden  der  Erzählung  0 ,  die  auch  nun  erst  von 
weltlichen  Dingen  absieht.  In  dem  vorausgehenden  Theile  da- 
gegen werden  zwar  auch  vorzugsweise  die  für  die  christliche 
Kirche  wichtigen  Ereignisse  erzählt,  aber  der  Dichter  beschränkt 
sich  doch  nicht  darauf,  so  Avenig  wie  Beda  in  seiner  Kirchen- 
geschichte, die  ihm  hier  durchaus  den  Stoff  liefert;  und  selbst 
unter  jenen  Ereignissen  treten  die  Kriege  mit  den  heidnischen 
Königen  des  Landes  ganz  in  den  Vordergrund,  und  sie  gerade 
bieten  Alcuin  die  Gelegenheit  zu  den  ausführlichsten  und  leben- 
digsten poetischen  Schilderungen.  Alcuin  führt  aber  seine  Er- 
zählung bis  zum  Tode  seines  Lehrers,  des  Erzbischofs  Aelbert, 
dem  er  einen  rührenden  Nachruf  widmet:  nur  erzählt  er  noch, 
und  zwar,  wie  er  anzeigt  (v.  1596  f.),  anhangsweise,  ein  später 
erfolgtes  Mirakel,  die  Vision  eines  seiner  eigenen  Schüler,  die 
er  nicht  gern  der  Nachwelt  vorenthalten  wollte.  In  diesem 
zweiten  Theile  seiner  Dichtung  konnte  Alcuin  nur  im  Anfang 
noch  Beda's  Werk  benutzen,  das  ja  mit  dem  Jahre  731  ab- 
schliesst,  und  so  erzählt  er  denn  hier  hauptsächlich  auf  Grund 
mündlicher  Tradition  und  namentlich  eigener  Erfahrung.  So 
wird  in  diesem  Theile  sein  Werk  zu  einer  vornehmlich  in  kultur- 
geschichtlicher Beziehung  wichtigen  Quelle.  Hier  lernen  wir 
den  Stand  der  Schule  von  York  sowie  selbst  den  Umfang  ihrer 
Bibliothek  (v.  1535  ff.)  kennen,  hier  wird  uns  die  in  der  Lebens- 
skizze von  uns  verwerthete  Auskunft  über  die  Ausbildung  Al- 
cuins  und  über  seine  Lehrer  gegeben. 

Aber  die  in  1657  Hexametern  verfasste  Dichtung  zieht  auch 
formell  an:  sie  ist  mit  einer  gewissen  jugendlichen  Frische 
und  Lebendigkeit  geschrieben  und  hält  sich  von  unnützer  Weit- 
schweifigkeit im  Ganzen  frei;  der  Schüler  Virgils  gibt  sich  in 
manchen  Reminiscenzen  kund,  aber  auch  in  dem  trotz  einzelner 
prosodischer  Fehler  wohl  gebauten  Verse,  sowie  nicht  minder 
in  einigen  kräftig  gezeichneten  historischen  Porträts  und  in  den 
mit  Lust  und  Liebe  ausgemalten  Kampfbildern.  Die  Freude 
an  diesen  ist  ein  acht  nationaler  Charakterzug  der  Angelsachsen 
und  ihrer  Dichtung,  wie  wir  später  sehen  werden.  —  Von  christ- 
lich-lateinischen Dichtern  aber  ist  der  begabteste,  Prudentius 
nicht  ohne  Einfluss  gewesen.-) 

1)  Dies  wird  geradezu  von  dem  Dichter  gesagt  v.  1078:  seriemque  re- 
linquere  regum. 

2)  S.  z.  B.  V.  158  ff. 


De  clacle  Lindisfarnensis  monasterü.  27 

Die  bisher  verkannte  literaturgeschichtliche  Bedeutung  dieses 
Gedichtes  „von  den  Königen  und  den  Bischöfen  von  York"  liegt 
eben  darin,  dass  es  bereits  die  Dichtung  auf  das  weltliche  Ge- 
biet hinüberführt,  dass  es  wie  der  erste  VorUüifer  jener  dem 
Epos  so  nahe  verwandten  Reimchronik  des  späteren  Mittelalters 
erscheint,  die  ja  auch  zuweilen  die  kirchlichen  Verhältnisse  in 
den  Vordergrund  treten  lässt. 

Noch  ein  grösseres  Gedicht  hat  Alcuin  verfasst,  eine  Elegie 
von  120  Distichen:  De  clade  Lindisfay^iiensis  inojiasten'iA)  Es 
ist  ein  Gelegenheitsgedicht,  zum  Tröste  der  Mönche  des  be- 
rühmten Klosters  von  Northumbrien  verfasst,  mit  welchen  Al- 
cuin schon  länger  bekannt  war  und  mit  deren  Abt  und  Bischof, 
Higbald  er  auch  in  Frankreich  in  Correspondenz  blieb.  Dies 
Kloster  sammt  der  Kirche  des  h.  Cuthbert  wurde  im  Juni  793 
von  den  Dänen  verwüstet,  wobei  auch  Mönche  getödtet  wurden. 
Da  der  Ort,  wie  Alcuin  sagt  2),  ehrwürdiger  als  irgend  einer  in 
Britannien,  so  machte  das  Ereig'niss  das  grösste  Aufsehen,  es 
erschien  als  ein  Gericht  Gottes,  wenigstens  unserm  Autor,  der 
davon  Anlass  nahm,  an  den  König  von  Northumbrien  und  die 
Grossen  seines  Reichs  zwei  Sendschreiben  (ep.  22  u.  23)  zu 
richten,  worin  er  sie  zur  Frömmigkeit  und  guten  Regierung 
ermahnt.  Aus  demselben  Grunde  schrieb  er  auch  an  Higbald 
und  seine  Mönche  zwei  mit  Ermahnungen  verbundene  Trost- 
briefe (ep.  24  u.  25).  Diesen  Hess  er  hernach  die  Elegie  fol- 
gen, in  welcher  sich  einzelne  in  den  beiden  Episteln  ausgespro- 
chene Gedanken  und  angeführte  Beispiele  wiederfinden.  Der 
Dichter  führt  in  ihr  zunächst  aus,  wie  seit  dem  Sündeufall  auf 
der  Welt  nichts  beständiges  sei,  und  also  kein  beständiges  Glück, 
vielmehr  ein  steter  Wechsel,  wie  in  der  Natur,  so  im  Menschen- 
leben, und  wie  namentlich  das  Grosse  nicht  selten  von  plötz- 
lichem Unfall  betroffen  werde:  nachdem  hier  der  Dichter  des 
Untergangs  grosser  Reiche  in  der  Vergangenheit  gedacht,  ver- 
weist er  für  die  Gegenwart  auf  die  Herrschaft  der  Ungläubigen 
im  Morgenland  und  in  Spanien.  Daher  ist  statt  der  irdischen 
die  himmlische  Heimath  zu  lieben,  die  Christus  den  geprüften 


1)  Der  herkömmUche  weitläufige  Titel:  De  rerum  humanarnra  vicissi- 
tudine  et  clade  Lindisf.  monasterü  stammt  von  Froben.  In  denHandschr. 
ist  das  Gedicht  ohne  Ueberschrift.    Vgl.  Dümmlcr.  X.  Arch.  S.  121. 

2)  Ep.  22  (p.  181). 


28  Alcuin. 

Gerechten  aufbewahrt.  Der  Dichter  ruft  dann  noch  den  Mön- 
chen die  Kraft  des  Grebets  in  Erinnerung,  die  sich  nicht  bloss 
den  jüdischen  Patriarchen,  sondern  auch  ihren  eigenen  Bischöfen, 
wie  durch  Beispiele  gelehrt  wird,  bewährte.  Der  Schluss  ist 
an  Higbald  selbst  gerichtet. — Bis  auf  wenige  Stellen  entbehrt 
diese  Elegie  des  Schwungs  und  poetischen  Reizes,  wohl  um  so 
eher,  als  Alcuin  auf  eine  Schilderung  der  Zerstörung  des  Klo- 
sters in  einem  an  die  Augenzeugen  selbst  gerichteten  Gedicht 
verzichten  musste. 

Wie  dies  Gedicht  durch  einen  äussern  Anlass  hervorgerufen 
ist,  so  sind  auch  die  meisten  übrigen  Gedichte  des  Alcuin  mehr 
oder  weniger  reine  Gelegenheitspoesie,  theils  Epigramme,  theils 
Episteln,  in  Distichen  oder  Hexametern.  Alcuin  schliesst  sich 
hierin  ganz  an  Fortunat  an,  der  auch  vorzüglich  diese  Dich- 
tungsarten kultivirte. 

Die  Epigramme  sind  einmal  und  vornehmlich  wirk- 
liche Inschriften,  Inscriptiones,  so  auf  Codices,  namentlich  die 
Bibel,  wie  er  ja  auch  solche  den  eigenen  Werken  vorausgehen 
oder  folgen  lässt  (wie  der  Grammatik,  Rhetorik  u.  s.  w.),  sie 
können  sich  selbst  zu  längeren  Inhaltsangaben  erweitern  *) ; 
ferner  auf  Kirchen,  Oratorien,  Altäre,  Kirchthliren ,  Gräber-), 
also  auch  Epitaphien.  Solche  Inschriften  hat  Alcuin  namentlich 
auf  Bitten  Anderer  gemacht  (wie  uns  auch  seine  Briefe  zeigen, 
so  ep.  224),  z.  B.  für  die  durch  den  ihm  befreundeten  Abt  Rado 
restaurirte  Klosterkirche  des  h.  Vedastus,  oder  für  die  von  St. 
Amand,  von  welchem  Kloster  sein  innigster  Freund  Arno  Abt 
war  und  in  dessen  Nähe  Alcuin  selbst  ein  Gut  besass;  so  im 
Namen  Karls  des  Grossen  das  noch  als  Inschrift  erhaltene  Epi- 
taphium Papst  Hadrians.  Auch  finden  sich  unter  seinen  Ge- 
dichten Inschriften  für  verschiedene  Klosterlocalitäten  —  von 
welchen  freilich  keineswegs  überall  die  Authentie  gesichert  er- 
scheint —  so  für  das  Schulzimmer,  die  Bibliothek,  in  welcher 
auch  die  Bücherabschreiber  arbeiteten,  denen  das  Epigramm 
(c.  67)  Sorgfalt,  namentlich  auch  in  Betretf  der  Interpunction 
einschärft,  die  ja  erst  durch  Alcuins  Bemühung  damals  wieder 


1)  S.  Opp.  T.  II,  p.  20:5fl'.  Von  einzelnen  dieser  Inscriptiones  erscheint 
allerdings  Alcuins  Autorschaft  nicht  genügend  beglaubigt. 

•2)  So  auch  eine  ungedruckte  Grabschrift  auf  Aelbert.  S.  Dümmler, 
N.  Arch.  S.  120. 


Epigramme.    Epistelpoesie.  29 

eingeführt  wurde,  i)  Einige  dieser  Inseriptioues  sind  nicht  ohne 
Esprit  und  von  leichter  ansprechender  Darstellung,  die  meisten 
dagegen  blosse  Fabrikarbeit. 

Der  andern  Epigramme  sind  wenige,  von  welchen  ein 
witziges  auf  die  kleine  Hausthür  des  kleinen  Eiuhard  hervorzu- 
heben ist-);  von  ihnen  bilden  einzelne  den  Uebergang  zu  der 
Epistelpoesie,  die  nicht  allein  durch  längere  Gedichte,  son- 
dern auch  durch  kurze,  Billets  in  Versen  gleichsam,  vertreten 
ist  (z.  B.  c.  227  von  5  Distichen),  ähnlich  wie  bei  Fortunat^^), 
ja  Alcuin  pflegte  nicht  selten  mit  einem  oder  mehreren  Disti- 
chen auch  seine  prosaischen  Briefe  zu  schliessen,  indem  er  in 
Versen  Lebewohl  sagt.  Aber  es  finden  sich  jenen  auch  ganze 
Gedichte  angehängt,  so  dass  der  prosaischen  eine  poetische 
Epistel  angeschlossen  ist,  oder  jene  in  diese  ausläuft  (s.  z.  B. 
ep.  24S).^)  Diese  poetischen  Episteln  sind  zum  Theil  von  nicht 
geringem  historischen  "Werth,  schon  durch  die  Bedeutung  der 
Adressaten.  So  sind  vor  allem  eine  ganze  Anzahl  und  darunter 
die  interessantesten  an  den  „süssen  geliebten  David,  die  Liebe 
des  Flaccus'^  gerichtet.  In  der  einen  (c.  22S)  erkundigt  sich  Al- 
cuin bei  Karl  nach  der  Hofschule,  indem  er  scherzend  das  ge- 
lehrte Treiben  in  der  Pfalz  überhaupt  schildert,  so  wird  hier 
auch  der  Schüler  des  Hippokrates  wie  der  Ausbildung  der 
Priester  gedacht,  über  den  kleinen  Schreiblehrer  Zachaeus  ge- 
spottet, und  der  astronomischen  Studien  einer  Schülerin  (wohl 
Gisela)^)  erwähnt,  aber  auch  des  eifrigen  Dienstes  des  Ober- 
ktichenmeisters  wie  des  Mundschenks  nicht  vergessen.  In  einer 
andern  Epistel  (c.  230)  bittet  der  Dichter  den  König  ihn  gegen 
unliebsame  Kritiken  in  Schutz  zu  nehmen.  Die  wichtigste  aber 
ist  zugleich  die  längste,  von  43  Distichen  (c.  232),  welche,  an 
Karl  bei  seinem  Römerzuge  im  J.  800  gerichtet,  wie  in  der 
Vorahnung  des  grossen  Ereignisses   der  "Wiederherstellung  des 


1)  S.  oben  S.  9.  Anm.  1. 

2)  S.  Jaffe,  Monum.  Carolina  p.  492. 

3)  S.  Bd.  I,  S.  503. 

4)  Und  dies  vird  auch  von  manchen  in  der  Sammlung  der  Carmina 
enthaltenen  zu  gelten  haben,  bei  denen  die  Prosabriefe,  als  deren  Annex 
sie  verfasst  oder  wenigstens  abgesandt  waren,  verloren  gegangen  sind. 

5)  Diese  möchte  man  im  Hinblick  auf  das  Epigramm  c.  256  (v.  5)  ver- 
muthen. 


30  Alcuin. 

abendländischen  Kaiserthums  durch  Karl,  geschrieben  ist.  Wird 
er  hier  auch  noch  König  betitelt,  so  ist  doch  von  seiner  Herr- 
schaft bereits  als  wie  von  einer  Weltherrschaft  die  Rede. ')  Al- 
cuin fordert  ihn  auf,  Rom,  dem  Haupte  der  Welt,  den  inneren 
Frieden  zu  geben,  und  die  Schäden  der  ,Welt'  zu  verbessern. 
Als  Rector  ecclesiae  soll  er  namentlich  die  Simonie  abstellen.  — 
Weit  unbedeutender  sind  dagegen  die  au  Papst  Leo  gerich- 
teten Episteln,  die  nur  Glückwünsche  sagen  oder  Trost  spen- 
den. Auch  an  Mitglieder  der  Familie  Karls  wie  an  Freunde 
und  Schüler,  als  Angilbert,  Arno,  Candidus  (gelegentlich  seiner 
Abreise  nach  Rom),  Paulin  von  Aquileja,  Benedict  von  Aniane, 
und  selbst  an  ferner  Stehende  sind  solche  Gedichte  geschrieben 
—  darunter  auch  ein  scherzhaftes,  in  räthselhaftem  Ausdruck 
spielendes  an  Beonrad,  den  Alcuin  vertraulich  Samuel  nennt.-) 

Hervorzuheben  sind  noch  zwei  Episteln.  Die  eine  ist  von 
England  aus,  als  Alcuin  dorthin  790  zurückgekehrt  war,  an 
seine  Freunde  auf  dem  Continent,  namentlich  in  der  Rhein- 
gegend und  an  dem  Hof,  der  sich  damals  ebendort  befand,  ge- 
richtet, indem  dem  Brief  der  Weg,  den  er  zu  nehmen  hat,  vorge- 
zeichnet und  die  Grüsse  und  Aufträge,  die  er  an  die  Freunde 
einzeln  ausrichten  soll,  mitgetheilt  werden  —  ein  anmuthiges 
mit  Humor  und  gutmüthiger  Satire  ausgestattetes  Gedicht.^) 
Die  andere  Epistel  (c.  260)  ist  an  die  Yorkischen  , Brüder', 
seine  alten  Schüler  gesandt.  Mit  einer  Schilderung  des  Früh- 
jahrs beginnend  fordert  sie  dieselben  auf,  ,das  Plectrum  des 
Maro'  zu  ergreifen,  aber  geistliche  Lieder  zu  singen,  und  damit 
den  alten  Lehrer  zu  beschenken,  der  jetzt  den  König  Karl 
unterrichte.  Eine  Ermahnung  an  die  Jugend,  durch  die  Stu- 
dien vor  dem  Bacchus  und  dem  cretensischen  Knaben  sich  zu 
schützen,  schliesst  sich  daran. 

An  die  zuletzt  erwähnte  Epistel  erinnert  etwas  eine  Elegie 
von  halb  bukolischem  Charakter,   die   offenbar  im   Anschluss 


1)  Auch  den  Worten  nach:  Talia  compescat  tua,  Rex!  veneranda  po- 
testas;  Rectorem  regni  te  Deus  instituit.  —  Hier  kann  regni  nur 
im  Sinne  von  Weltreich  genommen  werden.  Siehe  auch  die  zunächst  fol- 
genden Verse. 

2)  S.  bei  Hagen,  Carmina  medii  acvi.     Bern  1877,  No.  77,  p.  12S. 

3)  Opp.  n,  p.  449.  Auch  kulturgeschichtlich  ist  das  Gedicht  mehr- 
fach interessant. 


Elegien.  31 

an  einen  prosaischen  Brief  abgesandt  wurde'):  es  ist  c.  277 
De  Cuculo.  In  diesem  Gedicht  fordert  Alcuin  in  scherzen- 
der Weise  einen  seiner  Schüler,  Daphnis  (an  den  ep.  259  ge- 
richtet), sowie  Meualcas  —  den  ästhetisirenden  Oberküchen-' 
meister  der  Pfalz  —  auf,  zugleich  mit  ihm  selbst  den  Kuckuk 
zu  beklagen,  einen  jungen  Säuger,  der  nur  kurze  Zeit  ein  Schü- 
ler Alcuins  gewesen,  jetzt  von  ihm  entfernt,  in  den  Wellen 
des  Bacchus  unterzugehen  drohe.  Der  Frühling  sei  da,  der 
Kuckuk  solle  aus  seinem  Schlafe  erwachen  und  zurückkehren, 
um  mit  ihnen  selbst  seine  Unfälle  zu  beklagen!  Dieser  junge, 
allzu  lebensfrohe  Poet  des  Alcuiuschen  Kreises  hiess  Dodo."-) 
Von  ähnlicher  Tendenz  und  bukolischer  Färbung  ist  eine  an- 
dere Elegie  (c.  263),  auch  an  einen  Schüler  gerichtet,  der  ein 
tüchtiger  Gelehrter  und  vortrefflicher  Dichter  geworden  war, 
dessen  Zunge  jetzt  aber  schläft,  wie  er  selbst  vom  Bacchus 
eingeschläfert.  Er  hat  sich  in  dem  guten  Leben  der  Pfalz  ver- 
loren, und  des  Albinus  wie  seiner  selbst  vergessen.  Alcuin 
nennt  ihn  in  dem  Gedicht  Corydon:  es  ist  wahrscheinlich  der 
weiter  unten  betrachtete  Eklogeudichter  Naso.-^) 

Noch  findet  sich  unter  den  Poesien  Alcuins  im  elegischen 
Versmass  ein  Gedicht  auf  die  Nachtigall  (c.  276),  welche  den 
Schöpfer  mit  ihrem  süssen  Lied  besingend,  den  Menschen  ein 
Vorbild  sein  soll. 

Auch  in  andern  Dichtungsarten  und  -Formen  hat  sich  Al- 
cuin versucht,  wenn  uns  auch  davon  nur  wenige  Gedichte  er- 
halten sind.  Dies  gilt  namentlich  von  der  Lyrik,  welche  er 
sogar,  möchte  man  annehmen,  mit  besonderer  Vorliebe  gepflegt 
haben  muss,  denn  dieser  verdankt  er  doch  wohl  seinen  akade- 
mischen Namen ;  auch  wissen  Avir,  dass  unter  musikalischer  Be- 


1)  Es  ist  der  an  Dodo  gerichtete  Brief  Alcuins  (ep.  2S6):  dieser  Brief 
erklärt  nämlich  erst  Einzelheiten  des  Gedichts,  die  ohne  das  unverständ- 
lich sind;  so  im  zweiten  Vers :  Quem  subito  rapuit  saeva  novercasuis; 
diese  noverca  wird  allein  durch  den  folgenden  Satz  des  Briefes ,  im  Ein- 
gang desselben,  verständlich:  Inmitiorque  noverca  tam  tenerum  de 
paterno  gremio  per  Ubidinum  vortices  caro  rapuit.  Der  Brief  ist  übri- 
gens ein  ernsthaftes  Vermahnungsschreiben  Alcuins. 

2)  S.  über  ihn  Sickel,  Alcuinstudien  I,  a.  a.  0.  S.  52.5  f.,  und  vgl.  weiter 
unteii  die  Anm.  zu  dem  Gedicht  ,Conflictus  veris  et  hiemis.' 

3)  S.  meinen  Aufsatz :  Naso,  Angilbert  etc.  in  derZeitschr.  für  deutsch. 
Alterth.     N.  F.    X,  S.  329. 


32  Alcuin. 

gleitung  seine  Carmina  bei  Hofe  gesungen  wurden. ')  Wir  haben 
indess  nur  eine  geistliche  sapphische  Ode  (c.  1)  —  ein  Abend- 
gebet —  und  ein  zierliches  Gedicht  in  adonischen  Versen  (c.  264) 
unter  seinem  Namen.  —  Ferner  sind  zu  erwähnen  ein  paar 
Acrosticha,  die  zugleich  Bildergedichte  sind,  indem  auch 
hierin  wieder  Alcuin  an  Fortunat  erinnert'-);  das  eine  auf  das 
Kreuz  Christi  —  was  im  Hinblick  auf  Alcuins  Schüler,  Raban, 
wie  wir  sehen  werden,  besonders  bemerkenswerth  ist  —  das 
andere  auf  Karl  den  Grossen  als  Kaiser,  wie  er  denn  hier  Fla- 
vius  Anicius  Carlus  genannt  wird.^) 

Auch  einige  Räthsel  in  Hexametern,  namentlich  Logo- 
griphen,  haben  sich  erhalten  (c.  273  if.),  sowie  eine  Fabel 
vom  Hahn  und  Wolf  mit  christlicher  Anwendung  (c.  278). 

Noch  eines  besonderen,  und  zwar  ebenso  wichtigen  als 
anziehenden  Theils  der  Werke  Alcuins  ist  zu  gedenken,  der 
von  Haus  aus,  der  Tendenz  der  Abfassung  nach,  nicht  als  lite- 
rarisches Product  zu  betrachten  ist  und  daher  hier  erst,  anhangs- 
weise, behandelt  wird:  ich  meine  seine  Briefe,  von  denen  die 
meisten  doch  einen  rein  privaten  Charakter  haben,  andere  aller- 
dings schon  sogleich  mehr  oder  weniger  für  weitere  Kreise  be- 
stimmt waren.  (Die  bloss  in  Briefform  edirten  Abhandlungen 
rechne  ich  gar  nicht  hierher).  Indem  aber  schon  frühe  Samm- 
lungen von  ihnen  veranstaltet  wurden,  und  zwar  auch,  ob- 
schon  keineswegs  ausschliesslich,  zu  dem  Zweck  als  Muster 
des  Briefstils  zu  dienen,  so  treten  diese  Briefe  damit  auch  schon 
im  Ganzen  sehr  bald  in  den  Kreis  der  Literatur  ein.  Alcuin 
führte,  wie  früher  bemerkt,  eine  ausgedehnte  Correspondenz, 
auch  darin  den  späteren  Humanisten  gleichend:  und  obwohl 
eine  grosse  Anzahl  seiner  Briefe  verloren  gegangen  ist  ■*) ,  so 
haben  sich  doch  gegen  300  erhalten,  die  fast  alle  aus  der  Zeit 
seines  Aufenthaltes  im  Frankenreiche  stammen;  die  meisten  sind 
aber  in  Tours  geschrieben.  Die  grosse  Bedeutung  dieses  Mannes, 
wie  er  die  fortschreitende  Bewegung  der  Kultur  überall  anregt, 
oder  beeinflusst,  tritt  uns  aus  dieser  Briefsammlung  am  lebhaf- 


1)  Theodulf,  Carmina  1.  III,  c.  3. 

2)  S.  Bd.  I.  S.  511. 

3)  Beide  Acrosticha  zuerst  publicirt  von  Hagen  a.  a.  0.  S.  115  u.  123, 
und  vgl.  S.  215  u.  220. 

4)  S.  Sickel,  Alcuinstudien  I,  a.  a.  0.  S.  466. 


Briefe.  33 

testen  entgegen,  und  man  sieht  wie  dieser  Einfluss  auf  das  ganze 
Abendland  sich  erstreckt,  wie  denn  seine  Correspondenz  nicht 
bloss  bis  an  die  äussersten  Grenzen  des  Frankenreiches,  son- 
dern noch  darüber  hinaus  geht.  Seine  Rathschläge  und  Er- 
mahnungen sind  an  Könige  wie  an  den  Papst,  an  Bischöfe  und 
Mönche  wie  au  Hof-  und  Staatsbeamte,  an  Freunde  wie  an 
Fremde  gerichtet.  Sie  betreifen  bald  kirchliche  und  geistliche, 
bald  selbst  politische  Angelegenheiten,  bald  wissenschaftliche 
Fragen  der  verschiedensten  Art,  wie  auch  das  Schulwesen; 
oder  es  sind  die  Briefe  an  die  nächsten  Freunde  gerichtet,  rein 
vertraulicher  Natur,  um  den  mündlichen  Verkehr  zu  ersetzen, 
oder  es  spricht  auch  in  ihnen  zu  den  Schülern  der  sittlich 
bessernde  Mentor. 

In  der  Menge  dieser  Briefe,  die  kulturgeschichtlich  fast  alle, 
wenn  auch  die  einen  mehr,  die  andern  weniger,  von  Werth 
sind,  lassen  sich  schon  bei  flüchtigem  Ueberblick  drei  Haupt- 
gruppen leicht  unterscheiden.  Eine  solche  bildet  einmal  die 
nicht  geringe  Zahl  der  in  die  Heimath  England  gesandten,  sie 
gehören  vorzugsweise  zu  den  älteren  der  Sammlung,  indem  sie 
meist  aus  der  Zeit  stammen,  wo  Alcuin  noch  am  Hofe  Karls 
weilte.  Sie  haben  angelsächsische  Interessen  zum  Gegenstand, 
und  zeigen  die  warme  Heimaths-  und  Vaterlandsliebe,  die  Al- 
cuin sich  bewahrte,  sowie  andrerseits  das  hohe  Ansehen,  das 
er  bei  seinen  Landsleuten  hatte.  Er  spielt  in  diesen  Briefen 
mitunter  die  Eolle  des  Gildas,  den  er  selbst  auch  ein  paar 
Mal  citirt ') ,  indem  er  die  Fürsten  und  Grossen  zur  Eintracht 
den  feindlichen  Dänen  gegenüber,  und  sie  sowohl  als  den  Kle- 
rus zu  einem  tugendhaften  Leben  und  sittlicher  Erziehung  des 
Volks  ermahnt,  um  ein  Strafgericht  Gottes  abzuwenden,  wie 
dies  der  Kelte  Gildas  einst  bei  seinen  von  den  Angelsachsen  be- 
drängten Landsleuten,  freilich  erfolglos,  gethan.  Namentlich 
eifert  Alcuin  wiederholt  in  diesen  Briefen  gegen  das  ange- 
stammte Laster  der  Trunksucht,  aber  auch  gegen  andere  Fehler, 
wie  den  Kleiderluxus  des  angelsächsischen  Klerus  -),  ein  Fehler, 


1)  S.  Ep.  2S  (p.  206),  und  Ep.  SO  (p.  371)  wo  er  schreibt:  Discite 
Gyldum  Brittonem  sapientissimum ;  et  videte,  ex  quibus  causis  parentes 
Brittonum  perdiderunt  regnum  et  patriam;  et  considerate  vosmet  ipsos, 
et  in  vobis  pene  similia  invenietis.  j 

2)  S.  z.  B.  Ep.  .34  (p.  251). 

Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  II.  3 


34  Alcuin. 

von  dem  er  sieli  selbst,  wie  es  scheint,  auch  nicht  ganz  frei 
zu  erhalten  wusste. ')  Hervorgehoben  werde  hier  noch  ein 
Glückwunschschreiben  (Ep.  72)  an  den  eben  inthronisirten  Erz- 
bischof von  York  Eaubald  IL,  einen  Schüler  Alcuins,  worin  er 
demselben  ein  ganzes  Programm  seiner  neuen  Amtspflichten 
entwirft  und  dabei  auch  die  Pflege  der  Schule  besonders  aus 
Herz  legt,  ihm  den  Beistand  seines  Rathes  zusichernd.  Ein- 
zelne dieser  Briefe  zeigen  uns  Alcuin  auch  als  diplomatischen 
Vermitteler  zwischen  seiner  alten  und  seiner  neuen  Heimath. 

Eine  andre,  noch  wichtigere  Briefgruppe  bildet  die  Corre- 
spondenz  mit  Karl  dem  Grossen,  aus  welcher  wir  am  besten 
das  innige  vertrauliche  Verhältniss  beider  Männer  kennen  ler- 
nen, wie  namentlich  Alcuin  mit  wahrer  Liebe  an  seinem  gros- 
sen Schüler  hängt,  dessen  Wisseuseifer,  dessen  umfassende  Bil- 
dung er  immer  von  neuem  bewundert,  ohne  zum  Schmeichler 
zu  werden,  wenn  er  sich  auch  in  höfischen  Formen  ausdrückt. 
Er  hat  nicht  Unrecht,  wenn  er  Karl  rühmt,  dass  er  durch  Be- 
lohnungen und  Ehren  zur  Pflege  der  Wissenschaft  anfeuere  und 
zu  diesem  Zweck  ihre  Freunde  aus  den  verschiedensten  Thei- 
len  der  Welt  um  sich  versammele  (Ep.  170),  wenn  er  ihn  wegen 
seines  Strebens,  das  Volk  zu  bessern  und  zu  heben  und  das 
Christenthum  auszubreiten,  preist  (Ep.  78),  oder  ihm  das  Lob 
des  Satzes  zollt :  sapienter  interrogare  docere  est  (Ep.  24 1 ).  Vor- 
nehmlich ist  die  Correspondenz  mit  Karl  wissenschaftlicher  Na- 
tur, sie  setzt  gewissermassen  den  mündlichen  Unterricht  Al- 
cuins fort ,  nachdem  er  den  Hof  verlassen.  Karl  richtet  Fragen 
aus  den  verschiedensten  Wissenschaften,  namentlich  aber  aus 
der  Astronomie ,  an  Alcuin  und  zwar  über  solche  Punkte  haupt- 
sächlich ,  worüber  seine  gelehrte  Umgebung  ihm  nicht  befrie- 
digende Auskunft  gab  oder  anderer  Ansicht  als  sein  alter  Lehrer 
war.  Dieser  bildet  gleichsam  die  höchste  gelehrte  Instanz  für 
Karl,  auch  wenn  Andere  an  ihn  oder  seine  Hofschule  gelehrte 
Fragen  stellten  (s.  z.  B.  Ep.  239).  Aber  Alcuin  behandelt  auch 
wichtige  kirchlich-politische  Angelegenheiten  in  seinen  Briefen 
an  den  König,  wie  die  Art  der  Bekehrung  der  überwundenen 
Avaren,  die  Lage  des  Papstes  Leo,  das  neue  Kaiserthum. 

Eine  dritte  Hauptgruppe  bilden  die  Briefe  an  den  Erz- 
bischof Arno  von  Salzburg,  den  innigsten  Freund  Alcuins,  einst 


1)  Ep.  189  (p.  G6S). 


Briefe.  35 

seinen  Schüler.  Es  sind  zwischen  30  und  40  uns  erhalten ,  alle 
bis  auf  einen  aus  der  letzten  Lebenszeit  Alcuins  vom  Jahre 
796-S04.  Diese  Briefe  sind  die  vertraulichsten.  Hier  gibt 
öfters  Alcuin  seiner  Zärtlichkeit  für  diesen  Busenfreund  einen 
biblisch  schwungvollen,  selbst  schwülstigen  Ausdruck,  der  recht 
zeigt,  wie  viel  seinem  Herzen  eine  solche  brüderliche  Freund- 
schaft war  (s.  namentlich  Ep.  134)').  Er  steht  in  diesen  Brie- 
fen Arno  als  treuer  Berather  bei  allen  wichtigen  Angelegen- 
heiten zur  Seite,  so  bei  seinem  bischöflichen  Missionarberuf, 
so  als  Vorstand  des  Klosters,  wie  bei  dogmatischen  und  litur- 
gischen Fragen,  auf  welche  Alcuins  Antworten  selbst  zu  klei- 
nen Abhandlungen  anwachsen ;  er  unterstützt  ihn  mit  Büchern, 
er  wechselt  mit  ihm  Geschenke ,  trotz  der  grossen  Entfernung. 
Arno  war  zugleich  der  Vermittler  des  freundschaftlichen  Ver- 
kehrs Alcuins  mit  dem  noch  entfernteren  Paulin  von  Aquileja.  — 
Neben  diesen  drei  Hauptgruppen  der  Briefe  finden  sich  noch 
kleinere,  sowie  einzelne  Briefe,  denn  die  Zahl  der  Adressaten 
ist  keine  geringe.  Im  allgemeinen  sind  die  Briefe  Alcuins 
gut  geschrieben,  insofern  der  Ausdruck  klar  und  natürlich  ist, 
von  Schwulst  und  Prätension  sich  freihält,  am  besten  stilisirt 
sind  wie  bei  den  poetischen  Episteln  die  an  Karl  gerichteten. 
Man  sieht  da,  wie  Alcuin  schreiben  konnte,  wenn  er  sich 
Mühe  gab. 

Hat  auch  Alcuin  durch  seinen  persönlichen  Einfluss,  wel- 
chen gerade  seine  Briefe  vor  allem  bezeugen,  zu  dem  neuen 
Aufschwung,  welchen  die  Weltliteratur  nahm,  noch  mehr  bei- 
getragen als  durch  seine  literarischen  Leistungen,  so  haben 
doch  auch  diese  denselben  nicht  wenig  gefördert  oder  in  seiner 
ferneren  Entwickelung  bestimmt.  Alcuin  hat  nicht  bloss,  wie 
bemerkt,  durch  seine  philosophischen  und  dogmatischen  Ar- 
beiten angeregt  und  in  seinen  Bibelcommentaren  ein  Muster  für 
die  Folgezeit  geliefert,  das  seine  Einflüsse  selbst  auf  die  Natio- 
nalliteratureu  erstreckt,  sondern  er  hat  auch  durch  seine  Dich- 
tung, und  hier  noch  bedeutender  eingewirkt,  trotzdem  er  kein 


1)  Dieser  Brief  beginnt :  AquUae  inter  omnes  Alpine  celsitudinis  aves 
carissimo  Albinus  salutem.  0  si  mihi  translatio  Abacuc  esset  coucessa  ad 
te:  quam  tenacibus  tua  colla  strinxissem,  0  dulcissime  fili,  amplexibus:  nee 
me  longitudo  aestivi  diei  fessum  efficeret,  quin  minus  premerem  pectus  pec- 
tore,  OS  ori  adiungerem,  donec  singulos  cori^oris  artus  dulcissimis  oscularer 
salutationibus. 

•6* 


^6  Paulus  Diaconus. 

poetischer  Genius  war,  denn  er  hat  in  seiner  epistolographischen 
und  epigrammatischen  Gelegenheitspoesie,  wie  in  seinen  bu- 
kolischen Elegien,  und  zum  Theil  auch  in  seinem  vaterländi- 
schen epischen  Gedichte  Beispiele  einer  rein  weltlichen  Dich- 
tung gegeben,  welche  auf  die  lateinischen  Klassiker,  namentlich 
Virgil  und  daneben  Ovid,  als  ihre  Vorbilder  unmittelbar  hinwies. 


ZWEITES  KAPITEL. 


PAULUS   DIACONUS. 


Die  Emancipation  der  Literatur  von  der  geistlichen  Herr- 
schaft, wodurch  ganz  wesentlich  ihr  neuer  Aufschwung  be- 
dingt ward,  tritt  uns  aber  an  Karls  Hofe  gleichzeitig  noch 
von  einer  anderen  Seite  entgegen,  die  auch  von  der  Schule, 
aber  nicht  von  der  der  Angelsachsen,  sondern  von  der  der 
Italiener  ausgeht ;  dennoch  ist  auch  ihr  Hauptrepräsentant  sei- 
ner Abstammung  nach  ein  Germane.  Es  ist  der  berühmte  Ge- 
schichtschreiber der  Langobarden,  Paulus,  nach  seinem  Stande 
gewöhnlich  Paulus  Diaconus  i)   genannt.     Derselbe  war ,    ein 


I)  Pauli  historia  Langobardorum  in:  Monumenta  Germ.  bist.  Script, 
rerum  langobard.  et  Italic.  Saec.  VI— IX.  4.  (Praef.)  (auch  in  usum  Scho- 
lar.) Hannover  1878.  ^  Historia romana  in:  Monum.  Germ.  hist.  Auetor.  anti- 
quissimor.  Tom.  II:  Eutropi  bx-eviarium  cum  version.  graecis  et  Pauli 
Landolfique  addidamentis  rec.  et  annot.  H.  Droysen.    Berlin  1879.   (Praef.) 

—  Gesta  episcoporum  Mettensium  in:  Mon.  Germ.  hist.    Script.  T.  II.  p.  260. 

—  Vita  S.  Gregorii  M.  in :  Mabillon,  Acta  S.  S.  ord.  Bened.  Saec.  I.  —  Homi- 
liaein:  Martene  et  Durand,  Veterum  scriptor.  coUectio  Tom.  IX.  u.  in:  Tosti, 
Storia  di  Monte  Casino.  —  Gedichte,  einzeln  edirt,  s.  M'eiter  unten.  —  — 
Bethmann,  Paulus  Diaconus'  Leben  u.  Schriften,  und  Die  Geschichtschrei- 
bung der  Langobarden,  beides  in  Pertz'  Archiv  der  Gesellsch.  für  ältere 
deutsche  Geschichtskunde  Bd.  X.  Hannover  1851.  —  Dahn,  Paulus  Dia- 
conus. I.  Abtheilung.  Leipzig  1876.  —  Hartel,  Eutropius  und  Paulus 
Diac.  in:  Sitzungsber.  der  ijhil.  hist.  Gl.  der  Wiener  Akad.  Bd.  LXXI.  1872. 

—  Bauch,  Ueber  die  Historia  romana  des  Paul.  Diac,  eine  Quellen  Unter- 
suchung. Göttingen  1873  (Dissert.).  —  Droysen,  Die  Zusammensetzung  der 
Historia  rom.  des  Paul.  Diac.  in:  Forschungen  zur  deutschen  Geschiclite 
Bd.  XV.  —  Jacobi,  Die  Quellen  der  Langobardengeschichte  des  Paul.  Diac. 
Halle  1877.  —  Mommsen,  Die  Quellen  der  Langobardengeschichte  des  Paul. 
Diac.  im  Neuen  Archiv  der  Gesellsch.  f.  ältere  Geschichtskunde  Bd.  V, 
S.  51  ff.  —  Dümmler,  N.  A.  S.  102  ff. 


Leben.  37 

Sohn  des  Warnefricl,  im  dritten  Decennium  des  8.  Jahrhunderts 
geboren,  also  jedenfalls  etwas  älter  als  Aleiiin.  Er  stammte 
aus  Friaul  und  von  edlem  langobardischem  Geschlechte.  Dem 
gemäss  wurde  er  auch  am  königlichen  Hofe  zu  Pavia  erzogen. 
Flavianus  war  sein  Hauptlehrer.  Wie  seine  Werke  zeigen,  war 
seine  Ausbildung  eine  für  jene  Zeit  vortreffliche,  namentlich 
erlernte  er  auch  die  griechische  Sprache.  Paulus,  der  wohl 
schon  unter  König  Ratchis  (744 — 49)  und  durch  den  Einfluss 
desselben')  —  welcher  selbst  vom  Thron  in  das  Kloster  sich 
zurückzog  —  den  Laienstand  mit  dem  geistlichen  vertauscht 
hatte,  trat  zu  dem  Königshaus  des  Desiderius  (756 — 774)  in 
nahe  Beziehung ;  namentlich  wurde  er  der  Lehrer  der  Tochter 
desselben,  Adelperga,  der  Gemalin  des  Herzogs  von  Bene- 
vent, Arichis,  dem  er  eine  gleiche  Anhänglichkeit  widmete, 
vielleicht  um  so  mehr  als  dessen  Geschlecht  auch  aus  Friaul 
stammte.  An  ihrem  Hofe  fand  er,  zumal  nach  dem  Untergang 
des  Reichs  von  Pavia,  eine  zweite  Heimath,  indem  er  diesem 
hochgebildeten  Fürstenpaar  auch  mit  seiner  literarischen  Thätig- 
keit  diente.  Trotzdem  zog  er  sich,  vielleicht  in  Folge  jenes 
dem  Patrioten  so  schmerzlichen  Ereignisses"-),  in  das  berühmte 
Kloster  von  Montecasino  zurück.  Aber  ein  besonderer  Anlass 
rief  ihn  noch  einmal  und  auf  mehrere  Jahre  in  die  Welt  wieder 
und  brachte  ihn  zugleich  in  die  nahe  Beziehung  zu  Karl  dem 
Grossen.  An  einem  Aufstand  gegen  die  Franken  in  Friaul  im 
Jahr  776  hatte  sich,  wie  es  scheint,  auch  der  Bruder  des 
Paulus,  Arichis  betheiligt;  er  war  wenigstens  von  ihnen  ge- 
fangen fortgeführt  und  sein  und  der  ganzen  Familie  Vermögen 
confiscirt  worden'^).     Als  nun  Karl  bei  seiner  Rückkehr  nach 


1)  Das  scheint  wohl  angezeigt  durch  die  Verse  der  auf  Paulus  verfass- 
ten  Grabschrift; 

Omnia  sophiae  caqjisti  culmina  sacrae, 

Rege  monente  pio  Ratchis,  penetrare  decenter. 

2)  Wie  dies  Dahn  S.  23  annimmt. 

3)  Ohne  Frage  der  angestammte  Grundbesitz.  Denn  dass  nicht  bloss 
von  dem  Vermögen  des  Arichis  die  Rede  sein  kann ,  wie  man  ganz  allge- 
mein annimmt,  zeigt  offenbar  die  Art,  wie  sich  Paulus  in  der  poetischen 
Supplik  ausdrückt: 

Coniunx  est  fratris  rebus  exclusa  paternis, 
lamque  sumus  servis  rusticitate  pares, 
Nobilitas  perüt  miseris,  accessit  egestas. 


38  Paulus  Diaconus. 

Italien  im  Jahre  781  sieh  gegen  die  Langobarden  gnädig  ge- 
zeigt hatte,  so  wagte  es  Paulus  im  folgenden  Jahre,  den  König 
um  Freilassung  seines  Bruders,  sowie  um  Restitution  des  Ver- 
mögens der  Familie  zu  bitten,  in  einer  Supplik,  die  in  Form 
einer  Elegie  verfasst  war.  Karl  erfüllte  zwar  die  Bitte ,  wenig- 
stens was  die  Freilassung  betrifft,  nicht  alsbald,  aber  er  fes- 
selte Paulus  an  seinen  Hof,  so  dass  dieser  dort  von  782  an 
die  folgenden  Jahre  bis  spätestens  786  verweilte'),  auch  noch 
für  andere  gefangene  Landsleute  sich  verwendend.  Nicht  bloss 
wirkte  er  als  Hofdichter  dort  zur  ästhetischen  Unterhaltung 
Karls  in  Gemeinschaft  mit  dem  anderen  Italiener,  Petrus  von 
Pisa ,  sondern  er  war  auch  sonst  als  Schriftsteller  für  den  König 
thätig,  wenn  er  auch  die  schon  erwähnte  Homiliensammlung 
erst  in  seinem  Kloster  vollendet  hat, 2)  Zugleich  wirkte  er 
als  Lehrer  im  Griechischen  am  Hofe,  namentlich  unterrichtete 
er  darin  die  Geistlichen,  welche  die  781  mit  dem  byzantini- 
schen Kronprinzen  verlobte  Tochter  Karls  Eotrude  später  nach 
Konstantinopel  begleiten  sollten.  —  Aber  Paulus  sehnte  sich  stets 
nach  der  beschaulichen  Ruhe  seiner  Klosterzelle  zurück,  immer 
schweiften  seine  Gedanken  dorthin :  und  so  finden  wir  ihn  denn 
im  Jahre  787  wieder  in  Montecasino,  wo  er  hochangesehen 
war  wegen  seiner  Frömmigkeit,  Liebenswürdigkeit  und  Gelehr- 
samkeit, welche  letztere  auch  manche  ausgezeichnete  Schüler 
dort  bildete.^)  Seine  literarische  Thätigkeit,  in  der  er  nicht 
ermüdete,  widmete  er  jetzt  zum  Theil  dem  Kloster  selbst,  in- 
dem er  eine  Erläuterung  der  Regel  des  h.  Benedict,  sowie  Ho- 
milien  verfasste;  zugleich  aber  schrieb  er  jetzt  dort  sein  be- 
rühmtestes Werk,  die  Geschichte  seines  Volkes ;  inmitten  dieser 
Arbeit  überraschte  den  Hochbetagten  der  Tod,  wahrscheinlich 
noch  in  den  letzten  Jahren  des  achten  Jahrhunderts. 

Die  Werke  des  Paulus  lassen  sich  in  drei  Klassen  thei- 
len:  1)  historische,  2)  praktisch-theologische,  3)  poetische.  Am 
wichtigsten  ist  die  erste ,  die  auch  das  älteste  der  Prosawerke 


1)  787  befand  sich  Paulus  sicher  in  Italien  wieder  (s.  Dahn  S.  55);  im 
November  7S6  aber  zog  schon  Karl  der  Grosse  selbst  dorthin.  S.  Abel, 
Jahrbücher  des  fränk.  Reichs  unter  Karl  d.  Gr.    Berlin  IS66.  I,  S.  4ül. 

2)  S.  oben  S.  9. 

3)  S.  Bethmann  S.  270  f.  —  Von  ihr  legt  recht  Zeugniss  ab  der  Aus- 
zug des  Festus,  der  jetzt  Paulus  Diaconus  gewiss  mit  Recht  zugeschrieben 
wird.     S.  darüber  Mommsen  a.  a.  0.  S.  55. 


Historia  romana.  39 

des  Paulus  iu  sich  schliesst.  Es  ist  dies  die  durch  Paulus' 
Beziehungen  zu  dem  Hofe  von  Benevent  veranlasste ,  noch  vor 
seiner  Reise  nach  Frankreich,  etwa  um  770')  verfasste  Be- 
arbeitung, d.  h.  Erweiterung  und  Fortsetzung  des  Eutrop, 
welche  den  Titel  Historia  romanu  führt.  Sie  ist  seiner  Schüle- 
rin Adelperga  gewidmet,  ja  für  sie  verfasst.  Wie  das  Wid- 
mungsschreiben besagt,  liebte  die  Herzogin  nicht  bloss  der 
Philosophen  goldene  Worte  und  der  Dichtung  Perlen  ihrem 
Gedächtniss  einzuprägen,  sondern  auch  die  Geschichte,  und 
zwar  sowohl  die  weltliche  als  die  des  Reiches  Gottes,  eifrig 
zu  studiren.  Paulus  hatte  ihr  deshalb  den  Eutrop  zur  Leetüre 
gegeben."-)  Dieser  aber  befriedigte  sie  nicht,  sowohl  wegen 
seiner  übertriebenen  Kürze ,  als  weil  der  Heide  der  Geschichte 
der  christlichen  -Religion  und  Kirche  gar  nicht  gedachte.  Adel- 
perga hatte  deshalb  Paulus  aufgefordert,  diese  Mängel  zu  er- 
gänzen. Derselbe  entsprach  nun  nicht  bloss  diesem  Wunsche, 
sondern  setzte  auch  das  Werk,  das  bekanntlich  nur  bis  Valens 
reicht,  bis  auf  die  Zeiten  des  Justinian  —  und  zwar  bis  kurz 
vor  dem  Einfall  der  Langobarden  in  Italien  fort ,  indem  er  den 
zehn  Büchern  des  Eutrop  noch  sechs  neue  hinzufügte.  Für 
die  Erweiterung  des  Eutropischen  Textes,  dem  Paulus  auch 
eine  kurze  Vorgeschichte  Italiens  (vor  Roms  Gründung)  vor- 
ausschickt, hat  derselbe,  was  die  profane  Geschichte  betrifft, 
namentlich  Hieronymus  und  Orosius ,  dann  auch  die  Orifjo  tjen- 
tis  romanae^),  Aurelius  Victor  und  Jordanis'  Weltchronik,  was 
die  sacrale  Geschichte  aber  anlangt,  die  übrigens  hier  nur  sehr 
wenig  bedacht  wird,  die  beiden  erst  genannten  benutzt.  Die 
Zusätze,  bald  längere,  bald  kürzere,  sind  möglichst  wörtliche 


1)  S.  Dahn  a.  a.  0.  S.  15. 

2)  Cum  ad  imitationem  excellentissimi  comparis.  qiii  nostra  aetate  so- 
lus  paene  principum  sapientiae  palmam  teilet,  ipsa  quoque  subtili  iiigenio 
et  sagacissimo  studio  prudentium  arcana  rimeris,  ita  ut  philosophorum 
aiirata  eloquia  poetarumque  gemmea  dicta  tibi  in  promptu  sint,  historiis 
etiam  seu  commentis  tarn  divinis  inhaereas  quam  muiidanis,  ipse  qui  ele- 
gantiae  tuae  studiis  semper  faiitor  extiti,  legendam  tibi  Eutropii  historiam 
tripudiaiis  obtuli.  Diese  Stelle  beleuchtet  ziigleicli  recht  das  Verhältiiiss 
des  Paulus  zu  dem  herzoglichen  Ehepaar. 

.3)  Die  nach  Mommsen  (im  Hermes  Bd.  XIIl  in  einer  vollständigeren 
Gestalt  ihm  vorlag.  —  S.  über  die  Quellen  und  ihre  Behandlung  des  Pau- 
lus Droysens  Schrift  und  das  Prooemium  seiner  Ausg.  p.  XXXVIII  ff. 


40  Paulus  Diaconus. 

Excerpte'),  bei  deren  Einschaltung  so  wenig  als  nur  möglich 
die  Erzählung  des  Eutrop  berührt  wird,  so  dass  nicht  einmal 
persönliche  Bemerkungen  dieses  Autors  von  Paulus  geändert 
wurden;  die  Verknüpfung  geschieht  deshalb  in  ganz  äusser- 
licher  Weise  durch  ein  igitur,  siquidem,  circa  haec  tempora 
u.  dergl.  Dagegen  hat  Paulus  in  sprachlicher  Beziehung  ein- 
zelnes geändert,  indem  er  ungewöhnlichere  Formen  und  Con- 
structionen  corrigirte.  Die  Fortsetzung  des  Eutrop  aber,  die 
sechs  letzten  von  Paulus  selbst  verfassten  Bücher,  ist  auch 
bloss  eine  Compilation,  zunächst  (bis  ins  dreizehnte  Buch)  noch 
aus  denselben  Hauptquellen,  indem  von  ihnen  Orosius  den 
Leitfaden  liefert;  dann,  als  diese  versiegen,  ausser  aus  Jor- 
danis'  Werken,  deren  Benutzung  jetzt  ganz  in  den  Vordergrund 
tritt,  vornehmlich  aus  Prospers  und  Beda's  Weltchroniken, 
wozu  noch  einige  andere  weniger  benutzte,  zum  Theil  selbst 
noch  unbekannte  Vorlagen  kommen.  Paulus  scheint  in  der 
Regel  eine  Zeitlang  allemal  einer  Hauptquelle  gefolgt  zu  sein, 
zwisch'en  deren  Excerpte  er  dann  die  anderen  einschaltete. 
Leider  ist  er  bei  seiner  compilirenden  Arbeit  nicht  mit  der 
nöthigen  Sorgfalt  und  Treue  verfahren,  was  namentlich  auch 
von  der  Chronologie  gilt. 

Die  H/storia  rojymna  wurde  später  von  einem  Andern  noch 
um  ein  Buch  vermehrt,  welches  ein  Auszug  aus  der  Lango- 
bardengeschichte des  Paulus  ist,  indem  sein  Verfasser  wohl 
das  von  Paulus  in  der  Widmung  gegebene  Versprechen,  das 
Werk  bis  auf  seine  Zeit  fortzuführen,  erfüllen  wollte.'^)  Eine 
andre  Fortsetzung,  die  zugleich  eine  Bearbeitung  in  derselben 
Art  ist  als  sie  Eutrop  durch  Paulus  erfahren  ^),  fand  das  Werk 
Ende  des  folgenden,  oder  Anfang  des  zehnten  Jahrhunderts 
durch  einen  gewissen  Land olfus  Sagax.  Dieses  Werk,  wel- 
ches man  später  Histoj^ia  miscel/a  betitelt  hat,  führt  die  Ge- 
schichte bis  zum  J.  813  fort,  namentlich  auf  Grund  der  872 
verfassten  Kirchengeschichte  des  Anastasius.  Die  Historia  ro- 
mana  wie  ihre  Fortsetzung  genossen  im  Mittelalter  grosses  An- 
sehen und  ausserordentliche  Verbreitung. 

1)  Nur  der  weitläufigere  Orosius  wurde  wesentlich  gekürzt. 

2)  S.  Bethmann  S.  310.   —   Dies  Buch  findet  sich   im  Appendix   der 
Ausg.  von  Droysen  p.  396  ff. 

3)  Indem  sich  der  Bearbeiter  auch  fast  derselben  Quellen  als  Paulus 
bediente.    S.  d.  Ausg.  von  Droysen  p.  LXV. 


Gesta  episcoijorum  Mettensium.  41 

Während  seines  Aufenthaltes  im  Frankeureich,  wahrschein- 
lich im  J.  784'),  verfasste  Paulus,  auf  den  Wunsch  des  Bi- 
schofs von  Metz,  Angilram  nach  dem  Muster  der  Gesta  fonti- 
ßcum  Romanonim  die  Gesta  episcoporum  Mettensium,  eine  kurze 
Geschichte  der  Bischöfe  von  Metz,  von  dem  ersten  Verkünder 
des  Evangeliums  dort,  dem  heil.  Clemens,  welchen  Petrus  selbst 
noch  gesandt  haben  sollte,  bis  auf  Angilram.  Diese  Geschichte 
gibt  aber  zu  einem  guten  Theil  nichts  weiter  als  ein  Verzeich- 
niss  von  Namen,  denen  kurze  Notizen  aus  der  Tradition  bei- 
gefügt sind;  nur  ein  paar  Bischöfe  sind  auf  Grund  schrift- 
licher Quellen  ausführlicher  behandelt,  wie  Auetor  zur  Zeit 
Attila's  nach  Gregor  von  Tours  und  Fredegar,  und  der  Stamm- 
vater der  Arnulfingen.  Aus  seinem  Leben  erzählt  Paulus  zwar 
nur  die  bekannte  Anekdote  von  dem  King  2),  welche  er  von 
Karl  dem  Grossen  selbst  gehört  hatte,  und  die  Sage  von  dem 
Segen,  welchen  Arnulf  seinem  jüngeren  Sohn  ertheilte,  aber 
er  gedenkt  dann  auch  der  Nachkommen  des  letzteren,  bis  auf 
Karl  selbst  und  seine  Familie,  indem  er  in  einer  kurzen  Cha- 
rakteristik derselben  zeigt,  wie  sich  an  ihnen  jener  Segen  er- 
füllte. Die  Grösse  Karls  erkennt  Paulus  da  mit  beredten  Wor- 
ten an^),  wie  er  zugleich  seine  Milde  gegen  die  Langobarden 
rühmt.  Hier  hat  denn  auch  Paulus  die  Epitaphien  eingeschal- 
tet, die  er  auf  Befehl  Karls  auf  d  i  e  Mitglieder  seiner  Familie, 
welche  im  Oratorium  Arnulfs  in  Metz  bestattet  worden,  ver- 
fasst  hat:  es  sind  zwei  Schwestern  Karls,  seine  zweite  Ge- 
malin  Hildegarde  und  zwei  Töchter  derselben.  Am  Schluss 
wird  noch  des  unmittelbaren  Vorgängers  Angilrams,  Chrode- 
gang,  ausführlicher  gedacht,  von  dem  hier  unter  anderm  ge- 
rühmt wird,  dass  er  ebenso  beredt  in  der  Muttersprache  als 
im  Lateinischen  gewesen  sei.^) 

Dem  Gegenstand  nach  etwas  verwandt  ist  eine  andre  kleine 
kirchengeschichtliche  Schrift  des  Paulus,  die  zu  Rom  und  wohl 


1)  S.  Pertz,  Praef. 

2)  Vgl.  Bd.  I,  S.  579,  Arnn.  3. 

3)  De  quo  viro  nescias,  utrum  virtutem  in  eo  bellicam,  an  sapientiae 
claritatem  omniumque  liberalium  artinm  magis  admireris  peritiam.  1.  1. 
p.  265. 

4)  Fuit  autem eloquio  facundissimus,  tara  patrio  quamque  etiam 

latino  sennone  imbutus.    1.  1.  p.  267. 


42  Paulus  Diaconus. 

bald  nacli  seiner  Rückkehr  aus  dem  Frankeureiche  verfasst  ist ') : 
das  Leben  Gregors  des  Grossen,  das  Paulus  selbst  in 
seiner  Langobardengeschichte  anführt.  Es  ist  aber  fast  ganz 
eine  blosse  Compilation  aus  dem  langen,  diesem  Papst  gewid- 
meten Abschnitte  der  Kirchengeschichte  Beda's  -)  und  den  Wer- 
ken Gregors  selbst.  Und  Paulus  zeigt  in  der  Behandlung  sei- 
nes Gegenstandes  keinen  Blick  für  das  geschichtlich  Bedeu- 
tende, denn  gerade  die  wichtigsten  Seiten  der  Thätigkeit  dieses 
grossen  Papstes  werden  von  ihm  nicht  einmal  berührt,  seine 
politische  Wirksamkeit,  welche  die  Unabhängigkeit  Roms  von 
Byzanz  begründete,  wie  seine  Reform  der  Liturgie;  qs  wird 
gleichsam  bloss  sein  Privatleben  gegeben:  nur  ist  bemerkens- 
werth,  dass  Paulus  nicht  der  Wunder  Gregors  gedenkt'^),  ja  so- 
gar keine  solchen  von  ihm  annimmt,  indem  er  sagt,  Gregor 
hätte  wohl  Wunder  thun  können,  es  aber  nicht  gewollt.^) 

Weit  bedeutender  und  wichtiger  als  diese  früheren  histo- 
rischen Schriften,  ja  die  wahre  Grundlage  des  Ruhms  unsers 
Autors  ist  seine  HistoHa  Lamjobardornm ,  von  der  er  sechs 
Bücher  in  Montecasino  nach  seiner  Rückkehr  vollendete.  Denn 
das  Werk  ist,  wie  eine  Stelle  im  letzten  Kapitel  zeigt,  wo  er 
etwas  später  Geschehenes  an  seinem  Orte  erzählen  zu  wollen 
bemerkt,  nicht  beendet,  wie  denn  auch  Vorrede  sowohl  als 
Schluss  fehlen  —  ein  Schluss  nämlich  für  das  Ganze,  denn 
das  sechste  Buch  ist  offenbar  beendet,  indem  dasselbe  mit  dem 
Tode  Liutprauds,  eines  der  bedeutendsten  Könige,  (744)  einen 
passenden  Abschluss  findet.  Auch  die  nicht  verbesserten  Sprach- 
fehler legen  für  die  Nichtvollendung  des  Ganzen  Zeugniss  ab.') 

Die  Vertheilung  des  Stoffs  auf  die  sechs  Bücher  ist  die 
folgende.     Das  erste  umfasst  die  Geschichte  der  Langobarden 


1)  S.  Dahn  S.  56  f. 

2)  S.  Bd.  LS.  597. 

3)  Denn,  wie  Bethmann  nachgewiesen  S.  305,  ist  der  sie  behandelnde 
Abschnitt  der  Ausgaben  wie  der  meisten  Handschriften  eine  Interpolation, 
die  mit  der  oben  gegebenen  Erklärung  des  Paulus  in  vollem  Widerspruche 
steht. 

4)  lam  vero  utrum  aliquibus  vir  iste  tanti  meriti  miraculis  claruei'it, 
superfluo  quaeritur,  quod  luce  clarius  constat  quod  is  qui  virtutum  signa 
suis  meritis  valuit  aliis  quoque  Christo  largiente  acquirere,  si  exegisset  op- 
portunitas,  facilius  poterat  haec  etiam  ipse  promereri. 

5)  S.  Waitz,  Praef.  p.  27. 


Y.  Gregorii.     Ilistoria  Langobardorum.  43 

Y^or  ihrem  Einfall  in  Italien,  indem  liier  zunächst  von  ihren 
ältesten  Sitzen  in  Skandinavien,  dann  von  ihrem  Auszug  von 
dort,  ihren  Wanderungen  und  Kämpfen  bis  auf  die  Zerstörung 
des  Gepidenreichs  durch  Alboin  gehandelt  wird;  ausserdem 
sind  noch  vor  dem  letzten  (27.)  Kapitel  zwei  aus  dem  Gebiet 
der  allgemeinen  Geschichte  eingeschaltet,  das  eine  (c.  26)  offen- 
bar aus  persönlichem  Interesse  des  Autors:  es  ist  nämlich  dem 
heil.  Benedict  gewidmet,  der  „in  jenen  Tagen  durch  seine  Tu- 
genden glänzte",  und  der  Gründung  des  Klosters  Montecasino 
durch  ihn ;  zwei  Gedichte  des  Paulus ,  die  seine  AYunder  be- 
singen, werden  hier  mitgetheilt.  In  dem  andern  Kapitel  (25) 
aber  wird  vornehmlich  des  Kaisers  Justinian  gedacht,  der  so- 
wohl wegen  der  durch  Belisar,  namentlich  auch  über  germa- 
nische Völker,  erfochtenen  Siege,  wie  als  Gesetzgeber  geprie- 
sen wird.  —  Das  zweite  Buch  wird  eingeleitet  durch  die 
Darlegung  der  früheren  Beziehungen  des  Narses  zu  den  Lango- 
barden, welche  seine  Foederati  im  Krieg  mit  den  Gothen  waren, 
die  Eroberung  Italiens  durch  ihn  und  die  von  ihm  an  Alboin 
ergangene  Einladung,  sich  dieses  Landes  zu  bemächtigen  (c.  5). 
Hierauf  wird  denn  die  Einnahme  Oberitaliens  durch  Alboin 
und  die  Geschichte  seiner  Regierung  sowie  seines  ersten  Nach- 
folgers dort,  Cleph  erzählt.  Noch  wird  im  letzten  Kapitel  des 
zehnjährigen  Interregnums  gedacht,  das  nach  dem  Tode  des 
Cleph  eintrat.  Auch  in  diesem  Buche  linden  sich  ein  paar 
Episoden,  eine  längere  c.  15 — 24,  worin  eine  kurze  Beschrei- 
bung der  Provinzen  Italiens  gegeben  wird'),  und  eine  kürzere 
c.  13,  die  dem  Dichter  Fortunatus  gewidmet  ist.  —  Den  In- 
halt des  dritten  Buches  bildet  die  Geschichte  des  Interreg- 
nums und  der  Regierung  des  Authari,  des  Sohnes  Clephs:  die 
Beziehungen  zu  dem  Frankenreiche  wie  Byzanz,  meist  freilich 
feindlicher  Natur,  führen  hier  auch  zu  einer  weiteren  Berück- 
sichtigung dieser  Reiche,  die  mehrfach  aber  einen  rein  epi- 
sodischen Charakter  hat.  —  Das  vierte  Buch  behandelt  die  Re- 
gierung einer  ganzen  Anzahl  von  Königen ,  die  sich  zum  Theil 
rasch  folgten,  von  Agilulf  au,  welchen  Authari's  Wittwe,  Theu- 
delinde,  wie  schon  das  letzte  Kapitel  des  vorigen  Buchs  be- 
richtet,  sich   zum  Gemal  erkiest,  bis  auf  die   Söhne  Ariperts, 


1)  S.  über  dies  Verzeichniss  der  italischen  Provinzen  und  seine  Quelle 
Mommsen  S.  S4  ff. 


44  '  Paulus  Diaconus. 

Perctarit  und  Godepert,  deren  Zwietracht  das  Reich  von  Pavia 
in  die  Hände  des  Herzogs  von  Benevent  Grimuald  bringt,  wie 
noch  am  Schlüsse  erzählt  wird.  Neben  einigen  Mittheilungen 
aus  der  allgemeinen  Geschichte  findet  sich  hier  auch  eine  in- 
teressante Abschweifung  rein  persönlicher  Natur  über  das  Ge- 
schlecht und  namentlich  den  Urgrossvater  des  Autors,  Leu- 
pichis,  der  allein  von  seiner  Familie  aus  der  Gefongenschaft 
der  Avaren  entflieht  und  unter  grossen  Gefahren  nach  Italien 
zurückkehrt  (c.  37).  —  Das  fünfte  Buch  hebt  mit  der  Re- 
gierung Grimualds  an;  nach  seinem  Tode  gewinnt  Perctarit 
wieder  den  Thron,  und  ihm  folgt  sein  Sohn  Cunincpert;  die 
Geschichte  des  letzteren  wird  aber  hier  nur  bis  zu  seinem 
Siege  über  den  Usurpator  Alahis  erzählt.  Der  Schluss  der- 
selben wird  im  Anfang  des  letzten  Buches  gegeben,  welches 
dann  vornehmlich  die  Geschichte  des  Aripert,  eines  Enkels 
des  Godepert,  und  die  des  Liutprand  zum  Gegenstand  hat, 
mit  dessen  Ende  das  ganze  Werk  schliesst. 

Diese  Disposition  des  Stoffes  ist  mit  Ueberlegung  und  Ver- 
ständuiss  gemacht ,  sie  ist  weder  eine  willkürliche ,  noch  durch 
Aeusserlichkeiten  bestimmte ;  vielmehr  sind  es  mehr  oder  weni- 
ger Epoche  machende  Ereignisse,  welche  die  Einschnitte  bilden, 
so  zwischen  dem  ersten  unfl  zweiten  Buch  der  Einfall  in  Ita- 
lien, zwischen  dem  zweiten  und  dritten  das  Interregnum,  zwi- 
schen dem  dritten  und  vierten  der  Tod  des  Königs  Authari 
—  das  Erlöschen  der  Dynastie  des  Cleph ,  zwischen  dem  vier- 
ten und  fünften  der  Uebergang  des  Thrones  an  den  Herzog 
von  Benevent,  der  also  die  ganze  langobardische  Macht  im 
Süd  wie  im  Nord  vereinigt.  Dass  endlich  mit  Liutprand  ein 
Buch  (das  letzte)  schliesst ,  ist  auch  durch  die  Bedeutung  dieses 
Königs  vollkommen  gerechtfertigt.  Fraglich  kann  nur  sein, 
weshalb  der  Sieg  des  Cunincpert  über  Alahis  Epoche  macht, 
das  fünfte  Buch  beendend :  ich  vermuthe ,  dass  Alahis ,  der  als 
Verächter  der  Geistlichkeit  von  Paulus  mit  den  schwärzesten 
Farben  geschildert  wird,  der  letzte  der  arianischen  Könige  war. 
Der  Klerus  —  und  nach  der  Art,  wie  er  von  Paulus  gerühmt 
wird,  kann  es  nur  der  orthodoxe  sein  —  nimmt  in  jenem  Kriege 
auf  das  thätigste  für  Cunincpert  Partei').     Weniger   als    die 


1)  Paulus  selbst  äussert  sich  allerdings  über  die  Confession  des  Alabis 
nicht,  aber  dies  geschieht  überhaupt,  irr'  ich  nicht,  nur  einmal  bei  einem 


Historia  Langobardorum.  45 

Composition  des  Ganzen  ist  die  Ordnung  des  Stoffes  innerhalb 
der  einzelnen  BUclier  zu  rühmen;  der  Faden  der  Erzählung- 
wird nicht  selten,  wie  angedeutet,  durch  Einschaltungen  von 
Anekdoten,  Sagen,  geographischen  Excursen  oder  Mittheilun- 
geu  aus  der  allgemeinen  Geschichte  unterbrochen,  welche  letz- 
teren allerdings  nur  die  Völker  betreffen,  die  mit  Italien  zu 
der  Zeit  gerade  in  Beziehung  stehen,  denn  die  Langobarden- 
geschichte erweitert  sich  dem  Paulus  zu  einer  Geschichte  von 
Italien,  schon  indem  er  den  Sitz  des  Papstthums,  Rom,  be- 
sonders berücksichtigt')-  Die  Chronologie,  worin  Beda  sein 
Führer  ist,  bildet  offenbar  allein  das  leitende  Princip  bei  der 
Anordnung  und  Einreihung  der  Ereignisse,  Paulus  nimmt  es 
aber  leider  auch  in  diesem  Werke  mit  ihr  selir  wenig  genau, 
wie  er  denn  auch  mit  sehr  seltenen  Ausnahmen  nur  ganz  un- 
bestimmte Zeitangaben  macht,  wie  „um  diese  Zeit",  „nach 
einigen  Jahren"  und  dergl.  Die  oft  so  lose  und  geringe  Ver- 
bindung der  einzelnen  Abschnitte  seiner  Erzählung  erklärt  sich 
aber  aus  der  Art  seiner  Arbeit.  Auch  dies  Werk  des  Paulus 
ist  eine  Compilation  aus  sehr  verschiedenen  Büchern,  die  er 
mitunter  wörtlich  ausgezogen  hat;  mit  diesen  Auszügen  hat  er 
aber  auch  der  mündlichen  Tradition  entlehnte  Mittheilungen 
verbunden,  und  sie  geben  gerade  zugleich  mit  dem  aus  heute 
verlorenen  Werken  Geschöpften  seinem  Buche  den  stofflichen 
Werth.  Zu  den  letztern  gehört  eine  seiner  bedeutendsten  Vor- 
lagen ,  eine  kurz  gefasste  kleine  Langobardengeschichte ,  welche 


Könige  in  seinem  Buche,  bei  dem  Gesetzgeber  Rothari  (1.  IV,  c.  42);  wohl 
aber  spricht  für  meine  Annahme  die  ausserordentliche,  bei  Paulus  ganz 
ungewöhnliche  Gehässigkeit,  womit  Alahis  von  ihm  behandelt  wird,  viel- 
leicht auch  allein  schon  der  Ausdruck  ßüus  iaiquitatis  (1.  V,  c.  36  init.), 
ein  Ausdruck  der  genau  so  auf  Ai'ius  selbst  angewandt  sich  findet. 

1 )  Darum  ist  man  aber  noch  nicht  berechtigt,  die  Langobardengeschichte 
des  Paulus  als  eine  Fortsetzung  der  Historia  rouiana  zu  betrachten,  wie 
Mommsen  thut  S.  77,  und  von  einer  „Geschichte  Italiens  (des  Paulus)  von 
der  Gründung  Roms  bis  zum  Begimie  der  Karolinger  Zeit"  zu  reden  (S.  53), 
,, deren  erste  sechszehn  Bücher  als  Historia  rom.,  die  letzten  sechs  als  Hist. 
Lanfjoh.  betitelt  wären",  schon  aus  dem  einen  sehr  einfachen  Grunde,  weil 
die  Historia  romana  nicht  eine  Geschichte  Italiens,  sondern  des  römischen 
Reichs  ist.  Aussei'dem  ist  die  Langobardengeschichte  von  einem  ganz  an- 
dern Standpunkt  geschrieben,  und  wie  die  von  mir  dargelegte  Composition 
zeigt,  die  Eintheilung  des  Stoffes  nicht  durch  das  Schicksal  Italiens,  son- 
dern durch  das  des  Langobardenreichs  bestimmt. 


46.  Paulus  Diaconus. 

Secundus  von  TrieDt,  wie  uns  dies  Paulus  selbst  mittheilt'), 
bis  auf  seine  Zeit  verfasste;  er  starb  612.  Wichtiger  war  für 
ihn  noch  eine  andere,  uns  noch  erhaltene  langobardische  Quelle 
aus  dem  Ende  des  siebenten  Jahrhunderts,  die  kleine  Schrift 
über  die  Herkunft  des  Langobarden- Volkes  (Orüjo  gent/s  Lam/o- 
bardorum)^  welche  dem  Edict  Rothari's  später  vorgesetzt  wurde-) : 
es  ist  ein  ganz  kurzer  Leitfaden  der  langobardischen  Geschichte 
bis  auf  diesen  König,  und  gerade  als  solchen  hat  Paulus  auch 
das  Büchlein  zugleich  benutzt,  so  dass  es  ihm  doppelten  Dienst 
leistete.  Als  Stoffquelle  aber  hat  es  ihm  namentlich  auch  in- 
teressante Sagen  geliefert.  Von  fremden  Historikern  hat  Pau- 
lus vorzugsweise  Gregor  von  Tours,  Beda  und  die  (jcsta  poiitl- 
ßnim  Romaiwrum  benutzt,  ferner  in  zweiter  Reihe  besonders 
die  Schriften  Gregors  des  Grossen  und  des  Isidor^). 

Auch  eine  strenge  Ausscheidung  des  geschichtlich  Bedeu- 
tenden darf  man  von  diesem  Werke  ebenso  wenig  erwarten, 
als  eine  kritische  Untersuchung  der  historischen  Wahrheit,  von 
der  sich  nur  schwache  Anfänge  finden,  so  viel  Wahrheitsliebe 
der  Verfasser  offenbar  auch  besitzt :  und  dennoch  zeigt  sich  in 
diesem  Werk  ein  Fortschritt  der  Historiographie  dem  ver- 
wandten des  Gregor  von  Tours  gegenüber-*)  in  der  Einschrän- 
kung des  kirchlichen  und  geistlichen  Elements,  welches  hier 


1) qui  usque  ad  sua  tempora  succinctam  de  Langobardorum 

gestis  conposuit  liistoriolam.  1.  IV,  c.  40.  Hiernach  kann  das  Buch 
nur  ein  sehr  kleines  gewesen  sein,  was  wohl  bei  der  Frage  zu  berücksich- 
tigen ist,  wie  viel  Paulus  dem  Secundus  entlehnt  haben  kann.  Jacobi 
scheint  dem  nicht  Rechnung  getragen  zu  haben;  Mommsen  ebenso  wenig, 
indem  er  (S.  74)  es  für  evident  erklärt,  dass  die  Orif/o  tjenl.  Langob.  (von 
der  sogar  eine  weit  ausführlichere  Recension  Paulus  vorgelegen  haben  soll) 
nichts  sei  als  ein  mit  einer  kurzen  Fortsetzung  versehener  Auszug  aus 
der  Schrift  des  Secundus!  —  Es  konnte  kein  Auszug  aus  einer  succincta 
hislorlola  das  Buch  sein,  aus  welchem  Paulus  nach  Mommsen  so  viel  ge- 
schöpft haben  soll. 

2)  Abgedruckt  in  der  oben  citirten  Ausg.  der  Scriptores  rer.  Laitgobard. 
p.  1  ff.  Nach  Mommsen  S.  5S  if.  hat,  wie  schon  bemerkt,  Paulus  diese 
Schrift  in  einer  ausführlicheren  Gestalt  vorgelegen. 

3)  S.  darüber  ausser  Jacobi  Waitz  Praef.  p.  26  und  vgl.  Mommsen 
S.  77  ff.,  der  als  eine  Hauptquelle  des  Paulus  „verlorene  im  byzantinischen 
Italien  verfasste  Annalen"  annimmt,  aus  der  Isidor  und  Beda  selbst  auch 
geschöpft  hätten. 

4)  Vgl.  Bd.  I,  S.  544, 


Theologische  Arbeiten.  47 

keineswegs  mehr  clominirt,  uoeb  der  Exponent  der  Geschichte 
ist,  und  zwar  zum  Theil  gewiss  in  Folge  des  Arianismus  der 
Langobarden,  die  an  der  Geschichte  der  katholischen  Kirche 
lange  Zeit  nur  einen  negativen  Antheil  haben.  An  die  Stelle 
der  Herrschaft  des  kirchlichen  Interesses  tritt  die  des  patrio- 
tischen, wie  schon  in  der  Gothengeschichte  des  Cassiodor-Jor- 
dauis,  obwohl  es  sich  da  mit  einem  rein  politischen  mischt'). 
Nicht  als  Kleriker  hat  Paulus  seine  Geschichte  geschrieben, 
wenn  ihm  auch  Rom  mehr  als  das  Germanenthum  zu  gelten 
scheint;  vielmehr,  obgleich  er  ein  guter  Katholik  ist  und  in 
abgeschiedener  Klosterzelle  schreibt,  liebt  er  es  doch,  im 
Gegensatz  zu  Gregor,  statt  der  Wunder  der  Heiligen  die  sagen- 
haften Thaten  und  Missethaten  seiner  Natioualhelden  zu  erzäh- 
len; und  diese  Erzählungen,  welche  ohne  allen  rhetorischen 
Aufputz  oder  moralische  Salbung,  schlicht  und  treuherzig  be- 
richten und  oft  durch  eine  reiche  Ausführung  im  einzelnen 
aufs  lebendigste  veranschaulichen,  bilden  den  grössten  Reiz 
seiner  acht  germanischen  Nationalgeschichte.  In  diesem  po- 
etischen und  zugleich  volksthümlichen  Sinn  für  die  Sagen  und 
Mythen  der  Vorzeit  seines  Stammes  zeigt  sich  die  weder  durch 
seine  romanische  Bildung,  noch  durch  seineu  geistlichen  Stand 
zerstörte  germanische  Natur  unsers  Autors  aufs  beste.  —  Wel- 
chen Beifall  das  Werk  im  Mittelalter  fand,  beweisen  schon 
mehr  als  fünfzehn  Auszüge  und  zehn  Fortsetzungen  desselben. 
Von  den  theologischen  Arbeiten  des  Paulus  ist  die 
mehrfach  erwähnte  Ho milien Sammlung  nicht  bloss  für  ihre 
Zeit  eine  dem  Zweck  entsprechende ,  geschickt  gemachte  An- 
thologie gewesen,  wie  die  lang  dauernde  Anerkennung  zeigt, 
die  sie  fand-);  die  Erklärung  der  Regel  des  h.  Bene- 
dict liegt  ausser  dem  Kreis  unserer  Darstellung,  so  dass  wir 
auch  von  der  Frage,  ob  sie  uns  in  einer  Handschrift  von 
Montecasino  erhalten-^,  hier  absehen  können;  hier  interessiren 


1)  An  Jordanis  erinnert  Paulus  auch  in  der  Anlage  seines  "Werkes  in- 
sofern als  jener  Avie  dieser  mit  der  Darlegung  der  ältesten  Sitze  seines 
Volks,  die  auch  in  Skandinavien,  beginnt,  ganz  im  Gegensatz  zu  Gregor, 
der  sein  Werk  vielmehr  mit  der  Schöpfung  anhebt.  Dem  Paulus  wies  aber 
da  schon  die  Origo  den  Weg. 

2)  Sie  blieb  zehn  Jahrhunderte  im  Gebrauch  der  katholischen  Kirche. 
Dahn  S.  52. 

3)  S.  darüber  Bethmann  S.  290  und  Dahn  S.  (32. 


48  Paulus  Diaconus. 

uns  mir  die  Homilien,  die  unter  Paulus'  Namen  eben  dort  sich 
gefunden  haben;  es  sind  vier,  von  denen  aber  nur  eine  von 
Bedeutung  ist.  Sie  knüpft  an  den  Bibeltext  über  Martha  und 
Maria  an,  indem  sie  in  jener  das  thätige,  in  dieser  das  con- 
templative  Leben  dargestellt  sieht  und  nun  sieh  über  beide 
verbreitet.  Die  Art,  wie  hier  die  goldene  Mittelstrasse  em- 
pfohlen wird,  das  eine  Leben  mit  dem  andern  zu  verbinden, 
ist  sehr  bezeichnend  für  den  Charakter  unseres  Autors,  der, 
obgleich  Mönch,  vielmehr  als  ein  Mann  der  Praxis,  denn  der 
Speculation  sich  bekundet  und  dabei  eine  milde  tolerante  Na- 
tur war. 

Die  Gedichte  des  Paulus,  die  uns  erhalten  sind  —  und 
es  sind  immerhin  deren  noch  mehr  als  bei  manchen  andern 
Autoren  jener  Zeit  —  sind  auch  grossentheils  Gelegenheits- 
poesien, wie  die  Gedichte  des  Alcuin,  aber  zum  Theil  von 
eigenthümlicher  Art.  Ich  meine  damit  die  an  Karls  Hofe  ent- 
standenen, von  dem  König  selbst  direct  oder  indirect  veran- 
lassten Gedichte,  die  uns  recht  in  das  auf  wissenschaftlichem 
Grund  erwachsene  ästhetische  Leben  und  Treiben  dieses 
Hofes  einführen,  dem  die  Dichtung  schon  zur  Unterhaltung 
und  zum  Schmucke  diente.  Es  sind  Antworten  auf  Gedichte 
und  poetische  Episteln  des  Petrus  von  Pisa,  welche  derselbe 
zum  Theil  direct  im  Namen  Karls  an  Paulus  gerichtet  hat. 
Als  Einleitung  zu  dieser  poetischen  Correspoudenz  erscheint 
gleichsam  jene  oben  erwähnte  Elegie  von  vierzehn  Distichen i), 
worin  Paulus  in  warmen  rührenden  Worten  Karl  um  Freilas- 
sung des  schon  sechs  Jahre  gefangenen  Bruders  bittet,  indem 
er  in  wenigen  einfachen,  aber  acht  poetischen  Zügen  die  Noth 
der  Familie  desselben  schildert,  die  einst  wohlhabend  und  an- 
gesehen, jetzt  ihr  Brod  auf  den  Strassen  betteln  muss.-)  Wohl 
noch  der  ersten  Zeit  seines  Aufenthaltes  au  Karls  Hofe  gehört 
ein  poetisches  Duett  des  Paulus  mit  Petrus^)  in  dem  bekann- 
ten trochäischen  Hymnenversmass  an,  das  aber  hier  durchaus 
rythmisch  und  nicht  quantitativ  ausgeführt  ist  —  ich  komme 


1)  Verba  tui  famuli  etc.  in  Waitz'  Praef.  p.  15. 

2)  Z.  B.  Illius  in  patria  coniux  miseranda  per  omnes 

Mendicat  plateas  ore  tremente  cibos. 

3)  Bei  Waitz  1.  1.  p.  17  ff.    Kos  dicamus  Christo  etc.  und  Sensi  cuius 
verba. 


Poetische  Corresponclenz  mit  Petrus  von  Pisa.  49 

auf  die  Form  weiter  unten,  im  folgenden  Buclie,  bei  einer  zu- 
sammenfassenden Betrachtung  der  rvthmischen  Verse  dieses 
und  des  folgenden  Zeitalters  genauer  zurück.  Hier  schreibt 
Petrus  im  Namen  Karls:  derselbe  danke  dem  Himmel,  der 
ihm  in  Paulus  den  gelehrtesten  der  Dichter  sandte,  welcher 
durch  seine  Kenntuiss  verschiedener  Sprachen  glänze,  der  ein 
Homer  im  Griechischen,  ein  Virgil  im  Lateinischen,  im  Hebräi- 
schen ein  Philo  sei.  Als  Dichter  vergleicht  ihn  Karl  noch  mit 
Horaz  und  Tibull.  Er  hofft,  dass  Paulus  im  Felde  seiner 
Liebe  Wurzel  gefasst  habe,  und  sein  Herz  sich  nicht  mehr 
nach  den  alten  Schlupfwinkeln  (latibula)  sehne.  Er  sagt  ihm 
grossen  Dank  besonders  für  den  Unterricht,  den  er  —  ein 
früher  von  Karl  nicht  gehoffter  Ruhm!  —  im  Griechischen 
vielen  0  ertheile,  und  namentlich  den  Klerikern ,  welche  seine 
Tochter  nach  Byzanz  begleiten  sollten.-)  Er  hofft  sogar,  dass 
Paulus  auch  im  Hebräischen  die  Gelehrten  unterrichten  werde. 
—  Paulus  lehnt  in  seiner  Autwort  das  —  allerdings  scherzhaft 
übertriebene  —  Lob,  welches  er  nur  für  „Ironie"  nehmen 
könne ,  in  humoristischer  Weise  nicht  minder  übertreibend  ab : 
er  will  verderben,  wenn  er  wünsche  jenen  alten  Heiden,  mit 
denen  er  verglichen  ward,  ähnlich  zu  sein,  die  er  selbst  lie- 
ber mit  Hunden  vergliche;  griechisch  und  hebräisch  versteht 
er  nicht,  bis  auf  ein  paar  Silben,  die  er  in  der  Schule  ein- 
geheimst, und  wenn  jene  Kleriker  nicht  mehr  griechisch  in 
Byzanz  hervorbringen  können,  als  sie  von  ihm  gelernt,  so 
werden  sie  dort  als  stumme  Statuen  verspottet  werden.  In- 
dess,  um  zu  zeigen,  dass  er  der  Sprachen  nicht  ganz  unkun- 
dig, theilt  er  am  Schlüsse  ein  griechisches  Epigramm  in  latei- 
nischer Uebersetzuug  mit.  (Das  Epigramm  war  wohl  zugleich 
im  Original  beigefügt.)  Der  scherzhafte  Ton  des  Gedichts 
stimmt  gut  zu  dem  populären  Versmaass. 

1)  Credimus  post  Graecam,  multis  quam  ostemlis,  regulam 

Dies  multis  ist,  was  nicht  überall  geschehen,   wohl  zu  beachten; 

ebenso  auch  die  folgende,  oben  angedeutete  Stelle : 
Qui  cupis  Graeco  susceptos  erudire  tramite : 
Quam  non  ante  sperabamus,  nunc  surrexit  gloria. 
Hieraus  ergibt  sich,  dass  Paulus  zuerst  zu  dem  Studium  des  Grie- 
chischen, das  besonders  hochgeschätzt  ward,   am  Hofe  Karls  und  zwar  in 
weiteren  Kreisen  anregte. 

2)  S.  oben  S.  3S. 

Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  II.  * 


50  Paulus  Diaconus. 

Ein  andres  Beispiel  dieser  poetischen  Correspondenz  des 
Paulus  mit  dem  König-,  das  sich  erhalten,  ist  aus  späterer 
Zeit.  Karl,  der  auch  hier  durch  das  Organ  seines  Gramma- 
tikers spricht,  bezieht  sich  in  seiner  Epistel  (25  Hexameter)^) 
auf  ein  an  ihn  gerichtetes  (nicht  mehr  erhaltenes)  Gedicht  des 
Paulus,  worin  dieser  frohlocke,  von  ihm  zu  Ehren  angenom- 
men worden  zu  sein,  und  Christus  und  Gott  durch  erhabene 
Gesänge  feiere,  weil  sie  ihn  nach  der  Finsterniss  das  Licht 
schauen  Hessen.  Paulus  bete  darin  für  den  König;  er  sage, 
es  wäre  für  ihn  (Paulus)  der  Sorge  genug  gewesen,  jetzt  liege 
der  hässliche  Kummer  hinter  ihm.  —  Auch  ich  kann,  wie 
schon  Bethmann  (S.  262),  nur  annehmen,  dass  das  von  Karl 
angezogene  Gedicht  des  Paulus  eine  Danksagung  für  die  end- 
liche Gewährung  seiner  Bitte,  die  Freilassung  des  Bruders  und 
die  Rückgabe  des  Vermögens  der  Familie,  enthielt.  —  Aber, 
fährt  der  König  in  seiner  poetischen  Epistel  fort,  Paulus  sei 
ihm  noch  die  Autwort  auf  dreierlei  schuldig  geblieben:  ob  er 
lieber  wolle  mit  Ketten  belastet  sein,  oder  in  einem  furcht- 
baren Kerker  liegen,  oder  vor  das  Angesicht  des  wilden  Dä- 
nenkönigs Sigfrid  treten ,  um  ihn  zu  taufen.  —  Wahrscheinlich 
hatte  Karl  im  Scherz  bei  der  Begnadigung  Paulus  die  Wahl 
zwischen  diesen  drei  Bussen  gelassen.-)  —  Am  Schluss  des 
Gedichts  fügt  Karl  aber  auch  noch  ein  Räthsel  zur  Lösung  bei. 

Paulus  antwortet  auf  diese  Epistel  mit  siebenundzwanzig 
Distichen^),  worin  er  auf  den  Scherz  des  Königs  eingehend, 
mit  Humor  und  wahrhaft  fein  erwidert:  „Gefängniss  und  Ban- 
den sind  unnöthig,  gefesselt  bin  ich  schon  durch  meines  Kö- 
nigs und  Herren  Liebe";  Paulus  liebt  ihn  so  heiss,  wie  Petrus 
Christus,  nachdem  dieser  ihm  nach  der  Verläug;nung  seine 
Schuld  erlassen.  Das  grimmige  Angesicht  des  Sigfrid  aber  zu 
sehen,  verspreche  kaum  einigen  Nutzen,  sie  würden  sich  ja 
nicht  verstehen.  Ja  man  würde  ihn,  den  Paulus  —  in  seiner 
Mönchstracht  —  für  einen  Affen  oder  ein  Borstenthier  halten 
und   sein  —  kahles  —  Haupt   verspotten.     Sigfrid   aber,    den 


1)  Paulo  sab  umbroso  etc.     S.  Gedichte  aus  dem  Hofkreise  Karls  d. 
Gr.  herausgeg.  v.  Dümmler  in:  Ztschr.  f.  deutsch.  Alterth.  Bd.  XII,  S.  452. 

2)  Nicht  sowohl  als  Stellvertreter  des  Bruders,   glaub'  ich,    als  viel- 
mehr der  Familie  sollte  er  die  Busse  leisten. 

3)  Sic  ego  suscepi  etc.  a.  a.  0.  S.  452  ff. 


Poetische  Con-cspondenz  mit  Petrus  von  Pisa.  51 

Paulus  mit  einem  struppigen  Bocke  verg-leiclit,  werde  nicht 
wagen,  nur  mit  dem  kleinen  Finger  ihn  zu  berühren,  so 
fürchte  er  Karls  Namen  und  Waffen.  Er  werde  noch  entweder 
freiwillig  sich  Karl  unterwerfen,  oder  mit  gebundeneu  Händen 
vor  ihm  erscheinen,  ohne  dass  Thonar  und  Wodan  ihm  helfen 
könnten.  —  Zum  Schluss  gibt  Paulus  eine  Auflösung  des  ßäth- 
sels,  die,  wenn  sie  nicht  die  rechte,  woran  er  selbst  zweifelt, 
doch  eine  für  den  König  schmeichelhafte  war. 

Petrus  correspondirte  aber  auch  im  eigenen  Namen  mit 
Paulus,  wenn  auch  vielleicht  selbst  hierbei  zugleich  im  Auf- 
trag des  Königs,  so  sendet  er  in  einem  Gedichte  (Lumine 
purpureo  etc.  45  Hexam.) ')  dem  Paulus  ein  Käthsel,  das  wäh- 
rend der  Mittagszeit,  die  der  Dichter  im  Eingang,  an  Virgils 
Eklogen  erinnernd,  schildert,  ein  schöner  junger  Mann  (iuvenis), 
den  er  höchlichst  rühmt,  der  alle  an  Geist  und  höchstem 
Namen  übertrifft,  ihm  selbst  aufgegeben.  War  dieser  Iuvenis 
nicht  Karl  selbst,  wie  Dahn  vermuthet  -),  so  kam  er  doch  ge- 
wiss in  seinem  Auftrag.  Da  die  Lösung  des  Räthsels  Peti'us 
Kräfte  übersteige,  sendet  er  es  dem  ,büchergewaltigen*  Bruder, 
nur  solle  er  ihn  nicht  deshalb  noch  mehr  verspotten,  vielmehr, 
wenn  er  dazu  geneigt,  eines  Dactylus  gedenken.  So  folgt  hier- 
mit ein  zweites  Eäthsel.  Letzteres  löst  Paulus  in  dem  klei- 
nen Gedicht  in  Distichen:  lam  puto  etc.^)  —  der  Dactylus  ist 
desme  — ;  das  andre  Eäthsel  aber,  das  dem  Petrus  zu  schwer 
war,  in  einem  längeren  Gedicht  von  47  Hexametern  (Candide 
lumbifido)^),  in  welchem  er  am  Schlüsse  selbst  seinem  Lands- 
mann ein  Räthsel  aufgibt.  So  haben  wir  also  auf  die  eine 
Epistel  des  Petrus  zwei  Antworten  des  Paulus.  Ein  andres 
Gedicht  des  letzteren  (Cinthius  occiduas  etc.,  24  Hexam.)  ^0,  das 
auch  auf  jene  Epistel  Bezug  nimmt,  weist  auf  andre  poetische 


1)  A.  a.  0.  S.  454. 

2)  S.  43 ;  wenn  man  aber  zu  dem  Iuvenis  noch  den  Vers :  de  cuius 
niveo  florehat  harbula  mento  in  Betracht  zieht,  so  möchte  man  doch 
eher  an  einen  kaum  zum  Jüngling  Herangereiften  derfken,  der  den  Namen 
Karl  führte.  Karls  gleichnamiger  Sohn  lässt  sich  freilich,  weil  noch  zu 
jung,  nicht  annehmen. 

3)  A.  a.  0.  S.  455  f. 

4)  In:  Lebeuf,  Dissertations  sur  l'histoire  de  Paris  I,  p.  411.  Bei 
Dahn  S.  86. 

5)  Dümmler  a.  a.  0.  S.  456. 

4* 


52  Paulus  Diaconus. 

Wettkämpfe  satirischer  Art  zwischen  beiden,  offenbar  nahe  be- 
freundeten Gelehrten  hin,  Wettkämpfe,  die  sie  zur  ästhetischen 
Unterhaltung  des  Königs  ausführten.  Es  ist,  wie  man  sieht, 
eine  Poesie  des  Hofs,  der  Gesellschaft. 

Neben  solchen  Dichtungen  hat  Paulus  bei  seinem  Aufent- 
halte in  Francien  auch  Epitaphien  in  Versen  verfasst,  die  sich 
zum  Theil  weit  über  andre  jener  Zeit,  auch  die  des  Alcuin, 
erheben;  so  hat  er  eins  für  das  Grab  des  Fortuuat  bei  seinem 
Besuche  desselben  auf  den  Wunsch  des  Abtes  von  St.  Hilaire 
gedichtet  ^),  und  wie  oben  (S.  41)  bemerkt,  eine  Anzahl  für 
Gräber  der  königlichen  Familie  in  Metz.  Unter  diesen  Epita- 
phien findet  sich  ein  vortreffliches,  es  ist  das  schöne  Lob- 
gedicht von  IS  Distichen  auf  die  Königin  Hildegard.  Nach 
ihrem  Stamme  rühmt  hier  Paulus  zuerst  die  Anmuth  ihrer  zar- 
ten blühenden  Schönheit,  der  Lilien  mit  Rosen  gemischt  kaum 
gleichkamen ;  übertroffen  aber  wurde  diese  noch  von  den  Vor- 
zügen des  Herzens  und  Geistes,  ihrer  Sanftmuth  und  Klugheit, 
ihrem  Fleiss  und  Frohsinn ;  aber,  ruft  der  Dichter  aus,  was  ist 
weiter  zu  sagen  nöthig,  da  es  kein  grösseres  Lob  für  dich  gibt, 
als  einem  so  grossen  Manne  gefallen  zu  haben!  Sie  theilte  seinen 
weltbeherrschenden  Scepter,  und  so  beweinen  sie  denn  alle  Na- 
tionen; die  starken  Herzen  der  Männer  sind  zu  Thränen  ge- 
rührt, die  zwischen  den  Schilden  und  Schwertern  herabfallen. 
—  Man  sieht,  das  Gedicht  ist  alsbald  nach  dem  Tode  Hilde- 
gardens  verfasst.  Die  Königin  hatte  offenbar  auch  das  Herz 
unsers  Paulus  gewonnen. 

Wie  viel  er  als  Dichter  zu  leisten  vermochte,  wo  sein  Ge- 
müth  tief  ergriffen  war,  zeigt  noch  ein  andres  Epitaphium,  das  er 
später  in  Italien  seinem  Freund  und  Gönner,  dem  Herzog  Ari- 
chis  gewidmet  hat.  2)  Dies  Gedicht  hat  einen  noch  elegische- 
ren Charakter  durch  die  innige  Theilnahme  an  dem  Schmerze 


1)  Von  Paulus  selbst  in  seiner  Hist.  Langob.  1.  II,  c.  13  mitgetheUt. 

2)  An  der  Verfasserschaft  des  Paulus  ist  um  so  weniger  zu  zweifeln, 
als  dies  Epitapli  an  das  der  Hildegard  gewidmete  erinnert,  so  findet  sich 
hier  namentlich  der  ..Romuleusque  Tibris"  am  Ende  eines  Distichon  wie  dort. 
—  Das  Gedicht  ist  überliefert  durch  das  Chronicon  Salernitanum  I,  20: 
auch  bei  Dahn  S.  95.  —  Ein  historisch  interessantes,  ästhetisch  nicht  un- 
bedeutendes Epitaph  auf  Adelperga's  Mutter,  die  Königin  Ans a  wird  auch 
Paulus  nicht  ohne  Grund  beigelegt.  S.  dasselbe  bei  Waitz,  Script,  rer. 
lang.  p.  191  und  vgl.  darüber  Dahn  S.  67  f. 


Epitaphien.  53 

der  Wittwe,  der  Paulus  hier  einen  rührenden  Ausdruck  gibt. 
Von  Arichis  rühmt  er  vor  allem  die  gelehrte  Bildung  und  die 
Bauten,  namentlich  die  hohen  Mauern,  womit  er  das  Vaterland 
schmückte :  sie  würden  sein  Lob  verewigen.  0  Eben  dieselben 
gaben  ihm  auch  schon  bei  Lebzeiten  des  Herzogs  die  Veran- 
lassung zu  einem  Gedicht  (von  32  Hexam.),  worin  er  Arichis 
auch  zugleich  in  der  andern  Beziehung  rühmt.-)  —  Aber  auch 
der  „frommen  Adelperga'^  hat  Paulus'  Muse  gedient.  Dies  be- 
zeugt wenigstens  ein  Gedicht,  das  älteste  Werk  überhaupt,  das 
sich  von  ihm  erhalten  (A  principio  etc.),  welches  in  mancher 
Beziehung  recht  bemerkeuswerth  ist.  "Wie  wir  aus  ihm  selbst 
erfahren,  ist  es  im  J.  763  verfasst;  es  gibt  nämlich  die  Haupt- 
epochen der  Weltchrouologie  —  zum  Theil  in  eigeuthümlicher 
Art  '^)  —  wie  zum  Auswendiglernen  für  den  Unterricht  imd  in 
dem  oben  erwähnten,  auch  später  noch  von  Paulus  angewandten 
populären  Versmass  des  rythmischen  trochäischen  Tetrameter, 

1)  Oniasti  patriam  doctrinis.  moenibus  altis: 
Hinc  in  perpetiumi  laus  tua  semper  erit. 
Und  einige  Verse  danach: 

Nee  minus  excelsis  nuperque  condite  muris 
Structorem,  orbe,  tuum,  clare  Salerne,  gemis. 

2)  Das  Gedicht  beginnt: 

Aemula  Komuleis  consurgunt  moenia  templis, 
Ampla  procul  fessis  visenda  per  aequora  nautis, 
da  heisst  es  denn  auch  von  Arichis  v.  15ff. : 

Omnia  componens  quem  sie  sapientia  compsit, 
Redderet  ut  variis  satis  artibus  esse  potentem, 
Quo  merito  Latiae  dicatur  gloria  gentis, 

Bardorum  et  culmen 

(Bardorum  für  Langobardorum).  —  Das  Gedicht  ist  zuerst  herausgegeben 
von  Dümmler  in  der  Zeitschr.  f.  deutsch.  Alterth.  N.  F.  IX,  S.  471.  Die 
Uebereinstimmung  im  Inhalt  wie  im  Ausdruck  mit  dem  vorher  erwähnten 
lässt  nicht  daran  zweifeln,  dass  beide  Gedichte  denselben  Verfasser  haben. 

3)  Diese  Epochen  sind:  1)  von  Anfang  der  Welt  bis  zur  Siindfluth  2242 
Jahre,  2)  von  da  bis  Abraham  942,  .3)  bis  zur  Gesetzgebimg  Mosis  50.5, 
4)  bis  zur  Weihe  des  Tempels  durch  Salomo  450,  5)  bis  zur  babylonischen 
Gefangenschaft  512,  6)  bis  zur  Geburt  Christi  5 IS,  7)  bis  auf  des  Dichters 
Zeit  763.  Von  diesen  sieben  Epochen  entsprechen  1  und  2  den  beiden 
ersten  Weltaltem,  ebenso  6  und  7  den  beiden  letzten;  dagegen  geht  das 
dritte  Weltalter  bis  auf  David,  so  dass  es  noch  etwas  mehi"  als  die  3.  und 
4.  Epoche  umfasste;  das  vierte  Weltalter  erstreckt  sich  dann  auch  bis  zur 
babylonischen  Gefangenschaft.  Vgl.  Bd.  I,  S.  224  ft".  —  Das  Gedicht  findet 
sich  bei  Waitz,  Praef.  p.  13  f.  und  bei  Dahn  S.  76. 


54  Paulus  Diaconus. 

von  dem  hier  zwölf  clreizeilige  Strophen  das  Acrosticlion  „Adel- 
perga  pia"  bilden.  So  beurkundet  das  Gedicht  auch  die 
Stellung,  welche  Paulus  als  Lehrer  zu  der  Herzogin  einnahm. 

Noch  ein  elegisches  Gedicht  von  Bedeutung  wird  dem  Pau- 
lus nicht  mit  Unrecht  beigelegt,  ein  Lobgedicht  auf  den  Comer- 
see  in  15  reciproken  Distichen. ')  Hier  begegnen  wir  einmal,  was 
selten  im  älteren  Mittelalter,  einem  Landschaftsgemälde,  indem 
der  Dichter  den  ewigen  Frühling,  den  grünen  Easen,  und  die 
das  Ufer  umsäumenden  „lachenden  Gärten"  mit  ihren  Oelbäu- 
men,  Granaten,  Myrthen,  Pfirsichen  und  Citronen  rühmt.  Der 
Schluss  hat  einen  etwas  geistlichen  predigerhaften,  obschon  da- 
mit nicht  unpoetischen  Anstrich,  wenn  der  Dichter  den  See  er- 
mahnt, sich  vor  dem  Verbrechen  zu  hüten,  in  seinen  zitternden 
Wellen  die  Nachen  mit  Menschen  zu  verschlingen,  um  so  sein 
Lob  sich  zu  erhalten. 

Sehr  wahrscheinlich  hat  Paulus  auch  drei  Fabeln  ver- 
fasst,  die  in  einem  Collectivcodex  mitten  unter  authentischen 
Gedichten  desselben  überliefert  worden  sind.  Sie  sind  für  die 
Geschichte  der  Thierfabel  höchst  merkwürdig,  und  zeigen  im 
Verein  mit  der  von  Alcuin  uns  erhaltenen  Fabel-),  wie  auch 
diese  Dichtungsart  an  dem  ästhetischen  Hofe  Karls  gepflegt 
wurde,  denn  eine  von  den  dreien  des  Paulus  scheint  direct 
au  Karl  adressirt  zu  sein.  3)  In  ihnen  bekundet  sich  auch  das 
anmuthige  Erzählungstalent  unseres  Autors  zugleich  mit  dem 
humoristisch-ironischen  Zuge,  der  ihm  eigenthümlich.  In  der 
That  sind  diese  drei  in  Distichen  verfassten  Fabeln,  zumal  für 
jene  Zeit,  in  der  Ausführung  vortrefflich.  In  der  einen.  De 
vitulo  et  ciconia  4),  brüllt  das  hungrige  Kälbchen  und  der  Storch 
sagt  ihm  zum  Trost,  dass  er  selbst  schon  seit  drei  Jahren  ent- 


1)  Ordiar  unde  tuas  etc.  Herausgeg.  von  Dümmler.  Zeitsclir.  f.  deutsch. 
Alterth.  XII,  p.  451  und  in  H.  MüUer's  Symbolae  ad  emendand.  Script, 
lat.    Berlin  1876. 

2)  S.  oben  S.  32. 

3)  Es  ist  die  von  uns  zuletzt  aufgeführte :  sie  schliesst : 

Servulus  ecce  tuus  depromit  hos  tibi  versus, 
Fabula  quid  possit  ista,  require  valens. 
Es  wird  hierdurch  meines  Erachtens  die  Autorschaft  des  Paulus  unter- 
stützt. 

4)  Herausgegeben  zugleich  mit  der  folgenden  von  Müllenhoff  in  der 
Zeitschr.  f.  deutsch.  Alterth.     N.  F.     I.  S.  319  f. 


Fabeln.    Geistliche  Gedichte.  55 

wöhut  sei.  „Deine  Beine  zeigen  es  auch,  womit  du  clieli  ge- 
nährt'": erhält  er  zur  zornigen  Antwort.  In  der  zweiten  Fabel 
treten  das  Podagra  und  der  Floh  auf.  Beide  machten  schlechte 
Geschäfte,  als  das  erstere  den  Armen,  der  Floh  den  Reichen 
heimsuchte;  sie  vertauschen  die  Rollen  und  so  ist  ihnen  beiden 
geholfen.  Die  dritte  behandelt  die  Heilung  des  kranken  Löwen,  i) 
Originell  ist  hier  im  Unterschied  von  der  äsopischen  Fabel,  dass 
der  Bär  der  Ankläger  des  Fuchses  ist  und  sein  Fell  lassen  muss 
an  der  Stelle  des  Wolfes  und  der  witzige  Zug,  dass  der  Fuchs 
vor  dem  Könige  mit  vielem  zerrissenen  Schuhwerk  auf  dem 
Rücken  erscheint,  zum  Zeugniss,  wie  viel  und  wie  weit  er  ge- 
laufen um  den  Arzt  aufzufinden,  der  dem  Könige  helfen  kann 
und  das  Bärenfell  als  Arznei  verordnet. 

Die  geistliche  Poesie  des  Paulus  tritt  hinter  seiner  welt- 
lichen entschieden  zurück.  Die  uns  bekannte  und  erhaltene  ist 
vornehmlich  seinem  heil.  Benedict  gewidmet.  Es  sind  einmal 
zwei  Gedichte  auf  ihn,  die  Paulus  selbst  in  seiner  Langobarden- 
geschichte (1.  I,  c.  26)  mittheilt.  Das  eine  ist  eine  Elegie  von 
66  reciproken  Distichen,  in  welcher  auf  Grund  der  Dialoge 
Gregors-)  eine  panegyrische  Verherrlichung  des  Lebens  und 
der  Wunder  des  Heiligen  gegeben  wird,  indem  in  der  Regel 
einem  jeden  der  letzteren,  wie  Paulus  selbst  auch  anzeigt,  ein 
Distichon  gewidmet  ist.-^)  So  sind  die  Wunder  nur  ange- 
deutet, und  das  Gedicht  setzt  ihre  Kenntniss  voraus,  da  es 
ohne  dieselbe  oft  gar  nicht  zu  verstehen  ist.  *)  Dasselbe  gilt 
auch  von  dem  andern  Gedicht,  einer  für  den  Festtag, des  Heili- 
gen verfassten  Hymne   in   iambischen  Dimetern,   in   der  auch 


1)  Der  Schluss  (von  v.  -11  an)  wurde  zuerst  puhlicirt,  von  Dümmler  in 
der  Zeitschr.  f.  deutsch.  Alterth.  XII,  S.  459  nach  der  St.  Galler  Handschr. 
des  10.  Jahrh.,  wo  der  Anfang  fehlt  (ans  ihr  sind  auch  die  beiden  andern 
Fabeln  edirt) ;  die  Ergänzung  lieferte  "Weiland  in  derselben  Zeitschr.  N.  F. 
IT,  S.  497  f.  auf  Grund  einer  Fuldaer  Handschr.  des  15.  Jahrh.,  die  offen- 
bar auf  den  St.  Galler  Codex  zurückgeht,  wenn  auch  vielleicht  nicht  un- 
mittelbar. —  S.  über  diese  Fabel  MüUenhoff.  Zeitschr.  f.  d.  A.  N.  F. 
VI,  S.  3. 

2)  S.  Bd.  I,  S.  521. 

3)  Nur  findet  sich  daneben  auch  eine  Erwähnung  anderer  Thatsachen 
aus  Benedicts  Leben,  s.  z.  B.  v.  I3ff. :  die  Schilderung  seines  Einsiedler- 
lebens. 

4)  Vielleicht  hatte  das  Gedicht  den  Zweck,  die  Reihenfolge  der  Wun- 
der dem  Gedächtniss  einzuprägen. 


56  Epische  Dichtung. 

seine  Wunder  den  Inhalt  bilden.  Mit  einiger  Wahrscheinlich- 
keit ist  Paulus  auch  als  Verfasser  eines  Gedichts  auf  die  Schwe- 
ster des  h.  Benedict,  die  h.  Scholastica  ')  zu  betrachten,  welche 
ein  Nonnenkloster  in  der  Nähe  von  Montecasino  gegründet 
hatte.  Dies  Gedicht,  ganz  in  demselben  Metrum  als  die  er- 
wähnte Elegie  auf  den  heil.  Benedict,  bildet  zu  dieser  ein  Pen- 
dant gleichsam.  Es  ist  für  das  Fest  der  Heiligen  geschrieben, 
und  erzählt  hauptsächlich  das  Wunder,  dass  bei  einem  Besuche 
ihres  Bruders  am  Tage  vor  ihrem  Tod  Gott  auf  das  Gebet  der 
Heiligen  ein  Unwetter  sendet,  um  Benedict  die  Nacht  bei  ihr 
bleiben  zu  lassen,  was  er  selbst  ihren  Bitten  verweigert  hatte. 
Dies  Gedicht  (40  recipr.  Distichen),  das  in  der  Schilderung  der 
geschwisterlichen  Liebe  der  beiden  Heiligen  einen  eigenthüm- 
lichen  Reiz  besitzt,  ist,  zumal  bei  seinem  klaren  gewandten  Aus- 
druck, viel  ansprechender  als  sein  Seitenstück.-) 


DRITTES  KAPITEL. 

EPISCHE    DICHTUNG:     HIBERNICUS    EXUL,    ANGILBERT. 

Während  nun  Karl  der  Grosse  durch  die  an  seinen  Hof 
von  ihm  selbst  verpflanzte  grammatisch-ästhetische  Bildung  eine 
weltliche  höfische  Lyrik  ins  Leben  rief,  die  namentlich   auch 


1)  In:  Mabillon,  Acta  S.  S.  ord.  S.  Benecl.  Saec.  I,  p.  42.  —  Dümmler 
vermuthet  als  Verfasser  den  Alberich  von  Montecasino  (Ende  des  11.  Jahrh.), 
s.  N.  A.  IV,  S.  103. 

2)  Beigelegt  wird  dem  Paulus  u.  a.  noch  (zuerst  im  12.  Jahrh.)  die  be- 
rühmte Hymne  auf  Johannes  den  Täufer  in  sapphischen  Strophen,  von 
welchen  die  erste  in  den  Anfangssilben  der  ersten  sechs  Halbverse  ut,  re, 
mi,  fa,  sol,  la  dem  Guido  von  Arezzo  die  Namen  seiner  Noten  lieferte.  S. 
die  Hymne  bei  Daniel,  Thosaur.  hymnolog.  I,  p.  208  und  Dahn  a.  a.  0. 
S.  98.  Ferner  werden  ihm  noch  in  neuerer  Zeit  zugeschrieben  62  Hexameter 
(bei  Maurisse,  Hist.  de  Metz),  worin  eine  Liste  der  Bischöfe  von  Metz  bis 
auf  Angilram ,  der  zu  des  Verfassers  Zeit  „die  Heerde  weidete",  gegeben 
wird.  Der  Verf.  würzt  die  trockene  Aufzählung  durch  eine  Spielerei  mit 
der  Etymologie  der  Namen,  z.  B.  Sambatus  octavus  bene  mystica  Sabbata 
servat.  Das  Gedicht,  dessen  Handschrift  noch  aus  der  Zeit  Karls  d.  Gr. 
sein  soll,  ist  allerdings  höchst  wahrscheinlich  auf  Grund  der  Schrift  des 
Paulus  verfasst,  aber  sicherlich  nicht  von  ihm.  Eher  könnte  noch  der 
Hymnus  auf  Johannes  ihn  zum  Verfasser  haben. 


Hibernicus  exul.  57 

ZU  seiner  eigenen  Unterhaltung-  diente,  erweckten  andrerseits 
seine  Thaten  schon  in  den  Zeitgenossen  selbst,  und  auch  in  seiner 
eigenen  Umgebung,  den  wenigstens  auf  dem  Continent  in  der 
Kunstpoesie  schon  lange  entschlummerten  epischen  Geist.  So 
sind  uns  Fragmente  von  zwei  Dichtungen  in  Hexametern  er- 
halten, welche  Thaten  Karls,  unmittelbar  den  Ereignissen  fol- 
gend, besangen.  Die  ältere  ist  das  Werk  eines  hibernicus  exul 
(wie  der  Verfasser  in  der  Ueberschrift  genannt  wird)  '),  also 
eines  jener  gelehrten  Iren,  welche  schon  seit  Columbans  Zei- 
ten nach  dem  Festland  auszuwandern  pflegten,  um  dort  als 
Missionäre  zuerst  des  Glaubens,  dann  der  Wissenschaft  eine 
reichere  Wirksamkeit  als  in  der  Heimath  zu  finden.  Dieser 
,Irische  Auswanderer'  hat  den  unblutigen  Sieg  Karls  im  J.  7S7 
über  den  abgefallenen  Tassilo  von  Baiern  besungen,  und  dies 
Gedicht  als  Vasallen-Jahresgeschenk  dem  König  dargebracht, 
offenbar  in  dem  folgenden  Frühjahre,  denn  später  würde  der 
Dichter  nicht  gewagt  haben,  in  einem  Karl  selbst  gewidmeten 
Gedichte  den  Baiernherzog  zu  entschuldigen,  der  schon  Ende 
Juni  7SS  entsetzt  wurde. 

Ein  Gespräch  des  Autors  mit  der  Muse  eröffnet  das  Ge- 
dicht ;  sie  beruhigt  ihn  über  den  Werth  ihrer  Gaben  gegenüber 
dem  Silber  und  Gold,  den  Perlen  und  Purpurgewändern,  den 
stolzen  Bossen,  welche  die  Grossen  dem  Könige  darbringen. 
„Durch  der  Musen  Geschenke  glänzen  die  herrlichen  Thaten 
der  alten  Könige,  und  werden  die  der  gegenwärtigen  den  zu- 
künftigen Jahrhunderten  erzählt,  ja  durch  sie  wird  selbst  der 
Schöpfer  der  Welt  gepriesen."  Der  Dichter  geht  dann  zu  sei- 
nem Gegenstand  mit  der  Frage  über:  ,, welche  Pest  den  in 
allem  getreuen  Dienstmann  (servus)  befallen,  dass  er  den 
finstern  Blick  seines  -Herrn  verdient  hatte?"  Das  Gift  des 
Satan  selbst  ist  es  gewesen,  der  überall  Streit  säet.  Dieser 
trägt  die  Schuld  an  dem  Friedeusbruch:  er  hat  das  Gerücht 
von  Tassilo's  Abfall  verbreitet.  Karl  wollte  es  nicht  glauben; 
aber  das  Gerücht  schwoll  immer  mehr  an,  so  miisste  er,  der 
gerechteste  Held,  der  öffentlichen  Stimme  Gehör  geben.  Er 
versammelt  ein  Heer,  das  er  auf  Schiffen  über  den  Rhein  setzt; 
er  redet  seine  Grossen  an:    0  königliches  Geschlecht,  bervor- 


1)  Hibernici  exulis  versus  ad  Karolum  imperatorem.    In:  Mai,  Classi- 
corum  auctorum  e  Yaticanis  codd.  editoriim  Tomas  V,  p.  405  ff. 


58  Epische  Dichtung. 

gegangen  aus  den  hohen  Mauern  von  Troja,  denn  unsre  Väter 
führte  der  Richter  der  Welt  an  diese  Küsten  und  tibergab  ihnen 
diese  Gefilde,  und  unterwarf  die  Völker  den  gerechten  Gesetzen 
der  Franken  '),   —    —    aber  neulich   erhob   sich  ein  Feind  in 

unsern  Fluren,  ihn  hatte  der  neidische  Drache  vielleicht 

Hier  bricht  mitten  in  der  Anrede  das  Hauptfragment  (93  Hexam.) 
ab,  und  es  folgen  nur  noch  zehn  Verse  des  Schlusses,  worin 
die  Aussöhnung  und  das  neue  Gelöbniss  der  Vasallentreue, 
welches  der  Herzog  dem  Könige  darbringt,  berichtet  wird. 

Das  Gedicht  ist  in  einem  Stil,  der  des  Schwungs  nicht 
entbehrt,  aber  von  Schwulst  sich  freihält,  und  in  einem  kräf- 
tigen Verse  geschrieben.  —  Noch  ein  paar  andre  Gedichte  sind 
uns  von  demselben  Autor  in  derselben  Handschrift  aufbewahrt, 
die  auch  an  Karl,  aber  als  Kaiser,  gerichtet  sind,  zum  Theil 
auch  als  Geschenk  oder  als  Glückwunsch.  Eins  davon,  das 
noch  in  Hexametern  (No.  2  bei  Mai),  ist  merkwürdig  durch 
die  Art,  wie  es  das  monarchische  Princip  verherrlicht:  wie  ein 
Gott  im  Himmel,  soll  auch  auf  Erden  nur  ein  Herrscher  sein, 
und  auch  nur  ein  Glaube.  Diesem  Gedichte  ist  in  ein  paar 
Distichen  ein  Geleit  an  Gundrad,  Karls  gelehrte  Base,  beige- 
fügt, welcher  der  Dichter  offenbar  näher  stand.  Das  letzte  der 
Gedichte  ist  in  metrischer  Beziehung  sehr  beachtenswerth,  wie 
ich  weiter  unten  2)  genauer  zeigen  werde :  es  ist  in  gereimten 
rythmischen  trochäischen  Langzeilen  verfasst. 

Bedeutender  und  noch  interessanter  ist  das  andere  epische 
Fragment^),  wie  es  scheint  das  dritte  Buch  einer  grösseren 
Dichtung,  deren  Held  Karl  der  Grosse  ist.     Im  Eingang  näm- 

1)  0  gens  regalis  profecta  a  moenibus  altis 
Troiae,  nam  patres  nostros  his  appulit  oris, 
Tradiclit  atque  illis  hos  agros  ai'biter  orbis, 

Subclidit  et  populos  Francorum  legibus  aeqiiis 

In  der  Dichtung  wohl  die  erste  Erwähnung  der  Trojasage  der  Fran- 
ken.    Vgl.  Bd.  I,  S.  572  und  575. 

2)  Im  folgenden  Buch  bei  einer  allgemeinen  Betrachtung  der  rythmi- 
schen Verse. 

3)  Helperici  sive,  ut  alii  arbitrantur,  Angilberti  Carolus  magnus  et 
Leo  ni.  Emend.  OreUius.  Zürich  1832.  —  In:  Monumenta  German.  hi- 
storica  Script.  T.  II. Simson,  Ueber  das  Gedicht  von  der  Zusammen- 
kunft Karls  des  Gr.  und  Papst  Leo  III.  in  Paderborn.  In:  Forschungen 
zur  deutschen  Geschichte.     Bd.  XII,  S.  567  ff. 


Carmen  de  Carole  magno.  59 

lieh  vergleicht  sich  der  Autor  mit  einem  Schiffer,  der  wieder 
den  Anker  lichtet  zur  Fortsetzung  der  Fahrt,  nachdem  er  schon 
zwei  Stürme  überstanden:  dies  Bild  ist  aber  entlehnt  der  epi- 
schen Dichtung  des  Fortunat  auf  den  heiligen  Martin,  wo  es 
zum  Eingang  aller  vier  Bücher  verwerthet  wird,  nach  dem  Bei- 
spiel der  denselben  Heiligen  besingenden  Dichtung  des  Pauli- 
nus  von  Perigueux. ')  Wie  aber  Fortunat  gewiss  im  Hinblick 
auf  dies  Bild  seinen  Helden  den  gallischen  Pharus  nennt,  so 
unser  Dichter  Karl  den  Leuchtthurm  Europas.  Aber  nicht  bloss 
diese  christliche  Dichtung  ist  unserm  Autor  ein  Vorbild  ge- 
wesen, dem  er  auch  manche  Einzelheiten  in  seiner  poetischen 
Malerei  und  manche  Künste  des  Ausdrucks  entlehnt  hat,  son- 
dern ebenso  die  klassische  des  Virgil,  dessen  Helden,  den  ersten 
Gründer  des  römischen  Reichs,  Aeneas  hier  der  Erneuerer  des- 
selben, Karl  entspricht,  Karl  der  „die  zweite  Roma",  Achen 
ausbaut. 

Der  Inhalt  des  Gesanges  ist  aber  dieser.  Den  Eiugangs- 
versen  folgt  ein  langer  im  Stile  Fortunats  verfasster  Panegyri- 
eus  auf  Karl,  welcher  an  das  Bild  vom  Leuchtthurm  sich  an- 
schliesst,  das  selbst  wieder  zu  einer  Yergleichung  „Davids" 
(des  Kaisers  nämlich)  mit  der  Sonne  führt:  sein  Glanz  über- 
trifft aber  den  ihren,  da  ihn  nie  Wolken  verhüllen.  Der  Dich- 
ter rühmt  namentlich  den  Charakter  Karls  und  seine  umfassende 
Bildung.  Dann  schildert  er  mit  poetischer  Freiheit  -),  im  Hin- 
blick auf  den  von  Virgil  erzählten  Bau  von  Karthago,  wie  der 
der  „zweiten  Roma",  der  ,, zukünftigen",  unter  der  Leitung  Karls 
sich  erhebt.  Hieran  schliesst  sich  eine  hübsche  idyllische  Schil- 
derung des  Waldes  und  Parkes  von  Achen,  wo  Karl  mit  der 
Jagd  sich  zu  vergnügen  pflegt.  Eine  solche  wird  dann  vom 
Aufbruch  am  frühen  Morgen  an  mit  den  lebendigsten  Farben 
beschrieben,  und  bei  dieser  Gelegenheit  die  Familie  Karls  vor- 
geführt, denn  Gemalin,  Söhne  und  Töchter  nehmen  an  dem 
Jagdvergnügen  Theil.    Ihre  äussere  Erscheinung,  hoch  zu  Ross, 


t)  S.  Bd.  I,  S.  512. 

2)  Wie  er  sich  selbst  die  zukünftige  Hauptstadt  der  Welt  ausmalt. 
Eine  solche  poetische  Freiheit  räumt  ihm  allerdings  sein  scharfer  Ki'itiker, 
Simson  nicht  ein,  der  ihm  auch  die  Benutzung  des  „Ammenmärchens"  von 
der  Verstümmelung  und  wunderbaren  Heilung  des  Papstes  zum  Vorwurf 
macht.  Simson  vergisst  eben,  dass  er  kein  Werk  der  Annalistik,  sondern 
ein  Gedicht  kritisirt. 


60  Epische  Dichtung. 

namentlich  ihr  prächtiges  Kostüm  wird  mit  allem  Glänze  aus- 
gemalt; eine  Charakterschilderung  findet  sich  aber  nur  bei 
zweien,  dem  kriegerischen  Helden  Pippin  (v.  200  ff.)  und  der 
männlich  gesinnten,  dem  Vater  im  Charakter  wie  im  Aeussern 
ähnlichen  Berta  (v.  220  ff.).  Die  Reiter  umstellen  den  Wald, 
ein  Eber  wird  von  den  Hunden  aufgespürt.  Karl  selbst  er- 
legt ihn.  So  beginnt  die  Jagd;  nach  ihrer  Beendigung  wird 
die  Beute  unter  die  Grossen  vertheilt,  und  im  Schatten  des 
Parks  unter  Zelten  ein  heiteres  Mahl  eingenommen.  —  In  der 
folgenden  Nacht  aber  hat  Karl  ein  Traumgesicht:  der  Papst 
(Leo)  erscheint  ihm  klagend,  furchtbar  verwundet  mit  blut- 
besudelten Augen  und  der  Zunge  beraubt.  Karl  sendet  als- 
bald Boten  nach  Rom,  um  die  Wahrheit  zu  erkunden,  während 
er  selbst  nach  Sachsen  aufbricht,  das  rebellische  Volk  zu  züch- 
tigen. Die  Boten  vernehmen  auch  in  Rom  die  Wahrheit  des 
Attentats,  das  —  ein  Werk  des  Satan  >)  —  hier  ausführlich 
geschildert  wird  (v.  344 ff.),  ebenso  die  wunderbare  Heilung, 
wie  sie  die  Sage  alsbald  erfand.  Der  Papst  ist  schon  nach 
Spoleto  geflüchtet,  dorthin  beruft  er  die  Boten,  und  beschwört 
sie,  ihn  zu  Karl  zu  geleiten,  der  in  seiner,  des  Papstes,  Sache 
richten,  ihn  rächen  und  wieder  aufrichten  solle.  Die  Gesandten 
nehmen  den  Papst  mit;  seine  Reise  wird  zu  einem  Triumph- 
zug, denn  das  Volk  strömt  überall  auf  dem  Wege  zusammen, 
das  Wunder  ,der  neuen  Augen  und  Zunge'  zu  schauen  und  zu 
preisen.  Karl  ist  indessen  mit  seinem  wohlgewappneten  Heere, 
das  die  Erde  erdröhnen  macht,  bis  Paderborn  gelaugt.  Vom 
Herannahen  des  Papstes  benachrichtigt,  sendet  er  ihm  Pippin 
entgegen.  Dann  aber  zieht  er  selbst  mit  dem  ganzen  Heere 
aus  ihn  zu  begrüssen,  dreimal  beugt  es  die  Knie,  um  dreimal 
den  Segen  zu  empfangen.  Der  König,  „der  Vater  Europas", 
und  ,,der  höchste  Hirt  auf  dem  Erdkreis"  umarmen  sich.  Sie 
gehen  vereint  in  die  Kirche ,  wo  der  Papst  die  Messe  feiert, 
dann  aber  in  den  Palast  zum  fröhlichen  Mahle,  nach  welchem 
Leo  reich  beschenkt  wird.  Der  König  zieht  sich  darauf  in  seine 
Gemächer  zurück,  und  der  Papst  in  das  Lager  der  Seinen.  Und 
der  Gesang  schliesst:  „Mit  solcher  Ehre  wurde  von  Karl  Leo 
aufgenommen,  der  vor  den  Römern  flüchtige,  aus  seinem  eige- 
nen Lande  vertriebene". 


1)  Dies  erinnert  an  das  ep.  Gedicht  des  Hibernicus  exul,  s.  oben  S.  57. 


Carmen  de  Carolo  magno.  61 

Der  Gesang  hat  damit  einen  Yollständig-en  Abselihiss,  das 
ganze  Werk  aber  schwerlich :  man  möchte  vielmehr  glauben, 
dass  in  einem  folgenden  vierten  Buche  —  zählt  doch  auch  die 
Dichtung  des  Fortunat  vier  Bücher  —  die  Wiedereinsetzung  des 
Papstes,  das  von  ihm  begehrte  Gericht  Karls  in  seiner  Sache 
(s.  oben)  und  die  mit  alle  dem  unmittelbar  zusammenhängende 
Krönung  desselben  als  Kaiser  erzählt  wäre.  Dann  wäre  die 
Dichtung  zur  Verherrlichung  des  neuen  Imperium  verfasst  wor- 
den, und  hiermit  stünde  die  Gründung  der  neuen  Roma,  wie 
sie  der  erhaltene  Gesang  erzählt,  im  vollen  Einklang.  Dann 
aber  ist  die  Dichtung  erst,  jedoch  bald,  nach  der  Kaiserkrö- 
nung  verfasst  worden;  denn  später  als  801  möchte  ihre  Ab- 
fassung überhaupt  nicht  zu  setzen  sein,  da  in  einer  weiter 
unten  betrachteten  Ekloge,  die  spätestens  805  gedichtet  er- 
scheint ,  auf  unsern  Gesang  als  schon  längere  Zeit ')  verfasst 
hingewiesen  wird.  Jedenfalls  folgt  auch  hier  die  Epik  den  von 
ihr  besungenen  Begebenheiten  alsbald  nach.  Hiermit  hängt 
zusammen  ein  gewisser  panegyrischer  Zug,  der  ihr  inwohnt, 
wie  sich  dies  ja  auch  sonst  in  solchen  Fällen,  z.  B.  in  den 
Gedichten  des  Claudian,  welche  Ereignisse  der  Gegenwart  be- 
singen, findet. 

Nicht  bloss  einen  Fortschritt  in  der  literarischen  Bewegung, 
wie  ihn  schon  Alcuin  in  seiner  Dichtung  von  den  Bischöfen 
und  Königen  von  York  gemacht,  nein  eine  Wendung  zeigen 
diese  epischen  Versuche  an,  und  am  auffallendsten  der  zuletzt 
betrachtete  im  Hinblick  auf  sein  Vorbild,  das  Werk  Fortunats : 
an  der  Stelle  eines  Heiligen  wird  jetzt  ein  weltlicher  Held  be- 
sungen —  dessen  Grossthaten  bald  in  der  That  gleich  Mira- 
keln auf  eine  noch  immer  sehr  wundersüchtige  Zeit  wirken 
sollten,  die  sie  der  Nachwelt  durch  den  Volksmund  auch  in 
der  Phantasiegestalt  von  solchen  überlieferte,  um  dann  noch 
einmal  wieder,  in  dem  romanischen  Westfrancien,  die  Epik  und 
zwar  in  volksthümlicher  Form  zu  einem  frischen  Leben  zu  er- 
wecken. Zunächst  aber  wirkt  dieser  neue,  weltliche  Heroen- 
kultus auf  die  Schulpoesie  erfrischend,  namentlich  begeistert 
der  Gedanke  der  Wiederherstellung  des  abendländischen  Im- 
perium die  Schüler  Virgils,   des  Sängers  des  römischen  Welt- 


1)  Mit  den  Worten:  iam  dudwu.   Naso,  lib.  II,  v.  US.    S.  weiter  unten, 
im  folgenden  Kapitel  die  ganze  Stelle. 


62  Angilbert. 

reichs.  Ein  frischer  weltliclier  Zug-  geht  durch  jenen  Gesang 
von  der  Zusammenkunft  Karls  und  Leos,  trotzdem  der  Dichter 
nicht  müde  wird  bis  zur  Langweiligkeit  das  Wunder  der  Her- 
stellung des  Papstes  wieder  und  wieder  zu  glorificiren ;  einen 
reichen  lebhaften  Sinn  für  das  Malerische  der  Schilderung,  so- 
wie für  die  Musik  des  Verses  zeigt  der  Dichter  darin  mit  glück- 
lichem Erfolge:  wenn  auch  das  glänzende  Mosaik  seiner  Ge- 
mälde zu  einem  guten  Theil  aus  Reminiscenzen  aus  Virgil  und 
Fortunat  zusammengesetzt  ist,  es  ist  keine  verstandesmässige 
mechanische  Arbeit  des  Gelehrten  gewesen,  sondern  das  Werk 
eines  Künstlers,  der  in  dem  Spiel  der  Phantasie  einen  Genuss 
sucht.  In  der  Schilderung  der  schönen  geschmückten  Frauen, 
bei  welcher  der  Dichter  mit  Vorliebe  verweilt,  zeigt  sich  schon 
eine  sinnlich  romantische  Neigung,  die  weit  abliegt  von  der 
Askese  der  Heiligenpoesie,  hingegen  einen  höfischen  Charak- 
ter hat. 

Manche  Anzeigen  ^)  scheinen  dafür  zu  sprechen ,  dass  der 
ungenannte  Verfasser  der  eben  betrachteten  Dichtung  der  „  Ho- 
merus"  des  ästhetischen  Kreises  Karls  gewesen  ist,  Angilbert.-) 
In  ihm  ist  wieder  ein  andrer  germanischer  Stamm,  und  zwar 
der  der  Franken  selbst  vertreten.  Von  vornehmem  Geschlecht, 
war  Angilbert  an  dem  fränkischen  Hofe  selbst  aufgewachsen 
und  so  schon  frühe  zu  der  königlichen  Familie  in  eine  nähere 
Beziehung  gekommen,  die  mit  der  Zeit  eine  noch  engere  wurde. 
Die  Lehrer  Karls,  Petrus  und  Alcuin  waren  auch  die  seinen. 
In  der  königliche  Capelle  angestellt,  wurde  er  einer  der  ver- 
trautesten Käthe  Karls,  der  ihm  die  wichtigsten  politischen  Auf- 
träge ertheilte:  so  leitete  er  eine  Zeitlang  bei  dem  jungen  Pip- 
pin  die  Regierung  Italiens,  so  wurde  er  mehrmals  in  wichtigen 
Angelegenheiten  nach  Rom  gesandt.  790  erhielt  er  für  seine 
Dienste  die  Abtei  S.  Riquier,  die  er  zit  einem  so  prächtigen 
geistlichen  Sitze  umgestaltete,  dass  er  dort  später  als  Heiliger 
verehrt  ward.  Seine  geistliche  Stellung  hielt  ihn  jedoch  nicht 
ab,  mit  einer  Tochter  Karls,  Bertha  einen  geheimen  ehelichen 


1)  S.  darüber  meinen  Aufsatz :  Naso,  Angilbert  etc.  in:  Zeitschrift  f.  d. 
Deutsche  Alterthum  N.  F.  X,  S.  331  f. 

2)  Carmina  ed.  Migne,  Patrol.  lat.  Bd.  99  nach  Froben's  Ausg.  der 
Werke  Alcuins  T.  II  (Addenda)  und  Duchesne,  Historiae  Francor.  scriptor. 
T.  II.  —  Wattenbach,  Deutschlands  Geschichtsquellen.  4.  Aufl.  Bd.  I.S.  140  ff. 
—  Dümmler  N.  A.  S.  UOff. 


Gedichte.  63 

Bund  zu  schliessen,  von  dem  zwei  Söhne  die  Frucht  waren, 
der  eine  von  ihnen  der  Historiker  Nithard.  Vielmehr  Staats- 
mann als  Priester,  hatte  Angilbert  eine  durchaus  weltliche  Ge- 
sinnung, welche  sich  auch,  und  zugleich  wohl  mit  einem  sinn- 
lich ästhetischen  Interesse,  in  einer  von  Alcuin  wiederholt  ge- 
tadelten Vorliebe  für  die  Aufführungen  der  Histrionen  bekun- 
dete, deren  Fortdauer  also  bezeugt  wird. ')  Dass  Angilbert  als 
Dichter  in  dem  Kreise  Karls  sehr  hoch  geschätzt  wurde,  be- 
weist nicht  bloss  sein  akademischer  Beiname,  sondern  auch  das 
gelegentliche  Urtheil  von  Zeitgenossen,  das  ihn  mit  Theodulf 
auf  eine  Linie  stellt.-)  Er  starb  nicht  lange  nach  seinem  Freunde, 
dem  Kaiser  S14. 

Nur  ein  paar  grössere  Gedichte  aber  haben  sich  von  ihm 
erhalten,  in  denen  er  selbst  sich  als  Verfasser  nennt,  und  von 
diesen  sind  auch  nur  zwei  von  einiger  Bedeutung.  Das  eine, 
34  Distichen,  begrüsst  den  aus  dem  Avarenfeldzug  siegreich 
zurückkehrenden  Pippin,  als  ihm  Angilbert  auf  seiner  Eeise 
nach  Italien  796  in  Langres  begegnet:  der  Dichter  schildert 
ihm,  mit  welcher  Sehnsucht  Pippin  vom  Hofe,  namentlich  vom 
Vater  imd  von  seinem  älteren  Bruder  Karl  erwartet  werde, 
und  wie  Ludwig  den  letzteren  durch  einen  Traum  getröstet 
habe,  in  dem  ihm  Pippin  selbst  seine  nahe  Ankunft  verkün- 
dete; er  malt  ihm  dann  ferner  noch  den  zärtlichen  Empfang 
aus,  der  ihn  von  der  ganzen  königlichen  Familie  erwarte,  bei 
dem  nicht  gegenwärtig  zu  sein  Angilbert  schmerzlich  bedauert. 
Das  schöne  deutsche  Familienleben  an  Karls  Hofe  zur  Zeit 
der  Königin  Luitgard  spiegelt  sich  in  dieser  gemüthvolleu 
Darstellung  ab.  —  Dieselbe  Gesinnung  des  Autors  gibt  sich 
auch  in  dem  andern,  in  Hexametern  verfassten  Gedichte 
kund,  in  dem  die  Formen  der  Ekloge  und  der  Epistel  com- 
binirt  erscheinen.  Der  Kern  des  Gedichts  ist  ein  Loblied  auf 
Karl  und  die  Lieben  (cari)  des  Dichters  in  einer  dem  Wett- 
gesang der  achten  Ekloge  des  Virgil  nachgebildeten  Form, 
indem  Refrainverse,  gewöhnlich  nach  drei  Zeilen,  wiederkehren, 


1)  Alcuini  Epp.  ed.  1.  p.  479  u.  627  f. 

2)  S.  Zeitschr.  f.  deutsch.  Alterth.  N.  F.  V,  S.  143,  die  ,Yersus  Fidu- 
ciae',  V  17:  hier  wird  er  zugleich  mit  Theodulf  als  divinus  poeta  bezeich- 
net. —  Ebendort  hat  Dümmler  eine  kleine  Epistel  Angilberts  an  seinen 
Magister  Petrus  publicirt. 


64  Eklogen. 

worin  der  Dichter  seine  Hirtenpfeife  zum  Gesäuge  auffordert, 
oder  auch  andere  Verse  wiederholt.*)  Karl -David  wird  na- 
mentlich als  Freund  der  Sänger  und  als  Gönner  der  Wissen- 
schaft gepriesen,  der  die  Weisheit  der  Alten  wieder  erneut. 
Aber  es  wird  auch  des  Dombaus  gedacht,  zu  dessen  Voll- 
endung der  Beistand  des  Himmels  erfleht  wird.  Die  „Lieben" 
aber,  die  einzeln  gefeiert  werden,  sind  des  Kaisers  Sohn,  Karl 
—  der,  ausser  Pippin,  dem  Angilbert  besonders  theuer  ge- 
wesen zu  sein  scheint  — ,  Gisela,  Rotrud,  Bertha,  „der  seine 
Lieder  gefallen  mögen",  und  die  Freunde,  der  Primicerius 
Aaron  (Hildebald),  Thyrsis  und  Menalcas.  Hierauf  wird  aber 
vom  Dichter  der  „Brief"  (cartula)  aufgefordert,  nach  der  Pfalz 
sich  zu  begeben  und  die  Lieder  und  Grüsse  auszurichten, 
dann  aber  die  reizenden  Gärten  zu  durchwandern,  wo  Ko- 
merus  (der  Dichter)  mit  seinen  Knaben  zu  wohnen  pflegte, 
welche  Haus  und  Hof  ihm  wohl  hüten  sollen  bis  zu  seiner 
Rückkehr.  —  Mau  sieht  wie  der  Abt  in  der  Nähe  einer  der 
Pfalzen  ein  Heim  sich  gegründet,  wo  er  die  Freuden  des 
Familienlebens  genoss,  das  er  so  hoch  zu  schätzen  weiss. 


VIERTES  KAPITEL. 

erlogen:   naso,  conflictus  veris  et  hiemis. 

Wir  haben  schon  mehrfach  gesehen,  wie  die  Ekloge 
Virgils,  diese  acht  höfische  Dichtung,  in  dem  grammatisch- 
ästhetischen  Kreise  Karls  beliebt   war  und  auf  die  neue  Hof- 


1)  So  beginnt  das  Gedicht: 

Siu'ge,  meo  Domno  dulces  fac,  fistiüa.  versus: 
David  amat  versus,  surge  et  fac,  fistula,  versus. 
David  amat  vates,  vatorum  est  gloria  David, 
Quapropter  vates  cuncti  concurrite  in  unum 
Atque  meo  David  dulces  cantate  camoenas. 
David  amat  vates,  vatorum  est  gloria  David. 
Dulcis  amor  David  inspirat  corda  canentum, 
Cordibus  in  nostris  faciat  amor  ipsius  odas: 
Yatis  Hörnern s  amat  David,  fac,  östula,  versus. 
David  amat  vates,  vatorum  est  gloria  David. 

Alcuini  opp.  ed.  Froben  IL  p.  614. 


Naso.  65 

poesie  einwirkte.  Ich  erinnere  nur  an  die  diesen  Einfluss 
recht  charakterisirende  Thatsache,  dass  jenen  Eklogen  mehrere 
der  akademischen  Namen  entlehnt  waren  und  gerade  von 
Hofbeamten  Karls.  ')  Dieser  Einfluss  wuchs  noch,  als  der 
Frankenkönig  das  römische  Imperium  im  Abendlande  wieder- 
herstellend, als  ein  anderer  Augustus  jenem  Kreise  erschien, 
der  in  Virgil  den  ersten  der  Dichter  verehrte.  Um  so  weniger 
kann  es  uns  hiemach  Wunder  nehmen,  wenn  mau  jetzt  auch 
versuchte  selber  Eklogen  nach  dem  Muster  der  Virgilischeu  zu 
dichten.  Einer  solchen  begegnen  wir  -in  einem  Karl  gewid- 
meten, auch  seinem  Inhalte  nach  merkwürdigen  Gedichte,  das 
manche  Beziehung  zu  jenem  dem  Angilbert  beigelegten  epi- 
schen Gesänge  enthält.  Die  in  Hexametern  verfasste  und  in 
zwei  libelli  getheilte  Ekloge  hat  einen  kurzen  Prolog  wie  Epilog 
in  Distichen,  welche  beide  an  Karl  gerichtet  sind.  Hier  er- 
fahren wir,  wie  auch  in  dem  Gedichte  selbst  (I,  v.  62)  den, 
natürlich  akademischen  Namen  des  Verfassers :  Naso  -) ,  sowie 
dass  er  ein  noch  junger  und  armer  Poet  war,  der  erst  noch 
die  dauernde  Gunst  des  Kaisers,  deren  so  manche  andere 
Dichter  sich  erfreuten,  sich  zu  erwerben  hatte.  Er  war,  wie 
es  scheint,  ein  angelsächsischer  Presbyter,  Schüler  des  Alcuin^), 
und  gehörte  zu  Karls  Capelle.  Zu  Angilbert  stand  er,  wie 
sich  ferner  aus  dem  Gedicht  selbst  ergibt,  in  jedem  Fall  in 
einer  näheren  Beziehung.  —  Der  Autor  hat  aber  nicht  bloss 
Virgil,  sondern  auch  einen  antiken  Nachfolger  desselben, 
Calpurnius  sich  zum  Muster  genommen,  an  dessen  erste  Ekloge 
namentlich  er  in  dem  zweiten  libellus  sich  unmittelbar  an- 
schliesst. 

Wie  bei  einzelnen  Eklogen  des  Virgil  und  auch  des  Cal- 
purnius besteht  das  Gedicht  nur  aus  einem  Wechselgesang. 
Das  erste  Büchlein  (95  Hexam.)  bildet  eine  Einleitung  gleich- 
sam. Die  beiden  Hirtensäuger  sind  ein  junger  Anfänger,  „puer"  ^), 


1)  S.  oben  S.  6.  So  hiess  der  Oberküchenmeistei*  Menalcas,  der 
Kämmerer  Thyrsis. 

2)  Gedichte  des  Naso  herausgeg.  von  Dümmler  in:  Zeitsehr.  f.  deutsch. 
Alterth.  N.  F.  VI.  S.  58  ff.  —  S.  meinen  oben  S.  62  Amu.  1  angeführten 
Aufsatz.  —  Dümmler  N.  A.  S.    142. 

3)  S.  oben  S.  31. 

4)  Dies  Wort  hat  damals  die  Bedeutung   von  Jüngling. 

Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  II.  ^ 


66  Eklogen. 

welcher  den  Dichter  selbst  vorstellt,  und  ein  alter,  ruhmge- 
krönter Veteran  der  Dichtung,  der  nach  einem  Hirten  des  Virgil, 
welcher  auch  bei  Calpurnius  wiederkehrt,  Micon  heisst.  i) 
Jener  fordert  diesen  zum  Gesang  mit  ihm  auf,  er  hofft  auch 
die  Gunst  Davids  —  des  Kaisers  —  zu  gewinnen,  der  schon 
von  ihm  poetische  Gaben  huldvoll  aufgenommen.  Er,  ihr 
Palaemon,  schaue  von  der  hohen  Burg  der  „  neuen  Roma "  alle 
Reiche  seinem  „  Imperium "  unterAvorfen,  die  Welt  sei,  verwan- 
delt, zu  den  alten  Sitten  zurückgekehrt;  das  goldene  Rom  werde 
wiederum  erneuert  dem  Erdkreis  wiedergeboren.  -)  —  Palae- 
mon nennt  der  Puer  aber  hier  den  Kaiser  nach  einem  Hirten 
der  dritten  Ekloge  des  Virgil,  der  dort  zum  Schiedsrichter  in 
einem  Gesangswettstreit  erkoren  wird :  so  soll  bei  ihrem  Wett- 
gesang Karl  richten.  —  Der  Alte  theilt  nicht  die  Hoffnungen 
des  Jünglings,  er  meint  im  Gegentheil,  Karl  verachte  die 
Gedichte  desselben,  ja  er  erinnert  ihn  an  das  Schicksal  seines 
antiken  Pathen  —  des  Ovid.  Der  junge  Sänger  weist  da- 
gegen auf  die  Belohnungen  hin,  die  einem  Virgil,  Lucan  und 
Ennius  im  Alterthum  geworden:  und  fände  nicht  dasselbe  in 
ihrer  Zeit  statt  V  Homer  (Angilbert),  Flaccus  (Alcuin),  Theo- 
dulf  und  Einhard  bezeugen  reich  belohnt,  dass  Karl  die  Dich- 
tung liebe.  3) 


1)  Bei  Calpurnius  Ecl.  V  ist  er  der  Lehrer  des  Canthus.  mit  welchem 
er  dort  zusammen  auftritt,  er  der  senior  mit  dem  tuvenis ;  vielleicht  hat 
Naso  ein  gleiches  Verhältniss  im  Sinne  gehabt,  wenigstens  steht  ihm  als 
puer  Micon  als  scnex  (senior)  gegenüber.  Bei  Virgil  aber  wird  ein  Micon 
namentlich  in  Ecl.  III  angeführt,  die  noch  einen  andern  näheren  Bezug 
zu  unserm  Gedicht  hat.     S.  weiter  unten. 

2)  Kursus  in  antiquos  mutataque  secula  mores; 
Aurea  Roma  iterum  renovata  renascitur  orbi. 

1.  I,  V.  26.    Hier  findet  sich  also  selbst  der  Ausdruck:  Renaissance. 

3)  Sic  iterum  haec  etiam  nostro  nunc  tempore  cerne: 
Non  mens  ecce  solet  magno  facundus  Homer us 
Carminibus  Carolo  studiosis  semper  placere. 

Ni  Flaccus  calamo  modulari  carmina  nosset, 
Non  tot  praesentis  tenuisset  praemia  vitae. 
Theudulfus  gracili  iamdudum  lusit  avena: 
Plurima  cantando  meruit  commercia  rerum. 
.  .  omsa  vide  solitus  recitare  camenas, 
Nardus  ovans  summo  pi-aesenti  pollet  honore. 

1.  I,  V.  84  ff. 


Naso.  67 

Das  zweite  Büchlein  (121  Hexam.)  enthält  nun  den  Wett- 
geeang,  denn  der  Alte  venveigert  ihn  nicht  mehr,  er  fordert 
jetzt  den  Jungen  dazu  auf,  indem  er  mit  lebendigen  Farben 
die  mittägliche  Sonnengluth  malt,  in  der  die  Bienen  fröhlich 
summen,  das  Vieh  aber  des  Waldes  Schatten  aufsucht.  Er 
ladet  dann  den  Genossen  ein,  in  den  nahen  kühlen  Hain  mit 
ihm  einzutreten.  —  Dieser  antwortet  und  preist  den  Alten 
glücklich,  dessen  Liedern  die  Thiere  lauschend  folgten,  das 
wilde  zum  zahmen  in  Frieden  gesellt,  durch  seine  Flöte  ge- 
sänftigt.  So  scheint  sich  schon  zu  erfüllen,  was  man  mit 
göttlichem  Messer  auf  einer  Buche  Binde  eingeschnitten  liest, 
und  die  Gesträuche  und  der  ganze  Hain  rufen:  Friede  den 
Ländern,  es  fliehe  weit  der  grausame  Krieg.  —  Die  Inschrift 
sagt  die  Wahrheit,  erwidert  der  Alte:  in  der  That  kündigt 
eine  göttliche  Hand  einen  ewigen  Frieden  den  Ländern  au. 
Eine  goldene  Sonne  leuchtet  glänzend  in  der  Mitte  des  Erd- 
kreises, nach  allen  Himmelsrichtungen  ihre  Strahlen  aus- 
breitend ;  durch  keine  Wolken  verdunkelt,  verscheucht  sie  die 
Stürme.  Ihrer  erfreuen  sich  Saone,  Rhone,  Loire,  Maas  und 
Rhein.  Dieses  goldene  Licht,  vom  Himmel  der  Welt  gesandt, 
unterwirft  sich  die  wilden  Völker  und  zügelt  durch  Gesetze 
unzählige  Stämme,  ihm  beugt  sich  der  ganze  Erdkreis.  Der 
ruchlose  Aufruhr  flieht,  die  Waffen  ruhen,  Bellona  knirscht 
gefesselt  in  ohnmächtiger  Wuth.  Eine  goldene  Regierungszeit 
ersteht  den  sorglosen  Lateinern,  das  hohe  Rom  sieht  schon 
seine  Trophäen  wiederkehren.  —  Hieran  reiht  sich  eine  Schil- 
derung des  goldenen  Zeitalters  im  Hinblick  auf  Virgil  (Ecl.  IV i, 
Calpurnius  (Ecl.  I)  und  Ovid  (Metam.  1.  I).  Im  kaiserlichen 
Schutz  hält  Karl  die  ganze  Erde,  die  seinem  frommen  Im- 
perium gehorchen  wird.  Ihn  hat  Micon  schon  einmal  unter 
dem  Namen  der  Sonne  gefeiert.  0  —  In  dem  Epilog  bittet  der 
Dichter  Karl  um  huldvolle  Aufnahme  seines  Werkes,  indem  er 
in  diesem  Falle  verspricht  alle  Thaten  des  Kaiserszu  besingen. 

Dies  Gedicht,  das  also  die  Wiederherstellung  des  Welt- 
reichs im  Abendlande  durch  Karl  feiert  und  die  grossen  Hoff- 


1)  Hiinc  ego  ianidudum  memini  sub  nomine  solis, 
Qui  nitet  in  totum  claro  vibramine  mundiim : 
1.  II,  V.  llSf.  sagt  Micon.     Hiermit  wird  er  als  Verfasser  des  dem  Angil- 
bert  beigelegten  epischen  Gedichts  bezeichnet.     Vgl.  oben  S.  59. 


68  Eklogen. 

nungen  zeigt,  die  man  davon  liegte,  ist  niclit  lange  nach  dem 
Ereigniss,  aber  erst  nach  dem  Jahre  80-41),  wahrscheinlich  805 
verfasst,  nachdem  die  Sachsenkriege  ihren  Abschluss  gefunden, 
worauf  der  Dichter  vielleicht  mit  der  Flucht  des  ruchlosen 
Aufruhrs  hindeutet.  Jetzt  erst  konnte  Friede  und  Eintracht 
des  neuen  Imperium  gesichert  erscheinen. 

Aus  derselben  Zeit  stammt,  und  wahrscheinlich  aus  dem 
Kreise  Alcuins ,  vielleicht  ein  Werk  seines  Schülers  D  o  d  o  -) 
eine  andere  merkwürdige  Ekloge,  die  man  früher  entweder 
Beda  oder  Milo  beigelegt  hat.  Sie  ist  ConJUctiis  veris  et  hiemis'^) 
betitelt,  besser  aber  wäre  statt  Conflictus  Certamen  zu  sagen, 
ein  auch  in  den  antiken  Eklogen  gebrauchter  Ausdruck.  Dies 
Certamen  ist  wohl  das  älteste  bekannte  der,  später  auch  in 
den  Nationalliteraturen  beliebten  Streitgedichte,  die  sich  also 
aus  der  der  antiken  nachgebildeten  Ekloge,  oder  mindestens 
unter  ihrem  Einfluss  entwickelt  haben.  Das  Gedicht  besteht 
aus  55  Hexametern. 

Im  Eingang,  den  ersten  neun  Versen,  erzählt  der  Dichter, 
dass  plötzlich  von  den  hohen  Bergen  herab  sämmtliche  Hirten 
zusammenkommen  bei  der  Frühlingssonne  unter  dem  Baumes- 
schatten, um  ein  fröhliches  Lied  zu  singen,  ein  Loblied  dem 
Kuckuk,  unter  ihnen  auch  der  junge  Daphnis  und  der  alte 
Palaemon.  Da  kommt  auch  der  Frühling  mit  einer  Blumen- 
krone, und  der  kalte  Winter,  der  struppige  mit  starren  Haaren  : 
sie  hatten  einen  grossen  Streit  (certamen)  über  das  Kuckuks- 
lied;  und  der  Frühling  begann.  Nun  folgt  der  „Streit",  indem 
ein  jeder  von  beiden  allemal  ^)  drei  Verse  singt.  Die  Dar- 
stellung ist  von  da  an  ganz  dramatisch,  da  die  verbindende 
Erzählung  fast  durchaus  aufhört,  ja  selbst  am  Schlüsse  kaum 
wiederkehrt. 


1)  Denn,  wie  schon  Dümmler  a.  a.  0.  bemerkte,  wird  1.  I.  v.  87  f.  (s. 
oben  S.  66  Anm.  3)  des  Alcuin  wie  eines  Verstorbenen  gedacht. 

2)  Dieser  von  mii'  aufgestellten  Hj-pothese  tritt  Dümmler  in  dem  in 
der  folgenden  Anm.  angeführten  Aufsatz  entgegen,  indem  er  das  Gedicht 
nur  an  Dodo  gerichtet  glaubt.     Vgl.  über  diesen  oben  S.  31. 

3)  In:  Anthologia  latina.    P.  I.  rec.  Eiese,  Fase.  2,  Nr.  6S7. Meui 

oben  S.  62  Anm.  1  angeführter  Aufsatz.  —  Dümmler,  Ueber  die  Gedichte 
De  Cuculo  in:  Zeitschi-,  f.  d.  Alterth.  N.  F.  Bd.  XI,  S.  67  ff. 

4)  Mit  einer  einzigen  Ausnahme. 


Couflictus  veris  et  hiemis.  69 

Der  Frühling  wünscht,  dass  der  Kuckuk  kommt,  der  liebste 
Vogel,  allen  der  willkommenste  Gast,  welcher  gute  Lieder  mit 
seinem  rothen  Schnabel  anstimmt;  er  soll  die  Kälte  vertreiben, 
dieser  stete  Begleiter  der  Sonne ;  er  bringt  die  Blumen  wieder 
und  den  Honig,  er  kleidet  die  Fluren  und  sänftigt  die  Wellen. 
—  Der  Winter  wünscht  nicht  seine  Ankunft,  weil  er  Arbeiten 
hervorruft  imd  die  geliebte  Ruhe  zerstört,  ja  den  Hunger  im 
Gefolge  hatJ)  Der  Winter  freut  sich  seiner  Reichthümer,  die 
Schätze  in  den  Truhen  zu  zählen,  der  fröhlichen  Mahlzeiten 
und  der  süssen  Ruhe  am  warmen  Herde.  —  Woher  hätte 
aber  der  Winter  seine  Schätze,  wendet  der  Frühling  ein,  wenn 
nicht  er  und  der  Sommer  für  ihn  arbeiteten.  Sehr  wahr,  ant- 
wortet der  Winter,  eben  deshalb  sind  sie  meine  Knechte.  — 
Du  bist  nicht  ihr  Herr,  denn  du  bist  arm  und  hülflos,  erwi- 
dert der  Frühling.  Du  kannst  dich  nicht  selbst  erhalten, 
wenn  nicht  der  Kuckuk  kommt  und  dir  Nahrung  leiht.  — 
Darauf  aber  spricht  Palaemon  „vom  erhabenen  Sitze",  Daphuis 
und  die  Schaar  der  frommen  Hirten:  „Lass  das  weitere, 
Winter,  du  Verschwender,  du  trotziger.  Es  soll  kommen  der 
Kuckuk,  der  Hirten  holder  Freund."  Grün  soll  es  werden  auf 
den  Hügeln,  Futter  für  das  Vieh  geben,  und  die  Vögel  sollen 
mit  ihrem  verschiedenen  Gesang  die  Sonne  begrüssen.  Schnell 
komme  darum  der  Kuckuk.  „  Alles  erwartet  dich,  Meer,  Erde 
und  Himmel.     Salve,  dulce  decus ,  cuculus;  per  saecula  salve! ^ 

Der  Kuckuk  wird  in  dieser  Ekloge  also  nach  germanischer 
Sitte  als  Verkünder  des  Frühlings  betrachtet  und  gefeiert  2), 
der  dem  Stil  der  antiken  Ekloge  ganz  gemässe  Wettgesang 
des  Frühlings  und  Winters  beruht  auch  auf  alter  germanischer 
Ueberlieferung  eines  Kampfes  dieser  Jahreszeiten  3),  die  hier 
als  germanische,  zumal  der  Winter,  nirgends  sich  verläugnen: 
so  verschmilzt  nationaler  Inhalt  mit  antiker  Form,  wodurch 
hier  allerdings  auch  die  letztere  berührt  wird,  insofern  als 
die  das  Certamen  Führenden  Personificationeu  sind.  Auch  hier 
heisst  aber  der  Schiedsrichter  Palaemon,  und  nach  dem  „er- 
habenen   Sitz"    möchte    man    fast    glauben,    dass    der  Dichter 


1)  Offenbar,   da  die  Wintervorrätlie  im  Beginn  des  Frühjahrs  aufge- 
zehrt sind. 

2)  S.  Grimm.  Deutsche  Mj-thologie  4.  Ausg.  S.  563.  • 

3)  Grinun,  a.  a.  0.  S.  650. 


70  Theodulf. 

auch  dieser  Ekloge  dabei  an  den  Kaiser  gedacht  habe.  —  In 

Sprache  und   Vers  erscheint  das  Gedicht  aber  weit  correcter 
als  das  des  Naso. 


FÜNFTES  KAPITEL. 


THEODULF. 


Noch  einen  Dichter  aus  der  Zeit  und  dem  Kreise  Karls 
des  Grossen  haben  wir  zu  betrachten,  von  dem  uns  Poesien, 
und  sogar  in  grösserer  Zahl,  überliefert  sind,  obgleich  auch 
von  ihm  manches  verloren  ist ;  es  ist  der  Bischof  von  Orleans, 
Theodulf.  ')  In  ihm  ist  wieder  ein  anderer  germanischer 
Stamm  vertreten,  denn  er  war  ein  Gothe,  als  welchen  er 
selbst  sich  in  seinen  Gedichten  bezeichnet.-)  Welches  Land 
aber  seine  Heimath  war,  lässt  sich  nicht  mit  voller  Sicherheit 
bestimmen,  doch  kann  nur  zwischen  Septimanien  und  Spanien 
die  Wahl  sein.   Ich  habe  mich  für  das  letztere  entschieden.  3) 

Auch  Theodulf  hatte  offenbar  durch  seine  ausgezeichnete 
Bildung  sich  Karl  empfohlen.  Den  weiten  Kreis  seiner  Studien 
bezeugen  seine  Gedichte,  namentlich  eines  (1.  IV,  c.  1),  worin 
er  die  Autoren,  welche  seine  Lieblingslectüre  bildeten,  aufführt: 
da  gedenkt  er  denn  neben  den  grossen  Kirchenvätern  und 
dem  Encyclopädisten  Isidor  auch  der  Schriften  der  heidnischen 
Philosophen,    die  leider  nicht   mit  Namen  genannt  sind,    und 


1)  Theodulfi  Aiu'elianensis  episcopi  opera,  J.  Sirmondi  cura  et  studio 
edita  notisque  illustrata.  Paris  1646.  8".  Daraus,  aber  vermehrt,  in:  *Sii'- 
mondi  opera,  Tom.  11.  Paris  1696.  fol.  —  Mabillon,  Vetera  Analecta.  Paris 
1675.  T.  I.  p.  386  ff.  —  —  Haur^au,  Singularites  historiques  et  litteraires. 
Paris  1861.  —  Rzehulka,  Theodulf,  Bischof  von  Orleans.  (Dissert.)  Breslau 
1875.  —  Ebert,  Kleine  Beiträge  zur  Geschichte  der  karolingischen  Lite- 
ratur 1  u.  2.  In:  Berichte  über  die  Verhandl.  der  königl.  sächs.  Ges.  d. 
Wiss.  1878.  IL  S.  95  ff.  —  Dümmler,  N.  A.  S.  242  ff. 

2)  Opp.  1.  III,  c.  1  und  3. 

3)  Mit  Haureau  p.  37  ff.  und  Simson ,  Jahrb.  des  fränk.  Reichs  unter 
Ludwig  d.  Fr.  I,  S.  114.  —  S.  meine  Motivirung  a.  a.  0.  S.  95  ff.  Dass 
von  Italien  als  Heimath  gar  nicht  die  Rede  sein  kann,  habe  ich  doit  auch 
gezeigt. 


Leben.  7 1 

neben  den  angesehensten  christlichen  Dichtern'),  unter  welchen 
Prudentins,  der  metrische  Künstler  ^j,  einen  hervorragenden 
Platz  erhält,  der  Grammatiker  Pompeius  und  Donatus,  sowie 
der  Dichter  Virgil  und  Ovid.  Obgleich  in  den  Versen  der 
letzteren  vieles  Frivole  (frivola)  sich  linde,  so  sei  doch  auch 
sehr  viel  Wahres  darin,  unter  falscher  Hülle  verborgen.  Theodulf 
meint  damit  namentlich  die  Mythen,  deren  wahre  Bedeutung 
erst  die  Philosophen  aufgewiesen,  nämlich  durch  die  allego- 
rische Erklärung,  von  der  er  dann  Beispiele  gibt.  So  weiss 
sich  Theodulf  nach  dem  Vorgang  des  Fulgentius  '^)  mit  dem 
heidnischen  Elemente  der  antiken  Dichtung  abzufinden.  Und 
in  der  That  verdankt  er  der  letzteren  nicht  wenig.  In  ihm 
haben  die  klassischen  Studien  eine  wahrhaft  ästhetische  Bil- 
dung gereift.  Dies  zeigt  sich  namentlich  auch  in  seinem  Sinn 
für  die  bildende  Kunst.  So  Hess  er  eine  prachtvolle  Kirche 
nach  dem  Muster  der  Achener  Basilika  zu  Germiguy  bauen 
und  auf  das  kostbarste  im  Innern  ausschmücken,  sowie  andre 
restauriren;  so  Hess  er  Handschriften  der  Bibel  verfertigen, 
die  noch  heute  als  kalligraphische  Musterstücke  bewundert 
werden,  imd  sie  mit  Bildern  verzieren.^)  Aber  dieser  Kunst- 
sinn erscheint  nicht  bloss  im  Dienste  der  Religion;  der  Bi- 
schof schmückte  auch  seine  Tafel  durch  Aufsätze  kunstvoller 
Werke,  im  symbolisch -allegorischen  Stil  der  spätrömischen 
Zeit,  um  dem  Geiste  ebenso  wie  dem  Leibe  Kahrung  zu 
spenden,  wie  er  selbst  in  der  Beschreibung  eines  solchen 
Tafelaufsatzes  (der  auch  mit  einem  Tellurium  verbunden  war) 
sagt.  Wie  er  antike  Kunstwerke  zu  schätzen  wusste,  zeigt 
eine  andre  seiner  Dichtungen.  ">} 


1)  Es  sind  Arator,  Avitus.  Fortunat,  Juveucus,  Paulin,  Sediilius  und 
„Rutilus",  die  Form  des  letzten  Namens  ist  durch  den  Vers  geschützt; 
an  Rutilius  Kumat.  zu  denken,  verbietet  schon  der  Umstand,  dass  der- 
selbe nicht  nur  kein  Christ  war,  sondern  sogar  als  Feind  der  Christen  in 
seinem  Gedichte  sich  bekundet. 

2)  Diversoque  potens  prudenter  promere  plura 
Metro,  0  Prudenti,  noster  et  ipse  parens. 

3)  S.  Bd.  I.  S.  453. 

4)  S.  Delisle,  Les  Bibles  de  Theodulfe  in  der  Bibliotheque  de  rficole 
des  chartes  XL.  1^79,  p.  5  ft'. 

b)  S.  weiter  unten  S.  76. 


72  Thcodulf. 

Ein  Mann  von  solcher  Bildung  und  solchen  Neigungen 
musste  leicht  Karl  nahe  treten.  Von  seinem  Leben  haben  wir 
nur  sehr  lückenhafte  Kunde.  Dass  er  am  Hofe  Karls  ver- 
•kehrte,  kann  bei  seiner  genauen  Kenntniss  desselben  nicht 
bezweifelt  werden.  Mindestens  seit  d.  J.  788  ')  stand  er  dem 
Bisthum  von  Orleans  und  der  Abtei  von  Fleury  —  wozu  noch 
die  von  St.  Aignau  kam  —  vor,  um  zum  Nutzen  der  Kirche 
und  des  Staats  eine  bedeutende  Wirksamkeit  zu  entfalten,  und 
zwar  ganz  in  dem  Sinne  der  Bestrebungen  Karls,  die  Sitt- 
lichkeit und  Bildung  des  Klerus  wie  des  Volks  zu  heben. 
Davon  legt  recht  Zeugniss  ab  ein  an  die  Presbyter  seiner 
Parochie  erlassenes  Capitulare.  -)  Hier  wird  unter  anderm 
den  Geistlichen  geboten  die  Predigt  zur  Belehrung  des  Volkes 
nicht  zu  vernachlässigen  (cap.  28),  und  in  Dörfern  und  Weilern  (per 
villas  et  vicos)  Schule  zu  halten  und  mit  Liebe  und  unentgeltlich, 
was  besonders  eingeschärft  wird,  die  Kinder  zu  unterrichten 
(cap.  20).  Auch  die  Klöster  seiner  Diöcese  zu  reformiren  war  er 
bemüht:  so  berief  er  zu  dem  Zweck  nach  Mici  Mönche  von 
Aniane,  wo  Benedict  Wittiza  damals  eine  Wiederherstellung 
des  gesunkenen  Mönchthums  in  Westfrancien  mit  Erfolg  unter- 
nahm.^) 

Eine  solche  öffentliche  Wirksamkeit  sowie  oifenbar  auch 
der  strenge  Rechtssinn  Theodulfs  —  der  sich  später  auch  in 
einer  Aufsehen  machenden  Streitigkeit  mit  Alcuin  bekundete 
—  fanden  eine  besondere  Anerkennung,  als  ihm  i.  J.  798  ein 
Amt  des  höchsten  Vertrauens,  das  des  Missus  domiuicus  über- 
tragen wurde.  Auch  wurde  Theodulf  von  Karl  berufen  in 
dem  Process  des  Papstes  Leo  und  seiner  Feinde  in  Rom  800 
mit  zu  Gericht  zu  sitzen.  Von  dort  brachte  er  dann  das 
Pallium  mit.  Nach  dem  Tode  Alcuins  wurde  er  auch  einer 
der  ersten  theologischen  Beiräthe  des  Kaisers,  wie  er  denn  in 
einer  denselben  lebhaft  beschäftigenden  dogmatischen  Streit- 
frage, über  den  Ausgang  des  h.  Geistes,  auf  Befehl  des  Kai- 
sers das  Material  zu  ihrer  Entscheidung  aus  den  Kirchenvätern 
sammelte    (in   der    Schrift   De   spiritu   sancto).     Selbständiger 


1)  Dümmler  a.  a.  0.  S.  241. 

2)  Bei  Sirmond  1.  1.  p.  921  ff. 

3)  S.  über  Benedict  weiter  unten  im  5.  Buche,  wo  die  Vita  desselben 
behandelt  wird. 


Leben.  73 

abgefasst  ist  von  ihm  eine  andere,  auch  durch  den  Kaiser 
veranlasste  theologische  Gelegenheitsschrift:  De  ordine  baptismi, 
welche  aber  ausserhalb  des  Bereichs  unserer  Aufgabe  liegt. 

Auch  bei  Ludwig  dem  Frommen  stand  Theodulf  im  An- 
fang der  Regierung  desselben  in  hohem  Ansehen.  So  sandte 
ihn  Ludwig  816  dem  Papste  Stephan  V.,  als  dieser  zur  Krö- 
nung kam,  entgegen.  Aber  dies  gute  Verhältniss  änderte  sich 
bald  vollkommen.  Theodulf  wurde  der  Theilnahme  an  der 
Verschwörung  Bernhards  von  Italien  angeklagt  und  Ostern  818 
aller  seiner  Würden  entsetzt  und  nach  Angers  in  ein  Kloster 
verbannt.  Theodulf  läugnete  bis  zu  seinem  Ende  seine  Schuld, 
obwohl  er  mit  einem  blossen  Geständniss  Begnadigung  er- 
kaufen konnte.  Jene  lässt  sich  allerdings  weder  mit  seinem 
früheren  Leben,  noch  mit  seinen  politischen  Grundsätzen  ver- 
einen. 1)    So  starb  er  821  in  der  Gefangenschaft. 

In  formeller  Beziehung,  sowohl  was  den  sprachlichen 
Ausdruck  als  die  Versbildung  betrifft,  nimmt  Theodulf  unter 
den  Dichtern  jener  Zeit  wohl  die  erste  Stelle  ein. "-)  Mau 
sieht  an  ihm  von  neuem  die  besondere  Befähigung  des  go- 
thischen  Stammes  unter  den  Germanen,  die  romanische  d.  i. 
die  überlieferte  christlich  -  lateinische  Bildung  sich  anzueignen. 
In  seinen  Gedichten  finden  wir  nicht  mehr  jene  wörtlichen 
Entlehnungen,  jene  gehäuften  Reminiscenzen  aus  den  antiken 
Vorbildern,  welche  an  die  grammatische  Schule  erinnern. 
Freilich  ein  poetisches  Genie  ist  auch  Theodulf  nicht,  aber  er 
besitzt  ein  Talent  zu  schildern,  das,  unterstützt  von  seiner 
formalen  Begabung,  manche  hübsche  lebendige  Gemälde  in 
seinen  Versen  entworfen  hat.  —  Auch  seine  Dichtung  schliesst 
sich  zum  grössten  Theil  an  die  des  Fortunat  an,  wie  sie  denn 
auch  gleich  dieser  fast  durchaus  in  Distichen  verfasst  ist^);  in 
jüngeren  Jahren  aber  hat  sich  Theodulf  auch  den  Prudentius 
zum  Muster  genommen.  Dies  war  namentlich  der  Fall  in 
einer  grösseren  didactischen  Dichtung,  von  der  sich  aber  nur 

1)  Vgl.  Simsou,  Jahrb.  I,  S.  114  f.,  122,  und  169  f.  —  S.  auch  weiter 
unten. 

2)  Wie  hoch  er  in  diesen  Beziehungen  geschätzt,  und  wie  ei'  noch  im 
10.  Jahrh.  als  Autorität  in  Betreff  der  Quantität  betrachtet  wurde,  zeigt 
Dümmler  a.  a.  0.  S.  241  f. 

3)  Wo  im  Folgenden  das  Metrum  nicht  angegeben  ist,  sind  daher 
immer  Distichen  anzunehmen. 


74  Theodulf. 

zwei  Bruchstücke,  das  eine  wie  es  scheint  ein  vollständiger 
Gesang,  erhalten  haben.  Derselbe'),  eine  Ermahnung  an  die 
Priester,  insonderheit  die  Bischöfe,  bezeichnet  sich  selbst  als 
viertes  Buch,  und  deutet  im  Eingang,  wenn  auch  nur  dunkel, 
den  Inhalt  der  drei  vorausgehenden  an,  die  an  alle  Welt 
gerichtet  sein  sollten:  danach  scheint  das  erste  Buch  von  der 
Oifenbarung  und  den  Thaten  Christi'-),  das  zweite  von  den 
Strafen  und  den  Belohnungen  der  Ewigkeit  gehandelt  zu 
haben,  indem  Himmel  und  Hölle  sich  da  beschrieben  fanden, 
während  dagegen  „das  dritte  den  Krieg  mit  dem  furchtbaren 
Volke  zu  führen  lehrt  und  die  Genossen  mit  dem  möglichen 
Beistand  ausrüstet."  Hier  scheint  der  Kampf  mit  den  Lastern 
gemeint  zu  sein,  den  wir  in  dem  längeren  Bruchstücke  eines 
andern  Gesanges  Theodulfs^)  (1.  V,  c.  2)  in  der  That  wieder- 
finden. Derselbe  behandelte,  wie  sich  aus  einem  Rückblick 
darin  (v.  364flf. i  ergibt,  die  sieben  Laster:  gula,  moechia,fraus, 
avantia,  invid/a,  tristitiu  und  ira,  und  als  ihren  Anführer  die 
superbia ,  wie  ja  auch  zugleich  mit  der  letztern  acht  bei  den 
Asketen  unterschieden  werden^j;  aber  das  erhaltene  Bruchstück 
beginnt  erst  mit  der  tristüia.  Gegen  diese  Feinde,  durch 
welche  Satan  das  Menschengeschlecht  sich  unterwirft,  hat 
Gott  aber  diesem  in  den  entgegengesetzten  Tugenden  Waffen 
gegeben,  gleich  einem  weisen  Arzte  der  durch  das  Gegentheil 
heilt;  diese  Tugenden  sind:  ieiunia,  pudicitia;  der  avaritiu 
gegenüber   operatio  dandi;    ferner    dilectio   dommi  et  fratruvi'. 


1)  Liber  V,  Carmen  3.  Die  Eintheilung  der  Gedichte  Theodulfs  in 
H  Bücher  (sowie  auch  gewiss  grösstentheils  die  Anordnung  derselben)  ist 
ein  AVerk  Sirmonds  wie  er  in  der  ersten  Anmerkung  zu  diesem  Gedichte 
1.  1.  p.  1101  selbst  sagt.  Die  Verszählung  Sirmonds,  sei  hierbei  erwähnt, 
bezieht  sich  immer  auf  das  Buch,  nicht  auf  das  einzelne  Carmen. 

2)  Auf  dieses  Buch  bezieht  sich  wohl  das  in  den  Versus  Fiduciae 
(Zeitschr.  f.  deutsch.  Alterth.  N.  F.  V,  S.  143)  dem  Theodulf  gezollte  Lob: 
Teudulfus  rutilat  mire  de  arte  luvend. 

3)  Ich  sage  „Gesanges"  d.  i.  Theils  einer  grösseren  Dichtung,  dafür 
spricht  das  letzte  Distichon  (u.  vgl.  v.  362  f.).  Ging  auch  in  der  Hand- 
schrift, wie  man  vermuthen  möchte,  dies  Carmen  dem  vorher  betrachteten 
voraus,  so  würde  dies  die  auch  schon  von  Sirmond  aufgestellte  Ansicht 
dass  wir  in  demselben  das  3.  Buch  der  erwähnten  Dichtung  besitzen,  wohl 
zur  Gewissheit  erheben. 

4)  So  bei  Cassian  Coenob.  instit.,  s.  Bd.  I.  S.  334,  nur  erscheinen  hier 
statt  fraus  und  invidia  acedia  und  cenodoxia. 


Didactische  Dichtungen.  75 

die  iristitia  bekämpft  brüderlicher  Zuspruch ,  Gebet  und  die 
Bibel,  ira  patlentia,  supe/'bia  das  Beispiel  Christi,  die  Furcht 
vor  der  Strafe  und  die  hehre  Liebe.  Das  Mittel  gegen  die 
fraus  aber  fehlt.  Der  Einfluss  der  Psychomachie  des  Prudeu- 
tius  ist  leicht  zu  erkennen,  aber  er  erstreckt  sich  weniger  auf 
Einzelheiten.  Obgleich  diese  Dichtung  ein  Jugendwerk  Theo- 
dulfs  ist,  das  er  noch  als  Diacou  verfasste^),  zeigt  er  doch 
darin  schon  seine  Begabung,  so  ist  u.  a.  die  sehr  eingehende 
Schilderung  der  sündhaften  tristitia  vortrefflich.-) 

Eine  andre  grössere  didactische  Dichtung  Theodulfs,  welche 
956  Verse  in  Distichen  zählend  das  ganze  erste  Buch  der  Sir- 
mondschen  Ausgabe  einnimmt,  gehört  zu  den  bedeutendsten 
und  bekanntesten  Werken  desselben.  Sie  ist  als  eine  Frucht 
seiner  Thätigkeit  als  Missus  i.  J.  79S  zu  betrachten,  wie  denn 
auch  dieser  Mission  darin  ausführlich  gedacht  wird,  nur  hat 
die  Dichtung  dieselbe  keineswegs  allein  zum  Gegenstand: 
vielmehr  ist  sie  eine  Ermahnung  an  die  Richter  überhaupt  und 
daher  nicht  mit  Unrecht :  Faroenesis  ad  iudices  vom  ersten  Her- 
ausgeber betitelt  worden.-^)  Nach  einigen  allgemeinen  Ermahn- 
ungen der  Richter  zur  Gerechtigkeit,  Milde  und  Unbestech- 
lichkeit, wobei  denn  auf  Vorbilder  und  Aussprüche  des  Alten 
Testamentes  hingewiesen  wird,  berührt  der  Dichter  die  Hab- 
gier, die  er  oft  an  den  Richtern  zu  tadeln  Veranlassung  fand 
(v.  STff.):  da  möge  dann  mancher  von  ihnen,  meint  er,  den- 
selben Fehler  ihm  zugetraut  haben.  (Man  sieht  daraus  recht 
wie   allgemein   verbreitet    er   damals  war).     Aber  von   diesem 


1)  S.  1.  Y  c.  3  V.  450  ff  und  vgl.  Haureau  1.  1.  p.  45. 

2)  Trotz  mancher  Schwächen  des  Ausdrucks.    S.  z.  B.  v.  134  tf. 

Est  et  ei  (tristitiae)  sine  clade  dolor,  sine  nomine  moeror, 

Intima  sed  cordis  nubilus  error  habet. 
Hanc  modo  somnus  habet,  modo  tarda  silentia  prensant : 

Ambulat  et  stertit.  murmurat  atque  tacet. 
Somniat  hie  ocuUs  residens  ignavus  apertis. 

Nilque  loquens  sese  dicere  multa  putat. 
Actus  hebes,  secessus  iners.  obUvia  pigra 

Sunt,  et  nil  lixum  mente  vel  ore  vehit. 
üt  ratis  in  pelago,  cui  non  est  navita,  certa 

Ad  loca  nulla  volat,  sed  vaga  oberrat  aquas. 

3)  Nämlich  von  Petrus  Daniel  (Paris  159S)  dem  dann  Sirmond  folgte. 
Der  Titel :  Contra  iuiiices,  den  zwei  Codd.  bieten,  entspricht  dem  Charakter 
der  Dichtung  weniger. 


76  Theodulf. 

wenigstens  wisse  er  sich  frei:  und  hier  (v.  99)  fügt  denn  der 
Dichter  die  Erzählung  von  seiner  Sendung  als  Missus  ein,  die 
also  die  damals  herrschende  Bestechlichkeit  der  Richter  und 
die  eigene  Unbestechlichkeit  erhärten  soll.  Diese  Erzählung, 
welche  bis  zu  v.  291  sich  erstreckt,  bildet  die  interessanteste 
Partie  des  Gedichts.  In  Gemeinschaft  mit  dem  „zukünftigen" 
Bischof  von  Lj^on,  Laidrad  als  CoUegen  wird  von  Theodulf 
die  Fahrt  unternommen,  deren  Aufgabe  und  Gebiet  kurz  be- 
zeichnet werden.  Narbonne,  Arles,  Marseille  bilden  die  Haupt- 
stationen. Vornehmlich  wird  erzählt,  welche  Versuche  sie  zu 
bestechen  gemacht  wurden,  von  den  Geringen  Avie  von  den 
Grossen;  denn  keiner  glaubt  etwas  zu  erreichen,  wenn  er 
nicht  gibt  (v.  254).  Kulturgeschichtlich  sehr  beachtenswerth  sind 
die  Geschenke,  die  man  verspricht  oder  anbietet.  Sie  zeigen 
unter  anderm  den  regen  Handelsverkehr  Südfrankreichs  mit 
dem  moslemischen  Spanien.  Nicht  bloss  arabische  Gold- 
münzen, sondern  auch  Tücher  (pallia)  und  Cordovanisches 
Leder  werden  namentlich  aufgeführt.  Aber  bei  den  gelehr- 
ten Prälaten  versuchte  man  sein  Glück  auch  mit  Antiqui- 
täten. Eine  prachtvolle  Vase,  die  Theodulf  ausführlich  mit 
dem  Interesse  des  Kenners  beschreibt  (v.  179  flf.),  wird  ihnen 
heimlich  durch  Vermittlung  ihres  Dieners  angeboten.  —  Nach 
dieser  Digression  —  und  als  solche  bezeichnet  Theodulf  selbst 
die  Erzählung  von  seiner  Sendung ')  —  kehrt  er  dann  zu 
seiner  Ermahnung  der  Richter  zurück.  Die  Unbestechlichkeit 
soll  ihnen  auch  nicht  erlauben  für  gerechtes  Urtheil  Ge- 
schenke zu  nehmen.  Das  Recht  soll  nicht  verkauft  werden. 
Der  Dichter  lässt  die  Vernunft  selbst  an  die  habgierigen  Rich- 
ter eine  Standrede  halten  (v.  338  ff.).  Darauf  gibt  er  specielle 
Vorschriften,  wie  der  Richter  um  recht  zu  urth eilen  verfahren 
soll :  so  soll  er  durch  Gebet  sich  vorbereiten,  frühe  am  Morgen 
in  gehöriger  Nüchternheit  seine  Thätigkeit  beginnen  u.  s.  w. 
Er  warnt  ihn  vor  der  Superbia,  die  er  unter  dem  Bilde  Lucifers 
malt  (v.  459  flF.)  -)  und  ermahnt  ihn  zur  Leutseligkeit,  zur  be- 
sonderen Berücksichtigung    der  Armen,   Wittwen  und  Waisen. 


1)  V.  291  f.:  Quae  errabunda  raeos  paulo  est  dujressu  per  actus. 
Ad  coeptum  redeat  nostra  Camoena  melos. 
2)  Torva  oculis.  horrenda  manu,  foedissima  rictu, 
Vipereumque  caput  corpus  et  omne  tumens, 


Didactische  Dichtungen.  77 

Aber  nicht  bloss  Humanität,  auch  Salomonische  Weisheit  und 
Menschenkenntniss  soll  der  Richter  besitzen,  wie  für  einzelne 
Fälle  gezeigt  wird.  Noch  wird  ron  der  üeberwachung  der 
Anwälte  und  der  eigenen  Beisitzer,  von  der  Zeugenvernehmung, 
dem  Eide,  sowie  der  Yerhängung  der  Strafen,  wobei  vor 
Grausamkeit  gewarnt  und  zur  Milde  ermahnt  wird,  gehandelt. 
So  wird  ein  lebendiges  Bild  des  damaligen  Gerichtswesens 
mit  vielen  merkwürdigen  Einzelheiten i)  gegeben,  welches  zu- 
gleich die  humane  Gesinnung  und  Bildung  unseres  Dichters 
im  hellsten  Lichte  erscheinen  lässt.  Auch  der  Schluss  der 
Dichtung  bekundet  dieselbe:  anhangsweise  nämlich  (v.  S91  ff.) 
legt  der  Dichter  noch  ein  beredtes  Wort  für  die  Armen  imd 
Bedrückten  überhaupt  ein,  indem  er  die  Reichen  und  Mäch- 
tigen daran  erinnert,  dass  jene  gleich  ihnen  Menschen  und 
ihre  „Nächsten"  sind. 

Wir  besitzen  noch  ein  kleineres  didactisch-beschreibendes 
Gedicht  Theodulfs  (von  114  V,),  das  inhaltlich  von  besonderem 
Interesse  ist  (1.  IV,  c.  2).  Es  wird  darin  ein  Bild,  welches 
die  sieben  freien  Künste  darstellte,  beschrieben,  wohl  das  älteste 
von  dem  wir  aus  dem  Mittelalter  Nachricht  haben. '-)  Ein 
Baum  war  dargestellt:  an  seiner  Wurzel  sitzt  die  Gramma- 
tik, also  „andeutend  dass  sie  ihn  erzeugte  und  halte.''  Von 
ihr  geht  der  ganze  Baum  der  Wissenschaft  aus.  Sie  hält  in 
der  Linken  eine  Geissei,  die  Trägen  anzutreiben,  in  der  Rech- 
ten ein  Messer,  um  die  Fehler  auszuradiren.  Den  Kopf  aber 
schmückt  ein  „Diadem".  Sensus  bonus  und  Opinatio  stehen 
ihr  zur  Seite.  Von  dem  graden  Stamme  des  Baumes  gehen 
Aeste    aus:    den   rechten  haben  Rhetorik    und   Dialektik 


Mens  tumefacta  cui.  le^is  actio,  turgida  vox  est, 

Cui  cibus  et  potus  atra  venena  manent. 
Pro  gressii  saltus,  pro  plantis  pinna  volucris. 

Remige  quo  labi  quivit  ab  axe  poli, 
Et  memor  antiqid  sceleris  super  aethera  facti, 

Utens  arte  sua  qua  petit  ima  Stygis : 
Qua  te  sublimem,  qua  celsum  sibUet  intus, 

Plebibus  ut  misci  dedecuisse  gutes  etc. 

1)  S.  z.  B.  V.  420  flf. 

2)  Ein  späteres  BUd  von  andrer  Composition  und  Ausführung  ist  uns 
aus  dem  Hortus  deliciarum  der  Herrad  von  Landsperg  erhalten;  s.  bei 
Engelhardt,  Herrad  v.  Landsp.    Stuttgart  ISIS.  Tafel  THI. 


78  Theodulf. 

inne.  Die  erstere  hat  ein  geflügeltes  Löwenhaupt,  um  die 
Macht  der  Beredsamkeit  und  den  leichten  Flug  der  Worte  zu 
bezeichnen;  auf  der  ausgestreckten  Rechten  trägt  sie  eine  ge- 
thürmte  Stadt.  Während  die  Rhetorik  aber  redend  steht, 
sitzt  die  Dialektik,  nicht  weit  von  ihr,  lesend,  eine  Schlange 
umwindet  ihren  Leib.  Logik  und  Ethik,  die  nicht  weiter  be- 
schrieben sind,  folgen  dann  auf  dieser  Seite,  der  letzteren 
schliesseu  sich  die  vier  Cardinaltugenden  an,  Prudentia  mit  einem 
Buche,  Fortitudo  als  gewappneter  Krieger,  Justitia  mit  Schwert 
und  Palme ,  Wage  und  Krone ,  und  Temperies,  welche  Zügel 
und  Geissei  führt.  Weiter  hinauf  auf  dem  Baume,  wahr- 
scheinlich auf  der  andern  Seite,  befanden  sich  Arithmetik ')? 
Musik  die  Lyra  spielend,  Geometrie  mit  Radius  und  Ro- 
tula^),  und  hoch  über  allen  Astrologie,  die  einen  Himmels- 
kreis mit  Sternbildern  über  ihr  Haupt  erhebt. 

Kleinere  moralisirende  Gedichte,  namentlich  im  Anschluss 
an  Bibelsprüche,  hat  Theodulf  nicht  wenige  verfasst  (s.  vor- 
nehmlich 1.  VL),  auch  ein  längeres  Gedicht  (1.  II,  c.  1,  1250  V.) 
über  den  Inhalt  und  Werth  der  Bibel,  das  er  einer  noch  er- 
haltenen kostbaren  Abschrift  derselben,  die  er  anfertigen  liess, 
voraussandte:  auf  diese  Gedichte  hier  näher  einzugehen  haben 
wir  aber  keine  Veranlassung.  •')  Interessanter  sind  einige  rein 
beschreibende  oder  erzählende  Gedichte:  so  jenes  (1.  IV,  c.  3), 
das  den  Tafelaufsatz  beschreibt,  welchen  Theodulf  selbst  hatte 
anfertigen  lassen ;  ferner  drei  Gedichte,  die  er  in  der  Gefangen- 
schaft verfasst  und  an  Bischof  Modoin  gesandt  hat,  welche 
merkwürdige  Naturerscheinungen  zum  Gegenstand  haben.  Das 
eine  (1.  IV,  c.  6)  erzählt  in  recht  launiger  Weise  das  plötzliche 


1)  Bei  ihr  wird  auch  der  Physik  gedacht,   aber  in  einer  mir  unver- 
ständlichen Weise: 

Arboris  at  magnae  sursum  tendebat  imago, 

Ibat  et  in  celsum  stips  bene  rectus  ei, 
Quem  numerorum  ulnis  ars  amplexata  tenebat: 

Stare  videbantur  ramo  in  utroque  pedes. 
Ista  manus  numeros  retinebat,  et  illa  volumen, 

Quam  constat  matrem,  Physica,  inesse  tuam.  (?)  v.  125  ff. 
2)  Et  radius  teretem  metitur  comminus  orbera, 
Aetherias  zonas  et  rota  quinque  tenet.    v.  139  f. 
:3)  Eins  (I.   VI,  c.  5)  zeigt  die  für  jene  Zeit  grossen  geographischen 
Kenntnisse  unsers  Autors. 


Epistelpoesie.  79 

Aush'ocknen  der  Sarte  bei  Le  Mans  im  Februar  S20  —  ein 
ähnliches  Thema  hat  auch  einmal  Fortunat  behandelt');  die 
beiden  andern  Gedichte  (IV,  c.  7  u.  S)  schildern  zwei  Schlachten, 
die  sich  Heere  von  Vögeln  lieferten  (für  welche  Erzählungen 
Theodulf  selbst  seine  Gewährsmänner  anführt).  Die  eine  soll 
im  Gebiet  von  Toulouse  stattgefunden  haben;  nachdem  viele 
Vögel  getödtet,  sei  das  eine  Heer  nach  Norden  zurückge- 
gangen: die  andre  begab  sich  an  den  Ufern  der  Saoue  und 
Rhone,  wo  Habichte  und  Kapphähue  als  Vorkämpfer  er- 
scheinen ;  hier  erinnert  der  Dichter  au  die  Bürgerkriege  Eoms, 
und  ahnt  in  diesen  wunderbaren  Kämpfen  Vorzeichen  der  Zu- 
kunft.    Die  Schilderung  ist  treflFlich,  leicht  und  lebendig."-) 

Die  Persönlichkeit  Theodulfs  und  zum  Theil  auch  seine 
dichterische  Begabung  tritt  uns  aber  am  bedeutendsten  in  seiner 
Epistelpoesie  entgegen,  die  auch  er  gleich  den  andern  Dich- 
tem jener  Zeit  mit  Vorliebe  gepflegt  hat.  Unter  diesen  Epi- 
steln sind  einige  seiner  anziehendsten  und  schönsten  Gedichte, 
die  auch  neue  Seiten  seines  Talents  und  seines  Charakters 
zeigen.  Den  Vorrang  verdient  ein  längeres  Gedicht  an  Karl 
den  Grossen  (1.  IE,  c.  1,  244  V.),  welches  uns  auf  das  leben- 
digste mitten  in  die  Gesellschaft  seines  Hofes  einführt,  zu  der 
Zeit  als  diesem  ein  besonderer  Glanz  noch  verliehen  wurde  durch 
die  eben  dort  eingetroffene  reiche  Beute  des  Avareukriegs  796. 
Der  damals  abwesende  Dichter  schildert  hier  das  Leben  in 
der  Pfalz,  wie  er  es  sich  im  Geiste  nach  seinen  Erinnerungen 
aus  früherer  Zeit  ausmalt.  Mit  einem  schwungvollen  Triumph- 
gesang auf  Karl,  der  nun  auch  die  Hunnen  unterworfen,  hebt 
die  Dichtung  an.  Sein  Lob,  das  der  ganze  Erdkreis  singt, 
ist  unermesslich.  Die  neue  Eroberung  ist  dem  Dichter  eine 
Erweiterung  des  Reiches  Gottes,  und  wie  die  Avaren  zu  dem 
Christenthum  bekehrt  werden  sollen,  so  auch  die  Araber,  die, 
nicht  minder  grausam  und  trotzig,  von  Karl  einst  noch  besiegt 
vor  ihm  sich  beugen  sollen;  auch  Cordoba  soll  seine  seit 
lange  gesammelten  Schätze  ihm  zu  Füssen  legen.  So  werden  die 
schon  ein  Jahr  danach  beginnenden  spanischen  Feldzüge  vor- 


1)  S.  Bd.  L  S.  505. 

2)  Hier  sei  angemerkt,  dass  1.  in.  c.  10  ein  kleines  Fragment  eines 
Itinerar  (30  Hexameter)  sich  findet.  Ob  wirküch  von  TheodulfV  Die  Reise 
berührt  hier  Limoges  und  Perigueux. 


80  Theodulf. 

ausgesagt,  welche  schliesslich  die  Eroberung  von  Barcelona 
krönte.  —  Der  Dichter  erzählt  dann  in  allem  Detail,  wie  nach 
Beendigung  des  Käthes  und  des  Gottesdienstes  zum  festlichen 
Mahle  in  der  Hofburg  geschritten  wird,  wie  dem  Könige  die 
Söhne  Mantel,  Handschuhe  und  Schwert  abnehmen,  und  die 
Töchter  unter  Küssen  Blumensträusse  überreichen.  An  sie 
schliesst  ,sich  Liutgarde,  die  zukünftige  Gemalin  Karls  an, 
deren  Schönheit,  Leutseligkeit,  Freigebigkeit,  sowie  gelehrte 
Bildung  hier  hoch  gerühmt  werden.  Auch  die  fromme  Schwe- 
ster Karls,  Gisela  wird  bei  seinem  Empfange  erwähnt.  Nach- 
dem dann  der  Ankunft  der  Grossen,  der  Geschäftigkeit  des 
Hofmarschalls,  des  Tischgebets  des  Erzcapellans  gedacht  ist, 
werden  uns  die  bedeutendsten  Persönlichkeiten  der  Tafelrunde 
Karls  vorgeführt,  vor  allem  die  Gelehrten,  an  ihrer  Spitze 
Alcuin,  der  auch  hier,  wie  schon  früher  erwähnt 0,  den  Ton 
angibt,  dann  der  gelehrte  Kanzler  Erchanbald,  darauf  der 
„  Schotte "  (vielleicht  der  Grammatiker  Clemens),  den  mit  beissen- 
dem  Spott  Theodulf  auch  sonst  verfolgt,  und  ein  Gegner  desselben, 
der  geschäftige  kleine,  aber  grosssinnige  Einhard.'^)  Alle  werden 
mit  Witz  und  Laune  geschildert.  Am  Schlüsse  der  Tafel,  bei 
welcher  Wein  und  Bier  nicht  gespart  wird,  werden  Gedichte 
Theodulfs  selbst  vorgelesen,  die  ein  starkknochiger  Kriegs- 
mann, dem  das  Haupt  schon  schwer  ist,  verwünscht,  der  bos- 
hafte Schotte  aber,  über  den  der  Dichter  hier  einen  ganzen 
Hagel  von  Sarkasmen  ergiesst,  bald  hierhin  bald  dorthin  sich 
wendend,  recensirt. 

Noch  eine  Epistel  Theodulfs  au  Karl  besitzen  wir  (1.  HI, 
c.  6),  welche  den  „König"  als  den  Schirm  und  Trost  des 
Klerus  preist,  durch  ihn  besitzen  die  Bischöfe  die  geheiligten 
Rechte,  wie  dies  der  Papst  Leo  selbst  erfahren:  und  hiermit 
geht  Theodulf  auf -das  bekannte  Attentat  ein.  Die  bedeutende 
Stellung,  die  Karl  der  Kirche  gegenüber  einnahm,  tritt  recht 
offen   in    diesem  Gedichte   hervor:    wie  Petrus  die   Schlüssel 


1)  S.  oben  S.    14. 

2)  Fein  und  schön  ausgedrückt,  v.  155  ff.: 

Nardulus  huc  illuc  discurrat  perpete  gressu, 
Ut  formica,  tuus  pes  redit  itque  frequens; 

Cuius  parva  domus  habitatur  hospite  magno, 
Res  magna  et  parvi  pectoris  antra  colit. 


Epistelpoesie.  81 

des  Himmels,  so  soll  Karl,  sagt  Theodulf,  die  der  Kirche  führen. 
Auch  an  die  Königin  Liutgard  (1.  III,  c.  5)  und  an  Karls  Sohn, 
Karl  (1.  VI,  c.  25)  finden  sich  Episteln,  die  aber  nicht  von 
Bedeutung  sind,  sowie  an  Ludwig  den  Frommen  (1.  VI,  c.  26), 
worin  der  Dichter  ihn  als  Kaiser  begrüsst.  i)  Interessanter  sind 
eine  an  Benedict  von  Aniane  (1.  II,  c.  6)-),  worin  Theodulf  um 
eine  zweite  Sendung  von  Mönchen  nach  Mici  bittet,  und  eine 
andre  an  seine  „Brüder",  welche  für  ihm  dargebrachte  Gedichte 
dankt  und  zu  weiteren  Studien  die  Jünglinge  (pueri)  auffordert 
(1.  II,  c.  13).-^)  Auch  ein  Begleitbrief  zu  einem  Hochzeitsge- 
schenk, einem  kostbaren  Psalter,  an  eine  „ Tochter"  (offenbar 
im  geistlichen  Sinne ^))  Gisla,  der  ihr  die  Pflichten  einer  guten 
Hausfrau  einschärft,  ist  bemerkenswerth  (1.  III,  c.  4). 

Von  besonderem  literargeschichtlichem  Werth  sind  dagegen 
inhaltlich  wie  formell  die  folgenden  Episteln.  Eine  (1.  III,  c.  3) 
bezieht  sich  auf  den  Dichterhof  Karls  und  ist  fast  durchaus 
satirisch,  leider  wegen  der  mannichfachen  persönlichen  An- 
spielungen, auch  einzelner  sonst  nicht  bekannter  Versteck- 
namen grossentheils  im  verständlich.  Theodulf  verspottet  zu- 
nächst hier  die  vielen  Dichterlinge  unter  dem  Bilde  von  Vögeln, 
und  das  ganze  Gedicht  ist,  wie  der  Schluss  zeigt,  an  einen 
jungen  „Raben"  gerichtet^),  was  vielleicht  zu  dem  Bilde  die 
Veranlassung  gab:  denn  dieser  corvulus,  der  schliesslich  Cor- 
vhnnnus  genannt  wird,  kann  wohl  niemand  anders  als  Alcuins 


1)  Dies  Gedicht  ist  in  Sirmonds  Ausg.  mit  Um-echt:  „Ad  CaroUim 
imperatorem"  überschrieben,  wohl  von  dem  Herausgeber  selbst.  —  Das 
„Caesar  fortissime  nate"  des  \iertletzten  Verses  zeigt  klar,  dass  es  an 
Ludwig  und  zwar  als  Mitregenten  seines  Vaters  gerichtet,  vielleicht  zur 
Beglückwünschung  seiner  Ernennung  zum  Mitkaiser  verfasst  ist.  üebrigens 
findet  sich  auch  die  richtige  Adresse  in  dem  Cod.  Harleian.  S.  Zeitschr. 
f.  deutsch.  Alterth.  N.  F.  IX,  S.  84  (letzte  Zeile). 

2)  Unrichtig  Ad  moriachos  S.  Benedicti  überschrieben. 

3)  In  diesem  Gedicht  (das  zu  mancher  Frage  auffordert)  wird  auch 
des  Grammatikers  von  Orleans,  Wulfin,  als  Lehrers  der  Pueri  in  der 
Metrik  gedacht. 

4)  Obgleich  man  meist  das  Gegentheil  angenommen  hat.  'S.  darüber 
Rzehulka  S.  1 1  ff . 

.5)  Das  Gedicht  ist  ganz  mit  Unrecht:  Ad  AngUhertum  überschrieben. 
Das  ..vatis  Homere"  im  sechsten  Vers  ist  nur  ein  rhetorischer  Imperativ, 
wie  ihn  Theodulf  gar  nicht  selten  gebraucht. 

Ebert,  Literatur  d<»s  Mittelalters  ü.  " 


82  Theodulf. 

Schüler,  Rabau  sein.  ')  Auch  hier  wird  mit  Ehren  der  Töch- 
ter Karls,  namentlich  ihrer  musikalischen  Talente  gedacht 
(v.  313  tf.),  mid  andrerseits  wieder  der  Scotus  als  soltiis  und 
cottus  verhöhnt  (v.  341  fif.).  Doch  auch  viele  andre  trifft  hier 
der  Witz  unseres  Dichters,  welcher  auch  in  dem  leichten 
spielenden  Ausdruck  dieses  Gedichts  seine  geistige  Ueber- 
legenheit  und  die  Höhe  seiner  formalen  Bildung  zeigt.  —  Einen 
ganz  andern,  aber  nicht  minder  bedeutenden  Eindruck  machen 
ein  paar  Episteln,  die  Theodulf  im  Gefängniss  verfasst  hat. 
Die  eine  (1.  IV,  c.  4)  ist  an  den  Erzbischof  von  Bourges,  Aiulf 
gerichtet,  der,  wie  es  nach  diesem  Schreiben  scheint,  Theodulfs 
Schüler  gewesen  war.  Unser  Dichter  rühmt  ihn  zunächst, 
dass  er  die  Verheissungen  der  Jugend  erfülle;  seine  gelehrten 
Studien  würden  ihm  jetzt  als  Bischof  auch  zu  statten  kommen, 
namentlich  für  die  Predigt;  andre  gute  Lehren  für  die  Ver- 
waltung seines  hohen  Amtes  —  das  ihm  wohl  noch  nicht  lange 
übertragen  —  knüpft  er  daran.  Dann  aber  bittet  er  ihn, 
seines,  des  Theodulf,  Unglücks  zu  gedenken,  und  im  Gebet 
ihm  beizustehen,  indem  der  Dichter  unter  Berufung  auf  Gott 
und  sein  Gericht  sich  unschuldig  des  Verbrechens  des  Hoch- 
verraths  in  ausdrücklichster  Form  erklärt.  -)  Ergreifender  noch 
malt  seine  traurige  Lage  der  Gefangene  in  dem  andern  Schrei- 
ben (1.  IV,  c.  5),  das  an  den  damals  so  einflussreichen,  ge- 
lehrten Bischof  von  Autun,  Modo  in,  der  selbst  den  Musen 
huldigte,  gerichtet  ist:  es  scheint  deshalb  auch  mit  besonderer 
Kunst  ausgearbeitet  zu  sein.  Der  hübsche  Eingang  des  Ge- 
dichts erinnert  an  den  der  ersten  Elegie  der  Ovidschen  Tri- 
stien.     Seiner  Muse,    die   er   bald  Thalia,    bald   Erato   nennt. 


t)  S.  meine  oben  S.  70  Anra.  1  citirten  Kl.  Beiträge  zur  caroling. 
Lit.  2.  —  Vielleicht  ist  unter  dem  Psittacus,  von  dem  es  v.  6  heisst: 
varias  imitatur  voce  camoenas,  Commaculans  musas,  vatis  Homere,  tuas  — 
Na  so  zu  verstehen. 

2)  Non  regi  aut  proli,  non  eins,  crede,  iugali 

Peccavi,  ut  meritis  haec  mala  tanta  veham. 
Crede  meis  verbis,  frater  sanctissime,  crede, 

Me  obiecti  haud  quaquam  criminis  esse  reiim. 
Perderet  ut  sceptrum,  vitam  propriumque  nepotem: 
Haec  tria  sum  nnmquam  consiliatus  ego. 

Addimus  et  quartum:  mihi  non  fuit  illa  volnntas 

V.  303  ff.     Vgl.  Simson  a.  a.  0.  I,  S.  115. 


Epigramme.  83 

befiehlt  der  Dichter,  sich  schleunigst  zu  der  Wohnung  des 
Modoin  zu  begeben,  und  vor  ihm  niederkniend,  schweigend 
die  befreundeten  Hände  zu  küssen.  Wenn  er  sie  aber  frage, 
wer  sie  sei  und  wem  sie  gehöre,  dann  soll  sie  sprechen,  dass 
sie  aus  dem  Kerker  Theodulfs  komme,  den  unbegrenzte  Liebe 
zu  ihm  erfülle,  der  dort  verbannt,  hülflos,  arm,  traurig,  angst- 
voll, bekümmert  und  verachtet  weilt,  ein  Leben  schlimmer  als 
der  Tod.  Darauf  soll  sie  ihre  Botschaft  ausrichten;  und  nun 
redet  der  Dichter  in  eigener  Person  weiter,  indem  er  den 
„liebenden  Bruder"  beschwört,  seiner  zu  gedenken.  Die  brüder- 
liche Liebe  vergehe  ja  nicht  wie  die  dunstigen  Freuden  dieser 
Welt.  Seine  Sache  sei  die  aller  Bischöfe;  was  ihm  heute  ge- 
schehen, könne  jeden  andern  morgen  treffen.  Jeder  wird 
nach  seinem  Gesetze  gerichtet,  nur  nicht  der  Bischof;  und 
wer  andern  Recht  sprechen  musste,  verliert  selbst  das  Recht. 
Kein  Zeuge  sei  da  und  kein  competenter  Richter.  Er  habe 
nichts  gestanden  und  sei  doch  verurtheilt  worden.  Und  selbst 
wenn  er  es  gethan,  so  hätte  nur  der  Papst,  der  ihm  das 
Pallium  verliehen,  ihn  richten  können.') 

Dass  der  Distichendichter  Theodulf  auch  Epigramme 
verfasst  hat,  lässt  sich  von  selbst  erwarten;  doch  sind  uns  im 
ganzen  nicht  sehr  viele,  und  darunter  wenige  bedeutende 
überliefert.  Einzelne  sind  wirkliche  Inschriften,  so  Grabin- 
schriften, wovon  die  auf  den  Pfalzgrafen  Helmeiigald  (1.  VI,  c.  19) 
die  beste,  die  auf  die  Königin  Fastrade  (1.  II,  c.  11)  die  un- 
bedeutendste ist.  Unter  den  anderen  Epigrammen  sind  be- 
merkenswerth  ein  ganz  scherzhaftes  (1.  VI,  c.  22) ;  eins  das  gegen 
die  Romfahrten  gerichtet  ist  (1.  V,  c.  4) :  nicht  der  Weg  der  Füsse, 
sondera  des  Charakters  führe  zum  Himmel;  und  am  meisten 
ein  längeres  (1.  IH,  c.  10)  von  politischem  Inhalt,  worin  Theo- 
dulf gegen  eine  Theilung  der  Herrschaft  unter  Brüder,  insbe- 
sondere  gegen  ein  dreiköpfiges  Regiment,   wie    es  Geryon   in 


1)  Mit  diesem  Brief  sandte  Theodulf  die  oben  erwähnten  drei  Gedichte. 
Wir  besitzen  auch  die  Antwort,  die  Modoin  darauf,  auch  in  Distichen  gab. 
Sie  findet  sich  in  Sinnonds  Ausg.  Theodulfs  I.  IV,  c.  9.  Die  Antwort, 
als  Gedicht  unbedeutend,  gibt  den  Rath  die  Forderung  Ludwigs  zu  erfüllen, 
und  ein  Schuldbekenntniss  abzulegen,  um  Begnadigung  zu  ei-laugen ,  ob- 
gleich Modoin  selbst  vorher  Theodulf  als  ,. unschuldig •*  bezeichnet,  und 
seinen  Sturz  seinen  Neidern  Schuld  gibt.  —  Vgl.  auch  Rzehulka  1.  1. 
S.  55  f. 

6* 


84  Theodulf.    Lyrik. 

sich  darstellte,  mit  speeiellem  Hinblick  auf  seine  Zeit  entschie- 
den sich  erklärt.  0 

Als  L\Tiker  hat  sich  Theodulf  nur  gelegentlich  versucht. 
Und  doch  hat  grade  ein  Gedicht,  das  nur  zum  Theil  einen 
lyrischen  Charakter  hat,  durch  diesen  am  längsten  die  Er- 
innerung an  Theodulf  in  weiteren  Kreisen  erhalten.  Es  ist  ein 
auch  in  Distichen  in  der  Gefangenschaft  zu  Angers  verfasstes 
Gedicht  auf  den  Palmsonntag  (1.  III,  c.  2j.  Es  beginnt  mit 
einem  schönen  Lob  Christi,  worin  die  Palmenträger  sich  mit 
den  hebräischen  Knaben,  die  Christus  einst  Hosianna  singend, 
entgegenzogen,  vergleichen;  daran  reiht  sich  dann  eine  Schil- 
derung des  Festes  in  Angers,  zu  dem  aus  weiter  Umgegend 
die  frommen  Schaaren  herbeiziehen.  Der  schwimgvolle  Ein- 
gang des  Gedichtes,  der  Preis  Christi,  wurde  nun  als  Hymne, 
zunächst  in  Angers  selbst,  dann  in  der  Kirche  überhaupt,  so- 
gar noch  von  den  Protestanten  des  16.  Jahrhunderts-),  an 
jenem  Festtag  gesungen;  und  an  diesen  Hymnus  knüpfte  sich 
selbst  die  Sage,  dass  Theodulf  seine  Befreiung  ihm  verdankt 
habe. 3)  Ein  anderes,  auch  in  Angers^)  verfasstes  Gedicht,  eine 
sapphische  Ode  an  Kaiser  Ludwig,  der  darin  zum  Besuche 
der  Stadt  aufgefordert  wird,  ein  Gedicht,  das  sich  bei  andern 
des  Theodulf  gefunden,  kann  ihn  wohl  zum  Verfasser  haben, 
obwohl  es  wenig  bedeutend  ist."")  Sicherer  aber  ist  ihm  bei- 
zulegen eine  andere  sapphische  Ode  an  denselben  Kaiser  zu 
seiner  Begrüssung,  als  er  Orleans  814  besuchte.  Sie  ist  in 
einem  kräftigen,  des  Theodulf  würdigen  Stile  gehalten,  so 
dass  sie  seine  Befähigung  auch  für  diese  Dichtungsart  wohl 
belegt.  Sie  bekundet  zugleich  von  neuem  die  Vielseitigkeit 
seines  poetischen  Talentes  und  seine  für  jene  Zeit  zu  bewun- 
dernde formale  Bildung  und  Gewandtheit. 


1)  Es  beweist  dies  auch  gegen  die  Schuld  des  Theodulf. 

2)  S.  Daniel,  Thesaur.  hjTnnolog.  I,  p.  217. 

3)  S.  Simson  a.  a.  0.  I,  S.  169  f. 

4)  Wie  der  heil.  Albinus  in  der  vorletzten  Strophe  zeigt. 

5)  Mabillon  hat  es  zuerst,  zugleich  mit  dem  folgenden,  aus  einem  Co- 
dex des  Klosters  Vito  (S.  Vannes  in  Verdun)  herausgegeben  in  seinen 
Vetera  Analecta  T.  I,  danach  auch  bei  Sirmond  1.  1.  im  Anhang  p.  1127  f. 
Ist  es  von  Theodulf,  so  wii-d  es  im  October  SIS,  wo  Ludwig  die  Stadt 
besuchte,  verfasst  sein.  —  Die  andre  Ode  findet  sich  auch  bei  Sirmond  1. 
1.  p.  II 2(;.  . 


Ethelwulf.  "85 

SECHSTES  KAPITEL. 

ETHELWULF. 

Höchst  wahrscheinlicli  gehört  noch  diesem  Abschnitt  un- 
serer Geschichte  die  erzählende  Dichtung  eines  Angelsachsen 
Ethel%^t:lf ')  an,  welche  dem  Bischof  Egbert  von  Lindisfarne 
gewidmet  ist,  der  diese  "Würde  von  S02 — 819  bekleidete.  So 
fällt  die  Abfassung  in  diesen  Zeitraum.  Der  Dichter  war  ein 
Mönch  eines  von  Lindisfarne  abhängigen  Stiftes"-)  und  berichtet 
hier  in  Hexametern  die  Geschichte  desselben,  wie  der  Edle 
Eandmund,  durch  König  Osred  von  Northumbrien  zum  Mönche 
geschoren,  das  Kloster  gründete  und  wie  dasselbe  unter  ihm 
und  seinen  Nachfolgern  aufblühte  bis  auf  die  Zeit  des  Autors. 
Er  gedenkt  dabei  nicht  bloss  der  Vorstände  des  Klosters, 
deren  Tugenden  rühmend,  sondern  auch  einzelner  Mönche, 
welche  durch  besondere  Begabung  oder  wnmderbare  Begna- 
digung ein  Gedächtniss  sich  stifteten.  So  eines  schottischen 
Presbyter  Ultan,  dem  niemand  in  der  Schreibkunst  gleichkam 
(cap.  S),  und  ebenso  eines  Mönchs,  der  als  Schmied  sich  aus- 
zeichnete (cap.  10),  während  von  einem  anderen  Bruder  wieder 
eine  Vision  erzählt  wird  (cap.  11).  Auch  seiner  Lehrer  Higlac 
und  Godfridus  vergisst  er  nicht,  die  er  in  einem  Gesicht  im 
Dome  des  Himmels  wiedersieht  (c.  '21} ;  des  ersteren  hatte  er 
schon  vordem  kurz  gedacht  in  einem  Gedicht,  in  welchem  er 
einige  Frauen  aus  dem  Volke  der  Anglen  besangt)  —  ein  Gedicht 
das  sich  nicht  erhalten.  —  In  formaler  Beziehung  ist  das  vor- 
liegende Werk  sehr  mangelhaft  —  soweit  sich  nach  der  höchst 
erbärmlichen  Ausgabe  Mabillons  urtheilen  lässt  und  gereicht 
den  Angelsachsen  nicht  zum  Ruhme. 


1)  In:  Mabillon  Acta  S.  S.  ord.  Bened.,  Saec.  IV  pars  2  (Praef.),  p.  317  ff. 
—  —  Th.  "Wright.  Biographia  britannica  literaria.  Anglo-saxon  period. 
London  1S42.  p.  370  tt.  —  Dümmler  N.  A.  S.  253  f. 

2)  Nicht  von  Lindisfarne  selbst,  wie  dies  MabiUon  (Praef.)  sicher  er- 
wiesen. 

3)  De  quo  iam  diidum  perstrinxi  pauca  relatu, 
Anglorum  de  gente  pios  dum  carmine  quosdam 
Iam  cecini  indoctus  vilisque  per  omnia  scriptor.  c.  10. 


86  Yolksmässige  weltliche  Dichtung 

SIEBENTES  KAPITEL. 

YOLKSMÄSSIGE  WELTLICHE  DICHTUNG. —  PAULIN  VON  AQUILE.IA. 

Neben  der  Kunstpoesie  des  Zeitalters  Karls  des  Grossen, 
die  in  Hinsicht  der  Form  ihren  Höhepunkt  wohl  in  Theodulfs 
Werken  zeigt,  findet  sich  aber  auch  eine  volksmässige  weltliche 
Dichtung  in  rythmischen  Versen,  wie  wir  auch  schon  zu  be- 
merken Gelegenheit  hatten.  Und  die  grossen  Thaten  jener  Zeit 
erfüllen  auch  sie  mit  dem  epischen  Geist  und  lassen  so  eine 
volksmässige  lyrisch-epische,  wie  episch-hTische  Dichtung  ent- 
stehen. Freilich  sind  uns  aus  der  Zeit  Karls  nur  wenige  Bei- 
spiele erhalten,  von  denen  drei  merkwürdiger  Weise  in  mehr 
oder  weniger  naher  Beziehung  zu  dem  Avarenkrieg  stehen.') 
Das  älteste  ist  ein  Gedicht'-)  auf  den  Sieg  Pippins,  des  Sohnes 
Karls,  über  die  Avaren  i.  J.  796,  oder  genauer  gesagt  auf  die 
vollständige  Unterwerfung  derselben,  ein  Triumph-  und  Dank- 
lied, das  mit  einem  Gloria  für  Gott  den  Vater  und  den  Sohn 
schliesst.  Denn  dieser  Sieg  wird  als  ein  Sieg  über  das 
Heidenthum  gefeiert,  über  die  Feinde  der  christlichen  Kirche, 
als  welche  die  Avaren  gleich  im  Eingang  geschildert  werden. 
Diese  Kirchenräuber  und  -Schänder,  diese  Zerstörer  der  Gottes- 
tempel und  Klöster  werden  mit  Hülfe  des  heiligen  Petrus,  des 
Fürsten  der  Apostel,  den  Gott  selbst  dem  Heere  zum  Begleiter  ge- 
sandt, von  Pippin,  „dem  katholischen  König",  besiegt  und  unter- 
worfen. Durch  die  göttliche  Gnade  ist  es,  wie  der  Dichter  sagt, 
geschehen.   So  hat  das  Gedicht  ein  geistliches  Kolorit  und  ist 


1)  Ausser  ihnen  ist  nur  noch  ein  rythmisches  Gedicht  aus  dieser  Zeit 
zu  erwähnen:  ein  Lob  der  Stadt  Verona,  verfasst  während  der  Regierung 
König  Pippins  von  Italien  (7S1 — 810),  die  es  in  der  vorletzten  Strophe  rühmt. 
Es  ist  in  rjthmischen  trochäischen  Tetrametern  geschrieben,  aber  ohne 
allen  poetischen  W^erth.  Nachdem  das  Aeussere  der  Stadt  beschrieben, 
deren  merkwürdige  Bauten  sie  dem  heidnischen  Alterthum  verdanke,  wird 
ihrer  Chi-istianisirung ,  ihrer  Bischöfe  und  der  Reliquien  gedacht,  die  ihr 
einen  besonders  hohen  AVerth  verleihen.  (S.  Dümraler  N.  A.  S.  148.)  Es 
schliesst  sich  das  Gedicht  an  ein  ähnliches  auf  JNlailand  abgefasstes,  von 
gleichem  Versmass,  an,  das  zwischen  721  u.  736  geschrieben  ist  (s.  Dümm- 
1er  N.  A.  S.  1.53).    Beide  gedruckt  bei  Muratori,  Script,  rer.  it.  II,  2. 

2)  Zuerst  herausgegeben  von  Pertz  im  Anhang  von  Einhard:  Vita 
Karoli  magni  in  usum  scbolarum.   2.  Auss;.  Hannover  1845. 


in  rythmischen  Versen.  87 

offenbar  von  einem  Geistlichen,  der  vielleicht  den  Kriegszug 
mitgemacht,  bald  nach  dem  Ereigniss  verfasst  worden,  obschon 
nicht  immittelbar,  da  auch  der  Bekehrung  der  Besiegten  schon 
gedacht  wird.')  Die  Darstellung  erhält  durch  eingeflochteue 
Reden  eine  dramatische  Lebendigkeit,  welche  die  Aehnlichkeit 
dieses  in  rythmischen  trochäischen  Tetrametern  verfassten  Ge- 
dichtes mit  den  späteren  Romanzen  wesentlich  erhöht.  Den 
volksthiimlichen  Charakter  zeigt  auch  die  Sprache  in  phouo- 
logischer  wie  in  syntaktischer  Beziehung.-) 

Das  zweite  dieser  Gedichte,  das  nicht  lange  nach  dem  ersten, 
und  zwar  in  rythmischen  iambischen  Trimetern  verfasst  ist*), 
ist  ein  Klagelied  auf  den  Tod  des  Helden,  den  man  als  den 
eigentlichen  Besieger  der  Avaren  zu  betrachten  hat,  des  Mark- 
grafen von  Friaul  Erich,  eines  der  tüchtigsten  Feldherren 
Karls  überhaupt,  dessen  Verlust  denselben  aufs  schwerste  traf.^) 
Er  fiel  799  in  Dalmatien  durch  einen  Hinterhalt  der  Einwohner. 
Dieser  tief  empfundene  Flcmctus,  wohl  der  erste  seiner  Art, 
der  sich  erhalten,  ist  trotz  mancher  Mängel  und  Härten  des 
Ausdrucks  das  Werk  eines  wahren  poetischen  Gemüths.  Der 
Dichter  beginnt,  indem  er  die  neun  Flüsse  des  Gebietes  des 
Markgrafen  auffordert  ihn  zu  beweinen,  und  die  neun  Hauptorte 
ihn  zu  beklagen,  vor  allen  aber  seine  Vaterstadt,  die  ihren 
„berühmten  Bürger"  verloren,  Strassburg,  welche  er  aus 
Liebe  zu  dem  holden  Freund  mit  ihrem  alten  süss  tönenden 
Namen  „urbs  Argentea"  nennt.  Nun  folgt  das  Lob  des  Helden, 
der  freigebig  gegen  die  Kirche,  ein  Vater  der  Armen,  ein 
Trost  der  Wittwen  war,  sanft  und  doch  ein  gewaltiger  Kriegs- 
mann,   den   Priestern    theuer    und    von  feinem  Geiste.     Dann 


1)  Avares  quos  convertisti  ultimis  temporibus  v.  6. 

2)  So  Verschleifung  der  Yocale  und  Krasis  (so  Dei  bald  zweisilbig 
bald  einsilbig),  so  andrerseits  de  an  der  Stelle  des  Genetivs :  vestem  de  ara, 
so  adpropinquat  occupare  u.  s.  w. 

3)  In:  Catalogus  codiciim  mss.  bibliothecae  Bernensis  cur.  Sinncr,  Bern 
1760.  T.  I,  p.  146  ff.  (mit  erklärenden  Noten).  —Du  Meril,  Poesies  popu- 
laires  latines  anterieures  au  12.  siecle.  Paris  1S43,  p.  241  ff.  —  *Pertz' 
Schulausg.  der  Vita  Karoli  Einhards,  im  Anhang,  s.  S.  S6  Anm.  2. 

4)  Nicht  bloss  beweist  dies  der  ..tristis  nuntius  de  Geroldi  et  Erici  iu- 
teritu-*  in  den  Königsannalen  (799),  sondern  viel  mehr  noch  das  lange 
Trostschreiben,  das  Alcuin  deshalb  an  Karl  zu  richten  sich  veranlasst  sah. 
S.  Alcuini  Epp.  ed.  Jaffe  No.  124  (p.  .^01). 


88  Volksmässige  weltliche  Dichtung. 

werden  seine  Thaten  kurz  aufgezählt.  Hierauf  aber  spricht 
der  Dichter  seinen  Fluch  über  die  Gegend  aus,  wo  Erich  ge- 
tödtet  wurde:  kein  Thau,  kein  Regen  soll  sie  benetzen,  keine 
Blume  noch  Frucht  soll  sie  erzeugen,  i)  Nun  schildert  er 
seinen  Heldentod  und  welchen  gewaltigen  Eindruck  die  Trauer- 
kunde in  seiner  Hauptstadt  hervorrief,  wie  Väter,  Mütter  und 
Kinder,  wie  Herren  und  Knechte,  Laien  und  Priester  laut 
weinten  und  klagten.  Mit  einem  Gebet  an  Gott,  dem  Helden 
die  Freuden  des  Paradieses  zu  gewähren,  schliesst  das  Gedicht, 
das  tiberall  in  der  Ausführung  ergreifend,  in  der  That  als  das 
Werk  eines  Freundes  sich  kundgibt. 

Das  dritte  Gedicht,  in  rythmischen  iambischen  Trimetern-), 
hat  nur  eine  entfernte  Beziehung  zu  den  Avaren,  den  „Hunnen" 
jener  Zeit,  indem  es  ein  Klagelied  auf  die  Zerstörung  des 
alten  Aquileja  durch  Attila  ist.  Der  Dichter  stellt  den  Unter- 
gang der  Stadt  als  ein  Gericht  Gottes  hin,  das  sie,  die  präch- 
tige, reiche  und  üppige,  durch  ihren  Hochmuth  herausgefordert. 
Er  schildert  dann,  wie  der  grausame  Attila  sie  erobert  und  bis 
auf  den  Grund  zerstört,  wie  die  Einwohner  von  den  Flammen 
und  dem  Schwert  hingerafft  und  die  von  diesen  verschonten  in 
die  Gefangenschaft  geschleppt  werden,  wie  die  Wuth  der  Heiden 
die  heiligen  Schriften  verbrannte  und  die  geweihten  Gefässe 
raubte.  Nun  liegt  die  stolze  da  verachtet,  unnütz,  in  Trümmern, 
nie  mehr  wiederherzustellen;  die  einst  eine  Stadt  der  Könige 
war,  jetzt  eine  Höhle  für  Arme;  in  den  Ruinen  ihrer  Kirchen 
suchen  Füchse  und  Schlangen  eine  Zuflucht,  und  selbst  die 
Ruhe  der  Gräber  bleibt  nicht  verschont,  da  ihr  Marmor  abge- 
brochen wird,  um  verkauft  zu  werden.  Ein  Gebet  an  Christus, 
solches  Unheil  von  seinen  Dienern  abzuwenden,  schliesst  das 
Gedicht,  das  durch  Energie  des  Ausdrucks  und  Lebendigkeit 
der  Schilderung  dem  vorher  erwähnten  sich  würdig  zur  Seite 
stellt.     Beide  Gedichte    werden,    und   wie    sich    zeigen   wird, 


1)  Uhnus  nee  vitem  gemmato  cum  pampino 
Sustentet.  uvas  nee  in  ramis  pendeat, 
Frondeat  ficus  sicco  semper  stipite, 
Ferat  nee  rubus  malagranis  punica, 
Promat  irsutus  nee  globus  castaneas. 
2)  In :    Catalogus  codicum  philologicor.  latinor.  bibliothecae  palatinae 
Vindobonensis  digessit  St.  Endlicher.  Wien  1^36.  pag.  298  f.  —  Du  Meril, 
Poes,  popul.  (s.  S.  87,  Anm.  3)  pag.  234  ff. 


Paulinus  von  Aquileja.    Leben.  89 

wohl  nicht  mit  Unrecht  demselben  Autor  beigelegt,  der  anch 
einer  der  gebildetsten  Männer  der  Zeit  Karls  und  ein  Freund 
Alcuins  war,  Paulinus  von  Aquileja. 

Paulinus  1),  aus  Friaul  gebürtig,  war  einer  der  Gelehrten, 
die  sich  am  frühsten  der  Gunst  Karls  erfreuten;  als  „Magister 
der  grammatischen  Wissenschaft"  hatte  er  dem  Könige  solche 
Dienste  geleistet,  dass  dieser  776  nach  der  Unterdrückung  des 
Aufstandes  der  Langobarden  in  Friaul  ihn  mit  mehreren  Re- 
bellengütern beschenkte,  später  aber  sogar  zum  Patriarchen 
von  Aquileja  machte.-)  Wie  er  dem  König  treu  verbunden 
blieb  —  offenbar  eine  wesentliche  Stütze  der  fränkischen  Herr- 
schaft in  jenem  Hauptsitze  der  alten  Langobardenmacht  —  so 
ti'at  er  auch  zu  dem  ersten  geistlichen  Berather  desselben, 
Aleuin  in  nahe  freundschaftliche  Beziehung.  Alcuin  achtete 
ihn  zugleich  sehr  hoch,  nicht  bloss  wegen  seiner  angesehenen 
kirchlichen  Würde,  sondern  nicht  minder  wegen  seiner  theo- 
logischen Gelehrsamkeit  und  formalen  Bildung.  0  Auf  seine 
Anregung*)  und  Karls  Aufforderung  verfasste  Paulin  sein  be- 
deutendstes theologisches  Werk,  die  3  Bücher  gegen  Felix, 
den  spanischen  Häretiker.  An  den  wichtigsten  Synoden  des 
fränkischen  Reichs  unter  Karl  nahm  er  hervorragenden  Antheil. 
Am  einfiussreichsten  aber  war  wohl  seine  Wirksamkeit  bei  der 
Christianisiruug  des  eroberten  Avarenlandes,  wofür  er  Hand  in 
Hand  mit  seinem  und  Alcuins  gemeinschaftlichen  Freunde, 
dem  Erzbischof  von  Salzburg,  Arno  thätig  war.  Auf  Alcuins 
Anregung  gab  er  ein  ausführliches  Votum  über  die  Art,  wie 
die  Bekehrung  und  Taufe  auszuführen  sei,  ab."*)  Er  schliesst 
sich  darin  den  für  jene  Zeit  durchaus  humanen  und  verstän- 
digen Grundsätzen  seines  Freundes  Alcuin  an. 

Schon  durch  ihre  Stellung  mussten  der  höchste  geistliche 
und    der    höchste    weltliche   Würdenträger    Friauls    sich  nahe 


1)  S.  Paulini  patriarchae  Aquileieusis  opera,  ex  editis  ineditisque  pri- 
mum  collegit,  notis  et  dissertationibus  ühistravit  J.  Fr.  Madrisius.  Venetüs 

1737.  fol. Büdinger,  Oesterreichische   Geschichte   bis  zum  Ausgang 

des  13.  Jahrh.  Bd.  I.  Leipzig  1858.  S.  141—147.  —  Dümmler  N.  A.  S.USff. 

2)  Nach  Jafte,  Monum.  Alcuin.  p.  162,  erst  787. 

3)  Wie  die  an  ihn  gerichteten  Briefe  und  Gedichte  Alcuins  bezeugen. 

4)  S.  Alcuins  Ep.  94  ed.  1. 

5)  In  Monum.  Alcuin.  p.  311  ü".,  u.  vgl.  Alcuins  Epp.  56  u.  67. 


90  Paulinus  von  Aquileja. 

kommen,  zumal  beide  in  der  Liebe  und  Treue  zum  König  sich 
gleichstanden  und  der  tapfere  Markgraf  oder,  wie  er  gewöhnlich 
betitelt  wird,  Herzog')  Erich  viel  Sinn  für  geistliche  Bildung 
hatte.  Für  diesen  Freund  schrieb  Paulin  den  Liber  exhortatiojiis 
auf  dessen  Bitte,  zu  welcher  derselbe  wie  es  scheint  durch  Alcuin 
veranlasst  worden  war. '-)  Dies  ist  das  einzige  von  Paulins 
prosaischen  Werken,  welches  in  den  Kreis  unserer  Darstellung 
lallt,  aber  es  erfüllt  keineswegs  die  Erwartungen,  die  man  von 
ihm  hegen  mag,  schon  weil  es  zum  Theil  eine  blosse  Com- 
pilation,  namentlich  aus  dem  Werk  des  Pomerius  über  das 
beschauliche  Leben  ist.^)  Es  ist  dies  „Buch  der  Ermahnung" 
eine  Sammlung  von  einzelnen  Vorschriften  für  ein  tugendhaftes 
christliches  Leben,  die  in  lose  oder  auch  gar  nicht  verbun- 
deneu Kapiteln  behandelt,  zu  einem  wenig  geordneten  Ganzen 
vereint  sind.  Das  Laienthum  des  zu  Ermahnenden  wird  aller- 
dings, seine  besondere  Lebensstellung  aber  wenig  berücksich- 
tigt.^) So  steht  das  Buch  gegen  das  viel  praktischer  angelegte 
des  Alcuin  an  den  Grafen  Wido  zurück.  Zu  rühmen  ist  vor- 
nehmlich der  Stil,  der  klare,  einfache,  nirgends  überladene 
Ausdruck:  in  dieser  Beziehung  unterscheidet  sich  das  Buch 
sehr  vortheilhaft  von  andern  Paulins,  namentlich  auch  von 
seinen  Büchern  gegen  Felix,  worin  die  „flores  dictionum", 
welche  selbst  Alcuin  imponirten^),  in  einer  oft  ganz  widerwär- 
tigen Häufung  sich  finden.  Da  will  der  alte  Grammatiker 
seine  rhetorischen  Künste  zeigen;  trotzdem  lässt  dieser  blu- 
mige Stil  in  seinen  Bildern  eine  gewisse  poetische  Anlage  er- 
kennen. Und  so  besitzen  wir  denn  auch  von  Paulin  ein  Ge- 
dicht De  refju/a  fidei  in  152  Hexametern,  worin  der  Verfasser 


1)  S.  über  diesen  Titel  Erichs  Büdinger  S.  142,  Anra.  3. 

2)  S.  Alcuins  Ep.  55  an  Erich. 

3)  Capp.  10—20.  —  Capp.  20 — 45  finden  sich,  nach  einer  Anmerkung 
Madrisi's  p.  30,  in  einer  Admonitio  ad  ßliimi  spintitale/ii  wieder,  welche 
als  Uebersetzung  eines  Werkes  Basilius'  des  Grossen  angesehen  wurde,  von 
dem  das  Original  aber  nicht  existirt.  Madrisi  hält  mit  andern  Gelehrten 
die  Schrift  für  keine  Uebersetzung,  sondern  für  ein  Plagiat  aus  Paulins  Buch. 

4)  Hauptsächlich  nur  in  der  Wahl  der  Räthe  cap.  6,  wo  vor  Schmeich- 
lern gewarnt  wird;  auf  Erichs  militärische  Stellung  könnte  c.  20  gehn; 
was  von  den  Untergebenen  c.  29  gesagt  wird,  bezieht  sich  nur  auf  die  des 
Hauses. 

5)  S.  Alcuins  Epp.  ed.  1.  p.  562. 


Liber  exhortationis.     Geistliche  Gedichte.  91 

seineu  Glauljen  an  die  Dreieinigkeit  und  die  Fleischwerdung 
Christi  bekennt.  Daran  scWiesst  sich  eine  Schilderung  der 
Blumeufluren  des  Paradieses,  in  welche  Petrus  die  Lämmer 
einlässt,  und  eine  Verdammung  der  Hauptketzer,  deren  Eeihe 
Cerinthus  beginnt  und  Sabellius  beendet.  Ein  Gedicht  ohne 
poetischen  Werth,  aber  sicher,  schon  durch  seinen  Stil,  authen- 
tisch, wofür  auch  seine  Ueberlieferung  spricht,  i)  Das  letztere 
lässt  sich  von  mehreren  Paulin  beigelegten  Hymnen  nicht  be- 
haupten"-); nur  eine  rythmische  Hymne  über  die  Geburt  Christi, 
welche  im  selben  Versmass  als  das  Gedicht  auf  die  Zerstörung 
von  Aquileja  verfasst  ist,  scheint  ihm  sicher  anzugehören,  wie 
sie  denn  auch  in  der  Handschrift  mit  seinem  Namen  bezeich- 
net ist.  Dieses  156  Verse  lange  Gedicht  hat  einen  lyrisch- 
epischeu  Charakter,  indem  es  auch  die  auf  die  Geburt  folgen- 
den biblischen  Begebenheiten  bis  zum  bethlemitischen  Kinder- 
mord erzählt.  So  erinnert  es  auch  im  Stil  an  das  Gedicht 
auf  Aquileja,  das  selbst  auch  einem  Paulinus,  wenn  auch 
Diaconus,  in  der  Handschrift  zugeschrieben  wird.  Um  so  eher 
dürfen  wir  hiernach  das  Gedicht  auf  Erichs  Tod  als  ein  Werk 
des  Paulin  betrachten,  als  welches  selbst  der  Schreiber  einer 
Handschrift  es  bezeichnet.  '0  Dass  nur  ein  Gelehrter  diese 
Gedichte  verfasst  haben  kann,  bekundet  Inhalt  und  Darstellung, 
wie  denn  bei  dem  letzt  erwähnten  gleich  im  Beginn  eine  Re- 
miniscenz  aus  Virgil  sich  findet.  Andrerseits  musste  gerade 
Paulin  solche  rythmische  Gedichte  zu  verfassen  geneigt  sein, 
da  er  trotz  seines  früheren  Magisterberufs  selbst  in  Beti'efif  der 
quantitativen  Verse  vor  der  Prosodie  keinen  besonderen  Ee- 
spect  zeigt. ^)  —  Paulin  starb  S02. 


1)  Im  Anschluss  an  die  Schrift  gegen  Felix.   S.  Dümmler  a.  a.  0.  S.  114. 

2)  Alcuin  dankt  für  ihm  zugesandte  „Camiina  sacra"  des  Paulin  in  einem 
Gedicht  an  denselben,  No.  239  bei  Froben.  Dass  Paulin  als  Hymnendichter 
bekannt  war,  zeigt  Walahfrid  De  exord.  et  increm.  rar.  eccles.  c.  24. 

3)  S.  Dümmler  S.  115. 

4)  Dies  gibt  er  offen  zu  erkennen  in  einem  in  scherzhaftem  Tone  ge- 
haltenen Kachwort  an  den  Leser  seines  Carmen  De  refßtla  fidei.  Diese 
Entschuldigung,  die  ein  Anderer  damals  nicht  für  nöthig  gehalten,  ist  in- 
dess  als  solche  für  den  früheren  Magister  bezeichnend. 


92  Einhard. 


ACHTES  KAPITEL. 

EINHARD.    REICHSANNALEN. 

Der  grosse  Fortschritt,  den  auch  die  Prosa  im  Zeitalter 
Karls  und  im  Frankenreiche  selber  machte,  zeigt  sich  auf 
keinem  Gebiete  der  Literatur  so  auffallend  wie  auf  dem  der 
Geschichtschreibung,  als  deren  bedeutendster  Vertreter  der 
Ostfranke  Einhard')  erscheint,  welcher  Autor  allerdings  gleich 
Theodulf,  und  noch  weiter  als  dieser,  in  die  Zeit  Ludwig  des 
Frommen  hineinreicht.  Einhard,  von  edlem  Geschlechte,  war 
um  d.  J.  770  im  Maingau  geboren.  Seine  erste  Ausbildung 
erhielt  er  in  dem  Kloster  des  h.  Bonifatius  in  Fulda,  welches 
schon  damals  eine  angesehene  Schule  besass.  Die  grosse 
wissenschaftliche  Begabung,  welche  Einhard  zeigte,  veranlasste 
den  Abt  Baugulf,  den  Nachfolger  Sturms,  des  Gefährten  des 
Bonifatius,  ihn  an  Karls  Hof  zu  senden  (in  der  ersten  Hälfte 
der  neunziger  Jahre),  nicht  bloss  in  seinem,  sondern  auch  in  des 
Königs  Interesse,  der  ja  alle  bedeutenden  Talente  dort  zu  ver- 
sammeln suchte.  Einhard  empfahl  sich  dort  leicht  schon  durch 
die  Mannichfaltigkeit  seiner  Anlagen,  da  er  ebenso  sehr  tech- 
nisch-künstlerische Geschicklichkeit  als  Sinn  und  Neigung  für 
die  humanen  Wissenschaften  besass,  wie  er  denn  auch  der 
Dichtkunst  huldigte-);  dazu  kam  aber  noch  sein  liebenswür- 
diger Charakter,  sein  gefälliges  und  bescheidenes  Wesen •^):  so 
wurde  der  junge  Franke  trotz  seiner  zwerghaften  Gestalt  bald 


t)  Oeuvres  completes  d'Eginard,  reunies  pour  la  premiere  fois  et  tra- 
duites   en   fran^ais,   par  A.    Teulet.    Paris    1840—43.  2  Vol.  —  Einharti 

Epistolae  und  Vita  Caroli  in :  *  Monumenta  Carolina  ed.  Jatfe. Jaff'e's 

Einleitung  zu    der  V.  C.  —  Wattenbach,   Deutschi.    Geschichtsquellen  I, 
S.  147  ff. 

2)  S.  das  Zeugniss  Alcuins  c.  228: 

Quid  faciet  Beleel  Hiliacis  doctus  in  odis, 
und  des  Naso ,  das  wir  oben  S.  6ö  Anm.  3  erwähnten.    Auch  eine  Stelle, 
in  Theodulfs  Gedichten,   1.  III,  c.  3  (v.  331  ff.),  zeigt  uns  jedenfalls  Ein- 
hard („Beselel")  unter  den  Dichtern  des  Hofes,   wie  sie  auch  ihrem  Zu- 
sammenhange nach  aufgefasst  werden  mag. 

3)  So  schreibt  Lupus,  Ep.  1 :  —  —  Ita  vehementer  aestuanti  (sc.  mihi) 
facilis  et  modesta  et  quae  sane  philosophiam  decet,  animi 
vestri  natura  tantae  rei  obtinendae  spem  tribuit. 


Leben.  93 

allgemein  beliebt;  man  schätzte  den  grossen  Geist  in  dem 
kleinen  Körper  mir  um  so  mehr,  wie  uns  Gedichte  von  Alcuin, 
Theodulf)  und  Walahfrid  zeigen.  Mit  den  Söhnen  Karls 
wurde  er  eng  befreundet,  dem  Kaiser  selbst  aber  trat  er  mit 
der  Zeit  so  nahe,  dass  er  sein  vertrautester  Rath  in  den  wich- 
tigsten Staatsgeschäften  wurde;  so  war  er  es  der  die  Bestä- 
tigung des  Testaments  Karls  über  die  Reichstheilung  S06  vom 
Papste  einholte,  und  die  Annahme  Ludwigs  zum  Mitregenten 
813  bewirkt  haben  soll.  Insbesondere  verwerthete  er  auch 
seine  technischen,  namentlich  architektonischen  Kenntnisse, 
die  ihm  den  akademischen  Namen  Beseleel  —  wie  wir  schon 
oben  (Seite  6)  bemerkten  —  eintrugen,  im  Dienste  des  Kaisers, 
der  ihm  die  oberste  Leitung  seiner  Bauten  übertrug.  Einhard, 
zunächst  durchaus  Laie,  wie  er  denn  auch  die  weltliche  Lite- 
ratur mit  besonderem  Eifer  studirte  und  eine  schöne  Bibliothek 
der  Klassiker  besass-),  vermählte  sich  mit  einem  Mädchen  von 
edler  Familie,  Imma,  mit  der  er  in  der  glücklichsten  Ehe  lebte ; 
ihre  selbst  die  Mehrzahl  der  Männer  beschämende  Klugheit 
sowie  ihr  Charakter  werden  von  Zeitgenossen  hoch  gerühmt.'^) 
Nach  Karls  Tode  stand  Einhard  auch  bei  Ludwig  dem 
Frommen  im  höchsten  Ansehn,  und  wurde  selbst,  wie  es 
scheint,  von  ihm  seinem  Sohne  Lothar,  als  dieser  Mitregent 
ward,  zum  Mentor  gegeben.^)  Er  suchte  denn  auch  zwischen 
Vater  und  Sohn  immer  versöhnend  zu  vermitteln,  und  selbst 
beim  Ausbruch  der  Empörung  830  nahm  er  eine  so  unpar- 
teiische Stellung  mit  solcher  Klugheit  ein,  dass  er  weder  die 
Gunst  des  Vaters  noch  der  Söhne  verscherzte.  Indessen  hatte 
er  sich  damals  schon  längere  Zeit  von  den  Staatsgeschäften, 
soweit  ihm  dies  möglich  war,  zurückgezogen,  wenn  er  auch 
immer  noch  den  "Winter  am  Hofe  zu  Achen  zuzubringen  pflegte : 
er  war  ja  offenbar  überhaupt  keine  thatkräftige  Natur.   Durch 


1)  S.  oben  S.  SO  Aiim.  2. 

2)  Lupus,  Ep.  1 :  taceo  quidem  saecularium  litterarum  de  amicitia  sen- 
tentias,  ne,  quoniam  eis  adprime  incubuistis.  etc. 

3)  S.  Lupus  Ep.  4. 

4)  Wenn  der  Brief  an  Lothar  bei  Jaffe,  1.  1.  Nr.  7,  p.  445  von  Ein- 
hard ist,  woran  aber  meines  Erachtens  kaum  zu  zweifeln:  da  heisst  es: 
postquam  (pater  vester)  vos  in  societatem  nominis  et  regni  —  —  adsumsit 
meaeque  panitati  praecepit ,  ut  vestri  curam  gererem  ac  vos  de  raoribus 
oorrigendis  et  honestis  atque  utilibus  sectandis  sodulo  coraraonerem. 


94  Einhard. 

die  Gnade  des  Kaisers  Ludwig  schon  seit  815  in  den  Be- 
sitz mehrerer  Klöster  gekommen  —  es  gab  ja  damals  auch 
weltliche  Aebte  —  schlug  er  allmählich  immer  mehr  eine 
geistliche  Richtung  ein,  indem  er  sich  gern  aus  der  Welt  in 
die  Einsamkeit,  namentlich  seines  abgelegenen,  und  deshalb 
gerade  von  ihm  geliebten  Michelstadt  im  Odenwalde  zurück- 
zog, wo  er  Häuser  und  eine  Kirche  baute,  für  welche  die 
Reliquien  der  heil.  Marcellin  und  Petrus,  die  sein  Notar  Rat- 
leik  aus  Rom  ihm  brachte  (827),  zunächst  bestimmt  waren. 
Aber  ein  Jahr  später  führte  Einhard  dieselben  nach  seiner 
nicht  weit  davon  nördlich  gelegenen  Besitzung  Mulinheim, 
später  Seligenstadt  genannt,  wo  er  eine  prächtige  Kirche  baute 
und  ein  Kloster  stiftete,  welche  durch  die  von  den  Reliquien 
ausgehenden  Wunder  rasch  berühmt  wurden.  Dort  nahm  er 
dann  selbst  seit  d.  J.  830  seinen  ständigen  Aufenthalt.  Sechs 
Jahre  später  starb  Imma,  mit  der  er  jetzt  nur  in  einem  ge- 
schwisterlichen Verhältniss  gelebt'),  ein  Tod  der  ihn  um  so 
mehr  erschütterte,  je  sicherer  er  auf  die  Hülfe  seiner  Heiligen 
gebaut  hatte.  Weder  der  Trost  seiner  Freunde,  der  oft  aller- 
dings recht  ungeschickt  war-),  noch  des  Kaisers  Ludwig,  der 
selbst  zu  ihm  eilte,  vermochte  seinen  Schmerz  zu  lindern.  Nur 
vier  Jahre  tiberlebte  er  sein  Weib.  Er  starb  den  14.  März  840. 
Das  bedeutendste  Werk  Einhards,  das  auch  ganz  unbe- 
stritten sein  eigen  ist,  ist  allerdings  erst  nach  dem  Tode  Karls 
des  Grossen  verfasst  worden,  wenn  auch  alsbald  danach;  aber 
es  gehört  um  so  mehr  in  diesen  Abschnitt  unserer  Geschichte, 
als  dasselbe  so  recht  als  die  reifste  Frucht  dieser  ersten  Re- 
naissance erscheint,  der  Wiedergeburt  humaner  weltlicher  Bil- 
dung, welche  Karl  hervorgerufen,  dass  es  gleichsam  sein  Ge- 
bäude krönt.  Dieses  Werk  ist  —  es  konnte  für  solchen  Zweck 
keinen  besseren  Inhalt  haben  — das  Leben  Karls  selbst,  in 
seiner  formellen  Vollendung  das  schönste  Denkmal  seiner  Ver- 
dienste um  die  wissenschaftliche  Bildung.    Es  bezeichnet,  ins- 


1)  Lupus  Epp.  3:  Einhards  Antwort  an  Lupus:  Omnia  mihi  studia 
omnesque  curas  tarn  ad  meas  quam  amicorum  causas  pertinentes  exemit 
et  excussit  dolor  quem  ex  morte  olim  fidissimae  coniugis,  iam  nunc 
carissimae  sororis  ac  sociae  gravissimum  cepi. 

2)  S.  Einhards  eigene  Klage  darüber  in  seinem  eben  citirten  Brief  an 
Lupus. 


Vita  Caroli.  95 

besondere  in  der  Prosa,  durch  seinen  sprachlichen  Ausdruck 
den  Höhepunkt  der  klassischen  Studien  jener  Zeit.  Ranke 
hat  die  Arbeit  durchaus  treffend  charakterisirt,  indem  er  sagt: 
,Einhard  hat  gleichsam  die  Masse  und  Verhältnisse  nach  dem 
Muster  der  Antike  eingerichtet,  wie  in  seinen  Bauwerken  (bei 
welchen  Vitruv  sein  Lehrer  war,  fügen  wir  hinzu) ;  aber  damit 
noch  nicht  zufrieden,  wendet  er  wie  in  diesen  auch  sogar 
antike  Werkstücke  an."')  Karl  wird  hier  nämlich  als  der  neue 
Augustus,  als  welchen  ihn  ja  der  Kreis  seiner  Gelehrten  und 
Poeten  schon  lange  gefeiert  hatte,  abgeschildert  und  so  sein 
Lebensbild  in  der  Form  der  Vita  des  Augustus  von  Sueton 
entworfen,  dergestalt  dass  dieser  die  Composition  der  Vita 
Caroli  zum  grössten  Theil  nicht  bloss  in  den  äusseren  Um- 
rissen, sondern,  soweit  dies  bei  der  Verschiedenheit  der  Zeiten 
und  der  Helden  möglich  war,  auch  im  Detail  entlehnt  ist, 
während  zugleich  aber  oft  auch  die  Formen  des  Ausdrucks, 
Worte  und  Wendungen,  dem  römischen  Vorbild  entnommen 
sind.  So  wird  zuerst  hier  wie  dort  von  den  Vorfahren  und 
der  Jugend  des  Helden  und  darauf  von  seinen  Ki'iegszügen 
gehandelt;  während  dann  aber  Sueton  (c.  26)  der  Aemter  ge- 
denkt, die  Augustus  bekleidet,  führt  Einhard  (c.  16)  die  Freund- 
schaftsbündnisse Karls  mit  andern  Königen  und  Völkern,  wo- 
durch er  den  Ruhm  seiner  Regierung  vermehrte,  auf.  Dann 
begegnen  sich  beide  Autoren  wieder,  indem  Sueton  'c.  2Sff.) 
den  prächtigen  Umbau  Roms  durch  Augustus,  Einhard  ic.  17) 
die  Werke,  die  Karl  zum  Schmuck  und  Xutzen  des  Reiches, 
wie  zu  seinem  Schutze  ausführen  Hess,  berichtet.  Hierauf 
geht  Einhard  (c.  IS  ff.)  sogleich  zur  Schilderung  des  „inneren 
und  häuslichen  Lebens "  und  des  Charakters,  sowie  der  ganzen 
Persönlichkeit  Karls  über,  indem  er  sich  über  seine  Familie, 
seine  Erziehung  der  Kinder,  sein  Benehmen  gegen  Fremde, 
sein  Aeusseres,  Kleidung,  Lebensweise,  Studien,  Religion  und 
Verhältniss  zur  Kirche,  sowie  gesetzgeberische  Thätigkeit-j  — 
letzteres  in  aller  Kürze  —  verbreitet;  Sueton  dagegen  bringt 
erst  einen  langen  Abschnitt  über  die  Vei"waltung  des  Augustus, 

1)  Zur  Kritik  frilnkiscli- deutscher  Reichsannalisten  (s.  ^s•eiter  unten) 
S.  416. 

2)  Hier  (c.  29)  wird  denn  auch  der  Sorge  Karls  für  die  Nationaldichtung 
und  -Sprache  gedacht. 


96  Einhard. 

wie  er  bei  Einhard  sieb  iiicbt  findet,  ebe  er  (c.  61)  zur  rita 
intcrior  nc  famüiaris  desselben  übergebt,  wo  dann  aber  fast 
dieselben  Punkte  in  ziemlich  derselben  Reihenfolge  in  Betracht 
gezogen  sind.  Den  Schlussabschnitt  bildet  bei  beiden  Autoren 
das  „Ende"  der  Helden  fSueton  c.  97fiF.,  Einhard  c.  30  ff.), 
ihr  Tod,  die  Vorzeichen  desselben,  die  Bestattung  und  das 
Testament:  nur  ist  bei  Einhard  noch  vorher  (c.  30)  der  Krö- 
nung des  Nachfolgers  durch  den  von  Krankheit  und  Alter  hin- 
siechenden Kaiser  gedacht. 

Ranke  hat  zwar  vollkommen  Recht,  wenn  er  behauptet, 
dass  bei  einer  solchen  Nachahmung  die  ganze  Originalität  der 
Erscheinung  Karls  nicht  wiedergegeben  werden  konnte;  ich 
möchte  sagen,  die  Unmittelbarkeit  der  Wiedergabe  fehlt,  das 
Bild  erscheint  in  einer  reflectirten  Beleuchtung:  andrerseits 
aber  hat  Jaffe  nicht  minder  Recht,  wenn  er  geltend  macht, 
dass  gerade  durch  den  genannten  Hinblick  auf  sein  Vorbild 
Einhard  veranlasst  ward,  manche  feine  Züge  mitzutheilen,  die 
wir  sonst  entbehren  würden '),  denn  bei  seinem  Streben  ein 
vollkommen  wahres  Bild  von  seinem  Helden  zu  zeichnen,  hat 
er  die  geringsten  Abweichungen  von  seinem  Vorbild  sorgfältig 
im  Ausdruck  wiedergegeben,  deren  Bedeutung  gerade  durch 
eine  Vergleichung  mit  Sueton  recht  ins  Licht  tritt.  2)  Kein 
andres  Werk  jener  Zeit  trägt  so  sehr  das  volle  Gepräge  der 
Renaissance.  Hier  zeigt  sich  auch  die  Wechselbeziehung  der 
Wiederherstellung  der  klassischen  Studien  und  der  des  römischen 
Weltreichs  am  innigsten  und  am  auffallendsten.  Es  ist  nach  so 
vielen  Heiligenleben  die  erste  weltliche  Biographie  wieder, 
das  Lebensbild  des  grössten  Laien  seiner  Zeit  und  so  vieler 
folgenden,  der  kein  Heiliger  war  noch  es  sein  wollte,  entworfen 
von  einem  Laien  nach  dem  Muster  einer  heidnisch -antiken 
Vita.     Hier  ist  denn  auch  nicht  mehr  der  panegyrische  Ton, 


1)  Z.  B.  Sueton  c.  78:  Post  cibum  meridianum  ita  ut  vestitus  cal- 
ciatusque  erat,  retectis  pedibus  paulisper  conquiescebat.  Ein- 
hard c.  24:  Aestate  post  cibum  meridianum depositis  vestibus 

et  calciamentis,  velut  noctu  solitus  erat,  duabus  aut  tribns  horis 
quiescebat. 

2)  Z.  B.  Sueton  c.  (i6:   Amicitias  neque  facile  admisit  et  con- 

stantissime  retinuit Einhard  c.  19:  Erat  enim  in  amicitiis  op- 

time  temperatus,  ut  eas  et  facile  admitteret  et  constantissime 
retineret  


Vita  Caroli.  97 

der  jenen  so  eigenthümlicb,  wenn  auch  der  Autor  seinen  Hel- 
den im  besten  Lichte  zeigt,  jedoch  so  wie  er  ihm  selbst  er- 
schien, der  durch  dieses  Buch  auch,  wie  er  in  dem  Vorwort 
sagt,  seinem  dominus  und  imtritor  den  Tribut  der  Dankbarkeit 
darbrachte.  Aber  nicht  bloss  das  Gefühl  dieser  Verpflichtung 
Hess  ihn  das  Werk  unternehmen,  vielmehr  auch  das  Bewusst- 
sein,  wie  er  ebendort  sagt,  dass  niemand  getreuer  als  er 
darstellen  könnte,  wovon  er  selbst  Augenzeuge  gewesen.  Und 
in  der  That  stand  dem  Kaiser  in  den  späteren  Jahren  keiner 
aus  seiner  Umgebung  näher  als  Einhard. 

Das  Buch  Einhards  fand,  wie  schon  die  grosse  Zahl  der 
erhaltenen  Abschriften  zeigt,  einen  ausserordentlichen  Beifall, 
der  nicht  nur  dem  Inhalt,  sondern  ebenso  sehr  der  Form  galt^), 
und  so  vermochte  es,  wie  kein  andres  jener  Zeit,  zu  den 
klassischen  Studien  anzuregen:  fürwahr  also  ein  würdiges 
Denkmal  des  grossen  Kaisers. 

Ist  die  Autorschaft  Einhards  bei  diesem  Buche  nicht  zu 
bezweifeln,  so  ist  sie  um  so  mehr  bestritten  in  Beti'eff  seines 
Antheils  an  einem  grössern  historischen  Werke,  das  einer 
andern  Gattung  der  Geschichtschreibung  angehört,  welche  auch 
in  dem  Zeitalter  Karls  erst  zu  einer  höheren  Entwickelung 
gelangte.  Ich  meine  die  Annali  st ik.^)  Sie  hat  sehr  be- 
scheidene Anfänge  gehabt.   Die  Annalen  gingen  aus  den  spär- 

1)  So  schreibt  Lupus  ep.  1  an  Einhard:  —  —  cum  deinde  auctorum 
voluminibus  spatiari  aliquantulum  coepissem,  et  dictatus  nostra  aetate  con- 
fccti  displicerent  propterea  quod  ab  illa  TuUiana  ceterorumque  gravitate, 
quam  insignes  quoque  Christianae  religionis  viri  aemiüati  sunt,  aberrarent, 
venit  in  manus  meas  opus  vestrum,  quo  memorati  imperatoris  clarissima 
gesta  (liceat  mihi  absque  suspicione  adulationis  dicere)  clarissime  litteris 
allegastis.  Ibi  elegantiam  sensuum,  ibi  raritatem  coniunctionum,  quam  in 
auctoribus  notaveram,  ibidemque  non  longissimis  periodis  impeditas  et  im- 
plicitas  ac  modus  absolutas  spatiis  sententias  inveniens.  amplexus  sum. 

2)  S.  Wattenbach.  Deutschlands  Geschichtsquellen  I,  S.  !14if.  u.  156  ff. 
—  Ranke,  Zur  Ki-itik  fränkisch-deutscher  Reichsannalen  in  den  Abhandl. 
der  Berliner  Akad.  aus  d.  J.  1854.  —  Giesebrecht,  die  fränkischen  Königs- 
annalen  und  ihr  Ursprung  im  Münchner  histor.  Jahrbuch  für  IS65.  — 
Ebrard,  Reichsannalen  741 — 829  und  ihre  Umarbeitung  in:  Forschungen 
zur  Deutschen  Geschichte  Bd.  XIU.  —  Dünzelmann.  Beiträge  zur  Kritik 
der  karolingischen  Annalen  im  Neuen  Archiv  Bd.  IL  —  v.  Sybel,  Die  ka- 
roling.  Annalen  in  der  Histor.  Zeitschrift  N.  F.  Bd.  VL  —  Simson,  Zur 
Frage  nach  der  Entstehung  der  sog.  Annales  Laurissenses  maiorcs  in 
Forschungen  zur  d.  Gesch.  Bd.  XX.  Hierauf  Replik  Sybels  a.  a.  0.  Bd.  VH. 

Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  II.  * 


98  Einhard. 

liehen  Notizen  der  Mönche  am  Rande  der  Ostertafel  hervor; 
solche  Notizen  stellte  man  dann  in  den  Klöstern  den  Jahren 
folgend  zusammen,  und  führte  darauf  dieses  Grundwerk,  nun 
Jahr  für  Jahr  die  wichtigsten  Ereignisse  aufzeichnend,  weiter; 
auch  schloss  sich  eine  solche  Aufzeichnung  wohl  an  bekannte 
chronistische  Werke,  die  sich  in  der  Klosterbibliothek  befan- 
den, wie  an  die  des  Beda  an.  Unter  diesen  Klosterannaien 
finden  sich  aber  solche,  welche  durchaus  frei  von  localer  Be- 
schränkung, nur  das  allgemeine  Interesse  des  Reiches  im  Auge 
haben,  indem  ja  nicht  selten  an  der  Spitze  der  Klöster  Männer 
standen,  die  am  öffentlichen  Leben  einen  bedeutenden  Antheil 
hatten.  Solche  Klosterannaien  können  als  Vorläufer  von  Reichs- 
annalen  officiellen  Charakters  betrachtet  werden,  wie  man  sie 
schon  unter  Karls  des  Grossen  Regierung  in  den  sogen.  Anna- 
les Laurissejises  maiores  zu  finden  glaubt,  i)  (Man  hat  ihnen 
diesen  Namen  gegeben,  weil  die  älteste  und  vollständigste 
Handschrift  in  dem  Kloster  Lorsch  sich  gefunden.)  Diese 
Lorscher  Annalen^)  erstrecken  sich  vom  Jahr  741,  dem  Beginne 
der  Regierung  des  Vaters  Karls  des  Grossen,  Pippin,  bis  zum 
Jahr  829:  auf  Grund  der  Art  der  Abfassung  wie  des  Stils 
lassen  sich  aber  3  Hauptabschnitte  in  ihnen  unterscheiden,  von 
denen  der  erste  nach  der  gewöhnlichen  Annahme  bis  zum 
Jahr  788  reicht,  und  um  dieses  Jahr  im  Zusammenhang  ab- 
gefasst,  also  nicht  wie  die  folgenden  Abschnitte  gleichzeitig 
mit  den  Ereignissen  aufgeschrieben  ist;  der  zweite  aber  geht 
bis  zum  Jahr  796,  von  wo  an  die  meisten  einen  neuen  Ver- 
fasser annehmen,  dem  also  der  letzte  Hauptabschnitt  beigelegt 
wird,  und  in  ihm  wollen  sie  Einhard  erkennen.  Diese  Jahr- 
bücher erhielten  aber  eine  nicht  bloss  stilistische,  sondern  auch 
redactionelle  Ueberarbeitung ,  die  bis  zum  J.  801,  bald  mehr, 
bald  weniger  bedeutend,  sich  erstreckt;  auch  diese  Ueberar- 
beitung wird  von  manchen  Historikern  Einhard  zugeschrieben, 
und  auch'  von  solchen,  die  seinen  Antheil  an  der  Abfassung 
selbst  sehr  beschränken,  während  andere,  die  in  dieser  Be- 
ziehung grosse  Zugeständnisse  machen,  jene  ihm  absprechen. ^^) 


1)  Diese  Ansicht  bestreitet  Sybel,  dem  Simson  entgegentritt. 

2)  In:  Monum.  Germ,  histor.  Scriptores  T.  I,  ed.  Pertz. 

3)  So  schreibt  Dünzelmann  Einhard  die  Abfassung  (von  797  an)  nur  bis 
Mitte  801,  dagegen  die  Ueberarbeitung  zu,  während  Ebrard  letztere  Ein- 


Reich  sannalen.  99 

Was  Darstellung  und  sprachlichen  Ausdruck  anbetrifft,  so 
erscheint  die  Ueberarbeitung  dieser  Aunaleu,  die  man  früher 
keinen  Anstand  nahm  als  Annales  Einhardi  zu  bezeichnen,  wie 
der  letzte  Hauptabschnitt  überhaupt  des  Verfassers  der  Vita 
Caroli  im  allgemeinen  wohl  würdig.  In  diesen  Lorscher  Jahr- 
büchern tritt  die  Annalistik  zuerst  im  Mittelalter  in  den  Kreis 
der  literarischen  Production  ein,  während  die  älteren  Annalen 
in  ihren  von  Jahr  zu  Jahr  aufgezeichneten  kurzen  Xotizen  als 
literarische  Erzeugnisse  nicht  beti'achtet  werden  und  deshalb 
in  einer  Geschichte  der  Literatur  auch  keine  Stelle  bean- 
spruchen können.  Also  hat  in  dem  Zeitalter  Karls  des  Grossen 
auch  ein  bedeutender  Fortschritt  der  Historiographie  stattge- 
funden, und  gewiss  auch  unter  dem  Einfluss  des  grossen 
Fürsten,  der  nach  Einhards  Bericht  auch  sonst  so  viel  geschicht- 
lichen Sinn  zeigte. 

Ebenso  sicher  als  die  Lebensgeschichte  Karls  gehört  Ein- 
hard  noch  ein  Buch  an :  die  ausführliche  Erzählung  von  der  oben 
erwähnten  Uebertragung  der  Gebeine  des  Petrus  und 
Marcellinus  (zweier  Priester,  die  unter  Diocletian  in  Rom 
Märtyrer  geworden)  nach  Seligenstadt,  und  der  Wunder,  die  von 
ihnen  ausgingen. i)  Wie  solche  „Translationen"  aufkamen,  und 
wie  sie  im  Anschluss,  dann  im  Gefolge  der  „Passionen"  zu 
erzählen  Sitte  wurde,  haben  wir  früher  angedeutet.-)  Der 
Schwerpunkt  des  Interesses  des  Autors  wie  des  Lesers  lag 
hier  wie  bei  den  Heiligenleben  überhaupt  zunächst  in  den 
Wundern,  die  bei  den  Translationen  aber  nur  von  den  Reliquien 
ausgehen.  Die  Verehrung  der  Reliquien  und  der  Glaube  an  ihre 
Wunderkräfte  war  aber  kaum  zu  irgend  einer  Zeit  grösser,  als  zu 
der  Einhards,  wie  auch  recht  dieses  Buch  zeigt,  zumal  sein 
Verfasser  einer  der  gebildetsten  Männer  damals  und  ein  Hi- 
storiker war.  Auch  er  hat,  wie  er  selbst  im  Vorwort  erklärt, 
in  frommer  Absicht  das  Buch  geschrieben,  es  soll  —  nämlich 
durch  den  Bericht  von  den  Wundern  seiner  Reliquien  —  „den 


hard  abspricht ,  aber  seine  Verfasserschaft  bis  zum  Jahr  S29  erstreckt. 
Auf  diese  Streitfragen  genauer  einzugehen  liegt  der  Aufgabe  dieses  Buches 
zu  fem. 

1)  Translatio  SS.  Petri  et  Marcellini  ed.  Henschen  in:  Acta  SS.  lun. 
Tom.  I,  p.  181  ff. 

2)  S.  Bd.  I,  S.  293  u.  577. 

7* 


100  Einhard. 

Sinn  des  Lesers  zum  Lobe  seines  Schöpfers  erheben",  der 
Allmacht  Gottes,  welcher  ja  der  eigentliche  Wunderthäter  ist. 
Die  besondere  Versicherung  dieser  Absicht  möchte  aber  den 
Glauben  erwecken,  dass  sie  nicht  allein  Einhard  bestimmt  hat; 
es  scheint  auch  etwas  Eitelkeit  im  Spiele  gewesen  zu  sein, 
die  auch  allein  seine  Urtheilskraft  so  verdunkeln  konnte,  dass 
er  selbst  die  unglaublichsten  Dinge,  welche  von  der  Heilkraft 
seiner  Reliquien  ihm  berichtet  wurden,  ohne  Anstand  weiter 
erzählt.')  Mit  dem  Besitze  solcher  wunderthätigen  Kostbar- 
keiten, die  den  Kirchen,  wo  sie  aufbewahrt  wurden,  den 
höchsten  Ruf  verliehen,  machte  man  sozusagen  Staat.  Daher 
erklärt  sich  denn  auch  der  persönliche  subjective  Charakter 
der  Erzählung  Einhards,  in  welcher  der  Autor  von  Anfang  an 
in  den  Vordergrund  tritt,  so  dass  sie  im  Stile  von  Memoiren 
verfasst  erscheint;  und  hierdurch  hat  schon  diese  Erzählung 
ein  ganz  anderes,  grösseres  Interesse  als  die  gewöhnlichen 
Translationen;  dies  wird  aber  noch  durch  manche  kulturge- 
schichtlich merkwürdigen  Züge  vermehrt,  wie  die  folgende 
Skizze  des  Inhalts  zeigen  wird. 

Einhard  erzählt  im  Eingang,  wie  er  nach  dem  Bau  seiner 
Kirche  in  Michelstadt  im  Zweifel  gewesen  sei,  welchem  Hei- 
ligen er  sie  widmen  sollte  —  und  zu  solcher  Widmung  ge- 
hörten wo  möglich  Reliquien  des  Heiligen  — :  da  sei  er  am 
Hofe  zu  Achen  mit  einem  römischen  Diacon  Deusdona  zu- 
sammengetroffen, und  die  Rede  auf  die  vielen  in  Rom  befind- 
lichen und  vernachlässigten  Gräber  der  Märtyrer  gekommen. 
Da  gedenkt  denn  Einhard  seiner  neuen  Basilika  und  fragt,  wie 
er  wohl  „  etwas  von  den  ächten  Reliquien "  dieser  Heiligen  er- 
langen könnte.  Der  schlaue  Römer  theilt  ihm  nun  nach  einigem 
Bedenken  mit,  dass  er  selbst  solche  in  grosser  Zahl  besitze, 
und,  wenn  er  ihm  zur  Rückkehr  nach  Rom  behülflich  wäre, 
sie  ihm  senden  wolle.  Einhard  geht  gern  auf  den  Antrag 
ein,  er  gibt  ihm  ein  Maulthier  und  ein  Viaticum,  und  sendet 
seinen  Notar  Ratleik  sammt  einem  Diener  mit.  Sie  reisen  über 
Soissons,  und  dort  verspricht  Deusdona  auch  dem  Abt  Hilduin 
den  Leib  des  heil.  Tiburtius,   worauf  ihm   dieser  auch   einen 


1)  So  heisst  es  von  einem  Geheilten  c.  68:  ita  sanus  ab  oratione 
surrexit,  ut  nee  tumor  in  facie,  nee  dolor  in  dentibus,  nee  gibbus,  quo 
premebatur,  remaneret  in  dorso. 


8T.    MICMAEL'S  "^ 

C 


Translatio  SS.  Petri  et  Marcellini.  101 

Begleiter  Namens  Hun  mitgibt.  Als  sie  nun  aber  in  Rom  an- 
gelangt sind,  macht  der  Diacon  alle  möglichen  Ausflüchte,  und 
die  Begleiter  merken  gar  bald,  dass  sie  von  ihm  betrogen 
sind  —  dem  Diener  Ratleiks  war  es  selbst  schon  unterwegs, 
während  er  fieberkrank  war,  durch  eine  Vision  eröffnet  wor- 
den: sie  beschliessen  darauf  durch  Diebstahl  sich  in  den  Be- 
sitz von  Reliquien  zu  setzen,  bei  welchem  Unternehmen  der 
Diacon  schliesslich  doch  noch  Beihülfe  leistet.  Freilich  der 
feste  Sarkophag  des  Tiburtius  spottet  ihrer  Anstrengungen, 
wohl  aber  gelingt  es  ihnen  das  benachbarte  Grab  der  heil. 
Marcellin  und  Petrus  zu  öffnen,  worauf  zunächst  die  Reste 
des  ersteren,  und  dann,  damit  die,  welche  zusammen  die  Passion 
erlitten,  auch  ferner  in  ihren  Reliquien  zusammenblieben,  auch 
die  des  Petrus  von  Ratleik  entwandt  werden.  Hun  erhielt  zu 
seinem  Tröste  auch  von  dem  Petrus  einigen  Ascheustaub,  von 
dem  man,  weil  er  abgesondert  lag,  sich  überredete,  dass  er 
dem  Tiburtius  hätte  angehören  können!  Dieser  fromme  Raub 
wird  indessen,  wie  billig,  erst  nach  dreitägigem  Fasten  und 
nach  Anrufung  Gottes,  Jesu  und  der  Märtyrer  selbst  aus- 
geführt. 

Unter  Vorkehrung  der  grössten  Vorsichtsmassregeln,  eine 
Entdeckung  zu  verhüten,  wird  dann  der  kostbare  Schatz  heim- 
lich bis  nach  St.  Moriz  gebracht.  Dort  erst  werden  die  Re- 
liquien in  einen  Sarg  gelegt  und  nun  offen  „  transferirt ",  indem 
überall  Schaaren  des  Volkes  Hymnen  singend  sie  geleiten.  So 
gelangen  sie  nach  Michelstadt,  wohin  nun  auch  Einhard,  der 
gerade  auf  einer  Reise  war,  eilends  sich  begibt.  —  Aber  schon 
im  Anfang  des  folgenden  Jahres  (828)  wurden  die  Reliquien 
nach  Mulinheim,  das  danach  Seligenstadt  genannt  wurde, 
übertragen,  da  in  Träumen  und  Visionen,  die  verschiedene 
Personen  gehabt  haben  wollten,  die  Märtyrer  erklärten,  in 
Michelstadt  nicht  bleiben  zu  wollen.  Der  wahre  Grund  der 
weitern  Translation  war  vermuthlich,  dass  jener  Ort  in  seiner 
Abgelegenheit  zu  wenig  geeignet  war,  die  Verehrung  der  Re- 
liquien in  Zug  zu  bringen.  0 

Indessen  hatte  sich  der  Presbyter  Hun  mit  dem  Bisschen 
ihm  geschenkter  Asche  nicht  begnügen  mögen,  und  durch  Be- 
stechung  des   Dieners  Ratleiks   noch    in  Rom   in  den  Besitz 


1)  S.  Jaffe,  1.  1.  p.  4i»(j,  Anm.  7. 


102  Einhard. 

eines  ganzen  Kruges  von  dem  Staube  des  heil.  Marcellin  ge- 
setzt. Einliard  erfährt  dies  in  Achen  von  Hilduin  selbst  und 
reclamirt  mit  Erfolg  das  Entwandte.  Dies  wird  in  allem  Detail 
erzählt,  ebenso  die  neue  Translation  dieser  entwandten  Reli- 
quien nach  Mulinheim.  Hierauf  folgt  dann  eine  ausführliche 
Erzählung  von  den  Wundern,  die  von  den  Reliquien  ausgingen, 
welche  zwei  Drittheile  des  Buches  einnimmt.  Es  sind  dies 
im  allgemeinen  die  gewöhnlichen  Krankenheilungen  der  Reli- 
quien, die  Einhard  zum  Theil  selbst  mit  angesehen  haben  will.  ^) 
Besonders  erwähuenswerth  ist  aber  eins  dieser  Mirakel,  welches 
sich  in  seiner  Abwesenheit  zutrug,  so  dass  ihm  ein  schriftlicher 
Bericht  darüber  erstattet  wurde  (c.  49  ff.)  Darin  wird  die 
Heilung  eines  von  einem  Dämon  besesseneu  Mädchens  erzählt. 
Merkwürdig  sind  nämlich  die  Aussagen,  welche  derselbe  durch 
den  Mund  des  Mädchens  gemacht  haben  soll,  da  sie  eine 
schneidende  Kritik  der  sittlichen  Zustände  jener  Zeit  enthalten. 
Der  Dämon,  lange  schon  Thürhüter  der  Hölle,  hat,  wie  er  sagt, 
mit  elf  Genossen  das  Frankenreich  verwüstet,  indem  er  die 
Früchte  vernichtete  und  über  Menschen  und  Vieh  Krankheiten 
brachte.  Auf  die  Frage  des  beschwörenden  Presbyter  warum 
er  das  gethan,  entwirft  er  nun  ein  Bild  von  der  Unsittlichkeit 
jener  Zeit  —  die  sei  das  Motiv  gewesen  —  in  welchem  er  die 
Grossen  noch  weniger  als  das  Volk  verschont.  Einhard  aber 
fügt  dem  Berichte  die  Worte  hinzu:  wie  weit  ist  es  mit  dem 
Elend  unsrer  Zeit  gekommen,  wenn  statt  guter  Menschen  böse 
Dämonen  ihre  Lehrer  sind,  an  unsere  Besserung  uns  mahnen 
müssen!"-) 

Wir  besitzen  aus  derselben  Zeit  etwa  eine  Passio  der  bei- 
den Märtyrer  in  353  rythmischen  trochäischen  Tetrametern, 
welche    allein    durch    die    Anwendung   dieses   Versmasses  — 


1)  Namentlich  Heilung  von  Stummen.  Tauben,  Gelähmten,  Epileptischen 
und  Besessenen. 

2)  Zu  derselben  Zeit  (82S)  empfing  Einhard  (c.  47  f.)  eine  andre  Schrift 
von  Mulinheira,  welche  eine  Offenbarung,  die  einem  Blinden  dort  vom 
Engel  Gabriel  geworden,  und  von  Ratleik  aufgezeichnet  war,  enthielt.  Sie 
war  ausdrücklich  für  den  Kaiser  Ludwig  bestimmt,  und  wurde  ihm  auch 
von  Einhard  übergeben.  Man  sieht  aus  alle  dem,  wie  von  dem  nahe 
herandrohenden  Unheil  der  schwachen  Regierung  schon  eine  Ahnung  durch 
das  Volk  ging. 


Passio  SS.  Petri  et  Marcelliui.    Briefe.  103 

worauf  ich  weiter  unten  zurückkomme  —  merkwürdig  ist^; 
sie  ist  in  einer  Handschrift  dem  Einhard  beigelegt'-).  Einhard 
hat  sich  nun  allerdings  auch  als  Dichter  bekannt  gemacht, 
wie  wir  oben  sahen^),  obgleich  kein  Werk  seiner  Muse  sonst 
uns  erhalten  ist:  aber  in  Betreff  dieser  Dichtung  ist  seine 
Autorschaft  doch  zu  wenig  beglaubigt;  dazu  kommt,  dass  ob- 
schon  trotz  der  klassischen  Bildung  Einhards  die  Annahme 
wohl  zulässig  erscheint,  er  habe  in  einem  solchen  volksmässigen 
rythmischen  Versmass  seine  Heiligen  besungen,  es  dagegen 
im  höchsten  Grade  unwahrscheinlich  ist,  dass  er  in  dem  Ge- 
dicht gar  nicht  der  Translation  gedacht  haben  sollte,  durch 
welche  ja  erst  die  Heiligen  sein  wurden. 

Noch  sind  uns  eine  Anzahl  Brief  e  Einhards  erhalten,  na- 
mentlich in  einer  Mustersammlung  des  Briefstils,  wie  sie  die 
Mönche  für  Lehr-  und  Lernzwecke  anzulegen  pflegten,  welche 
aus  dem  Einhard  angehörigen  Kloster  St.  Bavo  in  Gent  stammt.^) 
Diese  Briefe,  die  fast  nur  Geschäftsbriefe  sind,  obgleich  auch 
an  die  Kaiser  Ludwig  und  Lothar  einzelne  sich  finden,  liefern 
zwar  nur  wenige,  aber  doch  recht  schätzbare  Beiträge  zur 
Lebensgeschichte  und  Charakteristik  des  Verfassers.  Kament- 
lich  bezeugen  sie  auch  die  grosse  Gutmüthigkeit  Einhards, 
der  gern  bereit  ist  auf  Bitten  andrer  zu  vermitteln  oder  Für- 
sprache einzulegen,  andrerseits  freilich  im  Alter  auch  so  dem 
Kultus  seiner  Heiligen  ergeben  war,  dass  er  jedem,  der  bei  ihnen 
Schutz  suchte,  ohne  alle  weitere  Rücksicht,  seinen  Beistand 
gewährte.^)  In  stilistischer  Beziehung  aber  zeigen  die  Briefe 
wie  die  Translatio  einen  grossen  Unterschied  von  der  Vita 
Caroli;  an  der  Stelle  einer  eleganten  klassisch  gefärbten  Dic- 
tion  finden  wir  hier  gewöhnlich  eine  incorrecte  nachlässig  be- 
queme Ausdrucksweise,  in  den  Briefen  noch  mehr  als  in  der 
Translatio:   dieser  Unterschied  ist  aber  keineswegs  besonders 


1)  S.  Acta  SS.  lun.  Tom.  I.  p.  174  ff. 

2)  Des  10.  Jahrh.,  während  in  andern,  und  darunter  einer  des  9.  Jahrb., 
kein  Verfasser  genannt  wird.     S.  darüber  Dümmler,  N.  A.  S.  262  f. 

3)  S.  Seite  92. 

4)  Ausserdem  besitzen  wir  noch  den  schönen  Brief  Einhards  an  Lupus, 
dessen  wir  schon  gedachten. 

5)  S.  z.  B.  Epp.  37,  43  u.  44. 


UU  Eigil. 

schwierig  zu  erklären.')  Die  Diction  der  Briefe  wie  der  im 
Memoirenstil  geschriebenen  Translatio  entspricht  offenbar  der 
damals  üblichen  lateinischen  Umgangs-  und  Verkehrssprache, 
die  gleich  den  sich  entwickelnden  modernen  Sprachen  auch  in 
der  Satzbildung  einen  mehr  analytischen  Charakter  liebte ;  war 
dies  doch  im  Alterthume  selbst  wenigstens  bei  den  weniger 
Gebildeten  der  Fall. 

Endlich  sei  noch  erwähnt,  dass  Einhard  in  den  letzten 
Lebensjahren  um  836  auch  eine  geistliche  Schrift:  De  adoranda 
cruce  verfasst  hat,  welche  er  Lupus  widmete'-);  sie  ist  aber 
verloren.  Die  Nachricht  beweist  jedoch  von  neuem,  wie  Ein- 
hard jetzt  ganz  der  geistlichen  Richtung  sich  hingegeben. 


NEUNTES  KAPITEL. 

HEILIGENLEBEN:    EIGIL,    LIUDGER. 


Als  Vertreter  der  Historiographie  dieses  Zeitalters  sind 
auch  zwei  Heiligenleben  zu  nennen,  die  aber  im  Gegensatz  zu 
dem  Charakter  der  älteren  keine  Wunderthäter,  sondern  zwei 
um  die  Kultur  sehr  verdiente  Männer  zu  ihren  Helden  haben. 
Das  eine  ist  das  Leben  des  ersten  Abtes  von  Fulda,  Sturmi, 
verfasst  von  einem  seiner  Nachfolger  Eigil  3) ,  dem  Vorgänger 
des  Raban,  in  dessen  Biographie  ich  auf  ihn  zurückkomme. 
Eigil,  der  822  starb,  war  mehr  als  20  Jahre  Sturms  Schüler 
gewesen,  indem  er,  ein  Verwandter  von  ihm,  schon  als  Kind 
dem  Kloster  Fulda  des  Unterrichts  wegen  tibergeben  worden 
war:  so  hat  er  die  noch  im  achten  Jahrhundert  verfasste  Vita 
zum  Theil  auf  Grund  eigener  Erfahrungen  geschrieben.  Dies 
sagt  Eigil  selbst  in  der  Widmung  an  die  Nonne  Angildruth, 
welche  ihn  zu  dem  Buche  aufgefordert  indem  sie  ihn  bat,  das 


1)  Wie  Dünzelmann  a.  a.  0.  S.  499  glaubt. 

2)  S.  Lupus  Ep.  4. 

3)  In:  Monum.  Gerraaiiiae  histor.  ed.  Pertz,  Script.  T.  II,  p.  365  ff.  — 
—  Rettberg,  Kirchengesch.  Deutschlands  Bd.  I,  S.  371,  G09  fF.  —  Schwartz, 
Bemerkungen  zu  Eigils  Nachrichten  über  die  Gründung  und  Urgeschichte 
des  Klosters  Fulda.  Progr.  zur  Feier  tausendjähriger  Erinnerung  an 
Hrabanus  Maurus.    Fulda  1856. 


Vita  S.  Stui-mi.  105 

Leben  des  Heiligen  und  die  Anfänge  des  Klosters  Fulda  zu 
erzählen.!)  Schon  durch  die  letztere  Aufgabe,  zu  der  freilich 
diese  Lebensgeschichte  von  selbst  aufforderte,  erhielt  dieselbe 
einen  höheren  allgemeinern  Gesichtspunkt,  der  sie  über  die  ge- 
wöhnlichen Vitae  Sanctorum  emporheben  musste.  Und  so 
handelt  es  sich  denn  in  der  That  in  ihr  vornehmlich  um  die 
Gründung  jenes  Klosters,  welches  der  erste  Sitz  wissenschaft- 
licher Kultur  im  Inneren  Deutschlands  werden  sollte. 

Sturm,  von  edler  Herkunft,  stammte  aus  Baieni;  er  war 
in  seiner  Jugend  dem  Bonifatius  bei  seiner  dortigen  zweiten 
Anwesenheit  zur  geistlichen  Ausbildung  übergeben  und  von 
ihm  dem  Presbyter,  späteren  Abte,  Wigbert  in  Fritzlar  anver- 
traut worden,  bei  welchem  er  die  Psalmen  auswendig  und  die 
Bibel  lesen  und  auslegen  lernte.  Er  wurde  dann  Presbyter, 
aber  nach  ein  paar  Jahren  verlangte  es  ihn  sich  ganz  der 
Askese  zu  widmen,  als  Eremit  zu  leben.  Bonifaz,  der  seinem 
Wunsche  Beifall  zollte,  sandte  ihn  darauf  mit  zwei  Begleitern, 
um  eine  solche  Niederlassung  zu  gründen,  in  das  einsame 
Waldrevier  Buchonia.  Sie  erbauen  sich  darauf  zuerst  in  der 
Gegend  von  Hersfeld,  da  wo  später  das  Kloster  stand,  Hütten 
imd  verweilten  dort  auch  längere  Zeit."-)  Da  erklärte  aber 
Bonifaz  diesen  Ort,  weil  zu  nahe  der  sächsischen  Grenze,  für 
zu  gefährdet,  und  befahl  ihnen  tiefer  in  den  Wald  einzudringen. 
In  sehr  anziehender  lebendiger  Weise  wird  nun  diese  Fahrt, 
offenbar  auf  Grund  der  eigenen  ]\Iittheilungen  Sturms,  erzählt. 
Da  ein  Eindringen  zu  Nachen  auf  der  Fulda  stromaufwärts 
resultatlos  bleibt,  versucht  es  Sturm,  von  neuem  von  Bonifatius 
ermuntert,  allein  auf  dem  Lande,  indem  er  zu  Esel  reist.  Es 
ist  eine  wahre  Entdeckungsreise   wie   in   einem  Urwald^)  mit 


1)  Poscebas  enim  —  heisst  es  in  der  Widmung  —  ut  initia  et  vitam 
sancti  ac  venerabilis  abbatis  Sturmi  tibi  exponerem,  ac  primordia  mo- 
nasterii  sancti  Salvatoris  quod  ab  eo  fundatum  atque  constitutum  est, 
quodque  alio  nomine  appellatur  Fulda,  conscriberem,  causas  quoque  eius- 
dem  coenobii,  quas  res  visu  vel  auditu  didicerim,  sincere  narrarem. 

2)  Manseruntque  illic  tempus  non  modicum.  c.  4.  S.  über  die  Streit- 
frage der  Zeit  des  Aufenthalts,  welche  eine  andre  Stelle  c.  11  anregt,  na- 
mentlich Schwartz  S.  29  if. 

3)  Sicque  vir  Dei  per  horrendum  solus  pergens  desertum  praeter 
bestias,  quarum  ingens  in  eo  fuit  abundantia,  et  avium  volatum  et  ingen- 
tes  arbores nihil  cernens  —  —  c.  S.     Et  tunc  quando  alicubi  noc- 


106  Liudger. 

manchen  kleinen  Abenteuern,  wie  einer  Begegnung  mit  baden- 
den Slaven  (cap.  7),  die  uocli  Heiden,  den  frommen  Pilger 
verhöhnten.  Endlich  wird  die  geeignete  Stelle  für  die  Nieder- 
lassung, wie  Sturm  glaubt  durch  eine  göttliche  Inspiration, 
von  ihm  gefunden.  Bonifatius  billigt  den  ausgewählten  Ort, 
erwirbt  den  Grund  und  Boden,  und  erscheint  darauf  selbst 
die  Urbarmachung  des  Landes  und  die  ersten  Vorbereitungen 
zum  Bau  des  Klosters  zu  leiten,  der  dann  von  Sturm  ausge- 
führt wird  (744).  Einige  Jahre  später  unternahm  Sturm  eine 
Romfahrt,  um  das  Klosterlebeu  Italiens  kennen  zu  lernen  und 
so  sichere  Normen  für  die  Einrichtung  des  eigenen  Klosters 
zu  gewinnen.  Der  Ruf  desselben  verbreitete  sich  dann  bald 
weit,  ward  aber  noch  wesentlich  vermehrt  durch  die  Ueber- 
führung  der  Gebeine  des  Bonifatius  dorthin  von  Mainz  (wo  sie 
zunächst  hingebracht  und  auch  gern  behalten  worden  wären) 
noch  im  Jahre  seines  Todes  755.  Die  Wunder,  welche  diese 
hochverehrten  Reliquien  vollbrachten,  überlässt  indess  Eigil 
andern  zu  berichten.  Dagegen  erzählt  er  namentlich  noch, 
wie  Sturm  die  Unabhängigkeit  des  Klosters  gegen  den  Erz- 
bischof von  Mainz,  Lull,  am  Ende  siegreich  vertheidigte,  und 
die  nahen  Beziehungen,  in  welche  er  zu  Karl  dem  Grossen 
trat  (c.  21),  wie  er  den  Sachsen  predigte,  aber  bei  einem  Ein- 
fall derselben  mit  seinen  Mönchen  das  Kloster  verlassen  musste, 
eine  Exodus,  die  auch  Eigil  selbst  mitmachte.  Sturm  starb 
im  Jahr  darauf  779  (17.  December)  in  Fulda. 

Wie  der  Inhalt  dieser  Vita  ein  rein  historischer  ist,  so  ist 
auch  die  Form  die  einer  einfachen  schmucklosen  Erzählung, 
fern  von  aller  panegyrischen  Ueberladuug,  aber  mit  warmer 
Theilnahme  an  dem  Helden  geschrieben;  der  Verfasser  lässt 
die  Thatsachen  für  sich  selber  sprechen;  hier  und  da  etwas 
weitläufig,  erinnert  die  Erzählung  dann  an  mündliche  Mit- 
theilungen. 

Das  andre  bemerkenswerthe  Heiligenleben  ist  auch  einem 
Missionar  gewidmet,  der  auch  mit  dem  heil.  Bonifatius  in 
nächster  Beziehung  stand:   es   ist  die  Vita  des  heil.  Gregor 


tabat,  cum  ferro  quod  manu  gestabat,  sepem  caedendo  ligno  in  gjTO 
composuit,  ad  tutamen  animalis  sui,  ne  ferae,  quarum  peri^lura  ibi  multi- 
tudo  erat,  illud  devorarent  (c.  7).  Diese  ferae  sind  offenbar  Wölfe  und 
Bären. 


Tita  S.  Gregorii.  107 

von  Utrecht  1),  verfasst  von  seinem  Schüler  Liudgee,  einem 
geborenen  Friesen,  auf  dessen  eigenes  Leben  ich  im  folgenden 
Buche  zurückkomme;  hier  sei  nur  bemerkt,  dass  er  seine 
höhere  Ausbildung  in  York  von  Alcuin  erhielt  und  als  Bischof 
von  Münster  S09  starb. 

Diese  Vita  ist  zwar  schon  mehr  in  dem  gewöhnlichen 
Legendenstil  geschrieben,  wie  auch  Wattenbach-)  meint,  hat 
aber  doch  einen  in  mancher  Beziehung  geschichtlich  merk- 
würdigen Inhalt  nicht  bloss  durch  die  Persönlichkeit  ihres 
Helden,  sondern  mehr  noch  durch  die  Rolle,  welche  in  ihr 
Bonifatius  spielt;  die  grössere  Hälfte  des  Buches  (bis  cap.  13) 
beschäftigt  sich  mehr  mit  ihm  als  mit  Gregor.  Der  letztere 
war  einer  der  treusten  Schüler  desselben.  Er  stammte,  ein 
Urenkel  Dagoberts  H.,  aus  dem  merowingischen  Königsge- 
schlecht; ein  Zufall  führte  ihn  als  Knaben  mit  Bouifaz  zu- 
sammen, er  begeisterte  sich  alsbald  so  für  denselben,  dass  er, 
dem  geistlichen  Berufe  sich  zu  widmen,  sich  ihm  sogleich  an- 
schloss  und  lange  Zeit  sein  steter  Begleiter  wurde.  Gregor 
wurde  dann  um  die  Mitte  des  achten  Jahrhunderts  speciell  die 
Mission  in  Friesland  von  König  und  Papst  anverti-aut,  indem 
er  zwar  nicht  Bischof,  sondern  nur  Abt  vom  3Iartiusmünster  in 
Utrecht  wurde.  Hier  wirkte  er  namentlich  als  Vorstand  der 
Schule,  welche  bald  berühmt,  aus  allen  Gegenden  Deutsch- 
lands Schüler  empfing;  Franken,  Angeln,  Friesen,  Sachsen, 
Baiern  und  Schwaben  erhielten  hier  ihre  geistliche  Ausbil- 
dung, welcher  Gregor  mit  dem  grössten,  selbst  durch  Alter 
und  Krankheit  ungebrochenen  Eifer  oblag.  Manche  Bischöfe 
hat  diese  Schule  Deutschland  gegeben,  und  zu  einer  Zeit  wo 
es  der  geistlichen  Hirten  sehr  bedurfte.  Ueber  diese  damals 
doppelt  verdienstliche  Wirksamkeit  Gregors  gibt  leider  der 
Verfasser  nur  spärliche  Andeutungen,  während  er  dagegen  der 
sittlichen  Vorzüge  desselben  ausführlich  gedenkt,  namentlich 
seiner  Barmherzigkeit  und  einfachen  schlichten  Lebensweise; 
denn  wie  er  im  Vorwort  anzeigt,  will  er  seinen  Lehrer  als 
,,  frommes  und  nützliches  Beispiel "  nicht  bloss  zu  seiner  eigenen 


1)  In:    Mabülon,  Acta  Sanctor.    ord.   S.   Benedicti  (s.  Bd.  I,   S.   577 

Anm.   1)  Saec.   lU.   pars  2. Rettberg.  Kircheugesch.   Deutschlands 

Bd.  n,  S.  531  ff. 

2)  Deutschi.  Geschichtsq.  I.  S.  200. 


108  Smaragdus. 

steten  Erimierung,  sondern  auch  zu  andrer  Erbauung  schil- 
dern. Und  dies  hat  er  mit  aller  Wärme  dankbarer  Liebe  ge- 
than,  was  sich  namentlich  .bei  der  Schilderung  des  Lebensendes 
des  Heiligen  zeigt.     Gregor  starb  nach  Rettberg  775. 


ZEHNTES  KAPITEL. 

SMARAGDUS. 

Auch  das  Feld  der  did actischen  Prosa  wurde  in  einer 
des  Zeitalters  Karls  stilistisch  würdigen  Weise  in  ein  paar 
literargeschichtlich  nicht  unwichtigen  Werken  bestellt.  Ihr 
Autor  ist  Smaragdus'),  Abt  des  Klosters  S.  Mihiel  an  der 
Maas,  das  er  selbst  gegründet,  indem  er  dorthin  seine  Mönche 
aus  der  alten  Abtei  auf  dem  Berge  Castellion,  die  ein  paar 
Stunden  von  da  entfernt  lag,  übersiedelte.  Er  war  zuerst 
Magister  der  Klosterschule.  Eine  Frucht  dieser  Wirksamkeit  war 
ein  Commentar  zu  der  Grammatik  des  Donat,  welchen 
er  auf  die  Bitte  seiner  Schüler  zwischen  800  und  805  verfasste. 
Im  letzteren  Jahre  wird  er  schon  in  einer  Urkunde  als  Abt 
genannt-);  was  den  terminus  a  quo  aber  betrifft,  so  wird  unter 
den  Beispielen  der  Grammatik  Karl  als  Kaiser  bezeichnet^).  — 
Durch  seine  Gelehrsamkeit  Karl  empfohlen,  wurde  er  von  ihm 
809  mit  der  Abfassung  einer  Denkschrift  über  die  Lehre  vom 
Ausgehn  des  heiligen  Geistes  betraut,  und  im  Verein  mit  drei 
andern  Prälaten  zu  der  von  Leo  IIL  deshalb  gehaltenen  Sy- 


1)  Smaragdi  abbat,  monast.  S.  Michaelis  Virdunensis  Opera  omiiia. 
Accur.  Migne.  Paris  1851  (Patrol.  lat.  T.  CIL)-  —  *  Smaragdi  abbat.  Via 
regia  in:  D'Achery,  Spicilegium.    Nova  ed.  Paris  1723.  Tom.  I,  p.  238  ff. 

Haureau,  Singularites  (s.  oben  S.  70  Anm.  1)  p.  100  ff.:    Smaragde, 

abbe  de  Castellion.  —  Dümmler,  N.  A.  S.  250  ff.  —  Mabillon,  Vetera  Ana- 
lecta,  Nova  ed.  Paris  1723,  p.  350 ff.  —  Keil,  De  grammaticis  quibusdam 
latin.  infimae  aetatis.  Erlangen  (Univers.  Progr.)  1868. 

2)  S.  Haureau  p.  103. 

3)  Ergo  si  placct,  sie  istae  quatuor  propriorum  nominum  species  iara 
hodie  apud  nos  teneantur,  ut  dicamus  praenomen  Imperator ,  et  sit  illi 
proprium  dignitatis,  quod  nulli  alio  in  suo  convenit  regno;  dicamus  Karolus, 
et  sit  illi  proprium,  quod  accepit  in  baptismo ;  dicamus  Franctis,  et  sit  illi 
appellativum  in  genere  suo;  dicamus  Prudens,  et  sit  illi  agnomen  appel- 
lativum  accidens  ei  extrinsecus.     Mabillon  1.  1.  p.  358. 


Commentar  zum  Donat  109 

node  nach  Rom  gesandt,  deren  ProtocoU  er  redigirte.  Aucli 
der  Gunst  Ludwigs  des  Frommen  erfreute  er  sich,  welcher  dem 
neuen  Kloster  manche  Privilegien  gewährte.  Smaragdus  lebte 
bis  gegen  Ende  des  dritten  Jahrzehnts  des  neunten  Jahrhunderts. 

Smaragdus  verläuguet  in  allen  seinen  Werken,  obgleich 
ein  paar  von  allgemeinerem  Interesse  sind,  nicht  den  Theo- 
logen, selbst  nicht  in  seiner  grammatischen  Schrift,  ja  ihre 
Originalität  ruht  gerade  in  diesem  Umstand.  Smaragdus  nimmt 
nämlich  die  Beispiele  zur  Illustration  der  Regeln  vornehmlich 
aus  der  heil.  Schrift,  oder  doch  aus  kirchlichen  Schriftstellern. 
Er  thut  dies,  wie  die  Vorrede  zeigt,  in  der  Absicht,  um  den 
Trägen,  welche  das  Studium  der  Grammatik  unter  dem  Vor- 
wand vernachlässigten,  dass  in  ihr  nur  heidnische  Namen  vor- 
kämen und  von  Gott  nicht  die  Rede  sei,  diese  Entschuldigung 
zu  nehmen ;  sein  Werk  soll  das  dulce  mit  dem  utile  verbinden, 
„der  himmlische  Honig"  soll  dem  Anfänger  die  Herbe  der 
Wissenschaft  mildern.')  Es  ist  also  gleichsam  eine  christiani- 
sirte  Grammatik.  Smaragdus  sucht  aber  auch  noch  in  andrer 
Weise  das  Studium  für  seine  Zeit  anziehender  zu  machen,  indem 
er,  wie  oben  bemerkt,  auch  Beispiele  aus  der  Gegenwart  nimmt 
und  nicht  wenige  Eigennamen  der  Franken  und  Gothen  erklärt.  -) 

Von  Smaragds  andern  Werken  interessireu  uns  hier  nur 
das  Diadema  moimchorum  und  die  17«  re(jia.  Das  erstere  hat 
eine  weite  Verbreitung  gefunden  und  ist,  nachdem  es  durch  das 
ganze  Mittelalter  in  Ansehn  geblieben,  im  16.  und  17.  Jahr- 
hundert wiederholt  gedruckt  worden.  Es  ist,  wie  die  Vorrede 
sagt,  eine  Blumenlese   von  Aussprüchen  der  Väter,  namentlich 


1)  Sed  ut  diüciter  tiro  auctoritatem  artis  cum  coelestis  mellis  dulce- 
dine  facilius  possit  glutire,  scripturas  arti,  artem  vero  nectimus  scripturis, 
ne  aut  grammaticae  artis  pondere  pressus  aut  divinarum  scripturarum  mole 
gravatus  desidiosus  lector  excusationis  invenire  possit  anfractus.  Keil, 
1.  1.  p.  20. 

2)  S.  Massmann.  Gothica  minora,  in  Haupt's  Zeitschrift  f.  deutsch. 
Alterth.  Bd.  T,  S..3SSff.  Dass  die  etjTQologische  Erklärung  oft  eine  falsche  ist, 
nimmt  um  so  weniger  "Wunder,  als  sich  unter  den  lateinischen  Etymologien 
jener  Zeit  und  auch  des  Smaragd  noch  haarsträubendere  finden,  z.  B.  er- 
klärt er:  Yerbum  a  verberatione  et  bombum  nomen  accepit:  bombus  enim 
sonus  dicitur.  Accepit  a  verberatione  primam  syllabam  ver  et  a  bombo 
ultimam  bumi  Haureau  p.  110.  —  Indessen  zeigen  die  germanischen 
EtjTnologien  doch  eine  solche  Kenntniss  der  Sprache,  dass  man  Smaragd  für 
einen  Germanen  halten  möchte. 


110  Smaragdus. 

aus  den  Collationes  patrum  (des  Cassian)  wie  auch  von  „ver- 
schiedenen Doctoren"  —  vornehmlich  ist  Gregor  der  Grosse 
benutzt  — ,  welche  Dicta  die  allgemeinen  Pflichten  des  Christen, 
wie  die  besondern  des  Mönches  betreffen.  Sie  sind,  natürlich 
mit  eigenen  Zuthaten  und  vielen  Bibelstellen,  von  Smaragd  in 
100  Kapiteln  zusammengestellt.  Das  Buch  war,  wie  er  in  der 
Vorrede  bemerkt,  zur  Abendlectüre  der  Mönche  bestimmt,  eben- 
so wie  die  Regel  Benedicts  zur  Lesung  am  Morgen.  Diese  von 
Smaragd  getroffene  Anordnung ')  zeigt  allein  schon,  dass  er  als 
Abt  es  verfasste.  —  Die  Ausführung  in  den  einzelnen  Kapiteln 
ist  eine  recht  gewandte  und  ansprechende,  zumal  der  Aus- 
druck einfach  und  klar  und  belebt  ist;  die  einzelnen  Kapitel 
stehen  freilich  meist  in  nur  loser  oder  auch  gar  keiner  Ver- 
bindung, so  dass  die  Composition  des  Ganzen  manches  zu 
wünschen  übrig  lässt. 

In  einer  nahen,  jedoch  wenig  beachteten  Beziehung  zu 
diesem  Werk  steht  das  andre  erwähnte.  Es  behandelt,  auch 
in  einer  Reihe  von  Kapiteln  (32),  die  Pflichten  des  Königs; 
aber  es  zeigt  nicht  bloss  eine  ähnliche  Anlage  als  das  Diadema, 
indem  im  Anfang  dieselben  Tugenden  und  in  derselben  Reihen- 
folge behandelt  werden,  sondern  es  finden  sich  auch  ganze 
Partien  allgemeinerer  Natur  wörtlich  aus  ihm  entlehnt."-)  Die 
Königsstrasse  ist  aber  die,  welche  der  irdische  König  ein- 
schlagen muss,  um  zum  Lande  der  Verheissung,  zu  dem  himm- 
lischen Reiche  zu  gelangen,  dieselbe  welche  schon  die  Könige 
des  alten  Bundes  gewandert  haben:  so  sagt  uns  der  Autor  in 
der  Widmungsepistel,  die  er  an  den  König,  dem  er  das  Werk 
übersendet,  richtet.'^)  Derselbe  ist,  wie  im  ersten  Kapitel  be- 
merkt wird,  schon  als  kleines  Kind  auf  den  Thron  gehoben.  4) 
Er   hat   seine   Laufbahn    gut   begonnen,    aber    das    genügt 

1)  Volum  US  ut  iste  libellus  ad  eorum  (sc.  monachorum)  capitulum 
quotidie  legatur  vespertinum. 

2)  Das  umgekehrte  Verhältniss  lässt  sich  nicht  annehmen. 

3)  Et  tibi  ergo ,  nobilissime  rex ,  si  vis  ad  supernam  feliciter  pro- 
missionis  tendere  patriam,  düigenter  regia  quaerenda  est'via;  quia,  cum 
sis  rex  in  terra,  ad  coelorum  properans  regna  per  regiam  debes  currere 
viam.  Trita  etenim  est  et  antiquitus  sanctorum  regum  vestigiis  confricata. 

4)  Diligens  etenim  Dominus,  o  mitissime  rex,  creavit  te  et  vivificavit, 
nutrivit  et  custodivit,  et  ad  lavacrum  regenerationis  perduxit,  renovavit, 
gubernavit  et  ad  intelligibilem  perduxit  aetatem;  et  dum  adhuc 
parvulus   esses,  regali  te  sede  sublitniter  evexit.    Auch   die  gesperrt  ge- 


Diadema  monachorum.    Via  regia.  111 

nicht,  er  miiss  auch  so  fortfahren.  —  Es  ist  klar,  dass  nur 
von  einem  jüngeren  Mann  die  Rede  sein  kann,  nur  einem  sol- 
chen gegenüber  erscheint  auch  ein  Werk  dieser  Art  schicklich, 
und  so  sind  auch  die  späteren  ähnlichen,  wie  die  des  Jonas 
und  Sedulius'),  an  junge  Könige  gerichtet.  Es  ist  hiernach 
mir  unzweifelhaft,  dass  dies  Buch  Ludwig  als  König  von  Aqui- 
tanien  gewidmet  ist,  der  ja  auch  als  kleiner  dreijähriger 
Ejiabe  schon  von  dem  Papste  selbst  in  Rom  gekrönt  war.-)  — 
Bei  dem  Abhängigkeitsverhältnisse  von  dem  JÜiadema  ist  die 
Abfassungszeit  der  Via  recjia  zwischen  SOG  und  S13  zu  setzen. 
Der  Inhalt  dieses  Werks,  das  schon  als  das  erste  seiner 
Art  von  Bedeutung  ist,  und  auch  für  jene  Zeit  durch  seinen  Stil 
sich  empfiehlt,  ist  der  folgende.  Der  Verfasser  handelt  zuerst 
von  der  Liebe  Gottes  und  des  Nächsten,  dann  von  der  Er- 
füllung der  Gebote  Gottes,  die  jene  verlangt,  hierauf  von  der 
Furcht  Gottes  und  von  der  heiligen  Weisheit,  deren  Anfang 
die  Gottesfurcht  ist,  danach  von  der  Klugheit,  der  Einfalt  und 
der  Geduld:  es  sind  dies  die  ersten  sieben  Kapitel,  die 
Cap.  4 — 10  des  Diadema  entsprechen:  nunmehr  wendet  sich 
unser  Autor  zu  den  specielleren  königlichen  Tugenden  und 
Pflichten,  indem  er  von  der  Gerechtigkeit  spricht,  von  der 
Beschirmung  der  Waisen,  Wittwen  und  Armen,  von  dem  Er- 
barmen, durch  dessen  Werke  Gott  zu  ehren  ist,  wobei  denn 
besonders  der  Zehnten  und  Erstlinge,  die  der  König  ihm, 
d.  h.  der  Kirche  schulde,  gedacht  wird  (c.  12):  so  soll  er 
Schätze  im  Himmel  sich  anhäufen,  der  irdischen  aber  sich 
nicht  rühmen,  sondern  vor  Gott  sich  demüthigen,  hierdurch 
erlange  er  den  Frieden.  Für  das  Haus  Gottes  soll  der  König 
Eifer  zeigen  und  die  Schäden  der  Kirche,  wenn  sich  solche 
finden,  verbessern."*)   Milde  und  Berathschlagung  werden  dann 


druckten  Worte  können  in  diesem  Zusammenhang  allein  auf  einen  König 
passen,  der  noch  nicht  alt  ist. 

1)  S.  darüber  weiter  unten. 

2)  S.  die  Tita  Hludovici  von  dem  Astronomen,  c.  4.  —  An  Ludwig 
haben  auch  schon  andre  wie  der  erste  Herausgeber  d'Achery  gedacht,  aber, 
wie  es  scheint,  nur  an  ihn  als  Kaiser.  Dass  an  Karl  den  Grossen  nicht 
gedacht  werden  kann,  wie  dies  noch  von  Haureau  geschieht,  wird  sich 
wohl  von  selbst  aus  meiner  obigen  Darlegung  ergeben. 

3)  Si  quid  forte  penersum  in  Ecclesia  videris  Christi,  satage  corrigere 
et  emendare  non  cesses  c.  IS. 


112  Smaragdus.    Theologische  Werke. 

noch  empfohlen.  —  Nunmehr  geht  Smaragd  (c.  21)  zur  War- 
nung vor  den  Fehlern  über.  Der  Stolz,  der  Satan  zu  Falle 
brachte,  hat  auch  hier  den  Vortritt;  Eifersucht  und  Neid  fol- 
gen: gegen  die  erstere  ist  Herzensgute,  gegen  den  andern 
brüderliche  Liebe  das  Heilmittel.  Der  König  soll  ferner  nicht 
Böses  mit  Bösem  vergelten,  den  Zorn  unterdrücken,  Schmeich- 
ler nicht  anhören,  sich  vor  Geiz  und  Habsucht  hüten.  Er  soll 
die  Kichter  anhalten,  keine  Belohnung  für  die  Gerechtigkeit 
zu  verlangen  (c.  28),  und  verhindern,  dass  in  seinem  Reiche 
Knechtschaft  stattfinde  (c.  30)');  ein  jeder  soll,  Gottes  Gebot 
gehorchend,  die  Knechte  freilassen  in  Anbetracht,  dass  sie  nicht 
die  Natur  ihm  unterwarf,  sondern  die  Schuld,  denn  wir  sind 
gleich  geschaffen.  2)  —  Nach  einer  kurzen  Recapitulation  des 
Inhalts  des  Werks  ermahnt  dann  noch  der  Verfasser  den 
König  die  Hülfe  und  den  Schutz  Gottes  sich  durch  das  Gebet 
zu  suchen.  So  schliesst  dies  Buch  mit  einer  Empfehlung  des 
Gebets,  wie  das  Diadema  mit  einer  solchen  beginnt. 

Die  rein  theologischen  Werke  des  Smaragdus  sind  ein 
sehr  umfangreicher  Commentar  zu  den  sonntäglichen  Episteln 
und  Evangelien,  welchen  er  im  Vorwort  Liber  comitis,  wohl  als 
Begleiter  des  Priesters,  nennt,  eine  Compilation  aus  sehr  ver- 
schiedenen Kirchenvätern  mit  besonderer  Berücksichtigung  der 
allegorischen  Erklärung,  und  ein  Commentar  zur  Regel  des 
heil.  Benedict,  welchen  in  Veranlassung  der  Klosterreform  der 
Achener  Synode  v.  J.  817  Smaragd  verfasste.  Beide  Werke 
sind  mit  einem  metrischen  Prooemium  geschmückt,  das  des 
ersteren  in  Hexametern,  das  andre  in  Distichen.  Auch  eine 
Hymne  des  Smaragd  auf  Christus  in  trochäischen  catal.  Te- 
trametern, die  aber,  wie  der  öfter  eintretende  Reim  lehrt,  in 
Kurzzeilen  aufgelöst,  Strophen  von  sechs  Versen  bilden,  hat 
sich  erhalten.-^) 


1)  Prohibe  ergo,  clementissime  rex,  ne  in  regno  tue  captivitas  fiat. 

2)  Vere  obedire  debet  homo  Deo  et  eins  praeceptis,  in  quantum  ille 
possibilitatem  dederit,  obedire:  et  inter  alia  praecepta  salutaria  et  opera 
recta,  propter  nimiam  illius  charitatem  unusquisque  liberos  debet  dimittere 
servos,  considerans  quia  non  illi  eos  natura  siibegit,  sed  culpa;  conditione 
enim  aequaliter  creati  sumus.  —  Kurz  darauf  heisst  es,  der  König  solle 
Gott  ehren,  „indem  er  aus  den  Knechten  Freie  mache"  (ex  illis  —  sc.  ser- 
vis  —  liberos  faciendo). 

3)  Erschienen  in  Hagens  Carmina  medii  aevi  p.  93  ft'. 


Fünftes  Blich. 

Die  lateinische  Literatiu'  Yom  Tode  Karls  des  Grossen 
bis  zum  Tode  Karls  des  Kalilen. 


Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  II. 


EINLEITUNG. 


Mit  dem  Tode  Karls  des  Grossen  tritt  zwar  kein  plötz- 
licher Verfall  der  literarischen  Kultur  ein,  obgleich  über  ein 
Sinken  der  Studien  und  eine  Geringschätzung  derselben  schon 
bald  Klagen  laut  werden'):  aber  es  ist  keine  Frage,  wichtige 
Einflüsse,  die  ihren  Aufschwung  begünstigt  hatten,  hörten  jetzt 
auf,  und  dagegen  machten  sich  manche  nachtheilige  Einwir- 
kungen geltend. 

Karls  Nachfolger,  Ludwig  der  Fromme  hatte  alle  die  ge- 
lehrte Bildung  erhalten,  die  sein  Vater  einst  selbst  zu  besitzen 
wünschte.  Er  hatte  das  Lateinische  sich  gleich  seiner  Mutter- 
sprache angeeignet,  was  sein  früher  und  langer  Aufenthalt  in 
einem  so  romanisirten  Lande  wie  Aquitauien,  dessen  König  er 


1 )  So  von  W  a  1  a  h  f  r  i  d  in  seinem  Vorwort  zu  Einhards  Vita  Caroli,  wenn 
er  seine  Zeit  mit  der  Karls  des  Grossen  vergleichend  sagt:  Nunc  vero, 
relabentibus  in  contraria  studiis,  lumen  sapientiae,  quod  miims  diligitur, 
rarescit  in  plurimis;  so  von  Lupus  in  einem  Briefe  an  Einhard  (ep.  I),  der 
unter  anderm  bemerkt:  Nunc  oneri  sunt  qui  aKquid  discere  afiectant,  et 
velut  in  edito  sitos  loco  studiosos  quosque  imperiti  vulgo  aspectantes,  si 
quid  in  eis  culpae  deprehenderint,  id  non  humano  vitio,  sf  d  quaKtati  disci- 
pUnarum  assignant.  EndUch  von  Claudius  in  seinem  Commentar  zu  dem 
Brief  an  die  Epheser  (817),  Praef. :  Cum  nostris  temporibus  tepescentibus 
studiis  rarus  quisque  inveniatur  quotidiana  intentione  promptissimus  non 
solum  ad  cUsserendiun  quae  indiscussa  sunt,  sed  etiam  ad  legendum  quae 
iam  a  maioribus  disserta  sunt.  Alle  diese  in  mancher  Beziehung  recht 
lehn-eichen  subjectiven  Auslassungen  sind  nur  mit  grosser  Einschränkung 
aufzunehmen. 

8* 


116  Einleitung 

schon  als  Kiud  geworden  war,  noch  sehr  begünstigen  musste; 
er  hatte  sich  dort  selbst  romanisirt:  zum  Theil  wenigstens 
mag  sich  auch  daher  seine  Abneigung  gegen  die  vaterländische 
Dichtung  der  heidnischen  Vorfahren  erklären;  ja  Ludwig 
scheint  es  selbst  bis  zur  höchsten  Frucht  des  grammatischen 
Unterrichts  damals,  der  lateinischen  Versification  gebracht  zu 
haben.')  Auch  griechisch  verstand  er,  wenn  er  es  auch  nicht 
gut  reden  konnte.  Zur  Astronomie  hatte  er  eine  Neigung  vom 
Vater  geerbt,  wie  wir  genauer  von  einem  seiner  Biographen 
wissen,  dem  sogen.  Astronomen,  welcher  selbst  ihn  in  dieser 
Wissenschaft  berieth.  Aber  seine  Vorliebe  gehörte  der  Theo- 
logie, der  Schriftauslegung  in  der  herkömmlichen  dreifachen 
Weise,  auf  welche  er  sich  nach  Thegan  vortrefflich  verstand; 
mit  Bibellesung  und  Psalmodie  pflegte  er  sich  auch  eifrig  zu 
beschäftigen.  Die  Hofschule  bestand  auch  fort  unter  der  Lei- 
tung des  gelehrten  Iren  Clemens,  der  vielleicht  schon  unter 
Karl  dem  Grossen  Alcuins  Nachfolger  geworden  war,  ja  sie 
erfreute  sich,  wie  ihr  Magister  selbst,  in  Bezug  auf  die  Gram- 
matik eines  besonderen  Ansehens'-);  aber  von  einem  ästhetisch- 
gelehrten Hof  kreis,  wie  ihn  Karl  der  Grosse  um  sich  zu  ver- 
sammeln liebte,  war  nicht  mehr  die  Rede.  Dafür  gefiel  es 
Ludwig  mit  Mönchen  Umgang  zu  pflegen:  den  berühmten  Abt 
von  Aniane,  den  Reformator  der  Klöster  damals,  Benedict  zog 
er  in  seine  nächste  Umgebung,  indem  er  ihm  in  einer  Lich- 
tung des  königlichen  Forstes  bei  Achen  das  Kloster  luden 
erbaute.  Hier,  in  unmittelbarer  Nähe  der  Residenz,  welchen 
Namen  Achen  jetzt  noch  mehr  als  früher  verdient,  konnte  nun 
Ludwig  sich  allen  seinen  Passionen  zugleich  hingeben.  Denn 
neben  seiner  Schwärmerei  für  das  Klosterwesen,  welche  ihm 
bei  manchen  Zeitgenossen  den  Beinamen  „  der  Mönch "  eintrug, 
konnte  er  hier  seiner  Leidenschaft  für  die  Jagd  fröhneu.  Er 
war  gleichsam  ein  „Jäger  vor  dem  Herrn".  Denn  Ludwig" war 
kein  blosser  Kopfhänger:  wie  er  von  kräftigem  Körperbau  war, 
so  war  er  auch  im  Waffenwerk  sehr  geübt  und  namentlich  ein 
vortrefflicher  Schütze.  . 


1)  S.  Dümmler  im  Archiv  f.  Kunde  Österreich.  Geschichtsq.  Bd.  22,  S.  289 
No.  14  ein  Ludwig  beigelegtes  Gedicht;  es  ist  unbedeutend  genug:  es 
könnte  sonst  auch  von  einem  Andern  im  Namen  des  Königs  verfasst 
worden  sein. 

2)  Vgl.  Simson,  Jahrb.  d.  fränk.  Reichs  II,  S.  256,  258. 


zum  fünften  Buch.  117 

Hatte  Ludwig  also  auch  weltliche  Neigungen,  wie  er  ja 
auch  kein  Verächter  der  Fraueuliebe  war,  so  hörte  doch  die 
Begünstigung  der  schönen  Literatur  durch  den  Kaiser  nach 
Karls  Tode  auf,  und  damit  die  so  wichtige  Verbreitung  des 
Sinns  für  dieselbe  unter  den  Laien,  zunächst  den  Vornehmen, 
die  es  für  eine  Ehre  gehalten  hatten,  auch  darin  dem  grossen 
Kaiser  nachzustreben;  und  hierdurch  hatte  ja  die  Literatur 
schon  zum  guten  Theil  einen  weltlichen  Charakter  angenommen. 
Dazu  war  freilich  der  Eindruck  der  gewaltigen  Persönlichkeit 
Karls  gekommen,  dessen  wunderbare  Thaten  die  vieler  Hei- 
ligen in  Schatten  stellten :  der  neue  Kaiser  war  kein  Held  wie 
sein  Vater,  weder  seine  Individualität,  noch  seine  Handlungen 
konnten  zur  Dichtimg  begeistern ;  wo  er  besungen  ist,  geschah 
dies  aus  bestimmten  egoistischen  Absichten.  Im  vollen  Gegen- 
satz zu  Karl  war  Ludwig  ein  schwacher  Charakter;  ohne 
Scharfsinn  des  Urtheils  über  Menschen  und  Dinge,  war  er  ab- 
hängig von  seiner  Umgebung,  deren  Rath  ihn  bestimmte,  deren 
Leitung  er  um  so  mehr  sich  hingab,  als  er  in  dem  Bewusst- 
sein  der  ihm  für  den  Herrscherberuf  mangelnden  Befähigung 
die  Staatsgeschäfte  gern  andern  überliess.  Sein  klerikaler 
Sinn  Hess  ihn  in  Augenblicken  der  Noth  seine  Herrscherwürde 
ganz  vergessen,  wie  die  Demüthigung  zu  Compiegne  zeigte, 
wo  er  zu  einer  öffentlichen  Kirchenbusse  von  seinen  Feinden 
sich  nöthigen  Hess,  obgleich  er  freilich  immer  noch  Ehrgeiz 
genug  besass,  um  den  Zumuthungen  derselben  in  den  Mönchs- 
stand einzutreten,  zu  widerstehen.  Die  unkluge  Theilung  des 
Reichs  817  unter  seine  Söhne  und  die  Erhebung  Lothars  zum 
Mitkaiser,  sowie  die  noch  unklugere  zweite  Heirath,  welche 
nach  der  Geburt  eines  vierten  Sohnes  (823)  zu  einer  neuen 
Theilung,  um  auch  diesen  zu  bedenken,  führte,  hatten  die 
Empörung  der  älteren  Söhne  gegen  den  Vater  und  die  auch 
nach  Ludwigs  Tode  (840)  so  lange  fortdauernden,  weil  so  oft 
sich  erneuernden,  Bürgerkriege  zur  Folge.  So  konnten  die 
Thaten  des  Kaisers  Ludwig  nur  zu  Klageliedern  auffordern. 

Zeigen  auch  die  Söhne  Ludwigs  noch  eine  gleiche  ge- 
lehrte Bildung  als  ihr  Vater,  so  herrscht  doch  auch  bei  ihnen 
—  von  Pippin  vielleicht  abgesehen,  der  aber  schon  vor  dem 
Vater  starb  —  in  ihren  literarischen  Interessen  die  theologische 
Richtung  wenigstens  vor.  So  hat  zw^ar  dem  Lothar  in  jünge- 
ren Jahren  sein  Lehrer  Clemens   ein  grammatisches  Buch  ge- 


118  Einleitung 

widmet,  aber  auf  seineu  ausdrücklichen  Wunsch  sind  nur 
theologische  Werke,  namentlich  allegorische  Erklärungen  der 
Bibel,  verfasst  worden,  wie  denn  vor  allen  Raban  solche 
Bücher  für  ihn  geschrieben  hat,  wie  wir  weiter  unten  sehen 
werden.  Ludwig  der  Deutsche,  mit  dem  Raban  in  noch 
mannichfaltigerer  literarischer  Beziehung  steht,  hat,  obgleich 
auch  er  von  theologischem  Interesse  ausgeht,  doch  schon  eine 
universellere  Richtung.  Die  allegorische  Schriftauslegung  lag 
ihm  allerdings  auch  zunächst  am  Herzen,  aber  er  verlangte 
doch  auch  das  grosse  encyclopädische  Werk  Rabans  zu  be- 
sitzen, wenn  auch  dieses  zugleich  demselben  Zwecke  diente. 
Wichtiger  ist,  dass  Ludwig  auch  der  Dichtung  in  seiner  Mutter- 
sprache, obschon  nur  der  geistlichen,  seine  Theilnahme  schenkte. 
Bei  Karl  dem  Kahlen  aber,  dem  Sohn  der  geistvollen  Judith, 
dem  Schüler  Walahfrids,  nehmen  die  theologischen  Studien 
schon  eine  speculative  Wendung:  nicht  bloss  interessirten  ihn 
die  wichtigsten  dogmatischen  Fragen,  über  welche  er  mit  sel- 
tener Toleranz  die  entgegengesetztesten  Ansichten  anhörte,  son- 
dern er  stellte  auch  den  bedeutendsten  Philosophen  des  früheren 
Mittelalters,  den  Johannes  Scotus  Erigena  an  die  Spitze  seiner 
Hofschule  und  trat  mit  ihm  in  ein  sehr  freundschaftliches  Ver- 
hältuiss.  Einer  der  Lobredner  Karls,  Heiric  (dessen  Dichtung 
wir  später  genauer  betrachten)  rühmt  von  ihm,  dass  er  aus- 
gezeichnete Meister  der  Wissenschaft,  wo  sie  nur  sich  fanden, 
und  selbst  aus  Griechenland  berief;  aus  L'land  aber  wären, 
dem  Meere  zum  Trotz,  die  „Philosophen"  in  hellen  Haufen 
eingewandert,  dem  weisen  Salomo  zu  dienen.  So  würde  seine 
Pfalz  mit  Recht  eine  Schule  genannt,  i) 


1)  So  sagt  Heiric  u.  a.  in  dem  Widmungsschreiben  seiner  Vita  S.  Ger- 
mani  zu  Karl  dem  Kahlen  selbst :  —  ^  id  vobis  singulare  Studium  effecistis, 
ut  sicubi  teri'arum  magistri  florerent  artium,  quarum  principalem  operam 
philosophia  poUicetur,  hos  ad  publicam  eruditionem  undecunque  vestra 
celsitudo  conduceret.  comitas  attraheret,  dapsilitas  provocaret.  Luget  hoc 
Graecia,  novis  invidiae  aculeis  lacessita,  quam  sui  quondam  incolae  iam 
dudum  cum  Asianis  opibus  aspernantur,  vestra  potius  magnanimitate  de- 
lectati,  studiis  allecti,  liberalitate  confisi :  dolet,  inquam,  se  olim  singulariter 
mirabüem  ac  mirabiliter  singularem  a  suis  destitui,  dolet  cei-te  sua  illa 
privilegia  (quod  numquam  hactenus  verita  est)  ad  climata  nostra  transferri. 
Quid  Hiberniam  memorem,  contempto  pelagi  discrimine,  pene  totam  cum 
grege  philosophorum  ad  littora  nostra  migi'antem  etc. 


zum  fünften  Buch.  119 

Dagegen  trugen  die  grammatischen  Studien  in  Westfraneien 
keine  ebenso  bedeutenden  Früchte  als  in  Deutschland.  Hier 
hatte  zwar  auch  die  Hofschule  nicht  aufgehört,  aber  sie  hatte 
nicht  mehr  die  allgemeine  wissenschaftliche  Bedeutung,  selbst 
wenn  auch  zeitweilig  daran  ein  berühmter  Gelehrter  wie  der 
Erzcapellan  Grimald  wirkte.  In  Deutschland  wie  in  Lothringen 
knüpfte  sich  vielmehr  die  literarische  Kultur  durchaus  an  die 
Klosterschule,  deren  Pflege  im  ganzen  Reiche  schon  durch  die 
Reform  des  Mönchwesens  auf  Grund  der  ausschliesslichen 
Herrschaft  der  Regel  Benedicts,  wie  sie  Ludwig  der  Fromme 
auf  dem  Reichstage  zu  Achen  817  veranlasste,  gefördert  werden 
musste.  Damals  wurde  unter  anderm  in  einem  diese  Regel 
ergänzenden  Capitulare  bestimmt,  dass  nur  die  Schüler,  welche 
zum  Mönchsstand  bestimmt  waren,  in  dem  Kloster  selbst  unter- 
richtet würden  0;  so  mussten  also  die,  welche  Weltgeistliche 
werden  oder  Laien  bleiben  wollten,  von  den  andern  getrennt 
ausserhalb  des  eigentlichen  Klosters  den  Unterricht  empfangen: 
so  unterschied  man  denn  seitdem  scholae  internae  und  externae. 
Aber  nur  einzelne  Klosterschulen  gelangten,  dank  besonders 
ausgezeichneten  Lehrern,  zu  wahrer  Blüthe,  und  sie  finden 
sich  vornehmlich  auf  deutschem  Gebiet.  In  diesen  aber 
werden  die  grammatischen  Studien,  zumal  in  der  ersten  Zeit, 
erfolgreicher  als  in  Frankreich  betrieben. 

Die  Bürgerkriege  mussten  selbstverständlich  auf  die  Pflege 
der  literarischen  Bildung  ungünstig  einwirken,  und  um  so 
mehr  bei  der  so  lebhaften  Betheiliguug  der  hohen  Geistlich- 
keit, der  Bischöfe  wie  Aebte,  an  denselben,  sowohl  mit 
dem  Wort  als  mit  dem  Schwert.  Aber  diese  Kriege  hatten 
wenigstens  in  ihrem  Endresultat  den  Nutzen,  das  deutsche  und 
das  romanische  Volkselement  zum  grössten  Theil  definitiv  zu 
scheiden  und  in  selbständigen  Staaten  zu  constituiren ;  zu 
gleicher  Zeit  lässt  sich  aber  auch  schon  in  Betreff  der  lite- 
rarischen Thätigkeit  der  Hauptunterschied  zwischen  dem  ost- 
und  westfränkischen  Reiche  nicht  verkennen:  in  Deutschland 
herrschen  die  grammatischen  und  allgemein  wissenschaftlichen 
Studien  und  auf  dem  Felde  der  Theologie  die  Bibelerklärung 
vor,  und  so  findet  sich  hier  im  Anschluss  an  die  ersteren  auch 


1)  Capitula  IMonachor.  c.  45:    Ut  scola  in  monasterio  non  habeatur 
nisi  eorum  qui  oblati  sunt.    Monum.  German.  histor.  Leges  I,  p.  202. 


120  Raban. 


noch  eine  reichere  poetische  Thätigkeit,  während  dagegen  in 
Frankreich  Dogmatik  und  Philosophie  dominiren,  so  dass  sich 
dieses  Land  schon  vorbereitet  die  Hauptstätte  der  mittelalter- 
lichen Speculation  zu  werden.  0 


ERSTES  KAPITEL. 


RABAN. 


Die  älteste  und  zunächst  bedeutendste  der  deutschen  Klo- 
sterschulen ist  die  von  Fulda,  an  welcher  derjenige  Schüler 
Alcuins  wirkte,  der  die  Wissenschaft  und  die  Lehrthätigkeit 
seines  Meisters  am  erfolgreichsten  überliefert  und  fortgesetzt 
hat;  es  ist  der  deutsche  Hraban,  der  seinen  Namen  lateinisch 
Rabanus  nannte.  In  ihm,  dem  ersten  Praeceptor  Germaniae, 
wie  man  ihn  später  wohl  betitelt  hat,  zeigt  sich  sogleich  die 
wissenschaftliche  Universalität,  die  den  deutschen  Genius  aus- 
zeichnet, sowie  die  grosse  receptive  Anlage  desselben  und  der 
ausdauernde  Fleiss  des  deutschen  Gelehrten,  welche  beiden 
Eigenschaften  jene  Universalität  ja  zur  Voraussetzung  hat.  Er 
hat  den  gröbsten  Einfluss  auf  die  Pflege  der  literarischen  Bil- 
dung in  Deutschland  gehabt. 

Raban-),  wie  es  scheint  von  angesehenem  Geschlechte, 
stammte  aus  Mainz,   weshalb   er   sich  wohl  Magnentius^)  bei- 


1)  S.  über  die  Geschichte,  namentlich  auch  Kulturgeschichte  dieser 
Periode  im  allgemeinen :  Simson,  Jahrbücher  des  fränkischen  Reichs  unter 
Ludwig  dem  Frommen.  2  Bde.  Leipzig  1874 — 76.  —  Dümmler,  Geschichte 
des  ostfränkischen  Reichs.    2  Bde.  Leipzig  1862—65. 

2)  Rabani  Mauri  Opera  omnia  iuxta  edit.  Colvenerii  anno  1617  Coloniae 

datam expurgatam  etc.  accur.  Migne.  Paris  1851 — 52.  6  Tom.  (Patrol. 

lat.  Tom.  107 — 112). Kunstmann,  Hrabanus  Magnentius  Maurus,  eine 

histor.  Monographie.  Mainz  1841.  —  Böhmer,  Regesten  zur  Geschichte  der 
Mainzer  Erzbischöfe  bearbeitet  von  Will.  Frankfuio  1877.  4"  S.  XIX  ff.  u. 
S.  64  ff.  —  Bach ,  Hrabanus  Maurus  der  Schöpfer  des  deutschen  Schul- 
wesens. Progr.  Fulda  1835.  4°.  —  Köhler,  Hrabanus  Maurus  und  die 
Schule  zu  Fulda.  Leipz.  Dissert.  1870.  —  Dümmler,  N.  A.  S.  286  ff. 

3)  So  in  der  in  Distichen  verfassten  Praefatio  der  Dichtung  über  das 
heil.  Kreuz,  wo  sein  voller  Name  durch  Hervorhebung  gewisser  Buchstaben 
an  bestimmten  Stellen  des  Gedichts  ausgedrückt  ist,  daher  jeder  Buch- 


Leben.  121 

genannt  hat,  und  war  dort  gegen  das  Jahr  776., geboren.  Als 
Knabe  kam  er  in  das  Kloster  Fulda  unter  Baugulf,  der  von 
780 — 802  dort  Abt  war.  Hier  empfing  er  seine  erste  gelehrte 
Bildung,  denn  schon  zu  Sturms  Zeit  wurde  dort  die  Wissen- 
schaft gepflegt'),  wenn  auch  die  Gründung  des  Klosters  keine 
solche  Tendenz  gehabt  hatte.  Schon  801  wurde  Raban  Diacon. 
Von  dem  Nachfolger  Baugulfs  Ratgar  wurde  er  zugleich  mit 
Hatto  in  Alcuius  Schule  nach  Tours  gesandt,  in  welcher  er 
schon  einmal  früher  gewesen  sein  muss.^)  Dort  hatte  er  zum 
Mitschüler  auch  den  älterea  Samuel,  späteren  Bischof  von 
Worms,  mit  welchem  er  ebenso  innig  befreundet  wurde,  als 
mit  Hatto,  genannt  Bonosus.  Letzterer,  der  sich  auch  als 
Maler  auszeichnete ,  wurde  später  Rabans  Nachfolger  als  Abt 
von  Fulda.  Die  Schule  Alcuins  wurde  für  Raban  von  der 
grössten  Bedeutung.  Ausser  der  Theologie  d.  i.  der  Bibel- 
erklärung, studirte  er  bei  ihm  die  „freien  Künste",  und  war 
wohl  gerade  deswegen  besonders  von  Ratgar  nach  Tours  ge- 
sandt, wie  auch  die  alte  Ueberlieferung,  ein  Katalog  der  Aebte 
von  Fulda,  ausdrücklich  besagt. 3)  Raban  selbst  erwähnt  in 
seinem  Werk  De  simcta  crt/ce^),  einer  Frucht  dieser  Studien, 
den    von  Alcuin    empfangenen   Unterricht    in    der  Ethik,    der 


Stabe  gesichert;  er  lautet  da:  Magnentius  Hrabanus  Maurus.  —  Magnen- 
tius  ist  meines  Erachtens  von  ahd.  Magenze  herzuleiten  (keineswegs  eine 
Corruption  von  Moguntinus),  indem  Kaban  vielleicht  das  lat.  gn  wie  im  Ita- 
lienischen und  Französischen  aussprach,  das  g  von  Magenze  aber  wie  j, 
und  sich  so  die  Schreibung  mit  gn  erklärt.  Die  Annahme  Kunstmanns 
S.  12  f.,  dass  Kaban  aus  der  Familie  des  Kaisers  Magnentius  gewesen,  er- 
scheint mir  wunderlich.  —  Dass  Raban  aber  zu  Mainz  geboren,  ei'gibt 
sich  aus  seinem  von  ihm  selbst  verfassten  Epitaph. 

1)  So  wurde  schon  damals  Eigil  dem  Kloster  causa  litte  rar  um  über- 
geben, wie  sein  Biograph  Candidus  erzählt  (Yita  Eig.  c.  3).  Vgl.  auch 
oben  S.  104. 

2)  S.  meine  kleinen  Beiträge  zur  karoling.  Literatur  2,  in  den  Sitzungs- 
ber.  der  k.  sächs.  GeseUsch.  d.  Wiss.  1878,  S.  98  ff.  u.  vgl.  oben  S.  81  f. 

3)  Tertius  abbas  Ratgar Hrabanum  et  Hatton  Turonis  direxit 

ad  Albinum  magistrum  liberales  discendi  gratia  artes.  S.  Schannat, 
Historia  Fuldensis.    Frankfurt  1729.  Cod.  probat,  p.  1. 

4)  Und  zwar  in  der  Intercessio  Albini  (s.  darüber  weiter  unten).  Alcuin 
sagt  dort  zum  heil.  Martin  von  Raban: 

Hunc  puerum  docui  divini  faniine  verbi, 
Ethicae  monitis  et  sophiae  studüs. 


122  Raban. 

Sophia  überhaupt  und  was  von  vorzüg-lichem  Interesse  ist,  in 
der  Metrik.  Alcuin  gewann  ihn  besonders  lieb  und  gab  ihm 
deshalb  den  Beinamen  M  a  u  r  u  s  —  den  Raban  als  Schriftsteller 
auch  ohne  weiteren  Zusatz  geführt  hat  —  nach  einem  Lieb- 
lingsschüler des  heil.  Benedict,  von  dem  Gregor  sagt'),  dass 
er,  durch  gute  Sitten  ausgezeichnet,  ein  Gehülfe  seines  Ma- 
gister zu  sein  begann.-) 

Nach  der  Rückkehr  von  Tours  wurde  Raban  Lehrer  in 
Fulda,  in  welchem  Beruf  Alcuin,  mit  dem  er  brieflich  in  Ver- 
bindung blieb,  sein  Vorbild  war.  Das  Kloster  besass  bereits, 
namentlich  durch  verschiedene  grössere  Schenkungen,  ansehn- 
liche literarische  Hülfsmittel,  welche  Raban  noch  wesentlich 
vermehrte ;  es  hatte  auch  einen  besonderen  Bibliothekar.  Unter 
dem  Abte  Ratgar,  der  mit  der  Zeit  seiner  Leidenschaft  zu 
bauen  alles  aufopferte,  und  seine  Mönche  fast  nur  zu  Maurern 
machte,  musste  auch  die  Schule  leiden.  Viel  günstiger  wurde 
jedenfalls  die  Lage  derselben  und  ihres  Magister,  als  nach 
Ratgars  Entfernung  817  Eigil  Abt  wurde,  der  Biograph  Sturms^), 
ein  wahrhaft  gebildeter  Mann,  mit  dem  Raban  im  freundschaft- 
lichsten Verkehr  stand,  schon  lange  ihm  vor  vielen  herzlich 
zugethan.  Eigil  liebte  es,  mit  Raban  auch  eine  gelehrte 
Unterhaltung  zu  führen.  Um  so  weniger  nimmt  es  uns  Wunder, 
dass  nach  seinem  Tode  822  Raban,  der  seit  sechs  Jahren 
Presbyter  war,  sein  Nachfolger  wurde. 

Wenn  er  jetzt  auch  das  eigentliche  Magisterium  nicht  mehr 
behalten  konnte,  so  wirkte  er  trotzdem  noch  als  Lehrer  fort; 
ja  er  hat  gerade  als  Abt  seine  bedeutendsten  Schüler,  einen 
Lupus,  einen  Walahfrid  und  Otfrid,  ausgebildet.  Raban  führte 
am  liebsten  das  Leben  eines  Gelehrten.     So  widmete  er  auch 


Und  später: 

Abbas  namque  suus,  Fuldensis  rector  ovilis, 

lUum  huc  direxit  ad  tua  tecta,  pater, 
Quo  mecum  legeret  metri  scholasticus  artem, 

Scripturam  et  sacram  rite  pararet  ovans. 

1)  Dialog.  II,  c.  3. 

2)  VielleicM  hat  auch  Alcuin  ihm  zugleich  mit  Samuel  eine  heute  ver- 
lorene Schrift  De  bencdicüone  itatriarcharum  gewidmet,  wenn  der  Brief 
Alcuins,  worin  ihrer  gedacht  wird  (bei  Jafte  No.  291),  an  Raban  gerichtet 
ist,  was  gar  nicht  unwahrscheinlich. 

3)  S.  oben  S.  104  ff. 


Leben.  123 

jetzt  alle  seine  Mussestuudeu  dem  Unterricht  und  dem  eigenen 
Studium.^)  Auch  an  der  Politik  nahm  er  nicht  gern  Autheil, 
wie  dies  damals  bei  der  höheren  Geistlichkeit  so  gewöhnlich 
war,  was  er  ausdrücklich  tadelt.-)  Freilich  konnte  er  in  seiner 
Stellung  doch  darum  nicht  der  Parteinahme  während  der 
Bürgerkriege  sich  entziehen.  So  lange  Ludwig  der  Fromme 
lebte,  stand  er  auf  seiner  Seite,  denn  in  den  Conflicten  des- 
selben mit  seinen  Söhnen  war  für  Rabaus  Parteistellung  schon 
die  Pflicht  des  kindlichen  Gehorsams,  die  er  nachdrucksvoll 
geltend  machte,  massgebend.  Aber  auch  das  legitime  Princip 
der  Reichseinheit  wirkte  wohl  dabei  mit.  So  blieb  Raban  auch 
nach  Ludwig  des  Frommen  Tode  gut  kaiserlich,  und  um  so 
mehr,  als  er  mit  Lothar  persönlich  befreundet  war.  Aber  nicht 
lange  danach,  im  Frühjahr  842,  entsagte  Raban  freiwillig  der 
Abtswürde.  Nicht  bloss  bewog  ihn  dazu,  wie  Dümmler  sagt^), 
die  Missstimmung  über  den  seinen  Wünschen  entgegengesetzten 
Gang  der  politischen  Ereignisse,  das  Unterliegen  des  Kaisers 
nämlich,  sondern  es  bestimmte  ihn  gewiss  auch  der  "Wunsch, 
der  seinen  Neigungen  so  wenig  zusagenden  weltlich  prak- 
tischen Thätigkeit,  der  Last  der  Administration  eines  so  reichen 
und  mächtigen  Klosters  sich  zu  entledigen^),  die  zu  vernach- 
lässigen seine  •  Gewissenhaftigkeit  ihm  nicht  erlaubt  hätte. 
Ueberdies  folgte  er  bei  seiner  Abdankung  nur  dem  Beispiel 
eines  sehr  tüchtigen  Vorgängers,  des  gelehrten  Baugulf. 

Während  Raban  nun  seinem  Freunde  Hatto  die  Abtswürde 
überliess,  zog  er  sich  selbst  auf  den  Petersberg  bei  Fulda,  wo 
er  eine  schöne  Kirche  gebaut  hatte,  zurück,  um  sich  jetzt  ganz 
seinen  Studien  und  seiner  Schriftstellerei  zu  widmen.  Damals 
war  es,  wo  er  sein  grosses  encvclopädisches  Werk  De  universo 


1)  Wie   sein  Schüler  Rudolf  in  der  sogen.  Tita   des  Raban  berichtet, 
c.  5 :  Huic  itaque  monasterio  quintus  a  beato  Bonifatio  praefuit  in  regimine 

Rabanus  abbas Quotiescunque  a   curis   saecularibus  (quas,  prout 

possibüe  erat,  toto  nisu  decUnabat)  liber  esse  permittebatur ,  aut  aKos 
sacris  litteris  instruebat,  aut  in  legendo  vel  dictando  divinis  scripturis 
semet  ipsum  pascebat. 

2)  S.  die  Praefatio  des  Wei'kes  De  universo  ad  Haimonem. 

3)  Gesch.  d.  ostfränk.  Reichs  I,  S.  301,   die  auch  beim  Folgenden  zu 
vergleichen  ist. 

4)  Wie  Lupus  ep.  40  und  Rudolf  a.  a.  0.  c.  50  annehmen;  vgl.  auch 
oben  Anm.  1  die  Parenthese. 


124  Raban. 

verfasste.  Mit  Ludwig  dem  Deutschen,  dessen  politischer 
Gegner  er  als  Abt  gewesen,  fand  in  Folge  einer  von  dem 
Könige  gesuchten  Zusammenkunft  eine  volle  Aussöhnung  statt. 
Um  so  sicherer  erhielt  Kaban  nach  seines  Freundes  Otgar 
Tod  847,  vom  Volk  wie  vom  Klerus  gewählt,  den  erzbischöf- 
lichen Stuhl  von  Mainz.  Obgleich  er  wider  seinen  Wunsch 
dem  gelehrten  Stillleben  entrissen  wurde,  so  entfaltete  er  doch 
als  Erzbischof  eine  bedeutende  Wirksamkeit,  welche  durch  das 
grosse  Ansehn,  das  er  als  Gelehrter  genoss,  ihm  nicht  wenig 
erleichtert  werden  musste.  Noch  in  demselben  Jahre  fand 
unter  seinem  Vorsitz  eine  Synode  in  Mainz  statt,  welche  sich 
bemühte,  die  für  Recht  und  Sitte  so  nachtheiligen  Folgen  der 
Bürgerkriege  zu  heilen.  Näher  berührt  uns  hier  die  im  Jahre 
darauf  ebendort  in  Verbindung  mit  einem  Reichstag  gehal- 
tene Synode,  denn  auf  ihr  wurde  unter  dem  entschiedenen 
Einfluss  Rabans  Gottschalk  und  die  von  ihm  mit  all  der 
Hartnäckigkeit  und  Ueberzeugungstreue  eines  deutschen  Ge- 
lehrten und  Theologen  verfochtene  Augustinische  Prädesti- 
nationslehre verurtheilt.  Denn  Gottschalk  hatte  in  der  That 
vollkommen  Recht  sie  also  zu  bezeichnen,  nur  zog  er  streng 
und  hart  mindestens  d  i  e  Consequenzen  der  Lehre,  welche  eine 
systematische  Entwickelung  derselben  verlangte,-  indem  er  eine 
doppelte  Prädestination  der  Bösen  wie  der  Guten  behauptete. 
Raban  vertrat  dagegen  die  in  der  fränkischen  Kirche  her- 
kömmliche Ansicht,  welche  die  Augustinische  Lehre  modi- 
ficirend  abschwächte,  i) 

Raban  war  ein  persönlicher  Gegner  Gottschalks,  denn 
dieser  war  sein  Schüler  in  dem  Kloster  Fulda  gewesen,  wo 
er,  ein  Sachse  aus  vornehmer  Familie,  als  puer  oblatus  auf- 
genommen worden  war.  Gottschalk,  dessen  unruhiger  und 
selbständiger  Geist  in  dem  fränkischen  Kloster  sich  gefesselt 
fühlte,  entfloh  demselben,  und  verlangte  auch  von  einer  Synode 
zu  Mainz  829  die  Lösung  seines  Gelübdes,  aber  auf  Rabans 
Appellation  wurde  die  Entscheidung  der  Synode  wieder  auf- 
gehoben und  Gottschalk  in  das  Kloster  Orbais  gewiesen.  Nach- 
dem dieser  dort  seine  wissenschaftliche  Ausbildung,  vornehm- 


1)  Vgl.  Weizsäcker,  Das  Dogma  von  der  göttlichen  Vorherbestimmung 
im  neunten  Jahrhundert  in:  Jahrbücher  für  deutsche  Theologie,  Bd.  IV, 
Gotha  1859.  S.  527  ff. 


Leben.  125 

lieh  diircli  eignes  Studium  und  vor  allem  der  Werke  Augustins 
vollendet,  begab  er  sich  später  auf  Reisen,  namentlich  nach 
Oberitalien,  indem  er,  von  einer  glänzenden  Beredsamkeit 
unterstützt,  überall  für  seine  Lehre  Propaganda  machte.  Auf 
Anregung  des  Bischofs  von  Verona,  Noting,  schrieb  deshalb 
schon  S40  Raban  gegen  ihn,  und  als  er  auf  einer  zweiten  Reise 
bei  dem  hochgebildeten  Markgrafen  Eberhard  von  Friaul  eine 
gastliche  Aufnahme  gefunden,  so  trieb  ihn  S4S  Raban  durch 
einen  Brief  an  denselben  von  diesem  Hofe.  Gottschalk  blieb 
aber  auf  Rabaus  Angriffe  auch  nicht  die  Antwort  schuldig,  er 
klagte  ihn  des  Semipelagianismus  an  und  gab  allen  seinen 
Gegnern  den  Spottnamen  „Rabanici". 

Das  Verhältniss  zwischen  dem  entflohenen  Schüler  und 
seinem  alten  Lehrer,  welche  beide  dem  Charakter,  den  gei- 
stigen Anlagen,  ja  der  Abstammung  nach  nicht  bloss  von 
einander  verschieden  waren,  sondern  Gegensätze  bildeten,  war 
also  ein  sehr  erbittertes  geworden,  als  der  eine  vor  dem  Tri- 
bunal erschien,  dem  der  andere  präsidirte.  Um  so  eher  erfolgte 
Gottschalks  Yerurtheilung,  obgleich  keineswegs  einstimmig:  er 
wurde  grausam  gegeisselt,  aus  dem  ostfränkischen  Gebiet  ver- 
bannt und  zu  weiterer  Bestrafung  dem  Erzbischof  Hincmar 
von  Reims  überwiesen.  Um  Raban  aber  gerecht  zu  sein,  ist 
hinzuzufügen,  dass  das  Motiv  seiner  Strenge  insonderheit  die 
grossen  sittlichen  Gefahren  waren,  welche  die  Lehre  Gottschalks 
im  Gefolge  hatte,  wenn  sie,  wie  von  diesem  begeisterten  Reise- 
prediger geschah,  in  dem  grossen  Publikum  verbreitet  wurde. 
Eben  deshalb  unterliess  Raban  auch  später  nicht,  gegen  Gott- 
schalks Lehre  und  ihre  Verbreitung  aufzutreten,  wobei  er  aller- 
dings der  Inhumanität  gegen  den  Freidenker  selbst  sich  schul- 
dig machte.  Sonst  hat  er  gerade  als  Bischof  durch  seine 
Menschenfreundlichkeit,  seine  Unterstützung  der  Armen  und 
Bedrückten  sich  ausgezeichnet.  Während  er  also  sein  Hirtenamt 
gewissenhaft  verwaltete,  blieb  er,  ein  wahres  Muster  deutschen 
Fleisses ,  auch  als  Schriftsteller  bis  zu  seinem  Tode  mit  altem 
Eifer  thätig.     Hochbejahrt  starb  er  856. 

Raban  ist  für  die  allgemeine  Literatur  fast  allein  von 
indirecter  Bedeutung,  aber  von  einer  grossen,  natürlich  vor- 
zugsweise in  Bezug  auf  Deutschland.  Seine  literarische  Thä- 
tigkeit,  die  eine  ausserordentlich  grosse  war,  verfolgt  mit  sel- 
tener Ausnahme  praktische  Zwecke ;  meist  aus  seiner  amtlichen 


126  Raban. 

Thätigkeit  als  Lehrer,  Seelsorger,  Abt  und  Bischof  erwachsen, 
dient  sie  dieser  und  hat  vornehmlich  das  Ziel  der  intellectuellen 
und  sittlichen  Bildung  zuerst  des  Klerus,  dann  auch  des  Volkes. 
Eabau  war,  wie  Alcuin,  vor  allem  Lehrer,  dies  war  sein  eigent- 
licher Lebensberuf,  und  die  Klosterschule  hatte  ja  zunächst 
die  Aufgabe  den  Klerus  zu  bilden.  Die  meisten  seiner  Werke 
haben  dieselbe  Absicht.  Es  lassen  sich  aber  verschiedene 
Gruppen  unter  ihnen  unterscheiden.  Erstens  solche  Schriften, 
die  dem  Unterricht  unmittelbar  dienen,  Compendien,  ähn- 
lich denen  des  Alcuin  und  offenbar  nach  deren  Beispiel  ver- 
fasst.  Hierher  gehören  einmal  ein  paar  grammatische 
Arbeiten:  1)  ein  von  den  Herausgebern  Excerptio  de  arte 
grammatica  Frisciani  betiteltes  Compendium,  welches  aber  fast 
allein  der  Prosodie  und  in  einem  Anhang,  einem  zweiten  Büch- 
lein gleichsam'),  im  Anschluss  an  andre  alte  Autoren  den 
Metren  und  der  Poetik  gewidmet  ist;  vielleicht  sollte  es  eine 
Ergänzung  zu  Alcuins  Grammatik  bilden,  der  ja  die  Metrik 
als  besondere  Disciplin  betrachtete."^)  Diese  Arbeit  Kabans  ist 
literargeschichtlich  nicht  bloss  dadurch  wichtig,  dass  sie,  wie 
Bahr  bemerkt 3),  den  Priscian  in  die  deutschen  Schulen  ein- 
führte, sondern  namentlich  auch  als  Zeugniss  für  das  besondere 
Interesse  unseres  Autors  für  die  Metrik,  die  er,  wie  er  sie  bei 
Alcuin  mit  Eifer  erlernt,  sicher  auch  selbst  unterrichtet  hat, 
wohl  mit  Hülfe  dieses  „Auszugs",  und  das  ist  im  Hinblick 
auf  die  lateinische  wie  deutsche  Poesie  seiner  Schüler  von 
Bedeutung.  2)  Der  kleine  Aufsatz,  welchen  man  Be  hiventione 
Unijuarum  betitelt  hat,  dem  aber  vielmehr  der  Titel:  De  in- 
ventione  litt e raru m  d.  h.  der  Buchstaben  zu  geben  ist.  Es 
werden  hier  nämlich  die  folgenden  Alphabete  aufgeführt,  indem 
zugleich  mit  ein  paar  Zeilen  ihrer  Erfinder  gedacht  wird:  das 
hebräische,  griechische,  lateinische,  das  scythische  des  Ethicus 
und  das  der  Marcomannen  oder  Nordmannen,  „von  welchen 
die  deutsch  Redenden  abstammen",  ein  Alphabet,  dessen  sich 


1)  Es  beginnt  dieser  Anhang:  Sane  quia  in  superiore  libello  — 
—  superest  ut  ipsius  metri  vim  etc.  Ed.  Migne  T.  III  p.  6^6. 

2)  S.  oben  S.  17.  —  Ueber  dies  Compendium  Rabans  s.  Hertz  in 
der  Praef.  seiner  Ausg.  des  Priscian  (Leipzig  1855)  p.  X.  Anm.  36.  Einige 
wenige  selbständige  Zusätze  in  Citaten  aus  christlichen  Dichtern,  nament- 
lich Prudentius,  finde  ich. 

3)  Gesch.  der  röm.  Literatur  im  karoling.  Zeitalter  S.  419. 


Gramma tische  Arbeiten.    De  computo.  127 

„die  noch  in  heidnischen  Eiten  Befangenen"  zur  Aufzeichnung- 
ihrer  Lieder  und  Zaubersprüche  bedienen  —  es  sind  die  Runen. 
Dann  folgt  noch  eine  Reihe  lateinischer  Abbreviaturen  und 
Monogramme.  Dieser  Aufsatz  war  offenbar  für  den  Unterricht 
bestimmt. 

Auch  eine  Frucht  seiner  Lehrthätigkeit  wie  zugleich  seines 
Interesses  für  die  Muttersprache,  sind  Sammlungen  deutscher 
Glossen,  wie  Walahfrid  eine  über  die  Theile  des  mensch- 
lichen Körpers  nach  Rabans  Vortrag  aufgezeichnet  hat.  So 
wird  Raban  auch  eine  Bearbeitung  eines  lateinisch  -  deutschen 
Glossars  zur  Bibel  in  einer  Handschrift  des  neunten  Jahrhunderts 
beigelegt.')  Sein  deutsch -philologisches  Interesse  bekundet 
sich  ferner  recht  auffallend  in  der  etymologischen  Erklärung 
von  deutschen  Personennamen  an  einer  Stelle  wo  man  es  gar 
nicht  erwarten  sollte,  nämlich  in  manchen  seiner  Gedichte,  wo 
diese  Erklärung  mitunter  sogar  die  Pointe  bildet,  indem  die- 
selben an  die  Träger  der  Namen  gerichtet  sind.-)  Auch  in 
der  Erneuerung  des  Gebots  deutscher  Predigt  auf  der  ersten 
von  Raban  präsidirten  Synode  kann  man  ein  Zeugniss  seiner 
Liebe  zur  Muttersprache  sehen,  obgleich  dabei  auch  das  Pflicht- 
gefühl des  Oberhirten  und  der  pädagogische  Sinn  des  früheren 
Magister  sicher  mitgewirkt  haben  werden. 

Auch  unmittelbar  für  den  Unterricht  bestimmt  erscheint 
das  Buch  De  computo^  obgleich  es  auf  private  Anregung  eines 
wissensdurstigen  Mönches  Marcharius  verfasst  ist,  welcher  Ra- 
ban nur  gebeten  hatte,  ihm  einige  von  andern  aufgestellte 
Sätze  dieser  Wissenschcft  zu  corrigiren  und  dadurch  klarer  zu 
machen. 3)    Aber    der   Computus    war    schon   unter  Karl    dem 


1)  S.  Die  althochdeutschen  Glossen  gesammelt  u.  bearbeitet  von  Stein- 
meyer und  Sievers.  Bd.  I.  Berlin  1S79,  S.  3  ff. 

2)  S.  c.  13  Brumvard  und  c.  26  Isanbert;  s.  ausserdem  c.  5  Batorich  und 
c.  IT  Gerhoh ;  übrigens  finden  sich  auch  Erklärungen  von  Namen  andrer  Spra- 
chen, wie  c.  7  Praeclarus,  c.  20  Samuel.  Um  ein  Beispiel  zu  geben  c.  26  v.  5  ff". : 

Cuncta  quidem  tibimet  virtutum  insignia  condunt 

Nomen,  quo  clarus,  digTius  honore  fias: 
Ferrum  te  fortom,  darum,  virtute  decorum, 

Signant  

3)  Raban  sagt  im  Prolog:  Petebas  ergo  ut  quibusdam  de  computo 
propositionibus  earumque  minus  perfectis  responsionibus .  quas  mihi  pro- 
tuleras  nescio  a  quibus  confectas,  stylum  adhiberem  easque  tibi  lucidiores 
redderem. 


128  Raban. 

Grossen  durch  Synodalbeschluss  zu  einem  obligaten  Gegen- 
stand der  Schule  des  Klerus  gemacht,  und  das  Buch  Rabans 
ist  in  der  dialogischen  Form  der  Alcuinschen  Compendien 
verfasst,  indem  der  Schüler  fragt,  der  Lehrer  anwortet.  Wie 
der  Eingang  ausspricht,  ist  es  für  Schüler  „reiferen  Alters" 
bestimmt,  und  so  redet  denn  auch  der  Magister  den  Discipulus 
mit  Frater  an.  Doch  finden  sich  hier  zugleich  auch  die  ersten 
Elemente  behandelt.  Das  Buch  ist,  wie  alle  solche  Rabans, 
eine  Compilation,  namentlich  hat  er  aus  dem  Grund  legenden 
Werke  Beda's  De  temporum  ratlone  mitunter  selbst  seitenlange 
Auszüge  wörtlich  aufgenommen,  ausserdem  sind  Isidors  Ety- 
mologien, Boetius'  Arithmetik,  die  auch  citirt  werden,  u.  a. 
benutzt;  seinen  eigenen  Antheil  beschränkt  der  Verfasser  selbst 
im  Prolog  hauptsächlich  auf  die  „Verdeutlichung",  wie  er 
auch  in  der  Anordnung  des  Stoffes  mit  einer  gewissen  Selb- 
ständigkeit verfährt.  Indem  er  nun,  wie  er  sagt,  sich  der 
Kürze  befleissigt  und  bloss  das  Nothwendige  geben  will,  also 
manches  ferner  liegende  weglässt,  hat  er  in  der  That  ein 
Lehrbuch  verfasst,  nach  dem  leichter  zu  studiren  war  als  nach 
Beda's  Werk. 

Im  Anschluss  an  den  Computus  sei  hier  eines  Martyro- 
locjium  gedacht,  das  Raban  geschrieben  auf  den  Wunsch  des 
„Abtes"  Ratleik,  des  früheren  Notars  des  Einhard'),  der  nach 
dessen  Tode  dem  Kloster  Seligenstadt  vorstand;  so  ist  dies 
Buch  Rabans  erst  nach  dem  März  840  verfasst.  Ratleik  war, 
wie  auch  die  Zuschrift  von  ihm  zeigt,  ein  gelehrter  Mann  und 
schon  seit  839  Kanzler  Ludwigs  des  Deutschen.  2)  Später  hat 
Raban  auch  noch  dem  Erzcapellan  Grimald  durch  ein  Gedicht 
in  Distichen  das  Buch  gewidmet.  Dasselbe  basirt  auf  dem 
Grund  legenden  Werke  des  Beda,  aber  in  der  Bearbeitung,  die 
ihm  von  Florus  zu  Theil  geworden^),  indem  Raban  nur 
Zusätze  aus  andern  Quellen  hinzugefügt  und  stilistisch  manches 
geändert  hat.^) 


1)  S.  oben  S.  100.  2)  S.  über  ihn  Dümmler  a.  a.  0.  S.  868  f. 

3)  S.  Bd.  I,  S.  607  und  vgl.  weiter  unten  über  Florus  von  Lyon. 

4)  Seine  eigene  Arbeit  cbarakterisirt  Raban  selbst  in  der  Zuschrift 
mit  den  Worten :  feci  quantum  potui  et  singulis  diebus  nomina  sanctorum, 
quae  scripta  sive  notata  ab  antecessoribus  in  libellis  reperi,  ibidem  inserui; 
et  cuiuscunque  sancti  obitum  sive  martyrium,  qualiter  vitam  fiuierint,  legi, 
breviter,  prout  valui,  notavi. 


Bibelcommentare.  129 

Eine  zweite  Gruppe  bilden  die  Bibelcommentare  ßa- 
bans;  diese  Gattung  seiner  Schriftstell erei,  die  er  besonders 
emsig  gepflegt  hat,  ist  wenigstens  aus  dem  Unterricht,  seiner 
Lehrthätigkeit  erwachsen,  denn  den  ältesten  dieser  seiner 
Commentare,  den  zum  Matthäus,  hat  er  noch  zu  der  Zeit, 
wo  er  Presbyter  und  Magister  war,  abgefasst  auf  den  Wunsch 
der  Mönche,  die  mit  ihm  das  Evangelium  lasen  und  bei  diesem 
ETangelisten  eine  ebenso  vollständige  und  genügende  Erklärung 
als  bei  den  andern  vermissten.  So  erzählt  uns  Raban  selbst 
in  der  "Widmung  an  den  Erzbischof  von  Mainz  Heistulf.  Dieser 
Commentar  ist  literargeschichtlich  besonders  wichtig,  einmal 
wegen  des  Einflusses,  den  er  auf  die  Dichtung  Otfrids  gehabt 
hat,  dann  als  der  erste  des  Raban,  indem  die  Art  seiner  Ab- 
fassung für  die  der  übrigen  unsers  Autors  massgebend  wurde. 
Ueber  jene  gibt  die  Widmung  selbst  schon  den  folgenden 
Aufschluss.  Der  Commentar  soll  das  Studium  der  alten  Er- 
klärer ersetzen,  zunächst  den  Unvermögenden,  denen  keine 
Bibliothek  zu  Gebote  steht,  oder  die  höchstens  nur  den  einen 
oder  andern  Commentator  besitzen.  Zu  dem  Zweck  gibt  Ra- 
ban, auch  hier  nur  dem  Beispiel  seines  Meisters  Alcuin  folgend^), 
gleichsam  eine  Anthologie  aus  den  Erklärungen  der  alten 
Commentatoren,  indem  er  sie  theils  wörtlich,  theils  nur  dem 
Sinn  nach,  also  gekürzt,  bei  den  einzelnen  Stellen  anführt; 
jedoch  verschmäht  er  es  auch  nicht,  wo  es  sich  trifft,  eigene 
Erklärungen  hinzuzufügen  —  und  diese  finden  sich  gerade  hier 
mehr  als  in  den  späteren  Commentaren  Rabans.  Am  Rande 
aber  hat  er  die  Autoren  durch  die  Anfangsbuchstaben 2),  seine 
eigenen  Erklärungen  durch  die  des  Namens  Maurus  allemal  be- 
zeichnet. —  So  hat  also  das  Werk  seiner  Anlage  nach  eine 
ganz  praktische  Tendenz,  wie  es  denn  Raban  selbst  auch  für 
mehr  bequem  als  sehr  noth wendig  erklärt.^)  Er  theilte  den 
Commentar  in  acht  Bücher,   indem  er,   wie  er  sagt,  wo  mög- 


1)  S.  oben  S.  21. 

2)  Wahrscheinlich  aber  nur  bei  den  wörtlichen  Excerpten,  wie  er 
dies  in  dem  Commentar  zu  den  Büchern  der  Könige  gethan  zu  haben  in 
der  Vorrede  desselben  bemerkt. 

3)  (Opus)  non  quasi  pernecessarium.  cum  multi  scriptores  me  in  Ulo 
vestigio  praecesserint,  sed  quasi  magis  oonunodum,  cum  plurimorum  sensus 
ac  sententias  in  unum  contraxerim.  Praef. 

Ebeet,  Literatur  des  MitteUtlters  IL  9 


130  Raban. 

lieh,  allemal  mit  einer  Rede  des  Herrn  abschloss.  i)  Was  die 
Art  der  Erklärung  aber  betrifft,  so  herrscht  auch  hier,  der 
Tradition  gemäss,  die  allegorische  Interpretation  durchaus  vor, 
sie  ist  dem  Verfasser  die  Hauptsache  (wie  auch  eine  Stelle  in 
der  Widmung  zeigt);  doch  werden  hier  immer  noch  mehr  als 
in  andern  Commentaren  des  Eaban  auch  andere  Erklärungen, 
historische  und  sprachliche,  gegeben,  und  auch  auf  die  übrigen 
Evangelien  und  ihre  Abweichungen  Bezug  genommen. 

Als  Raban  bereits  Abt  geworden  war,  begann  er  gegen  die 
Mitte  der  zwanziger  Jahre  auch  die  Erklärung  des  Alten 
Testaments  in  derselben  Weise.  Die  Anregung  dazu  gab  ihm 
der  Bischof  von  Lisieux,  Frechulf,  der  ihn  um  einen  Commen- 
tar  zum  Pentateuch  bat,  da  er  an  seinem  Bischofssitz  den 
grössten  Mangel  an  Büchern  litt,  nicht  einmal  eine  Bibel  dort 
vorgefunden  hatte.  Der  Commentar,  wie  er  ihn  wünschte, 
sollte  ganz  in  derselben  Art  ausgeführt  sein,  wie  der  zum 
Matthäus.-)  Raban  entsprach  dieser  Bitte,  indem  er  nach  und 
nach  die  fünf  Bücher  Mose  commentirte.  —  Diese  gelehrte 
Excerptenarbeit  scheint  Raban  allmählich  ein  wahres  Bedürf- 
niss  geworden  zu  sein,  denn  er  hat  im  Laufe  der  Jahre  noch 
eine  grosse  Zahl  von  Büchern  des  Alten  Testamentes  in  der 
angezeigten  anthologischen  Weise  commentirt.  Von  diesen 
Commentaren  hat  er  mehrere  dem  Kaiser  Lothar  dedicirt,  ein 
paar  sogar  auf  dessen  ausdrücklichen  Wunsch  verfasst ;  die  zu 
den  Büchern  Judith  und  Esther  widmete  er  der  Kaiserin 
Judith,  welche  er  den  jüdischen  Heldinnen  vergleicht,  die  üb- 
rigens hier  als  der  Typus  der  Kirche  aufgefasst  werden. 
Ludwig  dem  Deutschen  aber  widmete  er  die  Commentare  zu 
den  Paralipomena  und  den  Maccabäern,  nachdem  er 
den  letzteren  schon  früher  dem  kaiserlichen  Archidiaconus 
Gerold  dedicirt  hatte.  Das  erstere  Werk  soll  dem  König  ein 
Wegweiser  für  die  Leitung  der  Regierung  sein.  3)    Die  beiden 


1)  Totumque  opus  in  libros  octo  distinxi,  illud  maxime  observans  ubi- 
cunque  potui,  ut  ubi  evangelista  sermones  Domini  consummatos  esse  refe- 
rebat,  ibi  librorum  terminos  coustituerem.  Praef. 

2)  Den  wohl  Frecbulf  kannte,  obgleich  er  ihn  nicht  nennt. 

3)  Raban  sagt  in  der  Widmung: cogitavi  aUquod  servitium,  ut 

amantissimo  decet  domino,  vobis  exhibere,  quod  etiam  vestrae  nobilitatis 
in  divinis  legibus  potuisset  nostro  labore  aliquo  modo  florens  exercere  in- 


De  clericorum  institutione.  131 

Commentare  sind  aber  zugleich  mit  der  für  den  Erzcapellan 
Hilduin  verfassten  Erklärung  der  Bücher  der  Könige  in- 
sofern Ton  allgemeinerem  Interesse ,  als  sie  den  Bereich  der 
historischen  Kenntnisse  und  Bildung  Eabans,  des  ersten  Ge- 
lehrten Deutschlands  damals,  uns  zeigen.  Bei  diesen  Commen- 
taren  hat  er  auch  weltliche  Historiker,  namentlich  Justin,  be- 
nutzt, ja,  was  ihm  besonders  verdacht  wurde,  aber  für  seinen 
wissenschaftlichen  Sinn  gut  zeugt,  ausser  Josephus  auch  einen 
modernen  jüdischen  Autor,  i)  —  Von  neutestamentlichen 
Schriften  hat  Raban  noch  die  Episteln  des  Paulus  com- 
mentirt,  ein  sehr  weitläufiges  Werk,  das  aber  reine  Excerp- 
tenarbeit,  und  zum  Theil  selbst  mit  fremder  Hülfe  verfasst  ist. 
Beigelegt  wird  ihm  auch  ein  Commentar  zum  Johannes.  Auch 
hat  Eaban  auf  den  "Wunsch  Ludwig  des  Deutschen  eine  Er- 
klärung der  Ccnüica,  die  bei  den  Matutinen  gesungen  wurden, 
herausgegeben. 

Drittens  unterscheiden  wir  wissenschaftliche  Werke  Ra- 
bans,  die  zur  weiteren  Ausbildung  des  Klerikers  und  Gelehrten 
dienen  sollen.  Hierher  gehört  zunächst  das  von  ihm  noch  als 
Magister  verfasste  imd  dem  Erzbischof  Heistulf  gewidmete 
Werk:  I)e  clericonnn  institutione,  welches  aus  mündlichen  und 
schriftlichen  Antworten  Rabans  auf  Anfragen  seiner  Mönche, 
namentlich  solcher,  welche  die  Weihen  erhalten  hatten,  hervor- 
gegangen ist.  Alles  was  zur  Ausrüstung  und  Bildung  des 
Geistlichen  für  den  Kirchendieust  nöthig  ist,  soll  hier  angezeigt 
und  erklärt  werden.  Es  sind  drei  Bücher.  In  den  beiden  ersten 
wird  was  das  Verständniss  des  Kirchendienstes  verlangt,  be- 
handelt, in  dem  einen  die  Kirchen  Verfassung,  die  Weihen,  die 
Kleidung  der  Priester,  die  Taufe,  die  Messe,  in  dem  andern 
die  Officien  der  canonischen  Stunden,  Gebet,  Beichte  und 
Fasten,  die  Feste,  der  Kirchengesang,  die  Lectionen,  das 
Glaubensbekenntniss  und  „als  Gegensatz  zu  diesem"  in  kurzer 
Uebersicht  die  verschiedenen  Häresien.  Im  dritten  Buche  aber 
lehrt   der   Verfasser,   welche   Bildung   die    Geistlichen   haben 


genium,  dmnaque  sacrorum  librorum  testimonia  rimando.  regni  gubernacida 
secundum  Patrum  praecedentium  exempla  legitime  tenenda  insti-uere. 

1)  Er  hatte  diesen  zuerst  in  dem  Commentar  zu  den  Büchern  der 
Könige  citirt;  trotz  der  Angriffe,  die  er  deshalb  erfuhr,  zog  er  ihn  doch, 
indem  er  sich  um  diese  nichts  kümmerte,  in  dem  Commentar  zu  den  Pa- 
ralipomena  an.   In  der  Widmung  des  letzteren  spricht  er  sich  darüber  aus. 

9* 


132  Raban. 

müssen.  Nach  ihm  sollen  die  Fülle  der  Wissenschaft,  die 
Rechtschaffenheit  des  Lebens  und  die  Vollkommenheit  der  Ge- 
lehrsamkeit am  meisten  diejenigen  besitzen,  welche  das  Regi- 
ment in  der  Kirche  führen.  Die  Weisheit  und  der  gute  Lebens- 
wandel sind  beide  zugleich  nöthig,  jene  erhellt  diesen  und 
dieser  empfiehlt  jene:  beide  sollen  also  in  diesem  Buche  be- 
handelt werden  (c.  1).')  Die  Grundlage  wie  der  Gipfel  aller 
Weisheit  ist  aber  auch  Raban  die  Wissenschaft  der  heiligen 
Schrift,  welche  unmittelbar  von  Gott  stammt,. der  die  Quelle 
aller  wahren  Weisheit,  auch  der  weltlichen,  heidnischen  ist 
(c.  2). 2)  So  wird  denn  zuerst  vom  Studium  der  heil.  Schrift 
gehandelt  (c.  6  ff.),  darauf  von  den  Wissenschaften  (doctrinae) 
der  Heiden  (c.  16  ff.).  Der  Verfasser  spricht  von  ihnen  zuerst 
im  allgemeinen,  indem  er  das,  was  in  ihnen  wie  in  den  Ein- 
richtungen der  Menschen  superstitiös  ist,  von  dem  Nichtsuper- 
stitiösen  unterscheidet,  und  allein  jenes  verwirft.  Alles  Histo- 
rische wird  schon  an  sich  in  Schutz  genommen 3),  die  Geschichte 
der  Heiden  dient  selbst  zur  Erklärung  der  Bibel. 

Mit  cap.  18  geht  Raban  auf  die  Artes  liberales  über  und 
beginnt  mit  der  Grammatik,  die  er  definirt  als  die  scientia 
interj)retandi  poelus  atqiie  historicos  ei  rede  scribendi  loquen- 
dique  ratio.  Der  Metrik,  „die  durch  die  Grammatik  gelehrt 
wird",  gedenkt  er  noch  besonders  als  einer  „edlen"  Wissen- 
schaft*), freilich  mit  der  falschen  Motivirung,  dass  die  Psalmen 
und  Cantica  des  Alten  Testaments  in  klassisch  -  antiken  Vers- 
massen verfasst  wären.  Auch  wären  in  denselben  ausgezeich- 
nete Werke  von  evangelischen  Männern  geschrieben,   wie  von 

1)  Sed  quia  utrumque  necesse  est,  ut  bonam  vitam  sapientia  illustret, 
et  sapientiam  bona  vita  commendet,  utrumque  in  hoc  libro digeremus. 

2)  Fundamentum  autem,  status  et  perfectio  prudentiae  scientia  est 
sanctarum  Scriptm-arum,  quae  ab  illa  incommutabili  aeternaque  sapientia 
profluens,  quae  ex  ore  Altissimi  prodiit,  primogenita  scilicet  ante  omnem 
creaturam,  Spiritus  sancti  distributionibus  per  vasa  Scripturae  lumen  in- 
deficiens,  quasi  per  laternas,  orbi  lucet  universo,  ac  si  quid  aliud  est, 
quo  d  sapientiae  nomine  rite  censeri  possit,  ab  uno  ecclesiae- 
que  sapientiae  fönte  derivatum,  ad  eins  respectat  originem. 
Dieser  Satz  wii'd  dann  noch  weiter  ausgeführt  und  so  heisst  es  dann 
später :  ac  ideo  ad  unum  terminum  cuncta  referenda  sunt  et  quae  in  libris 
gentilium  utilia,  et  quae  in  Scripturis  sacris  salubria  inveniuntur 

3)  Aliud  est  enim  facta  narrare,  aliud  docere  facienda  1.  HI,  c.  17. 

4)  Metricam  autem  rationem non  ignobüe  est  scire.  c.  18. 


De  clericorum  institutione.  133 

einem  luvenciis,  Sedulius  (welchen  Raban  auch  in  seinen  Bibel- 
commentaren  gern  citirt),  Arator,  Alcimus  (sc.  Avitiis),  Clemens 
(sc.  Prudentius) ,  Pauliuus  und  Fortunatus.  „Wollen  wir  aber 
Gedichte  und  Bücher  der  Heiden  wegen  der  Bltithe  der  Be- 
redsamkeit lesen",  so  soll  mit  ihnen  nach  dem  T}-pus  der  von 
den  Juden  gefangenen  Heidinnen  verfahren  werden,  mit  denen 
jene  nach  der  Vorschrift  Gottes  (2.  B.  Mose)  erst  dann  sich 
vermählen  durften,  wenn  sie  dieselben  durch  Abschneiden  der 
Haare  und  Nägel  gereinigt  hatten. i)  —  Die  Rhetorik  wird 
wegen  der  Predigt  empfohlen,  die  Dialektik  besonders  hoch- 
gerühmt, namentlich,  nach  Alcuins  Vorgang-),  als  Waffe  gegen 
die  Sophismen  der  Häretiker,  zugleich  wird  aber  schon  vor 
dem  Missbrauch  der  Disputirkunst  gewarnt. 3)  Die  Arith- 
metik empfiehlt  Eaban,  schon  weil  ihr  Studium  von  den 
sinnlichen  Begierden  abzieht,  und  sie  die  mystische  Bedeutung 
der  Zahlen  in  der  heil.  Schrift  erklärt.  In  Betreff  der  Astro- 
nom i  e  (c.  25)  ist  bemerkenswerth,  dass  er  sie  von  der  Astrologie 
unterscheidet,  welche  er  in  die  naturalis  und  die  superstitiosa 
eintheilt.  Die  erstere  ist  mit  der  Astronomie  fast  identisch, 
nur  scheint  Raban  darunter  die  rein  praktische,  welche  die 
Feststellung  des  Kalenders  zum  Zweck  hat,  zu  verstehen.^) 
Nachdem  er  so  von  dem  Nutzen  der  sieben  freien  Künste  ge- 
handelt hat,  zeigt  er  noch  (c.  26),  dass  auch  die  philosophischen 
Schriften  der  Heiden,  namentlich   der  Platoniker,   keineswegs 


1)  Dieser  Gedanke  ist  dem  Hieronymus  entlehnt.  S.  Bd.  I,  S.  189. 
Raban  fährt  dann  ihn  erläuternd  fort:  Itaque  et  nos  hoc  facere  solemus, 
hocque  facere  debemus,  quando  poetas  gentUes  legimus.  quando  in  manus 
nostras  libri  veniunt  sapientiae  saecularis,  si  quid  in  eis  utile  reperimus, 
ad  nostrum  dogma  convertimus,  si  quid  vero  superfluum  de  idolis.  de 
amore,  de  cura  saecularium  rerum,  haec  radamus,  his  calvitium  inducamus, 
haec  in  unguium  more  ferro  acutissimo  desecemus.    c.  18. 

2)  De  iide  Trinit.  (Praef.).     S.  oben  S.  21. 

3)  Vgl.  Prantl,  Gesch.  der  Logik  Bd.  11,  S.  19. 

4)  Da  Astronomia  und  Aslrologia  im  Mittelalter  promiscue  gebraucht 
werden,  so  verdient  die  Stelle  in  der  Hauptsache  angeführt  zu  werden: 
Inter  astronomiam  autem  et  astrologiam  a liquid  differt,  licet  ad  unam 
disciplinam  ambae  pertineant.  Nam  astronomia  coeli  conversionem,  ortus, 
obitus  motusque  siderum  continet,  vel  ex  qua  causa  ita  vocentur; 
astrologia  vero  partim  naturalis,  partim  superstitiosa  est.  Naturalis  dum 
exsequitur  solis  lunaeque  cursus  vel  stellarum,  certas  temporum 
quaestiones. 


134  Raban. 

ganz  zu  venverfen  wären,  vielmehr  manche  sehr  nützliche 
moralische  Vorschriften  und  selbst  einiges  wahre  über  die  Ver- 
ehrung eines  Gottes  enthielten.  Im  folgenden  Kapitel  spricht 
Raban  von  der  Uebung  der  Tugenden,  namentlich  der  vier  car- 
dinalen,  und  erörtert  darauf  (c.  28  ff.),  wie  der  Geistliche 
lehren  soll,  und  bei  der  Predigt  vornehmlich  das  Verständniss 
des  Volkes  stets  berücksichtigen,  und  daher  dieselbe  nicht 
wörtlich  auswendig  lernen  soll  (c.  30).  Es  wird  dann  noch 
von  den  verschiedenen  Gattungen  der  Beredsamkeit  gehandelt, 
und  von  der  Verschiedenheit  der  Vermahnung,  je  nach  dem 
Alter,  Geschlecht  und  den  Fehlern  derjenigen,  an  welche  sich 
die  Rede  richtet. 

Auch  dies  Werk  Rabans  ist  grösstentheils  nur  eine,  öfters 
selbst  wörtliche,  Compilation  aus  verschiedenen  Werken  der 
Väter,  wie  Raban  selbst  in  der  Widmung  bemerkt,  vor  allem 
hat  er  neben  Cassiodors  Institutionen  Augustins  Doctrina  chri- 
stiana  und  Gregors  Cura  pastoralis  benutzt.  So  wenig  originell 
also  auch  dies  Werk  ist,  so  wichtig  erscheint  es  doch  sowohl 
für  die  Erkenntniss  des  Höhepunkts  der  damaligen  Bildung 
des  Klerus,  namentlich  in  Deutschland,  als  durch  den  Einfluss 
den  es  nicht  bloss  auf  die  unmittelbaren  Schüler  Rabans,  son- 
dern auch  auf  eine  spätere  Folgezeit  gehabt  hat.') 

Einen  ähnlichen  wissenschaftlichen  Charakter  hat  ein  weit 
grösseres  Werk,  welches  Raban  in  seiner  gelehrten  Zurück- 
gezogenheit nach  Niederlegung  der  Abtwürde  verfasste:  es  ist 
die  22  Bücher  begreifende  Encyclopädie:  De  imiverso^  welche 
er  zunächst  einem  früheren  Studiengenossen  Haimo,  Bischof 
von  Halberstadt,  widmete.  Es  sollte  das  Werk,  wie  er  an  ihn 
schreibt,  dem  vielbeschäftigten  Missionsbischof  zur  Recapitu- 
lation  dienen,  indem  er  hier  kurz  angeführt  fände,  was  er  in 
vielen  Büchern  früher  zerstreut  weitläufig  gelesen.  In  der 
Weise  der  Alten,  welche  über  die  Naturen  der  Dinge  und  die 
Etymologien  der  Namen  und  Wörter  schrieben,  sei  es  verfasst, 
aber  es  habe  nicht  bloss  diese  Aufgabe,  sondern  es  füge  auch 
die  mystische  Bedeutung  derselben  Dinge  hinzu,  so  dass  Haimo 


1)  Verwandten  Inhalts  sind  ein  paar  spätere,  weit  weniger  bedeutende 
Schriften  Rabans,  mit  deren  Titelangabc  wir  uns  hier  begnügen :  De  sacris 
ordinihus ,  sacramenlis  divinis  et  veslimenlis  sacerdotalibus  und  De  disci- 
pliiia  ccclesiaslica  libri  tres. 


De  universo.  135 

fortlaufend  sowohl  die  historische  als  die  mystische  Erklärung 
der  einzelnen  darin  fände.  ^  Und  hierin  liegt  allerdings  haupt- 
sächlich die  Originalität  dieses  Werkes,  das  im  Uebrigen  zum 
grössten  Theil  aus  Isidors  Etj^mologien  wörtlich  abgeschrieben 
ist:  es  ist  gleichsam  eine  für  den  christlichen  Theologen  zu- 
gerichtete Isidorische  Encvclopädie.  Dem  entsprechend  ist 
auch  die  Ordnung  der  Stoffe  etwas  geändert:  während  Isidor 
sein  Werk  mit  den  sieben  freien  Künsten  beginnt,  woran  sich 
die  Medicin,  Jurisprudenz  und  Geschichtswissenschaft  an- 
schliessen,  dann  erst  Bibel  und  Liturgie  den  Uebergang  zu 
Gott  selbst  und  der  himmlischen  Hierarchie  (Buch  VII)  bil- 
den 2),  so  beginnt  Raban  vielmehr  mit  diesen,  indem  seine 
ersten  fünf  Bücher  überhaupt  der  Religion  und  Kirche  ge- 
widmet sind,  die  weltlichen  Wissenschaften  dagegen  ganz 
übergangen  werden.  Im  übrigen  folgt  er  zum  grössten  Theil 
der  Anordnung  Isidors'^),  aber  sein  Werk  ist,  um  der  von 
Hieronjmus  angenommenen  Bücherzahl  des  Alten  Testamentes 


1)  Vgl.  damit  die  andere,  an  Ludwig  den  Deutschen  gerichtete  Wid- 
mung, worin  Raban  das  Werk  bezeichnet  als  de  serinonum  proprietate  et 
mystica  re)'um  signißcatione  verfasst. 

2)  S.  Bd.  I,  S.  .5.57  ff. 

3)  Von  dessen  11.  Buche  ab,  mit  welchem  ja  manche  Handschriften 
einen  zweiten  Theil  anheben  (s.  Bd.  I,  S.  558):  nur  werden  von  den  vor- 
ausgehenden Büchern  ein  paar  später,  wenn  auch  nur  theilweise,  einge- 
schaltet, wie  das  neunte  Isidors  bis  zum  Anfang  des  fünften  Kapitels  als 
das  sechzehnte:  auch  werden  aus  einem  Buche  des  Isidor,  wie  dem  vier- 
zehnten, zwei  von  Raban  gemacht,  das  zwölfte  und  dreizehnte  (das  letztere 
von  c.  S  des  vierzehnten  des  Isidor  an),  indem  in  diesem  Falle  von  Raban 
auch  viel  hinzugefügt  ist.  —  Um  an  ein  paar  Beispielen,  die  aufs  Gerade- 
wohl genommen  sind,  das  Verfahren  des  Raban  bei  der  Bearbeitung  des 
Isidorschen  Werks  zu  zeigen,  heisst  es  De  univ.  1.  XVI,  c.  4:  Cives  vocati, 
quod  in  unum  coeuntes  vivant,  ut  vita  communis  et  omatior  fiat  et  tutior. 
Dies  entspricht  wörtlich  1.  IX,  c.  4  §.  2  des  Isidor ;  nun  fährt  Raban  aber 
fort:  Cives  autem  mystice  in  bonam  partem  ponuntur,  ut  est  illud  .in 
Apostolo:  Vos  autem  estis  cives  sanctorum  et  domestici  Dei  (Ephes.  11.). 
Item  in  malam  partem.  quando  ad  Babj-loniam  spiritalem,  hoc  est,  in  par- 
tem diaboli  deputantur.  Oder  etwas  später  in  demselben  Kapitel  sagt 
Raban:  Mercenarii  sunt  qui  ser\iunt  accepta  mercede:  iidem  et  barones 
Graeco  nomine,  quod  sint  fortes  in  laboribus,  wörtlich  aus  Isidor  1.  1.  §.  31 ; 
und  Raban  fährt  fort:  Mercenarii  mystice  iUos  significant  qui  serviunt  Do- 
mino non  pro  amore  divino  tantum,  sed  pro  temporali  reti-ibutione,  de 
quibus  scriptum  est  in  Evangelio  —  worauf  wieder  ein  paar  Bibelstellen 
folgen.  ■ 


136  Rabaii. 

ZU  entsprechen'),  in  22  Bücher,  statt  gleich  dem  des  Isidor  in 
20,  eingetheilt.  Dass  die  von  Raban  hinzugefügte  mystische, 
d.  h.  allegorische  Erklärung,  mindestens  im  allgemeinen,  auch 
nur  eine  entlehnte  ist,  ist  schon  bei  ihrem  traditionellen  Cha- 
rakter selbstverständlich ;  eine  Hauptquelle  ist  aber  auch  hierbei 
Isidor  und  zwar  durch  sein  Buch  „Allegoriae  quaedam  sacrae 
scripturae"  dem  Eaban  gewesen.  2) 

So  wenig  eigenes  auch  Raban  in  diesem  voluminösen 
Werke  bietet  —  von  dem  er  ein  Exemplar  auch  König  Lud- 
wig auf  dessen  Wunsch  widmete')  —  so  war  es  doch  für  die 
Conservirung  und  Fortpflanzung  mancher  Kenntnisse  des  Alter- 
thums  wichtig,  da  es  durch  seine  besondere  Anlage  wie  durch 
den  Namen  seines  Verfassers  dem  Klerus  jener  Zeit  mehr  als 
Isidors  Werk  selbst  sich  empfehlen  musste. 

Zu  dieser  Gruppe  der  Rabanschen  Werke  ist  auch  die 
kurze  Abhandlung  De  anima  zu  rechnen,  welche  dem  sehr 
wissbegierigeu  König  Lothar,  also  wohl  Lothar  IL  gewidmet 
und  damit  vielleicht  die  letzte  Schrift  unseres  Autors  ist.*) 
Sie  ist  auch  fast  allein  ein  Excerpt,  und  zwar  hauptsächlich 
aus  Cassiodors  gleichnamigem  Buche""),  mit  ein  paar  eigenen 
Zuthaten,  wie  Raban  selbst  in  der  Widmung  besagt.  Seltsamer 
Weise  hat  unser  Autor  einige  Kapitel:  De  disciplina  Romanue 
milituie  „der  sehr  häufigen  Einfälle  der  Barbaren  wegen"  an- 
gehängt, kurze  Auszüge  aus  Vegetius'  bekanntem  Werke.  ^) 


1)  S.  Praef.  ad  Ludovicum  regem. 

2)  S.  Bd.  I,  S.  563.  Raban  selbst  wird  auch  ein  Buch:  AUegoriae  in 
lüHversam  sacram  scripturam  beigelegt,  worin  nach  alphabetischer 
Reihenfolge  die  allegorische  Bedeutung  einer  grösseren  Zahl  von  Substan- 
tiven gegeben  wird. 

3)  Auch  in  dieser  Widmung  gibt  sich  die  geistliche  Tendenz  des 
Werkes  kund,  denn  wie  Raban  dort  sagt,  soll  das  Werk  dem  Könige 
dienen :  quatenus  tuum  bonum  Studium  multis  proveniat  ad  spiritalem  pro- 
fectum,  et  fiat  tarn  tibi  quam  illis  (seinen  Unterthanen)  spiritale  exer- 
citium  atque  coelestis  gaudii  incrementum. 

4)  Wenigstens  aus  seinem  letzten  Lebensjahre,  wie  Dünunler  in  der 
unten  erwähnten  Edition  des  Anhangs  (S.  451)  gezeigt  hat. 

5)  S.  Bd.  I,  S.  487  ff. 

6)  Sie  fehlten  in  der  überlieferten  Handschr.  des  Tractats,  wurden 
aber  in  neuerer  Zeit  in  einem  Collectivcodex  Triers  wieder  aufgefunden, 
und  von  Dümmler  in  der  Zeitschr.  f.  deutsch.  Alterth.  N.  F.  Bd.  III, 
S.  443  ff.  herausgegeben. 


De  amma.     Theologische  Flugschriften.  137 

Sind  die  bisher  betrachteten  Werke  theils  ans  dem  Unter- 
richt direct  erwachsen,  theils  aus  gelehrten  Studien,  deren 
Motiv  eigenes  Bildungsstreben  und  Verbreitung  der  Bildung 
war,  also  Producte  des  Schulmeisters  und  Gelehrten,  so  gibt 
es  dagegen  eine  andre  Klasse  von  Schriften  Rabans,  die  von 
jenen  wesentlich  verschieden,  aus  seinen  amtlichen  Stellungen 
als  Abt  oder  als  Bischof  entsprungen  sind:  Schriften  theo- 
logischer Publicistik  gleichsam,  so  namentlich  Gutachten 
über  Fragen  der  kirchlichen  Disciplin,  durch  Anfragen  von 
Collegen  oder  durch  bestimmte  äussere  Verhältnisse  veranlasst, 
Schriften,  die  für  die  Kirchen-  und  Kulturgeschichte,  mitunter 
selbst  indirect  für  die  politische  von  Bedeutung  sind.  Diese 
Schriften  haben  zum  Theil  die  Form  von  Episteln,  und  Raban 
zeigt  in  ihnen  öfters  eine  grössere  Selbständigkeit  des  Ge- 
dankens und  einen  freieren,  individuelleren  Ausdruck  als  in  den 
dickleibigen  Compilationen.  So  behandelt  er  in  zwei  Schreiben 
(an  Humbert,  Bischof  von  Würzburg'),  und  an  Hatto)^)  die 
Frage :  in  welchem  Grade  der  Verwandtschaft  die  Ehe  er- 
laubt sei,  indem  er  in  dem  zweiten  zugleich  eine  ganz  andre 
beantwortet,  nämlich:  was  von  denen  zu  halten  wäre,  die 
durch  magische  Künste  und  teuflische  Zaubersprüche  die 
Menschen,  wie  man  sagt,  zu  täuschen  und  aus  ihrem  früheren 
Zustand  herauszureissen  vermögen.  3)  Hier  gedenkt  der  Ver- 
fasser nicht  bloss  der  Bibelstellen,  welche  von  Wahrsagern  und 
Zaubern  handeln,  sondern  er  gibt  auch  eine  Uebersicht  der 
verschiedenen  Arten  derselben,  welche  das  klassische  Alter- 
thum  unterschied,  eine  Uebersicht  die  auf  Varro  zurückgeht, 
den  Eaban  öfters  citirt.  Uebrigens  verwirft  Raban  so  wenig 
als  die  Väter,  die  Macht  der  Dämonen^),  über  die  er  überhaupt 


1)  Quota  fjeneraüonc  Ucitum  sit  connuhhim. 

2)  Be  consanf/uineonan  mq)tiis  et  de  magorum  praestigiis  falsisque 
divinationihus. 

3)  Alteram  (quaestionem) ,  quid  de  bis  sentiendum  esset,  qui  magicis 
praestigiis  sive  incantationibus  daemoniacis  dicuntur  bomines  fallere  et  a 
statu  suo  pristino  evertere  posse. 

4)  Indem  er  die  Möglichkeit  derselben  in  eigenthümlicber  Weise  er- 
klärt: Quod  vero  non  solum  quaedam  daemones  futura  praedicunt,  verum 
etiam  quaedam  mira  faciunt,  pro  ipsa  utique  sui  corporis  excellentia,  cura 
non  contemnatur  a  prudentibus:  cum  plerique  iniqui  ac  perditi  homines 
ita  exerceant  corpora  sua,  tantaque  diversis  artibus  possint,  ut  ii  qui  haec 


138  Raban. 

dieselben  Ansichten  als  jene  hegt.  Die  Schrift  ist  schon  durch 
die  Stellung  der  Frage  selbst  kulturgeschichtlich  von  Interesse. 
—  So  vertheidigte  Raban  in  einer  Flugschrift  das  in  West- 
francien  heftig  angegriffene  Institut  der  Chorbischöfe;  so 
hat  er  in  der  Gottschalkschen  Angelegenheit  verschiedene 
Episteln  (welche  zugleich  die  Frage  der  Prädestination 
behandeln),  wie  an  den  Bischof  Noting  von  Verona,  den  Mark- 
grafen Eberhard,  an  Hincmar  von  Reims  erlassen,  die  doch 
auch  für  die  Oeffentlichkeit  bestimmt  waren. 

Unter  allen  den  Flugschriften  Rabans  sind  aber  zwei  von 
allgemeinerem  Interesse ,  indem  sie  zugleich  ein  lebendiger 
Ausdruck  der  Individualität  unsers  Autors  sind,  an  dessen 
Darstellung  hier  auch  das  Gemüth  keinen  geringen  Antheil 
hat:  sie  verdienen  deshalb  von  uns  eine  grössere  Berücksich- 
tigung. Die  eine  ist  die  gegen  Gottschalk  gerichtete  Schrift: 
De  oblaiione  pueroj'um,  durch  welche  Raban  bei  Ludwig  dem 
Frommen  gegen  die  Befreiung  Gottschalks  von  seinem  Mönchs- 
gelübde durch  die  Mainzer  Synode  protestirte,  und  in  der  That 
die  Aufhebung  des  Beschlusses  derselben  bewirkte.  Raban 
sucht  hier  zunächst  den  Beweis  zu  liefern,  dass  nach  den 
Zeugnissen  der  heil.  Schrift  und  den  Beispielen  der  Väter  dem 
Christen  es  erlaubt  sei,  sein  Kind  Gott  zu  weihen  (consecrare). 
Dann  bekämpft  er  den  Einwand  Gottschalks,  dass,  weil  die 
Oblation  eines  Minderjährigen  durch  rechtskräftige  (idonei) 
Zeugen  bestätigt  werden  müsse,  nur  Sachsen  solche  Zeugen 
hätten  sein  können,  da  es  nach  sächsischem  Recht  nicht  erlaubt 
sei,  dass  ein  Mann  von  einem  andern  Volke  Zeugniss  ablege, 
wo  es  sich  um  den  Verlust  der  Freiheit  eines  Sachsen  handle. 
Als  wenn,  fügt  Raban  hinzu,  der  Dienst  Christi  die  Freiheit 
und  den  Adel  des  Geschlechts  nähme!  Indem  nun  aber  Gott- 
schalk in  seinem  Falle  das  Zeugniss  von  Franken  verwarf, 
empört  sich  darob  das  Stammesgefühl  Rabans,  und  nachdem 
er  die  Forderung  des  sächsischen  Rechts  vom  biblischen 
Standpunkt  bekämpft,  ruft  er  erzürnt  aus:  wie  lässt  es  sich 
hiernach  bei  Gott  und  den  Menschen  rechtfertigen,  dass  die, 
welche  geringer  an  Tugend  und  Würde  sind,   die  ihnen  über- 


nesciuiit,  nee  aliquando  viderunt,  etiam  iiarrata  A'ix  credant:  quam  multa 
funambuli  caeterique  theatri  artifices,  quam  multa  opifices  maximeque  me- 
chanici  miranda  fecerunt.     Num  ideo  meliores  sunt  bonis  etc. 


De  oblatione  puerorum.     De  reverentia  filioriim  etc.  139 

legenen  und  höheren  verachten,  und  als  ob  jeder  Ehre  unwür- 
dig verwerfen,  welchen  sie  doch  sich  unterwerfen  mussten?') 
Wer  in  aller  Welt  weiss  nicht,  dass  die  Franken  vor  den 
Sachsen  Christen  geworden,  diese  mit  den  Waffen  unterjochten 
und  als  ihre  Herren  zum  Christenthum  bekehrten'?  —  So  tritt 
hier  der  Stolz  des  Franken  —  der  sein  Volk  dann  auch  mit 
den  Persern  und  Römern,  den  Herrschern  von  Weltreichen, 
auf  eine  Linie  stellt  —  dem  ungebeugten  Stolz  des  Sachsen 
entgegen;  der  Zorn  macht  Raban  da  wahrhaft  beredt,  und  in 
seiner  Sprache  ist  ein  gewisser  adliger  Zug  nicht  zu  ver- 
kennen. Nicht  den  Kleriker,  sondern  den  fränkischen  Edlen 
hören  wir  hier.  —  Raban  sucht  dann  zweitens  durch  Bibel- 
stellen zu  erweisen,  dass  ein  Gott  geweihtes  Gelübde  nicht 
gebrochen  werden  dürfe,  und  zeigt  endlich  drittens,  dass  das 
Mönchsleben  eine  göttliche  Institution  sei. 

Die  andre  bemerkenswerthe  Flugschrift  Rabans  ist  das 
Buch:  De  reverentia  filioriim  erga  patres  et  subditoi^um  erga 
reges,  womit  er  für  Ludwig  den  Frommen,  nach  dessen  Ge- 
fangennahme und  Entthronung  i.  J.  833,  in  die  Schranken 
trat.  Er  schärft  darin  das  Gebot  Gottes  die  Eltern  zu  ehren 
durch  Stelleu  des  Alten  und  Neuen  Testamentes  ein,  indem  er 
zugleich  auf  den  Segen  hinweist,  der  sich  an  seine  Erfüllung 
knüpft,  und  den  Uusegen  im  andern  Falle.  Dann  geht  er  auf 
die  der  königlichen  Würde  von  den  Unterthanen  zu  leistende 
Ehre  über,  und  zeigt  durch  Aussprüche  und  Beispiele  der 
Bibel,  wie  Gott  die  Widersetzlichkeit  missfällt.  Auch  aus  der 
weltlichen  Geschichte  der  christlichen  Zeit  wird  der  Beweis 
geliefert,  wie  Gott  die  Tyrannen,  die  gegen  den  legitimen 
Herren  sich  erhoben,  bestraft,  an  einem  Maximus,  Arbogastes 
und  Eugenius  —  während  dagegen  Theodosius  von  Gott  be- 
günstigt ward.  Auch  zieme  es  den  Söhnen  als  Erben  nicht 
(c.  4),  ihre  Eltern  aus  Besitz  und  Würden  zu  verdrängen, 
wären  doch  Thronfolger,  selbst  wo  sie  Mitregenten  waren,  im 
alten  Bunde  wie  in  der  christlichen  Zeit  ihren  Vätern  bis  zu 
deren    Tode    unterthänig    oreblieben.  —   Hat    sich   bis    hierhin 


1)  Haec  vero  cum  se  ita  habeant,  quae  ratio  est  secundum  Deum  aut 
secundum  homines,  iit  qui  inferiores  sunt  virtute  et  dignitate  superiores 
sibi  et  eminentiorcs  spernant ,  et  quasi  indignos  omni  honore  rospuentes 
abüciant,  quibus  subiici  oportebat? 


liO  Raban. 

Raban  gegen  die  Söhne  gewandt,  und  ihr  Verfahren,  wenn 
auch  indirect,  verurtheilt,  so  spricht  er  im  Folgenden  direct 
für  den  Kaiser,  indem  er  zunächst  darlegt,  dass  der  Richter, 
welcher  Aufruhrer  bestrafe,  kein  Homicidium^)  begehe,  und 
Könige  deshalb  aus  solchem  Grunde  von  Synoden  und  Bi- 
schöfen nicht  verurtheilt  worden  wären  (c.  8).  Ferner:  auf 
ein  bloss  allgemeines  Schuldbekenntniss  hin  wäre  niemand  zu 
excommuniciren,  hätten  doch  Heilige  selbst  ein  solches  abge- 
legt, auch  David,  der  darum  nicht  sein  Reich  verloren:  Gott 
verzeiht  vielmehr  dem  reuigen  Sünder  (c.  11).  Im  letzten  Ka- 
pitel redet  Raban  den  Kaiser  an,  um  ihn  über  die  Vergangen- 
heit zu  trösten  und  zu  bitten,  sich  nicht  rächen  zu  wollen, 
sondern,  wie  Christus  geboten,  zu  verzeihen  und  den  reuigen 
Sohn  —  womit  offenbar  Lothar  gemeint  ist  —  wieder  aufzu- 
nehmen. 

Diese  Schrift  ehrt  wahrhaft  Raban,  dessen  Pietät  und 
Rechtsgefühl  in  um  so  glänzenderem  Lichte  erscheinen  durch  den 
dunkeln  Gegensatz  des  Benehmens  seiner  meisten  Amtsbrüder. 
Sie  erfreute  den  Kaiser  so,  dass  dieser  ihn  zu  einer  andern 
Schrift  aufforderte,  einer  Sammlung  von  Bibelsprüchen  „über 
Tugenden  und  Laster"  —  wie  auch  der  Titel  lautet  —  mit 
besonderer  Berücksichtigung  der  Pflichten  der  einzelnen  Stände 
und  Klassen  der  Gesellschaft. 

Endlich  haben  wir  unter  Rabans  Prosawerken  noch  seiner 
Predigten  zu  gedenken.  Zwei  Sammlungen  hat  er  davon 
verfasst;  die  eine  als  Abt  auf  Wunsch  des  Erzbischofs  Hei- 
stulf,  welchem  er  sie  allmählich  zugehen  Hess,  je  nachdem  ihm 
seine  Müsse  erlaubt  hatte  eine  Partie  auszuarbeiten;  ihn  bat  er 
später,  wie  die  Widmung  sagt,  das  Ganze  zu  ediren.  Diese 
Predigten  sollten  „von  allem  was  für  das  Volk  nothwendig", 
handeln,  nämlich  einmal  von  den  Hauptfesten,  dann  von  den 
verschiedenen  Arten  der  Tugenden  und  Fehler.  Sie  gründen 
sich  offenbar,  mindestens  zum  Theil,  auf  Predigten,  die  Raban 
selbst  gehalten.  Daher  auch  ihre  Kürze :  die  lateinische  Rede 
wurde    sicherlich    von    ihm    ins    deutsche    übertragen-),    und 


1)  Dies  Verbrechen  wurde  auf  der  Reichsversammlung  zu  Compiegne 
Ludwig  Schuld  gegeben,  hauptsächlich  im  Hinblick  auf  den  Tod  seines 
Neffen  Bernhard. 

2)  Vgl.  oben  S.  127. 


Predigten.  141 

manches  zur  Erklärimg  weiter  ausgeführt,  waren  doch  die 
Predigten  für  das  Volk  bestimmt.  Und  in  der  That  haben 
viele  auch  einen  populären  Charakter,  indem  das  dogmatische 
Moment  zurück,  das  moralische  in  den  Vordergrund  tritt.  Nur 
zum  Theil  sind  sie  original,  manche  sind  mehr  oder  weniger 
Sermonen  Leo's,  Augustins,  Alcuins  u.  a.  entlehnt.  Am  origi- 
nalsten und  populärsten  zugleich  sind  die  kulturgeschichtlich 
bedeutenden,  worin  Raban  die  Unsitten  seiner  Landsleute, 
namentlich  auch  die  Reste  heidnisch -germanischen  Aberglau- 
bens bekämpft,  die  durch  den  Verkehr  mit  den  noch  heid- 
nischen Bewohnern,  wie  er  sagt,  sich  erhielten:  so  die  Homi- 
lien  42  und  43.  Die  erstere  hat  die  abergläubische  Sitte  zum 
Gegenstand,  bei  abnehmendem  Monde  Lärm  zu  machen,  Pfeile 
in  die  Luft  zu  schiessen  und  Feuer  hinauf  zu  schleudern, 
um  dem  Mond  gegen  Ungeheuer  zu  helfen,  welche  ihn  ver- 
schlingen wollten.^)  Auch  noch  andrer  Unfug  wurde  deshalb 
getrieben.  Raban  beginnt  recht  volksmässig  die  Rede  damit, 
dass  er  erzählt,  wie  er  vor  einigen  Tagen  ruhig  Abends  zu 
Hause  sitzend,  in  seinen  Meditationen  plötzlich  durch  das 
Gelärm  gestört  worden  sei;  worauf  er  den  Grund  vernimmt, 
den  er  spottend  erzählt.  Aber  er  begnügt  sich  dann  nicht  das 
Unsinnige  des  Aberglaubens  nachzuweisen,  sondern  er  erklärt 
auch  die  Naturerscheinung.  In  der  andern  Homilie  eifert  er 
gegen  die  Befragung  von  Wahrsagern  und  Zeicheudeutern, 
namentlich  auch  bei  Krankheiten,  und  gegen  mancherlei  Aber- 
glauben, vornehmlich  beim  Reisen,  wie  Beobachtung  der  Vögel 
und  ihres  Gesangs,  des  Tags  der  Abreise  und  Ankunft,  des 
Niesens.-)  Gegen  jede  Besorgniss  soll  vielmehr  das  Schlagen 
des  Kreuzes  schützen.  —  Die  Homilie  63  sei  auch  noch  be- 
sonders hervorgehoben,  da  sie  gegen  Modelaster  jener  Zeit  in 
Deutschland  sich  richtet,  Fehler,  die  man  für  gering,  oder  für 
nichts  achte,  ja  die  so  herrschten,  dass  man  sie  sogar  als 
Tugenden  ansehe.  Es  sind  die  Schwelgerei  und  die  Trunk- 
sucht icomessatio  und  ehriefas),  die  bei  den  Vornehmen  ^vie 
bei  den  Geringen  sich  fände,  bei  beiden  Geschlechtern  und  in 
allen  Ständen,  den  Klerus  mit  eingeschlossen.  Die  Schlemmer 
rühmt  man  selbst  als  freigebig,   indem  man  die  Enthaltsamen 


1)  Vgl.  Grimm,  Deutsche  Mythologie.  4.  Ausg.  S.  588  f. 

2)  Tgl.  Grimm  a.  a.  0.  S.  944  ff.,  953  f.,  935. 


142  Raban. 

tadelt.  —  Auch  vor  der  Possenreisserei ,  dem  übertriebenen 
lauten  Laclien  wird  in  manchen  dieser  Homilien  das  Volk 
gewarnt.') 

Die  zweite  Sammlung  enthält  Homilien  im  engeren 
Sinne  des  Worts,  Sermone,  die  sich  an  die  sonn-  und  fest- 
täglichen Lectionen  der  Bibel  anschlössen  und  den  betreffenden 
Text  erklären;  diese  Sammlung  wurde  von  Raban  auf  den 
Wunsch  des  Kaisers  Lothar  zunächst  für  diesen  verfasst;  aber 
von  ihren  drei  Theilen  hat  sich  nur  einer  erhalten. 

Dies  sind  die  Prosawerke  Rabans,  die  von  allgemeinem 
literarhistorischen  Interesse  sind-).  Raban  hat  aber  auch  Ge- 
dichte verfasst,  so  wenig  poetische  Begabung  er  besass;  doch 
er  war  nicht  umsonst  in  der  Metrik  bei  Alcuin  in  die  Schule 
gegangen,  ein  allerdings  erst  später,  im  dreissigsten  Jahre  von 
ihm  vollendetes,  aber  gewiss  in  Tours  bereits  begonnenes 
Werk  legt  davon  vor  allem  Zeugniss  ab.  Nach  dem  Bei- 
spiel seines  Meisters  Alcuin  —  der  selbst  hierin  nur  dem  Vor- 
gange eines  Porphyrius  und  Förtuuatus  gefolgt  war^)  —  ver- 
fasste  er  eine  Bilderdichtung  im  grössten  Massstab:  De  laudi- 
biis  sanctae  enteis,  worin  das  Kreuz  in  28  „Figuren"  erscheint, 
die  in  Gedichten  von  Hexametern  sich  abgezeichnet  finden, 
indem  die  durch  die  Linien  der  Zeichnung  eingeschlossenen 
Buchstaben  wieder  zugleich  Verse  für  sich,  und  auch  andre  als 
Hexameter^)  bilden  —  eine  ebenso  ausserordentlich  künstliche 


1)  So  ermahnt  Raban  in  Hom.  5U  u.  a.  „aiiditum  a  scurrilitate  avertere, 
risum  excelsum  et  excussum  non  amare." Als  letzte  von  diesen  Ho- 
milien (No.  70)  findet  sich  ein  Aufsatz  über  die  Zurückführung  des  von 
Kosroe  geraubten  heil.  Kreuzes  nach  Jerusalem  durch  Kaiser  Heraklius, 
—  ein  im  späteren  IVIittelalter,  auch  in  den  Nationalliteratureu,  öfters  be- 
handelter Stoß";  aber  dieses  Stück  hat  weder  die  Form  der  Homilie, 
noch  den  Stil  des  Raban.  Da  es  von  Massmann  in  seinem  Eracles  nicht 
erwähnt  ist,  so  sei  hier  darauf  aufmerksam  gemacht. 

2)  Ich  sehe  hier  daher  von  einigen  andern,  in  denen  zum  Theil  Raban 
sich  selbst  copirt,  ganz  ab ;  ihre  Titel  findet  man  bei  Bahr  a.  a.  0.  nament- 
lich S.  434  und  435.  Das  von  Raban  redigirte  Poenitentiale  ist  wohl 
kirchenhistorisch  wichtig,  selbstverständlich  aber  kein  literarisches  Werk. 

3)  Vgl.  oben  S.  32;  Porphyrius  hat  sich  Raban  auch  direct  zum  Mu- 
ster genommen,  indem  er  in  dem  Prolog  rücksichtlich  der  Abkürzungen, 
die  er  sich  erlaubte,  auf  Porphyrius  sich  bezieht.  —  Vgl.  über  Fortunat 
Bd.  I,  S.  511.  —  Rabans  Gedicht  ist  am  besten  edirt  von  Henze.  Leipzig  1847. 

4)  So  finden  sich  bei  dem  Bilde  des  Kaisers  Ludwig  (im  Prooemium 


De  laudibus  sanctae  crucis.  1^3 

und  mühselige,  als  unpoetische  Arbeit.  Die  Anregung  zu  dieser 
Dichtung  hatte  Raban  sein  Freund  und  Mitschüler  bei  Alcuin, 
der  im  Malen  geschickte  Hatto  gegeben  0,  der  gewiss  die 
Zeichnungen  lieferte,  da  ihn  ßaban  in  einem  Schreiben  an  ihn, 
womit  er  die  Zusendung  des  vollendeten  Werkes  begleitete, 
als  seinen  Mitarbeiter  an  demselben  bezeichnet.-)  Jedem  Bil- 
dergedicht folgt  eine  Declaratio  figurae  in  Prosa,  die  auch  für 
das  Verständniss  der  „  Figur "  bei  der  Künstlichkeit  der  ganzen 
Composition  oft  sehr  wünschenswerth  ist.  Ja,  wegen  des  in 
Folge  der  Figuren  allerdings  sehr  „dunkeln  Ausdrucks"  der 
Gedichte,  indem  namentlich  mit  der  Wortstellung  in  der  will- 
kürlichsten Weise  umgesprungen  wird,  fügte  Raban ^)  noch  ein 
zweites  Buch  hinzu,  das  in  verständliche  Prosa  die  Gedichte 
umsetzt  —  der  beste  Beweis  von  der  Werthlosigkeit  solcher 
metrischen  Künste,  die  freilich  die  Mitwelt  und  auch  noch  eine 
spätere  Nachwelt  höchlichst  bewunderten^).  Dem  ganzen  Werk 
gehn  drei  Gedichte  voraus,  von  denen  aber  zwei  erst  später 
von  Raban  hinzugefügt  sind,  das  eine,  in  Distichen,  ist  an  den 
Papst  Gregor  gerichtet  bei  Uebersendung  eines  Exemplars, 
das  andre,  ein  Bildergedicht,  dessen  Haupttext  in  Hexametern, 
enthält  die  Widmung  des  ganzen  Werks  an  Ludwig  den  From- 
men, dessen  Bild  mit  Krone,  Kreuz  und  Schild  selbst  die 
Figur  ist ;  das  erste  der  Gedichte  aber ,  Intercessio  Albini  pro 
Mauro  betitelt,  in  Distichen,  enthält  die  an  den  heil.  Martin, 
den  Schutzpatron  des  Klosters  von  Tours,  gerichtete  Bitte 
Alcuins,  in  dessen  Namen  es  Raban  gedichtet,  das  Werk 
seines  Schülers  gnädig  aufzunehmen  und  für  diesen  Verzeihung 
von  Gott  zu  erflehen.  Dies  Gedicht,  welches  das  Verhältniss 
Rabans  zu  Alcuin  überhaupt  interessant  beleuchtet,  zeigt  recht. 


in  dem  den  Kopf  umgebenden  Kreis  die  beiden  adonischen  Yerse :  Tu  Hlu- 
dovicum  —  Cbriste  Corona;  im  Innern  des  Schildes  2  Distichen,  in  dem 
Kreuze,  das  Ludwig  hält,  asklepiadeische  Yerse  u.  s.  w. 

1)  S.  weiter  unten. 

2)  S.  das  Schreiben  bei  Kunstmann,   der  es  zuerst  veröffentlichte,  a. 
a.  0.  S.  169. 

3)  "Wie  er  sagt,  nach  den  Beispielen  des  Prosper  und  Sedulius.    Vgl. 
Bd.  I,  S.  352  und  302  f. 

4)  Die  Zeichnungen  bieten  indess  manches  kultur-  imd  kunsthistorische 
Interesse,  die  erste  Figur  ist  das  Bild  des  Gekreuzigten  selbst. 


144  Kaban. 

wie  dies  "Werk  selbst  unter  Alcuins  Auspicien  in  Tours  be- 
gonnen worden  istJ) 

Die  übrigen  Gedichte  Eabans  sind  zum  grössten  Theil 
mehr  oder  weniger  Gelegenheitspoesie  in  Distichen,  gleich 
der  des  Alcuin  und  Fortunat.  Einmal  Gedichte  an  Freunde  oder 
Gönner,  theils  kurze  von  epigrammatischem,  theils  längere  von 
epistolarischem  Charakter.  Einzelne  sind  auch,  wie  bei  For- 
tunat, im  Namen  von  andern  verfasst.^)  Zum  Theil  sind  sie 
von  Interesse  durch  die  Personen,  an  die  sie  gerichtet,  und 
als  Quelle  für  die  Lebensgeschichte  Rabans,  so  c.  XIV.  an 
Ratgar,  XV  und  XVI  an  Eigil,  XIX  an  Samuel,  oder  auch  in 
kulturgeschichtlicher  Beziehung,  wie  XVII  an  den  Bibliothekar 
Gerhoh,  XXX  an  Bouosus  (Hatto),  worin  das  Schreiben  mit 
dem  Malen  verglichen  und  jenem  der  Vorzug  gegeben  wird. 
Einzelne  längere  haben  auch  einen  allgemeineren  Inhalt.  — 
Ferner  hat  auch  Raban  nicht  wenige  Inschriften,  namentlich 
auf  Altäre,  sowie  Epitaphien  verfasst<,  die  zum  Theil  bedeu- 
tenden Männern  gewidmet  sind,  wie  dem  Kaiser  Lothar,  Al- 
cuin, den  Erzbischöfen  Heistulf  und  Otgar,  ferner  Eigil,  Ein- 
hard,  Ratleik,  Walahfrid,  auch  Raban  selbst.  —  Sind  auch  die 
meisten  dieser  Gedichte  blosse  Versification,  so  finden  sich  doch 
in  einzelnen,  namentlich  wo  das  Freundschaftsgefühl  des  Ver- 
fassers zum  Ausdruck  kommt,  ansprechende  Stellen.^) 

Zwei  Gedichte  Rabans  verdienen  noch  besondere  Erwähnung. 
Das  eine,  c.  XXXII,  in  dreizeiligen  Strophen^),  aber  unvoll- 
endet erhalten,  schildert  einem  abwesenden  „  Bruder "  die  durch 
die  Grausamkeit  Ratgars  herbeigeführte  Secessio  der  Fuldaer 
Mönche    mit   lebhaften  Farben;    das    andre,    c.  XXXI,  ist    ein 


1)  Zugleich  aber  auch,  dass  es  erst  nach  seinem  Tode  vollendet  ward, 
was  ja  mit  der  Angabe  der  Intercessio  selbst,  dass  Raban,  nachdem  er 
6  Lustra  vollendet,  das  Werk  herausgegeben,  vollkommen  übereinstimmt. 
Dies  hat  Kunstmann  S.  43  ganz  übersehen.  Sonst  müsste  man  annehmen, 
Alcuin  hätte  selbst  die  Intercessio  verfasst. 

2)  Z.  B.  c  V,  im  Namen  Isanberts.  Vgl.  in  Betreif  des  Vorgangs  For- 
tunats  Bd.  I,  S.  505  und  501. 

3)  Wie  in  dem  erwähnten  Gedicht  an  den  Jugendfreund  Samuel,  als 
er  noch  Presbyter  war.  An  ihn  sind  eine  ganze  Anzahl  Gedichte  ge- 
richtet. Unter  den  Epitaphien  sind  die  auf  Alcuin  und  Heistulf  in  for- 
meller Beziehung  hervorzuheben. 

4)  In  dem  Metrum:  ---^^-  —  ^^-^. 


Gedichte.  145 

langes  Gedicht  von  100  secbszeiligen  Strophen  und  zwar  ryth- 
mischer  iambiseher  Dimeter.  Auf  seine  Form  komme  ich 
zurück.  Was  den  Inhalt  betriift,  so  beginnt  es  mit  einem 
Preis  auf  die  Dreieinigkeit,  deren  wahres  "Wesen  der  Dichter 
verkündet,  darauf  singt  er  die  Schöpfung  der  Engel,  den  Ab- 
fall des  Lucifer,  die  Weltschöpfung,  den  Sündenfall,  die  Ver- 
treibung aus  dem  Paradies,  Abels  Ermordung,  die  Sündfluth, 
dann  den  erneuten  sittlichen  Verfall,  welcher  die  Sendung 
Christi  zur  Folge  hat,  dessen  Leben  und  Wunder,  Leiden, 
Höllenfahrt,  Auferstehung,  Himmelfahrt  und  endlich  das  jüngste 
Gericht,  bei  dessen  Schilderung  er  länger  verweilt;  ein  Gebet 
bildet  den  Beschluss.  Ein  darauf  folgendes  Distichon  zeigt 
noch  Kaban  als  Verfasser  an.  Diese  in  volksthümliclier  Form 
und  einfachem  Stile  gehaltene  Dichtung  erinnert  an  einzelne 
spätere  in  der  deutschen  Nationalsprache  selbst  verfasste,  als 
deren  Vorläufer  sie  erscheint. 

Raban  hat  auch  Hymnen  gedichtet,  es  werden  nicht  wenige 
ihm  mindestens  beigelegt,  aber  da  es  mir  nicht  möglich  ist 
die  in  der  That  authentischen  auszuscheiden,  muss  ich  auf  ein 
Urtheil  hier  verzichten.  Sicherlich  gehören  ihm  nur  gar  wenige 
von  den  ihm  zugeschriebenen  an.i) 


ZWEITES  KAPITEL. 

WALAHFRID    STRABO. 

Wohl  der  bedeutendste  Schüler  Rabans  ist  der  Haupt- 
vertreter der  schönen  Literatur  in  Ostfrancien  damals,  Walah- 
FEiD  Steabo-),   der  allerdings  seine  erste  Ausbildung  einer 


1 )  Dafür  spricht  auch  dass  Walahfrid  in  seinem  Buche  De  exordiis  etc. 
Eabans  als  HjTiinendichter  gar  nicht  erwähnt.  (S.  weiter  unten.)  Für  die 
Aechtheit  der  Hymne  ]Je  ascensione  domini:  Festum  nunc  celebre  magna- 
que  gaudia,  bei  Daniel,  Thesaur.  hymn.  I,  p.  217,  könnte  das  auch  sonst 
von  Raban   angewandte  asklepiadeische  Metrum  sprechen. 

2)  Walafridi  Strabi  opera  omnia  ex  editione  Duacensi  et  collectionibus 
Mabillonii,  Dacherü  etc.  nunc  primum  in  unum  coadunata.  Accur.  Migne. 
2  Tom.  Paris  1S.52.  (Patrol.  lat.  T.  113—114).  —  Bibliotheca  Patrum  ma- 
xima.  Lugdun.  1677.  T.  XV.  —  *Canisius,  Lectiones  antiquae.  Ed.  Basnage 

Ebert,  Literatur  des  UitteUltere  II.  10 


146  Walahfrid  Strabo. 

andern  Kulturstätte  Deutschlands  in  jener  Zeit,  dem  Kloster 
Reichenau  auf  einer  Insel  des  Bodensees  verdankte.  Walah- 
frid führte  seinen  Beinamen,  der  auch  in  der  Form  Strubus 
sich  findet,  weil  er  schielte:  er  hatte  ihn  aber  ganz  adoptirt 
und  zwar  vornehmlich  in  der  letzteren  Form^),  so  dass  er 
selbst  sich  so,  ohne  weiteren  Zusatz"-),  nennt.  Er  stammte  aus 
Alamannien  und  war  von  geringer  Herkunft.  Er  war,  was 
mir  am  wahrscheinlichsten  dünkt,  um  das  Jahr  809  geboren.  3) 
Nach  Reichenau  kam  er  unter  Abt  Haito,  der  von  806 — 823 
dem  Kloster  vorstand.  Dort  war  zuerst  der  Neffe  Haito's, 
Erlebald,  ein  sehr  gebildeter  Mann,  der  mit  seinem  Oheim  auch 
Byzanz  besucht  hatte,  sein  Hauptlehrer,  dann  als  dieser  823 
dem  abdankenden  Haito  in  der  Abtwürde  folgte,  Wettin,  „der 
berühmte  Magister",  wie  ihn  Walahfrid  selbst  nennt;  er  war 
einst  zugleich  mit  Erlebald  zu  seiner  weitern  wissenschaftlichen 
Ausbildung   von  Haito  zu  einem  gelehrten  Schotten^)  gesandt 


Tom.  II,  Pars  2.  Antwerpen  1725.  p.  l&üff.  (Enthält  die  meisten  der  Ge- 
dichte). —  Versus  in  Aquisgrani  palatio  editi  anno  Hludovici  imperatoris 
XVI  de  imagine  Tetrici,  herausgeg.  von  Dümmler,  in:  Zeitschr.  f.  deutsch. 
Alterth.  Bd.  XII,  S.  461  ff.  —  Walafridi  Strab.  Hortulus,  auctore  Reuss, 
Würzburg  1834.  —  Macer  Floridus  De  viribus  herbarum  una  cum  Wala- 
fridi etc.  carm.  ed.  Choulant.  Leipzig  1832. König,  Ueber  Walafrid 

Strabo  von  Reichenau,  in:  Freiburger  Diöcesanarchiv.  Bd.  3.  1860.  —  Bock, 
Die  Reiterstatue  des  Ostgothen  Theodorich,  in :  Jahrbücher  des  Vereins  v. 
Alterthumsfreunden  im  Rheinlande  Heft  V  (1844)  (Geht  auch  auf  die  Bio- 
graphie W.s  ein).  —  Ebert,  Zu  der  Lebensgeschichte  Walahfrid  Strabo's, 
in:  Sitzungsber.  d.  k.  sächs.  Gesellsch.  d.  Wiss.  1878,  S.  lOOff.  — Dümm- 
ler, N.  A.  S.  270  ff. 

1)  S.  die  Schlussdistichen  der  Versus  de  imag.  Tetrici,  worin  er  dies 
selbst  sagt  und  scherzend  motivirt. 

2)  S.  z.  B.   die  Praefatio  zur  Epitome  der   Commentare  Rabans  zum 
Leviticus:  ego  Strabus,  tradenti  etc.  und  seine  Gedichte. 

3)  S.  meinen  Aufsatz  S.  100.  Ebenso  für  die  andern  Zeitbestimmungen. 

4)  So  sagt  Walahfrid  in  De  visionibus  Wettini,  wo  er  ausführlich  seiner 
Lehrer  gedenkt  (s.  weiter  unten): 

Mittitur  (Erleb.)  ad  quemdam,  socio  comitatus,  ab  inde, 
Cuius  multa  viret  sapientia  dogmate,  Scottum. 
Ganz  unbegreiflich  ist,  wie  noch  König  S.  357  unter  diesem  Schotten  Al- 
cuin  verstehen  kann.  Wo  ist  derselbe  je  ein  Schotte  genannt  worden! 
Eher  wäre  an  Clemens,  den  damaligen  Lehrer  der  Hofschule  Karls,  zu 
denken;  der  war  wenigstens  ein  Schotte.  Zweifel  erweckt  aber,  dass  hier 
speciell  die  theologische  Gelehrsamkeit  des  Schotten  betont  wird. 


Leben.  147 

worden.  Walahfrid  wurde  Wettins  Lieblingsscliüler :  ihm  dic- 
tirte  derselbe  seinen  letzten  Willen,  während  er  dem  Lehrer 
das  schönste  Denkmal  in  einer  Dichtung  setzte,  die  seinen 
Namen  der  Nachwelt  erhielt.  Neben  und  nach  Wettin  unter- 
richtete ihn  Tatto,  der  zuerst  in  Reichenau,  dann  auf  der  Hof- 
schule gebildet  war ;  kürzere  Zeit  auch  der  spätere  Erzcapellan 
Ludwigs  des  Deutschen  Grimald,  der  noch  Alcuins  Schüler 
gewesen  sein  soll.')  Trotz  dieser  Ausbildung  durch  so  viele 
tüchtige  und  angesehene  Lehrer  begab  sich  Walahfrid  doch 
noch  nach  Fulda  (um  827),  um  Rabans  Schüler  zu  werden  — 
ein  neues  Zeichen,  welche  hohe  Autorität  dieser  besass.  Hier 
schloss  er  mit  Gottschalk  ein  Freundschaftsbündniss,  wovon 
noch  ein  späteres  an  diesen  gerichtetes  Gedicht  Walahfi-ids 
zeugt.  Eine  Zeitlang  scheint  er  auch  in  einer  einsamen  Cella 
des  Klosters  Fulda  gelebt  zu  haben,  vielleicht  um  ganz  unge- 
stört zu  studiren. 

Nachdem  Walahfrid  aber  Fulda  verlassen,  gerieth  er,  arm 
wie  er  von  Haus  aus  war ,  in  die  bedrängteste  Lage ,  da  er, 
man  weiss  nicht  aus  welchem  Grunde,  nach  Reichenau  nicht 
zurückkehrte.  Aus  dieser  Lage  wurde  er,  wie  er  selbst  in  einem 
Gedichte  sagt,  mit  einem  Male  durch  den  Erzkanzler  Hilduin 
herausgerissen  und  zu  einer  Ehreustelle  erhoben.  Dies  ge- 
schah meines  Erachtens  offenbar  nachdem  Walahfrid  in  Achen 
829  durch  Hilduin  dem  Kaiser  empfohlen  worden  war.  Seinen 
Dank  zollte  er  damals  durch  eine  Dichtung,  worin  er  Ludwig 
den  Frommen,  seine  Familie  —  vor  allen  Judith  —  und  seinen 
Hof  preist,  auch  des  Hilduin  selbst  gedenkt.  Walahfrid  kam 
in  die  Dienste  der  Judith  und  ihres  Sohnes,  des  Knaben  Karl, 
dessen  Erzieher  er  wurde.-)  An  ihren  wie  an  des  Kaisers 
Schicksalen  in  den  folgenden  stürmischen  Jahren  nahm  er  den 
innigsten  Antheil.  Die  schöne  geistvolle  Frau,  die  er  hübsch 
des  Lichtes  Freundin^)  in  einem  Gedichte  nennt,  die  Kunst 
und  Wissenschaft  liebte  und  selbst  pflegte,  musste  der  poe- 
tischen Natur  des  jungen  Gelehrten  ungemein  sympathisch 
sein.  Ludwig  der  Fromme  verlieh  denn  auch  Walahfrid  zum 
Lohne    seiner  Treue    und   Dienste   die  Abtei  Reichenau  nach 


1)  Monachiis  Sangall.  I,  c.  9.        2)  S.  darüber  meinen  Aufsatz  S.  103  ff. 
3)  Lucis  ainica  in  dem  auf  die  Versus  de  imag.  Tetrici  folgenden  Ge- 
dicht: Ad  Judith  imperatricem. 

10* 


148  Walahfrid  Strabo. 

Erlebaids  Tode  i.  J.  838.  Aber  er  verlor  sie  schon  ein  paar 
Jahre  darauf  wieder,  als  er  nach  dem  von  ihm  sehr  beklagten 
Tode  des  alten  Kaisers  in  dem  neu  entbrannten  Bürgerkriege 
Partei  ergreifen  musste,  und  dem  Grundsatz  der  Reichseinheit 
treu  bleibend  an  Lothar  sich  anschloss.  Durch  Ludwig  den 
Deutschen  von  Reichenau  vertrieben,  floh  er  nach  Speier.  Aus 
dieser  Verbannung  wurde  er  aber  842  erlöst  und  in  seine  Abtei 
wieder  eingesetzt,  wohl  durch  den  Einfluss  seines  Freundes 
und  Lehrers  Grimald,  der,  Kanzler  Ludwigs  des  Deutschen, 
ihn  mit  dem  neuen  Landesherrn  versöhnt  haben  wird.  Indess 
nur  sieben  Jahre  war  es  dann  noch  Walahfrid  vergönnt,  in 
seiner  angesehenen  Stellung,  in  welcher  er  auch  als  ausge- 
zeichneter Lehrer  thätig  war'),  zu  wirken;  schon  849,  also  im 
besten  Mannesalter,  starb  er  auf  einer  Reise,  die  er  zu  seinem 
Schüler  Karl  im  Auftrage  seines  Königs  Ludwig  unternahm, 
beim  Uebergang  über  die  Loire.  Seine  Gebeine  aber  wurden 
in  Reichenau  bestattet. 

Ganz  im  Gegensatz  zu  seinem  Lehrer  Raban  besass  Wa- 
lahfrid  eine  wahre  poetische  Begabung,  die  sich  zunächst 
schon  in  früher  Jugend  in  einer  nicht  geringen  Befähigung  zur 
lateinischen  Versification  kundgab;  er  hat  viel  in  Versen  ge- 
schrieben, offenbar  mehr  noch  als  uns  erhalten:  aber  er  war 
nicht,  wie  so  viele  andre  jener  Zeit,  ein  blosser  Versemacher, 
sondern  er  bewährt  sich  in  einzelnen  kleineren  Gedichten  wie 
in  manchen  Partien  seiner  grösseren  Dichtungen  auch  als 
wahrer  Poet.  Er  zeigt  eine  wirklich  ästhetische  Empfindung, 
er  hat  nicht  bloss  ein  lebhaftes  reiches  Gefühl  für  sittliche 
Grösse,  sondern  auch  einen  feinen  Sinn  für  Naturschönheit; 
er  hat  nicht  bloss  geistliche,  sondern  auch  weltliche  Dich- 
tungen verfasst,  wie  er  in  der  Schule  der  heidnischen  klassi- 
schen lateinischen  Dichter  nicht  minder  als  in  der  der  christ- 
lichen sich  gebildet  hatte:  so  setzt  er  die  humanistischen  Be- 
strebungen und  auch  die  weltliche  Hofpoesie  der  ersten 
Renaissance,  des  Zeitalters  Karls  des  Grossen,  fort.  Einzelne 
SBiner  Poesien  bieten  noch  ein  besonderes  literarhistorisches 
Interesse,  wie  wir  sehen  werden,  dar. 

Dies  gilt  sogleich  und  vor  allem  von  der  wohl  ältesten 


1)  Nach  der  Gelehrsamkeit   seines  Schülers  Ermaiirich  zu  urtheüen; 
s.  über  ihn  weiter  unten. 


De  visionibus  Wettini.  1-1-9 

seiner  grösseren  Dichtungen:  De  visioiühus  Wettini,  über  die 
Gesichte,  welche  Wettin,  sein  geliebter  Lehrer,  kurz  vor  seinem 
Tode  (Nov.  824)  von  der  jenseitigen  Welt  hatte.  Dieses  Werk 
ist  die  erste  Darstellung  einer  solchen  Vision  in  Versen,  mit 
welcher  diese  besondere  Species  mittelalterlicher  Dichtungen 
beginnt,  die  ihre  höchste  Vollendung  in  Dante's  göttlicher  Ko- 
mödie findet;  mit  dieser  selbst  theilt  das  Werk  aber  auch 
manche  einzelne  Züge'},  was  seine  literarhistorische  Bedeutimg 
nicht  wenig  vermehrt.  Es  ist  übrigens  nur  zu  einem  geringern 
Theile  dem  Inhalt  nach  ein  Original  werk,  vielmehr  zum 
grössern  eine  blosse  Uebertragung  einer  Prosaschrift  des  Abts 
Haito  in  Vers  und  poetischen  Stil,  gleich  den  damals  so  ge- 
wöhnlichen Versificationen  der  Prosalegenden.-)  Der  eigent- 
liche Autor  aber  ist  Wettin  selbst,  dessen  Erzählung,  sogleich 
nach  seinem  Erwachen  von  den  Mönchen  aufgezeichnet 3),  die 
Grundlage  der  Schrift  des  Abtes  bildete.  Das  Gedicht,  das 
gegen  1000  Hexameter  zählt,  ist  wohl  nicht  vor  dem  Jahre  826 
verfasst^)  und  Grimald  von  Walahfrid  gewidmet,  der,  wie  er 
selbst  im  Vorwort  sagt,  damals  fast  sein  achtzehntes  Jahr 
vollendet  hatte.  In  Anbetracht  dieser  Jugend  ist  schon  der 
leichte  Fluss  des  Verses  ein  Zeugniss  der  besondern  Begabung 
und  Bildung  des  frühreifen  Autors.  Aber  Walahfrid  hat.  sich 
nicht  auf  eine  blosse  Versification  beschränkt,  sondern  er  hat 
auch  eigene  grössere  und  kleinere  Zusätze  gemacht:  so  hat  er 
eine  kulturgeschichtlich  interessante  Einleitung  von  über  150 
Hexametern  vorausgesandt,  worin  er,  nach  Aufzählung  der 
Aebte  Reichenau's  von  der  Gründung  des  Klosters  an  bis  auf 
Haito ,  von  dessen  und  seines  Nachfolgers  Erlebald  Leben  ein 
eingehendes,  liebevoll  ausgeführtes  Bild  entwirft. 

Walahfrid  geht  dann  zu  Wettin  über,  dessen  Gelehrsam- 


1)  Ich  habe  sie  bei  der  folgenden  Analyse  besonders  berücksichtigt; 
zu  ihnen  gehört  namentlich  die  RoUe  des  Führers  (ductor).  die  Art  wie  die 
Strafe  die  Sünde  malt,  das  Zeitgenössisch  -  persönliche,  die  himmlische 
Hierarchie  des  Paradieses ;  was  das  Locale  anlangt,  der  bis  in  den  Himmel 
sich  erhebende  Berg  des  Fegefeuers. 

2)  Ygl.  oben  S.  24.  Haito's  Schi-ift  findet  sich  in  Mabillons  Acta  SS.  ord. 
S.  Bened.  Saec.  FV,  pars  1  und  bei  jNIigne,  Patrol.   lat.  Bd.  105,  p.  770  ff. 

3)  Auf  Wettins  dringende  Bitte,  in  der  Voraussicht  seines  baldigen 
Todes,  s.  c.  19  der  Schrift  Haito's. 

4)  S.  meinen  Aufsatz  S.  101. 


150  Walahfrid  Strabo. 

keit  und  Charakter  er  hoch  rühmt,  und  erzählt,  wie  derselbe 
nach  dreitägigem  Kranksein  —  offenbar  im  Fieber  —  zunächst 
das  Gesicht  von  dem  bösen  Geist  in  Gestalt  eines  Klerikers 
hat,  dem  sich  dann  eine  ganze  Schaar  von  bewaffneten  Teu- 
feln, den  Kranken  zu  bedrängen,  anschliesst.  Aber  ein  paar 
himmlische  Gestalten  in  Mönchsgewand  erscheinen  und  ver- 
scheuchen die  bösen  Geister,  und  ein  Engel  —  wie  derselbe 
später  selbst  sagt,  Wettins  Schutzengel ^j  —  kommt  ihn  zu 
trösten.  In  der  Unterhaltung  mit  ihm  erwacht  Wettin;  er 
bittet  dann  die  sein  Lager  umstehenden  Brüder,  für  ihn  zu 
beten  und  aus  den  Dialogen  des  heil.  Gregor  ihm  vorzulesen 
—  und  wie  Haito  bemerkt,  geschieht  dies  mit  den  ersten  neun 
bis  zehn  Blättern  des  letzten  Buchs,  in  diesem  werden  aber 
gerade  Visionen  erzählt;  eben  diesen  Abschnitt  hatte  wohl 
auch  der  Kranke  selbst  verlangt,  der  sich  also  gleichsam  zum 
Empfang  eines  neuen  Gesichtes  vorbereitete.  Dieses  bleibt 
denn  in  der  That  nicht  aus,  nachdem  Wettin  wieder  ent- 
schlummert ist.  Der  Engel,  der  ihm  früher  erschienen,  kehrt 
zurück  und  führt  ihn  auf  einem  reizenden  Wege,  dort  sieht  er 
ungeheuere  Berge  von  unglaublicher  Schönheit  als  wären  sie 
von  Marmor.  Sie  umgibt  ein  feuriger  Fluss,  in  welchem  un- 
zählige Verdammte  sich  befinden,  die  die  verschiedenste  Folter 
erdulden;  unter  ihnen  gewahrt  Wettin  sehr  viele  Priester, 
höheren  wie  niederen  Ranges,  die  zugleich  mit  Weibern,  mit 
welchen  sie  Umgang  gehabt,  bestraft  werden.  Manche  der 
Priester  erkennt  er  auch.  Den  Betrachtungen,  die  Haito  darauf 
über  die  Unsittlichkeit  der  Priester  anstellt,  schliesst  Walah- 
frid hier  eine  eigene  lebhafte  Mahnrede  an  sie  an. 

Nachdem  Wettin  also  die  Hölle  geschaut,  welche  offenbar 
nach  dem  Vorgang  Gregors-)  der  feurige  Fluss  —  der  Phlege- 
thon  der  Alten  —  bedeutet,  lernt  er  nun  auch  das  Purga- 
torium  kennen:  so  sieht  er  einmal  einen  furchtbaren  mit 
Rauch  angefüllten  Thurm,  worin  Mönche  der  Reinigung  halber 
sich  auf  halten  3),  wie   er  auf  seine  Frage   von  dem  Engel  er- 

1) Ego  sum  qui  te  servare  iubebar, 

Angelus  et  custos  rerum  persisto  tuarum. 

Canisius  p.  216.     Migne  T.  II,  p.  1077  B. 
2)  Vgl.  Bd.  I,  S.  522  u.  616;  aber  auch  der  Apocalypse  c.  21,  v.  8. 
3)  Yidit  et  horrendum  ligni  lapidisque  opus  illic 
Materia  exstructum.  castelli  more  locatum, 


De  visionibus  Wettini.  151 

fährt,  der  einen  besonders  nennt,  welcher  wegen  seiner  Hab- 
gier in  einer  bleiernen  Kiste  eingeschlossen,  den  jüngsten  Tag 
erwarten  muss;  danach  aber  erblickt  "Wettin  einen  bis  zum 
Himmel  hohen  Berg,  worauf  sein  „Führer"  {ductor)  sagt,  auf 
der  Spitze  desselben  verweile  zu  seiner  Reinigung  ein  Abt, 
der  vor  einem  Decennium  gestorben,  der  Wuth  der  Stürme 
und  des  Regens  ausgesetzt  —  Wind  und  Wasser  also  reinigen 
hier  — :  dieser  Abt  aber  ist  Waldo  von  Reichenau,  wie  ein 
Acrostichon  an  dieser  Stelle  der  Dichtung  anzeigt,  i)  Auch  ein 
Bischof,  der  von  solchen  Visionen  nichts  wissen  wollte,  sie 
vielmehr  delirampiiia  nannte,  weilt  dort;  auch  sein  Name  wie 
der  von  andern,  die  hier  büssen,  wird  durch  ein  Acrostichon 
angegeben."-)  Zu  ihnen  gesellt  sich  kein  Geringerer,  als  der 
grosse  Karl  selbst,  der  hier,  wie  Wettin  mit  Schrecken  schaut, 
für  seine  Ausschweifungen  büsst,  denen  er  selbst  bis  zum  Tode 
sich    hingab.'^)     Der    Dichter   widmet    ihm    aber    im    übrigen 


Ordine  confuso,  siimmo  atque  vapore  repletum. 
Territiis  bis  frater  quaerens,  qui  mansor  inesset, 
Aucliit  inclusam  monachum  pro  sorte  catervam 
Purgandi  variis  patriisque  locisque  maneiitum. 

Canisius  p.  211.     Migne  1.  1.  p.  1071  C. 
1)  His  visis.  celsum  coelo  moiitemque  propinquum 
Aspiciunt,  tum  ductor  ait:  hac  arce  tenetur 
Abbas.  ante  decem  corpus  qui  liquerat  annos. 
Fentoi'um  incursus  tempestatumque  furores, 
rim  pluviae.  multumque  (fcrens?)  discrimen  ibidem, 
^bluit  incauto  quidquid  neglexerat  aetu.  —  — 

Canisius  1.  1.  Migne  1.  1.  p.  1072  A. 

2)  Ein  paar  der  Acrosticha  hat  zuerst  Bock  entdeckt  a.  a.  0.  L,  S.  68. 

Durch  solche  Angabe  von  Namen  unterscheidet  sich  das  Gedicht  auch  von 

der  Prosa,  die  sie  verschweigt. 

3)  Cbntemplatur  item  quemdam  lustrante  pupilla. 
Jusoniae  quondam  qui  regna  tenebat  et  altae 
i?omanae  gentis.  fixe  consistere  gi'essu, 
Oppositumque  animal  lacerare  virilia  stantis, 
Zaetaque  per  reliquum  corpus  lue  membra  carebant. 
Fiderat  haec,  magnoque  stupens  terrore  profatur: 
iS'ortibus  hie  hominum.  dum  vitam  in  corpore  gessit, 
/ustitiae  nutritor  erat  saecloque  modemo 
i)/axima  pro  Domino  fecit  documenta  vigere, 
/^•otcxitque  pio  sacram  tutamine  plebem: 
Et  velut  in  mundo  sumpsit  speciale  cacumen, 


152  AValahfrid  Strabo. 

schöne  Worte  des  Lobs,  denn  auch  der  Engel  versichert,  dass 
Karl  zum  ewigen  Leben  bestimmt  sei.  —  Dort  sah  dann 
Wettin  auch  prachtvolle  Geschenke  von  dem  Teufel  zuge- 
rüstet, kostbare  Gewänder,  reich  geschmückte  Rosse  u.  s.  w. ; 
es  sind  die  Mittel  der  Bestechung  der  Grafen,  welche  die  hier- 
her kommenden  Sünder  dort  vorfinden.  Gegen  diese  untreuen 
Beamten  flicht  hier  der  Dichter  eine  heftige  Invective  ein. 
Darauf  führt  aber  die  Erzählung  Wettin  zu  den  Mauern '}  einer 
prachtvollen  Besitzung  (sedes)  mit  Bogen  von  Gold  und  Silber 
—  die  Beschreibung  der  Oertlichkeit  ist  wenig  klar  — :  es  ist 
das  Paradies,  und  hier  verkündigt  der  Engel  seinem  Be- 
gleiter, dass  derselbe  am  Tage  darauf  das  irdische  Leben  ver- 
lassen werde,  und  nun  erstreben  möge,  noch  sich  der  Gnade 
Christi  zu  versichern.  Wettin  sucht  sie  dann  durch  die  Für- 
bitte der  Heiligen  zu  erlangen,  zunächst  der  Priester,  dann  der 
MärtjTer,  die  zum  Throne  Christi  deshalb  hinziehen,  aber  ver- 
geblich durch  diese ;  erst  die  Fürsprache  der  heiligen  Jungfrauen 
hilft  ihm.  Hier  folgt  nun  ein  Preis  der  Jungfräulichkeit  von  Seiten 
des  Dichters,  dann  eine  heftige  Strafpredigt  des  Engels  gegen 
deren  ärgste  Feindin,  die  Sodomie-)  —  und  der  Engel  fordert^ 
dass  Wettin,  ins  Leben  zurückgekehrt,  seine  Worte  mittheile  — 
ferner  weitere  Ermahnungen  an  die  Mönche  und  Nonnen;  und 
zum  Schluss  seiner  Rede  rühmt  der  Engel  einen  grossen  Wohl- 
thäter  des  Klosters,  Gerold,  den  Bruder  der  Gemalin  Karls, 
Hildegard.  —  Hiermit  schliesst  die  Geschichte  der  Vision;  der 
Dichter  erzählt  dann  noch,  wie  Wettin  nach  seinem  Erwachen 
sie  mittheilte,  und  das  Ende  desselben,  wobei  er  einzelnes  in- 
teressante zu  Haito's  Darstellung  hinzufügt. 

Ausser  der  eben  betrachteten  hat  Walahfrid  noch  mehrere 
andre   grössere   erzählende   oder  beschreibende   Dichtungen  in 


iiecta  volens  dulcique  volans  per  regiia  favore. 

Ast  hie  quam  saeva  sub  conditione  tenetur, 

Tarn  tristique  notam  sustentat  peste  severam, 

Oro,  refer.     Tum  ductor:  In  bis  cruciatibus,  mquit, 

i?estat  ob  hoc,  quando  bona  facta  libidine  turpi 

Foedavit  etc.        Canisius  p.  212.    Migne  1.  1.  p.  1073  B. 

1)  Der  Visionär  hat  wohl  an  die  Mauern  des  himmlischen  -Jerusalem 
gedacht.     Apocalyps.  c.  21,  v.  12.    Vgl.  auch  Bd.  1,  S.  616. 

2)  Vgl.  Prudentius'  Psychomachia  (v.  40  ff.),  wo  mit  der  Pudicitia   die 
Sodomita  libido  kämpft.     S.  auch  Bd.  I,  S.  272. 


Vita  S.  Blaitmaici.    Yita  S.  Mammae.  153 

Hexametern  verfasst,  von  welchen  zwei  noch  der  geistlichen 
Poesie  angehören.  Es  sind  zwei  Heiligenleben,  die  stofflich 
interessanter  als  viele  sind  und  einen  gewissen  poetischen  Reiz 
besitzen.  Das  eine,  kürzer  und  früher  verfasst,  ist  die  Vita 
S.  Blaitmaici  (10  Capp.  und  gegen  200  Y.).  Der  Held  ist  ein 
irischer  Königssohn  und  Thronerbe,  der,  von  Jugend  auf  zur 
Askese  geneigt,  heimlich  in  ein  Kloster  geht.  Vergeblich 
sendet  der  Vater  die  weltlichen  und  geistlichen  Grossen  ihn 
zurückzuführen.  Blaitmaic  glänzt  dann  bald  durch  seine  Tu- 
genden wie  seine  Gelehrsamkeit.  Aber  er  wünscht- sich  noch 
die  Palme  des  MartA^rthums  und  so  begibt  er  sich  deshalb  nach 
der  Insel  Hy  bei  Schottland,  die  den  Angriffen  der  Normannen 
so  sehr  ausgesetzt  war.  Bei  einem  solchen  findet  er  denn  auch 
den  ersehnten  Tod,  indem  er  den  kostbaren  Sarg  des  Columba 
auszuliefern  verweigerte.  —  Die  Katastrophe  ist  mit  grosser 
Lebendigkeit  erzählt,  wie  sich  denn  überhaupt  diese  Vita  durch 
Kürze  der  Darstellung  und  einen  kräftigen  Versbau  auszeichnet. 
Weit  umfangreicher  (26  Capp.  und  gegen  650  V.),  aber  in 
der  Ausführung  weniger  zu  loben  ist  das  andre  Gedicht,  die 
Vita  S.  Mammae.  Ihm  geht  ein  Vorwort  in  einem  besondern 
Metrum,  dem  kleineren  asklepiadeischen,  voraus,  demselben  wel- 
ches Prudentius  zu  seiner  Praefatio  des  ersten  Buches  Contra 
Symmachum  verwandte.  Hier,  wie  schon  in  einem  Prolog  zu 
der  andern  Vita,  stellt  Walahfrid  diese  poetischen  Heiligen- 
leben den  antiken  Epen  gegenüber,  die  Heiligen  sind  die 
christlichen  Heroen,  eine  ja  alt  überlieferte  Anschauung.  — 
Der  Held  dieser  Dichtung  ist  eine  originelle  Persönlichkeit. 
Mammes  aus  Caesarea  ist  auch  schon  als  Kind  der  Askese 
ergeben.  Früh  verwaist,  flüchtet  der  zwölfjährige  bei  der 
Christenverfolgung  unter  Aurelian  ins  Gebirge,  wo  er  Schafe 
hütet  und  von  ihrer  Milch  lebt.  In  wunderbarer  Weise  erhält 
er  dort  die  besondere  Gnade,  das  Evangelium  den  Thieren  des 
Waldes  zu  predigen,  die  in  einer  kleinen  Kapelle  um  ihn  sich 
versammeln,  seinem  Vortrag  der  Bibel  zu  lauschen,  und  kniend 
adoriren.i)   Es  sind  die  wilden  Schaf-  oder  Ziegenherden.    Sie 


\)  Dumque  sacros  versus  depromeret  ore  beato, 
SUvestres  venere  greges,  animalia  iussu 
Acta  Dei.  üxoque  genu  pationter  adorant. 
Quo  recitante  tacent  et  acutis  auribus  adstant  etc.  c.  4. 


154  "Walabfrid  Strabo. 

lassen  sich  dann  nach  diesem  Gottesdienst  von  dem  Heiligen 
melken,  der  von  der  Menge  der  Milch  Käse  bereitet  und  ihn 
den  Armen  verschenkt.  Neidische  Bürger,  die  das  Wunder 
mit  ansahen,  klagen  Mammes  der  Zauberei  an.  Der  Präses 
sendet  Häscher  aus  ihn  vorzuführen,  aber  sie  wagen  nicht  ihn 
anzutasten.  Mammes  stellt  sich  freiwillig.  Er  läugnet,  auf 
Zauberei  sich  zu  verstehen,  aber  er  verweigert,  dies  bei  Caesar 
und  Fortuna  zu  beschwören,  oder  den  Göttern  zu  opfern.  So 
wird  er  gefoltert  und  in  das  Gefängniss  gesetzt ;  dorthin  bringen 
ihm  Tauben  Speise.  Vergeblich  wird  er  dann  in  einen  feurigen 
Ofen  geworfen:  eine  Taube  vom  Himmel  gesandt,  löscht  die 
Flamme.  Nun  soll  er  im  Amphitheater  von  wilden  Thieren 
zerrissen  werden,  aber  sie  schmeicheln  ihm,  ja  einer  der  Löwen 
zerreisst  statt  seiner  die  zuschauenden  Heiden  und  Juden.  Auch 
gesteinigt,  bleibt  Mammes  unverletzt.  Nachdem  er  so  über 
seine  Feinde  triumphirt,  wird  er  durch  eine  himmlische  Stimme 
abberufen:  er  bittet  für  jene  und  entschläft.  Der  Dichter 
schliesst  mit  seinem  Lobe,  indem  er  ihn  mit  andern  Frommen 
vergleicht. 

Die  Wahl  des  Stoffes  zeigt  den  Dichter,  denn  in  jenem 
steckt  in  der  That  ein  poetischer  Kern,  aber  er  ist  zu  wenig 
herausgearbeitet,  dabei  ist  die  Darstellung  zu  weitläufig  und 
das  Pathos  hält  sich  nicht  überall  frei  von  Schwulst.  Andrer- 
seits finden  sich  aber  auch  manche  anziehende  Stellen,  und  für 
jene  Zeit  war  selbst  das  Ganze  in  seinem  leicht  fliessenden 
Vers  immerhin  keine  geringe  Leistung.') 

Von  besonderem  Interesse  sind  dagegen  die  beiden  grösse- 
ren weltlichen  Dichtungen.  Die  ältere  ist  jenes  Gedicht,  durch 
welches  Walahfrid  in  Achen  829  seine  erste  Huldigung  dar- 
brachte und  seine  erste  Begegnung  mit  dem  Kaiser  und  seinem 
Hofe  erzählt,  die   Versus  de  imagine  Tefr/ci-),  268  Hexameter 


1)  Doch  verscbmäht  auch  Walahfrid  nicht  ganz  den  Effect  formeller 
Künsteleien,  wie  hier  und  da  einmal  die  Alliteration  in  übertriebener 
Weise,  z.  B.  c.  9: 

Flectere,  frange  fidem,  facilis  fuga,  forte  furoris 
und  kurz  A'orher:  Nee  poteris  poenas  penitus  perferre  paratas. 

2)  Die  vollständige  Ueberschrift  s.  oben  S.  145  Anm.  2.  —  S.  darüber 
namentlich  Bock,  Die  Reiterstatue  des  Ostgothenkönigs  Theodorich  vor  dem 
Palaste  Kai-ls  d.  Gr.  zu  Achen,  in:  Jahrbücher  des  Vei-eins  von  Alter- 
thumsfreunden  im  llbeinlande.  Hft.  L.  Bonn  1871.  u.  vgl.  damit  die  frühere 


De  imagine  Tetrici.  155 

mit  einem  Nachwort  von  3  Distichen.  Dieses  literargeschicht- 
lich  wie  historisch  interessante  Werkeheu  hat  auch  eine  origi- 
nelle Einkleidung.  Es  beginnt  nämlich  mit  einem  Zwiege- 
spräch des  Strabus  und  seiner  Scintilla,  d.  h.  seinem  poetischen 
Genius,  während  der  Dichter  neben  der  vor  dem  kaiserlichen 
Palast  zu  Achen  aufgestellten  Reiterstatue  des  grossen  Theo- 
derich sich  befindet,  die  Karl  der  Grosse  801  von  Ravenna 
entführt  hatte.  Strabus  fragt  die  Scintilla,  warum  sie  in  dieser 
holden  Frühlingszeit  —  die  er  kurz  schildert  —  seinem  Rufe 
nicht  antworte.  Scintilla  erwiedert:  er  werde  wohl  wissen, 
wie  die  alten  Dichter  um  zu  singen  die  Natureinsamkeit  auf- 
gesucht hätten;  hier  aber  sei  kein  Ort  zum  Dichten,  hier  wo 
eine  schmutzige  Menge  sich  dränge,  wo  Bettler  und  Kläger 
laut  lärmten.  Er  möge  deshalb  verzeihen,  wenn  sie  nur  wenig 
rede,  da  sie  ihm  doch  antworten  wolle.  Der  Dichter  fragt 
nun  nach  der  Bildsäule,  neben  der  er  sich  befindet,  und  Scin- 
tilla erklärt  sie  ihm,  die  Einzelheiten  deutend.  Tetricus  — 
Dietrich  —  wird  hier  im  Geiste  der  römisch  -  klerikalen  wie 
römisch -nationalen  Ueberlieferungi),  indem  namentlich  auch 
Boetius-)  Walahfrids  Urtheil  beeinflusste,  als  der  abscheuliche, 
der  Hölle  überlieferte  Tyrann  betrachtet,  zugleich  aber  als  ein 
Typus  der  Avaritia  und  Superbia,  in  welchem  Sinne  Einzel- 
heiten des  Kunstwerks  gedeutet  werden.  Dieses  Gespräch  über 
die  Statue  des  Tyrannen  bildet  aber  nur  die  Folie  für  die 
folgende  Darstellung,  einen  Panegyricus  auf  Kaiser  Ludwig, 
der  das  vollkommene  Gegentheil  von  Dietrich  ist.  3)  Durch 
Ludwig,  sagt  Scintilla,  ihn  apostrophireud,  sei  das  goldene 
Zeitalter  zurückgekehrt ;  was  etwa  noch  fehle,  ergänze  er  durch 
seine  Frömmigkeit.  Wenn  andre  durch  Schätze,  so  möge  er 
durch  Verdienste  geschmückt  sein,  er  gefalle  durch  Güte, 
während  andre  der  Tyrannei  sich  erfreuen.  Nur  mit  Moses 
sei    er   zu   vergleichen,    indem   er   die   Völker   der  Finsterniss 


Arbeit  Bocks  (s.  S.  145  Anm.  2.)  und  H.  Grimm,  Das  Keiterstandbild  des 
Theodorich  zu  Achen  und  das  Gedicht  des  Walahfrid  darauf.  Berlin  IS09. 

1)  S.  Bd.  I,  S.  521  Anm.  2. 

2)  Dessen   Consolatio   philosophiae  Walahfrid  in  diesem  Gedicht  be- 
nutzt hat. 

3)  Den  Uebergang  bilden  die  Worte  des  Strabus  v.  S9  f. : 

Dignum  est,  ut  video.  praemissis  tristibus  ergo 
Debita  principibus  laudum  persolvere  vota. 


156  Walahfrid  Strabo. 

entreisse  und  die  ihm  verlielienen  Gaben  Christi  allen  gemein 
mache.  —  Die  Ausbreitung  des  Christenthums  meint  hier  der 
Dichter,  vielleicht  im  besondern  Hinblick  auf  die  Taufe  Ha- 
ralds (826)  und  die  nordischen  Missionen.  —  Und  so  übertrifft 
Ludwig  noch  Moses,  denn:  „jener  hatte  nur  den  Schatten,  du 
den  Leib."  Der  Dichter  vergleicht  dann  die  Stiftshütte  mit 
dem  Tempel  der  Pfalz  und  seinen  goldenen  Bildwerken ;  wurde 
jene  in  einer  Einöde  errichtet,  so  dieser  in  der  anmuthigsten 
Umgebung,  in  der  Nähe  des  Parkes,  wo  wilde  ThiereO  mit 
zahmen  spielen,  und  von  dem  höchsten  Gipfel  der  luftigen 
Eiche  die  Vögel  singen  und  zwitschern. 

Aber  da  ertönt  von  der  andern  Seite  liebliches  Orgelspiel, 
und  das  Getäfel  der  von  der  Pfalz  zur  Kirche  führenden  Halle 
dröhnt  von  der  grossen  prächtigen  Schaar,  die  dem  herrlichen 
Moses  folgt.  Der  Dichter  sieht  Ludwig,  zwei  Söhne  neben 
sich,  zur  Rechten  die  beste  Hoffnung  des  Reichs,  ein  Josua, 
dem  nichts  von  Sitten,  Tugend  und  Ehre  fehlt,  es  ist  Lothar; 
zur  Linken  Jonathan,  der  friedfertige,  brave,  immer  siegreiche, 
des  väterlichen  Namens  würdige,  es  ist  Ludwig  der  Deutsche: 
ist  sein  Besitz  geringer,  so  bietet  die  Eintracht  Ersatz.  2)  Des 
abwesenden  Pippin  wird  nur  flüchtig  gedacht:  desto  ausführ- 
licher der  „schönen  Rachel",  die  Benjamin  führt,  so  wird  die 
Kaiserin  Judith  nach  der  zweiten  Gattin  Jakobs  genannt. 
Trotz  der  zarten  Jugend  zeigt  Karl  schon  reifen  Verstand:  er 
soll  in  Thaten,  Charakter,  Tugend,  Triumphen  dem  nachfolgen, 
dessen  Namen  er  trägt.  Die  Kaiserin  aber  wird  dann  nicht 
bloss  mit  der  biblischen  Judith,  sondern  auch  mit  der  Pauken 
schlagenden  Maria  verglichen,  denn  sie  spielt  die  Orgel  vor- 
trefflich. Was  das  Geschlecht  ihr  versagte,  ersetzt  sie  durch 
ihre  Bildung,  die  des  Dichters  Verwunderung  errege.  Ihren 
Verstand,  ihre  Güte,  ihren  muthigen  Sinn,  ihre  witzige  Rede 
preist  er,   indem   er  mit  Begeisterung  ihr  Glück  wünscht,  ^j  — 


1)  Gewiss  keine  blosse  Phantasie,  wie  schon  Bock  a.  a.  0.  L,  S.  38 
richtig  bemerkt,  da  ja  schon  Karl  d.  Gr.  manche  Geschenke  von  wilden 
Thieren  erhielt. 

2)  Nee  doleas,  quod  gaza  negat,  concordia  praestat  v.  173.  Damit 
wird  wohl  auf  die  einheitliche  Nationalität  Deutschlands  hingewiesen. 

3)  Quicquid  enim  tibimet  sexus  subtraxit  egestas, 
Reddidit  ingeniis  culta  atque  exercita  vita. 
In  qua  multa  simul  nobis  miranda  videmuB: 


De  imagine  Tetrici.  157 

Nun  folgt  an  der  Spitze  der  Grossen,  im  prachtvollen  hohen- 
priesterliclien  Gewände  Aaron,  der  aber  keine  Götzenbilder 
giesst,  d.  h.  hier  zugleich,  frei  von  Geiz  ist:  auch  ihm  —  es 
ist  Hilduin  —  bringt  der  Dichter  seine  Glückwünsche  dar. 
Nicht  minder  verehrt  er  den  folgenden:  es  ist  Beseleel  (Ein- 
hard),  der  in  seiner  kleinen  Gestalt  zeigt,  wie  Gott  ^das 
Schwache  erkiest,  und  das  Starke  verachtet.  Zuletzt  gedenkt 
Walahfrid  noch  des  Grimald,  seines  Lehrers,  der  im  verborgenen 
den  Musen  huldige;  denn  alle  die  Grossen  würdig  zu  feiern, 
sei  ihm  unmöglich,   auch  wenn  er  noch  so  viel  Zungen  hätte. 

Wälirend  der  Dichter  aber  in  dieses  Anschauen  und  diese 
Betrachtungen  versunken  ist,  wird  er  plötzlich  gefragt  —  nach 
dem  Folgenden  offenbar  von  dem  Kaiser  i)  —  woher  er  wäre 
und  auf  wessen  Sendung  er  da  sei.  Zitternd  gibt  er  ausführ- 
liche Antwort;  einmal  möge  er  diesen  Anblick  gehabt  haben, 
aber  beständige  Liebe  dränge  ihn  zu  preisen:  die  göttliche 
Gnade  möge  den  Kaiser  mit  seinen  Nachkommen  die  Trophäen 
und  den  Kuhm  der  Väter  behalten  lassen,  und  sie  einst  in 
den  Senat  des  Himmels  aufnehmen.  Wie  das  Wild  den  Bogen 
Ludwigs  fürchte,  so  sollen  die  wilden  Völker,  Bulgaren,  Sara- 
zenen, Britten,  Dänen  u.  s.  w.  sich  ihm  unterwerfen.  Heil  dem 
Staate,  wenn  die  Könige  weise  sind  und  die  Weisen  herrschen. 
Zum  Schluss  nimmt  der  Dichter  von  dem  thörichten  Dietrich 
Abschied,  der  ihn  zum  Singen  veranlasste:  da  sei  es  freilich 
kein  Wunder,  wenn  das  Gedicht  mangelhaft  sei. 

Diese  Dichtung,  die  in  ihrer  durchaus  originellen  Anlage 
das  schöpferische  Talent  Walahfrids  recht  zeigt,  hat  noch  die 
literargeschichtliche  Bedeutung,  dass  in  ihr  die  höfische  Poesie 
des  Zeitalters  Karls  des  Grossen  eine  Fortsetzung  findet;  sie 
erinnert  an  die  Eklogenpoesie  eines  Naso,  wie  an  das  dem 
Angilbert  beigelegte  epische  Gedicht ;  zugleich  ist  leicht  zu  er- 
kennen, dass  an  der  Stelle  des  kaiserlichen  Kunstfreunds,  jetzt 
die  hochbegabte,  ihren  Gemal  weit  überragende   und  beherr- 


Semine  stat  locuples,  apparet  dogmate  dives, 
Est  ratione  potens,  est  cum  pietate  pudica, 
Dulcis  amore,  valens  animo,  sermone  faceta: 
Laeta  cubans,  sit  laeta  sedens,  sit  laeta  resurgens 
Laeteturque  poli  felix  in  sede  locata.     v.  204  ff. 
1)  S.  meinen  Aufsatz  S.  105. 


158  Walahfrid  Strabo. 

sehende  Judith    es   ist,    welche  Poesie  und  Wissenschaft  be- 
günstigt. 

Die  letzte  der  grösseren  Dichtungen  Walahfrids,  auch  be- 
schreibender, dabei  aber  zugleich  didactischer  Natur,  ist  die 
bekannteste  von  allen,  da  sie  nicht  bloss  den  Beifall  des 
Mittelalters  1),  sondern  auch  den  der  Humanisten  gewann,  wie 
sie  denn  auch  im  16.  Jahrhundert  nicht  weniger  als  achtmal 
im  Drucke  erschien  (zuerst  1510):  es  ist  der  Hortuh/s,  ein  Ge- 
dicht von  444  Hexametern,  worin  Walahfrid  als  Abt  sein 
Klostergärtchen  beschreibt,  und  zwar  zunächst  seinem  alten 
Lehrer  Grimald,  der  damals  selbst  Abt  von  St.  Gallen  war, 
denn  ihm  ist  das  Werkchen  gewidmet.  Wie  dasselbe  so  recht 
als  der  Ausdruck  eines  sorgenfreien  Gemüthes  erscheint,  so 
beginnt  auch  der  Verfasser  einleitend  mit  dem  Satze,  dass 
unter  den  Merkmalen  eines  friedlichen  Lebens  nicht  das  ge- 
ringste die  Gartenkultur  sei.  Und  überall,  auf  jedem  Boden, 
Hesse  ein  Garten  sich  herstellen,  wenn  man  es  nur  versteht, 
die  Arbeit  nicht  scheut  und  den  Dünger  nicht  spart.  Das  weiss 
der  Dichter  nicht  bloss  aus  alten  Büchern  oder  von  Hören- 
sagen, sondern  aus  eigener  Erfahrung.  Er  erzählt  dann  im 
ersten  Kapitel,  wie  er  den  kleinen  Hofraum  urbar  machte,  von 
Nesseln  und  Maulwürfen  gereinigt,  eingezäunt  und  bestellt 
habe.  Im  Folgenden  will  er  nun  die  Ernte,  die  Frucht  dieser 
Bemühungen  berichten,  indem  er  in  einzelnen  Kapiteln  alle 
die  Pflanzen  und  Blumen  vorführt,  die  er  in  dem  Gärtchen 
gezogen.  Es  sind  im  Ganzen  23,  eine  jede  in  einem  Kapitel 
behandelt,  nämlich  Salvei,  Kaute,  Stab  würz,  Gurke,  Melone, 
Absinth,  Andorn,  Fenchel,  Schwertlilie,  Liebstöckel,  Körbel, 
Lilie,  Mohn,  Sclarea,  Minze,  Polei,  Eppich,  Betonica,  Acker- 
mennig, Meertraube,  Katzenminze,  Rettig  und  Rose.  Sie  wer- 
den mehr  oder  weniger  ausführlich,  öfters  wirklich  poetisch 
geschildert,  und  ihre  heilkräftigen  Eigenschaften  gerühmt^),  ja 


1)  Auch  wurde  sie  nachgeahmt,  und  zwar  in  grösserem  Massstab,  schon 
im  10.  Jahrh.  von  einem  Autor  der  sich  Macer  Floridus  nennt,  in  der 
Dichtung  Ue  viribus  herbarwn. 

2)  Um  ein  Beispiel  zu  geben,  wähle  ich  ein  kürzeres  Kapitel,  das  sich 
ganz  mittheilen  lässt:  c.  III.  Ruta  (v.  83  ff.). 

Hoc  nemus  umbriierum  pingit  viridissima  Rutae 
Silvula  caendeae,  t'olüs  quae  praedita  parvis, 
Umbellas  iaculata  breves,  sph-amina  venti 


Hortulus.  159 

es  wird  selbst  ihre  medicinische  Verwendung  genauer  gelehrt. ') 
Vor  allem  war  also  der  Garten  ein  pharmaceutiseherj  welcher 
der  Apotheke  des  Klosters  zum  Vortheil  gereichte. 

Die  Dichtung  hat  einen  durchaus  weltlichen  Charakter, 
wie  denn  auch  die  antike  Mythologie  als  ästhetisches  Mittel 
hier  ohne  Bedenken  verwandt  wird,  so  finden  sich  nicht  bloss 
Priapus,  Bacchus,  Erato  als  allegorische  Ausdrücke,  sondern 
es  wird  auch  antiker  Fabeln  wie  des  Hj^acinth,  der  Latona 
nach  Ovids  Metamorphosen-)  gedacht.  Nur  das  letzte,  der 
Rose  gewidmete  Gedicht  erhält  ein  geistliches  Gepräge,  in- 
dem diese  „Blume  der  Blumen"  mit  der  Lilie  verglichen  wird: 
beide  bezeichnen  die  höchsten  Palmen  der  Kirche,  wie  die 
eine  der  Märtyrer  Blut,  so  die  andere  die  glänzende  Reinheit 
des  Glaubens;  hieran  reiht  sich  dann  noch  eine  Apostrophe 
an  die  heil.  Jungfrau.  Zum  Schluss  folgt  die  Widmung,  die 
auch  in  eine  anmuthige  Form  gekleidet  ist:  Grimald  soll  das 
Büchlein  lesen,  während  er  unter  dem  Schatten  des  Pfirsich- 
baumes sitzt,  und  seine  Schulknaben  fröhlich  im  Spiel  sich 
tummelnd,  die  grossen  zartwolligen  Früchte  auflesen,  die  sie 
mit  einer  Hand  kaum  fassen  können. 

Trotz  einzelner  Reminiscenzen  aus  Virgils  Georgica  und 
aus  Columella  ist  auch  diese  Dichtung  Walahfrids  im  Ganzen 
durchaus  originell,  und  weiss  einer  sinnigen  Naturbetrachtung 
einen  anmuthigen  Ausdruck  in  fliessenden  Versen  zu  geben. 

Ausser  diesen  grösseren  Dichtuagen  hat  Walahfrid  noch 
eine  Anzahl  kleinere  hinterlassen.  Die  meisten  von  ihnen  ge- 
hören auch  der  weltlichen  Poesie  an:  es  sind  vornehmlich 
theils  in  Reichenau  entstandene  Jugendgedichte,  wie  sich 
denn  eine  Sammlung  unter  dem  Titel:  Versus  quos  post  annimi 
aetaiis  quintum  decimiun  edidil  de  rebus  humanis  erhalten  hat, 
theils  an  dem  Hofe  der  Judith  verfasste.  Die  meisten  sind, 
in  der  Form  von  Episteln,  an  bestimmte  Personen  gerichtet, 
in  Hexametern  oder  Distichen.  Oft  sind  diese  Gedichte  schon 
durch  die  Persönlichkeit  des  Adressaten  von  Interesse.     Unter 


Et  radios  Phoebi  caules  transmittit  ad  imos, 
Attactuque  graves  leni  dispergit  odores; 
Haec  cum  multiplici  vigeat  virtute  medelae,\ 
Dicitur  occultis  adprime  obstare  venenis, 
Toxicaque  invasis  incommoda  pellere  fibris. 
1)  S.  z.  B.  cap.  IX.  Apium.  2)  S.  v.  221  f.  u.  261  fi'. 


160  Walahfrid  Strabo. 

denselben  finden  wir  Autoren,  wie  den  Historiicer  Thegan  — 
welche  Epistel  im  Namen  von  Tatto,  Walahfrids  Lehrer,  ver- 
fasst  ist  —  den  Bischof  Modoiu,  der  auch  hier  als  Dichter 
gepriesen  wird^),  Agobard  —  in  welchem  Gedicht  dessen  Diacon 
Florus  besonders  verherrlicht  wird  —  Kaban  und  Gottschalk; 
andrerseits  den  Kaiser  Ludwig  und  die  Seinigeu ,  Judith,  den 
jüngeren  Karl,  den  der  Dichter  als  Lehrer  ermahnt,  Hilduin 
(ein  Dankschreiben),  die  Verwandten  der  Judith,  Graf  Konrad, 
ihren  Neffen,  u.  s.  w.  Von  diesen  Gedichten  verdienen  ein 
paar  besondere  Berücksichtigung.  Das  eine  an  Judith  (50  Hex.) 
erzählt  einen  tröstenden  Traum,  den  Walahfrid  in  der  Zeit, 
wo  die  Lage  des  Kaisers  eine  sehr  traurige  war,  gehabt  hatte.  2) 
Das  andre,  ein  längeres  Gedicht  von  100  Hexametern,  ist  ein 
acht  poetisches  Werk,  an  dem  Herz  und  Gesinnung  Walahfrids 
ihren  vollen  Antheil  haben;   es  ist  an  „den  Laien  Kuodbern" 

—  später,  wie  Dümmler  meint 3),  Cubicularius  Karls  des  Kahlen 

—  gerichtet,  dessen  Treue  in  einer  so  treulosen  Zeit  der 
Dichter  feiert,  indem  er  schildert,  unter  welchen  Schwierig- 
keiten und  Gefahren  der  Alpenreise  wie  der  Nachstellungen 
der  Feinde')  dieser  treue  Diener  des  Kaisers  Judith  in  Italien 
aufsuchte  und  ihre  Befreiung  vorbereitete.  Aus  einer  späteren 
Zeit  ist  noch  bemerkenswerth  ein  Gedicht  an  Lothar  (84  Hex.)  5), 


1)  Vgl.  oben  S.  82. 

2)  Das  Gedicht  beginnt  mit  einem  ergreifenden  Zeitgemälde: 

Temporis  infausta  sub  potestate  dolendi, 
Dum  fraudis  commenta  pios  populumque  patremc[ue 
Opprimerent,  sanctamque  fidem  delere  pararent 
Praescripta  exsiliis,  odio,  vi,  carcere,  ferro : 
Tunc  iacuere  boni  nebula  moeroris  opaci, 
Solaque  per  gremium  regni  nutantis  ineptos 

Perfidia  exseruit  terrore  tyrannidis  ausus 

Canisius  p.  234.    Migne  1.  1.  p.  109(5. 

3)  Gesch.  des  ostfränk.  Reichs  I,  S.  95  u.  vgl.  Simsen  a.  a.  0.  II,  S.  99. 

4)  Schön  sagt  der  Dichter  u.  a. : 

Nox  obscura  diem,  noctem  lux  ipsa  timebat; 
NuUa  domo  campove  quies,  timor  undique  pulsans: 
Sola  fides  rectique  sibi  mens  conscia  tantum 
Suasit  opus,  docuitque  aliquam  sperare  salutem. 

Canisius  p.  239.    Migne  1.  1.  p.  110 1. 

5)  Von  Dümmler  zuerst  herausgegeben  in  der  Zeitschr.  für  deutsches 
Alterth.  N.  F.  VIL  S.  462. 


Episteln.     Epigramme.     Lyrik.  161 

worin  ihn  Walahfrid,  nach  seiner  Vertreibung  aus  Reichenau, 
in  Speier  um  Unterstützung  bittet  und  dabei  seiner  kaiserliehen 
Gesinnung  wie  seinem  Schmerze  über  den  Tod  seines  Gönners, 
Ludwigs  des  Frommen,  Ausdruck  gibt. 

Auch  Epigramme,  namentlich  Inschriften  hat  Walah- 
frid verfasst;  unter  jenen  finden  sich  auch  einige  scherzhafte.^) 
Er  hat  sich  aber  auch  als  Lyriker  versucht.  So  haben  wir 
von  ihm  ein  kurzes  Lobgedicht  auf  die  Gemalin  des  oben  er- 
wähnten Grafen  Konrad,  Adelheid  in  phaläcischen  Elfsilblern; 
interessanter  ist  ein  längeres  Gedicht  De  carnis  petulantiu  in 
zehn  sechszeiligen  Strophen  glyconischer  Verse"-),  worin  die 
Noth wendigkeit,  bei  Zeiten  jenem  Fehler  Einhalt  zu  thun,  in 
einer  Reihe  von  Bildern  gezeigt  wird:  das  Gedicht  hat  einen 
volksmässigen  liederartigen  Charakter,  obgleich  es  in  quanti- 
tativen Versen  und  ohne  beabsichtigten  Reim  geschrieben  ist 
(der  sich  überhaupt  nur  ein  paarmal  hier  findet).  Ferner  ein 
längeres  Gedicht  in  sapphischeu  Strophen,  worin  unser  Poet, 
nachdem  er  Raban  verlassen,  auf  einem  einsamen  Gute  mitten 
im  kältesten  Winter,  wie  es  scheint  in  einer  Cella  Fulda's, 
seine  traurige  Lage  beklagt  und  seinem  Heimweh  nach  dem 
schönen  Reichenau,  das  er  jetzt  empfindet,  einen  zärtlich  ge- 
fühlvollen Ausdruck  gibt.  3) 

Auch  Hvmnen  hat  Walahfrid  gedichtet:  so  ein  paar 
auch  im  sapphischen  Metrum,  davon  eine  auf  Christi  Geburt, 
worin  er  am  Schluss  dessen  Segen  für  Kaiser  Ludwig,  Judith 
und  ihren  Sohn  erfleht;    eine   andre   auf  die  Translation   der 


1)  So  ein  Billet  an  einen  Poeten,  einen  Schotten:  Versibus  atqiie 
metris  par  est  donare  poetum  bei  Canisius  p.  242,  INIigne  1.  1.  p.  1104. 

2)  y.JTi  Metrum,  dem  wir  auch  in  Prudentius'  Peristeph.  VIT,  nur  in 
fünfzeiligen  Strophen,  begegnen.  (Bd.  I,  S.  255  ist  das  Metrum  irriger 
"Weise  anders  bestimmt,  was  hiernach  zu  ändern.)  "SYalahfrids  Gedicht 
beginnt : 

Quisquis  tramite  pendulo 
Decli\-ique  spheram  loco 
Plana  ponit  in  area, 
Ni  prensum  teneat  manu: 
Statim  cemit  ad  infima 
Cursu  nare  volubiU. 

Canis.  p.  252,  Migne  1.  1.  p.  1114. 

3)  Dies  Gedicht  habe  ich  zuerst  herausgegeben  im  Anhang  meines 
Aufsatzes  S.  109  ff. 

Ebekt,  Literatur  des  Mittelalters  11.  11 


162  Walahfrid  Strabo. 

Gebeine  des  heil.  Jamiariiis  nach  Reichenau  durch  Kaiser 
Lothar.')  Weit  bedeutender  ist  eine  in  33  vierzeiligen  Strophen 
phaläcischer  Verse  im  Stile  der  Peristephanou  des  Prudentius 
und  offenbar  nach  seinem  Vorbild  verfasste  Hymne,  welche 
den  Märtyrern  von  Agaunum,  dem  heutigen  St.  Moriz  in  Wallis, 
gewidmet  ist,  der  so  genannten  thebaischen  Legion,  die  dort 
wegen  ihres  Christenthums,  nach  einer  aus  dem  Orient  über- 
tragenen Sage,  285  trotz  bewährten  Waffenruhms  auf  kaiser- 
lichen Befehl  vernichtet  sein  sollte.  Namentlich  sind  die  Reden 
des  „Führers"  (dux)  und  der  Soldaten  vortrefflich;  wie  denn 
die  Hymne  überhaupt  in  kräftigem  Stil  und  Vers  geschrieben 
ist.  Wie  in  diesem  Gedichte  besonders,  so  hat  Walahfrid  im 
allgemeinen  vor  andern  christlichen  Dichtern  Prudentius  sich 
zum  Muster  genommen,  namentlich  auch,  wie  schon  angedeutet, 
in  metrischer  Hinsicht. 

Von  den  Prosawerken  Walahfrids  ist  das  einzige  selb- 
ständige und  bedeutendere,  das  zugleich  von  allgemeinem  In- 
teresse ist,  sein  Buch:  De  ecclesiasticarum  rerum  exordiis  et 
incremenüs.  Dasselbe  ist  laut  der  Vorrede  auf  den  Wunsch 
des  gelehrten  Bibliothekars  von  Reichenau-),  Reginbert  und 
zwar  zur  Ergänzung  früherer  Schriften  über  Liturgik  verfasst. 
Walahfrid  hat  hier  zuerst  eine  historisch-kritische  Behandlung 
derselben  versucht,  indem  er,  wie  er  in  der  Vorrede  sagt,  an- 
zeigen will,  „woher  dies  oder  jenes  zur  Gewohnheit  wurde 
und  im  Verlauf  der  Zeit  sich  gestaltete";  also  will  er  eine 
Entwickelungsgeschichte  einzelner  zum  Kultus  gehöriger 
Dinge  geben.  Da  das  Werk  als  Ergänzung  nur  auf  einzelnes 
sich  bezieht,  so  erklärt  sich  der  essaiartige  Charakter  der 
Darstellung,  der  Mangel  einer  systematischen  Anlage,  sowie 
manche  Abschweifungen,  auch  fehlt  deshalb  die  mystische  Er- 
klärung. Der  Verfasser  beginnt  mit  den  Kulturstätten,  Tempeln 
und  Altären;    c.  5  handelt  von   den  Glocken;    c.  6  wird  eine 


1)  Die  erstere  bei  Caiiis.  p.  223  f.  Migne  1.  1.  p.  1085;  die  andre  von 
Dümmler  herausgeg.  im  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit.  N.  F. 
Bd.  23  (1876).  S.  178  f.  —  Auch  eine  Hymne  „In  natalem  S.  Mammae" 
hat  Walahfrid  gedichtet  im  Ambrosianischen  Metrum,  die  aber  wenig  be- 
deutend ist. 

2)  S.  über  ihn  König  a.  a.  0.  S.  372  f.,  und  vgl.  von  demselben  Verf. : 
Die  Reichenauer  Bibliothek,  in  dem  4.  Bd.  des  Freiburg.  Diöcesan-Archiv, 
insbesondere  S.  263  ff. 


De  ecclesiastic.  rerum  exordiis  et  incrementis.  163 

Erklärung  der  lateiuisclieu  Namen  der  kirchlichen  Gebäude 
und  ihrer  Theile  gegeben ;  dem  schliesst  sich  nun  ein  besonders 
interessantes  Kapitel  (7)  an:  die  Erklärung  des  deutschen  Na- 
mens des  Gotteshauses.  Der  Verfasser  thut  dies,  wie  er  sagt, 
auf  die  Gefahr  hin,  den  Lateinern  lächerlich  zu  erscheinen, 
deren  Hochmuth  er  hier  mit  heiterer  Ironie,  in  welcher  Walah- 
frids  patriotische  Gesinnung  sich  spiegelt,  verspottet.')  Es 
sollen  es  nur  die  Laudsleute  lesen,  und  erfahren,  dass  sie  in 
vielen  Dingen  die  Weisheit  der  Griechen  und  Römer  nach- 
ahmen. Diese  besteht  nämlich  hier  darin,  mit  den  Dingen 
auch  die  Namen  derselben  andern  Völkern  zu  entlehnen.  Wie 
die  Griechen  und  Lateiner  solche  den  Hebräern  entnahmen, 
und  die  Lateiner  zugleich  den  Griechen,  so  die  Deutschen  den 
Lateinern  wieder.  Dies  gälte  namentlich  von  fast  allen  kirch- 
lichen Gegenständen,  aber  auch  in  die  gemeine  Sprache  sei 
vieles  aus  dem  Lateinischen  übergegangen,  das  selbst  wieder 
aus  dem  Griechischem  stamme,  wie  „Vater",  „Mutter".  So 
wird  denn  Kirche  von  Ki/riuca  hergeleitet.  Die  Aufnahme 
der  aus  dem  Griechischen  stammenden  Wörter  in  die  deutsche 
Sprache  wurde  aber  vermittelt  durch  die  im  römischen  Kriegs- 
dienst stehenden  Barbaren  und  ihre  Bekehrung,  namentlich 
durch  die  Gothen,  deren  noch  erhaltener  Bibelübersetzung  hier 
Walahfrid  gedenkt.  —  Das  nächste  Kapitel  (S)  hatte  ein  actu- 
elles  Interesse,  indem  es  die  Bilder  und  ihre  Verehrung  zum 
Gegenstand  hat,  wo  denn  Walahfrid  die  deutsche  verständige, 
vermittelnde  Ansicht  vertritt.  —  Ausführlich  wird  im  weiter 
Folgenden  (c.  1-1  ff.)  die  Messe  behandelt,  und  dabei  auch  der 
Hymnen  (c.  25)  und  ihrer  Geschichte  besonders  und  zwar  ganz 
ausführlich  gedacht,  ein  Abschnitt  der  recht  die  grosse  Be- 
lesenheit des  Verfassers  zeigt.  Beachtenswerth  ist,  dass  auch 
hier  metrische  und  rythmische,  sowie  Hymnen  im  allgemeinen 
Sinne   neben  den  eigentlichen  unterschieden  werden.-)  —  Be- 


1)  Dicam  tarnen  etiam  secundum  nostram  barbariem,  quae  est  Theo- 
tisca,  quo  nomine  eadem  domus  Dei  appellatur:  ridiculo  futurus  Latinis, 
si  qui  forte  haec  legerint,  qui  velint  simiarum  informes  natos  inter  au- 
gustorum  liberos  computare.  Seimus  tamen  et  Salomoni  (qui  in  multis 
typum  gessit  Domini  Salvatoris)  inter  pavones  simias  fuisse  delatas  (III. 
Keg.  c.  10). 

2)  Notandum,  hymnos  dici  non  tantum  qui  metris  vel  rhythmis  deeur- 

11* 


164  Walahfrid  Strabo. 

sondere  ErwähnuDg  verdient  noch  das  eigenthümliche  ScUuss- 
kapitel  (31),  welches  für  den  Historiker  werthvoll  ist:  es  ent- 
hält nämlich  eine  Vergleichiing  der  geistlichen  Würden  mit 
den  weltlichen,  so  wird  dem  Papst  der  Kaiser  gegenübergestellt, 
den  Patriarchen  die  Patricii  —  wohl  in  Erinnerung  an  die 
Stellung  der  Frankenkönige  vor  dem  Kaiserthum  Karls  — 
den  Erzbischöfen  die  Könige,  den  Metropolitaneu  die  Herzöge ; 
und  so  wird  die  Stufenleiter  hinabgeführt  bis  zu  den  Acoluthen, 
Lectoren,  Cantoren  und  Psalmisten,  denen  auf  weltlicher  Seite 
die  „Veredarii  (Couriere),  Commentarienses ,  Ludorum  exhibi- 
tores,  Carminum  pompatici  relatores"  gegenüberstehen.') 

Am  wenigsten  selbständig  erscheint  unser  Autor  in  seinem 
umfangreichsten,  rein  theologischen  Werke,  das  ihm  den  mei- 
sten Ruhm  eintrug  und  sich  noch  bis  in  das  17.  Jahrhundert 
in  Ansehen  erhielt;  es  ist  die  Glossa  ordinaria  d.  h.  ein 
kurzer  Coramentar  der  ganzen  Bibel,  grossentheils  aus  den 
Commentaren  des  Raban  gezogen,  welche  selbst,  wie  wir  sahen, 
fast  nur  Compilationen  sind,  ein  Werk  erstaunlichen  Fleisses, 
das  von  andern  erweitert,  das  beliebteste  Hülfsmittel  für  die 
Bibelerklärung  im  Mittelalter  blieb.  In  diesem  Werk  bewährte 
sich  Walahfrid  recht  als  Schüler  Rabans. 

Seine  humanistische  Bildung  aber  machte  ihn  auch  zum 
Bearbeiter  und  Herausgeber  von  Werken  andrer.  So  über- 
arbeitete er  zunächst  auf  den  Wunsch  des  Abtes  Gozbert  von 
St.  Gallen  die  alte  Vita  des  h.  Gallus,  dann  im  Anschluss 
hieran  zwei  hagiographische  Werke  eines  gleichnamigen  Neffen 
jenes  Abtes,  des  Diacon  Gozbert,  der  es  selbst  verlangte,  näm- 
lich eine  Fortsetzung  jener  Vita  —  ein  Buch  von  den  nach 
dem  Tode  des  Heiligen  geschehenen  Wundern  —  und  das  Leben 


runt verum  etia  caeteras  laudatioues,  quae  verbis  convenientibus  et 

sonis  dulcibus  proferuntur.  Unde  et  liber  Psalmorum  apud  Hebraeos  über 
hjTunorum  vocatur.  Et  quamvis  in  quibusdam  ecclesiis  hj^miii  metrici  non 
cantentur,  tarnen  in  omnibus  generales  lij'mni,  id  est,  lau  des  dicun- 
tur.  —  Auch  eine  literarhistorische  Kritik  zeigt  schon  Walahfrid,  indem 
er  unter  den  hjTuni  Ambrosiani  die  von  Ambrosius  selbst  und  die  von 
seinen  Nachahmern  gemachten  unterscheidet,  welche  letzteren  durch  Inhalt 
wie  Sprache  sich  von  jenen  oft  unterschieden.     Vgl.  Bd.  I,  S.  171. 

1)  Die  beiden  zuletzt  genannten  weltlichen  dignitates  sind  besonders 
interessant,  es  können  darunter  nur  Hofspielleute  und -Sänger  verstanden 
werden,  namentlich  Joculatores,  die  bei  Hofe  angestellt  waren. 


Bearbeitung  von  Heiligenleben.  165 

des  ersten  Abtes  des  Klosters,  des  heil.  Othmar. i)  Diese 
Bearbeitungen  geschahen  aus  formalen  Rücksichten;  es  wurde 
einmal  dem  alten  Werk  ein  neues  stilistisches  Gewand  angelegt 
oder,  wie  bei  Gozberts  Schriften,  dieses  verbessert:  wie  weit 
Walahfrid  in  seiner  Bemühung  um  den  Color  latinus  ging,  zeigt, 
dass  er  sogar  die  Namen  der  Zeugen  der  Wunder  des  heil. 
Gallus  lieber  wegliess,  als  durch  ihre  barbarischen  Formen 
„die  Ehre  des  lateinischen  Ausdrucks"  zu  beschmutzen  (V.  S. 
Galli  1.  n,  c.  10);  ferner  hat  Walahfi'id  auch  gekürzt,  be- 
ziehungsweise zusammengezogen,  um  Langweiligkeit  zu  ver- 
hüten, wie  er  selbst  sagt,  und  endlich  auch,  wenigstens  bei 
der  alten  Vita,  eine  Eintheilung  in  Kapitel,  zum  leichteren 
Verständniss  vorgenommen.  In  der  Vorrede  des  eben  erwähnten 
Buches  findet  sich  aber  auch  ein  kleiner  selbständiger  geo- 
graphisch-kritischer Excurs  über  unsers  Autors  Heimath,  Ala- 
mannien.  Er  hatte  übrigens  die  Absicht,  das  Leben  des  heil. 
Gallus  auch  noch  metrisch  zu  behandeln,  kam  aber  nicht  zu 
ihrer  Ausführung.  —  Von  Einhards  Leben  Karls  veranstaltete 
Walahfi-id  eine  neue  Ausgabe,  indem  er  dasselbe  in  Kapitel 
eintheilte  und  diesen  Titel  gab,  um  das  Nachschlagen,  wie  er 
sagt,  zu  erleichtern.  Zugleich  fügte  er  einen  zwar  kurzen 
aber  inhaltreichen  Prolog  hinzu,  worin  er  eine  kleine,  heute 
sehr  werthvolle  Lebensnotiz  und  treffliche  Charakteristik  des 
Autors  gibt.-) 

Bedenkt  man  dass  Walahfrid  im  besten  Mannesalter  starb, 
so  erscheint  seine  grosse  und  vielseitige  literarische  Thätigkeit 
doppelt  bedeutend;  dabei  hat  er  zugleich  als  Lehrer  sicher 
folgenreich  gewirkt,  indem  er  den  einflussreichen  Gönner  der 
Wissenschaft  und  literarischen  Kultur,  Karl  den  Kahlen  erzog 
und  die  ausgezeichnete  Schule  Reichenau's,  der  er  selbst  so 
viel  verdankte,  in  ihrer  Blüthe  erhielt.  Walahfrid  erscheint 
nicht  bloss  als  ein  grosses,  selbst  schöpferisches  Talent,  das 
auch  seine  eigenen  Wege  zu  gehen  weiss,  sondern  auch  als 
eine   liebenswürdige   Persönlichkeit,    wie    einzelne    in    seinen 


1)  S.  die  .beiden  letzten  "Werke  in:  Monum.  German.  histor.  Script. 
T.  n,  p.  21  ff.  u.  p.  41  fl'.,  das  erste  in  MabiUons  Acta  S  S.  ord.  Bened. 
Saec.  n. 

2)  S.  Jaffe's  Ausgabe  oben  S.  92  Anm.  1. 


166  Gottschalk. 

Werken   zerstreute    Züge   zeigen,   unter   welchen  auch    selbst 
der  eines  heitern  Humors  nicht  fehlt. 


DRITTES  KAPITEL. 

GOTTSCHALK. 

Ein  andrer,  schon  genannter,  berühmter  Schüler  Rabans, 
Gottschalk  0  verdient  hier  als  Dichter  Erwähnung,  und  ist 
in  dieser  Rücksicht  sogar  besonders  merkwürdig,  so  gering 
auch  die  Zahl  der  unter  seinem  Namen  erhaltenen  Gedichte  ist. 
Der  wichtigsten  Momente  seines  Lebens  bis  zu  seiner  Ver- 
urtheiluug  auf  der  Synode  zu  Mainz  848  haben  wir  schon  oben 
gedacht-),  und  auf  die  Geschichte  seiner  Prädestinationslehre 
kommen  wir  bei  der  Literatur,  die  sie  hervorrief,  soweit  dieselbe 
in  den  Kreis  unserer  Betrachtung  gehört,  weiter  unten  wieder- 
holt zurück.  Seine  eigene  Lage  wurde  durch  seine  in  Mainz 
beschlossene  Auslieferung  an  den  Erzbischof  von  Reims  nicht 
gebessert.  Der  Groll  des  mächtigsten  Kirchenfürsten  Deutsch- 
lands ging  auf  den  Westfranciens  über,  Hincmar  verfolgte  den 
unbeugsamen  Mönch  ebenso  grausam  als  Raban.  Auf  der 
Synode  von  Quierzy  im  folgenden  Jahre  849  wurde  Gottschalks 
Lehre  von  neuem  verdammt  und  er  selbst,  nachdem  er  fast  zu 
Tode  gepeitscht  worden,  zur  ewigen  Einsperrung  in  dem  Reim- 
ser  Kloster  Hautviller  verurtheilt.  Nachdem  ihm  dann  im 
Anfang  noch  das  Schreiben  gestattet  und  so  der  Verkehr  mit 
der  Aussenwelt  ermöglicht  war,  wurde  ihm  nach  einigen  Jahren 
auch  diese  Freiheit  entzogen,  die  er  freilich  benutzt  hatte,  um 
seinen  erzbischöflichen  Verfolger  persönlich  zu  kränken.  Gegen 
Ende  des  sechsten  Jahrzehnts  starb  Gottschalk,  bis  zum  Tode 
seinen  Meinungen  treu,  unversöhnt  mit  der  Kirche. 

Was  sich  von  prosaischen  Werken  desselben  erhalten 
hat,   ist   ohne  literarische  Bedeutung,    wie   er  denn  auch   nur 


1)  Migne,  Patrologia  latina  Tom.  121,  p.  345  fif.  —  Cellot,  Historia 
Gotteschalci  praedestiniaiü.  Paris  1655.  (Append.)  —  Dümmler,  Gesch.  des 
ostfränk.  Reichs  Bd.  I,  S.  311  ff.  u.  3S4ff.  —  Dümmler,  N.  A.  S.  320. 

2)  S.  Seite  124  f. 


Poet.  Epistel  an  Eatramnus.  167 

zum  Zweck  seiner  Vertheidigung  es  geschrieben  hat.  So 
haben  wir  zwei  Confessiouen,  von  denen  die  längere  durch 
Stellen  aus  der  Bibel  und  den  Kirchenvätern  seine  in  der 
Kürze  dargelegte  Prädestinationslehre  begründen  soll.  Dann 
besitzen  wir  noch  wenige  Fragmente  aus  der  auf  der  Mainzer 
Synode  Eaban  übergebenen  Vertheidigungsschrift,  die  von 
Hincmar  in  seinem  Werk  über  die  Prädestination  angeführt 
sind.')  Zur  Verbreitung  seiner  Lehre  bediente  sich  Gottschalk 
vornehmlich  der  mündlichen  Rede. 

Seine  wenigen  Gedichte  sind  dagegen  literarhistorisch 
wichtig.  Einmal  eine  poetische  Epistel  an  Gottschalks  Freund, 
den  Corbier  Mönch  Ratramnus,  die  inhaltlich  wie  formell 
von  besonderem  Interesse  ist,  und  um  so  mehr  als  ihre  Autheu- 
tie  nicht  zu  bezweifeln.  Ebenso  wie  bei  der  an  Gottschalk 
gerichteten  Epistel  Walahfrids-)  geht  dem  in  Hexametern  ver- 
fassten  Schreiben  ein  in  lyrischem  Metrum  gedichtetes  Vor- 
wort voraus ,  worin  die  Muse  —  bei  Gottschalk  Clio,  bei  Wa- 
lahfrid  Calliope  —  aufgefordert  wird,  dem  Freund  den  poeti- 
schen Brief  zu  überbringen.  3)  Das  Metrum  sind  bei  Gottschalk 
anacreontische  lonica  a  minori,  bei  Walahfrid  dagegen  pha- 
läcische  Verse.  Die  Verse  Gottschalks  aber  sind  in  verschie- 
dener Weise  durchweg  gereimt.^)  Hiermit  in  Uebereinstimmung 
sind  die  Hexameter  des  Briefes  selbst  leoninische,  mit  die 
ältesten  überhaupt,  die  mit  Bewusstsein  in  einem  grösseren 
Gedichte  vollständig  durchgeführt  sind.'^) 

Der   Brief   ist    ein   Antwortschreiben.    Gottschalk    dankt 


1)  Capp.  5,  21,  24,  27,  29. 

2)  Canisius  a.  a.  0.  pag.  254  f.  ISIigne,  "NValahfr.  Opp.  II,  pag.  11 15  f.: 
Oottschalk  wird  hier  mit  seinem  Beinamen  Fulgentius  genannt,  den  er 
woM  nach  dem  Vertheidiger  des  Augustinismus,  dem  Bischof  von  Ruspe 
führte. 

3)  So  beginnt  Walahfrids  Gedicht :  Velox,  Calliope,  viam  frequenta 
und  das  des  Gottschalk:  Age,  quaeso,  perge,  Clio. 

4)  Um  davon  Beispiele  zu  geben,  v.  21  fif.  (Cellot  p.  415): 

Tenearis  ac  decora, 
Videas  sodalis  oi'a, 
Bis  enim  venis  ab  illo 
Speciosa  iam  magistro, 
Adimens  fei,  imprimens  mel. 

5)  Um  dieselbe  Zeit  etwa  ist  die  Widmung  eines  prachtvollen  Evan- 
gelienbuchs, welches  ein  Mönch  von  Hautviller  geschrieben,  an  Ebbo,  den 


168  Gottschalk. 

zunächst  dem  Freunde  für  dessen  „Metra",  womit  er  ihn  uner- 
wartet beglückt,  indem  er  sie  in  poetisch  überschwäuglichen 
Ausdrücken  rühmt.  Sein  krankes  Gemüth  habe  in  ihnen  Trost 
gefunden.  Möchte  der  Freund  doch  auch  in  Prosa  ihm  ge- 
schrieben haben  —  offenbar  über  Gottschalks  Lehre  ausführ- 
licher. Er  selbst  könne  dies  nicht,  ihm  fehle  die  Zeit,  da  der 
Abt  ihm  bald  das,  bald  jenes  auferlege,  auch  fehle  ihm  die 
wissenschaftliche  Bildung,  habe  er  doch  kaum  ein  Jahr  die 
höhere  Schule  besucht  0  und  auch  hernach  keinen  Führer  ge- 
habt. Um  eine  klare  Auslegung  der  Meinung  (sententia)  Au- 
gustins  habe  er  die  zahlreichen  Gelehrten  seines  Landes,  und 
selbst  solche  des  Auslandes  brieflich  gebeten,  dreien  von  ihnen, 
dem  Marcward,  Jonas  und  Lupus,  aber  auch  „  den  eigentlichen 
Sinn"  (der  Meinung)  mitgetheilt:  niemand  habe  ihm  aber 
ausser  einem  geantwortet,  der  als  ein  Schlauer  mit  keiner 
Partei  es  verderben  wolle.  Aus  dieser  Stelle  namentlich  er- 
gibt sich,  dass  das  Gedicht  in  Orbais  verfasst  ist. 2)  —  Der 
Schluss  der  Epistel  fehlt.  3) 

Erzbischof  von   Reims,    auch    in   leoninischen   Hexametern    verfasst;    sie 
beginnt:         Ebo,  Remense  clecus,  praesul  pastorque  coruscus, 
Celsa  et  clara  farus,  sanctis  per  saecula  carus, 
Ordinis  omnis  bonos  pariterque  piissimus  heros. 
Man  siebt  hier  schon   die  verschiedenen  Arten  des  Reims  der  Hexameter 
neben  dem   eigentlichen  leoninischen  sporadisch  sich  einfinden.    Das  Ge- 
dicht, das  vor  der  Absetzung  Ebbo's  839,  aber  nicht  lange  vorher  geschrie- 
ben, weil  das  Werk  ihm  nicht  übergeben  ist,  ist  herausgegeben  von  Paulin 
Paris  in  den  Comptes  -  rendus  der  Academie  des  inscript.  et  belles-lettres 
Ser.  IV,  T.  6  Paris  1879,  p.  98  f.  —  S.  darüber  auch  Dümmler,  N.  A.  S.  269. 

1)  Namque  magisterio  vix  uno  subditus  anno. 

2)  Denn  Gottschalk  begann  erst  der  Prädestinationslehre  Augustins 
zu  huldigen,  darum  fragte  er  um  Rath.  Ferner  befand  er  sich,  wie  die 
oben  auch  angezogene  Stelle:  „ut  saltem  hinc  fingere  ternas  Litterulas  li- 
ceat,  quoniara  Imperium  Patris  instat  Ad  patrandum  aliquid,  cum  hoc, 
tum  protinus  illud"  zeigt,  in  einem  Kloster.  Und  endlich  kann  die  andre 
oben  wiedergegebenen  Stelle:  „Denique  sunt  multi,  Domino  donante,  ma- 
gistri  Hac  regione  siti,  ingenio  locuplete  beati,  Unde  palatina  plerique 
morantur  in  aula"  damals  wohl  nur  auf  Westfrancien  bezogen  werden. 
Man  könnte  hiernach  selbst  glauben,  dass  Gottschalk  erst  nach  d.  J.  840, 
d.  h.  nach  dem  Antritt  der  Regierung  Karls  des  Kahlen  seine  Lehre  aus- 
gebildet oder  doch  mitgetheilt  habe,  wenn  er  sie  auch  schon  längere  Zeit 
bei  sich  herumgetragen. 

3)  In  den  letzten  Versen  wird  noch  des  Unterschieds  der  Electi  und 
Reprobi  gedacht. 


Rythmische  Gedichte.  169 

Zwar  ist  der  Stil  öfters  hölzern  bis  zur  Unklarheit:  trotz- 
dem zeigt  aber  das  Gedicht  nicht  bloss,  dass  sein  Verfasser 
auch  die  Schule  der  poetischen  Kunst  durchgemacht,  sondern 
an  einzelnen  Stellen  selbst,  dass  es  dieser  tief  innerlichen, 
leidenschaftlichen  Natur  nicht  an  dichterischer  Empfindung 
fehlen  konnte. 

Letzteres  bezeugen  noch  mehr  zwei  rythmische  Gedichte, 
die  unter  Gottschalks  Namen  in  einer  Handschrift  des  zehnten 
Jahrhunderts  sich  gefunden  haben.')  In  dem  einen  {0  Deus 
miserf)  bittet  der  Dichter  Gott,  sich  seines  elenden  Knechts 
zu  erbarmen,  indem  er  ein  Schuldbekenntniss  ablegt,  alle 
Heiligen,  insonderheit  Maria,  Michael,  Petrus,  die  Märtyrer, 
Patriarchen  und  Propheten,  die  frommen  Jungfrauen  sowie  die 
Bekenner  zur  Unterstützung  seiner  Bitte  anruft.  Es  ist  ein 
langes  Gedicht  von  zwanzig  Strophen  zu  sieben  Kurzzeilen, 
die  sämmtlich  auf  einander  reimen.  Das  andre  Lied  {0  quid 
iubes,  pusiole)  von  zehn  Strophen  zu  sechs  Kurzzeilen  hat 
einen  profaneren  Charakter;  es  ist  an  einen  jungen  Schüler, 
wie  es  scheint  von  vornehmem  Stande,  gerichtet,  der  den 
Dichter  auffordert  „ein  süsses  Lied  zu  singen."  Dieser  lehnt 
es  zunächst  ab,  da  ihm,  der  so  fern  von  der  Heimath,  eher 
Weinen  und  Klagen  zieme,  und  dem  Schüler,  mit  ihm  darin 
einzustimmen :  war  doch  auch  den  Juden  in  Babylon  zu  singen 
verboten.  Aber  da  der  junge  Freund  auf  seinem  Wunsch  be- 
steht, so  besingt  der  Dichter  den  dreieinigen  Gott,  dem  er 
sein  Heimweh  klagt;  denn  er  verweilt  schon  zwei  Jahr  auf 
einer  Insel  im  Meer.  Auch  dies  Gedicht  ist  ganz  durchge- 
reimt. Indem  ich  auf  die  Vers-  und  Reimform  weiter  unten 
bei  einer  allgemeinen  Betrachtung  der  rythmischen  Gedichte 
zurückkomme,  sei  hier  nur  bemerkt,  dass  die  Vorliebe  für  den 
Reim  und  die  Art  seiner  Anwendung  in  diesen  Liedern  Gott- 
schalks sich  ebenso  wie  in  dem  lyrischen  Metrum  seiner  oben 
betrachteten  Epistel  findet ;  und  dies  spricht  für  ihre  Authentie, 
der  auch  der  Inhalt  keineswegs  widerstreitet."^) 

1)  In:  Du  Meril,  Poesies  populaires  latines  anterieures  au  XII.  siecle. 
Paris  1843.  p.  177  ff.  u.  253  ff. 

2)  Dass  Gottschalk  lange  auf  Reisen,  namentlich  in  Italien  und  Friaul 
sich  befand,  ist  oben  S.  12.5  bemerkt.  So  kann  man  bei  dem  zweiten 
Liede  mit  Du  Meril  an  einen  Aufenthalt  auf  einer  Insel  des  adriatischen 
Meeres  denken. 


170  Ermoldus  Nigellus. 


VIERTES  KAPITEL. 

ERMOLDUS    NIGELLUS. 

Das  Fortwirken  der  ästhetischen  Kultur  des  Zeitalters 
Karls  des  Grossen  zeigt  sich  in  der  Jugendzeit  Walahfrids 
auch  in  einem  andern  Dichter,  der  —  obgleich  nicht  selbst  ein 
Deutscher,  doch  von  germanischer  Abkunft i)  —  als  ein  merk- 
würdiger Vertreter  der  weltlichen  Epik,  zu  welcher  der  grosse 
Kaiser  die  erste  Anregung  gegeben,  erscheint:  es  ist  dies  Er- 
moldus NiGELLus-),  dessen  Dichtung  über  die  Thaten  des 
Kaisers  Ludwig  schon  selbst  für  die  volksthümliche  Epik  der 
Nationalliteratur  des  Mittelalters  von  Bedeutung  ist.  Ueber 
seine  Persönlichkeit  geben  uns  nur  seine  Gedichte  einige 
Nachricht.  Ein  aquitanischer  Mönch,  stand  er  in  naher  Be- 
ziehung zu  dem  König  Pippin,  Ludwigs  des  Frommen  Sohn, 
der  eben  Aquitanien  regierte;  eine  sehr  einflussreiche  Stellung 
muss  er  bei  ihm  eingenommen  haben:  vielleicht  war  er  sein 
Erzieher  gewesen  und  wurde  später  sein  Kanzler.  3)  Er  be- 
gleitete Pippin  sogar  gewappnet  ins  Feld  bei  dem  Kriegszug 
gegen  die  Bretonen  i.  J.  824.  Aber  er  scheint  auch  den  Ehr- 
geiz des  jungen  Königs  so  augestachelt  zu  haben,  dass  dieser 
selbst  seinem  Vater  gegenüber  sich  geltend  machte.  So  wurde 
Ermold  von  Ludwig  aus  Pippins  Umgebung  entfernt  und  nach 
Strassburg  verbannt,  wo  er  unter  die  Aufsicht  des  Bischofs 
Bernold  gestellt  wurde,  der  ihn  aber,  wohl  auch  aus  Liebe  zu 
Pippin,  freundlich  behandelte.    In   dieser  Verbannung  schrieb 


1)  Für  dieselbe  spricht  melir  nocli  als  der  Name  Ermold,  seine  Kennt- 
niss  des  Deutschen,  die  er  in  der  Etymologie  von  Eigennamen  (s.  I.  I. 
V.  47  ff.  die  Ableitung  von  Ludwig)  zeigt,  oder  wo  er  eine  solche  Kennt- 
niss  auch  bei  dem  Leser  voraussetzt,  wenn  er  1.  IV  v.  657  f.  von  „Theu- 
trammus"  sagt:  nomine  dignus,  ohne  weitere  Erklärung. 

2)  In:  Monum.  Germaniae  histor.  Scriptor.  T.  II  p.  464  ff.  —  Ueber- 
setzung  von  Pfund  in :  Geschichtschi-eiber  der  deutschen  Vorzeit.  9.  Jahrh. 

3.    Bd.    Berlin    1856    (Einleitung). Henkel,    Ueber   den   historischen 

Werth  der   Gedichte  des  Ermoldus  Nigellus.  Progr.  der  höheren  Bürger- 
schule in  Eulenburg  1876.  —  Dümmler,  N.  A.  S.  260  f. 

3)  Auch  Dümmler  meint,  man  dürfe  Ermold  mit  gi'osser  Wahrschein- 
lichkeit für  identisch  mit  dem  Kanzler  Hermoldus  halten,  der  im  Jahre  838 
unter  merheren  Urkunden  Pippins  erscheint. 


De  gestis  Ludovici  Caesaris.  171 

Ermold  dann  die  uns  von  ihm  erhalteneu  Gedichte,  zu  welchen 
ebendieselbe  sogar  den  Anlass  gab:  einmal  die  erwähnte 
epische  Dichtung-,  durch  welche  er  die  Erlösung  aus  dem  Exil 
von  dem  Kaiser  zu  erlangen  hoffte,  sie  ist  Ende  826  oder  An- 
fang 827  verfasst*);  dann  zwei  an  Pippin  gerichtete  Elegien, 
von  denen  wenigstens  die  zweite  nach  der  epischen  Dichtung 
geschrieben  ist.  Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  wurde  Ermold 
nach  dem  Siege  der  Söhne  über  den  Kaiser  830  frei,  — 

Das  epische  Gedicht,  dem  man  wohl  am  besten  den  Titel : 
,I)e  gestis  Ludovici  Caesaris  zu  geben  hat-),  ist  in  Distichen 
geschrieben  und  umfasst  vier  Bücher  und  ein  Vorwort  von 
35  Hexametern,  das  Acrostichon  und  Telestichon  zugleich  ist, 
indem  die  Anfangs-  wie  Endbuchstaben  der  Verse  den  Hexa- 
meter: „Ermoldus  cecinit  Hludovici  Caesaris  .  arma "  ergeben. 
In  diesem  Prolog  bittet  der  Dichter  Christus  und  den  Psalmen- 
sänger David  um  Beistand  bei  seinem  Unternehmen,  „die 
Thaten  des  erhabenen  Kaisers  zu  sagen":  denn  nicht  will  er 
wie  die  wahnsinnigen  Alten  die  Musen,  noch  Phöbus,  noch 
Apollo-^)  anrufen,  da  sie  eitle  Weisheit  blendete  und  ihre 
Herzen  der  Teufel  beherrschte.  Durch  solchen  Beistand  hofft 
er  von  seiner  Dichtung  die  Befreiung  aus  dem  Exil.  Schliess- 
lich wendet  er  sich  noch  an  den  Kaiser  selbst,  dessen  Frömmig- 
keit er  preist,  mit  der  Bitte,  das  Werk  huldvoll  aufzunehmen 
und  ihn,  den  gefallenen  Diener,  wieder  zu  erheben.  —  Geben 
wir  zunächst  eine  kurze  Inhaltsübersicht. 

Das  erste  Buch  (616  V.)  ist,  nach  einem  Eingang  worin 
der  Dichter  nochmals  seine  Absicht  erklärt,  aber  auch  bemerkt, 
nicht   alle    einzelnen    Thaten    Ludwigs    besingen    zu    können, 

1 )  Spätere  Ereignisse  werden  nicht  bloss  nicht  behandelt,  sondern  nicht 
einmal  angedeutet,  wo  man  dies  erwarten  sollte,  wie  z.  B.  Haralds  Ver- 
treibung. 

2)  Im  Hinblick  auf  das  Vorwort,  namentlich  y.  9  flf. quo  i^ossim 

Caesaris  in  hoc Carmine  ffcsta  loqui.     Vgl.   auch  1.  I  v.  15  und  29. 

Der  erste  Herausgeber  (Muratori)  hat  die  Dichtung:  De  rebus  //est/s  Ludo- 
vici Imperatoris  betitelt. 

3)  Nee  rogo  Pierides,  nee  Phoebi  tramite  limen 
Ingrediar  capturus  opem,  nee  Apolliuis  almi 
Praef.  v.  13  f.  Wie  hier  aus  Phoebus  Apollo  zwei  Götter  gemacht  werden, 
so  1.  I,  V.  18  aus  Tullius  Cicero  zwei  Autoren;   das   letztere   findet   sich 
auch  in  der  späteren  mittelalterlichen  Literatur  gar  häufig.     Für  die  ge- 
lehrte Bildung  des  Ermold  ist  aber  beides  bezeichnend. 


172  Ermoldus  Nigellus. 

fast  durchaus  der  Eroberung  Barcelona's  durch  Ludwig  als 
König  von  Aquitanien  (801)  gewidmet  (von  v.  65  an):  vorher 
wird  nur  noch  kurz  seiner  Erhebung  auf  diesen  Thron,  der 
Bedeutung  seines  Namens  und  der  Besiegung  der  Basken  ge- 
dacht (v.  31—64). 

Das  zweite  Buch  (602  V.)  beginnt  mit  der  Kaiserkrönung 
Ludwigs  durch  Karl  den  Grossen  813  (v.  1 — 84),  erzählt  dann 
nach  kurzer  Erwähnung  des  Todes  Karls  Ludwigs  Reise  nach 
Achen,  die  einem  Triumphzug  gleicht  durch  das  Herbeiströmen 
des  huldigenden  Volkes,  das  vielleicht  in  übertriebener,  aber 
poetisch  lebendiger  Weise  geschildert  wird,  —  ferner  seine 
ersten  Regierungshandlungen :  Gnadenbezeigungen,  Aussendung 
von  Königsboten,  woran  sich  dann  ein  Elogium  des  Kaisers 
knüpft  (v.  85 — 196).  Hierauf  wird  ausführlich  das  Erscheinen 
des  Papstes  Stephan  im  Frankenreiche  auf  Befehl  des  Kaisers 
und  die  Krönung  desselben  durch  ihn  im  Jahr  816  berichtet 
(v.  197 — 480):  diese  Erzählung  nimmt  namentlich  durch  die 
langen  Reden  der  beiden  die  Hälfte  des  Buches  ein  und  bildet 
so  gleichsam  den  Kern  desselben.  Der  Schluss  behandelt 
dann  noch  die  Reformbestrebungen  Ludwigs  in  Betreff  des 
Klerus  und  der  Klöster,  namentlich  die  Instruction  der  zu 
diesem  Zweck  ausgesandten  Missi  (817)  und  das  Verhältniss 
des  Kaisers  zu  Benedict  von  Aniane  (v.  4SI — 602). 

Das  dritte  Buch  zählt  628  Verse.  Den  grössten  Theil 
desselben  mmmt  die  Erzählung  von  dem  Feldzug  Ludwigs 
gegen  den  Bretonenfürsten  Morman  i.  J.  818,  womit  es  beginnt, 
ein  —  seine  Besiegung,  sein  Tod,  die  Unterwerfung  der  Bre- 
tonen  (v.  1 — 502);  dann  wird  noch  des  Berichts  der  zurück- 
gekehrten Königsboten  gedacht  und  von  v.  543  an  ein  Zwei- 
kampf als  Gottesgericht  geschildert,  der  820  zwischen  dem 
Grafen  Bera  von  Barcelona,  einem  alten  Genossen  des  Kaisers, 
und  dem  Grafen  Sanila  stattfand,  und  da  beide  gothischer 
Herkunft  waren,  in  gothischer  Weise,  zu  Ross  mit  Wurfspeer 
und  Schwert. 

Das  vierte  Buch  (768  V.)  hat  vornehmlich  die  Bemühungen 
Ludwigs  um  die  Bekehrung  der  Dänen  zum  Gegenstand;  dies 
bildet  den  Hauptinhalt  des  Buchs,  das  nach  einer  kurzen 
Charakteristik  der  heidnischen  Dänen  oder  Normannen^)  sogleich 


1)  Hie  populi  porro  veteri  cognomine  Deni 


De  gestis  Ludovici  Caesaris.  173 

mit  der  Aussendimg  des  Erzbischofs  Ebbo  von  Reims  als 
Missionar  an  König  Harald  i.  J.  S23  beginnt  (v,  25—112). 
Nachdem  dann  in  der  Kürze  ein  neuer  Kriegszug  gegen  die 
aufrührerischen  Bretonen  i.  J.  S24,  an  welchem  Pippiu  von 
Aquitanien  und  mit  ihm  Ermoldus  selbst  Theil  nehmen,  geschil- 
dert ist  (y.  113—146),  erzählt  der  Dichter  von  Ebbo's  Thätig- 
keit  und  wie  Harald  mit  einer  grossen  Flotte  in  der  Pfalz 
Ingelheim  erscheint  i.  J.  826,  um  sich  dort  taufen  zu  lassen 
und  Ludwigs  Vasall  zu  werden.  Vorher  wird  hier  eine  höchst 
interessante  Beschreibung  des  Palastes  von  Ingelheim  und  seiner 
Kirche,  namentlich  der  Gemälde,  welche  beide  schmückten, 
gegeben  (v.  181  ff.).  Die  Taufe  und  die  darauf  folgenden 
Feste,  sowie  die  Huldigung  des  Dänenkönigs  werden  ausführ- 
lich, mit  allen  Einzelheiten  lebendig  geschildert  (v.  622).  Nach- 
dem dann  Ermold  den  Abzug  Haralds  berichtet,  preist  er 
Ludwig  wegen  der  friedlichen  Eroberung,  er  besitze  was  weder 
das  mächtige  Eom  noch  die  fränkische  Krone  hatte ;  und  hier 
gedenkt  denn  der  Dichter  auch  der  "Wasserorgel,  die  S26  ein 
venezianischer  Presb}i:er  Ludwig  baute,  ein  Wunderwerk,  um 
welches  dieser  allein  den  byzantinischen  Kaiser  zu  beneiden 
gehabt  hatte.  Darauf  aber  geht  Ermold  auf  sich  und  seine 
Verbannung  über  (v.  649)  und  erzählt  von  dem  Dome  Strass- 
burgs  und  den  Wundem,  die  dort  ein  frommer  Priester  zu 
Bonifatius'  Zeit  schaute.  Zum  Schluss  (v.  747  ff.)  bittet  er  dann 
auch  hier  —  wie  an  andern  Stellen  der  Dichtung  —  sein  Ver- 
gehen nicht  bestreitend,  noch  einmal  den  Kaiser  und  seine 
schöne  Gemalin  um  Begnadigung. 

Diese  Dichtung  hat  keinen  geringen  literargeschichtlichen 
Werth  und  ist  auch  an  manchen  Stellen  nicht  ohne  ästhetischen 
Reiz.  Beides  gilt  namentlich  von  dem  ersten  Buche.  Hier 
finden  wir  zum  ersten  Male  im  Abendland  als  Gegenstand  der 
Epik  den  Kampf  mit  den  Sarazenen,  und  zur  Zeit  Karls  des 
Grossen,    also    das    Sujet   des    volksthümlichsten   der   grossen 


Ante  vocabantur  et  vocitantur  adhuc : 
Nort  —  quoque  francisco  dicuntiir  nomine  —  manni, 

Veloces,  agiles,  armigerique  nimis. 
Ipse  qiüdem  populus  late  pernotus  habetur, 

Lintre  dapes  quaerit.  incolitatque  mare; 
Pulcher  adest  facie,  viütuque  statuque  decorus, 

TJnde  genus  Francis  adfore  fama  refert.    v.  1 1  ff. 


174  Ermoldus  Nigellus. 

Sagenkreise  der  nationalen  Weltliteratur,  und  zwar  schon  auf 
Grund  mündlicher  Ueberlieferung,  der  Sage,  wie  der  Dichter 
selbst  bemerkt'),  der  sich  als  Ungelehrter,  wenn  auch  mit  Un- 
recht, hinstellt,  aber  in  der  That  eine  populäre  Natur  war. 
Zugleich  erscheint  hier  bereits  und  als  der  Hauptheld  jener 
Wilhelm,  Graf  oder  Herzogt)  von  Toulouse,  der  als  Guillaume 
d'Orange  oder  Guillaume  au  court-nez,  der  Mittelpunkt  eines 
der  drei  Cyklen  des  karolingischen  Sagenkreises  ist,  welche 
zuerst  die  uordfranzösische  Nationaldichtung  ausbildete.  Er 
ist  es,  der  in  unserm  Gedicht  auf  einer  Reichsversammlung 
Ludwig  zu  dem  Kriegszug  gegen  die  Sarazenen  auffordert;  er 
kennt  jenes  Volk,  sagt  er,  und  es  kennt  ihn 3)  —  hiermit  wird 
gewiss  vornehmlich  auf  die  Schlacht  am  Orbieu  793  hin- 
gedeutet, in  der  zwar  die  Franken  bei  ihrer  Minderzahl  unter- 
lagen, aber  durch  ihre  und  namentlich  Wilhelms,  ihres  An- 
führers, Tapferkeit  die  Araber  von  weiterem  Vordringen  ab- 
schreckten."*) Die  Eroberung  Barcelona's  wird  als  das  Ziel  des 
Feldzugs  von  Wilhelm  bezeichnet,  sie  allein  sichere  den  Frie- 
den: er  selbst  will  der  Führer  sein.  —  Lebendig  wird  dann 
die  Berennung  der  Stadt  geschildert,  und  manche  acht  epische 
Züge  finden  sich  da,  darunter  auch  solche,  die  recht  unmittel- 
bar an  das  karolingische  Volksepos  erinnern,  wie  z.  B.  die 
Rolle,  welche  die  Streitrosse  der  Helden  spielen.  So  antwortet 
(v.  401  flf.)  Wilhelm  einem  Mauren,  der  von  der  Zinne  herab 
spottet,  der  Hunger  werde  noch  die  Franken  zum  Abzug  nö- 
thigen :  eher  wolle  er  sein  prächtiges  Ross  selbst  verzehren,  als 
die  Belagerung  aufheben.  Da  erst  erschrecken  die  Mauren. 
Der  Emir  verlässt  nun  heimlich  die  Stadt  um  Entsatz  zu  holen : 


1)  Die  Stelle  lautet  im  Zusammenhang: 

Culmina  terrarum,  vel  quot  castella  peragrans  (sc.  Ludovicus) 

Subdidit  imperiis  arma  ferente  Deo, 
Sunt  mihi  nota  minus,  vel  si  modo  nota  fuissent, 

Non  poterat  stolidus  cuncta  notare  stilus: 
Sed  quae  fama  recens  stupidas  pervexit  ad  aures, 

Incipiam  canere;  caetera  linquo  catis.    v.  65  ff. 

2)  Beide  Titel  hat  er  bei  Ermold. 

3)  Quae  (sc.  gens)  mihi  nota  nimis,  et  sibi  notus  ego.  v.  148.   Eine  den 
Helden  schön  charakterisirende  Wendung. 

4)  In  der  Wilhelm  feiernden  Chanson   de  geste:    La  hataiUe  AUscans 
wird  bekanntlich  diese  Schlacht  besungen. 


De  gestis  Ludovici  Caesaris.  175 

aber  das  Wiehern  seines  Pferdes  verrätli  ihn.  —  Episodisch 
wird  früher  erzählt  (v.  207  ff.),  wie  bei  den  Einfällen  der  Araber 
einem  Franken  Datus  seine  Mutter  geraubt  und  auf  eine  unein- 
nehmbare Felsenfeste  gebracht  wird:  vergeblich  sucht  der 
Sohn  mit  dem  Schwerte  sie  zu  befreien,  da  wird  von  dem 
Feinde  als  Lösegeld  das  Ross  des  Franken  gefordert;  dieser 
aber  lässt  lieber  die  eigene  Mutter  vor  seinen  Augen  tödten, 
als  sein  Pferd  hinzugeben,  eine  Missethat,  die  er  dann  sein 
Lebelang  als  Einsiedler  büsst.  —  Die  Lebhaftigkeit  der  Dar- 
stellung erhöhen  nicht  bloss  die  eingelegten  Reden,  sondern 
auch  manche  treffende  Gleichnisse:  so  verstecken  sich  die 
Mauren  vor  dem  Pfeil-  und  Schleuderregen  wie  Schwimmvögel, 
wenn  sie  der  Adler  bedroht,  der  jeden  fasst,  der  den  Kopf 
aus  der  Tiefe  erhebt  (v.  505  ff.). 

Auch  die  ausführliche  Erzählung  von  dem  bretonischen 
Krieg  im  dritten  Buche  ist  recht  interessant  und  bietet  auch 
manche  poetische  Züge.  Da  der  Dichter  selbst,  wenn  auch 
nicht  diesen,  doch  den  folgenden  Feldzug  gegen  die  Bretonen 
mitgemacht  hatte,  so  gibt  er  von  Land  und  Leuten  und  der 
durch  ihre  eigenthümliche  Natur  bestimmten  Art  der  Kriegs- 
führuug  ein  lebendiges  anschauliches  Bild:  in  dem  ganz  cou- 
pirten  Terrain,  das  voller  Sümpfe,  Wälder  und  Hecken,  war 
ein  Kampf  im  offenen  Felde  mit  entscheidenden  Schlachten 
nicht  möglich;  es  war  vielmehr  ein  Parteigäugerkrieg,  von 
Seiten  der  Franken  Verwüstung,  von  der  der  Bretonen  Ueber- 
fälle  (v.  347  ff.).  Im  einzelnen  hervorzuheben  sind  namentlich 
Mormans  Verhandlung  mit  dem  fränkischen  Gesandten  und 
sein  Auszug  zum  Kampf  (v.  101  fl\  u.  v.  361  ff.),  wie  er  dort 
durch  sein  Weib  verführt  wird,  den  Krieg  statt  den  Frieden 
zu  wählen,  und  wie  er  hier  von  demselben  Abschied  nimmt, 
Scenen  die  manchen  hübschen  bedeutenden  Zug  enthalten.  9 
Auch  in  diesem  Buch  begegnen  wir  trefflich  ausgeführten 
Gleichnissen,  s.  z.  B.  v.  175  ff. 


1)  Auch  die  Rede  ist  bemerkenswerth ,  mit  der  Morman  nach  der  bei 
seinem  Weib  im  Rausche  vollbrachten  Xacht,   die  er  als  Bedenkzeit  sich 
ausbedungen,  den  Gesandten  entlässt  I.  III,  v.  207  ff. : 
Ecce  miser  tandem  potu  somnoque  sepultus 
Murman  adest,  ociüos  vix  aperire  valens. 
Ebrius  haec  ructans  labris  vix  orsa  remotis 
Voce  sonat,  numquam  post  placitura  sibi: 


176  Ermoldus  Nigellus. 

So  ist  durchaus  nicht  zu  läuguen,  dass  Ermold  poetisches 
und  zwar  episches  Talent  besass,  er  ist  weit  davon  entfernt 
ein  blosser  Chronist  in  Versen  zu  sein,  wie  schon  die  Aus- 
wahl des  Stoffes  zeigen  konnte;  auch  wird  nicht  durch  die 
panegyrische  Tendenz  der  epische  Stil  wesentlich  beeinträch- 
tigt. Ermolds  Werk  ist  trotz  all  seiner  sprachlichen  wie  me- 
trischen Mängel  1)  eine  für  seine  Zeit  nicht  unbedeutende  Lei- 
stung, zumal  er  sich  von  sclavischer  Nachahmung  oder  über- 
triebener Benutzung-)  Virgils  frei  erhält,  obwohl  dieser  an 
einzelnen  Stellen  als  Vorbild  ihm  vorschwebt,  wie  denn  an 
einer  auf  sein  Epos  selbst  Bezug  genommen  wird.  3) 

Auch  die  beiden  Elegien  Ermolds  sind  von  geschicht- 
lichem und  die  erste  noch  von  besonderem  literargeschichtlichem 
Interesse.  In  dieser  (200  V.)  sendet  der  Dichter  seine  Thalia 
zu  König  Pippiu,  ähnlich  wie  Theodulf  an  Modoin^),  und  wohl 
nach  diesem  Vorbild^),  wenn  er  auch  Theodulfs  Muster,  Ovids 
Elegie  gekannt  hat.  Die  Botin  erscheint  aber  in  der  Pfalz  an 
der  Charente  zum  Osterfest,  als  der  König  mit  seiner  Gemalin 
in  feierlichem  Zuge   den  Palast  verlässt  —  ohne  Zweifel  zum 


Perge,  tuo  regi  celerans  haec  verba  renarra: 

Nee  sua  rura  colo,  nee  sua  iura  volo. 
nie  habeat  Francos,  Brittonica  regmina  Miirmaii 

Rite  tenet,  eensum  sive  tributa  vetat. 
Bella  cient  Franci,  confestim  bella  ciebo, 

Neve  adeo  imbellis  dextera  nostra  manet. 

1)  Selbst  an  siebenfüssigen  Hexametern  fehlt  es  nicht,  wenn  sie  auch 
nur  ganz  selten  mit  unterlaufen,  s.  z.  B.  1.  III,  v.  31. 

2)  Die  gegentheiKge  Behauptung  von  Dorn,  De  bellis  Franeorum  cum 
Arabibus  gestis,  S.  52  ist  ganz  ungerechtfertigt,  wie  seine  eigene  Ver- 
gleichung  einzelner  Stellen  zeigt.  Reminiseenzen  aus  Vii'gil  waren  für  eiiaen 
späteren  lateinischen  Epiker  geradezu  unvermeidlich,  aber  sie  finden  sich 
keineswegs  in  auffallender  Zahl  bei  Ermoldus. 

3)  In  der  Rede  des  fränkischen  Gesandten,  eines  Abtes  übrigens,  an 
Morman,  wo  jener  bemerkt,  dass  wenn  diesem  selbst  solche  Hülfstruppen 
kämen  als  dem  Turnus,  er  doch  nicht  wagen  könne  es  mit  den  Franken 
aufzunehmen  (1.  III,  v.  144  ff.).  Morman  mochte  dem  Dichter  wohl  als  ein 
Turnus  erscheinen,  da  Ludwig  durch  das  ihm  schon  gewöhnlich  beigelegte 
Prädicat  pius  von  selbst  an  den  pius  Aeneas  erinnerte. 

4)  S.  oben  S.  82. 

5)  Dies  zeigt,  von  allem  andern  abgesehen,  schon  der  Umstand,  dass 
die  Botin  ThaUa  genannt  wird. 


Elegien.  177 

Kirchgang.  Der  Dichter  gibt  dann  die  Unterredung  seiner 
Muse  mit  dem  König,  der  von  dem  Verbannten  Kunde  wünscht, 
in  welchem  Lande  er  weile,  in  welcher  Stadt,  wer  dort  der 
Bischof  sei.  Thalia  schildert  darauf  den  Elsass,  seine  Fülle 
von  Korn  und  Wein,  die  er  dem  Wasacus  —  den  Vogesen  — 
und  dem  Rhein  verdanke,  zwischen  welchen  beiden  er  liege. 
"Wenn  es  dem  König  beliebe,  solle  er  von  ihnen  selbst  erfahren, 
was  ein  jeder  vermöge,  wer  von  beiden  seinem  Volke  nütz- 
licher sei.  Diesen  Worten  Thalia's  folgt  nun  ein  Streitgedicht 
zwischen  Rhein  und  Vogesen,  welche  beide  in  Wechselrede 
eingeführt  werden.  So  rühmt  der  Rhein  die  Wasserstrasse,  die 
er  für  die  Einfuhr  reicher  Waaren  bietet,  und  seine  Fische; 
dagegen  spende  nur  Holz  für  den  Herd  der  von  Sturm  und 
Regen  gepeitschte  Wasacus.  Dieser  entgegnet:  von  seinen 
Eichen  würden  Paläste  und  Kirchen  gebaut,  Könige  jagten  in 
seinem  Revier  Hirsche  und  Eber,  und  seine  Bäche  wären  auch 
an  Fischen  reich;  der  Rhein  aber  entführe  die  Landesproducte. 
Der  Rhein  replicirt,  dass  er  nur  den  Ueberfluss  ausführt  und 
zum  Eintausch  andrer  Waaren;  statt  Holz  biete  er  Gold  in 
seinem  Sande,  und  befruchte  das  Land,  wie  der  Nil,  durch 
seine  Ueberschwemmungen.  Wasacus  antwortet:  der  Rhein 
ertränke  vielmehr  die  Saaten.  —  Nachdem  dann  Thalia  bei- 
den Schweigen  geboten,  beantwortet  sie  selbst  die  zweite  und 
dritte  Frage  des  Königs,  indem  sie  ihm  das  geräuschvolle, 
Volk-  und  verkehrreiche  Strassburg  nennt  und  von  dem  Bischof 
Bernold  erzählt,  der,  ein  Sachse,  in  der  Hofschule  Karls  des 
Grossen  gebildet,  durch  Geist  und  Gelehrsamkeit  sich  aus- 
zeichnet, wie  durch  Herzensgüte  und  Frömmigkeit;  er  vermag 
geschickt  durch  seine  deutsche  Predigt  das  auf  seine  Reich- 
thümer  trotzende  Volk  zu  Gott  zu  führen.')  Er  ist  des  Er- 
mold  Trost;  trotzdem  ist  diesem  die  Verbannung  schwer,  weil 
er  fern  von  der  Heimath  und  fern  von  seinem  Könige  weilt. 
—  Die  Antwort,  die  der  König  darauf  Thalia  ertheilt,  schliesst 
das  Gedicht:   Ermold  möge   sich   mit  dem  gleichen  Geschick 


1)  Sed  gens  atra  nimis,  cui  praest  modo  praesul,  lionore, 
Divitiis  poUens,  nescit  amare  Deum; 

Barbara  lingua  sibi,  scripturae  nescia  sacrae, 
Ni  foret  antestis  ingeniosus  ei; 

Hie  popiilis  noto  scripturas  frangere  verbo 

Certat,  et  assiduo  vomere  corda  terit.    v.  1 55  ff. 

Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  II.  12 


178  Ermoldus  Nigellus,  Elegien. 

andrer  —  bertilimter  —  Männer  trösten,  Heiden  wie  Christen, 
einem  Ovid,  Virgil,  der  sein  Gut  verlor  und  erst  durch  seine 
Dichtkunst  wieder  gewann,  den  Aposteln  Johannes,  Petrus  und 
Paulus,  und  dem  heil.  Hilarius. 

Auch  die  zweite  Elegie,  222  Verse,  hat  Ermold  an  Pippin 
gerichtet.  Nach  einer  Captatio  beuevolentiae  für  seine  geringe 
Muse,  die  er  eine  Musel/a,  eine  Musa  iocosa  nennt,  und  die 
trotzdem  dem  Könige  sonst  gefiel,  folgt  das  überschwängliche 
Lob  desselben,  das  sich  auch  auf  sein  Aeusseres  erstreckt 0, 
und  darauf  gute  Rathschläge,  wie  sie  ein  Mentor  einem  jungen 
Manne  ertheilt;  der  König  soll  zwar  das  Leben  in  erlaubter 
Weise  geniessen,  namentlich  auch  der  Jagd  sich  erfreuen,  aber 
doch  nur  an  bestimmten  Tagen,  an  andern  nützlicheres  thun; 
sei  kein  Jüngling  mehr,  sei  ein  Mann,  ruft  ihm  der  Dichter  zu, 
und  hält  ihm  dann  seine  Kegentenpflichten  vor;  sie  krönt  die 
Liebe  zu  Gott,  die  über  jede  andre  gehen  muss.  Hier  flicht 
dann  (v.  69  ff.)  der  Dichter  eine  Episode  ein,  in  der  er  seiner 
„spasshaften  Muse",  welche  Pippin  so  besonders  gefiel,  das 
Wort  leiht,  indem  er  erzählt,  wie  einem  Eremiten  die  Liebe 
zu  einem  Kater  die  Liebe  Gottes  schmälerte.  Ermold  zeigt 
dann,  auf  die  Bibel  verweisend,  wie  die  frommen  Könige 
von  Gott  begünstigt  werden,  und  stellt  Pippin  seinen  eigenen 
Vater  als  Muster  hin"-);  Pippins  Geschlecht'^)  hätte  immer  viel 
für  die  Kirche  gethan;  und  bei  dieser  Gelegenheit  rühmt  der 
Dichter  besonders  Karl  den  Grossen  (v.  159  flf.),  und  zollt  von 
neuem  ausgiebiges  Lob  Ludwig,  den  er  stets  Pippin  in  Worten 
und  Schriften  als  Beispiel  gezeigt,  nur  der  Neid  habe  ihn 
anderes  reden  lassen  (v.  201  flf.).  Mit  Segenswünschen  für 
Pippin  und  seine  Gemalin  schliesst  dann  der  Dichter,  der  sich 
hier  mit  seinem  Namen  nennt.  ^) 


1)  Dieser  Panegyricus  schliesst: 

Si  Veneris  soboles,  Priami  si  filius  adsit, 

Hector  et  Aeneas  cedet  uterque  tibi.    v.  33  f. 

2)  Hier  gedenkt  Ermold  seines  epischen  Gedichts  v.  141  f. 

3)  Es  ist  bemcrkenswerth  dass  der  unter  den  Vorfahren  aufgeführte 
Karl  Martell  hier  (v.  131)  Carolus  magnus  genannt  wird,  was  sich  ja 
auch  sonst  findet  und  die  Identification  desselben  mit  Karl  dem  Grossen 
durch  die  Sage  noch  fördern  musste. 

4)  Er  —  modolata  tibi  conscripsit  carmina  —  moldus, 
Nominis  ut  famuli  sis  memor,  alme,  tui. 


Ermenrich.  179 


FÜNFTES  KAPITEL. 

ERMENRICH  VON  ELL  WANGEN. 

Mehr  als  ein  hervorragender  Vertreter  der  Gelehrsamkeit, 
wie  sie  in  solchen  Pflanzstätten  derselben  wie  Fulda  und 
Reichenau  gepflegt  wurde,  denn  als  Autor  verdient  hier  ein 
Schüler  Walahfrids  genannt  zu  werden,  der  auch  in  Fulda 
und  St.  Gallen  studirt  hat,  und  der  besonderen  Leitung  eines 
alten  Lehrers  Walahfrids,  des  Erzcapellan  Grimald')  sich  er- 
freute: Ermenrich  von  Ellwangen-),  so  genannt  von  dem 
Kloster,  dem  er  angehörte.  Ueber  sein  Leben  geben  uns  nur 
seine  Schriften  zerstreute  Nachrichten.  Die  älteste  ist  ein 
Leben  des  h.  Sualo^),  des  Gründers  von  Solenhofen  an  der 
Altmühl,  dessen  Namen  man  latinisirend  Solus  nannte.^)  Er- 
menrich verfasste  diese  Vita  auf  den  Wunsch  des  ihm  nahe 
befreundeten  Nefi'en  Rabans,  Gandram  (welcher  jener  zu  Fulda 
gehörigen  Cella  vorstand),  nachdem  er  sich  der  Erlaubuiss 
Rabans  versichert.  Hiervon  macht  uns  eine  Correspondenz 
der  beiden  Freunde,  die  als  Vorwort  der  Vita  vorausgeht, 
Mittheilung.  In  Gundrams  Brief  wird  Ermenrich  auch  die 
stilistische  Beihülfe  des  gelehrten  Fulder  Rudolf,  seines  Lehrers 
in  der  Beredsamkeit''),  zugesagt.  An  diesen  ist  denn  auch  ein 
Prolog  des  Autors  in  adonischen  Versen  gerichtet.     Die  Vita 


1 )  Vielleicht  war  Ermenrich  eine  Zeitlang  Mitglied  der  königl.  CapeUe, 
wie  Dümmler  und  Wattenbach  verrauthen. 

2).  Ennenrici  Vita  S.  Solae  in  Canisii  lectiones  antiquae  (s.  oben  S.  145 
Anm.  2)  T.  II,  pars  2,  p.  16 L  —  Vita  S.  Hariolfi  in:  Monum.  Germaniae 
histor.  ed.  Pertz,  Scriptores  T.  X,  p.  11  ff.  —  Ennenrici  Epistola  ad  Gri- 
moldum  Archicapellanum  ex  cod.  Galli  etc.  ed.  Dümmler.  Halle  1873. 
(Vgl.  St.  Gallische  Denkmale  aus  der  karoling.  Zeit,  herausgeg.  von  Dümm- 
ler. In  den  Mittheilungen  der  antiquar.  Gesellsch.  in  Zürich.  Bd.  XII. 
Hft.  6.) Dümmler,  Ueber  Ermenrich  von  Ellwangen  imd  seine  Schrif- 
ten. In:  Forschungen  zur  Deutschen  Geschichte.  Bd.  XIII.  S.  47.3  ff. 
(Nachtrag  Bd.  XIV,  S.  405  f.)  —  Wattenbach,  Deutschi.  Geschichtsq.  Bd.  I, 
S.  229  ff.  -  Dümmler,  N.  A.  S.  321  f. 

3)  Vgl.  Rettberg,  Kirchengesch.  v.  Deutschland,  Bd.  II,  S.  360  f. 

4)  Nicht  bloss  Ermenrich,  wie  Dümmler  und  Wattenbach  sagen,  auch 
Gundram  nennt  ihn  so,  und  die  Form  Solenhofen  spricht  auch  dafür. 

5)  «Oratoris  tui"?  —  In  einem  Schreiben  an  ihn,  das  auch  um  die  Bei- 
hülfe bittet,  nennt  ihn  Ermenrich  seinen  diduscalus. 

12* 


180  Ermenrich. 

selbst,  ZU  welclier  Gimdram  und  auch  noch  am  Leben  befind- 
liche Augenzeugen,  wie  ein  Diener  des  Heiligen,  das  Material 
lieferten,  ist  kurz  und  unbedeutend.  Sualo  war  einer  der 
Angelsachsen,  die  Bonifaz  nach  Deutschland  folgten;  von  ihm 
zum  Presbyter  geweiht,  zog  er,  wie  manche  andre,  doch  das 
Einsiedlerleben  vor.  Als-  der  Ruf  seiner  Heiligkeit  sich  ver- 
breitete, erhielt  er  den  Ort  seiner  Ansiedlung,  der  nach  ihm 
benannt  wurde,  von  Karl  dem  Grossen  geschenkt.  Er  wirkte 
übrigens  als  Missionar  in  seiner  Umgebung,  wobei  ihn  zwei 
Landsleute  unterstützten.  Seine  Besitzung  vermachte  er  dem 
Kloster  Fulda.  Die  obligaten  Wundergeschichten,  Heilungen 
von  Blinden  und  Taubstummen,  sind  ohne  Interesse,  dagegen 
bemerkenswerth ,  dass  eine  davon  durch  „dort  (wohl  in  der 
Kirche)  hängende  Bilder"  schon  zu  Ermenrichs  Zeit  verewigt 
war.  1)  —  Ein  acrostichischer  Hymnus  auf  den  Heiligen  in 
eigenthümlichen  Versen  ist  von  dem  Autor  beigefügt. 2)  —  Diese 
Vita  ist  noch  vor  842  verfasst,  zu  einer  Zeit  wo  der  Autor 
noch  Diacon  war. 

Eine  der  Zeit  nach  folgende  kleine  Schrift,  welche  Er- 
menrich schon  als  Presbyter  in  Ellwangen  verfasst  und  einem 
andern  seiner  Lehrer,  Gozbald,  der  damals  Bischof  von  Würz- 
burg war,  gewidmet  hat,  hat  zunächst  das  Leben  des  Gründers 
von  Ellwangen,  eines  Verwandten  des  Gozbald,  zum  Gegen- 
stand. Es  istHariolf,  später  Bischof  von  Langres,  in  welcher 
Würde  er  seinem  Bruder  Erlolf  folgte.  Hariolf,  ein  vornehmer 
Laie  am  Hofe  Pippins,  war  —  so  wird  hier  erzählt  —  auf 
der  Jagd  nach  einem  Elch  in  jene  Gegend  geführt;  dort 
übernachtend,  hört  er  im  Schlaf  wiederholt  das  Läuten  von 
Glocken.     Hierin   glaubt   er    eine    Weisung   des   Himmels    zu 


1) Et  continuo  cecidit  corani  populo  et  sanatus  est  homo.   Quod 

quidem  tabulae  pictoriae  ibidem  pendeiites  testantur.  c.  8. 

2)  Er  ist  in  der  Form  des  2.  Asclepiadeum,  mit  einem  eigenthilmlichen 
Schluss  vers,  aber  in  rythmischen  Versen,  denn  es  ist  nicht  nur  die  Quan- 
tität vernachlässigt,  sondern  auch  der  Hiatus  zugelassen,  während  der 
Wortaccent  herrscht.  So  auffallend  dies  bei  einem  Autor  wie  Ermenrich 
sein  kann,  ist  ihm  doch  der  Hymnus  nicht  abzusprechen,  da  derselbe 
durchaus  das  Gepräge  seiner  Ausdrucksweise  (auch  die  Einmischung 
griechischer  Worte)  hat,  und  Ermenrich  eines  der  Gedichte  der  weiter 
unten  betrachteten  Epistel  auch  in  fast  ganz  gleichen  asklepiadeischen,  aller- 
dings quantitativen,  Versen  geschrieben  hat. 


Yita  Soli.    Vita  Hariolfi.  181 

sehen;  und  von  seinem  geistlichen  Bruder  berathen,  wird  er 
Mönch  und  gründet  in  jenem  Thale  ein  Kloster.  Er  wurde 
später  von  Karl  dem  Grossen  sehr  hoch  gehalten.  Von  seinen 
Wundern  wird  namentlich  erzählt,  dass  einer  der  Seinigen 
Namens  Grimald  des  Nachts  aus  dem  Munde  des  betenden 
Hariolf  ein  Feuer  wie  eine  Fackel  zum  Himmel  aufsteigen  sah 
—  eine  Sage  deshalb  erwähnenswerth,  weil  gleiches  auch  von 
Helden  der  weltlichen  Dichtung  im  Mittelalter  sich  erwähnt 
findet,  wennschon  anders  motivirt. ')  Von  dem  eben  genannten 
Grimald  wird  dann  noch  ebenso  ausführlich  gehandelt,  der  in 
ganz  gleicher  Weise  wie  sein  Abt  zum  Mönch  bekehrt  sein 
sollte!-)  —  Diese  Vita  Hariolß,  die  ein  einfacher,  natürlicher 
Ausdruck  vor  den  andern  auszeichnet,  ist  durch  ihre  Ein- 
kleidung besonders  bemerkenswerth :  sie  ist  nämlich  in  dia- 
logischer Form  verfasst,  indem  Ermenrich  sich  mit  einem 
älteren  Mönch,  Mahtolf,  als  dessen  „alumnus"  er  sich  bezeich- 
net, unterhält,  der  wie  ein  Lehrer  auf  seine  Fragen,  als  die 
des  Schülers,  antworten  soll.  So  ist  es  also  die  Form  der 
Alcuinschen  Unterrichtsmethode,  die  Ermenrich  von  Fulda 
her  bekannt  war.  Aber  es  war  ihm  auch  ein  unmittelbares 
Beispiel  für  eine  solche  Einkleidung  in  den  berühmten  Dialogen 
des  Sulpicius  Severus  über  das  Leben  des  h.  Martin  gegeben, 
hinter  denen  freilich  seine  mitunter  gar  hölzerne  Ausführung- 
weit  zurücksteht. -^ 

Wichtiger  als  diese  beiden  Heiligenleben  ist  eine  dritte, 
spätere,  Mitte  des  Jahrhunderts  verfasste  Schrift,  eine  Epistel 
an  den  Erzcapellan  Ludwigs  des  Deutschen  Grimald,  welche 
von  der  umfangreichen  gelehrten  Bildung  des  Autors,  der  so 
vieler  berühmten  Lehrer  Schüler  sich  nennt,  ein  merkwürdiges 
Zeugniss  ablegt,  das  also  von  nicht  geringem  kulturgeschicht- 
lichen Interesse  ist.  Die  Epistel  ist,  wie  der  Verfasser  selbst 
sagt,  zu  E  h  r  e  n  Grimalds  geschrieben,  indem  sie  über  die  ver- 
schiedensten Gebiete  des  Wissens   sich  verbreitend,  mit  allen 


1)  Wie  z.  B.  von  Havelok  dem  Dänen,  dessen  königliche  Abstammung 
sich  dadurch  kundgibt. 

2)  Auch  er  hört  läuten,   hat  daim  aber  noch  eine  Engelserscheinung. 

3)  Wenn  in  der  Epist.  ad  Grimaldiun  p.  35  Ennenrich  auf  Boetius' 
Consolatio  philosophiae  als  sein  VorbUd  in  dieser  Beziehung  wirklich  hin- 
deutet, wie  Dümmler  annimmt,  so  ist  dies  eine  nachträgliche  gelehrte 
Dickethuerei. 


182  Ermenrich. 

möglichen  gelehrten  Citaten  gespickt,  dadurch  die  Universa- 
lität der  Erudition  des  Adressaten  i),  aber  noch  mehr  offenbar 
die  des  Schreibers  selbst  vor  der  Welt  glänzen  lassen  v^ill.  So 
erklärt  sich  der  bunte  Inhalt,  der  aus  allen  verschiedenen  Wissen- 
schaften, welche  die  Schule  lehrte,  einzelne,  zum  Theil,  wie  bei 
der  Grammatik  oder  Dogmatik,  schwierigere  Fragen  behandelt, 
gleichsam  als  Schmeckebisschen ,  die  zum  weiteren  Studium 
anreizen  sollen-),  aber  zugleich  geeignet  erscheinen  das  Er- 
staunen über  die  Gelahrtheit  des  Autors  und  des  Adressaten 
zu  erregen,  den  er  als  seinen  Lehrer  verehrt.  Dabei  taumelt 
der  Verfasser,  wie  ein  Trunkener,  wie  er  selbst  einmal  sagt'*), 
von  einem  Gegenstand  zum  andern. 

Nach  einer  schwülstigen  Lobpreisung  Grimalds  und  König 
Ludwig  des  Deutschen  hebt  Ermenrich  mit  dem  Fundamental- 
satz der  christlichen  Moral:  Liebe  Gott  und  deinen  Nächsten, 
an,  dem  er  die  Freundschaft  Grimalds  verdanke.  Durch  diese 
beiden  „Federn  (Schwingen)  der  Liebe"  erhebe  sich  die  Seele 
^vauf  der  Quadriga  der  vier  Haupttugenden"  zum  Himmel.*) 
Dieser  Satz  führt  nun  alsbald  den  Verfasser  zu  der  Frage, 
was  denn  die  Seele  im  Unterschiede  vom  Geiste  sei.  Und 
hier  werden  nun  Excerpte  aus  Schriften  Alcuins  (De  arte 
rhetor.  und  De  anima)  an  einander  gereiht,  ohne  dass  indessen, 
wie  auch  an  andern  Stellen,  der  Autor  genannt  wird.  Bei 
Grimald  selbst  konnte  wohl  Ermenrich  allerdings  die  Kenntniss 
desselben  voraussetzen.     Dann  kommt  er,  an  den   obigen  Satz 


1)  Eine  sane  omnes,  qui  hanc  epistolam  lecturi  sunt,  rogo  iie  pertur- 
bentiir  iiec  felletenus  irascantur,  quod  a  deo  tibi  datae  sapientiae  tanta 
ascribimus.     Si   enim  universalem  prudentiam  tuam  tarn  in  dominicis 

quam  etiam  in  publicis  functionibus  pensare  voluissent non  habe- 

rent   in  bac  sceda  quid  mirarentur.    Malui  tarnen  hanc  epistolam 
inter  primas  vel  secundam  fore  ad  honorem  tu  um  scriptam.  pag.  31. 

2)  Quajiropter  et  si  non  omnia,  tarnen  gustum  ex  aUquantis  neces- 
sariis  porrigo  iUis,  qui  nesciunt,  vel  qui  ad  legendum  tardi  sunt.  p.  29. 

3)  Videsne,  pater,  quod  quasi  ebrius,  via  coepta  relicta,  in  alias  partes 
etiam  devolvor  tangendo  quaedam  ex  bis  et  ad  intelligendum  expo- 
nendo.  p.  23. 

4)  Diese  Allegorien  sind  besonders  beachtenswerth ,  weil  sich  ganz 
ähnliche  in  der  späteren  mittelalterlichen  Literatur  in  didactischen  Dich- 
tungen wiederfinden,  so  die  pennae  dilectionis  in  dem  Roman  des  Eies 
des  Raoul  de  Houdenc  (vgl.  auch  Bd.  I  S.  236,  Anm.  3),  und  die  Fahrt 
der  Seele  auf  der  Quadriga  in  dem  Anticlaudianus  des  Alanus  ab  Insulis. 


Epistola  ad  Grimaldnm.  183 

weiter  anknüpfend,  auf  die  Liebe,  und  insonderheit  auf  die 
auch  der  Feinde  zu  reden.  Die  erwähnte  Quadriga  aber, 
deren  Eäder  die  vier  Evangelien  bilden'),  deren  Wagenlenker 
die  Weisheit  {sophia)  selbst  ist-),  führt  unsers  Verfassers  Rede 
auf  die  Philosophie,  „die  Mutter  aller  Tugenden",  und  mit 
ihr  zu  ihren  einzelnen  Theilen,  den  Wissenschaften,  die 
durch  ein  Excerpt  aus  Alcuin  kurz  definirt  werden.  Nachdem 
dann  ein  Stückchen  aus  der  Rhetorik  des  letzteren  noch  mit- 
getheilt,  geht  der  Verfasser  (S.  8)  zur  Grammatik  über,  um 
hier  einzelne  intricatere  Fragen  der  Betonung,  Quantität  und 
Aussprache  weitläufig  zu  behandeln,  wobei  denn  ein  halbes 
Dutzend  lateinischer  Grammatiker  und  Metriker  als  Autoritäten 
angeführt  werden.'^)  Diese  Partie,  die  den  Hauptinhalt  bildet, 
bezeugt  wenigstens,  in  welcher  eingehenden  und  ausführlichen 
Weise  die  grammatischen  Studien  schon  damals  von  einzelnen 
betrieben  wurden.  —  Indem  der  Verfasser  darauf  zu  seinem 
Hauptsatz  von  der  christlichen  Liebe  zurückkehrt  (S.  23  f.), 
gibt  er  dann  noch  eine  Probe  seiner  Bibelexegese,  die 
natürlich  die  mystisch  -  allegorische  ist ,  und  —  nach  einem 
philosophischen  Abstecher  über  die  Natur  der  Seele  —  als 
Gegenstück  etwas  von  der  antiken  Mythologie  auf  Grund- 
lage des  Virgil  und  seiner  Commeutatoren  zum  besten  (S.  29  flf.), 
wobei  er  es  indessen  gerathen  findet,  seinem  Abscheu  vor  dem 
Heidenthum  einen  sehr  aflfectirten  kräftigen  Ausdruck  zu 
geben. ^) 

Zum  Schluss  (S.  3 1  ff.j  beschäftigt  er  sich  allein  mit  Gri- 
mald  und  dem  von  ihm  regierten  St.  Gallen,  zu  dessen  Ruhme 


1)  S.  p.  6.  2)  S.  p.  7. 

3)  So  ausser  Alcuins,  Priscians  und  Donats  Werken  Consentius,  Sextus 
Pompeius,  Servius  Honoratus,  Beda. 

4)  Linquamus,  pater,  iam  linquamus  Maronem  cum  Sinonte  suo  men- 
dacissünum  et  in  Stige,  pessima  palude,  cum  Apolline  et  Musis  suis  se- 
pultum  etc.  Der  Verfasser  plaudert  dann  von  der  Unterwelt,  den  Parcen, 
Furien  und  endet  seine  Diatribe:  Caelestis  rex  maledicat  talia  figmenta. 
Et  quid  haec  eadem  nominare  valeo?  nisi  supra  conpositorum  equorum, 
qui  redam  tuam  trahunt,  stercora  decideutia.  —  —  Et  quia,  prout  nosti, 
sicut  stercus  parat  agrura  ad  proferendiun  satius  frimientuin.  ita  dicta  pa- 
ganorum  poetarum,  licet  foeda  sint,  quia  non  sunt  vera,  multiun  tarnen  ad- 
iuvant  ad  percipiendum  diviniun  eloquium.  p.  31.  —  üebrig^s  weiss  er, 
dass  Virgil  in  den  Eklogen  Theokrit,  in  den  Georgica  Hesiod  und  in  der 
Aeneis  Homer  nachgeahmt  habe.  ibid. 


184  Ermeurich,  Epistola  ad  Grimaldum. 

er  eine  von  Walahfrid  beabsichtigte  poetische  Bearbeitung 
des  Lebens  seines  heiligen  Gründers,  wozu  er  aufgefordert  war, 
ausführen  will,  obgleich  sich  mittlerweile  auch  Concurrenten 
dafür  eingestellt  hatten.  Den  Anfang  dieses  Werkes,  dem  er 
ein  prosaisches  Vorwort  über  die  alte  Heimath  des  Heiligen 
vorausschickt,  worin  ihre  Vorzüge  allegorisch  gedeutet  werden, 
gibt  Ermeurich  in  114  zum  Theil  sehr  holprigen  Hexametern 
im  Anhang.  Hier  besingt  er  das  neue  Vaterland  des  Begleiters 
des  Columban,  indem  er  dessen  beide  Hauptströme,  die  Donau 
und  den  Khein  in  ihrem  Laufe  schildert.  Auch  andre  Gedichte 
theils  zum  Lobe  Grimalds,  theils  zum  Preise  der  Dreieinigkeit 
(zum  Theil  mit  der  Spielerei  des  Acrostichon)  sind  von  ihm 
beigefügt,  wüe  denn  auch  über  die  letztere  als  Beispiel  seiner 
dogmatischen  Bildung  eine  kleine  Abhandlung  nicht  fehlt. 

Dieses  wunderliche  Specimen  eruditionis,  das  in  kleinem 
Kahmen  ein  Bild  der  damaligen  Klosterstudien  Deutschlands 
bietet,  in  welchen  sich  ganz  verschiedene  Kulturelemente  durch- 
kreuzen, hat  noch  einen  besondern  Zug,  der  bereits  in  der 
ersten  Schrift  Ermenrichs  sich  findet:  eine  gewisse,  wenn  auch 
noch  so  beschränkte  und  oberflächliche  Kenntniss  des  Grie- 
chischen gibt  sich  nicht  bloss  in  einzelnen  Wörtern  kund,  die 
wie  falsche  Brillanten  in  die  ohnehin  gezierte  Diction  ein- 
gefügt sind,  sondern  auch  in  ganzen,  offenbar  entlehnten, 
griechischen  Versen.')  Der*  Verfasser  scheut  sich  überhaupt 
nicht,  fremdes  Gut  in  Prosa  wie  in  Poesie  sich  anzueignen, 
wie  er  denn  in  den  wenigen  Gedichten  nicht  bloss  u.  a.  Auson 
und  Prisciau  (dessen  Periegesis),  sondern  auch  Theodulf  und 
den  karolingischen  Naso  geplündert  hat.  Man  sieht  auch  an 
Ermeurich  wieder,  wie  verschieden  blosse  Gelehrsamkeit  und 
wahre  Bildung  sind.  Der  ersteren  scheint  Ermeurich  aber  doch 
seine  Erhebung  zum  Bischof  von  Passau  verdankt  zu  haben 
im  Jahr  865;  als  solcher  starb  er  neun  Jahre  später. 


1)  So  griechische  Hexameter  iii  dem  ersten  Gedicht,  j).  36,  v.  31,  33, 
35,  mit  welchen  lateinische  Pentameter  zu  Distichen  verbunden  sind;  so  in 
dem  dritten  p.  41,  v.  20  ff.  Pentameter  und  Hexameter,  ja  im  zweiten  Pen- 
tameter werden  lateinische  Worte  mit  den  griechischen  gemischt:  Orgia 
da  nobis  panta  kalon  domine.  —  Was  die  Einmischung  griechischer  Worte 
in  lateinischen  Text  betrifft,  so  findet  sich  dieselbe  auch  in  dem  weiter 
unten  angegebenen  Codex  von  St.  Riquier,  s.  Dümmler,  N.  A.  S.  521. 


Wandalbert.  185 


SECHSTES  KAPITEL. 

LOTHRINGEN:  WANDALBERT,  SEDULIUS  SCOTUS. 

Auch  in  Lothringen  findet  die  gelehrt-ästhetische  Bildung 
und  die  Poesie,  die  aus  ihr  erwuchs,  um  jene  Zeit,  die  Mitte 
des  neunten  Jahrhunderts,  ihre  Vertreter:  einmal  einen  Deut- 
schen, der  in  einem  Theil  seiner  Dichtung  einen  gewissen 
Zug  der  Verwandtschaft  mit  Walahfrid  zeigt  in  dem  Sinn  für 
die  Reize  der  Natur,  es  ist  Wand  albert ') ,  ein  Mönch  des 
Klosters  Prüm,  der  S13  geboren  war.  Der  Abt  des  Klosters 
(829—853),  Marcward,  ein  Verwandter  des  Lupus,  hatte  seine 
Ausbildung  im  Kloster  Ferrieres  erlangt,  welches  Alcuin  einst 
gehörte,  und  schon  dadurch  eine  Stätte  der  Kultur  werden 
musste,  zumal  Alcuin  selbst  dort  öfters  sich  aufhielt ;  Marcward 
war  auch  zeitweilig  Karls  des  Kahlen  Hüter  und  Lehrer,  als 
derselbe  833  nach  dem  Siege  Lothars  über  Ludwig  den 
Frommen  nach  Pilim  verwiesen  wurde. '■^)  Wie  dieser  auch  in 
politischer  Beziehung  hochangesehene  Abt  die  gelehrten  Studien 
in  seinem  Kloster  pflegte,  so  musste  er  auch  literarische  Thä- 
tigkeit  begünstigen. 

Wir  besitzen  von  Wandalbert  nur  ein,  aber  ein  grösseres, 
aus  verschiedenen  Gedichten  componirtes,  poetisches  Werk, 
dessen  Kern  ein  Martyrologium  ist,  wovon  es  denn  über- 
haupt diesen  Titel  trägt.  Es  ist  dasselbe  i.  J.  848  vollendet. 
Wie  der  Autor  aber  selbst  in  diesem  Werke  bemerkt,  hat  er 
früher  manche  weltliche  Gedichte  geschrieben,  durch  die  er 
den  Beifall  der  Menge  erstrebte^);   sie  sind  uns  aber  nicht  er- 


1)  Wandalberti  opera  in  Migne's  Patrol.  lat.  T.  121.  Paris  1S52.  — 
Wandalberti  Martyrologium  in:  D'Achery,  S])icilegium  sive  collectio  vete- 
rum  aliquot  scriptor.  qui  in  GaUiae  bibliothecis  delituerant.  Nova  ed.  per 
De  la  Barre.  Paris  1723.  fol.  T.  U,  p.  3S  ff.  —  Vita  S.  Goari  in:  Mabillon, 

Acta  S.  S.  ord.  S.  Bened.  Saec.  II,  p.  298. Histoire  litteraire  de  la 

France  T.  V,  p.  377  ff.  —  Dümmler,  N.  A.  S.  305  ff. 

2)  S.  "Wattenbach  a.  a.  0.  I,  S.  210. 

3)  Carmine  qui  vacuas  captavi  saepius  auras, 
Rumores  viügi  quaerendo  stultus  inanes. 

Propositio. 


186  Wandalbert. 

halten.  Dem  Werke  geht  eine  Vorrede  in  Prosa  voraus,  an 
einen  Freund  „Herrn"  Otrich  in  Cöln  gerichtet'),  der  dem 
Verfasser  nach  dessen  Entfernung  aus  dem  Vaterlande  mit 
Rath  und  That  beigestanden  habe;  er  hat  Wandalbert  um  ein 
in  Versen  verfasstes  Martyrologium  gebeten.  -)  Bei  dessen 
Abfassung  aber,  bemerkt  hier  Wandalbert  weiter,  sei  er  vor- 
züglich durch  den  berühmten  Subdiacon  der  Kirche  von  Lyon, 
Florus  unterstützt  worden,  der  im  Besitz  einer  reichen  Biblio- 
thek ihm  alte  und  verbesserte  Codices  geliehen  habe.  Unter 
den  letzteren  befand  sich  ohne  Frage  das  von  Florus  selbst 
erweiterte  und  vermehrte  Martyrologium  des  Beda^),  das  in 
der  That  als  die  Hauptquelle  Wandalberts  erscheint.  Der 
Verfasser  gibt  ferner  in  der  Vorrede  den  Inhalt  des  ganzen 
Werkes  an,  indem  er  alle  einzelnen  Theile  oder  Gledichte, 
die  es  bilden,  nennt,  woraus  sich  mit  Sicherheit  ergibt,  dass 
und  wie  sie  zusammengehören.  Zugleich  aber  erklärt  er  hier 
die  in  ihnen  angewandten  mannichfaltigen  Versmasse,  wobei 
einzelne  beachtenswerthe  Eigenthümlichkeiten  der  mittelalter- 
lichen Metrik  sich  finden.^)  Zeigt  sich  auch  hier  und  da  ein- 
mal eine  nicht  richtige  Auffassung  des  antiken  Versmasses,  so 
muss  man  doch  im  allgemeinen  über  die  Kenntniss  der  Metrik 
des  Alterthums  und  die  Gewandtheit  in  ihrem  Gebrauche  er- 
staunen. 

Das  Werk  beginnt  mit  der  Invocatio,  einem  Gebet  zu 
Christus  in  elf  vierzeiligen  Strophen  asklepiadeischer  Chor- 
iamben (-  -  -  ^  ^  —  ^  ^  -  ^  i^-j^    worin  der  Dichter  bittet, 


1)  Denn  wenn  es  am  Schluss  des  Abschnitts  von  den  Monaten  heisst: 
Huncque  modiun  et  morem  sibi  Gallica  rura  retentant, 
Quem  breviter  signans  digessi  cannine,  lector, 
Wandalbertus  ego,  hortatu  compulsus  amici, 
Dulcia  me  Rheni  quo  tempore  littora  alebant, 
Maxima  Agrippinae  veteris  quis  moenia  praesunt. 

so  beziehe  ich  den  mit  quo  tempore  eingeleiteten  Satz  auf  hortatu,  nicht 

auf  digessit. 

2) petiisti,  ut  per  anni  totius   spatium  occurentes  quot  diebus 

sanctorum  festivitates  et  solemnes  undecunque  Christianorum  votorum  cele- 

britates  metro  digererem.    Praef. 

3)  S.  Bd.  I,  S.  607. 

4)  So  werden  hier  die  Strophen   durch  die  Ausdrücke:    Versus  ma- 
iores,  oder  Versus  maioris  complexionis  bezeichnet. 


MartjTologium.  187 

ihm  um  der  Verdienste  der  Heiligen  •willen,  denen  sein  Werk 
geweiht  ist,  zu  verzeihen.  Es  folgt  die  Allocutio,  die  An- 
rede an  den  Leser,  68  Verse  in  demselben  Versmass,  nur  dass 
es  hier  catalectisch  ist;  die  Heiligen  werden  hier  als  Muster 
hingestellt,  indem  aller  einzelnen  Klassen  derselben  gedacht 
wird:  der  Propheten,  Apostel,  Märtyrer,  Kirchenlehrer,  der- 
jenigen, welche  die  Fleischeslust  besiegten,  und  die  vermählt, 
der  Ehe  entsagten,  oder  doch  ihre  Kinder  Gott  weihten,  dann 
der  Eremiten,  der  Mönche  und  derjenigen,  die  ihren  Reichthum 
Christus  opferten :  „  so  ist  vielfach  die  Ursache  des  Verdienstes 
der  Seligen."  Ihnen  soll  der  Leser  nachstreben.  —  Drittens 
die  Commendatio  in  zwei  Gedichten,  das  eine  in  36  pha- 
läcischeu  Versen,  die  der  Praefatio  zufolge  vierzeilige  Strophen 
bilden  sollen,  empfiehlt  das  Buch  dem  Freund  Otrich,  das 
andre  in  42  adonischen  Versen,  zu  sechszeiligen  Strophen  ver- 
eint, dem  Kaiser  Lothar.')  Hier  wird  dessen  Lob  gesungen, 
dort  der  ausgezeichnetsten  christlichen  Autoren  gedacht,  die 
mit  ihren  Werken  Ruhm  ernteten,  zuletzt  des  Prudentius, 
welcher  ohne  Frage  durch  die  Mannichfaltigkeit  seiner  Metren 
auf  unsern  Dichter  einen  besondern  Einfluss  ausgeübt  hat. 
Nun  kommt  erst  das  Martyrologium  selbst  in  Hexametern, 
nachdem  in  demselben  Versmass  unter  der  Ueberschrift  „Pro- 
positio"  das  Argument  gegeben,  und  unter  dem  Titel  „Com- 
prensio  temporum"  die  Eintheilung  der  Zeit,  das  Jahr,  die 
Monate,  die  Woche,  kurz  behandelt  worden.  Das  Martyro- 
logium, welches  940  Verse  zählt,  führt  Monat  für  Monat  bei 
jedem  Tag  einen  oder  mehrere  Heiligen,  zunächst  Märtyrer, 
auf,  denen  derselbe  als  ihr  Todestag  —  der  Geburtstag  zum 
ewigen  Leben  —  geweiht  ist,  zuweilen  mit  kleinen  Bemer- 
kungen; zugleich  werden  aber  auch  andre  Kirchenfeste,  die 
Christus  und  den  Aposteln  gewidmet  sind,  angeführt,  wie  beim 
1.  Januar  die  Beschneidung  Christi,  beim  25.  desselben  Mo- 
nats die  Bekehrung  des  Paulus.  Wie  sich  kaum  anders  er- 
warten lässt,  hat  diese  Kalenderpoesie  von  der  Poesie  nur  den 
Vers  und  hier  und  da  den  Ausdruck,  aber  so  sehr  auch  in 
letzterer  Beziehung  der  Verfasser  zu  variiren  bestrebt  ist,   es 


1)  Der  schon  5  Lustra  diesen  Titel  führt:  hieraus  ergibt  sich  die  Zeit 
der  Abfassung  des  Werkes,  oder  mindestens  seiner  Publication;  das  letzte 
darin  erwähnte  Ereigniss  ist  vom  J.  S44.     S.  Hist.  litter.  1.  1.  p.  3S0. 


188  Wandalbert. 

müssen  doch  dieselben  Wendiiogen  ungezählt  wiederkehren,  0 
Doch  erhebt  sich  die  Darstellung  immer  noch  viel  über  die 
anderer  solcher  versificirten  Martyrologien ,  von  denen  min- 
destens eins,  dessen  Handschrift  aus  St.  Riquier  stammt,  wohl 
noch  früher  verfasst  ist,  zumal  wenn,  wie  es  wahrscheinlich, 
der  Magister  der  Klosterschule,  Mico  sein  Autor  ist.-j  Es  hat 
auch  einen  primitiveren  Charakter  als  das  des  Wandalbert, 
indem  nicht  alle,  sondern  nur  einzelne  Tage,  und  ein  jeder 
stets  nur  in  einem  Verse  behandelt  werden.  Die  Versification 
der  Martyrologien  erklärt  sich  aber  überhaupt  wohl  aus  dem 
Wunsche  dem  Gedächtniss  zu  Hülfe  zu  kommen.-^) 

Nach  dem  Martyrologium  folgt  die  Conclusio  in  acht 
dreizeiligen  Strophen  desselben  choriambischen  Metrum,  das 
Prudentius  in  der  Praefatio  seiner  Werke  angewandt  hat^j,  an 
welche  auch  der  Inhalt  an  einzelnen  Stellen  erinnert.^)  Der 
Dichter  hofft  zum  Dank  für  sein  Werk,  auf  das  er  hier  zurück- 
blickt, durch  die  Fürbitte  der  Heiligen  von  Christus  einst  be- 
gnadigt zu  werden,  ein  Gedanke  den  er  schon  in  der  Invocatio 
aussprach,  und  in  einem  der  Conclusio  folgenden,  in  acht 
sapphischen  Strophen  verfassten  Hymnus  wiederholt.  Beide 
Schlussgedichte  sind  an  Christus  gerichtet. 

Aber  es  sind  noch  zwei  Anhänge  hinzugefügt,  die,  wie 
die  Vorrede  ausdrücklich  bezeugt,  zu  dem  ganzen  Werke  ge- 
hören. Der  erste  von  ihnen  (im  ganzen  450  Hexameter)  hat 
einen  durchaus  weltlichen  Charakter  und  ist  von  einem  Hauche 
wahrer  Poesie  erfüllt,  so  dass  wir,  hiernach  zu  urtheilen,  den 


1)  Das  Verhältniss  zu  Becla  und  Florus  Hesse  sich  erst  erörtern,  wenn 
das  Verhältniss  der  beiden  zu  einander  festgestellt  wäre. 

2)  Von  dem  sich  schon  ein  Gedicht  aus  d.  J.  825  in  demselben  Codex 
findet.  S.  über  den  Codex  wie  über  Mico  Dümmler,  N.  A.  S.  515  ff.,  na- 
mentlich 516  u.  520  f. 

3)  Was  für  einen  andern  Zweck  konnten  solche  Verse  haben  wie  bei 
Wandalbert :  Martis  Donatus  tenet  Albinusque  Calendas  ?  Aber  auch  selbst 
mit  einer  Motivirung,  wie  zum  10.  August: 

Quartis  (sc.  idibus),  Laurenti,  merito  splendescis  opimo, 
Ignem  qui  passus  tortorem  vincis  iniquiun. 

4)  Das  Schema  ist: 


5)  So  vgl.  die  3.  Strophe  der  Conclusio  mit  der  1.  der  Praef 


Martyrologium.  189 

Verlust  der  weltliclieu  Gedichte  Wandalljerts  in  der  That  zu 
bedauern  haben.  Es  schliesst  sich  dieser  Anhang  an  die 
kurze  Comprensio  temporum  seinem  Inhalt  nach  au.  Der 
Dichter  behandelt  darin  zunächst  die  Monate  einzeln,  und 
zwar  immer  die  Herkunft  des  Kamens,  das  entsprechende 
Sternbild  und  die  Thätigkeit  des  Landwirths,  wie  man  dies 
ja  auch  heute  noch  in  manchen  Kalendern  kurz  angezeigt 
findet.  Der  zuletzt  erwähnte  Punkt  der  Betrachtung,  welcher 
nicht  bloss  Feld-  und  Gartenbau,  sondern  auch  die  Jagd  be- 
greift, gibt  nun  zu  kurzen,  oft  recht  anmuthigen  Beschreibungen 
in  einer  damals  seltenen  gewandten  Form  Gelegenheit,  Schil- 
derungen die  man  noch  heute  in  den  leicht  dahin  fliessenden 
Versen  mit  Vergnügen  liest.  In  diesem  Theile  seiner  Dich- 
tung zeigt  sich  "Wandalbert  als  ein  Geistesverwandter  des 
Verfassers  des  Hortulus,  nur  erscheint  seine  Darstellung  noch 
freier,  ungezwimgener  und  frischer,  i)  Die  Herleitung  der  Mo- 
natsnamen ist  nach  Isidor  (Etymol.  1.  V,  c.  33)  gegeben-), 
ausser  dass  Wandalbert  Juno  zur  Taufpathin  des  Juni  macht.  3) 
—  Als  Anhängsel  zu  diesem  Anhang  folgt  ein  recht  prosa- 
isches Thema  wieder,  ein  Horologium  für  die  zwölf  Monate, 
in  welchem  die  Tagesstunden  durch  die  Länge  des  Schattens 
des  menschlichen  Körpers  für  die  einzelnen  Monate  bestimmt 
werden,  von  welchen  aber  immer  zwei,  der  erste  und  zwölfte, 
der  zweite  und  elfte  u.  s.  w.  gleichgestellt  werden. 

Endlich  der  zweite  Anhang :  er  ist  betitelt  De  creatione 


1)  Um  wenigstens  ein  kleines  Beispiel,  aufs  Gerathewohl  genommen,  zu 
geben,  so  heisst  es  vom  Januar: 

Tum  tempus,  campis  lepores  lustrare  nivosis, 
Artibus  et  variis  pictas  captare  volucres: 
Per  campos  voUtant  coUesque  et  flmnina  circimi. 
Tiun  capus  accipiterque  placet,  curisque  solutis 
Per  briunam  genio  vacat  indulgere,  doraique 
Diversos  usus  veri  proferre  futuro. 

2)  Auf  dessen  Eechnung  auch  die  noch  im  späteren  Mittelalter,  so 
bei  Philipp  von  Thaün  (Compot),  sich  findende  wunderliche  Etymologie  von 
September  und  den  folgenden  Monatsnamen  konunt,  die  aus  Zusammen- 
setzung mit  im  her  gebUdet  sein  sollen. 

3)  Am  Schluss  dieses  Gedichts  von  den  Monaten  nennt  sich  der  Ver- 
fasser (s.  die  Stelle  oben  S.  186,  Anm.  1),  und  bemerkt  dass  er  die 
Gallische  Landwirthschaft  im  Auge  gehabt,  doch  wird  er  unter  Gallien  das 
Land  bis  zum  Pvheine  begriffen  haben. 


190  Wandalbert,  Vita  Goaris. 

mundi  und  in  285  pherecratischen  Versen  verfasst');  hier  wird 
das  Werk  der  sechs  Schöpfungstage  kurz  geschildert  und  darauf 
der  Mensch,  der  selbst  eine  Welt  sei,  gegen  welche  die  grosse 
zurückstehe,  zu  einer  tieferen,  mystischen  Auffassung  des 
Schöpfungswerkes  aufgefordert.  Hiermit  schliesst  die  Dichtung, 
die  im  Ganzen  nicht  weniger  als  1919  Verse  zählt. 

Auch  ein  Werk  in  Prosa  besitzen  wir  von  Wandalbert, 
ein  Heiligenleben,  das  aber  in  seinem  ersten  Buche  nur  eine 
stilistische  Bearbeitung  einer  älteren  Redaction,  wie  sie  die 
fortgeschrittene  literarische  Bildung  damals  verlangte ,  dagegen 
original  im  zweiten  Buche  ist,  welches  die  Wunder  des  Hei- 
ligen behandelt,  die  an  seinem  Grabe  seit  der  Uebertragung 
der  Gebeine  in  die  ihm  zu  Ehren  gebaute  Kirche  geschahen. 
Es  ist  die  Vita  S.  Goans,  welche  Wandalbert  auf  den 
Wunsch  seines  Abtes  Marcward  um  839  verfasste.  Das  Kloster 
Prüm  hatte  aber  ein  besonderes  Interesse  an  dem  Heiligen 
und  seiner  Verehrung,  weil  es  durch  Pippin,  Karls  des  Grossen 
Vater,  die  Cella  Goars  erhalten  hatte.  Nach  unsrer  Vita 
stammte  der  Heilige  aus  Aquitanien  und  war  bereits  im  sech- 
sten Jahrhundert  unter  Childebert  I.  an  den  Rhein  gekommen, 
und  hatte  dort  als  Missionar  gewirkt,  indem  die  ihn  besonders 
auszeichnende  Tugend  der  Gastfreundlichkeit  ihn  überall  be- 
liebt machte.  Nur  von  dem  ansässigen  Klerus,  der  wohl  eifer- 
süchtig auf  die  Popularität  des  Fremden  wurde,  hatte  er 
manche  Anfechtungen  zu  erdulden.  Er  wurde  angeklagt,  sich 
selbst  dem  Essen  und  Trinken  zu  sehr  hinzugeben,  wenn  er 
es  auch  mit  Reisenden  und  Armen  theilte,  und  deshalb  vor 
den  Bischof  von  Trier  citirt.  Aber  die  Heiligkeit  des  Bon- 
homme,  der  lebte  und  leben  liess,  wird  hier  in  wunderbarer 
Weise  bezeugt  und  die  Unheiligkeit  des  Bischofs  nicht  minder, 
so  dass  dieser  dem  Bisthum  entsagen  muss,  das  nun  Goar, 
aber  vergeblich,  angetragen  Avird.-)  So  feiert  die  Legende 
den  Sieg  des  Missionars  über  den  Bischof. 

Unter  den  im  zweiten  Buche  erzählten  Wundern,  von 
denen  der  Autor   nur   durch  Ueberlieferung  von  Augenzeugen 

1)  Von  denen  nach  der  Vorrede  allemal  3  eine  Strophe  bilden  sollen 
was  aber  nur  ausnahmsweise  der  Fall  ist. 

2)  Vgl.  Rettberg.  Bärchengesch.  Deutschlands  I,  S.  4SI  f.  u.  465,  der 
aber  hier  in  seiner  kritischen  Schärfe  etwas  zu  weit  geht. 


Sedulius  Scotus.  191 

Kunde  haben  will,  findet  sich  neben  vielem  unbedeutenden 
auch  einzelnes  historisch  merkwürdige,  wie  c.  15  eine  Erzäh- 
lung von  einer  Eheinfahrt  Karls  des  Grossen  und  seiner  Söhne, 
die  von  neuem  bestätigt,  dass  der  grosse  Fürst  kein  Betbruder 
war,  oder  c.  11  die  von  dem  Nationalhass  eines  deutschen 
Adligen  gegen  alle  Romanen.  0  Auch  die  Prosa  Wandalberts 
zeichnet  sich  durch  einen  einfachen  und  klaren  Ausdruck  aus. 


Ein  andrer  Vertreter  der  literarischen  Kultur  in  Lothringen 
um  die  Mitte  des  Jahrhunderts  ist  ein  eingewanderter  Ire, 
Lehrer  an  der  Domschule  von  St.  Lambert  in  Lüttich ,  Sedu- 
lius Scotus."-)  Die  uns  von  ihm  erhaltenen  Werke  fallen 
ungefähr  in  den  Zeitraum  von  S40 — S68;  sie  sind  auch  die 
einzige  Quelle  seiner  Lebensgeschichte.  Sedulius,  so  erfahren 
wir  aus  ihnen,  war  einer  jeuer  gelehrten  irischen  Auswanderer, 
die,  wie  wir  auch  schon  früher  bemerkten,  auf  dem  Contiuent 
eine  grössere  Wirksamkeit  und  eine  bessere  Lebensstellung 
suchten,  und  zunächst  auf  gut  Glück  hin  ihre  Heimath  ver- 
liessen.  So  laugte  denn  auch  eines  Tags  bei  eisigem  Nord 
und  Schneegestöber  Sedulius  zugleich  mit  zwei  andern  „ge- 
lehrten Grammatikern  und  frommen  Presbytern '",  seinen  Lands- 
leuten, müde,  erfroren  und  hungrig  in  dem  Lütticher  Domstift 
an ,  um  mit  ihnen  dort  nicht  bloss  eine  zeitweilige  Zuflucht, 
sondern  eine  dauernde  Aufnahme  zu  finden.  Hierfür  spricht 
Sedulius    in   einem   Gedicht    dem  Bischof  Hartgar  (S40  — S54) 


J)  Die  Stelle  finde  ich  zu  merkwürdig,  um  sie  nicht  hier  anzuführen: 
ciim —  —  omnes  Romanae  nationis  ac  linguae  homines  ita 
quodam  gentiütio  odio  execraretur,  ut  ne  videre  quidem  eonim  aliquem 
aequanimiter  vellet,  ac  si  quos  forte  ex  eadem  familia  comprehendere  po- 
tuisset,  crudeliter  nonnumquam  afticeret. 

2)  Fünf  Gedichte  des  Sedulius  Scottus  an  den  Markgrafen  Eberhard 
von  Friaul,  zum  erstenmale  herausgeg.  von  E.  Dümmler.  In:  Jahrbuch 
für  Vaterland.  Geschichte.  1.  Jahrg.  Wien  1861.  —  Scdulii  Scoti  carmina 
ed.  ab  Aem.  Grosse.  Königsberg  1S6S  (Festj^rogr.  des  Friedrichscollegl. 
—  Sedulii  Scotti  Carmina  quadraginta  ex  cod.  Bruxellensi  ed.  ab  E.  Dümm- 
ler. Halle  1869.  (Univ.-Progr.)  —  Carmina  medii  aevi  masimam  partera 
inedita,  ex  bibUothecis  Helveticis  collecta  ed.  H.  Hagen.  Bern  IST". 
p.  1 — 10.  —  Sedulü  Scoti  Liber  de  rectoribus  christianis  in:  Spicilegium 
romanum.  Tom.  YIII.  Rom  IS42. Dümmler.  X.  A.  S.  315  If. 


192  Sedulius  Scotus. 

seinen  Dank  aus.  ^j  Freilich  die  rauchige,  fenster-  und  schlösser- 
lose Wohnung  war,  zumal  verglichen  mit  dem  prächtigen 
Palaste  des  Bischofs,  eine  Cacus-Höhle:  so  singt  in  einem  mit 
gutem  Humor  und  lebhaften  Farben  ausgestatteten  Liede  (in 
vers.  Asclepiad.  minor,  catal.)  unser  Dichter  den  heiligen 
Lambert  an,  der  lieber  alle  seine  Blinden  in  diesem  Hause 
versammeln  möge,  das  für  Nachtkrähen  und  Maulwürfe,  aber 
nicht  für  „  Gelehrte "  {sophistue)  sich  schicke,  welche  die  Gaben 
strahlenden  Lichtes  lieben.-)  Manche  scherzhafte  poetische 
Bettelbriefe  an  den  Bischof  um  Wein,  Meth,  Brod  und  Fleisch^) 
zeigen,  dass  des  armen  irischen  Magister  Haushaltung  oft 
knapp  bestellt  war,  aber  wohl  noch  mehr,  dass  er  gar  nicht 
unempfindlich  für  die  leiblichen  Genüsse  war:  namentlich 
liebte  er  den  Becher,  wenn  er  die  Musen  anrief.^)  Neben 
der  Dichtkunst  huldigte  Sedulius,  auch  darin  ein  ächter  Ire, 
mit  Vorliebe  der  Musik,  vergleicht  er  sich  selbst  doch  einmal 
mit  Orpheus  und  nennt  Calliope  seine  musica  coniux'^) ;  freilich 
war  ja  die  Musik  auch  ein  wesentlicher  Bestandtheil  der  Ge- 
lehrsamkeit damals.  Seine  grammatische  Bildung  bezeugen 
schon  seine  Gedichte  formell  wie  inhaltlich,  in  der  Metrik  und 
Sprache,  wie  in  der  Kenntniss  der  antiken  Mythologie  und 
Geschichte.  Besonders  hat  Virgil,  wie  auch  manche  Reminis- 
cenzen  zeigen,  auf  ihn  Einfluss  gehabt,  wagte  Sedulius  es 
doch,  sich  selbst  den  Maro  Lüttichs  zu  nennen.  Sogar  einige 
Kenntniss  des  Griechischen  scheint  er  besessen  zu  haben,  was 
gerade  bei  einem  Iren  zwar  weniger  Wunder  nimmt:  es  hat 
sich  noch  die  Abschrift  eines  griechischen  Psalters  von  seiner 
Hand  erhalten,  und  selbst  in  seinen  Gedichten  finden  sich 
Andeutungen  und  Spuren  einer  solchen  Kenntniss.  0)  —  Sedulius 
hat  auch  noch  unter  Hartgars  Nachfolger,  Franco  (854 — 901), 
den  er  gleich   dessen  Vorgänger  in  seiner  Dichtung  verherr- 


1)  S.  Carmina  quadrag.  c.  1  u.  vgl.  Cannina  ed.  Grosse,    c.  1,  insbe- 
sondere V.  39  f. 

2)  Carm.  ed.  Grosse,  c.  2. 

3)  Carm.  ed.  Grosse,  c.  4,  Cann.  quadr.,  c.  22. 

4)  Vescor  poto  libens,  rithmizans  invoco  Mnsas.  Carm.  quadr.,  c.  33,  v.  3. 

5)  Dümmler,  Fünf  Ged.  S.  171.    Vgl.  Carm.  ed.  Grosse,  c.  15. 

6)  S.  auch  Cann.  ed.  Grosse,  c.  15,  v.  82:  dort  lässt  sich  Sedulius  von 
seiner  Muse  als  Graeculus  rühmen. 


Leben.    Gedichte.  193 

licht,  in  Ltittich  kürzere  Zeit  gewirkt;  dann  aber  ist  er  mit 
seinen  Landsleuten  nach  Italien  gezogen  und  hat  bei  dem 
Erzbisehof  von  Mailand  Tado  (860—868)  Aufnahme  gefunden.  >) 
Diesem  wie  andern  angesehenen  Prälaten  und  vornehmen  Laien 
wusste  er  durch  seine  Dichtung  sich  zu  empfehlen,  was  noch 
immer  einen  in  den  höhern  Kreisen  weiter  verbreiteten  ästhe- 
tischen Sinn  bekundet. 

Die  Dichtimg  des  Sedulius,  von  der  uns  sehr  viel  er- 
halten (es  sind  gegen  9ü  Gedichte),  ist  zwar  meist  Gelegenheits- 
poesie, doch  zum  Theil  in  einem  höheren  Stile ;  Sedulius  war 
kein  blosser  Versemacher,  er  besass  doch  einen  Funken  poe- 
tischer Begabung,  so  dass  wir  einzelnen  Stellen,  ja  einzelnen 
Gedichten  von  ihm  begegnen,  die  eines  wahren  Dichters  würdig 
sind.  In  literarhistorischer  Beziehung  aber  bieten  seine  Ge- 
dichte ein  mehrfaches  Interesse  dar.  Zuerst  ein  allgemeines: 
es  spiegelt  sich  in  ihnen  die  Xationalität  des  Autors  lebhaft 
ab,  und  zwar  in  ihren  merkwürdigen  Gegensätzen:  es  zeigt 
sich  ebenso  die  Neigung  zu  schwülstigem  Prunk,  als  der  Sinn 
für  das  niedrig  Burleske;  auch  ein  gewisser  elegischer  Zug 
fehlt  nicht  ganz. 

Die  meisten  der  Gedichte  sind  entweder  epistelartig 
in  der  Form  der  antiken  Elegie,  oder  panegyrische  Ge- 
dichte, die  theils  auch  in  Distichen  verfasst,  an  die  ersteren 
sich  anschliessen ,  theils  als  Oden  in  der  sapphischeu  Strophe 
erscheinen.  In  ein  paar  Elegien  an  Bischof  Hartgar,  der, 
offenbar  nicht  lange  nach  Ankunft  der  Schotten,  nach  Rom 
reisen  musste,  findet  sich  ein  Ausdruck  wahrer  Empfindung, 
wenn  der  Dichter  in  der  einen  den  Winter  anklagt,  den  wilden 
Sohn  der  scvthischen  Felsen,  dass  er  ihnen  diese  goldene 
Leuchte  entführe  —  war  doch   der  Bischof  gewiss  nicht  bloss 


1)  S.  N.  Arch.  IV,  S.  .317  ff. ,  -wo  Dümmler  den  Beweis  antritt,  dass 
die  von  Hagen  Carm.  med.  aev.  p.  1  —  10  edii-ten  Gedichte,  und  nament- 
lich die  an  Tado  gerichteten,  unsem  Sedulius  zum  Verfasser  haben.  Rück- 
sichtlich der  letzteren  stimme  ich  unbedingt  bei.  Zumeist  spricht  dafür 
die  auch  sonst  bei  Sedulius  sich  findende  Benutzung  eigener  älterer  Ge- 
dichte, aus  denen  ganze  Verse  entlehnt  sind,  so  in  c.  VII.  worin  nament- 
lich das  an  Hartgar  während  seiner  Abwesenheit  in  Rom  gerichtete  Ge- 
dicht (Carm.  quadr.  c.  3)  benutzt  ist;  die  Vergleichung  von  v.  5.5  desselben 
mit  VII,  V.  39  zeigt  aber  nach  dem  ganzen  Zusammenhang  der  Stelleu,  dass 
nicht  das  umgekehrte  Verhältniss  obgewaltet  hat. 

Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  II.  13 


194  Sedulius  Scotus.  . 

in  materieller  Beziehung  den  Fremden  eine  Stütze,  sondern 
aucli  in  geistiger  ein  Trost  —  und  wenn  in  der  andern  der 
Dichter  die  Musen  auffordert,  Hartgar  zurückzubringen,  und 
den  Tiber  bittet  mit  dem  Rheine  Mitleid  zu  haben,  um  ihn 
ziehen  zu  lassen.  >)  Die  panegyrischen  Gedichte  sind  im  all- 
gemeinen mindestens  durch  die  Persönlichkeiten,  denen  sie 
gewidmet  sind,  von  Interesse:  so  sind  ein  paar  an  Karl  den 
Kahlen  gerichtet,  dessen  Gelehrsamkeit  hoch  gerühmt  wird;  den 
aber  der  Dichter  auch  mit  dem  „  alten  Karl "  (dem  Grossen) 
gleichzustellen  wagt.  Nicht  minder  wird  Lothar,  der  Landes- 
herr, mit  seiner  Familie  besungen:  am  schwungvollsten  aber 
feiert  unser  Dichter  die  schöne,  fromme  Gemalin  des  Kaisers, 
L-mingard,  zu  der  er  offenbar  eine  persönliche  Zuneigung  hatte ; 
in  der  Schilderung  ihrer  Schönheit  verwendet  er  die  glänzend- 
sten Farben  seiner  poetischen  Palette-);  für  sie  dichtete  er 
auch  Verse  auf  Bilder  aus  dem  Leben  des  heil.  Petrus,  womit 
ein  Pallium,  das  die  Kaiserin  verschenkte,  geschmückt  war. 3) 
Auch  Söhnen  Lothars  und  seiner  Tochter  Bertha,  die  verwittwet, 
Aebtissin  von  Avenaj  geworden  war,  sind  Gedichte  gewidmet ; 
in  einem  an  dieselbe  rühmt  er  vornehmlich  die  sittlichen  Vor- 
züge der  Mutter  Irmingard,  die  sich  in  der  Tochter  wieder- 
finden (Carm.  quadr.  c.  37).  Ludwig  der  Deutsche  ist  auch  in 
einem  langen  Panegyricus  von  52  reciproken  Distichen  an- 
gesungen (ed.  Gr.  c.  10),  worin  —  das  einzig  thatsächliche  von 
Belang  in  dem  Wortschwall  —  die  Ausbreitung  des  Christen- 
thums  durch  ihn,  gepriesen  wird. 


1)  Carm.  quadr.  c.  2  u.  3. 

2)  Carm.  quadr.  c.  11,  v.  21  flf. 

In  facie  niveum  quoddam  roseumque  rubescit, 

Quae  superat  mmj^has  Luciferique  decus. 
Cingitur  auricomis  flavus  vertexque  capillis, 

Crisoliti  specimen  circulat  omne  caput. 

Lactea  formoso  decorantur  colla  nitore, 
Lilia  ceu  splendent  aut  elefantis  ebur. 

3)  Carm.  quadr  c.  12:  Hinc  versus  ad  Ermingardem  imperatricem 
conscripti  in  serico  pallio  de  virtutibus  Petri  Apostoli.  —  Die  Verse  — 
allemal  vier  Hexameter  —  waren  wohl  unter  oder  über  den  Bildern  ein- 
gewebt. Solche  Tetrasticha  hatte  schon  Prudenz  zur  Erklärung  von  Bildern, 
mit  denen  sie  verbunden  waren,  verfasst.  S.  Bd.  I,  S.  279  if.  u.  vgl. 
ebenda  S.  397  ff. 


,  Gedichte.  195 

Zum  guten  Theil  sind  solche  schablonenhaft  verfasste, 
stets  mit  einer  tüchtigen  Dosis  Schmeichelei  gewürzte  Gedichte 
zur  Feier  der  Ankunft  der  hohen  Personen  in  Lüttich  gemacht. 
Zu  ihnen  gehört  auch  der  tapfere  Graf  Eberhard  von  Friaul, 
Ludwigs  des  Frommen  Schwiegersohn,  der  im  lothringischen 
Reiche  begütert  war  und  von  dorther  stammte.  Es  ist  derselbe 
bei  dem  sich  Gottschalk  aufhielt.  Wie  er  überhaupt  die  Lite- 
ratur und  die  Literaten  liebte,  auch  eine  für  jene  Zeit  bedeu- 
tende Bibliothek  besass,  so  trat  auch  Sedulius  leicht  zu  ihm 
in  eine  nähere  Beziehung.  Ausser  der  ihm  bei  seiner  Rück- 
kehr in  die  Heimath  in  Distichen  gewidmeten  Begrüssung, 
worin  Sedulius  den  Sieger  über  Normannen  und  Sarazenen  als 
Schild  Italiens  preist'),  hat  er  noch  mehrere  Gedichte  an  ihn 
gerichtet,  die  gerade  zu  seinen  besseren  gehören.  So  eins  auf 
den  Tod  und  eins  auf  die  Geburt  eines  Sohnes  des  Grafen, 
welche  Elegien  durch  manche  hübsche  Einzelheit  ansprechen-); 
so  ein  anderes,  im  Namen  Hartgars  auch  in  Distichen  ver- 
fasstes  Gedicht  bei  Uebersendung  des  Werks  des  Vegetius  De 
re  militari.  Der  kriegerische  Ton,  den  hier  Sedulius  mit  Er- 
folg anschlägt'^),  klingt  auch  in  mancher  seiner  Oden  wieder, 
namentlich  in  einer  dem  Eberhard  gewidmeten,  worin  er  von 
neuem  den  frommen  Helden,  den  „  Schützer  der  Kirche "  feiert, 
seine  siegreichen  Kämpfe,  an  der  Spitze  der  weissen  Schaaren 
der  Franken,  mit  den  heidnischen  Mauren  schildernd.^)  In 
andern  Oden  preist  der  Dichter  Lothar  und  die  eignen  Bischöfe, 
Hartgar  wie  dessen  Nachfolger  Franco,  ob  der  über  die  Nor- 
mannen erfochtenen  Siege,  bei  ihrem  Einzug  in  Lüttich:  in 
der  ersten  dieser  Oden  wird  die  Flucht  der  Normannen  in  ihre 


1)  Dümmler,  Fünf  Ged.  c.  5. 

2)  Dümmler  a.  a.  0.  c.  1  u.  2.    In  der  zAveiten  Elegie  heisst  es  von 
Eberhard  v.  27  f. : 

Sic  tuus  ensipotens  genitor  puerüibus  annis 
Almae  sophiae  sacra  fluenta  bibit. 

3)  Z.  B.  Dümmler  a.  a.  0.  c.  4,  v.  9: 

Hie  tuba  terribili  sonitu  clangore  remugit, 

Praecipites  scopulos  carrobalista  serit, 
Horridus  ast  aries  frontis  ductuque  superbo 

Muros  tuiTigeros  content  atque  quatit. 

4)  Dümmler  a.  a.  0.  c.  3. 

13* 


196  Sedulius  Scotus.  « 

Schiffe  lebendig  geschildert;  sonst  findet  sich  in  ihnen  manche 
phrasenhafte  Wiederholung.  0 

Unter  den  übrigen  Gedichten  des  Sedulius  sind  vier  von 
besonderem  Interesse:  einmal  ein  Lobgedicht  auf  einen  Gönner 
Robertus,  wahrscheinlich  einen  Abt"-),  der  reich  an  Weinbergen 
wie  Schafherden,  durch  seine  Freigebigkeit  bekannt  war.  Das 
Gedicht  ist  in  rythmischen  Versen  verfasst,  und  durchaus 
scherzhafter  Natur,  beweist  es  den  guten  Humor  unseres  Poeten, 
der  ziemlich  deutlich  hier  auf  die  Weine  seines  Gönners 
speculirt,  welcher,  ein  Gelehrter  unter  den  Gelehrten,  mit 
himmlischem  Thau  die  Geister  zu  unterweisen  verstehe.  In 
der  That  aber  muss  Robertus  einige  Gelehrsamkeit  besessen 
haben,  da  ihn  der  Dichter  im  Eingang  in  allen  sechs  Casus 
begrüsst,  ein  grammatischer  Witz,  der  etwas  an  die  Spielerei 
des  grammatischen  Reims  in  der  Lyrik  der  Troubadours  er- 
innert. 3)  —  Ferner  eine  Thiergeschichte :  De  quodam  verbece  a 
cane  discerpto ,  ein  längeres  Gedicht  von  70  Distichen,  das 
offenbar  eine  wahre  Geschichte  zum  Gegenstand  hat.^)  Ein 
dem  Dichter  von  seinem  Bischof  Hartgar  geschenkter  Hammel 
wird  gestohlen;  der  Dieb,  von  Hunden  verfolgt,  lässt  das 
Thier  fahren,  das  nun  selbst  mit  diesen  einen  Kampf  zu  be- 
stehen   hat,    in   dem    es    schliesslich   unterliegt.    In   komisch 


1)  Carm.  quadr.  c.  26  u.  29,  ed.  Grosse  c.  3  u.  9.  —  Von  den  andern 
Gönnern,  denen  Sedulius  Gedichte,  meist  im  elegischen  Metrum,  gewidmet, 
verdienen  noch  genannt  zu  werden:  der  Erzbischof  von  Cöln,"  Günther, 
der,  wie  sich  hier  ergibt  (Cai-m.  quadr.  c.  30  u.  34),  selbst  geistlicher 
Dichter  war,  der  oben  erwähnte  Tado  (bei  Hagen  c.  2  u.  7)  und  der 
Herzog  Leodfrid,  Kaiser  Lothars  Schwager  (bei  Hagen  c.  3  u.  8). 

2)  Dümmler  hält  ihn  für  einen  Grafen,  aber  für  „Abt"  spricht  die 
Bezeichnung  pater  v.  17,  man  müsste  denn  annehmen,  sie  wäre  scherz- 
haft angewandt,  was  sich  auch  wohl  denken  Hesse. 

3)  Das  Gedicht  bei  Grosse  c.  6  beginnt: 

Bonus  vir  est  Robertus,  laudes  gliscunt  Roberti: 
Christe  fave  Roberto,  longaevum  fac  Robertum, 
Amen.  Salve  Roberte,  Christus  sit  cum  Roberto. 
Den  Rythmus  betrachten  wir  weiter  unten.  —  An  denselben  Robert  hat 
Sedulius  auch  eine  directe  poetische  Supplik  in  Hexametern  gerichtet,   in 
der  er  in  scherzender  Form  um  einen  Hammel  bittet;   auch  hier  fehlt  es 
nicht  an  Wortspielerei  (ut  multis  multetur  multö).     S.  Carm.  quadr.  c.  18. 

4)  Carm.  quadrag.  c.  19.  —  Anspielungen  auf  die  Fabek  vom  Fuchs 
finden  sich  in  hübscher  Form  bei  Grosse  eil. 


Gedichte.  197 

parodischer  Weise  wird  dieser  Schöps  und  sein  Heldenmuth 
vom  Dichter  besungen,  der  ihm  am  Schluss  noch  ein  Epi- 
taphium setzt.  Die  fliessend  geschriebene  muntere  Dichtimg 
spricht  noch  immer  an  und  zeigt  die  besondere  Begabung  des 
Sedulius  für  diese  Art  der  Poesie.  Merkwürdig  ist  die  Frei- 
heit, die  sich  der  Dichter  nimmt  (v.  117  f.),  den  für  den  Dieb 
gestorbenen  Bock  mit  dem  Agnus  dei  zu  vergleichen,  eine 
Freiheit  wie  sie  auch  die  spätere  mittelalterliche  Dichtung  in 
ihrem  Humore  sich  nicht  selten  erlaubt,  —  Ein  andres  Gedicht 
in  Distichen  (Carm.  quadr.  5)  ist  merkwürdig  als  eine  zum 
Weihnachtsfeste  verfasste  geistliche  Allegorie :  der  Kirchenchor 
(chorus  ecclesiae)  —  hier  wohl  für  die  „Kirche"  selbst  ge- 
nommen —  soll  Maria  bedeuten,  der  Bischof,  der  Pastor,  der 
die  „Brüder"  aus  der  ägyptischen  Finsterniss  in  die  Heimath 
des  Lichts  führt,  den  Joseph,  der  Dom  ist  Bethlehem,  auch 
das  Christuskind  ist  da  in  dem  Brode  (die  Traussiibstantion 
nimmt  also  Sedulius  an),  und  wie  die  Engel  sein  Lob  singen, 
so  hier  der  Chor;  der  Bischof-Hirt  repräsentirt  in  zweiter  Kolle 
die  Hirten,  welche  den  Hirten  Christus  bezeugen,  die  Magier 
aber  werden  vertreten  durch  die  Scotti  sophistae,  die  irischen 
Weisen'),  welche  Gaben  der  Weisheit  (sophica  dona)  bringen. 
So  möge  denn,  wie  Maria  und  Joseph  die  Geschenke  der  Magier 
annehmen,  auch  die  Kirche  und  der  Bischof  die  kleineren 
Gaben  der  irischen  Muse  nicht  verschmähen.  —  Literarhistorisch 
am  interessantesten  ist  das  letzte  dieser  Gedichte,  das  auch 
nicht  ohne  ästhetischen  Reiz  ist.  Es  ist  das  meines  Wissens 
Zweitälteste  Streitgedicht"-),  in  welchem  der  Rahmen  der  Ekloge 
bereits  aufgegeben  ist,  es  ist  auch  schon  Certamen  und  zwar 
Rosae  Liliique  betitelt^),  und  zählt  50  Hexameter.  Auch  in 
diesem  tritt  der  Frühling  auf.^)  Wie  in  den  späteren  fran- 
zösischen Debats,  leitet  der  Dichter  in  ein  paar  Versen  den 


1)  Vielleicht  liegt  hier  zugleich  eine  irische  Eeminiscenz  zu  Grunde: 
die  Druiden  nannten  sich  Magier,  wie  mir  mein  College  Windisch  mittheilt. 

2)  Vgl.  oben  S.  68. 

3)  Die  Ueberschrift  bekundet  auch  die  Autorschaft  des  Sedidius,  sie 
lautet:  De  Rosae  Lüiique  certamine  idem  Sedulius  cecinit,  Carm.  qua- 
drag.  c.  40. 

4)  Entfernt  erinnert  der  Vers  29:  Tunc  Ver  florigera  iuveiüs  pau- 
sabat  in  herba  an  den  Vers  6  des  Conflictus:  Ver  quoque  florigero 
succinctus  stemmate  venit. 


198  Seduliiis  Scotus. 

Streit  ein.  Die  Rose  beginnt  zuerst,  sie  rühmt  ihre  Farbe: 
der  Purpur  verleihe  die  Herrschaft,  das  Weiss  sei  die  Farbe 
des  Elends.  Die  Lilie  entgegnet,  der  schöne  Apollo  liebe  sie, 
die  goldhaarige  Zier  der  Erde ;  das  Roth  der  Rose  sei  das  der 
Scham  und  bezeuge  ein  schlechtes  Gewissen.  Die  Rose  will 
dagegen  Aurorens  Schwester  sein,  ihr  Roth  ist  die  Schönheit 
jungfräulicher  Sittsamkeit.  Nun  wirft  ihr  die  Lilie  ihre  Dornen 
vor.  Es  kommt  zu  heftigen  Worten.  Da  erhebt  —  so  fährt 
jetzt  der  Dichter  wieder  fort  —  ein  Jüngling,  der  unter  Blumen 
im  Grase  ruhte,  das  Haupt  mit  Kränzen  geschmückt,  seine 
Stimme  —  es  ist  der  Frühling  — :  Theuere  Kinder,  warum 
streitet  ihr?  ruft  er,  erkennt  euch  als  Schwestern!  —  Einer 
jeden  das  ihrige.  Und  er  endet  sein  versöhnendes  Wort:  Du, 
Rose,  reichst  mit  deinem  Kranze  die  rothe  Palme  den  Mär- 
tyrern, ihr  Lilien  schmückt  die  mit  der  Stola  bekleideten 
jungfräulichen  Schaaren.  — 

Noch  besitzen  wir  zwanzig  Gedichte  des  Sedulius,  die 
mit  einem  prosaischen  Werke  desselben  verbunden  sind,  wel- 
ches hier  auch  für  uns  von  Interesse  ist.  Es  ist  ein  christ- 
licher Ftirstenspiegel :  De  recforibjjs  chnstitmis  betitelt M,  und 
an  einen,  offenbar  jungen,  „Herrn  und  König",  der  noch 
nicht  lange  den  Thron  bestiegen,  gerichtet,  ja  aus  Liebe  zu 
ihm  verfasst^);  wahrscheinlich  ist  also  Lothar  H.  gemeint  und 
die  Abfassungszeit  dann  855.  Das  Buch,  welches  20  Kapitel 
begreift,  will  lehren  —  namentlich  auch  an  der  Hand  der  bi- 
blischen wie  der  profanen  Geschichte  —  wie  ein  fi-ommer 
Herrscher  {j^ector)  beschaffen  sein  soll.  In  der  Form  ist  es 
der  Consolatio  philosophiae  des  Boetius  nachgebildet,  indem  ein 
jedes  Kapitel  —  ausser  dem  letzten  —  mit  einem  Gedichte 
schliesst,  das  in  der  Regel  nur  den  Hauptinhalt  der  Prosa 
recapitulirt.  ■*)     Auch   wird   das  Ganze   durch   eine  Praefatio  in 


\)  In  einer  Handschrift  aixch  Via  regia,  wie  das  Werk  des  Smaragdus, 
s.  oben  S.  HO. 

2)  Dies  zeigt  die  im  letzten  Kapitel  gegebene  Zuschrift,  welche  be- 
ginnt: Has  autem  paucas  de  multis,  divinas  et  humanas  historias  percur- 
rens,  vestrae,  doniine  rex,  excellentiae  commonitorias  obtuli  litteras, 
vestro  amore  ad  hoc  opusculum  instigatus,  sciens  me  debitorem 
esse  vestrae  celsitudinis  obsequio.  Und  hernach:  Hos  itaque  apices  velut 
enchiridion  vestri  sagacitas  ingenü  saepius  tanscurrendo  perlegat. 

3)  Dass  Boetius  in  dieser  Beziehung  unmittelbar  das  Vorbild  ge- 


De  rectoribus  christianis.  199 

Versen  eingeleitet.  Die  Gedichte  sind  in  verschiedenen 
Metren  verfasst,  und  darin  zeigt  sich  auch  der  Einfluss  des 
Werks  des  Boetiiis:  nur  sind  die  Metra  grösstentheils  andre 
als  in  diesem,  einfacher,  weniger  complicirt.  'J  Man  sieht  aber 
hier,  dass  die  metrische  Mannichfaltigkeit,  die  uns  in  manchen 
Dichtungen  jener  Zeit  überrascht,  nicht  bloss  der  Einwirkung 
der  Hymnen  des  Prudentius,  sondern  auch  des*  berühmten 
Buches  des  letzten  römischen  Philosophen  zuzuschreiben  ist. 
Nur  einzelne  dieser  Gedichte  des  Sedulius  haben  eine  poe- 
tische Selbständigkeit,  die  ihnen  einen  gewissen  Reiz  verleiht. 
Skizziren  wir  nun  den  Inhalt  des  Werks,  dessen  Gang 
keineswegs  ein  sicherer  ist,  schon  durch  die  Abschweifungen, 
die  der  Verfasser  sich  erlaubt.  Das  erste  Kapitel  bildet  gleich- 
sam ein  Prooemium,  das  aber  für  Autor  wie  Werk  recht  be- 
zeichnend ist:  sobald  der  christliche  Herrscher  den  Thron  be- 
stiegen hat,  soll  er  Gott  danken  und  zwar  durch  Dotirung  der 
Kirche.  Mit  dem  zweiten  Kapitel  geht  Sedulius  auf  sein 
Thema  selbst  ein  und  verlangt  nicht  mit  Unrecht  vor  allem, 
dass  wer  andre  zu  regieren  berufen  ist,  sich  selbst  regiere, 
das  Schlechte,  das  er  als  Herrscher  bestraft,  selbst  vermeide, 
und  das  Gute,  das  er  befiehlt,  selbst  zu  thun  sich  bemühe. 
Sechs  Lebensvorschriften  hat  er  zu  dem  Ende  sich  zu  merken: 
er  muss  unerlaubte  Gedanken  unterdrücken,  heilsame  Eath- 
schläge  in  Betracht  ziehen,  unnütze  und  schädliche  Reden 
vermeiden,  Aussprüche  ruhmvoller  Fürsten  sowie  die  der  Bibel 
über  alles  gern  „kosten",  sich  fürchten  eine  schmähliche  Hand- 
lung zu  begehen,  und  sechstens  sein  Licht  leuchten  lassen  in 


wesen,  zeigt  recht  der  Schluss  der  ersten  Prosa  (c.  1),  welcher  lautet:  Sed 
haec  quae  brenter  stüo  prosali  diximus,  aliqua  versuiim  dulcedine  con- 
cludamus ,  verglichen  mit  Boetius  1.  IV,  Prosa  6  Ende :  sed  video  te  iam 
dudum  et  pondere  quaestionis  oneratum  et  rationis  prolixitate  fatigatum 
aliquam  carminis  expectare  dulcedinem.  Man  sieht  also  dass  auch 
dasselbe  Motiv  für  die  Einschaltung  der  Gedichte  bei  Sedulius  massgebend 
war,  als  bei  Boetius;  vgl.  hierüber  Bd.  I,  S.  473,  Amn.  1. 

1)  Es  sind  die  folgenden:  Hexameter  allein  (Praef.),  Distichen  (c.  1, 
2,  6,  10,  14,  19),  Versus  asclepiad.  min.  catal.  (c.  7),  Anapaest.  Dimet.  catal. 
<c.  12)  —  nur  diese  Metra  hat  das  Buch  mit  der  Consol.  gemein  —  ferner: 
Sapphische  Str.  (c.  3,  4,  16),  Hexam.  mit  lamb.  Dimet.  acat.  (c.  5),  Troch. 
Tetram.  catal.  (c.  9,  19),  Asclepiad.  minor  (c.  11,  17)  —  der  bei  Boetius 
sich  nicht,  wie  hier,  allein  gebraucht  findet  —  lamb.  Dimet.  acat.  (c.  15) 
und  catal.  (c.  13),  und  endlich  Dactyl.  Tetram.  catal.  in  disyll.  (c.  8). 


200  Sedulius  Scotus. 

prächtigen  Reden  und  Handlungen.  So  vermag  (c.  3)  der  Fürst 
die  Gnade  Gottes  zu  erlangen,  die  allein  seiner  vergänglichen 
Herrschaft  eine  gewisse  Stabilität  verleihen  kann.  Der  Schmuck 
der  königlichen  Gewalt  ist  die  fromme  Weisheit,  welche  Sa- 
lomo  über  alle  Könige  erhob.  Sie  zeigt  sich  nun  nicht 
bloss  darin,  dass  der  Herrscher  sich  selbst,  sondern  dass  er 
auch  sein  Haus  und  sein  Volk  verständig  regiert.  In  ersterer 
Beziehung  entwirft  der  Verfasser  hier  (c.  5)  nur  das  Bild  einer 
guten  Hausfrau,  wobei  er  auf  Placilla,  des  Theodosius  Ge- 
malin,  als  Muster  hinweist.  In  Bezug  auf  die  Staatsregierung 
aber,  diese  schwierigste  Kunst,  hat  der  Fürst  eine  dreifache 
Regel  zu  beobachten  (c.  6):  erstens,  dem  Göttlichen  vor  dem 
Menschlichen  den  Vorzug  zu  geben,  da  man  Gott  mehr  als 
den  Menschen  gehorchen  muss,  zweitens,  nicht  so  sehr  auf  sein 
eignes  Urtheil  als  auf  das  seiner  klügsten  Räthe  sich  zu  ver- 
lassen —  wofür  Aussprüche  des  Kaisers  „  Antonin "  ^)  und  des 
Salomo  citirt  werden,  drittens,  keine  falschen  und  verderblichen 
Räthe  zu  haben.  Diesen  soll  er  als  wie  Drachen  Feind  sein, 
wie  das  Beispiel  des  Panthers  lehrt.-)  Dann  werden  die  guten 
„Freunde"  des  Fürsten  charakterisirt. 

In  den  folgenden  Kapiteln  (7  und  8)  aber  entwirft  Sedulius 
zur  Warnung  ein  Bild  von  den  gottlosen  Herrschern,  nachdem 
er  erörtert,  was  die  guten  verderben  kann :  es  ist  die  Freiheit, 
die  sie  haben,  der  Reichthum,  schlechte  Umgebung  und  die 
Unwissenheit  im  Staatswesen  {ignormitia  rerum  publicunun). 
Solche  Herrscher,  die  auch  die  göttliche  Sti-afe  ereilte,  sind 
Pharao,  Antiochus,  Herodes,  Pilatus^),  Nero,  Aegeus^),  Julian 


1)  Unde  illa  Antonini  imperatoris  praecipua  semper  in  consiliis  fuit 
sententia :  aequiiis  est ,  ut  ego  tot  et  talium  amicorum  consilium  sequar, 
quam  ut  tot  et  tales  amici  meam  unius  voluntatem  sequantur. 

2)  Absit  vero  ut  crudeles  tyrannos  tamquam  infestos  dracones  bonus 
habeat  princeps  amicos ,  quod  pantheris  exemplo  animalis  adstruitur.  Si- 
quidem  panther,  genus  quadrupedis,  est,  ut  physici  perhibent,  omnium 
animalium  amicus  excepto  dracone.  Eine  bemerkenswerthe  Hinweisung 
auf  die  Physiologen,  nacb  denen  auf  Grund  dieser  Fabel  der  Panther 
der  Typus  Christi  ist. 

3)  Von  diesem  wie  den  beiden  vorausgehenden  heisst  es:  quis  nescit 
quanta  districti  iudicis  ultio  perculit?  Hieraus  ergibt  sich,  wie  verbreitet 
die  Pilatussage  schon  damals  war.    Vgl.  Bd.  I,  S.  606,  Anm.  2. 

4)  In  Mai's  Ausg.  steht  de .  .  Aege« ,  was  wohl  nur  Druckfehler  ist. 


De  rectoribus  christiauis.  201 

und  Tlieodorich ,  bei  welchem  der  Verfasser  länger  verweilt, 
der  Strafe  dieses  „grausamsten  Königs"  nach  Gregor 'j  geden- 
kend, ohne  jedoch  merkwürdiger  Weise  hierbei  Boetius  zu  er- 
wähnen. Dagegen  gehört  nun  (c.  9)  der  Rer  pac?ßci/s,  in  der 
Glorie  seiner  Herrschaft,  wenn  er  in  der  königlichen  Aula 
seine  Geschenke  und  „Beneficien"  austheilt  (also  der  germa- 
nische Volksfürst-)),  zu  den  nach  dem  Ausspruche  der  Weisen ^i 
sieben  schönsten  Dingen  der  Welt  —  die  andern  sind  der  un- 
bewölkte Himmel,  die  Sonne,  der  Mond,  das  Kornfeld,  das 
Meer  mit  Ebbe  und  Fluth,  der  Chor  der  in  einem  Glauben 
vereinten  Gerechten.  Als  Beispiele  eines  solchen  Fürstenideals 
—  des  gnädigen  und  gerechten  Herrschers  —  werden  August, 
die  Antonine,  Constantin  der  Grosse,  die  beiden  Theodosius, 
Karl  der  Grosse  und  „Ludovicus  piissimus"  genannt.  Acht  Säu- 
len stützen  nach  dem  Ausspruche  der  Weisen  die  Herrschaft 
des  gerechten  Königs:  Wahrheit,  Ausdauer  {patientiu  in  omni  ne- 
yotiu),  Freigebigkeit,  Freundlichkeit  in  der  Rede,  Züchtigung 
der  Bösen,  Freundschaft  mit  den  Guten,  Erleichterung  der 
Steuern,  gerechte  richterliche  Entscheidung  zwischen  Reichen 
und  Armen  (c.  10).  Dann  aber  soll  der  Gott  gefällige  Herr- 
scher sein  persönliches  Interesse  dem  Nutzen  der  Kirche  nach- 
setzen, um  so  Gott,  seinen  Wohlthäter,  zu  ehren.  Nament- 
lich soll  er  —  worauf  Sedulius  wiederholt  zurückkommt  — 
ein  paar  mal  des  Jahres  Synoden  halten  (c.  11). 

Indem  hier  der  Verfasser  also  auf  das  Verhältniss  des 
Herrschers  zu  der  Kirche  näher  eingeht,  verlangt  er  von  ihm 
Demuth  und  Gehorsam;  er  soll  selbst  die  Zurechtweisung  der 
Priester,  als  geistlicher  Aerzte,  hinnehmen,  indem  auf  das 
Beispiel  des  Theodosius  hingewiesen  wird,  welcher,  wie  hier 
ganz  ausführlich  erzählt  wird,  nach  dem  Thessalonichschen 
Blutbad  der  Kirchenbusse  sich  unterwarf  (c.  12f.).-i)  Auch  im 
Kriege  muss  der  Herrscher  mehr  auf  Gott  als  auf  Menschen- 
macht vertrauen;  was  beide  vermögen,  zeigt  die  Geschichte, 
unter  anderm  der  Sieg  des  h.  Germanus,  des  Apostels  der 
Britten,    über  deren  Feinde   (c.  14  f.).     Im   Unglück   soll   der 


1)  S.  Bd.  I,  S.  521,  Anm.  2,  u.  vgl.  oben  S.  155. 

2)  Ob  auch  der  irische  hier  gemeint  sein  kann? 

3)  Ut   sapientes   ferunt,    wie   weiter   unten:    ut   sapientes   perhibent. 
Schöpft  hier  der  Autor  aus  irischen  Quellen?  4)  Vgl.  Bd.  I,  S.  16uf. 


202  Sedulius  Scotus,  Commentum  in  Eutychis  artem  etc. 

gute  Fürst  uicht  verzagen  (c.  16)'),  zum  Frieden  stets  bereit 
sein  (c.  17)  und  bei  glücklich  beendetem  Kriege  sich  nicht 
rühmen,  sondern  Gott  danken  —  durch  Vermehrung  der  Privi- 
legien der  Kirche  und  Hochschätzung  der  Priester.  Andrerseits 
aber  wird  der  Herrscher  auch  als  Vicar  Gottes  in  der  Re- 
gierung der  Kirche  bezeichnet,  der  sie  gegen  Eingriffe  welt- 
licher Machthaber  schütze,  aber  auch  für  gute  Bischöfe  und 
Priester  sorge,  die  frei  von  unersättlicher  Habsucht  und  Uep- 
pigkeit  des  göttlichen  Amtes  warten.  Solche  müsse  er  als  geist- 
liche Milites  dann  auch  mit  allem  Nothwendigen  versorgen, 
wie  er  dies  mit  den  fleischlichen  thue,  da  durch  ihre  heiligen 
Arbeiten  und  Gebete  der  Staat  vor  Schaden  bewahrt  bleibe 
(c.  19).  Das  Schlusskapitel  endlich  enthält  die  Zuschrift  an 
den  König,  der  das  Buch  öfters  zu  lesen  und  zu  beherzigen 
ermahnt  wird. 

Der  prosaische  Ausdruck  dieses  kulturhistorisch  interessan- 
ten Buches,  das  im  Gegensatz  zu  der  l'ia  regia  des  Smarag- 
dus^)  doch  mehr  einen  weltlichen  Charakter  hat,  ist  leicht 
verständlich  und  klar,  mitunter  durch  Gleichnisse  geschmückt. 

Sedulius  hat  endlich  auch  theologische  Werke,  und  zwar 
zur  Erklärung  der  Bibel,  verfasst,  welche  uns  aber  hier  um 
so  weniger  angehen,  als  sie  blosse  Compilationen  sind.-^j.  Auch 
wird  ihm,  und  meiner  Ansicht  nach  mit  grosser  Wahrschein- 
lichkeit, ein  Commejitum  m  Eutychis  artem  de  disceimendis 
coniiKjationibus  beigelegt.  ^) 


1)  Auch  hier  wird  wieder  ein  Ausspruch  der  Weisen  citirt:  Ut  enim 
sapientes  perhibent,  quinque  temporum  varietatibus  regnum  terrarum  con- 
sistit:  1)  die  Zeit  der  Kämpfe,  2)  wann  das  Reich  zur  „Vollständigkeit" 
(plenitudo)  heranstrebt  (Neumond),  3)  wann  es  diese  erreicht  hat  (Vollmond), 
4)  wann  es  gleich  dem  Monde  abnimmt,  5)  die  Zeit  des  Zusammensturzes. 

2)  S.  oben  S.  HO  ff.         3)  S.  darüber  Dümmler,  N.  A.  S.  316. 

4)  Herausgegeben  von  Hagen  in  dessen  Anecdota  Helvetica  quae  ad 
Grammaticam  latinam  spectant.  Leipzig  1870.  (Supplement  v.  Keils  Gram- 
matici  lat.)  pag.  1  ff.  —  Als  Verfasser  wird  in  der  Handschrift  Sedulius, 
allerdings  ohne  weiteren  Beinamen,  genannt.  Die  Einwendungen,  die  Hagen 
gegen  die  Annahme  unsers  Sedulius  als  Autors  erhebt,  sind  wenig  stich- 
haltig; denn  wie  wir  oben  zeigten,  besass  er  einige  Kenntniss  des  Grie- 
chischen, und  zeigt  auch  in  seinen  Gedichten  seine  grammatische  Bildung. 
Hagen  hat  ihn  sehr  einseitig  nur  auf  Grund  seines  Buchs  De  rector.  Christ, 
beurtheilt.  Ausserdem  ist  zu  beachten,  dass  der  Commentar  auf  Bitten 
von  Mönchen  (rogatu  fratrum)  geschrieben  ist,  was  zu  Sedulius  Lebens- 
stellung so  wohl  passt  und  von  Hagen  gar  nicht  berücksichtigt  ist. 


Lupus.  203 


SIEBENTES  KAPITEL. 

WESTFRANCIEN :     LUPUS . 

Während  also  iu  Deutschland  und  Lothringen  die  gram- 
matisch-humanistischen Bestrebungen  des  Zeitalters  Karls  des 
Grossen  ihre  Fortsetzung  finden  und  als  deren  Blüthe  eine 
weltliche  Poesie  erscheint,  so  tritt  dagegen  in  Westfrancien 
bald  mehr  eine  theologisch -polemische  Richtung  in  der  Lite- 
ratur in  den  Vordergrund,  indem  selbst  dogmatische  Streit- 
fragen, die  in  Deutschland  sich  erhoben  hatten,  erst  dort 
wahrhaft  ausgefochteu  wurden;  zugleich  zeigt  sich  dort  aber 
auch  eine  freiere  geistige  Bewegung,  eine  religiöse  Aufklärung, 
welche  theils  in  einer  Polemik  gegen  den  Aberglauben,  nicht 
bloss  den  im  Volke,  sondern  auch  in  der  Kirche,  sich  kundgibt, 
theils  productiv  in  dem  Versuche  eines  neuen  philosophischen 
Systems  erscheint.  So  offenbart  sich  Frankreich  jetzt  schon 
als  die  für  die  mittelalterliche  Philosophie  geweihte  Stätte. 
Doch  hat  Westfrancien  damals  auch  besondere  Vertreter  jener 
grammatisch  -  humanistischen  Richtung:  der  bedeutendste  von 
ihnen  hatte  auch  seine  letzte  Ausbildung  bei  Raban  erhalten, 
wie  Walahfrid,  und  trat  auch,  wie  dieser,  in  nahe  Beziehung 
zu  Judith  und  Karl  dem  Kahlen,  es  ist  Servatus  Lupus,  0 

Lupus,  von  angesehener  Familie,  in  der  Diöcese  von  Sens, 
wie  es  scheint,  geboren,  erhielt  seine  erste  gelehrte  Bildung 
in  dem  in  ihr  gelegenen  Kloster  Ferrieres,  das  früher  Alcuin 
gehörig  und  von  ihm  öfter  besucht,  ein  Sitz  der  Wissenschaft 
geworden  war.  Ihm  stand  damals  der  gelehrte  Abt  Aldrich 
vor,  der  selbst  in  diesem  Kloster  gebildet  war;  er  wurde  829 
Erzbischof  von  Sens  und  spielte  eine  bedeutende  Rolle  an 
dem  Hofe  Ludwigs  des  Frommen.-)  Er  war  es,  der  den  früh 
erwachten  wissenschaftlichen  Sinn  des  Lupus  begünstigte  und 
ihm  einen  Lehrer  der  Grammatik  gab.  Später  sandte  er  ihn 
auch  zu  seiner  weiteren,  vornehmlich  auch  theolog-ischen  Aus- 


1)  B.  Servati  Lupi.  presbyteri  et  abbatis  Ferrariensis  opera  Stephanus 
Baluzius  collegit,  epistolas  ad  fid.  vetustissimi  cod.  emend.  notisque  ülustr. 

Ed.  2.  AntTvei-pen  ITlÜ. Nicolas,   Etüde   sur  les   lettres   de  Servat- 

Loup.  These  pres.  ä  la  faculte  de  Paris.  Clennont-Ferrant  1S61. 

2)  S.  über  ihn  Simsen.  Jahrb.  11,  S.  259  f. 


204  Lupus. 

bildung  zu  Raban  nach  Fulda.  Während  seines  Aufenthaltes 
dort  machte  Lupus  die  nähere  Bekanntschaft  bedeutender 
Männer,  namentlich  des  Einhard,  welcher  letztere  damals  ja 
in  dem  nicht  fernen  Seligenstadt  wohnte.  Diesen  verehrte  er 
schon  lange  hoch,  insbesondere  wegen  seiner  klassischen  Bil- 
dung; der  Eindruck,  welchen  der  Stil  der  Vita  Caroli  auf  ihn 
gemacht,  hatte  in  ihm  zuerst  den  Wunsch  einer  persönlichen 
Bekanntschaft  Eiuhards  erweckt.  Bei  ihm  suchte  und  fand 
er  Unterstützung  in  seinen  gelehrten  Bestrebungen,  ihn  be- 
fragte er  über  die  sprachlichen  und  metrischen  Schwierig- 
keiten, die  ihm  aufstiessen,  schriftlich  wie  mündlich,  von  ihm 
entlieh  er  Bücher,  die  ihm  fehlten:  so  nennt  er  ihn  nicht  mit 
Unrecht  seinen  Lehrer;  er  trat  ihm  so  nahe,  dass  Einhard 
dem  viel  jüngeren  Gelehrten  seine  uns  verlorene  Schrift  De 
üdoranda  cruce  widmete.^) 

Nach  seiner  Rückkehr  von  Fulda-)  wurde  Lupus  837  am 
kaiserlichen  Hofe  vorgestellt,  wo  er  der  hochgebildeten  Kai- 
serin so  gefiel,  dass  er  von  ihr  schon  im  folgenden  Jahre 
wieder  dahin  dringend  eingeladen  wurde.  So  erhielt  er  leicht 
842  von  Karl  dem  Kahlen  die  durch  Absetzung  Odo's  er- 
ledigte Abtei  Ferrieres.  Die  Bürgerkriege  mit  ihren  Folgen 3) 
brachten  ihn  und  sein  Kloster  in  vielfache  Noth,  so  dass  es 
den  Mönchen  selbst  an  Lebensmitteln  und  Kleidern  fehlte  und 
Lupus  verzweifelnd  schon  seine  Würde  niederzulegen  dachte; 
ja  er  musste  selbst  Heeresfolge  leisten,  so  wenig  er  das 
Schwert  zu  führen  wusste  (ep.  78),  und  gerieth  sogar  vorüber- 
gehend in  Kriegsgefangenschaft  in  dem  aquitanischen  Feld- 
zuge Karls  844.  Nicht  bloss  als  Gelehrter,  sondern  auch  als 
Geistlicher  erfreute  er  sich  grossen  Ansehens;  er  durfte  auf 
den  Synoden  nicht  fehlen  (ep.  60),  und  redigirte  selbst  die 
Beschlüsse  der  wichtigen  Synode  von  Verneuil  (844).  Mit 
der  Reform  der  Klöster  von  Burgund  wurde   er  zugleich   mit 


1)  S.  Lupi  Epp.  1—5. 

2)  836,  wahrscheinlich  im  Frühjahr.  S.  über  die  Zeitbestimmung  Jaflfe, 
Monum.  Carol  p.  498,  Aiim.  6. 

3)  Namentlich  indem  eine  sehr  einträgliche  Zelle  dem  Kloster  durch 
Karl  den  Kahlen  entzogen  und  einem  Grafen  verliehen  war.  Das  König- 
thum  wusste  so  auf  Unkosten  der  Klöster  sich  der  Treue  des  Adels  zu 
versichern.     S.  darüber  Nicolas  a.  a.  0.  S.  28  flf. 


Leben.   Briefe.  205 

Prudentius  von  Troves,  sowie  mit  einer  Sendung  an  den 
Papst  Leo  von  König  Karl  beauftragt.  Auch  musste  er  den- 
selben, als  diplomatischer  Beistand  in  kirchlichen  Angelegen- 
heiten'),  auf  den  Frankentag  von  Meerseu  bei  Mastricht  be- 
gleiten (ep.  50  f.  u.  59).  Das  Jahr  seines  Todes  ist  unbekannt, 
doch  scheint  er  das  Jahr  862  nicht  lange  überlebt  zu  haben. 
Von  seinen  uns  erhaltenen  Schriften,  die  nur  einen  massigen 
Band  füllen,  ist  seine  Briefsammlung,  wie  auch  bei  man- 
chen der  späteren  Humanisten,  der  Renaissance,  am  anziehend- 
sten und  wichtigsten.  Es  sind  130  Briefe,  unter  welchen  ein 
paar  im  Namen  andrer  von  Lupus  geschrieben,  ein  paar  auch 
Antworten  seiner  Correspondenten,  wie  des  Einhard,  sind. 
Zu  den  Adressaten  gehören  aber  die  bedeutendsten  Männer 
jener  Zeit,  so  ausser  dem  eben  genannten  ein  Raban,  Gott- 
schalk, Hincmar,  Radbert,  Marcward,  Prudentius,  Jonas,  Karl 
der  Kahle  und  Lothar.  Bald  sind  es  kirchliche  oder  poli- 
tische, bald  gelehrte  oder  rein  private  Angelegenheiten,  die 
einzeln  oder  vereint  den  Gegenstand  der  Episteln  des  Lupus 
bilden,  welche  gewöhnlich  den  reinen  subjectiven  Briefcharak- 
ter haben,  indem  die  Persönlichkeit  des  Schreibers  Stoff  wie 
Behandlung  durchaus  bestimmt.  Diese  Persönlichkeit  ist  aber 
hier  eine  bedeutende  und  interessante.  Sie  zeigt  namentlich, 
welche  Frucht  der  Bildung  die  klassischen  Studien  in  jener 
Zeit  schon  tragen  konnten,  wenn  sich  ein  guter  Kopf  von 
Jugend  auf  mit  Begeisterung  ihnen  hingab,  und  trotz  aller 
zerstreuenden  Geschäfte,  aller  Noth  einer  von  Bürgerkriegen 
und  kirchlichen  Streitigkeiten  erfüllten  Zeit,  unverbrüchlich 
an  ihnen  festhielt.  Man  ist  überrascht  über  den  Umfang  und 
Ernst  dieser  Studien:  wie  jede  Gelegenheit  von  Lupus  er- 
griffen wird,  seine  Bibliothek  der  römischen  Klassiker  zu  er- 
weitern und  zu  ergänzen;  wie  er  selbst  zu  letzterem  Zwecke 
keine  Mühe  scheut,  ja  wie  er  sogar  bloss  in  der  Absicht  der 
Textverbesserung  sich  Bücher  erbittet'-) ;  und  diese  Bitten  gehen 


1)  Non  ignoratis  —  schreibt  Lupus  an  Marcward  ep.  59  —  credo,  reges 

nostros  apud  Traiectum •  celebraturos  colloquium,   quo  me  trahit 

ecclesiastica  necessitas.  —  Vgl.  Dümmler,  Gesch.  d.  ostfr.  Reichs  I, 
S.  28(). 

2)  Ep.  69:    Tullianas  epistolas,  quas  misisti,   cum  nostris  conferri  fa- 
ciam,  ut  ex  utrisque,  si  possit  fieri,  veritas  exsculpatur. 


206  Lupus. 

auch  in  weite  Ferne,  wie  nacli  Rom  und  nach  York,  sie  richten 
sich  nicht  bloss  an  Bischöfe  und  Aebte,  sondern  auch  an  den 
Papst  selber  (ep.  103).  Und  welcher  Vorsorge  0,  welcher  Kosten 
bedurfte  die  Versendung  solcher  literarischen  Schätze  damals! 
Die  Frucht  der  Bildung  aber  zeigt  sich  in  seinem  Stil,  dies 
Wort  im  weitesten  Sinne  genommen.  Nicht  als  ob  das  Latein 
fehlerlos  wäre,  aber  der  Ausdruck  ist  ein  individueller,  wel- 
cher Charakter  und  Stimmung  abspiegelt,  daher  beweglich, 
von  verschiedenem  Kolorit;  Witz  und  Ironie  zeigen  sich  be- 
reits in  leichten  gefälligen  Formen  (s.  z.  B.  epp.  35  und  68, 
vgl.  auch  ep.  46  Ende).  Nirgends  etwas  phrasenhaftes,  stu- 
dirtes  oder  gemachtes,  noch  weniger  entlehntes. 

Literarisch  productiv  ist  Lupus  weniger  gewesen,  obgleich 
nicht  alles,  was  er  verfasst,  sich  erhalten  hat;  so  haben  wir 
schon  des  Stiles  wegen  allem  Anscheine  nach  den  Verlust 
einer  kurzen  römischen  Kaisergeschichte  zu  beklagen,  die 
Lupus  Karl  dem  Kahlen  zur  Warnung  wie  zum  Vorbild  wid- 
mete. 2)  Hier  hätte  sich  zeigen  mögen,  in  wie  weit  der  von 
ihm  so  hoch  verehrte  Verfasser  der  Vita  Caroli  ihm  Muster 
gewesen.  —  Die  erhaltenen  Bücher  des  Lupus  sind  zunächst 
nur  im  kirchlichen  Interesse  geschrieben;  doch  bezeugen  sie 
auch  schon  in  der  geschickten  Anlage  und  in  dem  einfach 
klaren  und  doch  gewandten  Ausdruck  die  durch  die  klas- 
sischen Studien  gewonnene  Bildung.  Sie  offenbart  sich  aber, 
wie  man  sehen  wird,  in  den  einzelnen  auch  noch  in  andrer 
als  formeller  Weise. 

Das  eine  dieser  Bücher  ist  die  Vita  S.  Wigberti,  welche 
Lupus  auf  den  Wunsch  des  Abts  von  Hersfeld,  Bun  836  ver- 
fasst hat.  Wigbert  war  ein  Angelsachse  von  vornehmer  Ge- 
burt, der  von  dem  heiligen  Bonifaz  nach  Deutschland  berufen, 
zum  Abt  des  von  ihm  gegründeten  und  zuerst  auch  selbst  ge- 
leiteten Klosters  Fritzlar  gemacht  wurde,  welches  namentlich 
zur  Ausbildung  von  Klerikern  dienen  sollte.-^)    Später  wurde 


1)  S.  ep.  76. 

2)  Ep.  93:  Imperatorum  gesta  brevissime  comprehensa  vestrae  maie- 
stati  oiferenda  curavi ,  ut  facile  in  bis  inspiciatis  quae  vobis  vel  imitanda 
sint  vel  cavenda.  Maxime  autem  Traianum  et  Theodosium  suggero  con- 
templandos,  quia  ex  eorum  actibus  multa  utilissime  poteritis  ad  imitandum 
assumere. 

3)  S.  c.  5,  Eingang  u.  vgl.  Rettberg,  Kirchengesch.  I,  S.  595. 


Vita  Wigberti.  207 

er  nach  Ordruf  versetzt,  kehrte  aber,  als  er  erkrankte,  nach 
Fritzlar  zurück,  um  dort  sein  Leben  zu  beschliessen  (747). 
An  die  kurze  Lebensgeschichte  schliesst  sich  die  Translation 
(c.  13flf.),  die  in  diesem  Falle  am  wenigsten  übergangen  wer- 
den durfte.  Sie  ist  auch  nicht  ohne  geschichtliches  Interesse. 
Die  Gebeine  des  Heiligen  wurden  nämlich,  wie  Lupus  aus- 
führlich .erzählt,  bei  einem  Einfall  der  Sachsen  in  das  be- 
nachbarte befestigte  Buraburg  gerettet,  welches  mit  Erfolg 
von  den  Hessen  vertheidigt  ward ;  ~von  dort  aber  nach  einigen 
Jahren  nach  Hersfeld  transferirt. ')  Ein  paar  Wunder,  die 
sich  am  Grabe  des  Heiligen  begaben  —  die  herkömmlichen 
Heilungen  —  werden  von  dem  Verfasser  noch  erwähnt,  pflicht- 
schuldig —  denn  das  Material  war  ihm,  wie  er  am  Schlüsse 
sagt,  von  den  Hersfelder  Mönchen  geliefert.  Interessanter 
sind  die  Wunder,  die  von  der  ersten  Translation  erzählt 
werden,  welche  der  Volksmund  überliefert  hatte.  Bemerkens- 
werth  ist,  dass  unser  Autor  (c.  12)  die  von  den  Reliquien 
ausgegangenen  Wunder  für  werthvoller  erklärt,  als  die  von 
den  Heiligen  bei  ihren  Lebzeiten  vollbrachten,  da  jene  selbst 
über  den  Verdacht  eiteln  Ruhmes  erhaben  wären.  —  Dass 
Lupus  bei  der  Abfassung  dieser  Vita  mit  Bewusstsein  den 
Standpunkt  des  Historikers  einnimmt,  und  nicht  des  erbauen- 
den Panegyristen ,  zeigt  das  an  das  Kloster  Hersfeld  ge- 
richtete Vorwort,  indem  er  einen  Zweifel  an  der  Treue  seiner 
Erzählung  aus  dem  Grunde,  weil  sie  erst  90  Jahre  nach  den 
Begebenheiten  verfasst  sei,  unter  Berufung  auf  die  Werke 
eines  Sallust  und  Livius,  in  zweiter  Reihe  auch  des  Hiero- 
nymus  und  Ambrosius-)  zurückweist.  Ebendort  spricht  er  es 
dann  auch  geradezu  aus,  Geschichte  zu  schreiben;  er  hat 
nämlich  deshalb  die  deutschen  Namen  unlatinisirt  gegeben, 
da  die  Historie  nicht  gestatte,  durch  ein  abweichendes  Kolorit 
verdunkelt  zu  werden.^) 


1)  C.  24  u.  vgl.  Rettberg  I,  S.  597. 

2)  Der  Vita  Pauli  und  der  Passio  virginis  Agnes,  s.    darüber  Bd.  I, 
S.  192  f.  u.  S.  149  (vgl.  S.  25S). 

3) meminerit  (lector)  non  Carmen  me   scribere sed  histo- 

riam,  quae  se  obscurari  colorum  obliquitatibus  renuit.  Vgl.  das  ganz 
entgegengesetzte  Verfahren  Walahfrids  oben  S.  165.  —  Auch  der  Ein- 
gang der  Vita,  der  von  den  Angelsachsen  handelt,  entspricht  diesem 
Charakter  derselben. 


208  Lupus. 

Beigelegt  wird  dem  Lupus  noch  eine  andere  Vita,  die 
des  heil.  Maximini),  die  allerdings  nur,  nach  eigener  Aus- 
sage, die  Bearbeitung  einer  älteren  ist^);  von  einem  Lupus 
ist  sie  und  im  Jahre  839  auf  Bitten  eines  Waldo,  wohl  des 
späteren  Abtes  von  St.  Maximin,  verfasst.  Zwar  in  einem 
unseres  Lupus  nicht  unwürdigen  Stile  geschrieben,  der  im 
Anfange  sogar  in  einzelnen  Wendungen  an  die  Vita  Wigberti 
erinnert,  unterscheidet  sie  sich  doch  in  der  Behandlung  des 
Stoffes  nicht  wenig  von  jener:  an  der  Stelle  eines  objectiven, 
concisen  historischen  Berichts  finden  wir  hier  eine  weitläu- 
figere, durch  manche  ausführlichen  Betrachtungen  und  theo- 
logischen Erörterungen  abschweifende  Erzählung  unsicheren 
Ganges,  in  welcher  die  Wunder  des  Heiligen  einen  breiten 
Raum  einnehmen,  trotzdem  der  Verfasser  viele  unglaubwürdige 
weggelassen  haben  will.  Vielleicht  erklärt  sich  der  Unter- 
schied beider  Vitae  aus  dem  Umstände,  dass  die  des  Maxirain 
eine  blosse  Bearbeitung  war  und  Lupus  seine  Vorlage  nicht 
zu  weit  verlassen  mochte.  Der  Heilige  aber  war  der  Bischof 
von  Trier,  der  den  von  dem  arianischen  Kaiser  Constantius 
verfolgten  Athanasius  bei  sich  aufnahm. 

Endlich  haben  wir  noch  eine  dogmatische  Schrift  des 
Lupus  in  dem  von  Gottschalk,  angeregten  Streit  über  die 
Augustinische  Prädestinationslehre  zu  verzeichnen.  Es  ist  das 
Buch  De  tribus  quaestionibus ,  welches  wohl  auf  Veranlassung 
Karls  des  Kahlen  850  verfasst  worden  ist.  3)  Die  drei  Fragen 
sind  die  des  freien  Willens,  der  doppelten  Prädestination  — 
„der  Guten  und  der  Bösen"  —  und  „der  Werthschätzung  des 
Blutes  Christi",  d.  h.  ob  Christus  für  alle  Menschen,  oder  nur 
für  die  Auserwählten  gestorben  sei.     Die   drei  Fragen  bilden, 


1)  Rettberg  I,  S.  131  u.  186  und  Wattenbach  I,  S.  192  nehmen  Lupus 
von  Ferneres  als  Verfasser  an,  der  erstere  mit  einigem  Bedenken,  Nicolas 
p.  124  spricht  ihm  die  Vita  lieber  ab,  wie  die  Hist.  litter.  V,  p.  267. 

2)  S.  den  bevorwortenden  Brief  des  Lupus  an  Waldo :  Flagitasti 

ut  vitam  beati  Maximini  meo  stilo  elucubrarem  et  res  quae  ad  nos  us- 
que  qualibuscunque  litteris  decurrerunt,  accu ratio ri  sermone  conve- 
nienti  restituerem  dignitati.  Hiernach  wurde  sogar  nur  eine  stilistische 
Bearbeitung  von  Lupus  gewünscht,  der  doch  schon  durch  Ausscheidung 
mancher  Wunder  weiter  ging.  —  Das  Original  war  unter  Pippin,  Karls  des 
Grossen  Vater,  verfasst. 

3)  Denn  auf  dieses  Buch  ist  wohl  der  Eingang  der  Ep.  128  zu  beziehen. 


De  tribus  quaestionibus.  209 

wie  leicht  zu  erseTien,  ein  Ganzes.  Neander')  rühmt  von 
diesem  Buche,  dass  es  durch  klarere  Auffassung  und  Dar- 
stellung der  eigentlichen  Streitpunkte  sich  auszeichne  und 
durch  die  Art,  wie  Lupus  das  Wesentliche  vom  Unwesent- 
lichen zu  unterscheiden  wisse;  und  er  schreibt  dies  mit  Recht 
der  klassischen  Bildung  desselben  zu.-)  Ihr  Einfluss  zeigt  sich 
aber  nicht  minder  in  dem  eleganteren  Ausdruck  und,  worauf 
Nicolas  schon  aufmerksam  machte,  in  der  Urbanität  der  Pole- 
mik, die  freilich  hier  auch  in  seiner  Humanität  wurzelt,  — 
beides  so  selten  gerade  auf  diesem  Felde  der  mittelalterlichen 
Literatur.  Lupus  steht  in  dieser  Schrift  auf  der  Seite  Gott- 
schalks und  Augustins,  nur  zeigt  sich  eben  seine  Humanität 
in  der  Erklärung,  er  würde,  wenn  man  beweisen  könnte,  dass 
das  Blut  Christi  auch  den  Verdammten  etwas  nütze,  gern  sich 
dieser  Ansicht  anschliessen.  —  Da  Lupus  aber  wegen  seiner 
Meinung  in  diesen  Streitfragen,  wahrscheinlich  auf  Grund  der 
eben  betrachteten  Schrift,  von  der  Gegenpartei  manche  An- 
fechtung erlitt,  auch  bei  seinem  Könige  selber,  so  richtete  er 
ein  Schreiben  (ep,  128)  an  denselben,  worin  er  seine  Meinung 
noch  einmal  entwickelt,  und  zwar  in  aller  Kürze  und  Klar- 
heit, weil  er  weiss,  dass  die  Regieruugsgeschäfte  die  Zeit  des 
Königs  zu  sehr  in  Anspruch  nehmen.  —  Ausserdem  Hess  er 
seiner  Schrift  auch  noch  eine  Sammlung  von  Belegstellen  aus 
den  Kirchenvätern,  die  er,  wo  uöthig,  mit  Erklärung  versah, 
folgen.  3) 


ACHTES  KAPITEL. 

PUBLICISTIK.     AGOBARD. 

Als  ein  Vorläufer  jener  theologisch-polemischen  Literatur, 
die  in  Westfrancien  seit  dem  Auftreten  Gottschalks  zu  solcher 


1)  Allgemeine  Geschicbte  der  christl.  Religion  und  "Kirche  Bd.  IV, 
S.  435  ff.,  wo  sich  eine  treffende  Charakteristik  des  Inhalts  findet. 

2)  Lupus  vergisst  auch  hier  seine  Klassiker  nicht,  indem  er  eines 
Ausspruchs  des  Cicero  in  De  senectute  und  eines  des  Yirgil  gedenkt, 
freilich  um  sie  zu  bekämpfen.    Opp.  1.  p.  221  f. 

3)  Hymnen  und  Homüicn  Sind  Lupus  ohne  triftige  Gründe  beigelegt. 
S.  Dümmler,  N.  A.  S.  314. 

Ebeeit,  Literatur  des  Mittelalters  II.  14 


210  Agobard. 

Blütbe  gelaugt,  dass  sie  dort  ganz  in  den  Vordergrund  tritt, 
erscheint  daselbst  ein  Autor,  dessen  manuichfache  schriftstelle- 
rische Thätigkeit  mit  wenigen  Ausnahmen  nur  in  Polemik  be- 
stand, die  sich  aber  keineswegs  bloss  auf  theologischem  Ge- 
biete bewegte;  im  Gegentheil,  sie  betrifft  zum  guten  Theil 
Dinge  von  allgemeinem  öifentlichen ,  ja  Staatsinteresse.  Und 
nicht  wenige  dieser  Arbeiten,  und  darunter  die  anziehendsten, 
sind  Flugschriften.  Dieser  erste  moderne  Publicist,  wie  man 
ihn  nennen  könnte,  ist  der  Erzbischof  von  Lyon,  Agobard. i) 
Von  Herkunft  wahrscheinlich  ein  Franke,  war  er  792  nach 
Lyon  gekommen,  und  hatte  dort  seine  gelehrte,  namentlich 
nicht  geringe  theologische  Ausbildung  erhalten,  die  er  vor 
allem  auch  seinem  Vorgänger  auf  dem  erzbischöflichen  Sitze, 
Leidrad,  verdankte.  Dieser  gelehrte  Geistliche,  einst  aus 
Baiern  von  Karl  dem  Grossen  berufen,  hat  sich  durch  Gründung 
von  Schulen  und  Bibliotheken  zur  Ausbildung  des  Klerus  wie 
durch  Kestauration  der  Kirchen  und  Verbesserung  des  Gottes- 
dienstes um  seine  Diöcese  sehr  verdient  gemacht.  In  letzterer 
Beziehung  folgte  Agobard  auch  seinem  Beispiel,  indem  er  das 
Antiphonar  der  Kirche  von  allem  unbiblischen  reinigte.  —  Als 
Leidrad  alt  und  krank  nach  Soissons  in  ein  Kloster  sich  zu- 
rückzog, wurde  Agobard,  der  ihm  schon  als  Chorepiscopus 
zur  Seite  gestanden,  sein  Nachfolger  und  816  Erzbischof.  Ein 
Mann  von  seltenem  Muthe  und  Unabhängigkeitssinne,  welche 
in  der  Selbständigkeit  des  Urtheils  eine  sichere  Stütze  hatten, 
vertheidigte  Agobard  seine  Kirche  ebensowohl  gegen  die  Ein- 
griffe des  Papstes  wie  weltlicher  Gewalten.-)  Aber  er  nahm 
auch  an  den  politischen  Bewegungen  jener  stürmischen  Zeit 
den  grössten  Antheil,  indem  er  für  Lothar,  seinen  Landes- 
herrn, gegen  Ludwig  den  Frommen,  bei  der  Empörung  der 
Söhne  i.  J.  833,  auftrat,  von  den  Bischöfen  einer  der  ener- 
gischsten Gegner  des  alten  Kaisers:   so  wurde  er  denn  auch 


1)  S.  Agobardi,  Lugdunensis  episc,  opera  ed.  St.  Baluzius.  2  T.  Paris. 

1666.    (Migne,   Patrol.  lat.  T.  104.) Huiidesbagen ,    Commentatio   de 

Agobardi  vita  et  scriptis.  Pars  I,  Vita.  Giessen  1831.  (Diss.)  —  Elügel,  De 
Agobardi  archiepisc.  Lugdun.  vita  et  scriptis.  Halle  1865.  (Diss.).  —  Leist, 
Agobard  von  Lyon.  Theil  1.  Seine  theolog.  Schriften.  Gyran.-Progr.  von 
Stendal  1867.  —  Reuter  a.  a.  0.  S.  24  ff. 

2)  Auch  mit  der  Feder  wie  in  der  Schrift  De  dispensaüone  ecclesi- 
asücurum  rerutn  gegen  die  Usurpation  geistlicher  Güter. 


Contra  insuls.  vulgi  opinionem  de  grandine  etc.  211 

zwei  Jahre  später,  als  Ludwig  wieder  zur  Macht  gelangt  war, 
seines  Bisthums  entsetzt;  jedoch  erhielt  er  es  nach  einiger 
Zeit,  wahrscheinlich  erst  839,  wieder;  er  starb  i.  J.  S40. 

Den  Muth,  den  Agobard  handelnd  im  Leben  bewährte, 
zeigt  er  auch  als  Schriftsteller.  Er  bekämpfte  den  Aberglauben 
und  das  Yorurtheil  auf  den  verschiedensten  Gebieten:  in  man- 
chen seiner  kulturgeschichtlich  so  interessanten  Flugschriften 
erscheint  die  Publicistik  bereits  im  Dienste  der  Aufklärung. 
Man  hat,  vielleicht  mit  einiger  Uebertreibuug,  Agobard  den 
hellsten  Kopf  seiner  Zeit  genannt ;  wenigstens  hat  ihn  an  Selb- 
ständigkeit des  Urtheils  und  der  freisten  und  kühnsten  Aeusse- 
rung  desselben  niemand  übertrofifen,  wenn  auch  dasselbe,  wie 
man  sehen  wird,  nicht  überall  das  richtige,  und  seine  Aeusse- 
rung  mitunter  eine  bis  zur  Gehässigkeit  leidenschaftliche  war. 
Aber  alles  zusammengenommen  bleibt  dieser  männliche  streit- 
bare Autor,  der  nach  den  verschiedensten  Richtungen  hin 
Front  macht,  eine  merkwürdige,  bedeutende  Erscheinung. 

Zuerst  bekämpfte  er  den  Aberglauben  des  Volkes  über- 
haupt in  seiner  um  S14  verfassten  Schrift:  Contra  insulsam 
vulgi  opinioiiem  de  yrandine  et  tonitruis.  Schon  der  Titel  ist 
bezeichnend.  „Fast  alle  Menschen  in  diesen  Gegenden,"  be- 
ginnt er,  „Edle  und  Unedle,  Städter  und  Landleute,  Alte  und 
Junge,  glauben,  dass  Hagel  und  Donner  durch  das  Belieben 
von  Menschen  gemacht  werden  können "  —  durch  die  Zaubereien 
von  sogenannten  Wettermachern  nämlich.  Daran  reihte  sich 
noch  der  Unsinn,  dass  mau  glaubte,  es  kämen  aus  einem 
Lande  Magonia  Leute  in  Luftschitfen,  welche  die  durch  den 
Hagel  abgeschlagenen  Früchte  von  den  Wettermachern  kauf- 
ten und  entführten.')  Man  behauptete  sogar,  solche  Luft- 
schiffer gefangen  zu  haben  und  wollte  sie  steinigen,  wie  dies 
Agobard  selbst  erlebte.  —  Diesen  Aberglauben  bekämpft  aber 
Agobard  hier  nicht  mit  physikalischen  Gründen  —  wie  dies 
bei  einer  andern  Gelegenheit  Raban  that  —  sondern  mit  re- 
ligiösen, die  allerdings  dem  Volke  leichter  zugänglich  und  bei 
ihm  wirksamer  sein  raussten.  Er  verlangt  von  denen,  welche 
den  Unsinn  behaupten,   den  Beweis  für  die  Wahrheit  aus  der 


1)  Cap.  2.  —  S.  darüber  Grimms  Deutsche  Mythologie.  4.  Ausg. 
S.  530  flf.,  wo  auch  die  Yermuthung.  dass  Magonia  von  Magus  herzuleiten, 
ausgesprochen  wird. 

14* 


212  Agobard. 

heil.  Schrift ;  können  sie  ihn  nicht  erbringen,  was  ausser  Zwei- 
fel stehe,  so  machen  sie  sich  einer  schweren  Lüge  schuldig, 
indem  sie  Menschen  ein  Werk  Gottes  beilegen  und  es  diesem 
absprechen.  Dass  es  ein  solches  ist,  beweist  Agobard  selbst 
dann  aus  Stellen  der  Bibel,  namentlich  des  Alten  Testaments, 
worin  Gott  sagt,  dass  er  Hagel  senden  wolle,  oder  dies  von 
ihm  ausgesagt  wird.  Aber  auch  Vernunftgründe  führt  er  ins 
Feld.  Er  zeigt,  wie  wenig  bezeugt  die  vorgeblichen  That- 
sachen,  wie  unbedeutend  die  Menschen,  denen  man  die  Macht 
beigelegt ;  zugleich  aber,  zu  welchen  Betrügereien  dieser  Aber- 
glauben ausgebeutet  wurde :  es  fanden  sich  „  erbärmliche  Men- 
schen", welche  behaupteten,  vor  solchem  Unwetter  schützen 
zu  können  und  sich  dafür  mit  einer  Abgabe  von  Früchten  be- 
zahlen Hessen.  1)  Zum  Schluss  aber  erzählt  Agobard  ein  war- 
nendes Beispiel,  wohin  solcher  Aberglaube  führen  könne,  zu 
einer  Zeit,  wo  von  den  Christen  so  alberne  Dinge  geglaubt 
würden,  wie  sie  niemand  früher  selbst  den  Heiden,  die  doch 
den  Schöpfer  von  allem  nicht  kannten,  einreden  konnte.  Eine 
Rinderpest  nämlich,  die  einige  Jahre  früher  (8IO1  über  ein 
grosses  Gebiet  in  Italien  sich  ausdehnte,  gab  man  bösen  Men- 
schen Schuld,  welche  ein  tödtliches  Pulver  weit  und  breit  aus- 
gesti'eut  haben  sollten;  sehr  viele  Leute  wurden  deshalb  von 
der  Menge  getödtet,  ja  der  unsinnige  Glaube  hatte  mit  der  Zeit 
so  um  sich  gegriffen,  dass  die  Angeklagten  selbst  zuletzt  ein- 
gestanden, die  That  vollbracht  zu  haben!  Und  doch  hätte  die 
einfache  Ueberlegung,  dass  keine  andern  Thiere  verendeten, 
und  dass  es  unmöglich  wäre,  eine  solche  Masse  Pulver  zu  be- 
schaffen und  über  so  weite  Landstriche  auszustreuen,  die  Un- 
wahrheit sogleich  zeigen  müssen. 

In  einer  andern,  etwas  grösseren  Schrift  wendet  sich  Ago- 
bard gegen  den  kirchlichen  Aberglauben;  es  ist  das  Buch: 
Contra  eorum  susperstitioiiem  qui  picturis  et  nnaytnt'bi/s  sancto- 
rum  adoi^ationis  obsequium  deferendum  putant.  Unser  Autor 
tritt  hier  in  die  von  dem  Orient  dem  Abendlande   schon   im 


1)  —  —  et  in  tantum  malum  istud  iam  adolevit,  ut  in  plerisque  locis 
sint  homines  miserrimi,  qui  dicant  se  non  oquidem  nosse  immittere  tem- 
pestates,  sed  nosse  tarnen  defendere  a  tempestate  habitatores  loci.  His 
habent  statutum  quantum  de  frugibus  suis  donent,  et  appellant  hoc 
canonicum,  c.  15. 


Contra  corum  superstitionem  qui  pictiiris  et  iniaginibus  etc.       213 

Beginne  der  Regierung  Karls  des  Grossen  überlieferte  Streit- 
frage über  die  Bilderverehrung  in  der  energischsten  Weise 
im  Geiste  des  grossen  Kaisers  einO,  nur  dass  er  noch  weiter 
als  dieser  geht,  und  die  Bilderverehrung  absolut  verwirft,  da 
er  gegen  die  Verehrung  der  Heiligen  und  ihrer  Gräber,  wo- 
hinter die  Bilderverehrer  sich  allemal  zuletzt  verschanzten, 
überhaupt  sich  erklärt.-)  Agobard  stützt  sich  zunächst,  ausser 
auf  die  Bibel  selbst,  auf  Aussprüche  der  Kirchenväter,  nament- 
lich des  Augustin,  dann  aber  verweist  er  zugleich  auf  den 
Gebrauch  in  der  altchristlichen  Kirche,  indem  er  treflFend  be- 
merkt, wenn  denen,  welche  damals  den  Kultus  der  Dämonen, 
d.  i.  den  heidnischen,  aufgegeben,  die  Bilder  der  Heiligen  zu 
verehren  befohlen  worden  wäre,  so  würden  sie  nicht  sowohl 
die  Götzen  aufzugeben,  als  die  Bilder  zu  wechseln  geglaubt 
haben  (c.  19  Ende).  In  der  That  war  ja  der  Heiligenkultus 
nur  an  die  Stelle  des  heidnischen  Heroen-,  theilweise  selbst 
Götterdienstes  getreten.  —  Aber  Agobard  appellirt  auch  in 
dieser  Schrift  nicht  selten  zugleich  an  den  einfachen  gesunden 
Menschenverstand,  zumal  wo  es  sich  um  die  Bilderverehrung- 
in  ihrer  extremsten  Gestalt,  wie  sie  sich  gerade  beim  Volke 
fand,  handelt,  die  er  mit  Recht  der  Idololatrie  und  der  Ketzerei 
der  Anthropomorphiten  an  die  Seite  stellt.  3) 

Drittens  aber  trat  Agobard  auch  dem  Aberglauben  im 
Staatswesen  entgegen:  er  bekämpfte  den  gerichtlichen  Zwei- 
kampf und  die  Gottesurtheile  überhaupt;  zunächst  in  seiner 
Diöcese,  indem  er  an  den  Kaiser  Ludwig  die  Schrift:  Ad- 
versus  legem  Gimdobaldi  et  impiu  certaminu  quae  per  eavi 
ijeruntur  richtete.     In  Lyon,  das  früher  ja  zum  burgundischen 


1)  S.  oben  S.  11  u.  vgl.  S.  14. 

2)  Non  solum  vero  divinum  deferre  honorem  quibus  non  licet,  sed  et 
ambitiöse  honorare  sanctorum  memorias  ob  captandam  gloriam  populärem 
reprehensibüe  est.  c.  17  init.  —  Nee  iterum  ad  sua  latibula  fraudulenta 
recurrat  astutia,  ut  dicat  se  non  imagines  sanctorum  adorare.  sed  sanctos. 
Clamat  enim  Dens :  Gloriam  meam  alteri  non  dabo ,  nee  laudem  meam 
sculptilibus.  c.  35  init. 

3)  So  wenig  man  von  gemalten  säenden  oder  weinlesenden  Landleuten 
Haufen  von  Getreide  oder  Bächlein  von  Most  zu  erhalten  hofie,  ebenso 
wenig  dürfe  man  von  den  Bildern  der  Engel,  Apostel,  Märtyrer  eine  Hülfe 
erwarten.  Und  recht  treffend  bemerkt  er:  At  quae  huius  erroris  causa? 
Fides  de  corde  ablata,   tota  fiducia  in  rebus  visibUibus  coUocata.   cap.  33. 


214  Agobard. 

Reiche  gehörte,  war  noch  das  biirgimdische  Gesetzbuch  des 
Königs  Gundobald  gültig,  wonach  nur  Burgunder  gegen  Bur- 
gunder als  Zeugen  auftreten  konnten;  eine  Folge  davon  war 
unter  anderm  die  Anwendung  des  gerichtlichen  Zweikampfs 
als  Ersatz  des  Zeugenbeweises.  Agobard  eifert  nun  zuerst 
gegen  die  Verschiedenheit  der  Gesetze  unter  Christen  als 
Brüdern  in  demselben  Reiche  und  gegen  jene  burgundische 
Bestimmung  insbesondere'),  deren  „Absurdität"  er  nachweist. 
Nicht  minder  zeigt  er  den  Unsinn  des  Zweikampfs  als  Gottes- 
urtheil,  da  auch  um  der  erbärmlichsten  Dinge  willen  Schwache 
und  Greise  dazu  genöthigt  sind  und  für  dergleichen  sich  die 
verwunden,  welche  sich  wechselseitig  lieben  sollten.  Und  da 
glaubt  man  noch ,  dass  mit  dem  Sieger ,  der  seinen  Bruder  in 
die  Tiefe  des  Elends  stürzt,  Gott  sei.  Dies  ist  der  schlimmste 
Irrthum,  die  Umkehrung  der  Dinge,  von  Gott  so  unwürdiges 
zu  vermeinen.  —  Und  wie  wenig  der  Sieger  im  Rechte  sein 
müsse,  zeigen  ja  die  Märtyrer  des  christlichen  Glaubens.  Gott 
richtet  aber  erst  am  jüngsten  Tage.  Nicht  darf  der  Gläubige 
von  ihm  annehmen,  dass  er  in  diesem  Leben  die  Geheimnisse 
der  Menschen  {occulta  homhui7n)  durch  heisses  Wasser  und 
Eisen  enthülle ,  um  wie  viel  weniger  durch  grausamen»  Zwei- 
kampf. —  Keine  ai/cfo?'itas,  keine  ?'atw  gestattet  zu  glauben, 
dass  die  Wahrheit  sich  zu  offenbaren  der  Waffen  bedürfe.  — 
Zum  Schluss  gibt  Agobard  noch  das  Urtheil,  das  Avitus  über 
diesen  gerichtlichen  Zweikampf  gegen  den  König  Gundobald 
selbst  aussprach,  indem  er  dem  Bischof  von  Vienne  bei  dieser 
Gelegenheit  auch  als  Autor  hohes  Lob  spendet. 2) 

In  einer  andern  Schrift,  die  sich  offenbar  sogleich  an  das 
grosse  Publikum  wendet^),  behandelt  Agobard  denselben  Gegen- 
stand; sie  enthält  eine  Sammlung  von  Aussprüchen  der  Bibel 
—  daher  De  d/vinis  senteiitiis  betitelt  — ,  welche  die  Unchrist- 
lichkeit  des  Zweikampfs  als  Gottesurtheil  beweisen  sollen. 
Auch  hier  werden  die  andern  Gottesurtheile  in  die  Verurthei- 
lung  mit  einbegriffen,   und   ausser   den   schon  oben  erwähnten 


1)  Welche  sich  übrigens  auch  bei  den  Sachsen  fand.     S.  oben  S.  138. 

2)  Cap.  13.   Agobard  gedenkt  hier  andeutungsweise  auch  verschiedener 
Werke  desselben.     S.  über  Avitus  Bd.  I,  S.  376  ff. 

3)  Wie   der   predigtartige    Eingang   zeigt:    In  nomine  Domini   Dei   et 
Salvatoris  nostri  Jesu  Christi  —  worauf  eine  lange  Bibelstellc  folgt. 


Adversus  legem  Gundobaldi.     Schriften  gegen  die  Juden.         215 

auch  das  des  Kreuzes  genannt.')  Hätte  Gott  dergleichen  ge- 
stattet, so  hätte  er  nicht  Richter  einzusetzen  verordnet,  noch 
Beweis  durch  Zeugen  und  Eid. 

Merkwürdig  ist  nun,  dass  ein  so  aufgeklärter  Mann  durch 
seine  Feindseligkeit  gegen  die  Juden,  welche  mehrere  von 
seinen  Flugschriften  hervorgerufen  hat,  sich  auszeichnet,  und, 
wie  sich  eben  aus  denselben  ergibt,  zu  einer  Zeit,  wo  gerade 
im  südlichen  Frankreich  beim  Volke  eine  auffallende  Toleranz 
ihnen  gegenüber  herrschte,  und  noch  mehr  in  den  höchsten 
Regionen  des  Staates.-)  Ludwig  der  Fromme  begünstigte  sie, 
und  zwar  aus  Ehrfurcht  vor  den  Patriarchen,  wie  wenigstens 
die  Juden  selbst  behaupteten;  seine  Umgebung  mag  auch 
ihrem  Gelde  zugänglich  gewesen  sein.  Andrerseits  sprach 
aber  auch  in  dem  Streite,  welchen  Agobard  mit  den  Juden 
führte,  Recht  und  Billigkeit  für  sie.  Man  machte  nämlich 
unter  den  heidnischen  Sklaven  der  Juden  christliche  Pro- 
paganda, nud  wenn  sie  sich  bekehrt,  so  glaubten  sie  sich  be- 
rechtigt, offenbar  gemäss  den  ihnen  gemachten  Versprechungen, 
ihren  Herren  zu  entlaufen.  Aus  diesem  Grunde  war  eine  Taufe 
derselben  gegen  den  "Willen  der  Herren,  früheren  Concilbe- 
schlüssen  entsprechend,  herkömmlich  nicht  erlaubt. 

Die  älteste  Schrift  Agobards  gegen  die  Juden,  wahrschein- 
lich V.  J.  S223)j  (jie  an  die  Froceres  pahitii  gerichtete  Con- 
sultntio  et  supplicatio  de  haptismo  Judaicorum  jnancipiorum  fragt 
nun  in  dieser  Sache  die  Rathgeber  des  Kaisers,  Adalhard, 
Wala  und  Helisachar,  um  Rath,  indem  Agobard  die  Ansicht 
begründet,  die  Taufe  solcher  Sklaven  dürfe  nicht  verboten 
werden;    auch   die  Freilassung  in  Folge   derselben  nimmt  er 


1)  Neque  sanctus  et  innocens  vir  David  i^ersecutori  Saul  diceret:  si 
Deus  te  incitat  contra  me,  odoretur  sacrificium  etc.  Sed  potius  diceret: 
Mitte  unum  de  tuis  qui  congrediatur  mecum  singulari  certamine,  et  probet 
me  reum  tibi  esse ,  si  occiderit :  aut  certe :  iube  ferrum  vel  aquas  calefieri, 
quas  manibus  ülaesus  attrectem,  aut:  constitue  cruces,  ad  quas  stans 
immobilis  perseverem.  c.  1  Ende. 

2)  S.  die  vreiter  unten  behandelte  Schrift  De  insoJentia  Judaeorum,  und 
die  Ep.  ad  Xibridiura;  u.  vgl.  im  Folgenden  überhaupt:  Stobbe,  die  Juden 
in  Deutschland  während  des  Mittelalters.     Braunschweig  1S66. 

3)  Indem  ich  hier  Simsons  Untersuchung:  ..Zur  Chronologie  der  Schrif- 
ten des  Erzbischofs  Agobard  von  Lyon  wider  die  Juden"  folge.  S.  Jahrb. 
d.  fränk.  Reichs  unter  Ludwig  d.  Fr.  Bd.  I,  S.  393  ff. 


21 G  Agobard. 

als  selbstverständlich  an,  nur  soll  den  Juden  der  Preis  der 
Sklaven  bezahlt  werden.  Dies  hätte  er  ihnen  aber  vergeblich 
angeboten.  Man  sieht  schon  hieraus,  wie  aus  dem  Eingange 
des  Schreibens,  dass  Agobard  in  der  Sache  bereits  eigen- 
mächtig verfahren  und  die  Juden  bei  Hofe  sich  mit  Hoffnung 
auf  Erfolg  beschwert  hatten.  Dieser  blieb  in  der  That  nicht 
aus;  ein  kaiserlicher  Erlass  verbot  jene  Taufe.  Hiergegen 
wendet  sich  nun  Agobard  in  einem  neuen  Schreiben  an  die 
Proceres  (Hilduin  und  Wala):  Conlra  prcwccptum  impium  de 
baptismo  Juduicoru/n  mancipioriim;  aber  ohne  das  erwünschte 
Resultat,  vielmehr  da  Agobard  in  seiner  Verfolgung  nicht  nach- 
liess,  so  mussten  schliesslich  sogar  besondere  Königsboten  gegen 
ihn  und  für  die  Juden  einschreiten. 

Nunmehr  appellirte  er  an  den  Kaiser  selbst  in  der  Be- 
schwerdeschrift De  insolentia  Judaeorum.  An  die  Sendung  der 
Missi  anknüpfend,  gibt  Agobard  hier  als  Grund,  warum  er  von 
den  „Gönnern  der  Juden"  zu  leiden  habe,  an:  weil  er  den 
Christen  gepredigt,  sie  sollten  keine  christlichen  Sklaven  Juden 
verkaufen,  und  den  Juden  nicht  erlauben,  sie  nach  Spanien 
auszuführen,  oder  als  Diener  zu  haben,  ferner,  dass  christ- 
liche Frauen  mit  ihnen  nicht  den  Sabbat  feierten,  und  dass 
sie  für  die  Juden  an  Sonntagen  nicht  arbeiteten,  noch  an  Fast- 
tagen mit  ihnen  speisten,  dass  kein  Christ  von  ihnen  Wein  oder 
Fleisch  kaufe  —  weil  die  Juden  das  unkoscher  befundene, 
was  sie  Christenvieh  nannten,  zu  verkaufen  pflegten.  Darüber 
sucht  sich  Agobard  hier  zu  rechtfertigen,  denn  er  hatte  durch 
solche  Predigten  offenbar  sich  in  Widerspruch  mit  vom  Kaiser 
den  Juden  ertheilten  Schutzbriefen  gesetzt'),  und  war  also 
noch  weiter  gegen  die  Juden  vorgegangen.  Da  die  Juden 
Christus  verfluchen,  sagt  er,  sollen  die  Christen  keine  solche 
Gemeinschaft  mit  ihnen  haben;  übrigens  sollen  sie  aber  den 
Juden  nicht  schaden.  Auf  den  ersten  Grund  des  Streites 
kommt  hier  aber  Agobard  nicht  zurück.  —  Zugleich  mit 
diesem  Schreiben  ging  an  Ludwig  eine  Schrift  ab,  die  von 
Agobard  im  Verein  mit  zwei  andern  Bischöfen  verfasst  und 
De  Judaicis  sitperstidonibus  betitelt  worden  ist.  Sie  ergänzt 
das  Schreiben,  indem  sie  zur  Unterstützung  desselben  „aus 
dem  Leben  der  Kirchenväter   und    ihren  Beschlüssen,    sowie 


1)  Wie  sich  noch  welche  erhalten  haben.     S.  Simson  a.  a.  0.  S.  395. 


Schriften  gegen  die  Juden.  217 

aus  der  Bibel  einiges"  mittheilen  will'j;  aber  sie  beschränkt 
sich  nicht  auf  die  betreffenden  Punkte  der  Beschwerdeschrift, 
sondern  soll  überhaupt  zeigen,  wie  verabscheuiiugswürdig-  die 
Juden  sind,  zu  welchem  Zwecke  denn  auch  ihrer  verschiedenen 
Superstitionen  gedacht  wird  (c.  10).  Bei  der  Gelegenheit  wird 
auch  eine  Lebeusgeschichte  Christi,  wie  sie  die  Juden  erzähl- 
ten, mitgetheilt,  die  nicht  ohne  Interesse  ist.-) 

Endlich  hat  Agobard  diese  Angelegenheit  noch  einmal  in 
einer  Epistel  an  den  greisen  Bischof  von  Narbonne,  Nibridius, 
behandelt 3),  indem  er  seine  pastorale  Thätigkeit,  die  Christen 
vom  Umgange  mit  den  Juden  abzuhalten,  sowie  den  Wider- 
stand, den  er  bei  den  kaiserlichen  Beamten  darin  fand,  dar- 
legt und  den  hoch  angesehenen  Xibridius  um  seinen  Beistand 
bittet.  Dieser  soll  gleich  ihm  vorgehen  und  hierzu  auch  die 
benachbarten  Bischöfe  auffordern.  Hier  gibt  Agobard  seinem 
Groll  gegen  die  Juden  den  freisten  und  leidenschaftlichsten 
Ausdruck,  indem  er  die  gegen  die  Heiden  gerichteten  zornigen 
Stellen  des  Alten  Testaments  nunmehr  auf  sie  selbst  anwendet; 
andrerseits  offenbart  gerade  diese  Epistel,  bis  zu  welchem  für 
jene  Zeit  erstaunlichen  Grade  die  Toleranz  des  Volkes  gegen 
die  Juden  in  Agobards  Diöcese  ging^),  so  dass  seine  Befürch- 
tung, es  möchten  üebertritte  zum  Judenthum  erfolgen,  wäh- 
rend es  durch  alle  Humanität  und  Wohlwollen  nicht  möglich 
wäre,  Juden  für  das  Christenthum  zu  gewinnen,  nicht  un- 
gerechtfertigt erscheint. 

Am  glänzendsten  zeigt  sich  unser  Autor  als  politischer 
Pamphletist.     Wir  besitzen  von  ihm  drei  Broschüren,  die  sich 


1)  Scribimus  tantum  pauca  de  exemplis  et  statutis  Patrum  ac  deinde 
de  Actis  apostolicis  sive  de  Evangeliis  et  Veteris  Testamenti  scripturis 

2)  Christi  Leib  soll  danach  durch  eine  Ueberschwemmung,  da  er  neben 
einem  Aquäduct  bestattet,  fortgetragen  und  auf  Pilatus'  Befehl  1 2  Monate, 
doch  vergeblich,  gesucht  worden  sein,  worauf  derselbe  dann  Christi  Auf- 
erstehung proclamirt  und  seine  Anbetung  den  Juden  befohlen  habe. 

3)  De  cavendo  convictu  et  societate  Judaeorum. 

4) dum  se  (Judaei)  patriarcharum   progeniem,  iustorum  genus, 

prophetarum  sobolem  superbo   ore  proloquuntur Cnde  et  in  tantum 

erroris  pelagus  nonnulli  ex  vulgaribus  ac  rusticis  abducuntur,  ut  hunc  so- 
lum  Dei  populum ,  apud  hos  piae  religionis  observantiam ,  ac  multo  cer- 
tiorem ,  quam  nostra  sit,  fidem  et  seducto  suspicentur  animo ,  et  ore  impio 
inter  pares  et  consimiles  fateantur. 


218  Agobard. 

auf  die  wichtigsten  Tagesereignisse  seiner  Zeit  beziehen.  Die 
eine  ist  ein  Schreiben  an  den  Kaiser  Ludwig,  das,  sein  Thema 
zu  bezeichnen,  der  erste  Herausgeber  wenig  genau  De  divisione 
impprii  inter  ßlios  Ludovici  betitelt  hat.  Es  ist  i.  J.  830  ver- 
fasst  und  wirft  Ludwig  vor,  den  Bürgerkrieg  durch  seine 
Sinnesänderung  veranlasst  zu  haben.  Durch  Gottes  Erleuch- 
tung habe  er  Lothar  zum  Mitkaiser  einst  gewählt  (817)  — 
denn  bei  der  Wahl  war  jene  durch  Fasten  und  Messopfer  er- 
fleht worden  —  und  nun  ohne  Gott  ihn  (829)  Verstössen,  als 
wenn  er  ohne  Gott  selbst  eisen  besseren  Rath  gefunden. 
Namentlich  wird  der  Missbrauch,  der  mit  dem  Eide  durch 
solchen  Wechsel  der  Politik  getrieben  werde,  und  der  Ludwig 
selbst  in  der  öffentlichen  Meinung  herabsetze,  gerügt.  In  dieser 
Schrift,  die  den  Kaiser  offenbar  zur  Innern  Umkehr  bewegen 
soll,  denn  die  Gefahr  seiner  Seele  ist  es,  welche  Agobard  zum 
Schreiben  bewog,  tritt  unser  Autor  entschieden  für  die  Ein- 
heit des  Reichs  in  die  Schranken,  gleich  den  meisten  Mit- 
gliedern der  hohen  Geistlichkeit.  Das  Schreiben  ist  uns  aber 
meines  Erachtens  sicher  nicht  vollständig  erhalten.') 

Bedeutender  sind  die  beiden  andern  Schriften,  die  man 
merkwürdiger  Weise  bis  auf  Simsons  gründliche  Untersuchung 
als  eine  betrachtet  und  IJbei'  apolofjeliciis  pro  filiis  Ludovici 
betitelt  hat.  Es  bilden  aber,  wie  Simson  ganz  richtig  nach- 
gewiesen^),  die  ersten  sechs  Kapitel  eine  besondere  Schrift, 
die  so  recht  den  Charakter  des  Pamphlets  hat  und  stilistisch 
wohl  das  bedeutendste  ist,  was  Agobard  geschrieben.  Wie 
schon  der  Eingang  zeigt,  ist  die  Schrift  an  alle  Welt  gerich- 
tet; sie  beginnt  gleich  einer  politischen  Predigt 3):  Audite  haec, 
omnes  (/e?ites,  audiat  terra  et  pleniti/do  eins  a  soUs  ortu  usque 
ad  occasum,  ab  aquilone  ad  mareJ)  Die  Schrift  ist  im  Früh- 
jahre 833  verfasst,  als  Kaiser  Ludwig  gegen  die  empörten 
Söhne    den  Heerbann    aufbot,    also   am  Vorabend   des   neuen 


1)  Es  fehlt  ihm  jeder  Schluss. 

2)  „Ueber  den  sogen.  Liber  apolog.  des  Erzbischofs  Agobard  v.  Lyon" 
a.  a.  0.  I,  S.  397  ff.  Simsons  Beweis  wird  noch  unterstützt  durch  den 
Schluss  des  sechsten  Kapitels:  Amen,  amen  et  hymnum  Deo. 

3)  Mit  einem  Audite  begannen  ja  die  Predigten,  wie  sie  mit  einem 
Amen  endeten  (s.  die  vorausgehende  Anm.). 

4)  "Wie  sicher  statt  et  muri  zu  lesen  ist. 


De  divisione  imperii.    Liber  apologeticus.  219 

Bürgerkriegs.  Sie  soll  das  Verfahren  der  Söhne  rechtfertigen, 
und  dem  Blutvergiessen  vorbeugen.  Aber  sie  wird  zur  hef- 
tigsten Anklageschrift  und  athmet  vielmehr  Krieg  als  Frieden. 
Die  Anklage  richtet  sich  aber  vornehmlich  gegen  des  Kaisers 
Gemalin,  Judith:  ihr  wird  alles  Unheil  Schuld  gegeben.  Die 
Söhne  sind  im  vollen  Rechte,  heisst  es  im  Eingänge,  wenn 
sie  den  väterlichen  Palast  von  Schmutz  und  Intriguen  reinigen 
wollen,  und  das  Reich  von  Tumult  und  Unruhen.  Alles  ging 
gut,  so  lange  der  Kaiser  noch  männlich  kräftig  war;  danach 
aber  begann  der  Kaiserin  ausschweifendes  Leben,  anfangs  nur 
wenigen,  dann  mehreren,  zuletzt  aller  Welt  bekannt.  Die  sitt- 
liche Entrüstung  der  Söhne  darüber  rief  die  erste  Empörung 
hervor,  Judith  musste  ins  Kloster  wandern.  Aber  in  Folge 
der  Nachgiebigkeit  der  Söhne  und  durch  die  Macht  ihrer 
Reize  kehrte  die  Kaiserin  in  den  Palast  zurück  und  gelangte 
wieder  zur  Herrschaft,  indem  sie  des  Gemals  Sinn  änderte.  — 
Hiernach  (c.  3)  kommt  Agobard  wieder  auf  den  mit  dem  poli- 
tischen Eide  getriebenen  Missbrauch.  Und  wohin  ist  man  nun 
gelangt?  Statt  dass  durch  Krieg  gegen  barbarische  Nationen 
das  christliche  Reich  ausgedehnt  werde,  drängt  sich  dasselbe 
vielmehr  in  seiner  Mitte  zusammen  zum  Bürgerkriege');  und 
statt  der  Unterwerfung  und  Bekehrung  von  Barbaren,  werden 
die  christlichen  Unterthanen  in  die  Barbarei  gestürzt.-)  In 
seiner  Verblendung  liebt  Ludwig  die  ihn  hassen,  und  hasst 
die  ihn  lieben.  Sagt  man  doch,  dass  einige  seiner  Umgebung 
die  Vernichtung  der  Söhne  anstreben,  um  dann  an  den  Kaiser 
selbst  Hand  anzulegen  und  das  Reich  unter  sich  zu  theilen. 
Nur  Gott  kann  helfen,  sonst  wird  das  Reich  die  Beute  äusserer 
Feinde  oder  vieler  Tyrannen.  —  Man  sagt  auch,  dass  die 
Kaiserin  mit  kindischen  Spielereien  sich  die  Zeit  vertreibe, 
woran    sogar  Priester   theilnehmen;    man    sagt  wohl,    sie    sei 


1 )  Cum  enim  deberent  exercitus  mitti  adversus  exteras  gentes  et  ipse 
Imperator  adversus  barbaras  natioues  dimicare.   ut  eas  fidei  subiugaret  ad 

dilatandum  terminum  regni  fidelium nunc  e  contrario  omne  regiium 

cum  extremitatibus  suis  conglobatur  in  unum  in  medio  sui.  diversa  tarnen 
intentione,  dum  alii  parantur  ad  intestina  viscera  disrmnpenda,  alii  ad  pa- 
candam,  si  tieri  potest,  iniustissimam  discordiam 

2)  (Ecclesia)  erat  ut  christianissimo  imperatori  barbari  subician- 
tur,  non  ut  subiecti  conturbontur  et  bar barizentur.  Das  Wortspiel 
lässt  sich  in  der  Uebersetzung  nur  andeuten. 


220  Agobard. 

keine  Intrigantin,  sondern  anmuthig  und  lieblich;  darauf  ant- 
wortet die  Bibel:  trügerisch  ist  die  Anmuth,  eitel  die  Schön- 
heit, nur  das  gottesfürchtige  Weib  ist  zu  loben.  —  Schliess- 
lich fordert  dann  Agobard  alle  die  Gott  fürchten,  ihn,  den 
Herrscher  und  das  Reich  lieben,  auf,  mit  allem  Bemühen 
dahin  zu  streben,  die  alten  Wunden  verharrschen  zu  machen, 
ohne  Krieg,  ohne  Blutvergiesseu. 

Die  andre  Schrift,  welche  die  noch  übrigen  sieben  Kapitel 
des  Liber  apologeticus  bilden'),  ist  nach  dem  für  Ludwig  un- 
glücklichen Ausgange  des  Feldzugs  v.  J.  833  verfasst,  er  wird 
hier  nur  „quondam  Imperator"  genannt. 2)  Die  Schrift  soll  die 
von  ihm  verlangte  Kirchenbusse  rechtfertigen,  insbesondere 
auch  bei  ihm  selbst.  Judith  ist  freilich  die  „Ursache  alles 
Uebels",  wie  durch  eine  kurze  Geschichte  der  Unruhen  ge- 
zeigt wird,  aber  Ludwig  ist  damit  so  wenig  entschuldigt,  wie 
der  durch  sein  Weib  verführte  Achab  der  Bibel;  wie  dieser 
Busse  thun  musste,  so  er,  damit  ihm  wenigstens  die  Erhöhung 
im  ewigen  Leben  zu  Theil  werde.  ^)  —  Diese  zweite  Schrift 
unterscheidet  sich  auch  stilistisch  von  der  ersten,  indem  sie 
mit  weit  weniger  Feuer  verfasst  ist.  — 

Nicht  bloss  auf  dem  Felde  der  allgemeinen  Literatur,  in 
Schriften,  die  sich  an  das  grosse  Publikum  wandten,  sondern 
auch  auf  rein  theologischem  und  kirchlichem  Gebiete  hat  sich 
dieser  streitbare  Autor  fast  nur  als  Polemiker  gezeigt.  So 
bekämpfte  er  in  einem  Ludwig  dem  Frommen  gewidmeten 
Buche  den  Adoptianismus  des  Bischofs  Felix  von  Urgel 
noch  nach  dem  Tode  des  letzteren,  da  ein  von  diesem  in 
Lyon,   wo  er  818  starb,   hinterlassener  Zettel,    der  in  Fragen 


1)  Ob  sie  darin  vollständig  erhalten,  ist  allerdings  sehr  fragüch,  ja 
wenig  wahrscheinlich.  Bei  der  Zusammenschweissung  dieser  Schrift  mit 
der  vorausgehenden  wird  mindestens  der  Anfang  weggelassen  seüi.  Sonder- 
bar dass  diese  Schrift,  welche  den  Verrath  auf  dem  „Lügenfelde"  recht- 
fertigt, hier  mit  einer  Erörterung  über  die  Lüge  beginnt,  indem  der  Verf. 
sagt,  dass  dieselbe  nicht  bloss  in  Worten  (dictis),  sondern  auch  in  Hand- 
lungen (factis)  bestehe ,  und  der  letzteren  soll  sich  offenbar  der  Kaiser 
schuldig  gemacht  haben !  Klingt  dies  nicht  als  wie  eine  an  diejenigen  ge- 
richtete Antwort,  welche  dasselbe  den  Söhnen  vorgeworfen  hatten? 

2)  Oder  auch  domnus  dudum  Imperator,  wie  im  vorletzten  Kapitel. 

3)  Die  exaUalio  aeternae  vitae  im  Gegensatz  zu  der  „exaltatio  tem- 
poralis  vitae",  die  nicht  mehr  für  ihn  passe. 


Streitschriften  gegen  Felix.  Fredegis.  Amalariiis.  221 

und  Antworten  seine  Lehre  behandelte,  zur  Genüge  zeigte, 
dass  er  trotz  aller  Widerrufe  unbekehrt  geblieben.^)  So  ver- 
fasste  Agobard  eine  Streitschrift  gegen  Fredegis,  den  Schü- 
ler und  Nachfolger  Alcuius  in  Tours,  die  freilich  nur  die  ver- 
theidigende  Erwiderung  eines  Angriifs  desselben  ist.  Hier 
handhabt  im  Eingange  unser  Autor  die  Ironie  in  pikantester 
Weise.  2)  Bei  diesem  Streite  handelt  es  sich  namentlich  um 
die  Frage  der  Inspiration:  und  da  zeigt  sich  denn  wieder 
der  verständige  klare  Blick  Agobards,  indem  er  sich  gegen 
die  herkömmliche  grobe  Auffassung,  die  selbst  Fredegis  ver- 
trat, erklärt  und  behauptet,  dass  nicht  die  Worte  und  der 
Stil,  sondern  der  Inhalt  und  die  Beweisführung  von  dem 
heiligen  Geiste  den  Aposteln  wie  Propheten  inspirirt  worden 
sei.=^)  —  Ein  andrer  seiner  Gegner  war  Amalarius^),  der 
als  Presbyter  von  Metz  vier  Bücher:  De  ecclesiustico  officio 
um  820  verfasst  hatte,  worin  er  alle  Einrichtungen  und  Ge- 
bräuche des  Kultus  allegorisch  zu  erklären  sucht;  dieser,  der 
sich  also  speciell  mit  der  Liturgie  beschäftigte  und  eine  Ueber- 
einstimmung  in  den  Antiphonarien,  wohl  auf  Grund  des  rö- 
mischen, anstrebte'^),  trat  der  einseitigen  Reform  Agobards 
entgegen:  wider  ihn  ist  dessen  kurze  heftige  Flugschrift:  De 
divina  psalmodia  gerichtet.  Die  Rechtfertigung  seines  Ver- 
fahrens,   die  Agobard  in  dem  kleinen  Buche:  De  voivectione 


1)  S.  über  den  Liber  adversus  Felicem  Leist  a.  a.  0.  S.  3  ff. 

2)  "Was  öfter  missverstanden  ist,  so  von  Ahner,  Fredegis  von  Tours. 
Leipzig  1878.  S.  13.  So  lautet  der  Anfang:  Dudiun  modestiae  vestrae  be- 
niguitas  adversum  nos  peccatis  nostris  exigentibus  mota  taUbus  nos  in- 
vectionibus  perculit,  quae  lenitatis  ac  sinceritatis  vestrae  modum  excedere 
viderentur  etc.  Und  wenn  es  dann  später  heisst:  Et  idcirco,  sapien- 
tissime  vir,  si  dignatur  adniittere  magnitudo  vestra  etc..  so  ist  auch  das 
sapientissime  ironisch  gesagt. 

3)  S.  Leist  S.  21  ff.,  Reuter  S.  36  ff. 

4)  Dieser  Amalarius,  der  auch  den  Beinamen  Symposius  führt,  ist 
nicht  zu  verwechseln  mit  dem  Amalarius  Fortunatus,  Bischof  von 
Trier  (S09— SU),  welcher  813  als  Gesandter  nach  Constantinopel  geschickt, 
über  diese  Reise  einen  Bericht  in  SO  Hexametern  verfasst  hat.  Dies 
Odoporicum,  am  besten  edirt  in  Jaffe's  Monum.  Carolina  p.  426  ff".,  ist 
literarisch  zu  unbedeutend  um  hier  weiter  berücksichtigt  zu  werden.  Vgl. 
Dümmler,  N.  A.  S.  139. 

h)  Vgl.  Simson  I,  S.  294  f. 


222  Claudius. 

Antiplionarii  gibt'),  steht  aber  wolil  mit  jenem  Angriffe  in 
keinem  Bezug.  Dagegen  bekämpfte  Agobard-)  auch  das  zu- 
erst erwähnte  Hauptwerk  des  Amalar,  indem  er  ihm  selbst 
Irrlehren  nachwies.  Diese  Gegnerschaft  war  offenbar  zugleich 
eine  persönliche,  indem  Amalar  während  der  Entsetzung  Ago- 
bards  der  Kirche  von  Lyon  vorgesetzt  war;  seine  Irrlehren 
verdammte  aber  auch  die  Synode  von  Quiercy  838. 

Unter  den  wenigen  nicht  polemischen  Schriften  Agobards 
sei  hier  noch  kurz  erwähnt  der  Anfang  einer  Sammlung  von 
Bibelstellen  über  die  Furcht  und  die  Hoffnung,  welche 
den  Sinn  der  Menschen  zu  lenken  haben,  und  ein  beredter 
Sermo  über  die  Wahrheit  des  Glaubens.  Die  Klarheit 
und  Präcision  des  Ausdrucks  Agobards  zeigt  sich  auch  hier 
im  besten  Lichte.  3) 


NEUNTES  KAPITEL. 

CLAUDIUS    UND   SEINE    GEGNER    DUNGALUS    UND    JONAS. 

Ein  ebenso  aufgeklärter  Kopf,  ein  ebenso  leidenschaft- 
licher Feind  kirchlichen  Aberglaubens  als  Agobard,  obgleich 
ohne  dessen  humanistische  Bildung,  war  der  Bischof  von  Turin, 
Claudius.^)  Er  war  in  Spanien  geboren,  und  ein  Schüler  des 
Felix  von  Urgel,  zu  dessen  Adoptianismus  er  sich  aber  nicht 
bekannte.  Eine  Zeitlang  diente  er  als  Presbyter  am  Hofe 
Ludwigs    des   Frommen,    schon   als    dieser   noch    König   von 


1)  Es  kann  bei  diesem  wie  bei  der  vorerwähnten  Schrift  wohl  sehr 
bezweifelt  werden,  dass  sie  uns  vollständig  erhalten  sind;  beiden  fehlt 
auch  ein  Schlusswort. 

2)  In  dem  Liber  contra  libros  quattuor  Amalarii  abbatis. 

3)  S.  über  beide  Schriften  Leist  S.  16  ff.  —  Ueber  die  ihm  beigelegten 
Gedichte  Dümmler,  N.  A.  S.  263  f. 

4)  Claudii  Taurinensis  opuscula  quae  supersunt  in  Migne's  Patrol. 
lat.  T.  104.  —  Claudii  Taur.  episc.  ineditorum  operum  specimina,  prae- 
missa  de  eins  doctrina  scriptisque  dissertatione ,  exhibuit  A.  Rudelbach. 
Kopenhagen  1824.  —  C.  Schmidt,  Claudius  von  Turin,  in  Illgens  Zeitschr. 
für  d.  histor.  Theologie.  Jahrg.  1843.  —  Simson  a.  a.  0.  II,  S.  245  ff. 
Reuter  a.  a.  0.  S.  16  f. 


Leben.     Apologeticiim.  223 

Aquitanien  war.  Da  er  durch  eine  umfassende  Kenntniss  der 
Bibel,  in  welcher  er  die  Hofgeistlichkeit  unterrichtete,  und  nicht 
minder  durch  eine  begeisterte  Predigt  sich  auszeichnete,  so 
erhob  ihn  Kaiser  Ludwig  (vielleicht  schon  815)  auf  den  ita- 
lienischen Bischofsstuhl,  „um  das  dort  dem  Evangelium  ent- 
fremdete Volk  in  der  heiligen  Lehre  zu  berathen".')  Der 
krasseste  Aberglauben  herrschte  damals  gerade  in  Italien,  wo 
aus  dem  Alterthume  überlieferte  heidnisch-sinnliche  Religions- 
vorstellungen, in  christliches  Gewand  gehüllt,  fortlebten.  Dort 
war  auch  die  Bilder-  und  Reliquienverehrung  beim  Volke  zu 
einem  wahren  Götzendienst  geworden.  Claudius  war  dies  um 
so  mehr  ein  Gräuel,  als  er,  ein  begeisterter  Schüler  Augustins, 
die  Verehrung  Gottes  im  Geiste  als  das  wahre  Wesen  des 
Christenthums  betrachtete,  und  in  der  unmittelbaren  Beziehung 
zu  Gott,  der  vollen  Hingabe  der  eigenen  Persönlichkeit  in  der 
Liebe  zu  ihm  das  höchste  Heil  sah. 

So  trat  er  denn  als  Oberhirt  mit  der  rücksichtslosesten 
Energie  gegen  jenen  Aberglauben  auf,  indem  er  die  Bilder, 
ja,  wie  es  scheint,  selbst  die  Kreuze  aus  den  Kirchen  ent- 
fernte. Zugleich  bekämpfte  er  ihn  aber  auch  mit  der  Feder 
in  seinen  zahlreichen  Bibel commentaren,  obgleich  die- 
selben im  allgemeinen  nur  Compilationen  sind,  wo  sich  ihm 
dazu  die  Gelegenheit  darbot.  Dort  ging  er  nun  noch  weiter 
und  verwarf  von  seinem  Augustinischen  Standpunkte  die  Inter- 
cession  der  Heiligen  und  damit  ihren  Kultus  überhaupt,  darin 
mit  Agobard  übereinstimmend.  Ja  er  läugnete  selbst  die  fort- 
wirkende Macht  des  Petrus,  und  dass  diese  von  einem  be- 
stimmten Sitze  ausgehe.  Und  so  erklärte  er  sich  denn  auch 
gegen  die  Wallfahrten  nach  Rom,  wie  dies  schon  Theodulf 
gethan.-)  —  Ein  Abmahuungsschreiben  eines  früheren  Schü- 
lers und  Freundes,  des  Abts  Theodemir,  der  schon  einmal 
gegen  seine  Lehren  aufgetreten  war,  veranlasste  Claudius  zu 
einer  geharnischten  Erwiderung  in  einer  ausführlichen  apolo- 
getischen Schrift.  Dies  Apologeticum  ist  uns  aber  nur 
theilweise  in  zwei  Gegenschriften  von  Dungalus  und  Jonas 
erhalten.    Claudius  blieb  indess,  so  vielen  und  grossen  Anstoss 


1)  Wie  Claudius'  Gegner,   Jonas  in  der  Praefatio   seines  Werks  De 
cultu  imag.  sagt. 

2)  S.  oben  S.  83. 


224  Dungalus. 

er  auch  in  seiner  Diöcese')  und  selbst  jenseits  ihrer  Grenzen 
gab,  in  seinem  bischöflichen  Amte  unbehelligt.  Er  starb  nicht 
lange  nach  der  Abfassung  der  Schrift,  um  das  Jahr  830.'-) 

Claudius'  Gegner,  Dungalus'),  ist  ein  gelehrter  Ire,  der, 
wie  so  manche  andre,  zur  Zeit  Karls  des  Grossen  eingewandert, 
von  ihm  später  zum  Magister  des  Klosters  des  h.  Augustin  zu 
Pavia  gemacht  wurde,  um  dort  eine  Stätte  wissenschaftlicher 
Bildung  zu  begründen.^)  Er  ist  wahrscheinlich  derselbe,  der 
früher  als  Presbyter  in  dem  Kloster  von  St.  Denis  lebte,  wohl 
dort  dasselbe  Amt  bekleidend.  Auf  Kaiser  Karls  Wunsch  ver- 
fasste  er  dort  i.  J.  811  eine  Schrift  über  die  Sonnenfinsterniss 
des  vorhergegangenen  Jahres.  —  Sein  Leben  beschloss  er  in 
dem  Kloster  Bobbio,  da  er  diesem  seine  Bücher  als  „incola" 
desselben  schenkte,  und  unter  ihnen  auch  den  Liber  contra 
■perversas  Claudii  sententias.''^)  Dies  Buch  ist  Ludwig  dem 
Frommen  und  seinem  Mitkaiser  Lothar  gewidmet,  indem  sie 
in  den  heftigsten  Ausdrücken  gebeten  werden,  der  Kirche  zu 
Hülfe  zu  kommen,  und  den  „Schüler  des  Felix",  der  diesem 
nicht  bloss   gleichkomme,   sondern  ihn  noch   übertreffe,   auch 


1)  Doch  hatte  er  auch  dort  seine  Anhänger,  wie  die  Gegenschrift  des 
Dungalus  im  Eingang  zeigt. 

2)  Sein  Nachfolger  erscheint  schon  in  einer  Urkunde  vom  Januar  832. 
S.  Simsen  II,  S.  250,  Anm.  3. 

3)  Responsa  contra  perversas  Claudii  sententias  ed.  P.  Massonius. 
Paris  1608.  (Migne,  Patrol.  lat.  T.  105.)  —  Schrift  u.  Briefe  des  Presbyter 
von  S.  Denis  in  Jaffe's  Monumenta  Carolina  p.  396  u.  429  ff. 

4)  Indem  ich  glaube,  dass  mit  der  von  mir  gemachten  Einschränkung 
die  Nachricht  des  Monachus  S.  Gall.  1.  I  c.  l  benutzt  werden  darf;  Dun- 
galus kam,  wenn  er  derselbe  als  der  Presbyter  von  S.  Denis  war,  was 
mir  doch  am  wahrscheinlichsten  dünkt,  erst  nach  811  nach  Pavia.  Dass 
er  schon  zu  Karls  d.  Gr.  Zeit  dorthin  gekommen,  dafür  spricht  auch  eine 
Stelle  im  Eingang  seiner  Schrift  gegen  Claudius,  wo  er  sagt,  dass  er  schon 
lange ,  seit  er  nach  Italien  gekommen ,  Anlass  zur  Beschwerde  über  das 
Treiben  des  Claudius  gehabt  habe:  non  quod  ante  iam  du  dum  ex  quo 
in  hanc  terra m  advenerim,  occasio  mihi  copiosa  hac  de  re  reclamandi 
conquerendique  assidue  non  occurreret.  Unter  dem  haue  terram  kann 
aber  hier  nur  Italien  verstanden  werden.  —  Für  die  Identität  der  beiden 
Dungalus  spricht  auch  der  langathmige  Periodenbau,  der  in  dem  Buch 
gegen  Claudius  wie  in  der  Schrift  über  die  Sonnenfinsterniss  auffällt. 

5)  Wie  Wattenbach  nachwies,  Bd.  I,  S.  125. 


Contra  perversas  Claudii  seutentias.  225 

härter  zu  strafen.  Er  sei  der  Schwanz  der  Schlange,  die 
gegen  die  Einheit  der  Kirche  zischt.  Diingalns  will  ihn 
durch  Aussprüche  der  heiligen  Väter  widerlegen,  und  er  gibt 
davon  eine  reiche  Blumenlese,  aber  er  rechnet  merkwürdiger 
Weise  zu  ihnen  auch  die  Dichter,  indem  er  viele  und  auch 
längere  Auszüge  nicht  bloss  aus  den  Gedichten  des  Paulin, 
sondern  auch  des  Prudenz  und  Fortuuat  gibt.^)  Verräth  er 
hierin  schon  den  Grammatiker,  so  nicht  minder  in  dem  hohen 
Lob,  das  er  Yirgil  und  namentlich  Priscian  zollt,  der  wegen 
des  Glanzes  des  edelsten  Genies  das  Licht  der  römischen 
Beredsamkeit  zu  heissen  verdiene.  Uebrigens  vertritt  Dun- 
galus  in  Betreff  der  Bilder  wie  Reliquien  nur  die  vermittelnde 
Ansicht  der  fränkischen  Kirche,  welche  statt  der  Adoratio 
bloss  eine  Veneratio  zuliess.-) 

Der  andre  Gegner  des  Claudius,  Jonas-')  war  der  Nach- 
folger Theodulfs  auf  dem  erzbischöflichen  Sitze  von  Orleans. 
Er  war  ein  Aquitanier  und  ein  Mann  ebensowohl  von  huma- 
nistischer Bildung  als  von  theologischer  Gelehrsamkeit,  dabei 
dem  Kaiser  Ludwig  treu  ergeben.  So  spielte  er  auf  wich- 
tigen Synoden  eine  bedeutende  Kolle,  wie  auf  der  von  Paris 
825,  wo  noch  einmal  die  Frage  der  Bilderverehrung  verhandelt 
wurde,  in  Folge  einer  von  Byzanz  nachgesuchten  Vermittelung 
Kaiser  Ludwigs  bei  dem  Papste.  Die  Synode  blieb  den  frühe- 
ren Beschlüssen  der  fränkischen  Kirche  getreu.  Jonas  aber 
wurde  zugleich  mit  dem  Erzbischof  von  Sens,  Jeremias  von 
dem  Kaiser  an  den  Papst   abgeordnet.^)     Ferner  hat  er  auf 


1)  Die  Auszüge  sind  so  beträchtlich,  dass  sie  auch  für  die  Textkritik 
der  Dichtungen  von  Belang  sein  müssen;  auch  literarhistorisch  sind  sie 
nicht  ohne  "SVerth.  so  legt  Dungalus  den  Hymnus  Fange  lingua  etc.  dem 
Fortunat  bei,  u.  in  Betreff  Paulins  s.  oben  Bd.  I,  S.  291  Anm.  1. 

2)  Ueber  die  beiden  wenig  bedeutenden  Gedichte,  die  seinen  Namen 
tragen,  s.  Dümmler,  N.  A.  S.  255.  —  Andre  sind  ihm  ohne  Berechtigung 
beigelegt,  so  noch  von  Migne  p.  529,  darunter  sogar  ein  panegyrisches 
Epitaph  auf  ihn  selbst,  -worin  er  u.  a.  als  Lehrer  von  Kindern  wie  Greisen 
gepriesen  wird. 

3)  Migne,  Patrologia  latina  Tom.  106.  —  Bibliotheca  maxima  vet.  pa- 
trum  etc.  Leyden  1677.  T.  XIV,  p.  167  ff.  (De  cultu  imag.).  —  *D'Achery, 
Spicilegium,  Nov.  ed.  Tom.  I,  p.  25Sff.  (Instit.  laic.  u.  Instit.  reg.).  — 

4)  S.  das  Nähere  über  diese  Angelegenheit  bei  Simson  I,  S.  249  tf. 

Ebekt,  Literatur  des  Mittelalters  II.  15 


226  Jonas. 

der  Pariser  Synode  v.  J.  829,  welche  sieh  mit  der  Reform 
von  Kirche  und  Staate  sehr  eingehend  beschäftigte,  die  aus- 
führlichen Acten  —  worauf  ich  unten  zurückkomme  —  wahr- 
scheinlich redigirt,  indem  er  der  geistige  Leiter  dieser  Verhand- 
lungen war:  hat  er  doch  auch  auf  der  Synode  von  Dieden- 
hofen  835  in  so  hervorragender  Weise  mitgewirkt,  dass  er 
das  Protocoll  über  die  Absetzung  Ebbo's  von  Reims  abfasste. 
Jonas  starb  843. 

Zu  seinen  gegen  Claudius  gerichteten  drei  Büchern:  De 
cultii  imaiimuin  war  er  von  Ludwig  dem  Frommen  selbst  auf- 
gefordert worden,  eine  Aufforderung,  die  sich  leicht  aus  seinem 
oben  erwähnten  Antheil  an  der  Pariser  Synode  von  825  und 
der  Sendung  nach  Rom  erklärt.  Dorthin  hatte  er  eine  Aus- 
lese aus  der  von  der  Synode  veranstalteten  Sammlung  von 
Zeugnissen  der  Bibel  und  der  Kirchenväter  für  die  fränkische 
vermittelnde  Ansicht  über  den  Bilderkultus  mitgenommen.  Er 
war  also  in  diese  kirchliche  Streitfrage,  wie  wenige,  einge- 
weiht. Jonas  hatte  sein  Werk  aber  noch  nicht  vollendet,  als^ 
Claudius  starb,  und  Hess  es  dann  liegen,  in  der  Hoffnung,  dass 
mit  Claudius'  Tode  auch  seine  Irrlehre  verschwinden  werde. 
Aber  er  hatte  sich  getäuscht  —  man  sieht  auch  hier  wieder, 
wie  es  Claudius  nicht  an  Schülern  und  Anhängern  fehlte  — 
und  so  beendete  er  das  Werk  erst  nach  Ludwigs  Tode  und 
widmete  es  dessen  Sohne,  Karl  dem  Kahlen.  Es  ist  aber, 
wie  Jonas  im  Vorworte  erklärt'),  nur  auf  Grund  eines  ihm 
vom  Kaiser  zugestellten  Auszugs  aus  dem  Apologeticum  des 
Claudius  verfasst.  Den  drei  Hauptzielen  der  Angriffe  des 
Claudius  entsprechend,  ist  das  erste  Buch  der  Verehrung  der 
Bilder,  das  zweite  der  des  Kreuzes,  das  dritte  den  Romftihrten 
und  dem  damit  zusammenhängenden  Glauben  an  die  Inter- 
cession  der  Heiligen  gewidmet.  Der  Eingang  des  ersten 
Buches  gibt  zugleich  eine  kurze  Geschichte  des  Claudius  und 
seiner  Häresie,  freilich  in  ganz  einseitiger  polemischer  Weise. 


1)  Jonas  schreibt  hier  an  Karl  den  Kahlen:  Sed  quam  pestiferum 
dogma  et  ab  Ecclesiae  auctoritate  abhorrens  in  plebem  sibi  ti-ansfuderit 
commissam,  libellus  quem  ad  Theodemirum,  venerabilem  abbatem, 
se  charitate  imperante  corrigentem  et  a  superstitiosa  doctrina  avertere 
volentem,  scripsit,  eundem  legere  et  nosse  volentibus  patenter  demonstret. 

Quem  licet   ego  nee  legerim,   nee  viderim,    quoddam  tamenex 

eo  excerptum,  eodem  genitore  vestro  (sc.  Ludovico)  mittente,   suscepi. 


De  cultu  imaginum.     De  institutione  regia.  227 

Denn  auch  das  Werk  des  Jonas  ist  von  kirchlich  zelotischem 
Geiste  erfüllt,  den  noch  das  Gefühl  persönlicher  Kränkung  an- 
stachelte. Er  sah  nämlich  in  den  Angriffen  des  Claudius  gegen 
Theodemir  den  Klerus  Galliens  und  Germaniens  überhaupt 
angegriffen,  und  damit  sich  selbst  der  Idololatrie  angeklagt. 
Und  doch  wollte  die  fränkische  Kirche,  wie  er  selbst,  die 
Bilder  nur  zur  Verschönerung  und  zur  Erinnerung  in  dem 
Gotteshause  haben;  und  das  Kreuz  sollte  nur  betend  begrüsst 
werden.  Die  heftige  Sprache  des  Claudius  mit  seinem  grotesk 
übertreibenden  Spotte  hatte  eine  ebenso  heftige  Erwiderung 
hervorgerufen,  die  an  beisseuder  Satire  dem  Gegner  nichts 
schuldig  blieb.  Und  hier  zeigt  sich  denn  die  humanistische 
Bildung  des  Jonas,  der  seinen  Spott  auch  gegen  die  schlechte 
Latinität,  den  zwar  schlagenden,  aber  incorrecten  Ausdruck 
des  Claudius  richtet i),  dessen  Namen  er  selbst  nicht  verschont."^) 
Ja,  er  schmückt  seine  Satire  selbst  mit  Versen  des  Ovid  und 
Virgil,  indem  er  das  nach  ihnen  ausführlich  ausgemalte  Bild 
des  trunkenen  vom  Esel  herabschwankenden  Silen  auf  seinen 
Gegner  anwendet.'^) 

Mit  der  synodalen  Thätigkeit  des  Jonas  hängen  unmittel- 
bar zusammen  zwei  didactische  Werke,  von  denen  das  eine, 
drei  Bücher  umfassend.  De  institutione  laicali  betitelt,  für  einen 
Matfrid  —  höchst  wahrscheinlich  den  Grafen  von  Orleans  — , 
das  andre,  dem  der  Herausgeber  die  Ueberschrift  De  institutione 
regia  gegeben,  für  den  König  von  Aquitanien,  Pippin,  verfasst 
ist.  Das  letztere  ist  vollständig  den  Acten  der  Pariser  Synode 
V.  J.  829  entlehnt,  indem  für  Pippin  hier  excerpirt  ist,  was 
dort    zunächst    für    seinen    Vater    Ludwig    bestimmt    war^) ; 


1)  Migne  1.  1.  p.  314. 

2)  Is  quippe  de  quo  agimus,  quia  non  simpliciter  graditur,  sed  a  recto 
tramite  aberrans,  sanctorum  Patrum  terminos  iactanter  transgreditur ,  non 
frustra,  sed  quodam,  ut  creditur,  vaticinio  Claudii  sortitus  est  nomen  etc. 
Migne  1.  1.  p.  311. 

3)  leugne  1.  1.  p.  362  f. 

4)  Wie  dies  schon  Simson  sicher  nachgewiesen  hat;  seinen  Beweis 
vermag  ich  aber  noch  zu  verstärken:  das  mit  1.  III  c.  19  identische  c.  1(i 
der  Instit.  reg.  beginnt  mit  einem  JSam,  dies  ist  an  der  ersteren  Stelle 
ebenso  motivirt  als  an  der  zweiten  nicht.  Hieraus  allein  schon  sieht  man 
klar,  dass  nicht  das  umgekehrte  Verhältniss  zwischen  den  beiden  Schrift- 
werken bestanden   hat,   wie   man  früher  glaubte.    Nimmt  man  aber  an, 

15* 


228  Jonas. 

ausser  den  den  Herrsclier .  speciell  betreffenden  Lehren  sind 
aber  auch  einige  allgemeine  christliche  Vorschriften  gegeben. 
Die  Abfassung  dieses  Buchs  ist  ziemlich  sicher  ins  Jahr  834  zu 
setzen.  0  —  Das  Verhältuiss  des  Laienspiegels  zu  jenen  Synodal- 
acten  lässt  sich  nicht  ebenso  klar  und  sicher  bestimmen.  Auch 
in  ihm  finden  sich  ganze  Kapitel,  die  in  den  Acten  und  dann 
auch  in  der  Institutio  regia  wörtlich  wiederkehren ;  ferner  ver- 
weist die  Synode  auf  eine  Anzahl  auf  ihr  zusammengetragener 
Kapitel-)  über  die  ehelichen  Pflichten,  von  welchen  Kapiteln 
der  Kürze  wegen  nur  Inhaltsangaben  mitgetheilt  werden,  und 
diese  stimmen,  und  zwar  fast  wörtlich,  mit  den  Titeln  der 
meisten  Kapitel  des  zweiten  Buchs  der  Institutio  laicalis  über- 
ein. Diese  Kapitel  bilden  aber  gerade  den  Kern  der  letzteren. 
Denn  die  dem  Werke  vorausgehende  Widmung  erklärt,  dass 
es  unternommen  worden  ist  auf  die  Bitte  des  Matfrid,  „ihm 
aufs  schnellste  und  kürzeste  zu  schreiben,  in  welcher  Art  er 
und  die  übrigen,  die  durch  das  Band  der  Ehe  gebunden  sind, 
ein  Gott  gefälliges  Leben  einzurichten  haben. "  Jonas  hat  sich, 
wie  er  dort  weiter  sagt,  nur  nach  grossem  Bedenken  zu  dem 
Werke  entschlossen  —  dem  er  sich  nicht  gewachsen  fühlte  — 
indem  er  die  Aussprüche  der  Bibel  und  der  Väter  zusammen- 
trug und  commentirte.  Am  Schlüsse  der  Widmung  aber  be- 
merkt er,  dass  er  das  ganze  Werk  wegen  seiner  Weitläufigkeit 
in  drei  Bücher  theilte,  von  denen  das  erste  und  letzte  für  alle 
Gläubigen  im  allgemeinen,  das  zweite  aber  grossen  Theils  spe- 
ciell für  die  Eheleute  bestimmt  sei.  Um  das  räthselhafte  Ver- 
hältuiss dieses  Werks  zu  den  Synodalacten  zu  erklären,  kann 


dass  Jonas  die  Canones  redigirt  hat,  so  erklärt  sich  sein  Verfahren,  aus 
ihnen  ein  Buch  für  den  Herrscher  seiner  Heimath  zu  machen,  um  so 
leichter. 

1)  Auf  das  Jahr  833  passt  vollkommen  was  in  der  Widmung  von  dem 
..vorausgegangenen  Jahre"  gesagt  wird,  wie  auch  Simson  bemerkt,  auf  das 
Jahr  827  aber  gar  nicht,  welches  Jahr  man  für  die  Abfassung  annahm, 
als  man  diese  vor  die  Sjaiode  setzte. 

2)  Congessimus  etiam  in  opere  conventus  nostri  nonnuUa  alia  capitula 
ad  vestram  (des  Kaisers)  fideliumque  vestrorum  observationem  et  salutem 
pertinentia,  quorum  hie  omissa  prolixitate  mentionem  tantum  facimus. 
Scilicet  quod  eos  oporteat,  coniugium  etc.  Synod.  Paris.  L.  EI,  c.  2. 
Mansi,  Sacror.  Concüior.  nova  et  ampliss.  collectio.  Tom.  XIV,  Venedig 
1769.  p.  596. 


De  institutione  laicali.    Tita  Hugberti.  229 

man  vielleicht  auuehmen,  dass  Jonas  zuerst  der  Bitte  Matfrids 
entsprechend,  nur  das  zweite  Buch  verfasst  hat,  und  dass  die 
Synode  dies  bloss  approbirte  und  dann  empfahl,  in  den  Acten 
mit  Angabe  des  Inhalts  sich  begnügend ;  dass  nach  der  Synode 
aber  Jonas  den  Ehespiegel  zu  einem  Laienspiegel  überhaupt, 
unter  Benutzung  der  Synodalacten ,  erweiterte,  das  erste  und 
dritte  Buch  hinzufügend.  So  würde  sich  denn  auch  die  schlechte 
Composition  des  Ganzen  erklären;  nachdem  nämlich  im  ersten 
Buche  weitläufig  von  der  Taufe,  dem  Gebet,  dem  Kirchen- 
besuch und  der  Busse  gehandelt  worden,  wird  im  zweiten 
Buche  nach  den  ehelichen  Pflichten  ausser  verschiedenen  an- 
dern Ermahnungen  auch  einzelner  Laster  und  Fehler,  wie  Be- 
stechlichkeit, Lüge,  Neugierde,  gedacht ;  darauf  aber  im  dritten 
Buche  wieder  von  einzelnen  Tugenden  und  Lastern  in  einzelnen 
Kapiteln  gehandelt,  die  meist  gar  nicht  mit  einander  verknüpft 
sind.  Mit  dem  jüngsten  Gericht  und  der  ewigen  Vergeltung 
schliesst  das  Ganze. 

Dass  das  Werk,  obgleich  grössten  Theils  nur  eine  Stellen- 
sammlung aus  der  Bibel  und  den  Kirchenvätern,  als  Origenes, 
Ambrosius,  Hieron}Tnus,  Lactanz,  Prosper,  Gregor,  Isidor,  Beda 
und  vor  allen  Augustin,  doch  manche  für  die  Sittengeschichte 
der  Zeit  des  Verfassers  bedeutende  Bemerkungen  enthält,  ist 
schon  anerkannt  worden;  eine  innere  Einheit  aber  fehlt  ihm 
durchaus  und  in  jeder  Beziehung,  so  dass  es  als  schriftstelle- 
rische Leistung,  von  einem  einfachen  klaren,  für  jene  Zeit 
correcten  Stil  abgesehen,  kein  Lob  verdient. 

Endlich  hat  Jonas  noch  die  alte  Vita  des  heil.  Hugbert 
auf  den  Wunsch  des  Bischofs  Walcaud  von  Lüttich  stilistisch 
überarbeitet  —  da  sie  um  die  Mitte  des  achten  Jahrhunderts 
abgefasst,  in  der  That  in  einem  sehr  fehlerhaften  Latein  ge- 
schrieben ist  —  und  zugleich  die  Erzählung  von  der  zweiten 
Translation  des  Heiligen,  von  Lüttich  nach  dem  durch 
Walcaud  wiederhergestellten  Kloster  Andoin,  hinzugefügt.  Der 
Heilige,  den  erst  spätere  Sagen  zu  einem  Verwandten  Pippins 
und  zum  Schutzpatron  der  Jäger  gemacht  haben,  war  der  erste 
Bischof  von  Lüttich,  indem  er  das  Bisthum  von  Mastricht,  nach 
der  Ermordung  seines  Vorgängers,  dorthin  verlegte.  Er  zeich- 
nete sich  als  Missionar  in  den  Ardennen  und  Brabant  aus. 
Nachdem  er  727  gestorben,  wurde  er  in  der  Basilica  des  h. 
Petnis  in  Lüttich  bestattet,  744  aber  an  eine  andre  Stelle  der 


230  Radbert. 

Kirche,  unter  der  Tbeilnahme  des  Königs  Karlmann  selbst 
transferirt.  Auch  diese  Translation  wird  in  der  alten  Vita^)  von 
dem  zeitgenössischen  Autor  erzählt. 


ZEHNTES  KAPITEL. 

PASCHASIUS    RADBERT.    RATRAMNUS. 

Tiefer  als  der  Streit  über  die  Bilderverehrung  regten  seit 
dem  vierten  Decennium  dogmatische  Fragen  von  grosser  Be- 
deutung, die  des  Lehrbegrififs  des  Abendmahls  wie  die  schon 
öfters  erwähnte  der  Prädestination  und  des  freien  Willens,  die 
Geister,  namentlich  in  Westfrancien ,  auf,  wo  denn  zugleich, 
zum  Theil  in  Verbindung  damit,  zum  Theil  unabhängig  davon, 
ein  speculativer  Sinn  erwacht.  So  wenig  nun  auch  die  dog- 
matische und  selbst  die  philosophische  Literatur  an  sich  in 
den  Kreis  unserer  Betrachtung  fällt,  so  haben  doch  die  Haupt- 
werke, welche  jenen  Fragen  damals  gewidmet  sind,  meist 
indirect  so  viel  Interesse  für  uns,  um  ihrer  kurz  zu  gedenken ; 
denn  sie  spiegeln  einmal  die  Kultur,  welche  die  literarische 
Entwickelung  damals  bedingte,  von  einer  sehr  wichtigen  Seite 
ab,  und  sie  haben  ferner  auf  die  Folgezeit  einen  grossen  Ein- 
fluss  gehabt.  Dazu  kommt,  dass  die  Autoreu  der  wichtigsten 
zugleich  in  anderer  Beziehung  eine  literarische  Bedeutung 
haben:  dies  gilt  insbesondere  von  demjenigen,  welcher  die 
erste  der  beiden  Fragen  auf  die  Tagesordnung  setzte,  und  sie 
in  einer  Weise  entschied,  welche  die  katholische  Kirche  für 
immer  adoptirte.     Es  ist  dies  Radbert,  genannt  Paschasius.'^) 

Radbert  war  zu  oder  bei  Soissons  um  790  geboren;  ein 
Sohn  armer  Eltern,   wurde  er  in  einem  Frauenkloster  dieser 


1)  Sie  ist  zugleich  mit  Jonas'  Brief  an  Walcaud  u.  der  zweiten  Transl. 
edirt  von  Arndt,  Kl.  Denkmäler  aus  der  Merovingerzeit.    Hannover  1874. 

2)  S.  Paschasii  Radberti,  abbatis  Corbeiensis,  opera  omnia  iuxta  editiones 
Sirmondi  Mabülonii  Martenii  recogn.  et  diligent.  emend.  accur.  IVIigiie. 
Paris  1852.  (Patrol.  lat.  Tom.  120.)  —  *Martene  et  Durand,  Veter.  Scrip- 
tor.  etc.  amplissima  collectio,  Tom.  IX.  Paris  1723  (Enthält:  De  corp.  et 
sang.  u.  De  fide  etc.).  —  *Mabillon,  Acta  S.  S.  ord.  S.  Bened.  Saec.  IV, 

pars  1  (Enthält  die  VV.  Adalh.  u.  AYalae  p.  291  ff.  u.  434  ff.). Roden- 

berg.  Die  Vita  Walae  als  historische  Quelle.     Göttingen  1877.  (Diss.) 


Leben.  231 

Stadt,  in  welches  er  nacli  dem  Tode  seiner  Mutter  aus  Mitleid 
aufgenommen  war,  auferzogen.  Trotzdem  schlug  er  heran- 
gewachsen zunächst  eine  weltliche  Laufbahn  ein.  Aber  aus 
freiem  Entschluss  kehrte  er  zum  Mönchsleben  zurück,  indem 
er  in  das  Kloster  Corbie  trat  (vor  812).  Der  Abt  desselben 
war  der  hochgebildete  Adalhard,  ein  Vetter  Karls  des  Grossen, 
der  einst  dem  gelehrten  Kreise  Alcuins  am  königlichen  Hofe 
angehört  hatte,  und  dort  den  Namen  Antonius  führte.  Die 
Schule  von  Corbie  muss  damals  schon  eine  vortreffliche  ge- 
wesen sein,  da  Radbert  nicht  bloss  eine  umfangreiche  theo- 
logische, sondern  auch  eine  für  jene  Zeit  bedeutende  klassische 
Bildung  dort  sich  erwarb,  die  er  dann  wieder  als  Lehrer  in 
demselben  Kloster  verwerthete.  Seine  ausgebreitete  und  intime 
Kenntniss  der  antiken  lateinischen  Literatur  bezeugen  seine 
Citate  und  die  ohne  Quellenangabe  entlehnten  Stellen,  aus 
Virgil  und  zwar  allen  seinen  Werken,  Horaz  (auch  den  Ser- 
monen i)),  aus  Terenz-j  und  den  verschiedensten  Schriften  des 
Cicero,  sowie  die  lobpreisenden  Aussprüche  über  diese  Autoren, 
wie  er  denn  Cicero  den  König  der  Beredsamkeit -^j  und  Virgil  den 
grössten  Dichter  nennt,  wenn  er  ihn  auch  einmal  der  falsura 
•  beschuldigt.  ^)  "Wie  Radbert  Adalhards  Gunst  zu  gewinnen 
wusste,  so  nicht  minder  die  seines  Bruders  und  Nachfolgers 
Wala.  Mit  beiden  wurde  er  innig  befreundet,  und  nahm  an 
ihren  kirchlichen  wie  politischen  Bestrebungen  den  regsten 
Antheil.  —  844  wurde  er  selbst  Abt  des  Klosters,  legte  aber 


1)  Yita  Adalhardi  c.  15.  2)  Namentlich  in  der  Yita  Walae  öfters. 

3)  Expositio  in  Matthaeum  Prolog.  6.  Yita  Adalhardi  c.  20. 

4)  In  der  Widmungsepistel  des  Buchs  De  corp.  et  sang,  an  Karl  den 
Kahlen:  Idcirco  ne  me  putes,  Augustorum  clarissime,  fabulam  vobis  con- 
texere  de  Maronis  falsura.  —  Auch  trägt  Radbert  kein  Bedenken  seinen 
^maximus  poeta"  zu  einem  Plagiator  zu  machen,  und  ihn  auch  den  ..weit 
älteren  Horaz  •■  plündern  zu  lassen.  Die  Stelle  ist  beachtenswerth  genug 
um  hier  angeführt  zu  werden:  Si  quaeris ,  Adeodate,  qualis  (Adalhardus) 
Yenerit:  fateor  talis,  qualem  YirgUius  üle  tuus  Maro  describit,  totus 
teres  atque  rotundus.  Qui  nimirum  versus  licet  in  Virgilio  vestro 
magnis  extoUatur  laudibus,  longe  antiquior  legitur  in  Horatio,  qui  dum  de 
viro  sapiente  loqueretur,  ait,  quod  sit  f'ortis  et  in  se  ipso  totus  teres  atque 
rotundus.  Unde  profecto  Uquet,  sicut  et  in  quam  pluribus  locis,  quia 
Maro  vester,  callidus  ingenio,  de  ccterorum  sententiis  laudem  tulit,  et  de 
multis,  acsi  mendicus,  philosophorum  fragmentis  convivium  vanitatis  saltim 
pueris   fecit.     Yita  Adalh.  ed.  1.  p.  446.  —  Ygl.  Horati  Satir.  II,  7  v.  SO. 


232  Radbert. 

dieses  Amt  schon  851  nieder,  um  sich,  wie  einst  Raban,  ganz 
seinen  gelehrten  Studien  und  literarischer  Thätigkeit  zu  wid- 
men. Er  hielt  sich  zu  dem  Zweck  auch  eine  Zeitlang  in  dem 
von  wissenschaftlichem  Geiste  beseelten  Kloster  St.  Riquier 
auf.     Er  starb  zu  Corbie  865. 

Dass  der  von  ihm  geführte  Beinamen  Paschasius  seiner 
Beschäftigung  mit  der  Abendmahlsfrage  seinen  Ursprung  ver- 
dankt, ist  wohl  nicht  zu  bezweifeln;  ob  er  ihn  aber  zuerst 
selbst  sich  beigelegt,  oder  von  seiner  Umgebung  im  Kloster, 
vielleicht  in  Folge  der  von  Adalhard  dorthin  verpflanzten 
Alcuinischen  Sitte,  erhalten,  vermag  ich  nicht  zu  entscheiden.  ^ 

Wie  hoch  Radbert  schon  von  seiner  Zeit  geschätzt  wurde, 
zeigt  namentlich  ein  von  dem  Bischof  von  Soissons,  Engel- 
modus auf  ihn  bei  Lebzeiten  verfasster  Panegyricus,  der  ihn 
in  schwülstigen  Hexametern  nicht  bloss  als  Säule  der  Kirche, 
höchste  Ceder  des  Paradieses  und  Schild  des  Glaubens  preist, 
sondern  auch  seine  Beredsamkeit  mit  überschwänglichen  Aus- 
drücken rühmt.  In  der  That  gehörte  Radbert  zu  den  ersten 
Gelehrten  Westfranciens  damals  und  obgleich  er  kein  wahrhaft 
productiver  Denker  war,  so  ist  ihm  doch  eine  gewisse  specu- 
lative  Neigung,  ein  Streben  nach  philosophischer  Begründung 
eigen,  selbst  wo  er  von  der  wörtlichsten  Auffassung  des  Dogma 
ausgeht  und  dem  extremsten  "Wunderglauben  huldigt.  Auch 
er  verdankte  dies  dem  Studium  der  Werke  des  Augustin,  von 
welchen  die  speculative  Thätigkeit  des  älteren  Mittelalters  fast 
immer  ihren  Ausgang  nimmt.  Das  bedeutendste  Werk  des 
Radbert,  das  in  seiner  Zeit  das  grösste  Aufsehen  machte  und 
auf  die  Folgezeit  den  mächtigsten  Einfluss  ausübte,  selbst  auch 
durch  den  Widerspruch,  den  es  hervorrief,  ist  das  Buch  De 
corpore  et  sun{juine  Domini,  die  erste  Monographie  über  die 
Lehre  des  Abendmahls.  Das  Buch  ist  in  der  ersten  Ausgabe 
831  an  den  Abt  von  Corvey,  Warin  genannt  Placidius,  einen 
früheren  Schüler  Radberts,  gerichtet ;  in  einer  zweiten  um  844 


1)  Radbert  nenjit  sich  in  seinen  Schriften  zuerst  so  in  der  Vita  Adal- 
hardi,  diese  ist  aber  vor  seinem  Buche  De  corijore  et  sanguine  verfasst; 
vielleicht  ist  der  Name  in  der  Vita  noch  Versteckname  für  das  Publikum, 
ausserhalb  des  Klosters,  wie  andre  Namen  dort.  Von  seinem  berühmten 
Buche  hat  er  ihn  also  jedenfalls  nicht  erhalten.  Für  die  Verpflanzung  der 
Alcuinischen  Sitte  spricht  aber  auch  der  Beiname  des  Schülers  Radberts 
Warin  „Placidius." 


De  corpore  et  sanguine  Domini.  233 

dem  König  Karl  dem  Kahlen,  wie  es  scheint,  als  "Weihnachts- 
geschenk, auf  seine  Aufforderung  gewidmet^),  nachdem  die 
erste  Ausgabe  schon,  wie  diese  Widmung  besagt,  in  viele  Hände 
gekommen.  Doch  hoffte  Radbert  von  der  Billigung  des  Kö- 
nigs eine  noch  sicherere  allgemeinere  Anerkennung  seiner 
Lehre  und  weitere  Verbreitung  seines  Buchs,  das,  wie  er  schon 
in  dem  an  Wariu  gerichteten  Prolog  sagt,  in  populärem  Stile 
abgefasst,  auch  für  ein  grösseres  Publikum,  das  keine  lite- 
rarische Bildung  besässe,  bestimmt  sein  sollte.  Zwei  Gedichte 
in  Hexametern  gehen  dem  Werke  in  der  zweiten  Ausgabe-) 
voraus,  von  welchen  das  eine  König  Karl  geweiht  ist,  dem 
das  Buch  zu  überreichen,  die  Jungfrau  Sophia  aufgefordert 
wird;  das  andre,  das  mit  einem  Acrostichon  beginnt,  welches 
den  Namen  Radbert  enthält,  wendet  sich  an  den  Leser  und 
zeigt  den  Inhalt  des  Werks  in  der  Hauptsache  an. 

Eadbert  entwickelt  in  dem  Buche  zum  ersten  Male  aus- 
führlich die  Lehre  von  der  Transsubstantion  und  sucht  sie  auch 
wissenschaftlich  zu  begründen,  indem  er  diese  Auffassung  des 
Abendmahls:  die  Verwandlung  der  Substanz  des  Brodes  und 
des  Weines  durch  die  Consecration  des  Priesters  in  die  Sub- 
stanz des  Leibes  und  des  Bkites  Christi,  selbstverständlich  für 
die  einzig  richtige  erklärt.  Diese  Auffassungsweise  fand  sich 
in  der  Kirche  auch  schon  früher  vertreten,  wenn  auch  nicht 
mit  derselben  Entschiedenheit  ausgesprochen,  aber  sie  war 
keineswegs  die  allein  herrschende,  indem  auch  eine  geistigere, 
dieser  sinnlichen  gegenüber,  von  ebenso  vielen  getheilt  wurde; 
es  bestand  eben  noch  kein  fester,  von  der  Kirche  geweihter 
Lehrbegriff. 

Radbert  begründet  aber  seine  Lehre  durch  die  Rechtfer- 
tigung des  Wunders  als  solchen,  denn  er  selbst  erklärt,  wie 
dies  ja  auch  nicht  anders  sein  konnte ,  die  Transsubstantion 
für  ein  Wunder,  ja,  weil  es  kein  sichtbares,  für  ein  grösseres 


1)  Hinc  inde,  ut  condignum  est,  ad  superventura  diei  Dominici  festa 
missuri  sunt  auri  argentique  et  vasorum  diversi  generis  munera  etc.,  inter 
quae  nimirum  ,  etsi  ultimus,  fide  devotus,  quia  monuistis,  et  mea,  ut 
opto,  vos  delectant;  decrevi  non  ignavi  ponderis  metalli  vestrae  maiestati 
munus  offerre,  scilicet  libellum  etc. 

2)  Dass  dies  auch  von  dem  oben  an  zweiter  Stelle  erwähnten  Gedichte 
gut,  zeigt  der  4.  Vers  des  Acrostichon,  namentlich  die  Worte:  puero  quae 
misimus  olim,  mit  welchen  auf  die  frühere  Ausg.  hinge'wdesen  wird. 


234  Radbert. 

als  alle  andern,  die  selbst  nur  deshalb  geschehen  sind,  damit 
dieses  eine  Wunder  geglaubt  werde  (c.  1,  §.  5).  Gottes  all- 
mächtiger Wille  ist  die  Ursache  aller  Dinge  und  Naturen.  In- 
dem sie  aber  Gott  schuf,  nahm  er  seinen  Willen  nicht  von 
ihnen  weg,  vielmehr  besteht  ihr  Dasein  in  seinem  Willen  und 
seiner  Kraft,  durch  welche  alles  was  ist,  nicht  bloss  existirt, 
sondern  auch  so,  wie  es  Gottes  Wille  beschlossen.')  So  ist 
denn  auch  jede  Veränderung  der  Natur  des  Geschaffenen 
von  ihm  abhängig.  Bei  dem  Wunder  scheint  also  nur  sich 
etwas  gegen  die  Natur  zu  begeben,  in  der  That  aber  ist  es 
nicht  der  Fall,  da  es  ja  im  Wesen  der  Natur  liegt,  den  Be- 
fehlen Gottes  stets  zu  gehorchen.  Demnach  ist  ein  Zweifel  an 
der  Möglichkeit  der  Transsubstantion  nicht  gerechtfertigt.  Frei- 
lich ist  der  Glaube  nöthig,  weil  ja  die  äussere  Erscheinungs- 
form von  Brod  und  Wein  bleibt,  aber  den  Glauben  verlangt 
die  Religion  überhaupt.  Ohne  diesen  würde  auch  niemand 
Christus  am  Kreuze  in  Knechtsgestalt  als  Gott  erkannt  haben. 

Diese  Auffassungsweise  des  Abendmahls  erhielt  aber  da- 
durch eine  besondere  Bedeutung,  dass  nach  ihr,  wie  Radbert 
ausführt,  durch  die  im  Abendmahl  zugleich  vollzogene  leibliche 
Gemeinschaft  mit  Christus,  auch  die  leibliche  Natur  des  Men- 
schen zur  Unvergänglichkeit  qualificirt,  und  so  die  Auferstehung 
desselben  gerechtfertigt  wird.  —  Nicht  mit  Unrecht  ist  dem 
Buche,  auf  dessen  weiteren,  theologischen  Inhalt  einzugehen 
uns  hier  fern  liegt,  eine  mangelhafte  Composition  und,  was 
damit  zum  Theil  zusammenhängt,  Weitschweifigkeit  in  Folge 
häufiger  Wiederholungen  vorgeworfen;  durch  letztere  wollte 
der  Verfasser  offenbar  auch  die  von  ihm  erstrebte  Gemeinver- 
ständlichkeit seines  Buches  erzielen,  das  übrigens  im  Ganzen 
durch  einen  einfachen  Satzbau  und  eine  ungesuchte  Ausdrucks- 
weise sich  empfahl. 

Eine  gewisse  Ergänzung  zu  diesem  Buche  bildet  die  Ej)i- 
stola  ad  Friidegardum,  worin  Radbert  die  ihm  von  diesem 
Mönche  brieflich  mitgetheilten  Zweifel  vieler  an   seiner  Lehre 


1)  Neque  enim  sie  condidit  ommum  artifex  Deus  rerum  naturas,  ut 
suum  velle  ab  bis  auferret,  quia  omnium  creaturarum  subsistentia  in  eadem 
Dei  voluntate  subsistit  et  virtute,  a  qua  causam  babet,  non  solum  ut  sub- 
sistat  quidquid  est,  sed  etiam  ut  sie  sit,  sicut  ipsa  Dei  voluntas  decreverit, 
quae  causa  est  omnium  creaturarum.   c.  1,  §.  1. 


De  fide,  spe  et  caritate.  235 

ZU  widerlegen  sucht,  hier  sich  aber  nur  auf  theologische  Gründe 
beschränkt. 

Noch  eine  andre  rein  dogmatische  Schrift  hat  Radbert, 
und  zwar  schon  im  hohen  Alter,  verfasst,  in  der  er  auch  seinem 
Wunderglauben  genugthun  konnte;  ich  meine  das  Werkchen 
De  partu  Virginis.  In  demselben  vertheidigt  er  die  über- 
natürliche Geburt  Christi,  wobei  er  zugleich  behauptet,  dass 
Maria  von  aller  Erbsünde  frei  gewesen  sei. 

Einen  etwas  philosophischen  Charakter  hat  dagegen  sein 
den  drei  theologischen  Tugenden  gewidmetes,  und  danach  in 
drei  Bücher  eingetheiltes  Werk:  Be  ßde^  spe  et  cm^'tate;  es 
ist  an  den  Abt  Warin  wieder  gerichtet,  der  Radbert  darum 
gebeten,  und  für  den  Unterricht  bestimmt.^)  Ein  Acrostichon 
welches  den  Namen  Radberts  enthält  und  die  drei  Tugenden 
feiert,  geht  dem  Werke  voraus.  Das  erste  Buch  ist  besonders 
beachtenswerth ,  insofern  der  Verfasser  dort  das  Verhältniss 
des  Glaubens  zur  Erkenntuiss  untersucht  und  schon  zu  dem 
die  mittelalterliche  Scholastik  beherrschenden  Grundsätze  ge- 
langt, den  der  h.  Anselm  am  strictesten  in  den  Worten  aus- 
drückte: Credo  ut  inteUegam:-)  Ritter,  der  die  Bedeutung  dieses 
Werks  gewürdigt,  verkennt  doch  nicht  das  Verdienst,  welches 
für  diese  Zeiten  eine  im  Ganzen  gut  zusammenhängende  Ueber- 
lieferung  der  Augustinischen  Lehre  haben  musste.'^)  Sie  musste 
in  der  That  zu  einem  tieferen  theologischen  Nachdenken,  und 
damit  überhaupt  zu  einer  speculativen  Thätigkeit  anregen. 

Auch  verschiedene  Bibel  CO  mm  entare  hat  Radbert  ver- 
fasst, von  welchen  der  bedeutendste  der  sehr  ausführliche, 
zwölf  Bücher  begreifende,  zu   dem  Evangelium  des  Matthäus 


1)  S.  ausser  dem  "Widmungsschreiben  den  Schluss:  Haec,  prout  potui, 

Pater devotus  obtuli,  non  ut  sufüciat  de  bis  quod  dixi,  sed  ut  habeat 

beatitudo  tua  adhuc  tironibus  quid  exhibeat  de  tribus  istis  \'irtutibus,  sine 
quibus  nemo  est  christianus. 

2)  Eine  der  bezeichnendsten  Stellen  in  Eadberts  Buch  ist  wohl  diese : 
Porro  illa  quae  de  Deo  divinitus  dicuntur,  credibilia  quidem  sunt  simul  et 
inteUigibilia ,  sed  nisi  credantur  primo,  numquam  in tellegun- 
tur;  idcirco  necesse  est  credantur  ex  toto  corde  et  ex  tota  anima  et  ex 
tota  virtute,  ut  Christo  illustrante  hie  ex  parte  et  in  futuro  ex  toto  intelle- 
gantur ;  et  tanto  amplius  vel  perfectius  hie  aut  illuc ,  quauto  mundiores 
corde  mandatorum  Dei  praeceptorumque  observatores  erimus.  1.  I,  c.  7,  §.  2. 

3)  Geschichte  der  Philosophie.     Bd.  VII,  S.  204. 


236  Radbert. 

ist,  den  er  zum  grössten  Theil  erst  in  der  Zeit  seiner  gelehrten 
Müsse  nach  Niederlegung  der  Abtwürde  verfasst  hat.  Er  ist 
durch  die  von  ihm  seinen  Mönchen  gehaltenen  Homilien  ver- 
anlasst worden.  Für  jene  ist  er  denn  auch,  auf  ihre  Bitte, 
zunächst  geschrieben  worden,  um  sie  zum  Studium  der  heil. 
Schrift  anzuregen.  Auch  dieser  Commentar  soll,  gleich  denen 
des  Alcuin  und  Raban,  vornehmlich  eine,  obschon  nicht  wört- 
liche, Blumenlese  aus  älteren,  auch  mit  Quellenangabe  (die 
aber  in  den  überlieferten  Handschriften  weggelassen),  sein; 
doch  hat  Radbert  bei  der  ihm  eigenthtimlichen  Gesprächigkeit 
vieles  eigene  eingemischt  und  dabei  auch  manche  Abschwei- 
fungen und  Anspielungen  auf  seine  Zeit  gemacht:  so  greift  er 
gelegentlich  nicht  bloss  die  Häresien  jener  Tage  an,  sondern 
beklagt  auch  die  traurigen  politischen  Verhältnisse,  die  das 
Ende  der  Welt  anzeigen  könnten.')  —  Die  Erklärung  ist  in 
diesem  Commentar  übrigens  vorzugsweise  eine  sachliche,  wäh- 
rend in  denjenigen,  welche  Radbert  zu  alttestamentlichen  Bü- 
chern verfasst  hat,  die  überlieferte  allegorische  Auslegung 
durchaus  vorherrscht. 

Radbert  gehört  als  Autor  aber  der  allgemeinen  Literatur 
auch  unmittelbar  an  durch  zwei  historische  Werke,  die  aller- 
dings wegen  ihres  paneg3a-ischen  Charakters,  den  der  Verfasser 
aber  offen  bekennt,  als  Geschichtsquellen  nur  mit  vorsichtiger 
Kritik  zu  verwerthen  sind,  zumal  eine  jede  in  eine  eigenthüm- 
liche  ästhetische  Form  eingekleidet  ist.  Es  sind  die  Lebens- 
beschreibungen, oder  genauer  gesagt  Charakterbilder  der  beiden 
angesehenen  Aebte  von  Corbie,  denen  Radbert  so  nahe  ge- 
standen, des  Adalhard  und  seines  Bruders  Wala.  Die  Vita 
S.  Adalhardi  ist  bald  nach  dem  Tode  ihres  Helden  826  ge- 
schrieben, als  „ein  literarisches  Grabtuch"  ihm  dargebracht, 
um  seinen  heiligen  Namen  für  alle  Zukunft  zu  erhalten."-)    Als 


1)  Qui  talia  et  tanta  videmus  quotidie  inter  fratres  et  propinquos  ci- 
vilia,  et  plus  quam  civilia  bella;  tanta  a  barbaris  et  paganis  hostibus  ex- 

terminia  hominum  et  desolationes  civitatum  iugiter  sustinemus Licet 

insurgant  barbari  in  nos,  et  nemo  est  qui  auxilium  ferat,  quia  civües  in 
invicem  magis  saeviunt  insidiae  et  strages,  ita  ut  intus  et  foris  nihil  aliud 
quam  mors  repercutiat  aures  nostras.  1.  7,  c.  24. 

2)  Nam  nostrum  aUi  pallentes  violas  etc.  carjiunt" et  ego  litte- 
rar um  superintexo  (sc.  sepulcrum)  p alias,  quatenus  aevi  temporibus  fu- 
turis  sanctum  servetur  nomen.  c.  85. 


Tita  Adalhardi.  237 

die  Vorbilder  für  sein  Unternehmen  bezeiclinet  Radbert  hier 
im  Eingange  insbesondere  Ambrosius  in  seinen  Leichenreden, 
von  welchen  er  der  auf  Valentinian  IL  namentlich  gedenkt, 
und  Hieronymus  in  seinen  Epitaphien.  Er  will,  wie  sie,  in- 
dem er  den  Verlust  eines  ihm  Theuern  beweint,  ihn  mit 
hohem  Lobe  erheben,  und  so  sich  selbst  zu  eignem  Tröste 
seiner  erinnern,  der  Nachwelt  aber  ihn  als  Muster  der  Tugend 
empfehlen.  Ambrosius'  Beredsamkeit  strebt  er  zu  erreichen, 
wenn  er  es  auch  nicht  vermag.  So  ist  diese  Vita  in  der 
Form  eines  am  Grabe  gehaltenen  Panegyricus  gegeben,  offen- 
bar nach  des  Ambrosius  Beispiel:  daher  denn  die  steten  Apo- 
strophen, wie  sogleich  im  Beginne,  an  den  Todten  selbst,  dann 
an  Jesus,  Gott,  die  Mitmönche,  an  das  Publikum  überhaupt; 
daher  die  fortwährenden  erbaulichen  Betrachtungen,  welche 
die  in  Vergleich  damit  so  magere  Lebensgeschichte  ganz  über- 
wuchern; daher  der  mit  Blumen  und  Metaphern,  die  an  die 
geschmückte  Kedeweise  mancher  Bücher  des  Alten  Testaments 
erinnern,  sowie  mit  biblischen  Citaten  verzierte  Stil. 

Der  Gang  der  Darstellung  folgt  allerdings,  wenigstens  im 
allgemeinen,  dem  Lebensverlaufe.  So  wird  nach  dem  Eingange 
zuerst  (c.  7)  der  Erziehung  des  Helden,  der  ein  Neffe  Pippins 
war,  am  königlichen  Hofe  zugleich  mit  seinem  Vetter  Karl, 
gedacht.  Als  dieser  aber  als  König  seine  erste  Gemalin  ver- 
stiess  und  sich  von  neuem,  mit  Hildegard  vermählte,  verlässt 
der  junge  Adalhard  den  Hof,  indem  er  in  seiner  strengen 
moralischen  und  religiösen  Gesinnung  der  neuen  Königin  nicht 
zu  huldigen  vermag,  da  er  ihre  Ehe  bei  Lebzeiten  der  andern 
nicht  für  eine  legitime  halten  kann,  und  der  Bruch  der  ersten 
Ehe  auch  den  Eidbruch  mancher  Franken,  die  jene  verbürgt, 
zur  Folge  haben  müsste.  Adalhard  entsagte  lieber  der  Welt 
und  wurde  Mönch  in  dem  Kloster  Corbie ;  aber  auch  hier  fand 
damals  diese  asketische  Entsagung  (der  er  später  seinen  aka- 
demischen Namen  Antonius')  verdankte)  keine  volle  Befriedi- 
gung; so  begab  er  sich  denn  ganz  in  Incognito  nach  dem 
Musterkloster  Montecasino.  Allein  Karls  Boten  fanden  ihn 
dort  auf,    um   ihn  nach  Corbie  zurückzuführen,   und  bald  da- 


1 )  Er  führte  üAi  nach  dem  berühmten  Einsiedler  Aegj'ptens ,  dem 
Freunde  des  Paulus  (s.  Bd.  I.  S.  103) ,  dies  ergibt  sich  mit  Sicherheit 
daraus,  dass  Alcuin  an  ihn  schreibt:  Antonio  Paulus.  Ep.  117  ed.  Jaffe. 


238  Radbert. 

nach  wurde  er  an  die  Spitze  dieses  Klosters,  zunächst  als 
subrogirter  Abt,  gestellt.  Hier  nimmt  nun  unser  Autor  diese 
Gelegenheit  wahr,  um  zu  zeigen,  wie  sein  Held  „auf  der 
Quadriga  der  Tugenden,  deren  Räder  die  vier  Cardinaltugenden, 
einherfuhr"  (c.  16)0;  untl  indem  er  da  bei  der  Gerechtigkeit 
länger  verweilt,  gedenkt  er  denn  u.  a.  auch  kurz  Adalhards 
italienischer  Mission,  wie  derselbe  den  jungen  Pippin  bei  seiner 
Regierung  Italiens  leitete,  in  seiner  Gerechtigkeit  und  Unbestech- 
lichkeit-) ein  Schrecken  der  Tyrannen  dieses  Landes,  welche  wie 
Räuber  unter  dem  Volke  wütheten.  Die  Art,  wie  hier  nur  ganz 
gelegentlich  in  ein  paar  Sätzen  bloss  zur  Begründung  einer  der 
Tugenden  Adalhards  dieser  wichtigen  mehrjährigen  politischen 
Thätigkeit  desselben  gedacht  wird  —  denn  sie  erstreckte  sich 
auch  noch  auf  die  Zeit  nach  Pippins  Tode,  was  Radbert  nicht 
sagt  —  zeigt  recht,  wie  fern  unserm  Autor  das  politische  Inter- 
esse lag  und  wie  es  ihm  in  diesem  Panegyricus  nur  darauf 
ankommt,  den  heiligen  Mönch  zu  verherrlichen,  der  den  welt- 
lichen Dingen  eigentlich  fremd  bleiben  sollte. 

Die  von  dem  Neide  Satans  angestifteten  Feinde  der  Ge- 
rechtigkeit und  Wahrheit  sind  es  denn  auch,  welche  nach 
Radbert,  der  einen  andern  Grund  nicht  angibt,  Ludwig  nach 
seinem  Regierungsantritte  bewogen,  Adalhard  in  das  Exil  nach 
einem  fernen  Kloster  an  der  Mündung  der  Loire  zu  senden 
(c.  30).  Auch  fast  alle  seine  Geschwister,  deren  hier  der  Ver- 
fasser einzeln  gedenkt ,  traf  die  Verfolgung  (c.  32  f.).  Nach 
sieben  Jahren  der  Verbannung,  in  welcher  auch  seine  Wirk- 
samkeit eine  segensreiche  war,  kehrte  Adalhard  zurück,  um 
wieder  an  die  Spitze  seines  Klosters  zu  treten.  Die  Reue  des 
Kaisers,  seine  öffentliche  Busse  zu  Attigny,  welche  die  Wider- 
geburt  des  Reiches,  die  Rückkehr  des  Saturnischen  Zeitalters 
anzukündigen  schien,  preist  hier  Radbert  als  unter  dem  Ein- 
flüsse Adalhards  geschehen  (c.  50  ff.).  Nunmehr  (c.  55  ff.)  geht 
unser  Autor  zum   Lobe  seines  Helden  nach   den  Regeln  der 


1)  Vgl.  oben  S.  182. 

2)  Fatentur  enim ,  quod  numquam  in  iudicio  alicuius  personam  in- 
spexerit;  neque  iuxta  proverbium  vulgi  aureo  pugno  sit  murus  eins  animi 
fractus.  Solus,  ut  aiunt,  potuit  flumen  transire  Acfierontis  avari  et  sine 
discrimine  caecitatis  ex  alpibus  remeare  per  annos.  Diese  letzte  Bemer- 
kung ist  von  allgemeinerem  Interesse. 


Tita  Adalhardi.  239 

Rhetorik  über'),  indem  er  Namen,  Vaterland,  Geschlecht, 
Würde  u.  s.  w.  behandelt,  das  eine  mehr,  das  andre  weniger 
ausführlich.  Besonders  bemerkt  sei  einmal  das  Lob,  das  er 
seiner  Beredsamkeit  zollt  (c.  63),  worauf  er  später  (c.  77)  noch 
einmal  zurückkommt,  indem  er  erwähnt,  dass  sie  auch  in  der 
deutschen  Sprache  glänzte.-)  Auch  die  Eleganz  seines  Brief- 
stils wird  eben  dort  erwähnt.  Ferner  wird  da,  wo  sein  Herz 
(affectus)  gepriesen  wird,  der  Gründung  von  Corvey,  des  deut- 
schen Corbeia,  durch  Adalhard  ein  Jahr  nach  seiner  Rückkehr 
(822),  gedacht,  indem  namentlich  die  Oertlichkeit  hier  genauer 
beschrieben  wird  (c.  65  ff.).  Diese  neue  Pflanzung  war  die 
grösste  Freude  seiner  letzten  Lebensjahre.  —  Der  Autor  geht 
dann  (c.  73)  zur  ausführlichen  Erzählung  von  seinem  Tode 
über,  woran  sich  noch  eine  klagende  und  tröstende  Schluss- 
rede reiht,  bald  an  die  Welt,  bald  an  Adalhard  oder  seine 
Mönche  gerichtet.-'')  Endlich  wird  noch  seines  Grabes  gedacht. 
Zehn  Jahre  nach  Adalhard  starb  sein  jüngerer  Bruder 
Wala  (S36);  und  nicht  lange  danach  begann  Radbert  dessen 
Epitaphi(i7n,  wie  er  selbst  nach  dem  Vorgänge  des  Hieronymus 
diese  Vita  nennt,  zu  verfassen,  aber  zunächst  nur  ein  Buch, 
welches  bis  zum  Jahre  S26  geht.  Ihm  Hess  er  erst  nach  S51  ein 
zweites  Buch  folgen.  Dies  Werk  hat  nun  die  eigenthümliche 
Form  einer  Conversation,  einer  Unterhaltung  Radberts  (Pascha- 
sius)  mit  ein  paar  seiner  Confralres  von  Corbie.^)  Diese  Form 
ist  wohl  im   Hinblick   auf  die  Dialoge  des  Sulpicius  Severus 


I)  luxta  oratores ,  sagt  er,  indem  er  „-was  im  griechischen  ein  yaoa- 
y.rr,QiGfi6s  heisst",  geben  will. 

2) Vel  quis  sine  mentis  scrupulo  poterit  epistolarum  eius  nitorem 

eloquentiae  recitare?  quem  si  vulgo  audisses.  dulcifluus  emanabat:  si  vero 
idem  barbara,  quam  Teutiscam  dieunt,  lingua  loqueretur.  praeminebat 
claritatis  eloquio. 

3)  Hier  wird  c.  S4  die  Mythe  von  dem  zur  Unterwelt  hinabgestiegenen 
Orpheus  erzählt,  dessen  Beispiel  zu  folgen  die  Mönche  keinen  Anlass 
hätten:  Neque  igitur  iuxta  quod  fabulae  ferunt  Treicium  fecisse  vatem, 
gemimus  apud  inferos  coniugis  mortem,  sed  super  astra  toUimus  Patris 
nomen  etc. 

4)  Adeodatus,  Severus  und  Chremes  im  !.  Buch;  dass  die  Namen 
Verstecknamen  sind,  scheint  der  letzte  namentlich  zu  beweisen,  der  aus 
dem  mehrfach  citirten  Terenz  offenbar  entlehnt  ist,  ebenso  entspricht  der 
Charakter  des  öfters  zurechtweisenden  Sever  dem  Namen. 


240  Radbert. 

Über  den  heiligen  Martin  gewählt'),  wenn  sie  auch  dort  in 
einer  andern  Weise  gehandhabt  wird.  —  Einer  jener  Mönche, 
Adeodatus,  hat,  wie  Paschasius  sagt  —  und  damit  beginnt  das 
erste  Buch  —  ihn  aufgefordert,  ein  Bild  von  dem  Charakter 
des  Wala,  der  hier  Arsenius  genannt  wird 2),  zu  malen,  nach 
Art  des  Zeuxis  zur  Erinnerung  für  Jahrhunderte  —  der  Nach- 
welt zum  Spiegel.  So  wenig  Paschasius  die  Lösung  -dieser 
Aufgabe  sich  zutraut,  so  will  er  doch  anheben  zu  erzählen, 
was  er  mit  seinen  Augen  geschaut,  mit  seinen  Ohren  ver- 
nommen und  vollständiger  durch  Nachdenken  erkannt  hat.  3) 
Adeodat  meint,  das  beste  in  Betreff  eines  Abgeschiedenen 
wäre,  seine  Tugenden  im  Geiste  sich  zu  wiederholen,  die  im- 
mer fortblühen  und  nicht  mit  ihm  sterben.  Paschasius  hat  nur 
noch  die  Besorgniss,  durch  seine  Darstellung  bei  vielen  anzu- 
stossen,  und  wenn  er,  wie  einer  der  Sprechenden,  Severus  ver- 
langt, zeige,  wie  Wala  in  sich  die  Charakterzüge  des  älteren 
Arsenius,  des  Benedict  und  des  Jeremias  vereinte,  kaum  ir- 
gend Glauben  zu  finden. 

Nach  solchen  weitläufig  ausgeführten  Präambulen  wird 
c.  1  mit  dem  Lobe  des  Wala  von  Paschasius  begonnen.  Denn 
auch  diese  Vita  ist  ein  Panegyricus  wie  die  andre,  und  wie  es 
die  Epitaphien  des  Hieronymus,  nur  in  der  Form  des  erzählen- 
den Briefstils,  auch  waren 4),  aber  es  ist  ein  Panegyricus  von 
durchaus  apologetischem  Charakter,  und  für  einen  solchen, 
wie  schon  Rodenberg  mit  Recht  bemerkt  hat,  die  Form  der 
Unterhaltung,  die  mitunter  einem  Plaidoyer  gleicht,  mit  vielem 
Geschick  gewählt:  in  ihr  Hessen  sich  bequem  die  Einwürfe 
machen,    die  Bedenken  wie  selbst  die  Anklagen   der  Gegner 


1)  Darauf  scheinen  namentlich  auch  die  frostigen  Spässe  über  einzelne 
der  Interlocutoren  hinzudeuten,  die  sich  hier  in  ganz  ähnlicher  Weise  wie 
dort  finden.  Auch  hat  Wala  ja  mit  Martin  die  eine  Verwandtschaft,  dass 
beide  zuerst  Soldaten  waren,  ehe  sie  die  Kutte  nahmen. 

2)  Wohl  nach  jenem  gelehrten  und  frommen  römischen  Diacon,  der  von 
Theodosius  zum  Erzieher  des  Arcadius  ernannt,  von  diesem  verfolgt,  in 
die  ägyptische  Wüste  sich  zurückzog.  Adalhard  dagegen  heisst  hier  An- 
tonius, wie  ihn  schon  Alcuin  nannte,  s.  oben  S.  237  Anm.  1.  Dieses 
Namens  gedenkt  auch  Paschasius  in  der  Vita  Adalhardi  c.  21. 

3)  Unde  exordiar  narrare  partim  quae  perspex  his  oculis,  partim  quae 
accepi  auribus  et  mente  plenius  intellexi. 

4)  S.  Bd.  I,  S.  187,  wo  ich  sie  als  Elegien  charakterisire. 


Tita  Walae.  241 

vorbringen,    um   ihre  Erledigung  zu  finden,    und  zugleich  die 
"Wahrheit  durch  Zeugen  (die  Interlocutoren  nämlich),   wie  Pa- 
schasius    einmal    sagt'),    erhärten.     Ausserdem   vermögen    die 
letzteren  auch   aus   ihrer  eigenen  Erfahrung  noch  Beiträge  zu 
dem   Charakterbilde   zu  liefern.     Der  apologetische  Charakter 
des  Werks  ergab  sich  aber  von  selbst  aus  der  Natur  und  Ge- 
schichte   des   Helden.     Er    hätte    sich    auch    rühmen    können, 
einer  der  am  besten  gehassten  Männer  zu  sein.     Es  war  eine 
thatkräftige,  aber  leidenschaftliche  Natur.     Ein  Mann,  der  zum 
Soldaten  geboren  war,  und  diese  Laufbahn  auch  zugleich  mit 
der  politischen  zuerst  ergriflf;  der,  als  er  dann  durch  das  Miss- 
trauen Ludwigs   bald  nach    dessen  Thronbesteigung  genöthigt 
wurde,  aus  der  Welt  sich  zurückzuziehen  und  in  dem  Kloster 
Corbie  eine  Zuflucht  zu  suchen,    auch   unter  der  Mönchskutte 
seinen  kriegerischen  Sinn  bewahrte  und  ihn  als  Staatsmann  in 
den    inneren    Streitigkeiten    des    Reiches    vollauf    befriedigen 
konnte.     Er  hat   in   den  unheilvollen   Bürgerkriegen  zur   Zeit 
Ludwigs  des  Frommen  eine  der  bedeutendsten  Rollen  gespielt. 
In  der  durch  Wiederholungen   und   Abstecher,    sowie  er- 
bauliche und  andere  Betrachtungen   ungemein  weitschweifigen 
und  hin-  und  herfahrenden  Darstellung,   die  ein  Abbild  einer 
Conversation  auch  in  der  Nachlässigkeit  und  Incorrectheit  des 
Ausdrucks  erscheint,   geht  der  Faden  der  Erzählung  oft  ganz 
verloren.     Trotzdem  lassen   sich   drei  Hauptabschnitte  in  dem 
ersten  Buche   erkennen,    von  welchen   der   erste   das   Leben 
Wala's    bis    zum   Eintritte    ins    Kloster   behandelt,    oder    viel- 
mehr die  Tugenden,  die  er  vor  seinem  Mönchthume  entfaltete, 
zu   rühmen    bestimmt  ist;    denn  biographische   Facta   werden 
nur  ganz  sporadisch  gegeben.     So  wird   seiner   schnellen  Auf- 
fassungsgabe,  seines  sichern  Urtheils,   seiner  Beredsamkeit  in 
„beiden  Sprachen",  wie  er  sie  im  Staatsrathe  zeigte,  gedacht.-) 


1)  Bei  der  Neuconstituirung  der  Gesellschaft  im  Beginne  des  2.  Buchs : 
quatenus  et  veritas  quasi  sub  tribus  testibus  melius  commendetur. 

21  Eloquentiam  quoque  utrarumque  linguarum,  qua  sapientia  plerum- 
que  iuvatur,  et  copiam  dicendi  ad  persuadendum  quae  vellet,  modestam 
nimis  dehabebat  (so  ist  gewiss  für  das  unverständliche  debebat  zu  lesen). 
Da  die  ganze  Darstellung  hier  mit  ..In  senatu  quidem  prae  cunctis  poUe- 
bat"  beginnt,  so  kann  ich  den  vorstehenden  Satz  nur  so  vne  oben  im  Text 
gegeben  auffassen,  und  unter  den  beiden  Sprachen  nur  das  Lateinische 
und  Deutsche,  nicht  das  Griechische  verstehen,   wozu  denn  auch  die  von 

Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  II.  16 


242  Radbert. 

Aber  für  diese  Thätigkeit  wurde  ihm,  wie  dem  Scipio,  von 
der  öffentlichen  Meinung  nur  mit  Undank  gelohnt  (c.  1).  So 
wird  seine  Jugenderziehung  am  Hofe  erzählt,  wo  er  den  „  libe- 
ralen Studien"  sich  hingab,  nach  göttlichem  Rathschluss  aber 
auch  eine  Demüthigung  erfuhr,  um  dann  bei  dem  Kaiser  be- 
sonders beliebt  zu  werden,  so  dass  ihm  die  wichtigsten  Aemter 
im  Frieden  und  Kriege  übertragen  wurden  (c.  6).  Nachdem 
dann  noch  gezeigt,  wie  der  Tugend  Wala's  der  Laienstand 
keinen  Abbruch  gethan,  wie  die  Kirche  aus  diesem  schon  die 
ruhmvollsten  Bischöfe  erhalten,  so  einen  Ambrosius  und  Hila- 
rius  (c.  7),  wird  Wala  als  Mönch  gepriesen  (c.  10  ff.)  und 
hiermit  beginnt  dann  ein  zweiter  Abschnitt.  In  diesem  bildet 
den  Hauptinhalt  eine  Vergleichung  Wala's  mit  seinem  Bruder 
Adalhard  und  die  Betheiligung  beider  au  der  Begründung  von 
Corvey,  wobei  denn  der  Löwenantheil  dem  Wala  gewährt  wird.') 
So  viel  man  auch  in  Betreif  des  letzteren  Punktes  die  Richtig- 
keit und  Unparteilichkeit  der  Darstellung  des  Paschasius  an- 
zweifeln mag,  ebenso  sehr  muss  man  sie  gewiss  in  Betreff  des 
ersteren  anerkennen.  Adalhard,  der  ältere,  ist  von  ruhigerer 
Ueberlegung  und  weiterer  Voraussicht,  auch  die  Folgen  be- 
denkend, und  reicher  an  Caritas;  Wala,  der  jüngere,  ist 
scharfsinniger,  schlagfertiger,  und  heftiger  bei  dem,  was  er  für 
Recht  hält.-)  Dieser  verhält  sich  zu  jenem,  wie  der  Sohn  zu 
dem  Vater  (c.  12).  Noch  ein  Charakterzug  Wala's,  der  hier- 
bei nicht  hervorgehoben  wird,  ist  beachtenswerth ,  sein  leb- 
haftes Stammesgefühl;  auch  als  Mönch  bewahrte  er  es  sich 
und  fühlte  sich  noch  als  Sachse,  so  wollte  er  in  das  schlech- 
tere Tuch  seiner  Landsleute  sich  kleiden  und  deren  Schuh- 
werk tragen,  was  Adalhard  nicht  erlaubte  (c.  16).  Lidess  ge- 
hörte er  diesem  Stamme  nur  mütterlicherseits  an.  Dass  er 
also  bei  den   Sachsen  sehr   beliebt  wurde,    lässt   sich    leicht 


Adalhard  gerühmte  Beredsamkeit  in  jenen  beiden  Sprachen  (s.  oben  S.  239, 
Anm.  2)  stimmt.  Wo  hätte  denn  Wala  auch  seine  Beredsamkeit  im  Grie- 
chischen entfalten  können? 

1)  Hier  wird  denn  auch  des  nahen  Verhältnisses  des  Radbert  zu  den 
beiden  Brüdern  gedacht,  c.  14  Ende  u.  c.  15.  So  sagt  an  jener  Stelle 
Severus:  Quae  omnia  melius  fortasse  Paschasius  novit,  qui  eis  (Adalh.  u. 
Wala)  comes  fuit  in  omnibus  specialis  et  quasi  tertius  inter  eos  in  omni 
negotio. 

2)  Iste  quasi  pro  iustitia  ferventior. 


Vita  Walae.  2J:3 

denken.  —  Von  Cap.  21  an  kann  mau  den  dritten  Abschnitt 
rechnen,  der  sich  bis  zum  Ende  des  ersten  Buchs  erstreckt. 
Hier  wird  Wala  als  Abt  gefeiert,  namentlich  die  Disciplin, 
die  er,  zum  Herrschen  geboren,  zu  führen  verstand,  aber  auch 
seine  Gerechtigkeitsliebe,  wovon  denn  verschiedene  Beispiele 
erzählt  werden. 

Das  zweite,  viel  später  abgefasste  Buch  hat  einen  etwas 
andern  Charakter.  Auf  die  Aufforderung  des  Adeodat  wird 
die  Unterhaltung  von  Paschasius  fortgesetzt,  das  Epitaphium 
zu  vollenden,  nachdem  ein  dritter  Mönch,  Theophrast,  zu- 
gezogen worden  ist,  da  die  beiden  andern  früheren  Interlocu- 
toren  indessen  verstorben  sind.  In  diesem  Buche  bildet  den 
Gegenstand  das  lieben  Wala's  nach  den  Erinnerungen  des 
Paschasius  vom  J.  82S  an  —  ein  paar  Jahre  bleiben  also 
unberücksichtigt  —  bis  zu  des  Helden  Ende.  Es  ist  die  Zeit 
seiner  ausserordentlichen  politischen  Thätigkeit,  seiner  Theil- 
nahme  an  der  Empörung  der  Söhne  Ludwigs  des  Frommen 
gegen  den  Vater,  aber  auch  an  den  Reformversuchen,  die  der- 
selben vorausgingen.  Wala  stand  auf  der  Seite  Lothars.  Und 
von  diesem  Parteistandpunkt  werden  denn  die  Ereignisse  vom 
Jahr  830  bis  836,  wo  Wala  im  Kloster  Bobbio,  dessen  Abt  er 
geworden,  starb,  betrachtet  und  geschildert.  Aus  dieser  Dar- 
stellung reflectirt  noch  die  ganze  Parteiwuth  jener  Zeiten,  in- 
dem der  Apologetiker  hier,  die  Furcht  zu  beleidigen  ablegend, 
von  der  Vertheidigung  zum  heftigsten  Angriff  übergeht;  aller- 
dings verbirgt  er  die  Namen  der  hohen  Personen,  Ludwigs, 
seiner  Söhne,  seiner  Gemalin  und  des  Herzogs  Bernhard  unter 
dem  Schleier  der  Pseudonymität ,  der  aber  durch  den  Zu- 
sammenhang leicht  sich  heben  Hess.')  An  einzelnen  Stellen 
macht  der  Zorn  den  Autor  beredt,  sonst  ist  auch  hier  die 
grosse  Weitschweifigkeit  zu  beklagen.  Die  wüthendsten  In- 
vectiven  schleudert  Radbert  hier  gegen  Bernhard,  den  er  schon 
durch    die    Bezeichnung    Ämisarius    brandmarkt;    dieser    Ver- 


1)  Schon  das  Pseudonym  des  Helden  konnte  darauf  führen,  auch 
bei  den  andern  Personen  solche  anzuwenden.  Ludwig  der  Fromme 
heisst  hier  Justinian ,  gewiss  im  Hinblick  auf  dessen  ausschweifende  Ge- 
malin Theodora,  indem  zugleich  auch  die  Bigotterie  Justinians  auf  Lud- 
wig passte;  Judith  Justina  —  Anbildung  an  Justinian;  Lothar  Honorius 
wohl  wegen  honor;  Pippin  Melanius;  Ludwig  der  Deutsche  Gratian;  Bern- 
hard Naso,  wohl  wegen  des  Verhältnisses  des  Ovid  zur  Julia. 

16* 


244  Raclbert,  Passio  Eufini  et  Yalerii. 

worfene  soll  nach  seiner  Berufung  an  den  Hof  alles  Unheil 
veranlasst  (c.  7),  die  Zwietracht  zwischen  Vater  und  Söhnen 
gesäet  haben,  und  indem  er  mit  der  Kaiserin  Ehebruch  trieb, 
die  Pfalz  zu  einem  Schauplatz  der  Schande  gemacht  haben. 
Nach  Radberts  unpolitischer  Anschauung  soll  eben  Uusittlich- 
keit  die  Ursache  der  Bürgerkriege  gewesen  sein,  und  so  die 
Empörung,  an  der  sein  Held  selbst  einen  so  bedeutenden  An- 
theil  nahm,  gerechtfertigt  sein. 

Endlich  hat  Radbert  auch  noch  die  Passion  der  um  das 
Jahr  2S7  in  dem  Gebiet  von  Soissons  hingerichteten  Märtyrer 
Rufinus  und  Valerius  auf  den  Wunsch  andrer  neu  bear- 
beitet. Auch  dieses  Werk  vermag  unsern  Autor  zu  charak- 
terisireu.  Man  sieht  da  recht,  mit  welchen  Mitteln  er  den 
ihm  vorliegenden  Stoff  aufzubauschen  und  auszuschmücken 
versteht,  um  auch  hier  seiner  weitschweifigen  Redseligkeit 
genugthun  zu  können.  Indem  er  seiner  Begeisterung  für  den 
Heiligeukultus  im  Eingang  Ausdruck  leiht,  will  er,  wie  man 
deren  Reliquien  in  goldenen  Büchsen  aufbewahrt,  ihre  Lebens- 
und Wundergeschichte  auch  in  ein  kostbares  Gewand  gekleidet 
sehen.  So  werden  die  einfachsten  Dinge  durch  lange  Para- 
phrasen ausgedrückt'),  und  der  Stil  mit  Metaphern  und  Ver- 
gleichungen  aufgeputzt,  auch  die  beliebten  Citate  aus  der  Bibel 
und  selbst  den  antiken  Poeten  dürfen  nicht  fehlen. 

Der  bedeutendste  theologische  Gegner  des  Radbert  war 
seltsamer  Weise  ein  Mönch  seines  Klosters,  Ratramnus'^),  einer 
der  hellsten  Köpfe  seiner  Zeit,  ein  Manu  von  umfassender 
Bildung,  gleich  Radbert,  aber  ein  logisch  geschulter  Geist,  der 
mit  kritischem  Sinne  begabt  war.  Für  den  letzteren  zeugt 
allein  schon,  dass  er  ein  paar  Schriften,  die  Hincmar  dem 
Hieronymus  beilegte,  als  unauthentisch  verwarf.  3)    Er  war  mit 


1)  Ein  Beispiel  statt  vieler:  Dum  ergo  athletae  regis  aeterni,  in  pene- 
tralibus  secretae  teUiiris  degentes,  tiirbariim  tumultus,  clamores  aulicos 
devitant,  dum  solitudinis  incolunt  secretum,  dum  quietem  supernae  con- 
templationis  amplectuntur ,  dum  volatu  mentis  temporalia  negligunt  et 
ad  aeterna  contendunt  etc. 

2)  Ratramni,  Corbeiensis  monachi,  Aeneae  etc.  opera  omnia  accur. 
Migne.  Paris  1852  (Migne's  Patrol.  lat.  Tom.  121).  —  Chr.  Baur,  Vorlesungen 
über  die  christl.  Dogmengeschiclite  Bd.  2.  Leipzig  1866.  S.   167  ff. 

3)  Ein  solcher  Sinn  für  literarische  Kritik  findet  sich  damals  auch  bei 


Katramnus,  De  corpore  et  sangiune.  245 

Lupus  innig  befreundet,  wie  mit  Gottschalk,  der  ihn  als  seinen 
Meister  verehrt.  Auch  der  Dichtung  hat  er  gehuldigt,  obgleich 
sich  von  seinen  Poesien  nichts  erhalten  hat.  Er  scheint  Lehrer 
der  Klosterschule  gewesen  zu  sein.i)  Dass  ein  solcher  Mann 
an  den  theologischen  Streitfragen,  welche  jene  Zeit  bewegten, 
den  lebhaftesten  Antheil  nehmen  musste,  versteht  sich  leicht. 
Einmal  rief  ihn  die  Abendmahlslehre  in  die  Schranken; 
allerdings  auf  die  besondere  Aufforderung  Karls  des  Kahlen, 
verfasste  er  sein  berühmtestes  Buch:  De  corpore  et  sunyuhie 
Bom'mi gegen  die  Mitte  d*s  Jahrhunderts.  Wie Ratramnus  selbst 
mittheilt,  hatte  der  König,  beunruhigt  über  die  ganz  verschie- 
dene Auffassung  des  Abendmahls  im  Volke,  die  figürliche  und 
die  substanzielle ,  auch  von  unserm  Autor  seine  Meinung  ver- 
langt. Ratramnus  verfährt  nun,  die  Streitfrage  zu  untersuchen, 
in  einer  für  jene  Zeit  wahrhaft  überraschenden  methodischen 
Weise.  Die  Frage  des  Königs  ist,  sagt  er,  ob  das,  was  in 
der  Kirche  in  den  Mund  der  Gläubigen  genommen  wird,  Leib 
und  Blut  Christi  im  Mysterium  oder  in  Wirklichkeit  wird;  ob 
dies  nur  den  Augen  des  Glaubens  sich  erschliesst,  oder  ob 
ohne  die  Verhüllung  eines  Mysterium  das  Schauen  des  Körpers 
das  äusserlich  sieht,  was  der  Blick  des  Geistes  innerlich 
schaut'-);  und  zweitens,  ob  es  derselbe. Leib  ist,  der  von  Maria 
geboren,  der  gestorben  und  wieder  auferstanden  und  zum 
Himmel  gefahren  ist.  Diese  Fragen  zu  beantworten,  bestimmt 
der  Autor  zunächst  die  Begriffe  von  Bild  (figura)  und  Wirk- 
lichkeit (veritas).  Darauf  gründete  er  dann  den  Schluss,  dass 
ein  Mysterium  sich  stets  unter  einem  Bilde  vollzieht,  d.  h.  wie 
er  diesen  Begriff  bestimmt   hatte,    einer  Verhüllung. 3)    Fehlt 


andern  bedeutenderen  Autoren,  wie  Florus,  Prudentius  z.  B.  S.  darüber 
Weizsäcker,  Hinkmar  u.  Pseudoisidor  in  Niedners  Zeitscbr.  f.  d.  histor. 
Theol.  1858,  S.  334  if. 

1)  Die  drei  letzten  Angaben  nach  dem  oben  S.  167  f.  betrachteten  an 
ihn  gerichteten  Gedichte  Gottschalks. 

2)  Quod  in  ecclesia  ore  fidelium  sumitur ,  corpus  et  sanguis  Christi, 
quaerit  vestrae  magnitudinis  excellentia,  in  mysterio  fiat  an  in  veritate: 
id  est,  utrum  aliquid  secreti  contineat,  quod  oculis  solummodo  fidci  pa- 
teat,  an  sine  cuiuscunque  velatione  mysterii  hoc  aspectus  intueatur  cor- 
poris exterius,  quod  mentis  visus  aspiciat  interius,  ut  totum  quod  agitur 
in  manifestationis  luce  clarescat  etc.  c.  5. 

3)  Figura  est  obumbratio  quaedam  quibusdam  velaminibug 


246  Ratramnus. 

diese,  ist  es  eben  kein  Mysterium.  Im  Abendmahl  liegt  aber 
ein  Mysterium  vor,  da  auch  nach  der  Consecration  Brod  und 
Wein  äusserlich  Brod  und  Wein  bleiben.  So  ist  schon  die 
figürliche  Auffassung  gerechtfertigt.  Erst  durch  ihre  Annahme 
ist  die  Wirkung  des  Grlaubens  bei  dem  Genüsse  nothwendiges 
Erforderniss.  Wäre  Leib  und  Blut  in  Wirklichkeit  vorhanden, 
hätte  der  Glaube  dabei  nichts  zu  thun.  —  Diese  Ansicht  führt 
dann  der  Verfasser  in  einer  Polemik  gegen  die  des  Radbert, 
den  er  selbst  allerdings  nicht  nennt,  sowie  durch  Vergleichung 
mit  der  Taufe  und  dem  Mannaregen,  und  durch  Berufung  auf 
die  Bibel  und  die  Kirchenväter  weiter  aus.  Im  Anschluss  an 
letztere  beantwortet  er  dann  auch  die  zweite  Frage  (c.  50  ff.). 
Das  ganze  Buch,  von  dessen  Gedankenarbeit  wir  nur  eine  An- 
deutung geben  wollten,  zeichnet  sich  vor  dem  des  Radbert 
durch  Uebersichtlichkeit,  Kürze  und  einfache  Klarheit  des 
Ausdrucks  vortheilhaft  aus. 

Noch  in  einer  andern  Schrift  erscheint  Ratramnus  als 
Gegner  des  Radbert,  indem  er  auch  hier  zugleich  den  so  weit 
gehenden  Wunderglauben  seiner  Zeit  bekämpft.  Es  ist  das 
Buch:  De  eo  quod  Christus  ex  ]'irijhie  juttus  est.  Freilich 
scheint  es  keine  Autwort  auf  die  oben  erwähnte  Schrift  Rad- 
berts, diese  vielmehr  später  abgefasst  zu  sein.  Der  Verfasser 
bezeichnet  auch  im  Eingange  als  die  Veranlassung  seines  Buchs 
die  Kunde,  dass  in  einzelnen  Gegenden  Deutschlands  die 
alte  Häresie  von  der  widernatürlichen  Geburt  Christi  aufge- 
taucht sei.  —  Auch  hier  finden  sich  das  methodische  Verfahren 
und  die  stilistischen  Vorzüge  des  Ratramnus  wieder.  Er  zeigt  zu- 
erst, wie  die  häretische  Ansicht  dem  Begriffe  der  Geburt  wider- 
streitet und  die  Unhaltbarkeit  ihrer  Motive,  dann,  wie  sie  den 
Aussagen  der  Bibel  und  dem  Urtheile  der  Kirchenväter  wider- 
spricht. 

Auch  über  eine  andre  wichtigere  Streitfrage  jener  Zeit, 
die  der  Prädestination,  gab  Ratramnus,  und  diesmal  wie- 
der auf  die  Aufforderung  Karls   des  Kahlen,   sein  Gutachten 


quod  intendit,  ostendens;  verbi  gratia,  Verbum  volentes  dicere,  pa- 
nem  nuncupamus :  sicut  in  oratione  dominica  panem  quotidianum  dari 
nobis  expostidamus;  vel  cum  Christus  in  Evangelio  loquitur:  Ego  sum 
panis  vivens  qui  de  coelo  descendi  (Joann.  VI,  41);  vel  cum  se  ipsum 
vitem,  discipulos  autem  palmites  appellat  etc.  Haec  enim  omnia  aliud 
dicunt  et  aliud  innuunt.     c.  7. 


De  praedestinatione  Dei.  247 

ab  in  den  zwei  Büchern:  De  praedestinatione  Bei,  in  welchen 
er  zu  der  Ansicht  Gottschalks,  ohne  indessen  diesen  zu  er- 
wähnen, sich  bekennt  und  dieselbe  begründet.  Auch  er  nimmt 
eine  doppelte  Prädestination,  also  auch  eine  der  Bösen  zu  der 
ewigen  Strafe  an,  und  diese  bedingt  durch  die  Präscienz  Gottes. 
Diesem  streitigen  Punkte  ist  das  zweite  Buch  gewidmet,  auf 
welches  das  erste  nur  vorbereitet.  Endlich  hat  noch  Ratram- 
nus  die  lateinische  Kirche  in  einem  Werke  von  vier  Büchern') 
gegen  die  Angriffe  vertheidigt,  welche  der  Kaiser  Photius  S67 
in  einem  Circularschreiben  an  die  Bischöfe  des  Orients  auf  sie 
richtete.  Von  diesem  Werke  rühmt  Neauder,  es  zeichne  sich 
besonders  durch  die  christliche  Mässiguug  und  Geistesfreiheit 
aus,  mit  welchen  Ratramnus  das  Gewicht  der  Verschieden- 
heiten, welche  nur  Kircheugebräuche  betreffen,  beurtheile."-) 
Und  so  bestätigt  auch  dieses  in  leichtem  Stile  geschriebene 
Werk,  das  zugleich  des  Autors  umfangreiche  Kenntniss  der 
Kirchenväter  besonders  bezeugt,  das  ihm  von  uns  gezollte 
Lob.  Nach  dieser  Zeit  haben  wir  kein  weiteres  Lebenszeichen 
von  ihm. 


ELFTP:S  KAPITEL. 

HINCMAR    VON    REIMS. 

In  dem  Streite  über  die  Frage  der  Prädestination,  welche 
die  Theologen  Westfranciens  noch  mehr  als  die  der  Auffassung 
des  Abendmahls  beschäftigte,  spielt  eine  der  ersten  Rollen,  als 
Hauptgegner  des  Gottschalk,  der  Erzbischof  HincmaR'^  von 
Reims.  Er  ist  eine  der  bedeutendsten  historischen  Persönlich- 
keiten jener  Zeit,  ein  Mann  viel  mehr  der  That,  als  der  Feder, 


1)  Contra  Graccorum  opposita  Romanam  ecclesiam  infamaaliuin. 

2)  Neander,  Gesch.  der  christl.  Religion  u.  Kirche,  Bd.  IV,  S.  611. 

3)  Hincmari,    Rhemeiis.    ai'chiepisc. ,    opera    omnia   accurante  Migne. 
•2  Bde.    Paris  1S52.    (Patrologia  lat.  T.  125  u.  126). —* Hincmari,  archiep. 

Rhemens.,  opera,  cura  et  studio  J.  Sirmondi.  2  Bde.  Paris  1645.  fol. 

V.  Noorden,   Hinkmar,   Erzbischof  von  Rheims.     Ein  Beitrag  zur   Staats- 
und Kirchengeschichte  des  -westfränk.  Reichs.    Bonn  1S63. 


248  Hincmar. 

SO  viel  er  auch  geschrieben  hat,  wie  denn  auch  weitaus  die 
meisten  seiner  Schriften  ganz  reellen  kirchlichen  oder  poli- 
tischen Zwecken  dienen;  doch  sind  unter  ihnen  einzelne  auch 
literargeschichtlich  interessant. 

Hincmar  war  von  fränkischer  Abkunft  und  edlem  Ge- 
schlechte; er  wurde  nm  das  Jahr  S06  geboren  und,  schon  als 
Knabe  zum  geistlichen  Stande  bestimmt,  dem  Kloster  St.  Denis 
übergeben.  Dort  erzog  ihn  der  hochgebildete  Abt  Hilduin, 
der  822  Erzkanzler  Ludwigs  des  Frommen  wurde. ')  Ihm  folgte 
Hincmar  an  den  kaiserlichen  Hof,  dessen  Einrichtungen,  wie 
eins  seiner  Werke  zeigt,  er  so  genau  kennen  lernte.  Dort 
wurde  dem  noch  sehr  jugendlichen  Manne,  der  sich  dem 
frommen  Ludwig  auch  durch  seine  asketische  Gesinmmg  em- 
pfahl, 829  der  ehrenvolle  und  bedeutende  Auftrag,  aller- 
dings im  Verein  mit  Hilduin  und  andern  Prälaten,  das  Kloster 
St.  Denis  durch  Einführung  der  Ordnung  des  h.  Benedict  zu 
reformiren.  Hincmar,  bisher  nur  Canonicus,  wurde  jetzt  selbst 
Mönch.  Obgleich  er  aber  sich  der  besondern  Gunst  Ludwigs 
des  Frommen  und  nicht  minder  der  Karls  des  Kahlen  erfreute, 
so  beginnt  er  doch  erst  nach  dem  Vertrage  von  Verdun  eine 
Rolle  im  öffentlichen  Leben  zu  spielen.  Bis  dahin  scheint  er 
vornehmlich  gelehrten  theologischen  Studien  sich  gewidmet  und 
in  dieser  Zeit  seine  ausgebreitete  Kenntniss  der  Kirchenväter 
erworben  zu  haben.  Nachdem  er  schon  844,  in  welchem  Jahre 
er  noch  Presbyter  war,  ein  paar  Klöster  von  Karl  verliehen 
erhalten,  wurde  er  das  Jahr  darauf  zum  Erzbischof  von  Reims 
erhoben,  welcher  angesehenste  und  mächtigste  Bischofsstuhl 
Westfranciens  längere  Zeit  unbesetzt  geblieben  war. 

Die  ausserordentliche  Wirksamkeit,  die  Hincmar  in  dieser 
Stellung  bis  zu  seinem  Lebensende  (882)  nicht  bloss  unter 
Karl  dem  Kahlen,  sondern  auch  unter  seinen  schwachen  Nach- 
folgern, in  Kirche  und  Staat  entfaltet  hat,  können  wir  hier  im 
einzelnen  nicht  verfolgen.  Er  war  ein  Mann  von  seltener 
Willenskraft  und  Energie,  aber  herrisch  und  leidenschaftlich, 
der  für  die  Rechte  seiner  bischöflichen  Metropolitangewalt 
gegen  das  Papstthum  wie  gegen  das  Königthum  mit  gleicher 
Kühnheit  in  die  Schranken  trat,  und  seine  kirchlichen  und 
religiösen    Ansichten   gegen    alle    Welt    unermüdlich    bis    zum 


1)  S.  über  ihn  weiter  unten  u.  vgl.  oben  S.  147. 


Leben.    De  praedestinatione  Dei  etc.  249 

äussersten  zu  vertheidigen  wiisste,  der  aber  mit  vieler  Klug- 
heit, ja  Schlauheit  ausgerüstet,  auch  in  der  Wahl  seiner  Mittel 
nicht  verlegen  war  und  sich  manche  Zweideutigkeit  zu  Schul- 
den kommen  liess.  Andrerseits  aber  hat  er,  den  DUmmler') 
die  leitende  Seele  der  westfränkischen  Politik  nennt,  die  durch 
sein  Amt  ihm  verliehene  bedeutende  Macht  auch  zur  Stärkung 
des  Königthums  und  zur  Befestigung  und  Erweiterung  des 
westfränkischen  Reiches,  so  viel  als  dies  damals  möglich  war, 
mit  seltener  staatsmännischer  Umsicht  verwandt. 

Trotz  seiner  grossen  praktischen  Thätigkeit  hat  Hincmar, 
wie  bemerkt,  viel  geschrieben,  meist  allerdings  kürzere  Ar- 
beiten, und  zwar  reine  Gelegenheitsschriften,  von  denen  manche 
überhaupt  keinen  literarischen  Charakter  haben,  wie  S^Tiodal- 
schreiben,  Denkschriften,  bischöfliche  Briefe  und  Erlasse."-) 
Auch  sein  umfangreichstes,  im  Anfange  der  sechziger  Jahre 
verfasstes  Werk:  Be  praedestinatione  Dei  et  libero  arbitrio 
interessirt  uns  hier  nur  indirect.  In  diesem  sehr  weitläufigen 
und  weitschweifigen  Opus,  das  auch  zum  grössten  Theile 
eine  blosse  Sammlung  von  Stellen  aus  den  Kirchenvätern 
ist,  sucht  Hincmar  noch  einmal  sein  ganzes  Auftreten  in  die- 
sem kirchlichen  Streite  zu  rechtfertigen,  insbesondere  aber 
die  Beschlüsse  der  Synode  von  Quiersj  (S53)  zu  verthei- 
digen, die  von  ihm  inspirirt  waren,  und  durch  die  zwei  Jahre 
darauf  folgende  Svnode  von  Valence  verworfen  wurden.  In 
jenen  Beschlüssen  war  nur  eine  einfache  Prädestination,  die 
einerseits  als  Gnade,  andrerseits  als  Gerechtigkeit  erscheint, 
angenommen,  und  indem  zwar  also  die  Bedeutung  der  Gnade 
zugegeben  wurde,  doch  der  freie  Wille  zum  Guten  im  Men- 
schen ausdrücklich  anerkannt,  nicht  minder,  dass  Gott  alle 
Menschen  selig  machen  wolle  und  Christus  für  alle  gelitten 
habe.  Diesem  Werke  Hincmars  war  schon  eine  andre,  spe- 
ciell  gegen  die  S}Tiodalbeschlüsse  von  Valence  von  ihm  ge- 
richtete Schrift  vorausgegangen,  die  uns  aber  nicht  mehr  er- 
halten ist.  Dass  aber  Hincmar  gerade  au  dieser  dogmatischen 
Frage  so  ausserordentlichen  Antheil  nahm,  lag,  abgesehen  von 
seinem  persönlichen  Verhältnisse  zu  Gottschalk,  hauptsächlich 


1)  Gesch.  d.  ostfränk.  Reichs  I,  S.  246. 

2)  S.   das  „Yerzeichniss  der  Schriften   und   wichtigeren   Briefe  Hink- 
mars"  bei  Noorden  S.  40.3  ff.     Es  sind  nicht  weniger  als  12.5  Nummern. 


250  Hincmar. 

in  der  hervorragenden  praktisch  sittlichen  Wichtigkeit,  welche 
sie  haben  konnte,  und  die  auch  Rabau  so  lebhaft  aufgeregt 
hatte,  denn  Gottschalks  Lehre  konnte  nur  zu  leicht  im  Volke 
zu  einem  sittlichen  Inditferentismus  führen.  —  Andre  theolo- 
gische Arbeiten  Hincmars,  worunter  auch  manche  kirchen- 
rechtliche, stets  durch  bestimmte  Anlässe  hervorgerufen,  liegen 
ausser  dem  Kreise  unserer  Betrachtung,  i) 

Dagegen  interessiren  uns  hier  ein  paar  Schriften  des 
Reimser  Erzbischofs,  die,  mehr  oder  weniger  von  politischer 
Bedeutung,  dem  Gegenstande  wie  der  Behandlung  nach  in 
den  Bereich  der  allgemeinen  Literatur  fallen.  Zwei  davon 
sind  auf  Karls  des  Kahlen  Wunsch  verfasst.  Die  eine:  De 
reifh  persona  et  reijio  ministerio  ist  eine  Art  von  FUrsten- 
spiegel,  wie  wir  ihnen  schon  begegneten -j,  zugleich  aber, 
wie  das  bei  den  Schriften  Hincmars  gewöhnlich,  mit  einer 
besondern  Tendenz  verfasst.  —  Nach  dem  an  den  König  ge- 
richteten Vorwort  soll  hier  von  ^dem  was  zur  Competenz  des 
königlichen  Amtes  gehört",  gehandelt  werden^):  zu  dem  Zwecke 
hat  Hincmar  was  davon  der  heilige  Geist  in  der  Bibel  und 
durch  die  katholischen  Doctoren  sagt,  hier  gesammelt;  und  in 
der  That  ist  dies  Werk  nur  eine  solche,  und  gewöhnlich  wört- 
liche, Compilation.  Die  Sammlung  ist  aber,  wie  Hincmar 
ferner  im  Vorwort  darlegt,   unter  einem  dreifachen  Gesichts- 


1)  Nur  einer  sei  hier  kurz  gedacht,  insofern  sie  wenigstens  indirect 
hier  für  uns  von  Bedeutung  sein  kann:  es  ist  die  um  862  verfasste  Schrift 
De  divortio  Lolharii  i^egis  et  reginae  Tetbergae.  Sie  enthält  nämlich  ein- 
mal manches  sittengeschichtlich  interessante  Material  über  das  eheliche 
Leben  in  jener  Zeit,  nicht  minder  aber  auch  über  den  damals  noch  in  Be- 
zug auf  Hexen,  Zauberer,  Liebestränke  herrschenden  Aberglauben  (s.  na- 
mentlich Interrog.  XV);  zugleich  dient  die  Schrift  aber  auch  recht  zur 
Charakteristik  ihres  Autors,  der  nicht  bloss  diesen  Aberglauben  theilt, 
sondern  auch  die  Gottesurtheile  hier  (Interrog.  VI)  in  Schutz  nimmt.  Vgl. 
auch  Noorden  S.  172  ff.  —  Hincmar  wird  auch  eine  philosophische,  an  Karl 
den  Kahlen  gerichtete  Schrift  De  diversa  et  inullipUci  animae  ratione, 
von  ihrem  ersten  Herausgeber  Sirmond  beigelegt,  dem  in  Betreff  der  Autor- 
schaft Noorden  mit  Gründen  beistimmt  (S.  t09).  Trotzdem  scheint  mir 
dieselbe  nicht  genügend  beglaubigt,  zumal  Flodoard  die  Schrift  unter  denen 
des  Hincmar  nicht  erwähnt. 

2)  S.  oben  S.  110,  198  u.  227. 

3) de  bis  quae  regio  ministerio,  vobis  a  Deo  commisso,  competere 

vidi,  quasi  scintillas  micantes  lumini  scientiae  vestrae  superadieci. 


De  regis  persona  et  regio  ministerio.  251 

punkte  vorgenommen  und  geordnet.  Erstens  nämlich  wird  von 
der  Person  des  Königs  und  dem  königlichen  Amte  im  all- 
gemeinen gehandelt;  zweitens  von  dem  Unterschiede,  der  bei 
der  Begnadigung  zu  machen  ist  (d.  h.  wo  dieselbe  stattfinden 
dürfe),  und  von  der  Bestrafung  „besonderer  Personen"'),  die 
als  unverbesserlich  die  Todesstrafe  verdienen,  was  von  man- 
chen bestritten  werde;  drittens  davon,  dass  auch  nahe  Ver- 
wandte, die  gegen  Gott,  die  heilige  Kirche  und  den  Staat 
sich  vergehen,  der  König  seines  Amtes  wegen  nicht  schonen 
dürfe.  Diese  Eintheilung  in  einen  allgemeinen,  einen  beson- 
dern und  einen  ganz  besondern  Theil  lässt  sich  allerdings  in 
dem  Werke  nachweisen,  indem  den  ersten  cap.  1 — 18,  den 
zweiten  cap.  19 — 28  und  den  letzten  cap.  29 — 33  bilden. 

Es  dünkt  mir  gar  nicht  unmöglich,  dass  die  zuletzt  be- 
handelte Frage  den  Anlass  zu  der  ganzen  Schrift  gegeben  hat, 
die  bisher  noch  keine  genauere  Untersuchung  gefunden  hat; 
denn  es  würde  dann  erst  die  eigeuthümliche  Eintheilung  ge- 
rechtfertigt erscheinen.  Man  erinnert  sich  hier  der  Empörung 
der  Söhne  Karls  des  Kahlen  Ludwig  (862)  und  Karlmann  (870), 
von  welchen  der  letztere  vom  Vater  selbst  mit  Blendung  be- 
sti'aft  wurde;  und  war  doch  die  Erhebung  der  nächsten  Bluts- 
verwandten in  dem  karolingischen  Reiche  seit  Ludwig  dem 
Frommen  überhaupt  etwas  gewöhnliches  geworden,  ja  sogar 
schon  unter  Karl  dem  Grossen  versucht  I-)  —  Uebrigens  lässt 
Hincmar  auch  in  solchen  Fällen  eine  Begnadigung  bei  wahrer 
Reue  zu,  bei  einer  solchen,  die  nicht  bloss  auf  das  Schuld- 
bekenntniss  sich  beschränkt  (c.  30).  Diese  Forderung  war  aber 
um  so  natürlicher,  als  die  Rückfälle  solcher  Empörer  in  jenen 
Zeiten  so  gewöhnlich  waren.  Beachteuswerth  ist  hier  die  Be- 
trachtung über  die  Zulässigkeit  der  Todesstrafe  überhaupt 
(c.  23),   ebenso   die  Rechtfertigung   der  Kriegsführung  in  dem 


1)  Et  de  ultione  speciaKum  personarum.    Praef. 

2)  Schon  hierdurch  war  allerdings  ein  Anlass  zur  Erörterung  der  Frage 
Hincmar  gegeben;  aber  ich  möchte  doch  nach  der  Composition  der  ganzen 
Schrift  eher  glauben,  dass  eine  von  jenen  Empörungen  der  Söhne  Karls 
des  Kahlen  selbst  die  Schrift  überhaupt  hervorgerufen  habe,  deren  Ab- 
fassungszeit sich  vielleicht  auf  Grund  dieser  Ansicht  bei  genauerer  Unter- 
suchung ergeben  möchte  —  eine  Untersuchung  die  ich  aber,  wie  billig,  den 
Historikern  überlasse,  für  welche  diese  Zeitbestimmung  mehr  Interesse  als 
für  uns  hier  hat. 


252  Hincmar. 

ersten  Theile  (c.  9  ff.)-  —  Von  den  Kirchenvätern  sind  nament- 
lich Augustin,  Ambrosius  und  Gregor  der  Grosse  benutzt. 

Das  andere  an  Karl  den  Kahlen  gerichtete  Buch  führt 
den  Titel:  De  cavendis  vitiis  et  virtutihiis  exercendis.  Die 
Anregung  zu  demselben  gab  der  Umstand,  dass  der  König  von 
Hincmar  die  Epistel  Gregors  des  Grossen  an  Reccared  zuge- 
sandt wünschte.  In  ihr  beglückwünscht  der  Papst  den  West- 
gothenkönig  wegen  seines  Uebertritts  zum  Katholicismus,  dankt 
für  die  ihm  tiberschickten  Geschenke  und  gibt  Reccared  einige 
kurze,  offenbar  durch  dessen  persönliche  Verhältnisse  bedingte 
Lebensregeln.  An  diesen  Brief,  den  Hincmar  zunächst  mit- 
theilt, und  zwar  an  das,  was  darin  über  die  Werke  des  Er- 
barmens gesagt  ist,  knüpft  er  sein  Buch,  in  welchem  er  auch 
vornehmlich  Gregors  Schriften  benutzt'),  unmittelbar  an,  in- 
dem er  die  Frage  erörtert,  in  wie  weit  die  Liebeswerke  zur 
Tilgung  der  Schuld  dienen  können.  Die  wahre  Reue  wird 
dabei  verlangt,  welche  in  der  Enthaltung  von  der  Sünde  sich 
bekundet  (c.  3),  Dies  bildet  den  Uebergang  zu  einer  Be- 
sprechung der  Hauptlaster,  als  welche  hier  aufgeführt  werden: 
avaritia,  superbia,  luxuria,  gula,  invidia,  ira;  bei  dem  letzten 
Laster  wird  noch  des  zelus  gedacht,  der  aber,  aus  einer  Tugend 
entsprungen,  an  sich  nicht  als  Sünde  zu  betrachten  ist.  Vor- 
trefflich ist  die  Schilderung  der  Wirkung  dieser  Leidenschaften 
auf  das  Aeussere  des  Menschen,  wie  beim  Zorn,  beim  Neid; 
auch  eine  Analyse  der  verschiedenen  Gestalt,  in  welcher  sie 
erscheinen  können,  z.  B.  der  Arten  des  Zorns  ist  beachtens- 
werth,  ebenso  die  auch  aus  reicher  Lebenserfahrung  geschöpf- 
ten Mittel  eine  solche  Leidenschaft,  wie  den  Zorn,  zu  be- 
siegen.-) Die  Darstellung  ist  vielleicht  gerade  bei  diesem 
Laster  um  so  trefflicher,  als  der  Verfasser  es  wohl  am  besten 
kannte;  sie  ist  energisch,  bilderreich.  —  Es  wird  hierauf 
noch  anderer  Fehler  und  Vergehen  gedacht,  wie  der  Verkleine- 
rung, des  Meineids,  der  Untreue  überhaupt  (c.  5):  dann  kehrt 


1)  Seine  Moralia  und  Homüien  namentlich. 

2)  Wie  viel  freilich  hier  überall  auf  Hincmars  eigene  Rechnung  kommt, 
vermag  ich  leider  nicht  zu  entscheiden,  denn  es  finden  sich  viele  und 
längere  Stellen  wörtlich  Gregor,  namentlich  seinen  Moralien  entlehnt;  die 
Citate  bei  Sirmond  sind  aber  ungenau  und  bei  Migne  nicht  controlirt,  ja 
manche  davon  weggelassen.  Die  Moralia  sind  aber  bekanntlich  ein  zu 
kolossales  Werk,  um  es  zu  diesem  Zwecke  durchlaufen  zu  können. 


De  cavendis  vitiis  etc.     De  ordine  palatii.  253 

erst  der  Verfasser  zu  den  Werken  der  Barmherzigkeit,  von 
denen  er  ausgegangen,  zurück  (c.  6),  um  ihren  Werth  zu  be- 
stimmen, und  von  der  Reue  zu  handeln,  sowie  vom  jüngsten 
Gerieht  und  der  Höllenstrafe,  der  Vermittelung  der  Heiligen 
und  dem  Hauptmittler  Christus,  der  sich  täglich  für  uns  auf 
dem  Altar  opfert  (c.  11),  indem  Hincmar  hier  in  der  Abend- 
mahlslehre der  Auffassung  des  Paschasius  Radbert  huldigt, 
dessen  Wunderglauben  er  überhaupt  theilte.^) 

Noch  ist  eine  politische  Schrift  Hincmars ,  die  nach  dem 
Tode  Karls  des  Kahlen  verfasst  und  in  mancher  Beziehung 
ein  Seitenstück  zu  der  „De  regis  persona  et  regio  ministerio" 
ist,  besonders  bemerkenswerth ,  da  sie  zugleich  eine  wichtige 
historische  Quelle  bildet.  Es  ist  eine  an  die  Grossen  des 
Reichs  i.  J.  SS2  gerichtete  Denkschrift-),  als  Karlmann,  der 
Enkel  Karls,  nach  seines  Bruders  Ludwig  Tode  Westfi*ancieu 
wieder  unter  einem  Scepter  vereinigte.  Damals  haben,  wie 
der  Eingang  der  Schrift  besagt,  die  Grossen  Hincmar  aufge- 
fordert, „zur  Unterweisung  des  jungen  neuen  Königs  und  zur 
Wiederaufrichtung  der  Ehre  und  des  Friedens  der  Kirche  und 
des  Reiches  die  kirchliche  Ordnung  und  die  Einrichtung  des 
königlichen  Hauses,  so  wie  er  es  gehört  und  gesehen  habe, 
darzulegen".-^)  —  Der  König  mag  also  erkennen,  meint  Hinc- 
mar, welche  Verpflichtungen  er  jetzt  hat,  und  den  Ermahnun- 
gen des  Königs  der  Könige  gehorchen,  der  von  ihm  eine 
Kenntniss  derselben  verlangt. 

Hiernach  behandelt  Hincmar  zuerst  die  k  i  r  c  h  1  i  c  h  e  0  r  d  - 
nung,  indem  er  zwischen  der  hohen  und  niedern  Geistlich- 
keit, den  Pontifices  und  Presbytern  unterscheidet,  von  welchen 
die  ersteren  die  Nachfolger  der  Apostel  sind,  deren  Stellung 
in  der  Kirche  einnehmen.  Die  Welt  wird  von  zwei  Gewalten 
regiert,  von  der  heiligen  Autorität  der  Oberpriester  und  der 
königlichen  Macht  (c.  5).  Indem  hier  dem  Könige  die  Beob- 
achtung  der   kirchlichen   Gesetze    zur   Pflicht   gemächt   wird. 


1)  So  stimmt  er  auch  in  der  Streitfrage  über  die  Geburt  Christi  Ead- 
bert  bei.    S.  Noorden,  S.  106,  Anm.  4. 

2)  Ad  Proceres  regni ,  pro  institutione  Carlomanni  regis  et  de  ordine 
palatii. 

3) ordinem  ecclesiasticum  et  dispositionem  domus  regiae  in  sacro 

palatio,  sicut  audivi  et  vidi,  demonstrem. 


254  Hincmar. 

wird  ihm  noch  besonders  eingeschärft,  bei  der  Besetzung  der 
Bischofstühle  nicht  durch  weltliche  Rücksichten,  Dienste,  Ge- 
schenke oder  Verwandtschaft  sich  bestimmen  zu  lassen  (c.  9). 
Dann  wird  die  Ernennung  von  solchen  Grafen  und  Richtern 
gefordert,  welche  die  Habsucht  hassen  und  die  Gerechtigkeit 
lieben  (c.  10);  woran  sich  noch  ein  paar  allgemeine  Regeln 
für  alle,  welche  eine  Herrschaft  ausüben,  schliessen,  die  wört- 
lich aus  dem  dem  Cyprian  fälschlich  beigelegten  Buche:  Dp 
diiodecim  abusivis  saeciili,  c.  6,  entlehnt  sind.  Im  übrigen 
wird  zur  weiteren  Belehrung  auf  frühere  Synodalbeschlüsse 
und  Capitularien  verwiesen  (c.  11). 

So  hat  Hincmar  bis  hierhin  den  zweiten  Theil  seiner  Auf- 
gabe noch  gar  nicht  erfüllt:  er  hat  von  der  Einrichtung 
des  königlichen  Hauses  nicht  gehandelt. *)  Dies  geschieht 
nun  erst  im  Folgenden  durch  eine  im  Hinblick  auf  seine  Zeit 
von  Hincmar  ausgeführte  auszügliche  Bearbeitung  einer  Schrift 
Adalhards:  De  ordine  palatii,  welche  jedoch  nicht  bloss  die 
Verwaltung  der  Pfalz,  sondern  auch  die  des  Reiches  zum 
Gegenstande  hatte,  und  hiernach  in  zwei  Abtheilungen  zerfiel. 
Beide  werden  denn  auch  von  Hincmar  berücksichtigt.  Von 
den  einzelnen  Hof-  und  Staatsämtern  und  ihren  Pflichten,  so- 
wie von  den  Reichs  Versammlungen  finden  sich  hier  die  wich- 
tigsten Mittheilungen-):  ihre  Schilderung  erscheint  zugleich 
aber  als  ein  Spiegelbild  für  die  Gegenwart,  in  der  ebenso 
wohl  das  Pflichtgefühl  der  Beamten  wie  der  Könige  selbst 
erloschen  war  und  an  die  Stelle  eines  festen,  wohlgeordneten, 
gesetzmässigen  Verfahrens  anarchische  Willkür  trat.  Das  alte 
Hof-  und  Staatswesen  wieder  herzustellen,  bedurfte  es  freilich 
mehr  als  dieser  Erinnerung  an  seine  Einrichtungen  und  an  den 
ursprünglichen  Charakter  der  überlieferten  Aemter,  es  bedurfte 
vor  allem  tüchtiger  sittlicher  Persönlichkeiten,  dieselben  zu 
bekleiden.  Und  so  fordert  denn  Hincmar  im  letzten  Capitel 
die  Proceres  auf,  dafür  zu  sorgen;  denn  aus  der  guten  alten 
Zeit  wären  keine  solchen  Beamten  mehr  übrig,  vielleicht  aber 
fänden  sie  sich  unter  den  Söhnen  der  letzteren. 


1)  Er  hat  sich  in  der  Beziehung  nur  mit  der  eben  erwähnten  Ver- 
weisung begnügt  (s.  c.  U);  trotzdem  thut  er,  als  wenn  er  in  der  Bearbei- 
tung der  Adalhardschen  Schrift  bloss  etwas  über  das  Maass  noch  hinzu- 
gebe, indem  er  sich  auf  Luc.  c.  10,  v.  35  bezieht. 

2)  S.  darüber  Waitz,  Deutsche  Verfassungsgeschichte  Bd.  3,  S.  412  ff. 


Vita  Remigii.  255 

Auch  auf  dem  Felde  der  Hagiographie  ist  Hincinar 
thätig  gewesen,  doch  auch  hier  nicht  ohne  persönliches  Inter- 
esse. So  hat  er  das  Leben  des  Schutzpatrons  der  Keimser 
Kirche,  des  h.  Remigius,  neu  bearbeitet,  auf  Grund  einer 
dem  Fortuuat  beigelegten  Vita,  welche,  wie  Hincmar  nach 
mündlicher  und  allerdings  wahrscheinlicher  Ueberlieferung  be- 
hauptet, selbst  nur  eine  auszügliche  Bearbeitung  einer  älteren 
war,  die  durch  diesen  Auszug  hernach  ganz  verdrängt  wurde 
und  verloren  ging.  Hincmar  hat  nun  keine  Mühe  gescheut, 
die  kurze,  bloss  zu  gottesdienstlichem  Zwecke  verfasste  Vita 
zu  einem  seines  Heiligen  würdigen  Buche  von  8S  Kapiteln 
aufzubauschen,  denn  unser  Autor  schien  den  Werth  der  Bücher 
auch  etwas  in  das  Volumen  zu  setzen.  Freilich  die  Art  der  Aus- 
führung ist  keineswegs  zu  rühmen.  Hincmar  nahm  das  Mate- 
rial, wo  er  es  bekommen  konnte,  aus  historischen  Werken,  als 
Gregor  von  Tours  und  den  Gesta  Francorum,  wie  aus  verschie- 
denen zerstreuten  Flugblättern  offenbar  legendarischer  Natur') 
und  aus  dem  Munde  des  Volkes-),  und  gab  es  —  wie  er  selbst 
naiv  genug  eingesteht  —  alles  zusammen  ohne  kritische  Aus- 
wahl, und  wo  es  möglich  war,  mit  den  eigenen  Worten  der 
Quelle,  indem  er  auf  die  Buntheit  des  Stiles,  die  davon,  wie 
er  selbst  zugibt,  die  nothwendige  Folge  war,  keine  Rücksicht 
nahm.  Ueberdies  hat  Hincmar,  den  Werth  des  Buches  zu  er- 
höhen und  gewiss  auch  zum  Zwecke  seiner  weiteren  Ver- 
grösserung,  wie  er  sagt,  nach  dem  Beispiele  des  h.  Gregor 
(von  Tours  nämlich)-^),  den  erzählten  Wundern  lange  moralische 
Betrachtungen  und  allegorische  Deutungen  —  wie  bei  ihm 
üblich  im  Geleite  vieler  Bibelcitate  —  öfters  hinzugefügt.    Bei 

1)  Wie  mit  Recht  Noorden  vermutliet  (S.  394,  Anm.  2),  der  überhaupt 
hier  zu  vergleichen. 

2)  Verum  et  illa  in  serie  digerens  quae  vulgata  relatione  percepi : 
quia  haud  longe  ante  nos  dictum  est  et  etiam  in  sanctis  Scripturis,  sed 
et  in  evangelica  veritate  comperitur:  vera  est  lex  historiae,  simpUciter  ea 
quae  fama  vulgante  colliguntur,  ad  instructionem  posteritatis  litteris  com- 
mendare.  Diese  Stelle  ist  auch  im  Hinblick  auf  die  Annalen  Hincmars 
von  Interesse. 

3)  Denn  auf  diesen  lässt  sich  wohl  nur  der  Zusatz  beziehen:  qui 
describens  sanctorum  actus   pravorumque  casus  exhortatione  inde 

assumpta multa  necessaria  et  utilia interposuit.   Die  im  Druck 

hervorgehobenen  Woi-te  würden  auf  die  Dialoge  Gregors  des  Grossen  nicht 
passen. 


256  Hincmar. 

alle  dem  hat  aber  der  Autor  das  Ziel  im  Auge,  durch  den 
wunderbaren  Glanz,  den  er  um  seinen  Heiligen  verbreitet, 
die  Bedeutung  der  Reimser  Kirche  in  das  hellste  Licht  zu 
setzen,  Avie  er  denn  auch  die  politische  Stellung  des  Remigius, 
sowie  die  ihm  von  Chlodwig  gewordenen  Schenkungen  zu  er- 
wähnen nicht  vergisst.  0  —  Auch  trat  Hincmar  für  die  Identität 
des  Areopagiten  mit  dem  heil.  Denis  in  die  Schranken  in 
einem  Schreiben  an  Karl  dem  Kahlen  v.  J.  877,  worin  er  eine 
Bearbeitung  des  Lebens  des  Sanctin,  eines  Schülers  des  Hei- 
ligen, gibt.  2) 

Noch  ist  hier  einer  kleinen  Schrift  Hincmars  zu  gedenken, 
in  welcher  er  eine  Vision  eines  gewissen  Bernold  erzählt, 
eines  ihm  bekannten  Laien  seiner  Parochie,  welcher  das  Ge- 
sicht, das  er  am  vierten  Tage  einer  schweren  Krankheit  hatte, 
dem  herbeigerufenen  Priester  mittheilte.  Seine  dem  Diesseits 
entrückte  Seele  traf  an  einem  gewissen  Orte  —  offenbar  dem 
Fegefeuer  —  eine  ganze  Anzahl  Bischöfe  (unter  welchen  er 
den  bekannten  Vorgänger  Hincmars,  Ebbo,  erkennt),  die  bald 
von  Hitze,  bald  von  Kälte  geplagt  werden;  ferner  sieht  er 
ausser  andern  den  König  Karl  den  Kahlen  in  Schmutz  und 
Fäulniss,  von  Würmern  verzehrt,  an  einem  finstern  Orte,  in 
den  aber  die  Strahlen  und  Düfte  eines  andern,  glänzenden, 
drangen,  welcher  die  Ruhe  der  Heiligen  hiess ;  auch  schaut  er 
einen  hässlichen  Brunnen,  der  Flammen  und  Rauch  ausspeit, 
und  ein  pechschwarzes  Wasser,  und  Seelen,  wie  das  Vieh  von 
Teufeln  getrieben.  Die  Seelen  aber,  denen  er  begegnet,  sen- 
den ihn  an  noch  Lebende,  so  Karl  an  Hincmar,  um  sie  durch 
ihre  Fürbitten  zu  befreien;  diese  Aufträge  erfüllt  Bernold  selt- 
samer Weise  auch  in  der  Vision  selbst  und  sieht  die  Erfolge 
derselben.  —  Hincmar,  der  nach  des  Presbyters  Aussage  die 
Vision  aufzeichnete,  und  sie,  offenbar  in  seinem  persönlichen 
hierarchischen  Interesse''),  verbreitete^),  hält  sie  für  wahr,  wie 


1)  S.  c.  41.  —  Hier  sei  noch  bemerkt,  dass  c.  29  der  Trojanersage 
der  Franken  gedacht  wird. 

2)  S.  darüber  Noorden  S.  397  ff. 

3)  Karl  der  Kahle  sagt,  dass  er  deshalb  für  seine  Sünden  büsse,  weil 
er  Hincmars  Rathschlägen  nicht  gefolgt  sei.  —  Er  nur  kann  ihn  erlösen. 

4)  Quam  visionem  domnus  Hincmarus  —  —  per  loca  ubi  necesse 
Visum  est  exponens,  ad  multorum  notitiam  pervenire  fecit.  Flodoard, 
Hist.  eccles.  Rem.  1.  HI,  c.   18. 


Yisio  Bernoldi.  257 

er  sagt,  im  Hinblick  auf  die  älteren  Visionen,  die  er  in  den 
Dialogen  des  li.  Gregor,  in  Beda's  Geschiclite  der  Angeln,  in 
den  Scliriften  des  beil.  Bouifaz  und  als  in  seinem  Zeitalter 
dem  Wettin  offenbart  gelesen  babe. ') 

Nacb  soleben  Werken  sollte  mau  uicbt  erwarten,  Hincmar 
unter  den  tücbtigsten  Annalisten  seiner  Zeit  zu  begegnen :  diese 
seine  weltlicbe  bistoriograpbiscbe  Tbätigkeit,  zu  welcber  aller- 
dings seine  staatsmännisebe  Begabung  und  Wirksamkeit  ibn 
vorztiglicb  ausrüsteten,  werden  wir  erst  w^eiter  unten  im  Zu- 
sammenbange mit  der  fernereu  Gescbicbte  der  Reicbsannalen 
überbaupt  betracbteu.-) 


ZWÖLFTES  KAPITEL. 

JOHANNES    SCOTUS    ERIGENA. 

Es  war  aucb  der  Streit  über  die  Prädestinationsfrage,  in 
welcbem  zuerst  allgemeineres  Aufsebeu  erregte  eine  ganz  andre 
gelebrte  Persönlicbkeit  aus  dem  Kreise  Karls  des  Kablen,  ein 
balber  Laie,  denn  er  batte  keine  der  kircblicben  Weiben  er- 
halten.-) Obgleicb  von  Hincmar  zu  seinem  Auftreten  auf  die- 
sem Kampfplatze  veranlasst,  erklärte  er  sieb  zwar  aucb  gegen 
dessen  Feind,  Gottscbalk,  aber  in  einer  von  dem  Erzbiscbof 
nicbt  erwarteten,  ja  durchaus  perborrescirten  Weise.     Es  war 


1)  Hiermit  werden  also  die  zu  Hincmars  Zeit  bekannten  Visionen  auf- 
geführt, wir  haben  ihrer  sämmtlich  früher  gedacht,  s.  Bd.  I,  S.  522  f.,  599, 
615  u.  oben  S.  149  ff.  Auch  die  Vision  Bernolds  geht  in  ihren  Grundzügen 
auf  Gregors  Darstellung  zurück. 

2)  Hincmar  hat  sich  auch  im  Versemachen  versucht;  so  haben  sich 
denn  einige  Epigramme  und  ein  längeres  Gedicht  in  Distichen  an  die 
Jungfrau  Maria  erhalten,  welches  Mai,  Classicor.  auctor.  e  Vaticanis  codd. 
editor.  T.  V,  p.  452  ft'.  herausgegeben  hat.  Dasselbe  ist  in  dogmengeschicht- 
licher Beziehung  nicht  ohne  Interesse,  wie  denn  hier  auch  die  Geburt 
Christi  als  „utero  clause"  erfolgt  (v.  10)  bezeichnet  wii-d.  Von  Poesie  ist 
in  den  Versen  Hincmars,  deren  Sprache  steif  und  dunkel  ist.  nichts  zu 
verspüren. 

3)  Der  früher  mit  Erigena  befreundete  Prudentius  nennt  ihn  De 
praedest.  c.  3:  ..nuUis  ecclesiasticae  dignitatis  gradibus  insignitura,  nee 
unquam  a  catholicis  insigniendum." 

Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  H.  17 


258  Erigena. 

dies  der  bedeutendste  Denker  dieses  Jahrhunderts,  dessen  philo- 
sophische Werke  wahrhaft  Epoche  machen,  Johannes  Scotus'), 
später  auch  Erigena  genannt.-)  Unter  Scotia  verstand  man  in 
jener  Zeit  bekanntlich  nicht  bloss  Schottland,  sondern  auch 
Irland,  selbst  ganz  vorzugsweise,  da  es  ja  die  ursprüngliche 
Heimath  der  Schotten  war.  Und  in  der  That  kann  man  kaum 
zweifeln,  dass  Johannes,  worauf  auch  der  andre  Beiname  deutet 3)^ 
in  Irland  geboren  und  gebildet  worden  ist^),  in  Irland,  aus  dem 
schon  seit  Jahrhunderten  so  viele  Missionare  nicht  bloss  des 
Glaubens,  sondern  auch  der  Wissenschaft  nach  dem  Contiuent 
auswanderten ;  und  die  Emigration  der  letzteren  scheint  gerade 
in  dieser  Zeit  eine  besonders  lebhafte  gewesen  zu  sein.^)  Mehr 
als  sein  Vaterland  ist  die  Zeit  seiner  Geburt  ungewiss,  über 
die  uns  jede  Nachricht  mangelt.  Seine  Ankunft  in  West- 
francien  aber  erfolgte  in  den  vierziger  Jahren,  und  wohl  in  dem 
Anfange  derselben:  dort  fand  Erigena,  zuerst  in  unsicherer 
Lage,  bald  am  Hofe  des  wissbegierigen  jungen  Königs,  eine 
gastliche  Aufnahme.  Er  wurde  Lehrer,  ja  Vorstand  der  Hof- 
schule, und  erfreute  sich  der  besondern  Gunst  Karls  des  Kahlen, 
welcher,  wenn  spätere  Traditionen  die  Wahrheit  abspiegeln,  mit 
ihm  auch  einen  vertrauteren  gesellschaftlichen  Umgang  pflog. 


1)  Joannis  Sooti  opera  qiiae  supersunt  omnia  ad  fid.  italic,  gerTnanic, 
belgic.    codd.  partim  primus   edid. ,  pai'tim  recognovit   H.  J.  Floss.    Paris 

1853.  4*'  (Bd.  122   der  Patrol.   lat.  von  Migne). Huber,  Job.  Scotus 

Erigena.  Ein  Beitrag  zur  Gescbicbte  der  Philosophie  und  Theologie  im 
Mittelalter.  München  1861.  —  Noack,  Job.  Scotus  Erigena.  Sein  Leben 
und  seine  Schriften.  Leipzig  1876.  (Kirchmanns  philos.  Bibliothek  Bd.  66.) 
—  Ritter,  Geschichte  der  Philosophie.  Bd.  7.  Hamburg  1844.  —  Prantl, 
Geschichte  der  Logik  im  Abendlande.  Bd.  2.  Leipzig  1861.  S.  20  ff.  — 
Reuter  a.  a.  0.  S.  .51  ff. 

2)  Die  ältesten  Handschriften  haben  nur  Joannes  Scotus  oder  Joannes 
Jerugena;  über  die  Herleitung  dieses  Namens  s.  Huber  S.  38  ff. 

3)  Mindestens  als  Tradition  in  der  umgewandelten  Form:  Erigena. 

4)  Dafür  spricht  auch  die  Anrede  des  Prudentius  an  Erigena  in  seiner 
Streitschrift  De  praedest.  c.  14:  Te  solum  acutissimum  Galliae  transmisit 
Hibernia  (was  Huber  bemerkte)  und  nicht  minder  die  oben  S.  118  Anm.  l 
citirte  Stelle  des  Heiricus,  eines  indirecten  Schülers  des  Erigena,  in  der 
Praefatio  zu  seiner  Vita  S.  Germani,  dass  aus  Hibernia  eine  ganze 
Schaar  Philosophen  unter  Karl  dem  Kahlen  nach  Westfrancien  eingewan- 
dert sei,  endlich  auch  die  Kenntniss  der  griechischen  Sprache. 

5)  S.  oben  bei  Sedulius  (S.  191)  u.  die  eben  erwähnte  Stelle  des  Heii-ic. 


Leben.  259 

Als  Lehrer  hat  Erigena,  wie  sich  dies  auch  kaum  anders 
erwarten  lässt,  bedeutend  gewirkt,  und  zwar  nicht  bloss  durch 
die  Anregung  zur  Speculation,  die  er  gab,  sondern  auch  durch 
Verbreitung  der  Kenntuiss  des  Griechischen,  der  wir  gerade 
bei  seinen  Nachfolgern,  mag  sie  auch  bei  ihnen  noch  so  ober- 
flächlich sein,  wie  bei  ihm  selbst  begegnen.  Erigena's  be- 
sondere Bildung  ruhte  ja  auch  hauptsächlich  auf  seiner  Kennt- 
niss  der  griechischen  Kirchenväter  und  griechischer  Philosophen, 
obwohl  er  nicht  überall  deren  Werke  im  Original,  oder  ohne 
Beihülfe  lateinischer  Bearbeitungen  studirt  haben  mag,  denn 
auch  seine  Kenutniss  des  Griechischen  war  eine  unvollkommene, 
wie  er  selbst  zugibt.  Den  bedeutendsten  Eiufluss  aber  haben 
auf  ihn  die  Schriften  des  vermeintlichen  Dionysius  Areo- 
pagita  gehabt,  in  welchen  eine  Christianisirung  des  Neu- 
platonismus  erscheint.  Dieselben  waren  schon  unter  König 
Pippin  als  Geschenk  des  Papstes  nach  dem  Frankenreiche  ge- 
kommen, dann  wieder  von  dem  griechischen  Kaiser  Michael 
Baibus  Ludwig  dem  Frommen  gesandt  worden.  Indem  man 
mm,  wie  dies  auch  Erigena  thut,  den  in  der  Apostelgeschichte 
erwähnten  Areopagiten  mit  dem  heil.  Dionys  von  Paris,  der 
unter  Decius  den  Märtyrertod  erlitt,  identificirte ,  so  schätzte 
man  diese  Schriften  in  Westfrancien  doppelt  hoch,  und  hoffte 
von  ihnen,  je  weniger  man  sie  kannte,  um  so  mehr  tiefer 
religiöser  Geheimnisse  Enthüllung. 

So  kam  es,  dass  Karl  der  Kahle,  welcher  an  der  theo- 
logischen Speculation  ein  lebhaftes  Interesse  nahm,  Erigena  zu 
einer  Uebersetzung  jener  Schriften  ins  Lateinische  aufforderte 
—  wohl  das  erste  Werk  das  derselbe  an  seinem  Hofe  aus- 
führte. Er  widmet  es  denn  auch  dem  Könige  als  Opferspende 
des  „advena  Joannes"  in  einem  elegischen  Gedichte,  dem  eine 
längere  Zuschrift  in  Prosa,  die  zugleich  Vorwort,  folgt.  Hier 
gibt  er  seiner  Bewunderung  des  Königs,  der  trotz  der  bestän- 
digen Unruhe  der  Bürgerkriege  und  der  Einfälle  der  heid- 
nischen Barbaren  mit  der  ganzen  Sammlung  des  Geistes  und 
Andacht  des  Herzeus  in  die  Geheimnisse  der  heil.  Schrift  ein- 
zudringen suche,  und  deshalb  auch  die  griechischen  Väter  zu 
Rathe  ziehen  wolle,  einen  unverhüllten  Ausdruck,  worauf  er 
dann  das  Leben  des  Autors  behandelt  und  den  Inhalt  der 
übersetzten  Bücher  kurz  anzeigt.  —  Danach  übertrug  auch  auf 
Karls  Befehl   Erigena    eine   Erklärung  schwieriger  Stellen    in 


260  Erigena 

den  Reden  des  Gregor  von  Naziauz  von  Maximus,  welches 
Buch  in  der  Uebersetzung  Amhiijua  betitelt  ist.  Erigena  ent- 
schloss  sieh  um  so  eher  zu  derselben,  trotz  aller  Schwierig- 
keiten, die  sie  darbot,  als  das  Buch  auch  sehr  dunkle  Sätze 
des  Dionys  erläutere,  wovon  er  Beispiele  in  der  Vorrede  gibt. 
Freilich  ist  diese  Uebertragung  eine  recht  fehlervolle,  zum 
Theil  wohl  weil  der  König  sie  sehr  bald  verlangte.  Der  des 
Dionys  aber  wurde  schon  von  Zeitgenossen  Erigena's  Dunkel- 
heit vorgeworfen,  und  diese  nicht  mit  Unrecht  auch  auf  die 
allzu  wörtliche  Wiedergabe  geschoben.  Uebrigens  bemühte 
sich  Erigena  die  Schwierigkeiten,  welche  der  Autor  bietet,  auch 
selbst  durch  Commentare  zu  heben,  die  er  zur  Erklärung 
seiner  Bücher  verfasste,  welche  Commentare  uns  aber  nur  zum 
Theil  erhalten  sind. 

Während  nun  also  Erigena  im  Dienste  seines  königlichen 
Gönners  die  Wissenschaft  pflegte,  und  durch  diese  Studien, 
namentlich  auch  des  Dionysius,  sein  philosophisches  System 
ausbildete,  das  er  in  einem  grossen  Orginalwerk  darnach 
niederlegte,  wurde  er  durch  Hincmar,  wie  bemerkt,  in  den 
theologischen  Kampf,  der  in  jener  Zeit  Westfrancien  so  sehr 
bewegte,  hineingezogen  (851).  Hincmar,  von  vielen  Seiten, 
namentlich  von  den  Theologen  Lyons  angegriffen,  hoffte  von 
der  grossen  Gelehrsamkeit  Erigena's,  den  er  wohl  sicher  als 
einen  Gegner  der  Gottschalkschen  Meinung  kannte,  die  kräftigste 
Unterstützung.  Erigena  aber,  der  auf  seinem  philosophischen 
Standpunkt  über  beide  Parteien  sich  erhob,  verdarb  es  mit 
beiden,  zog  aber  namentlich  die  Angriffe  der  Gegner  Hincmars 
auf  sich,  die  den  Philosophen  in  den  heftigsten  Streitschriften 
zugleich  als  Ketzer  denuncirten;  und  seine  in  dem  Buche  über 
die  Prädestination  ausgesprochenen  häretischen  Ansichten  selbst 
von  verschiedenen  Synoden  verurtheilen  Hessen.  Diese  An- 
griffe mögen  wohl  die  Veranlassung  gewesen  sein,  dass  Erigena 
die  Leitung  der  Hofschule  niederlegte,  obwohl  er  am  Hofe 
selbst  blieb,  und  fortlehrend  der  Gunst  des  Königs  sich  auch 
fortdauernd  erfreute.')  Vergeblich  verlangte  selbst  der  Papst 
im  Anfang  der  sechziger  Jahre  von  diesem,  Erigena,  der  in 
dem   Gerüche    ketzerischer  Meinungen    stehe,    nach   Rom    zur 


1)  Alles  dies  ergibt  sich  aus  dem  iii  der  folgenden  Anmerkung  citirten 
päpstlichen  Schreiben. 


De  divisione  iiaturae.  261 

Verantwortung-  zu  senden,  weil  er  ohne  seine  „Approbation", 
die  Uebersetzuug  des  Dionvsius  publicirt  liabe,  oder  ihn  min- 
destens von  der  Hofschule  zu  entfernen,  deren  Haupt  er  früher 
gewesen  sein  solle,  damit  nicht  Unkraut  unter  den  Waizen  ge- 
säet würde.  1)  Aber  —  zur  Ehre  Karls  des  Kahlen  —  der 
Philosoph  blieb  weiter  unbehelligt,  lieber  sein  späteres  Leben 
ist  uns  nichts  sicheres  mehr  bekannt,  wahrscheinlich  aber  hat 
er  noch  i.  J.  877  ein  Gedicht  an  den  König,  seinen  Gönner, 
gerichtet-),  den  er  wohl  nicht  lauge  überlebt  haben  mag.  Fa- 
beln einer  späteren  Zeit,  die  ihn  nach  Karls  Tod  an  den  ge- 
lehrten Hof  Alfreds  ziehen  lassen,  halten  vor  der  Kritik  keinen 
Stand.  ^) 

Das  Hauptwerk  des  Philosophen,  in  welchem  er  sein 
System  im  Zusammenhange  entwickelt,  führt  den  Titel:  Tleol 
ffiaetog  /iieoiouoc  id  est  Be  divisione  naturae.  Dies  Werk 
(wohl  erst  im  Anfang  der  sechziger  Jahre  vollendet)^)  und 
seinem  Freunde  und  Mitarbeiter  in  den  Studien  der  "Weisheit, 
Wulfad  gewidmet,  ist  von  einer  grossen  historischen  Bedeutung, 
indem  es  die  Philosophie  zuerst  als  eine  ebenbürtige  Wissen- 
schaft der  Theologie  zur  Seite  stellt,  und  so  verschieden  auch 
die  Weltanschauung  uusers  Autors  von  der  der  späteren  mittel- 
alterlichen Speculation  ist,  doch  die  Keime  derselben  —  die 
einen  mehr,  die  andern  weniger  entwickelt  —  nach  ihren  ver- 
schiedensten Richtungen,  sowohl  der  dialektischen  Scholastik, 
und  zwar  des  Realismus  wie  des  Nominalismus,  als  auch  des 
speculativen  Mysticismus,  in  sich  schliesst.  Die  Elemente,  aus 
denen  dies  System  geschaffen  ist,  wie  die  leitenden  Grund- 
gedanken sind  allerdings  zum  grössten  Theil  entlehnt,  theils 
dem  christianisirten  Neuplatonismus  der  griechischen  Kirchen- 


1 )  Der  Papst  schliesst  sein  Schreiben :  Hinc  est  qiiod  dilectioni  vestrae 
vehementer  rogantes  mandamus ,  quatenus  apostolatui  nostro  praedictum 
Joannem  repraesentari  faciatis,  aut  certe  Parisius  in  studio,  cuiiis  capital 
iam  olim  fuisse  perhibetur,  morari  non  sinatis,  ne  cum  tritico  sacri  eloquii 
grana  zizaniae  et  lolii  miscere  dignoscatur  et  panem  quaerentibus  venenum 
porrigat.     Floss,  p.  1025. 

2)  S.  Huber  S.  11  Off. 

3)  S.  die  ausführliche  und  gründliche  Untersuchung  von  Huber  S.  108  ff. 

4)  Gewiss  vor  865,  da  Wulfad  damals  Erzbischof  von  Bourges  wurde, 
und  bei  der  Widmung  (1.  V,  c.  40)  nicht  als  solcher  von  Erigena  bezeich- 
net wird.     Noack  S.  22.    Vgl.  dagegen  Huber  S.  107  f. 


262  Erigena. 

Väter,  des  Origeues,  Gregor  von  Nazianz  und  uameutlicli  des 
Dionysius  Areopagita  und  seiner  Erklärer,  theils  dem  Augustin  ; 
aber  die  Systematisirung  selbst,  die  strenge  syllogistische  Form 
der  Entwicklung  gehören  unserm  Antor  an,  der  darin  eine 
für  jene  Zeit  bewundernswertbe  Denkkraft  und  Freiheit  des 
Geistes,  ja  auch  eine  kühne  Selbständigkeit  des  Charakters 
zeigt.  Er  versucht  zwar  ein  philosophisches  System  herzu- 
stellen, das  mit  der  kirchlichen  Ueberlieferung  sich  verträgt, 
welche  damals  die  Schranke  des  Gedankens  war,  aber  er 
macht  darum  nicht  die  Philosophie  zur  Magd  der  Theologie. 
Vielmehr  soll  die  wahre  Philosophie  mit  der  wahren  Religion 
identisch  sein  —  ein  Satz,  den  nicht  bloss  Augustin,  sondern 
selbst  schon  Lactanz  aufgestellt  hatte. ')  Autorität  und  Vernunft 
fliessen  aus  einer  und  derselben  Quelle,  der  göttlichen  Weis- 
heit. 2)  (Die  Autorität  aber  sind  Erigena  die  heiligen  Schriften, 
daneben  auch ,  obgleich  in  eingeschränkter  Weise ,  die  sie  er- 
klärenden Kirchenväter.)  Die  Autorität  ist  nur  das  der  Zeit 
nach  Frühere,  die  Vernunft  das  der  Natur  nach.  Bei  einer 
Collision  zwischen  beiden  ist  der  letzteren  der  Vorzug  zu 
geben.  Denn  jede  Autorität,  welche  durch  die  wahre  Vernunft 
nicht  gebilligt  wird,  erscheint  schwach;  die  wahre  Vernunft 
aber  bedarf  nicht  der  Zustimmung  der  Autorität.  3)  —  Dieser 
Satz  genügt  allein  zu  zeigen,  wie  weit  sich  Erigena  über  seine 
Zeit  erhob! 

Unter  dem  Begriff  der  Physis  oder  Natura  fasst  Erigena 
alles  was  ist  und  was  nicht  ist,  zusammen,  indem  er  das 
Nichtseiende  nicht  in  absolutem  Sinne  nimmt,  sondern  in 
relativem,  das  Nichterkannte  oder  das  nur  erst  potentiell  Vor- 
handene oder  die  menschliche  Natur,  die  durch  die  Sünde  ihr 
Sein  verloren  hat,  darunter  versteht.  Mit  dieser  Unterschei- 
dung beginnt  er  sein  Werk.  Die  also  definirte  Natur  aber 
theilt  sich  —  und  daher  der  Titel  des  Werks  —  nach  vier 
Unterschieden   in    vier  Species:    1)  die   Natur    welche    schafft 


1)  S.  Bd.  I,  S.  77. 

2)  De  divis.  nat.  1.  I,  c.  BG  Ende. 

3)  Omnis  eiiim  auctoritas ,  quae  vera  ratioue  non  approbatur,  infirma 
videtur  esse.  Vera  autem  ratio,  quoniam  suis  virtutibus  rata  atque  im- 
mutabilis  munitur,  nullius  auctoritatis  astipulatioue  roborari  indiget. 
1.  I,  c.  69. 


De  divisione  naturae.  263 

und  nicht  geschaffen  wird:  das  ist  Gott  als  die  letzte  Ursache 
von  allem-  2)  die  welche  geschaffen  wird  und  schafft:  die 
Gesammtheit  der  Urgründe  der  Dinge  {primordiales  rerum 
causae)j  auch  Prototypen,  „Ideen  d.  i.  Species  oder  Formen", 
genannt,  welche  in  dem  Wort  Gottes  —  dem  Logos  —  ge- 
gründet sind;  3)  die  Natur  welche  geschaffen  wird  und  nicht 
schafft :  die  reale  Welt,  die  unter  der  Einwirkung  des  heiligen 
Geistes  aus  den  Urgründen  hervorgeht,  gleichsam  „hervor- 
gebrütet" wird^;  4)  die  Natur  welche  weder  schafft  noch  ge- 
schaffen wird:  d.  i.  wieder  Gott  als  das  letzte  Ziel  der  Dinge, 
—  die  letzte  Naturform  fällt  mit  der  ersten  zusammen,  wie 
die  zweite  mit  der  dritten  —  Gott  ist  die  essentiu  von  allem. 
Die  Schöpfung  aber  ist  ein  dauernder  Process.  —  Das  ganze 
System  ist  aber  nach  dem  Schema  der  Dialektik  constriiirt, 
wonach  einerseits  die  höchste  Einheit  —  herabsteigend  —  bis 
zu  den  Individuen  zertheilt  wird  {diaig€Tr/.rj  oder  /.isgiainög), 
andererseits  das  Individuelle  —  hinaufsteigend  —  zur  höchsten 
Einheit  zurückgeführt,  iu  sie  aufgelöst  wird  (ccvalvzixr])/-)  So 
ist  der  ontologische  Process  zugleich  der  logische.  Die  Be- 
deutung, welche  hiernach  die  Logik  für  die  Speculation  bei 
Erigena  erhalten  hat,  ist  etwas  für  seine  Zeit  ausserordentliches 
und  gehört  ihm  individuell  au,  wie  sie  zugleich  für  seine 
geistige  Unabhängigkeit  der  Theologie  gegenüber  zeugt. 

Die  Vereinbarung  dieses  philosophischen  Systems  mit  der 
Bibel  war  aber  nur  durch  eine  kühne  allegorische  Auslegung 
derselben  möglich,  an  welche  man  allerdings  schon  lange  ge- 
wöhnt war,  sie  war  ja  zugleich  mit  der  christlichen  Speculation 
erwachsen.  Das  richtige,  vollkommene  Verständniss  der  heil. 
Schrift  verlangt  eine  innere  Erleuchtung,  so  meinte  auch 
Erigena,  um  über  den  Buchstaben  hin  in  den  wahren  Sinn  der 
Bibel  einzudringen.   Die  allegorische  Exegese,  die  er  hier  gibt, 


1)  Sj^iritus  enim  sanctus  causas  primordiales,  quas  Pater  in  principio, 
in  Filio  videlicet  suo  fecerat,  ut  in  ea.  quorum  causae  sunt,  procederent, 
fovebat,  hoc  est  divini  amoris  fotu  nutriebat.  Ad  hoc  namqiie  ova  ab 
alitibus,  ex  quibus  haec  metaphora  assumpta  est,  foventur,  ut  intima  in- 
visibiUsque  vis  seminum.  quae  in  eis  latet,  per  nuraeros  locorum  temporum- 
que  in  formas  visiljilcs  corporalesque  pulchritudines  igne  aereque  in  hu- 
moribus  seminum  terrenaque  materia  operantibus  erumpat.    1.  II,  c.  19. 

2)  Vgl.  Prantl.  a.  a.  0.  S.  27. 


264  Erigena. 

ist  aber  theils  sein  eigenes  Werk,  tbeils  älteren  Kirchenvätern 
entlehnt. ') 

Das  Werk  ist  in  fünf  Bücher  getheilt,  von  denen  die  drei 
ersten  je  einer  der  drei  ersten  Naturformen  gewidmet  sind, 
die  beiden  letzten  zusammen  aber  der  vierten.  Der  Zusammen- 
hang zwischen  den  einzelnen  Büchern  —  von  den  beiden  letzten, 
die  gleichsam  nur  eins  bilden,  abgesehen  —  wird  durch  eine 
Recapitulation  im  Eingang  allemal  streng  gewahrt.  Der  klaren 
Uebersichtlichkeit  der  Composition  entspricht  die  Klarheit  des 
Ausdrucks,  der  durch  Präcision  und  Correctheit  über  den  her- 
kömmlichen Stil  jener  Zeit  in  speculativen  Werken  sich  erhebt, 
und  eine  fesselnde  lebendige  Beweglichkeit  zeigt.  Diese  wird 
dadurch  unterstützt,  dass  das  Werk  die  Form  des  Zwiege- 
sprächs zwischen  einem  Lehrer  und  Schüler  hat,  eine  Form 
die  hier  wohl  den  philosophischen  Erstlingswerken  des  Augu- 
stin entlehnt  ist."-)  Sie  hat  hier  einen  dialektischen,  keinen 
pädagogischen  Charakter. 

Dass  ein  Philosoph,  und  von  Erigena's  Standpunkt  der 
Lehre  Gottschalks  von  der  doppelten  Prädestination  abhold 
sein  musste,  versteht  sich.  Er  bekämpft  sie  in  seinem  Buche 
De  (livina  praedestinulione ,  dem  schon  die  in  seinem  Haupt- 
werke systematisch  entwickelten  Ideen  zu  Grunde  liegen,  in 
einer  dreifachen  Beziehung:  als  unverträglich  einmal  mit  dem 
Wesen  Gottes,  der  vollkommnen  Einheit  desselben,  dann  mit 
dem  des  Menschen,  der,  nach  Gottes  Bilde  geschaffen,  den 
freien  Willen  dadurch  substanziell  besitzt,  ihn  also  auch  nicht 
durch  den  Sündenfall  verlieren  konnte''),  endlich  auch  mit  dem 
Begriffe  des  Bösen,  das,  weil  alles  auf  Gott  als  die  letzte  Ur- 


1 )  Ein  weit  ausgeführtes  Beispiel  bietet  die  Auslegung  des  Schöpfungs- 
werks im  Beginne  des  1.  B.  Mose:  1.  III,  c.  24  ff. 

2)  S.  Bd.  I,  S.  231  f. 

3)  Non  enim  aliter  debuit  fieri  rationalis  vita,  nisi  voluntaria,  cum  ab 
ea  voluntate,  quae  est  causa  omnium,  creata  sit  ad  imaginem  et  similitu- 
dinem  sui.  Aut  quomodo  eam  divina  voluntas,  summa  videlicet  universi- 
tatis  ratio,  quae  nulla  necessitate  stringitur,  quoniam  sua  liberrima  potentia 
potitur,  imaginem  sui  similem  faceret,  si  non  eius  substantiam  crearet  vo- 
luntatem  liberam  rationalem  ?  —  Hoc  apertissimo  probatur  argumento,  quod 
sumitur  ex  primi  hominis  peccato.  Quamvis  enim  beatam  vitam  peccando 
perdidit,  substantiam  suam  non  amisit,  quae  est  esse,  velle,  scire.  De  div. 
praed.  c.  IV,  §.  .^  u.  6  init. 


De  divina  praeclestiiiatione.  265 

Sache  zurückgeht,  substanziell  gar  nicht  existirt,  sondern  nur 
die  Verderbtheit  des  Guten  {corniptio  boni)  ist'):  eine  Prä- 
destination zu  dem  Bösen  oder  auch  nur  zur  Strafe  desselben, 
dem  ewigen  Tode,  durch  Gott  ist  daher  unmöglich.  Das  Böse 
bestraft  sich  vielmehr  selber."-)  Auch  das  Wesen  der  Höllen- 
strafe wird  hier  nur  in  die  Abwesenheit  des  seligen  Glückes 
gesetzt.  In  seinem  philosophischen  Werke  wird  die  sinnliche 
Hölle  direct  geläugnet.^)  Wie  unendlich  weit  ging  Erigena 
seiner  Zeit  voraus.  —  Dass  er  bei  dieser  Behandlung  der  Prä- 
destinationsfrage von  seinem  philosophischen  Standpunkte  auch 
nicht  den  Beifall  der  Gegner  Gottschalks,  deren  Sache  er  führte, 
ernten  konnte,  ist  leicht  verständlich,  schwer  dagegen,  wie  er 
bei  alledem  in  dem  guten  Glauben  befangen  sein  konnte,  die 
katholische  Kirche  zu  vertreten,  und  Gottschalk  mit  heftigen 
Worten  als  Ketzer  apostrophiren,  wie  dies  im  Beginne  seines 
Buches  (c.  2)  geschieht. 

Von  theologischen  Werken  Erigena's  besitzen  wir  ausser 
den  genannten  noch  Fragmente  eines  Commeutars  zum  Evan- 
gelium Johannes  und  eine  Homilie  über  den  Eingang  desselben 
Evangeliums,  worin  zugleich  jener  Apostel  mit  begeisterten 
Worten  als  Typus  der  Contemplation  und  der  Wissenschaft 
gefeiert  wird.  —  Ausserdem  hat  von  gelehrten  Arbeiten  unser 
Philosoph  noch  einen  Commentar  zum  Marcianus  Capella  ver- 
fasst,  offenbar  eine  Frucht  seiner  Lehrthätigkeit. 

Erigena  hat  aber,  nach  der  Sitte  der  Zeit,  wie  bereits 
angedeutet,  auch  der  gelehrten  Muse  gehuldigt,  und  es  haben 
sich  auch  eine  Anzahl  Gedichte  von  ihm  erhalten,  die  durch- 
aus den  Stempel  seines  Geistes  tragen,  so  dass  an  seiner  Autor- 
schaft kein  Zweifel  sein  kann.  Doch  sind  sie  wohl  alle  Ge- 
legenheitsgedichte, theils  und  vornehmlich  in  Distichen,  theils 
in  Hexametern,  die  meisten  an  seinen  hohen  Gönner,  Karl  den 
Kahlen  gerichtet.  Ihm  scheint  Erigena  alljährlich  einen  sol- 
chen poetischen  Tribut  zu   den  höchsten  Kirchenfesten   darge- 


1)  C.  X,  §.  3.  Erigena  beruft  sich  hier  auf  Augustin.  Vgl.  auch 
Bd.  I,  S.  207. 

2)  —  —  Nulluni  peccatum  est  quod  non  se  ipsum  puniat,  occulte 
tarnen  in  hac  vita,  aperte  vero  in  altera,  quae  est  futura.    c.  XVI,  §.  6. 

3)  De  divis.  nat.  1.  V.  c.  29,  wo  sich  auch  der  schöne  bezeichnende 
Satz  findet:  Ubi  Judas  Salvatoris  nostri  proditor  torquetur?  Nunquid 
alibi  nisi  in  sua  poUuta  conscientia,  qua  Dominum  tradidit? 


266  -  Erigena,  Gedichte. 

bracht  zu  haben,  namentlich  zu  Ostern,  denn  eine  ganze  Zahl 
der  Gedichte  hat  entweder  die  Kreuzigung,  oder  die  Auf- 
erstehung, oder  die  Höllenfahrt  Christi,  oder  auch  das  Pascha 
zum  Thema,  nach  dessen  Behandlung  der  Dichter  dann  immer 
seinen  Wünschen  und  Gebeten  für  den  König  Ausdruck  gibt. 
Ein  Carmen  {Be  Verbo  incaniatö)  ist  aber  zu  Weihnachten 
dargebracht.  Diese  Gedichte  haben,  die  einen  mehr,  die  an- 
dern weniger,  das,  wie  es  scheint,  noch  kaum  beachtete  Inter- 
esse, dass  in  ihnen  das  philosophische  System  des  Verfassers, 
wenn  auch  nur  in  einzelnen  Zügen,  sich  abspiegelt');  am 
meisten  ist  dies  der  Fall  in  dem  zuletzt  erwähnten  Carmen. 
Einen  poetischen  Werth  aber  hat  die  Mehrzahl  gar  nicht;  nur 
in  der  Schilderung  der  Höllenfahrt,  namentlich  in  dem  Ge- 
dichte: Christi  triumphvs  de  viorte  ac  diabolo  erhebt  sich  die 
Darstellung  stellenweise  zu  einem  wahren,  selbst  kraftvollen 
Pathos.  Merkwürdig  ist,  dass  in  diesem  Carmen  v.  63  ff.  der 
Teufel  als  seine  letzte  Zufluchtsstätte,  seinen  einzigen  Trost 
„die  jüdische  Brust,  den  lastervollen  Abgrund"  bezeichnet,  all 
sein  Gift  will  er  durch  den  Mund  dieses  Christus  verhassten 
habgierigen  Volkes  ergiessen.  Hat  dieser  Judenhass  bei  Eri- 
gena, möchte  man  fragen,  ein  persönliches  Motiv?  Toleranz 
war  ihm  jedenfalls  trotz  seiner  Philosophie  nicht  eigen.  — 
Noch  ist  besonders  erwähnenswerth  ein  Gedicht,  das  vornehm- 
lich das  Lob  der  Gemalin  Karls,  Irmindrud  singt:  ihre  an- 
muthige  gelehrte  Rede,  ihre  Geschicklichkeit  in  Handarbeiten^), 
ihr  Bücherlesen,  ja  selbst  ihre  politische  Befähigung'*)  werden 
hier  u.  a.   gepriesen.  —  In   formeller  Beziehung  ist  von  Eri- 


1)  In  einzelnen  dieser  Gedichte  linden  sich  auch  Anspielungen  auf  die 
Zeitgeschichte,  die  Kriege  Karls  mit  seinen  Brüdern  und  die  Einfälle  der 
Normannen. 

2)  Laudes  Irmindrudis ,  v.  7  ff. : 

Ingens  Ingenium,  perfecta  Palladis  arte 

Auro  subtili  serica  fila  parans. 
Actibus  eximiis  conlucent  pepla  mariti, 

Gemmarum  serie  detegit  indusias. 
Miratur  fugitans  numquamque  propinquat  aqkyjvr], 

Quamvis  palladios  aequiperat  digitos. 
Vgl.  hiermit  oben  S.  194,  Anm.  3. 

3)  Quid  causas  regni  dicam,  quas  ipsa  pei'ita 

Disponit  vigili  pectore  praecipuo  V     Carm.  IV,  v.  2 1  f. 


Prudentius.  De  praedestinatione.  267 

gena's  Poesien  der  leichte  Fluss  des  Verses  und  die  Enthal- 
tung von  allem  irischen  Schwulste  zu  rühmen,  dagegen  liebt 
er  es  mitunter,  auch  seine  poetische  Diction  mit  griechischen 
Worten  aufzuputzen,  ja  auch  ganze  griechische  Verse  finden 
sich  in  einigen  Gedichten  ein-  oder  beigefügt,  was  seine 
Schüler  ihm  nachmachten.  Selbst  griechische  Gedichte,  frei- 
lich sehr  wenig  gelungen,  von  ihm  zum  Lobe  Karls  verfasst, 
haben  sich  erhalten ,  manche  zwar  nur  bruchstücksweise ,  die 
zum  Theil,  was  recht  beachtenswerth,  mit  einer  lateinischen 
Interlineartibersetzung  versehen  sind. 


DREIZEHNTES  KAPITEL. 

PRÜDEXTIUS.     FLORUS.     AUDRADUS. 

Das  Buch  des  Erigena  über  die  Prädestination  rief,  wie 
schon  bemerkt,  die  lebhafteste  Opposition  hervor.  Unter  den 
Gegnern  des  Philosophen  nehmen  aber  den  ersten  Platz  ein 
sein  früherer  Freund,  der  Bischof  von  Trojes,  Prudentius  und 
der  Diacon  von  Lyon,  Florus.  Prudentius '),  von  Geburt  ein 
vornehmer  Spanier,  dessen  ursprünglicher  Namen  Galindo, 
war  in  der  Hofschule  Ludwigs  des  Frommen  gebildet  wor- 
den. 2)  Durch  Gelehrsamkeit  und  Scharfsinn  ausgezeichnet,  er- 
hielt er  das  Bisthum  von  Troyes  zwischen  843  und  846;  er 
starb  861.  In  seiner  Schrift  JJe  prufdeslinutione  contra  Jo- 
annein Scolum  legt  er  auch  von  jenen  Eigenschaften  Zeugniss 
ab,  indem  er  19  Sätze  des  Buchs  des  Erigena,  welche  der 
Erzbischof  von  Sens,  Wenilo,  als  häretisch  bezeichnet  hatte, 
einen  nach  dem  andern  zu  widerlegen  unternimmt.  In  dieser 
Schrift  findet  sich  die  Beredsamkeit  des  Zornes  des  Theologen, 
den  die  frühere  Freundschaft  mit  Erigena  vielleicht  noch  ge- 
steigert hat.     Mehr  iuteressirt  uns  dieser  Autor  als  Geschicht- 


1)  Priidentii  opera  in  Migne's  Patrol.  lat.  Tom.  115.   Paris  1S.d2.  — 

—  Girgensohn,   Prudentius  und  die  Bertinianischen  Annalen.    Riga  1S75!' 

—  Dümmler,    Gedichte  an  Prudentius,  in:    Zeitschr.  f.  deutsch.  Alterth. 
N.  F.  IX,  S.  76  ff.  —  Dümmler,  N.  A.  S.  314. 

2)  S.  Dümmler,  Ged.  an  Prud.  S.  S5. 


268  Florus. 

Schreiber  durch  seine  Theilnahme  an  der  Fortsetzung  der 
Reichsannalen  in  Westfrancien ;  auf  diese  schriftstellerische 
Thätigkeit  von  ihm  kommen  wir  weiter  unten  zurück. 

Florus'),  ein  Zögling  der  Lyoner  Kirche,  dann  Magister 
der  Kathedralschule  und  Diacon,  nahm  dort  schon  unter  Ago- 
bard  eine  einflussreiche  Stellung  ein,  wie  denn  damals  bereits 
der  Ruf  seiner  Gelehrsamkeit  bis  nach  Germanien  drang,  wo 
der  jugendliche  Walahfrid,  wie  wir  sahen-),  ihn  preist;  auch 
Wandalbert  rühmt  ja  seine  Bibelkenntniss  und  die  Schätze 
seiner  Bibliothek,  die  ihm  selbst  zu  gute  kamen. '^)  Am 
meisten  trug  wohl  zur  Ausbreitung  dieses  wissenschaftlichen 
Rufes  sein  Buch  über  den  Canon  der  Messe :  De  actioiw  missa- 
nim ,  wie  er  es  selbst  betitelt,  eine  gelehrte  Compilation  von 
Stellen  aus  den  Kirchenvätern 4),  und  namentlich  sein  schon 
früher  erwähntes^)  Martyrologium  bei,  in  welchem  das  Werk 
des  Beda  eine  wesentliche  Erweiterung  erfuhr. '')  Sein  Todes- 
jahr ist  so  wenig  als  sein  Geburtsjahr  bekannt. 

Florus  verfasste  im  Namen  der  Kirche  von  Lyon  sein 
Buch  gegen  Erigena,  das  schon  in  der  Ueberschrift  den  leiden- 
schaftlichen Ton  ankündigt,  in  dem  es  geschrieben:  Libelhts 
Flori  achcrsus  cuiusdam  vanissimi  hominis,  qui  co(j7iominüUir 
Joannes,  incptins  et  errores  de  piHiedestinatione  et  prnescientia 
divina  et  de  veru  hiimani  arhitrii  lihet'tate.  Es  ist  ähnlich 
componirt  als  das  des  Prudentius,  indem  es  auch  eine  Reihe 
von  Hauptsätzen  aus  dem  Werke  des  Erigena  wörtlich  auf- 
führt, um  sie  einzeln  zu  widerlegen,  auf  Grund  der  Bibel 
wie  der  Aussprüche  der  Kirchenväter.  Beide  Schriften,  die 
des  Florus,  wie  die  des  Prudentius,  haben  noch  das  Interesse, 


1)  Flori,  diaconi  Lugdunensis,  opera  accur.  Migne  (Patrol.  lat.  119).  — 
Georg  Fabricius,  Poetanim  veter.  ecclesiast.  opera  christiana.  Basel  1564. 
pag.  729  ff.  die  einem  Drepanius  Florus  fälschlich  beigelegten  Gedichte. 

Histoire  litter.   de  la  France   T.  V,   p.  213  ff.  —  Dümmler,  N.  A. 

S.  296  ff. 

2)  S.  oben  S.  160.  3)  S.  oben  S.   186. 

4)  Welche  Florus  aber  als  einen  Gegner  der  Radbertschen  Auffassung 
des  Abendmals  zeigt. 

5)  S.  oben  S.  128. 

6)  So  wenig  auch  heute  mit  Sicherheit  die  Arbeit  des  Florus  von  dem 
Bedaschen  Grundwerk  sich  scheiden  lässt. 


Thoologisclic  Werke.     Gedichte.  269 

dass  in  ihnen  wolil  zuerst  im  eigentlichen  Mittelalter  ein  Kampf 
der  Theologie  mit  der  Philosophie  erscheint,  die  sogleich  auf 
das  heftigste  an  einander  gerathen.  Wie  auch  Florus  in  der 
Vorrede  sagt,  streitet  Erigena,  wie  er  sich  selbst  rühme,  mit 
menschlichen  und  philosophischen  Argumenten,  indem  er  auf 
die  Autorität  der  heil.  Schrift  und  der  Väter  sich  nicht  stütze. 
Ganz  mit  Recht  wird  er  von  den  Theologen  nicht  als  der 
ihrige  angesehen. 

Für  uns  ist  Florus  direct  nur  als  Dichter  von  Bedeutung. 
In  der  That,  er  ist  mehr  als  ein  gewöhnlicher  Versemacher, 
er  hat  einen  Hauch  von  poetischem  Genius,  wie  nicht  bloss 
der  zwanglose  metrische  Fluss  seiner  Verse,  sondern  auch  ein 
paar  wahrhaft  schwungvolle  Gedichte  unter  den  uns  erhaltenen 
zeigen.  Das  bedeutendste  und  interessanteste  davon  ist  eine 
politische  Dichtung  von  172  Hexametern,  die  Querela  de  divi- 
sione  imperii  post  mortem  Luiloviei  pii.  Florus  war,  wie  über- 
haupt der  Klerus,  namentlich  der  hohe,  für  die  Einheit  des 
Reichs,  und  so  gibt  er  denn  hier  dem  wahrhaft  und  tief  em- 
])fundenen  Schmerz  über  den  Zerfall  der  Schöpfung  des  grossen 
Karl  einen  beredten,  ergreifenden  Ausdruck:  „Berge  und  Hügel, " 
beginnt  er,  „Wälder,  Flüsse  und  Quellen,  steile  Felsen  und 
tiefe  Thäler  beweint  der  Franken  Geschlecht,  das,  einst  er- 
haben durch  das  Geschenk  Christi,  die  Weltherrschaft  (im- 
perium),  jetzt  in  dem  Staube  versunken  liegt  l-'')  Die  Elemente 
sollen  Schmerz  darob  empfinden  und  die  Menschen  beklagen, 
weil  der  Menschen  Herzen  erstarrt  sind.  Ueberall  dröhnt  die 
Geissei  Gottes,  überall  Verwüstung,  alles  Gut  des  Friedens 
vom  bittern  Hasse  zerrissen,  alle  Zier  des  Reiches  durch  die 
Wuth  der  Leidenschaften  geschwärzt!  —  Der  Dichter  zeigt 
dann,  wie  Kirche  und  Staat  verfallen,  wie  Gottlosigkeit  und 
Gesetzlosigkeit  durch  die  beständigen  Bürgerkriege  einreissen, 
wie  das  Volk  unter  den  fortwährenden  Plünderungen  leidet, 
und  der  zwieträchtige  Adel  sieh  selbst  zerfleischt.  Schon  ver- 
liess  die  Sterblichen  die  Furcht  vor  den  Königen  und  den  Ge- 
setzen, sie  eilen  den  Weg  zur  Hölle  mit  geschlossenen  Augen 


1)  Montes  et  colles  silvaeque  et  flumina,  fontes, 
Praeruptaeque  rupes,  pariter  vallesque  profundae 
Francorum  liigete  genus :  quod  munere  Christi, 
Imperio  celsum,  iacet  ccce  in  pulvere  mersum. 


270  Florus. 

hinab. Und  nun   das  Gegeubild:   wie   blühte   das  Reich 

einst,  als  noch  ein  Fürst  war,  und  ein  Volk,  ihm  unterthau'), 
als  im  Innern  Gesetz  und  Frieden  herrschten,  die  Kirche  durch 
Concilien,  Predigt  und  Schule  sittlichend  wirkte,  nach  aussen 
aber  die  Macht  des  Reiches  in  der  Besiegung  und  Bekehrung 
der  Heiden  sich  kundthat :  berühmt  war  da  in  der  ganzen  Welt 
das  Volk  der  Franken,  bis  zu  ihren  äussersten  Grenzen  drang 
da  der  Ruf  ihrer  Tugenden.  Die  Barbaren,  die  Griechen  und 
Latium  selbst  schickten  zu  ihm  ihre  Gesandten.  Vor  ihm  wich 
zurück  das  Romulische  Volk  und  der  Reiche  Mutter,  die 
berühmte  Roma.  Die  Krone  des  Weltreichs  wurde  dem  Fürst 
der  Franken.  —  Aber  jetzt  in  dem  dreigetheilten  Reiche  kann 
niemand  ganz  für  den  Imperator  gelten-):  jrro  7X'fje  est  fegulus, 
pro  reijno  fragmina  reg?ii!  —  Es  folgt  hierauf  gleichsam  ein 
zweiter,  schwächerer  Abschnitt,  worin  der  Dichter  auch  mehr 
den  Theologen  herauskehrt:  er  erwähnt  hier  zuerst  furchtbare 
Himmelserscheinungen,  eine  Sonnenfinsterniss  und  Kometen, 
die  den  Bürgerkrieg  anzeigten,  und  glaubt,  dass  die  Ver- 
kündigungen der  Propheten  Ezechiel  und  Arnos  sich  an  seiner 
Zeit  erfüllen  werden,  wo  Christus  keinen  Platz  finde,  sein 
Haupt  hinzulegen.  Ein  Gebet  an  Gott,  der  alles  Uebel  der 
Welt  den  Menschen  zur  Läuterung  gereichen  lassen  möge, 
schliesst  das  Gedicht,  welches  in  manchem  schwungvollen  Verse 
auch  —  was  damals  selten  —  eine  patriotische  Gesinnung  zeigt. 
Nach  diesem  Gedichte  fesselt  am  meisten  eins  der  an 
Modo  in  gerichteten;  es  steht  in  merkwürdigem  Gegensatze 
zu  zwei  andern,  in  welchen  Florus  den  Bischof  von  Autun  als 
Gelehrten  und  christlichen  Dichter  preist,  und  ihm  seinen  Dank 
sagt  für  poetische  Episteln,  die  er  ihm  gesandt.  In  dem  einen'') 
dieser  beiden  Gedichte  wird  die  christliche  Muse  der  heid- 
nischen gegenübergestellt,  das  Wasser  des  Jordan  dem  casta- 
lischen  Quell,  Christi  siegreiche  Palmen  und  Friede  bringende 
Oelzweige  dem  Lorbeer  Apollo's,  dem  Parnass  der  Sion,  Kar- 


1)  Floruit  egregium  claro  diademate  regnum: 
Princeps  unus  erat,  i^opulus  quoque  subditus  unus. 

2)  Et  regnura  unitum  concidit  sorte  triformi; 
Induperator  ibi  prorsus  iam  nemo  putatur. 

3)  Bei  G.  Fabricius  1.  1.    p.  730  f. 


Gedichte.  271 

mel,  Sinai,  und  des  Hiob,  David,  Salomo  als  Vorbilder  ge- 
dacht. Das  erst  erwähnte  Gedicht >)  enthält  dagegen  die  hef- 
tigste Anklage  gegen  den  von  dem  Dichter  sonst  so  hoch 
geschätzten  Bischof.  Hier  spricht  Florus  aber  nicht  sowohl  im 
eigenen  Interesse,  denn  als  zorniger  Anwalt  der  Kirche  von 
Lyon.  Modoin,  der  bei  Ludwig  dem  Frommen  in  hohem  An- 
sehen stand,  hatte,  wahrscheinlich  als  Missus,  den  niedern 
Klerus  der  Diöcese  von  Lyon  vor  das  weltliche  Forum  ge- 
zogen. Und  doch  war  Modoin  in  der  Kirche  von  Lyon  er- 
zogen worden,  die  seine  „Nährmutter"  {nutriciilu)  war. 2)  Diese 
selbst  führt  der  Dichter  unter  dem  Bilde  einer  Henne,  die  mit 
ihren  Flügeln  die  fromme  Bnit  schützt,  ein,  um  ihre  „alten 
Eechte"  auf  den  eigenen  Gerichtsstand  gegen  Modoin  zu  ver- 
theidigen,  der  sie  und  ihre  Jungen  wie  ein  Kaubvogel  bedroht. 
Trotz  des  leidenschaftlichen  Angriffs,  dem  oft  ein  kraftvoller 
Ausdruck  gegeben  ist,  spricht  Florus  doch  am  Schlüsse  die 
Hoffnung  aus,  dass  Modoin  keinen  Groll  darum  gegen  ihn 
hegen  Averde,  da  die  Wunden  frommer  Liebe  immer  besser 
wären,  als  ein  falscher  Kuss.  —  Dies  Gedicht  (gegen  160  V.) 
ist,  wie  die  beiden  andern  an  Modoin  gerichteten,  in  Distichen 
verfasst. 

Ausser  noch  ein  paar  epistolographischen  Gedichten  in 
demselben  Versmass,  wovon  das  an  den  Grammatiker  von 
Orleans,  Wulfinus,  der  hiernach  auch  ein  Poet  war,  formell 
anziehend  ist^),  besitzen  wir  von  Florus  noch  eine  Anzahl 
geistlicher    Gedichte    verschiedener   Art.     So    einmal   zwei 


1)  Bei  Migne  1.  1.  p.  253  iF.:  De  ininsta  vexatione  ecclesiae  Lugdu- 
nensis.  S.  zur  Erklärung  Maassen,  Ein  Commentar  des  Florus  von  Lyon 
zu  einigen  der  sogen.  Sirmondschen  Constitutionen.  Sitzungsberichte  der 
Wiener  Akad.  Phil.  hist.  Gl.  Bd.  XCII. 

2)  So  sagt  hier  die  als  Henne  dargestellte  Kirche  Lyons : 

0  tili  Moduine,  tibi  (nam  pignus  et  ipse 

Es  nostrum,  nostro  fotus  et  in  gremio) 

Und  später:  Agnoscisne,  rogo,  venerandae  aenigmata  matris. 

3)  Bei  Fabricius  1.  1.  p.  733.  Hier  wird  auch  die  schöne  Schrift  des 
Wulfin  sinnig  gerühmt: 

Annuus  excurrit  revolutis  mensibus  orbis, 

Quod  tua  vox  nostris  auribus  insonuit, 
Tarn  nitidis  chartis,  tarn  claris  culta  figuris. 

üt  specimen  cordis  pagina  pulchra  daret.  — 
Im  neunten  Distichon  ist  offenbar  vestrae  statt  nostrae  zu  lesen. 


272  Floriis,  Gedichte. 

Gedichte  auf  Evangelien,  das  eine  auf  das  des  Matthäus,  das 
andre  auf  das  des  Johannes,  worin  der  Inhalt  derselben  in  drei- 
zeiligen  Strophen  von  Hexametern  —  und  diese  Form  ist  eigen- 
thümlich  —  kurz  augezeigt  wird;  ihnen  reiht  sich  auch  ein 
längeres  Gedicht  in  Hexametern  an,  welches  als  „Epigramma", 
d.  h.  hier  poetisches  Vorwort,  für  ein  Homilienbuch  des  ganzen 
Jahres  verfasst  ist:  darin  werden  alle  kirchlichen  Festtage 
vorgeführt  und  begründet.  Ferner  finden  sich  unter  diesen 
Poesien  Lobgesänge,  so  ein  unvollendeter  auf  die  Thaten  {(jesta) 
Christi,  der  im  Versmass  wie  in  der  Darstellung  an  die  Ge- 
dichte auf  die  Evangelien  sich  anschliesst,  und  einer  auf  Christus 
als  Schöpfer  und  Regierer  der  Welt,  auch  in  Hexametern^), 
der  manchen  schönen  Vers  enthält.  Auch  Hymnen  für  be- 
stimmte kirchliche  Feste  hat  Florus  verfasst,  so  in  Distichen 
für  das  des  Erzengels  Michael'^),  und  auf  den  „  Geburtstag "  der 
Märtyrer  Johannes  und  Paulus,  die  Julian  hinrichten  Hess ;  des 
Todes,  den  er  zur  Strafe  dafür  erlitt,  wird  hier  ausführlich 
gedacht.  3)  Auch  ein  dem  Agobard  fälschlich  beigelegtes  Ge- 
dicht in  phaläcischen  Hendecasyllabi  auf  die  Translation  der 
Reliquien  des  Cyprian,  Speratus  und  Pantaleon  nach  Lyon  ist 
allem  Anscheine  nach  ein  Werk  des  Florus. 4)  Noch  erwähne 
ich  eine  recht  hübsche  wohl  gelungene  Uebertragung  der  Psal- 
men XXn  und  XXVI,  sowie  des  Lieds  der  drei  Knaben  im 
feurigen  Ofen  in  lateinische  Hexameter,  und  eine  Bearbeitung 
des  XXVII.  Psalms  in  dem  Ambrosianischen  Metrum.  In 
Sprache  und  Vers  erheben  sich  überall  des  Florus  Poesien 
über  die  meisten  seiner  Zeitgenossen,  und  einzelne  Stellen  und 
Gedichte  zeigen  von  wirklich  poetischer  Begabung  und  einer 
damals  nicht  gewöhnlichen  ästhetischen  Bildung. 


1)  Abernicht  in  Strophen,  wohl  aber  in  Abschnitten  von  verschiedener 
Yerszahl,  ähnlich  den  französischen  Tiraden,  indem  jeder  derselben  ein- 
geleitet wird  durch  die  beiden  Anfangsverse: 

0  virtus  aeterna  Dei,  quam  machina  mundi 
Suscipit  auctorem,  cid  servit  terra  polusque. 

2)  Bei  Fabricius  1.  1.  p.  728  f. 

3)  Bei  Migne  No.  III.  —  Diese  Märtyrer  spielen  auch  in  den  Mysterien 
des  Mittelalters  eine  Rolle. 

4)  Wie  auch  Dümmler  meint,  a.  a.  0.  S.  298.  —  Von  Agobards  Autor- 
schaft kann  gar  keine  Rede  sein. 


Audrad,  Liber  revelationum.  273 

Von  einem  andern  angesehenen  Geistlichen  Westfraucieus 
in  jener  Zeit,  einem  Freunde  Hincmars,  besitzen  wir  auch  ein 
paar  Dichtungen,  von  welchen  wenigstens  die  eine  ein  eigen- 
thümliches  literarhistorisches  Interesse  bietet.  Es  ist  Audradus, 
Modicus  beigeuanntO,  der  843  Chorbischof  von  Sens  wurde, 
849  aber  die  Würde  verlor,  da  dieses  Amt  überhaupt  auf- 
gehoben wurde.  Ausser  seinen  Dichtungen  hat  Audrad  auch 
ein  prosaisches  Werk,  einen  Liber  7'evelatiom/m  verfasst,  von 
dem  sich  aber  bloss  einige  Kapitel,  und  zum  Theil  nur  frag- 
mentarisch, erhalten  haben.-)  Diese  Enthüllungen  sind  Visio- 
nen —  die  der  Verfasser  gehabt  haben  will  —  in  welchen  der 
„Herr"  selbst  ihm  erscheint.  Sie  dienen  kirchlichen  Zwecken 
und  haben  sogar  eine  ganz  actuelle  Bedeutung.  In  der 
einen  (c.  8  und  9)  zieht  der  „Herr"  Ludwig  den  Frommen  zur 
Rechenschaft,  wegen  der  unter  seinen  Söhnen  gestifteten  Zwie- 
tracht, unter  welcher  die  Gläubigen  litten;  billigt  aber  die  Er- 
hebung Karls  des  Kahlen  auf  Kosten  Lothars,  und  ermahnt 
dann  jenen,  sowie  Ludwig  den  Deutschen  und  den  Sohn 
Lothars,  den  König  Ludwig  von  Italien,  die  Kirchen  in  den 
alten  Stand  wieder  herzustellen  und  den  Klöstern  die  ihnen 
zukommenden  Vorsteher  zu  geben ^),  und  ihre  Beraubung  und 
Vergewaltigung  allen  seinen  Unterthanen  zu  verwehren.  Und 
unter  den  drei  Königen  soll  ein  ewiger  Friede  sein.  Statt  die 
Waffen  gegen  einander  zu  kehren,  werden  sie  auf  die  Be- 
siegung der  Ungläubigen  und  die  Eroberung  von  deren  Ge- 
bieten gewiesen,  indem  einem  jeden  ein  „Kirchenfürst"  als 
Führer    zuertheilt   wird,    Karl  dem  Kahlen    der  heil.  Martin, 


1)  Excerpta  libri  i'evelationum ,  quae  Audi-adus  Modicus  scripsit.  In: 
Du  Chesne,  Historiae  Francor.  Scriptores.  Tom.  IL  Paris  1636.  p.  390  f. 
—  Hincmari  Opusculum  de  fönte  vitae,  ex  ms.  cod.  Abbatiae  Floreffiensis. 
Leyden  1692.  In:  Veteriun  aliquot  Galliae  ed  Belgii  scriptor.  opuscula 
Sacra,  numquam  edita  etc.  (von  Gas.  Oudin  herausgeg. ,  der  das  Gedicht 

fälschlich  Hincmar  beilegt.) Histoire  litteraire  de  la  France,  Tom.  V, 

p.  131  fl'.  —  Dümmler,  N.  A.  S.  295  f. 

2)  Cap.  8,  9,  15,  18,  24.  Die  Handschrift,  welche  Sirmond  gehörte,  ist 
verschollen. 

3) et  ecclesias  meas  restitueris  in  statum  suum  quo  ordinavi  eas, 

et  unicuique  ordini  congi'uum  suae  religionis  restitueris  caput  (dies  Gebot 
ist  wohl  gegen  die  weltlichen  Achte  gerichteti  et  ordini  unicuique  propriam 
legem  tenere  feceris. 

Ebbst,  Literatur  des  Mittelalters  II.  tS 


274  Audrad. 

Ludwig  dem  Deutschen  St.  Paul  und  dem  König  von  Italien 
der  heil.  Petrus.  Karl  wird  dabei  zugleich  noch  prophezeit, 
dass  er  wegen  des  Unheils,  das  die  Kirche  durch  seine  Schuld 
betroflFen,  im  folgenden  Jahre  im  Feldzuge  in  der  Bretagne 
von  seinen  Feinden  entehrt  werden  würde,  obwohl  er  mit  dem 
Leben  davon  komme.  —  Es  ist  hier  die  Niederlage  vom  22. 
und  23.  August  851  gemeint,  welche  schliesslich  zu  einer 
schimpflichen  heimlichen  Flucht  des  Königs  führte.')  —  Eine 
andre  Vision,  von  der  hier  erzählt  wird  (c.  15),  hatte  Audrad 
i.  J.  853  sogar  auf  sein  Gebet  und  nach  dem  Wunsche  seines 
Erzbischofs,  um  die  Ernennung  eines  beiden  antipathischen 
Klerikers  zum  Bischof  von  Chartres  durch  den  König  rück- 
gängig zu  machen :  Audrad  Hess  den  ihm  erscheinenden  „  Herrn " 
den  Tag  seiner  Ordination  verfluchen.  Aber  Karl  der  Kahle 
Hess  sich  hierdurch  um  so  weniger  einschüchtern,  als  er  schon 
die  frühere  Vision  selbst  für  eine  Lüge  gehalten.  Dafür  wird 
er  freilich  nach  des  Verfassers  Meinung  durch  einen  danach 
erfolgenden  Normanneneinfall  bestraft. 

Die  originellere  der  beiden  Dichtungen  des  Audradus  wird 
in  diesem  Buche  (c.  18)  erwähnt,  ist  also  früher  als  dasselbe 
verfasst  worden.  Sie  hat,  wie  wir  hier  authentisch  erfahren, 
den  Titel :  De  fönte  vitae ,  und  zählt  404  Hexameter.  Sie  ist 
an  Hincmar  gerichtet:  er  hat  den  Dichter,  seinen  theuern 
Freund,  wie  auch  andere  —  allem  Anseheine  nach  durch  ein 
Gedicht  —  aufgefordert,  die  Quelle  des  Lebens  aufzusuchen, 
die  ihm  selbst  lebendigen  Trunk  bot.  Dieser  Aufforderung 
folgte  der  Dichter;  aber  er  kann  nicht  zu  der  Quelle  dringen; 
es  wird  schon  Abend,  da  betet  er  mit  Thränen  in  den  Augen 
zum  „Herrn",  seinen  Durst  löschen  zu  dürfen.  Da  antwortet 
ihm  eine  SHmme  —  des  „  Ursprungs  der  Lebensquelle "  — :  kein 
Sterblicher  erhält  einen  Trunk  der  Quelle  ohne  ein  Gefäss  — 
dessen  Grösse  und  Gestalt  hier  beschrieben  wird,  wobei  die 
Siebenzahl  eine  Hauptrolle  spielt.-)  Ein  solches  Gefäss  soll 
sich  der  Dichter  zu  Haus  holen;  wenn  er  es  aber  nicht  be- 
sitzt, an  einen  Jüngling  sich  wenden,    der  die  Quelle  besucht 


1)  S.  darüber  Dümmler,  Gesch.  d.  ostfränk.  Reichs  Bd.  I,  S.  333. 

2)  Scilicet  ut  calamis  septenis  surgat  ab  imo, 
Erigat  et  siimmum  distinguens  ansa  cacumen, 

Ora  quidem  totidem  colli  de  vertice  flagrent.    v.  42  ff. 


De  fönte  vitae.  275 

und  aus  ihr  Libationen  darbringt.  Dieser  soll  ihm  das  Gefäss 
aus  Thon  bilden'),  und  ihm  erklären,  warum  Ostern  in  den 
Vollmond  —  nach  der  Frühlingsnachtgleiehe  —  fällt,  so  dass 
di*ei  mal  sieben  Tage  die  Ostergrenze  bilden,  was  diese  Zahl 
und  der  Mond  bedeuten.  Der  Jüngling  nimmt  den  Dichter  in 
seine  Wohnung  bei  der  Quelle  auf,  und  den  andern  Morgen 
beginnt  er  ein  Lied  „  von  der  ewigen  Quelle,  der  Pascha-Ziflfer 
und  Stunde".-)  Der  Jüngling  singt  zuerst  von  der  Schöpfung, 
dem  ersten  Verbot,  der  Uebertretung  desselben,  dem  Ausschluss 
der  Erzeitern  von  dem  Paradiese  und  der  Lebensquelle.  — 
Gott  ruft  den  Menschen  zu  ihr  zurück,  welche  sieben  Palmen 
von  unvergänglicher  Frucht  umgeben;  zurückgekehrt  soll  er 
reuevoll  um  Verzeihung  flehen,  und  mit  Gelübden  fromme 
Becher  des  Quells  und  Erlösung  durch  die  Frucht  der  Palme 
von  den  Banden  der  Sünde  erbitten.  Aber  der  Mensch  folgt 
dem  Herrn  des  Todes  zu  der  „tödtlichen"  Quelle^),  welcher 
Bilder  von  sich  machen  und  als  Gott  sich  verehren  lässt.  —  Gott 
sendet  darauf  seine  Propheten  dem  im  Götzendienste  befangenen : 
sie  tranken  aus  der  Quelle,  aber  die  Frucht  der  Palme  kostete 
keiner  und  konnte  nicht  die  Sündenbande  lösen.  Nun  erscheint 
der  Sohn  Gottes,  er  ist  selbst  die  Quelle  des  Lebens,  wie  er 
selbst  verkündet;  von  ihm  und  dem  Vater  geht  der  heilige 
Geist   aus,    welchen   mit    seiner    vielfachen    Gabe    die    sieben 


1)  Wie  er  dabei  zu  verfahren  hat,  ■wii-d  hier  im  einzelnen  beschrieben. 
An  Christus  als  fignlus  ist  hier  wohl  gedacht,  obgleich  der  Jüngling  hier 
nicht  selbst  Christus  sein  kann.   Vgl.  über  dieses  BUd  Bd.  I,  S.  3S1  u.  499. 

2)  Incipe  nunc  mecum,  coelestis  gratia,  carmen 
Aeterni  fontis,  ciphri  paschalis  et  horae.    v.  53  f. 

Im  Hinblick  auf  Ecl.  VllI  des  Virgil,  v.  21 :  Incipe  Maenalios  mecum,  mea 
tibia,  versus.  Wie  dieser  Vers  hier  bei  jedem  Absatz  refrainartig  wieder- 
holt wird,  so  auch  die  beiden  Verse  des  Audrad  bei  den  allerdings  längeren 
Absätzen  des  Liedes.  —  Von  der  hora  ist  indess  nicht  speciell   die  Rede. 

3)  Sed  mortis  dominum  letaU  fönte  secutus 

Excepit  dignas  tanto  pro  crimine  poenas.    v.  1 1 1  f. 
Dann  heisst  es : 

Hostis  ut  agnovit  revocari  (hominem)  carmine  (Dei)  victum, 
Fraude  dolos  acuit,  figitque  cacumine  culmi 
Mortiferum  pomiun,  nexit  calamoque  draconem, 
Extulit  et  virga  signum  pomo  colubroque 

Ante  patrem  prolemque  suam 

18* 


976  Audrad,  Passio  Juliani.    '  '■■•...  "^x  ^  ,  v 

^    '    \  •/.,..  \ 

Palmen  bezeichnen. ')  Der  Teufel,  der  Chiisti  Rede  vernommen, ;  /' 
rühmt  sich  seiner  Macht,  die  sich  auf  die  'ErlisürKiee gründet;-.-" 
er  ruft  den  Tod,  seinen  Freund  und  Genossen, "~^"ir Hülfe. 
Dieser  fordert  ihn  auf,  sein  Banner  zu  erheben,  er  selbst  will 
den  Leib  Christi  von  der  Seele  trennen  und  ihrer  mag  sich 
dann  der  Teufel  bemächtigen.  Aber  die  Fahne  Christi  siegt, 
er  tödtet  den  Tod,  er  erstürmt  die  Hölle.  Triumphirend  er- 
hebt er  sich  am  dritten  Tage  von  den  Schatten.  So  weihte 
er  'das  Pascha.  —  Nun  wird  die  Mystik  der  Mondphasen  vor 
Ostern  erklärt.  Der  Neumond  ist  das  Bild  des  ganz  auf  das 
Irdische  gerichteten  Menschen,  die  beiden  Wochen  vor  dem 
Vollmond  aber  sind  die  Christus  vorausgehenden  Zeiten,  die 
erste  die  Zeit  vor  dem  Gesetz,  die  andre  die  unter  dem  Ge- 
setz. —  —  Nach  einem  kurzen  Rückblick  schliesst  dann  der 
Jüngling  sein  Lied  mit  einer  Ermahnung  Audrads,  die  das 
Gedicht  selbst  beendet. 

Die  andre,  noch  ungedruckte  Dichtung  des  Audrad  ist  ein 
umfangreicheres  Werk.  Es  ist  die  Fassio  beatorum  Juliani  et 
socionim  eins,  welche  gegen  1100  Verse  zählt. 2)  Sie  zerfällt 
in  vier  Bücher,  von  denen  das  erste,  kürzeste,  in  Distichen, 
die  drei  andern  in  Hexametern  verfasst  sind.  Dieser  Julian 
ist  der  auch  schon  von  Aldhelm^)  gefeierte,  welcher  im  Orient, 
in  Aegypten  oder  Syrien  (Alexandria  oder  Antiochien)  unter 
Diocletian  und  Maximian  den  Märtyrertod  erlitt.  Als  sein  Natalis 
wird  der  8.  oder  6.  Januar  —  von  unserm  Dichter  der  letztere 
—  bezeichnet.  Julian,  von  vornehmer  Herkunft,  wurde  schon 
frühe  von  den  Eltern  mit  einem  Mädchen  von  angesehener 
Familie,  Basilissa,  vermählt;  beide  aber  kamen  überein,  ihre 
Jungfräulichkeit  zu  bewahren;  als  ihre  Eltern  gestorben,  ver- 
wandten sie  ihr  grosses  Vermögen  zur  Gründung  von  Klöstern 
für  Männer  und  Frauen,  von  Avelchen  nach  der  Legende  tau- 
sende ihrem  Rufe  folgten.  Sie  wurden  wie  die  beiden  Hei- 
ligen selbst  zu  Märtyrern. 

1)  Wohl  im  Hinblick  auf  Apocal.  c.  4,  v.  5:  et  Septem  lampades  arden- 
tes  ante  thronum,  qui  sunt  septem  spiritus  Dei. 

2)  S.  über  die  Handschrift  (von  der  ich  nur  eine  flüchtige  Einsicht 
nehmen  konnte)  Dümmler  S.  296.  —  Die  Legende  findet  sich  Acta  SS. 
Boll.  9.  Jan.  T.  I,  p.  575  ff. 

3)  De  laudibus  virginitatis  c.  26  und  De  laudibus  virginum  ed.  Giles 
p.  170  ff.     S.  auch  Bd.  I,  S.  588. 


Va 

1  er  1 

Milo,  Leben.  277 

VIERZEHNTES  KAPITEL. 

MILO.    HEIRIC. 

Noch  zwei  Poeten  haben  sich  in  Westfrancien  ausgezeich- 
net, da  sie  bei  den  Zeitgenossen,  zum  Theil  selbst  in  der 
Folgezeit  viel  Anerkennung  fanden;  beide  waren  zugleich  als 
Lehrer,  Gelehrte,  ja  Philosophen  angesehen.  Der  ältere  ist 
Milo  ^),  Mönch  des  Klosters  Elnon  oder  St.  Amand  bei  Tournai, 
das  durch  die  handschriftlichen  Schätze,  die  es  uns  aufbe- 
wahrte, noch  heute  einen  Namen  hat.  Er  war  Schüler  eines 
gelehrten  Mönches  von  St.  Vaast  bei  Arras,  Haimin,  welcher 
selbst  ein  Schüler  des  Alcuin  gewesen  war,  und  auch  als  geist- 
licher Schriftsteller  sich  versucht  hat,  indem  er  die  "Wunder 
des  Gründers  seines  Klosters  erzählte.  —  Milo  hatte  schon  in 
jugendlichem  Alter  die  Kutte  genommen;  später  wurde  er 
Presbyter.-)  Er  war  ein  Mann  von  sehr  umfassender  Bildung'^) 
und  vielseitigem  Talent,  denn  auch  den  Künsten  scheint  er 
gehuldigt  zu  haben^):  so  wurde  ihm  die  Erziehung  von  zwei 
Söhnen  Karls  des  Kahlen,  Pippin  und  Drogo,  in  seinem  Klo- 
ster anvertraut;  für  die  früh  verstorbenen  hat  er  ein  gefühl- 
volles Epitaphium  verfasst;  so  war  er  es  auch,  welchem  Huc- 
bald,   sein  Neffe,   der  später  durch  seine  Gelehrsamkeit,   und 


1)  Acta  Sanctor.  BoUand.  ed.  Henschen  6.  Febr.  T.  I.  (die  Vita  Amandi). 
—  Desplanque,  Etüde  siir  un  poeme  inedit  de  Milon,  moine  de  St.  Amand 
d'Elnon.  (Extrait  des  mem.  de  la  societe  des  sciences  etc.  de  Lille.)  LUle 
1872.  (Enthält  zugleich  das  Gedicht  De  sobrietate  selbst.)  —  Histoire 
litteraire  de  la  France.  Tom.  V,  p.  409  flf.  —  Dümmler,  N.  A.  S.  521. 

2)  Dies  erfahren  wir  aus  seinem  Gedicht  De  sobrietate  1.  n,  v.  916: 
Post  etiam  sumptam  iuvenili  aetate  cucullam  —  —  und  v.  921  :  Jusque 
ministerii  sacris  altaribus  apti  —  indignus  sumpsi. 

3)  So  wird  er  wiederholt  in  den  Quellen  als  phüosophus  oder  sophus 
bezeichnet,  wie  in  den  Annal.  Elnonens.  maior.  und  in  seinem  Epitaphium. 

4)  Für  eine  musikab'sche  Kenntniss  spricht  wohl  dass  er  der  Lehrer 
Hucbalds  war,  vielleicht  auch  etwas  die  Aufzählung  der  verschiedenen  In- 
strumente in  seinem  Carm.  de  sobriet.  (s.  weiter  unten  die  Stelle).  Was 
die  bildende  Kunst  betrifft,  so  führt  man  die  Ausschmückung  von  ein 
paar  Mss.  seiner  Vita  S.  Amandi  auf  ihn  zurück;  auch  hat  er  zwei  sehr 
künstliche  Bildergedichte  Karl  dem  Kahlen  gewidmet. 


278  Milo. 

Damentlich  auch  durch  seine  musikalische  Kenntniss,  berühmt 
ward,  seine  erste  Ausbildung  verdankte.    Er  starb  872.  i) 

Milo  hat  zwei  grössere  poetische  Werke  verfasst,  das  eine 
in  jungen  Jahren^)  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts^),  das  andre 
nicht  lange  vor  seinem  Tode.  Das  erstere  ist  die  Vita  S. 
Amandi,  des  Gründers  des  Klosters  Elnon,  in  1800  Hexametern, 
welche  in  der  Hauptsache  durchaus  der  Bd.  I,  S.  579  erwähn- 
ten ältesten  prosaischen  des  Baudemund  folgt,  die  übrigens 
auch  durch  Milo  eine  Ergänzung  in  Prosa  erhielt.^)  Die  Dich- 
tung ist,  wie  ein  hübsches  Proömium  in  Distichen  zeigt,  auf 
Anregung  der  Klosterbrüder  geschrieben  und  zum  Festtag  des 
Heiligen  von  Milo  als  seine  Gabe  demselben  dargebracht.  Sie 
ist  seinem  Lehrer  Haimin^)  gewidmet,  der  in  der  Antwort  auf 
Milo's  Zuschrift  sie  bestens  empfiehlt,  da  sie  weder  gegen  den 
Glauben,  noch  gegen  die  Gesetze  der  Metrik  Verstösse,  und 
den  Autor  über  die  von  ihm  besorgte  neidische  Kritik  beruhigt. 

Der  Gegenstand  der  Dichtung  ist  durchaus  nicht  un- 
interessant, denn  der  h.  Amandus  war  ja,  wie  wir  früher  schon 
bemerkten,  in  der  That  ein  bedeutender  Missionar  des  siebenten 
Jahrhunderts,  und  wirkte  in  sehr  verschiedenen,  weit  ent- 
fernten Ländern,  was  einer  poetischen  Darstellung  wohl  zu 
gute  kommen  musste.  Und  wenn  auch  Milo  dies  Moment 
nicht  wahrhaft  auszubeuten  verstand,  so  zieht  doch  diese 
metrische  Vita  noch  immer  mehr  als  viele  andre  an.  Sie  ist 
in  vier  Bücher  getheilt,  von  denen  das  erste,  nachdem  ein- 
leitend der  Heilige  als  ein  Nachfolger  der  Apostel  charakteri- 
sirt  worden,  seine  Herkunft,  sein  jugendliches  anachoretisches 
Leben  auf  einer  Insel,  seinen  Eintritt  in  den  geistlichen  Stand, 
und  seine  erste  Romfahrt,  auf  welcher  sein  Missionarberuf  ihm 
zum  Bewusstsein  kam,  schildert;  das  zweite  erzählt,  wie 
er  zum  Missionsbischof  geweiht,  zunächst  in  seiner  Heimath 
Gallien  wirkt,  zum  zweiten  Male  nach  Rom  zieht,  und  darauf 


1)  Nach  dem  Necrolog.  Elnon.,  während  die  Annal.  Elnon.  871  geben. 

2)  So  sagt  der  Dichter  selbst,  Vita  S.  Amandi  1.  I,  c.  3,  §.  15 :  Aptum 
opus  ut  iuvenis  iuvenem  laudai'e  mererer. 

3)  S.  Dümmler  S.  523. 

4)  So  heisst  es  in   seinem   Epitaph:  —  et   sanctum  pulchre  depinxit 
Amandum,  Floribus  exornans.  metro  prosaque  venustans  etc. 

5)  S.  über  diesen  Histoire  litter.  de  la  France  T.  IV,  p.  515  fif. 


Tita  Amandi.  279 

im  Gau  von  Gent  erfolgreich  predigt,  wobei  denn  auch  (c.  12) 
seines  Freundes  und  Nachfolgers  dort,  des  h.  Bavo  mit  hohem 
Lobe  gedacht  wird;  das  dritte  Buch  enthält  seinen  Zug  zu 
den  Slaven  der  Donau,  seine  Verbannung  durch  König  Da- 
gobert und  die  ehrenvolle  Rückberufung  nach  Gallien,  dann 
noch  sein  kurzes  Mastrichter  Episcopat,  das  er  in  Folge  des 
Widerstands  des  Klerus  aufgibt,  um  auf  eine  Insel  der  Scheide 
sich  zurückzuziehen;  das  vierte  Buch  endlich  berichtet,  wie 
Amandus  den  Basken  das  Evangelium  verkündet,  dann  nach 
Gallien  zurückgekehrt,  Klöster  gründet  und  manche  Heilungen 
vollbringt,  und  in  Elnou,  das  jetzt  sein  Hauptsitz  war,  seinen 
Tod  und  sein  Grab  findet.  Einzelne  Wundererzählungen  finden 
sich  auch  in  den  andern  Büchern  zerstreut,  zum  Theil  als 
längere  Episoden. 

Die  Eintheilung  des  Stoffes  in  die  vier  Bücher  (welche 
wieder  in  Kapitel  zerfallen)  ist  zunächst  nur  zur  Erleichterung 
der  Mühe  des  Schreibers  wie  des  Lesers  gemacht,  wie  der 
Verfasser  selbst  im  Eingang  des  zweiten  Buches  sagt;  im  An- 
fang des  vierten  macht  er  freilich  nachträglich  einen  tieferen 
Grund  geltend,  die  Bücher  sollen  den  vier  Evangelien  ent- 
sprechen. Eine  gewisse  Gliederung  des  Stoffes  aber  hat  er  in 
der  That  damit  erreicht,  zumal  er  jedem  Buch  eine  einleitende 
Betrachtung  voraussendet.  Die  Rücksicht,  die  Milo  bei  der 
Eintheilung  auf  ein  grösseres  Publikum  nahm,  sollte  auch  in 
seinem  Stile  massgebend  sein:  nicht  für  die  Gelehrten,  die 
„Magister"  will  er  hier  schreiben,  sondern  allen  Mönchen  ver- 
ständlich sein,  deshalb  hat  er,  wie  er  in  der  Widmung  sagt^J, 
schwierigere  Constructionen,  die  er  wohl  auch  hätte  machen 
können,  vermieden.  Dies  gereicht  nun  in  der  That  seiner 
Dichtung  zum  entschiedenen  Vortheil  im  Gegensatz  zu  andern 
solchen  Heiligenleben  jener  Tage,  von  welchen  wir  sogleich 
eins  vorführen  werden.  Die  Diction  ist  im  allgemeinen  ein- 
fach, natürlich,  leicht  verständlich,  ungezwungen  und  frei  von 
Schwulst,  auch  im  Ganzen  wie  auch  der  Vers  correct,  so  dass 
von  der  „Rusticität",  die  der  Verfasser  in  der  Widmung  ent- 
schuldigt, vom  Standpunkte  jener  Zeit  nichts  zu  bemerken  ist. 
Milo  weiss   auch    die  Darstellung  durch   Mittel   der  Kunst   zu 


1)  Vgl.  auch  im  Eingang  des  2.  Buchs:   Non   opus  hoc  orbis  recitan- 
diun  mitto  magistris  etc. 


280  Milo. 

beleben,  nicht  bloss  durch  Apostrophen  —  womit  er  oft  nur 
allzu  verschwenderisch  verfährt,  wie  namentlich  im  zweiten 
Buche,  und  durch  Vergleiche,  die  desto  seltener  sind,  sondern 
auch  durch  ausführlichere  Schilderungen,  wie  die  Begegnung 
mit  der  Schlange  (1.  I,  c.  2),  der  Sturm  auf  dem  Meere  (1.  II, 
c.  8)  und  das  Lob  Elnons'),  das  ebenso  reich  an  materiellen, 
wie  an  sittlichen  Gütern  erscheint  (1.  IV,  c.  4).  In  solchen  Schil- 
derungen ist,  wie  auch  sonst,  leicht  der  gelehrige  Schüler  des 
Virgil  zu  erkennen.  Doch  kann  auch  Milo  nicht  unterlassen, 
auf  die  unnütze  Eitelkeit  der  antiken  Poesie  hinzuweisen  und 
den  Stoflf  seines  Werks  über  den  der  Aeneis  zu  erheben.  2) 
Dieser  Ansicht  pflichtet  auch  ganz  bei  eine  der  Dichtung  Milo's 
beigefügte  poetische  Empfehlung  eines  seiner  Mitschüler  bei 
Haimin,  Wulfaius,  welche  zugleich  zeigt,  welchen  Beifall  das 
Werk  bei  den  angesehensten  Geistlichen  zu  seiner  Zeit  fand. 
—  In  formeller  Beziehung  ist  noch  bemerkenswerth,  dass  Milo 
mitunter  die  Alliteration  als  poetischen  Schmuck  verwendet, 
und  selbst  in  einer  ganz  übertreibenden  Weise.  3) 

Die   andre  Dichtung  Milo's,    die   er,    nachdem    er   schon 


1)  Elnon  hiess  das  Kloster,  welches  später  nach  seinem  Schutzheiligen 
St.  Amand  vorzugsweise  genannt  wurde ,  nach  einem  Flüsschen ,  an  dem 
es  lag,  wie  hier  auch  gesagt  wird  §.  12:  Locus  est  de  flumine  dictus. 

2)  S.  das  Prooem.  v.  21  ff.  und  1.  II,  c.  1,  §.  1. 

3)  Die  aber  recht  zeigt,  dass  auch  an  den  andern  Stellen  die  Allite- 
ration kein  Werk  des  Zufalls  ist.  Beispiele  der  Uebertreibung  finden  sich 
namentlich  1.  I,  c.  1,  so  v.  14  ff. ; 

Pastores  pecorum  primi  pressique  pavore 

Conspicuos  cives  caiToen  caeleste  canentes 

Audivere  astris  arrectis  auribus:  auctor 

Ad  terras  etc. 
Hier  findet  sich  also  auch  die  vocalische  Alliteration;  beachtenswerth  ist 
dass  der  Vers,  der  auf  den  letzten  der  alliterirten  folgt,  im  Eingang  alle- 
mal noch  die  Alliteration  anschlägt.  Gewöhnlich  beschränkt  sich  aber  die 
Alliteration  an  einer  Stelle  nur  auf  einen  Vers,  und  zeigt  sich  nicht  wie 
oben  bei  mehreren  hinter  einander,  z.  B.  1.  II,  c.  1,  v.  20: 

Petrus  piscator  populos  piscando  poetis 

Praefertur  cunctis  etc. 
"Wie   diese  metrische  Spielerei  bei  Milo's   Schüler,   Hucbald   eine  Nach- 
ahmung bis  zur  lächerlichsten  Extravaganz  fand ,  wird  man  im  folgenden 
Bande  sehen. 


De  sobrietate.  281 

länger  der  poetischen  Production  entsagt '),  verfasst  hat,  ist  ein 
weit  selbständigeres  Werk  didactischer  Natur:  De  sobrietate-), 
welches  zwei  Bücher  nmfasst,  von  denen  das  erste  982,  das 
zweite  1096  Hexameter  zählt;  ein  jedes  ist  zugleich  in  eine 
grössere  Zahl  Kapitel  getheilt.  Dem  Werke  gehen  zwei  Wid- 
mungen an  Karl  den  Kahlen  voraus,  die  eine  in  38  Hexametern 
von  dem  Dichter  selbst,  worin  er  von  dem  erlauchtesten  „Kö- 
nige "  nach  dem  Beispiele  der  Poeten  des  Alterthums  Lohn  für 
seine  Dichtung  erhofft;  die  andre  Widmung  in  30  Distichen  ist 
an  den  „Kaiser"  gerichtet  —  also  nach  875  verfasst  — ,  und 
zwar  von  Hucbald,  der  den  ihm  von  seinem  sterbenden  Oheim 
gewordenen  Auftrag  vollziehend,  Karl  das  Gedicht  tibergibt. 

Der  Dichter  beginnt  sein  Werk  damit,  dass  er  die  äussere 
Veranlassung  desselben  erzählt.  Tief  ergriff  ihn  eines  Tags 
beim  Gottesdienst  der  Vesper  der  Gesang  des  136.  Psalms: 
„Super  flumina  Babylonis",  indem  er,  denselben  bei  sich  alle- 
gorisch auslegend,  in  den  aus  dem  gelobten  Lande  exilirten 
Juden  die  aus  dem  Paradiese  verbannte  Menschheit  sieht,  die 
ihr  Schicksal,  wie  jene,  beweinen  müsse.  Ein  solches  Klage- 
lied beschloss  er  zu  dichten,  das  aber  ihn  und  andre  bessern 
soll  (v.  32  ff.).  Nach  Schilderung  des  Tempels  Salomo's,  nach 
dem  die  Sehnsucht  der  Juden  sich  richtet,  führt  der  Dichter 
die  allegorische  Erklärung  weiter :  ihm  ist  Nebucadnezar  Satan 
selbst  und  sein  grausamer  Feldherr  Nebuzardan  —  der  „Koch", 
da  er  die  heiligen  Gefässe  des  Tempels  als  Kochtöpfe  ver- 
wandte, —  die  Gastrimargia,  durch  die  schon  das  Erzeltern- 
paar verführt  ward.  Babylon  aber  bezeichnet  unser  Sünden- 
wirrsaP).     Der    Dichter    will    dann    (v.  126)    die    „Ehre"    der 


1)  So  heisst  es  1.  11,  v.  964  f.: 

Hinc  me  desuetis  repetentem  carmina  rithmis 
Musa  sagax  olim,  iara  nunc  ignava  tepescens, 
Ammonuit  etc. 

2)  So  sagt  der  Dichter  selbst  1.  II,  v.  10S6:  Qui  scripsi  geminos  de 
sobrietate  libeUos;  während  die  Ueberschrift  in  der  ältesten  Handschrift, 
vom  nennten  Jahrhundert,  den  wunderlichen  Staatstitel,  so  zu  sagen,  bietet : 
Utilia  tela  sacrae  parcitatis  Adversus  coquum  Babylonis  De  di^inae  scrip- 
turae  pharetris  Educta,  studio  Milonis  Coenobitae  Amandi  abni  Ac  beati 
Christi  praesulis.   Dieser  Titel  wird  sich  aus  unsrer  Inhaltsanalyse  erklären. 

3)  Quod  Babylon  signat,  scelerum  confusio  nostra  est  1.  I,  v.  81.  Auf 
Grund  von  Genes,  c.  11,  v.  9. 


282  Milo. 

Sobrietas  und  wie  verdammlich  das  gegentheilige  Laster  ist, 
vom  Anfange  der  Welt  an  aus  der  alttestamentliehen  Geschichte 
zeigen.  Er  gedenkt  zunächst  des  Sündenfalls;  noch  während 
der  Sündfluth  erscheint  die  Gastrimargia  wieder  in  dem  Raben, 
der  von  Noah  ausgesandt  nicht  zurückkehrt,  durch  den  Frass 
des  Aases  aufgehalten.  Der  Patriarch  selbst  huldigt  der  So- 
brietas nur  so  lange,  als  er  in  der  Arche  verweilt.  Auch  Loth 
fällt  durch  seine  Trunkenheit;  die  Gefrässigkeit  lässt  Esau  sein 
Erstgeburtrecht  verkaufen.  Das  jüdische  Volk,  durch  die  Wach- 
teln in  der  Wüste  wohl  genährt,  betet  das  goldene  Kalb  an. 
Als  Vorbilder  der  Sobrietas  erscheinen  dagegen  Samson,  der 
dem  Löwenrachen  den  Honig  entnimmt,  Elias,  Elisaeus,  Daniel, 
Judith  —  deren  Geschichte  ausführlich  erzählt  wird  (v.  331  ff.) 
—  Esther,  die  sieben  Maccabäer. 

Tugend  und  Laster  haben  immer  von  Anfang  an  neben 
einander  bestanden  (v.  431),  und  ihre  Vertreter  mit  einander 
gekämpft,  wie  dies  der  Dichter  auch  durch  Beispiele  des  Alten 
Testaments  beweist.  Die  soll  sich  der  Leser  einprägen,  und 
gegen  die  Augriffe  der  Schlange  sich  rüsten  durch  die  „  Schuhe 
der  Väter ",  die  Schilde  von  dem  Thurme  Davids,  den  Harnisch 
der  Gerechtigkeit,  den  Helm  des  Heiles.  —  Der  Thurm  aber, 
der  zum  Himmel  führt,  dessen  Fundament  Christus  ist  (nach 
Epist.  I  ad  Corinth.  c.  3,  v.  10  ff.)  muss  mit  den  drei  theolo- 
gischen Tugenden  erbaut  werden  (v.  551  ff.);  dagegen  sind  die 
drei  Hauptlaster  Invidia,  Superbia,  Avaritia  zu  fliehen,  die 
auch  wieder  durch  biblische  Beispiele  illustrirt  werden.  Ihre 
Gegenmittel  sind:  die  Nächstenliebe,  die  Demuth,  das  Almosen- 
geben. Bei  der  Avaritia,  welche  die  meisten  verdirbt,  Könige 
wie  Kleriker,  und  die  grösste  Nachkommenschaft  andrer  Laster 
hat,  verweilt  der  Dichter  länger  (746  ff.).  Um  uns  gegen  sie 
und  die  ihrigen  zu  schützen,  sollen  wir  nichts  über  das,  was 
die  Noth dürft  verlangt,  suchen,  alles  andre  den  Armen  geben 
und  so  einen  Schatz  im  Himmel  sammeln.  Denn  die  jüngste 
Zeit  ist  nicht  mehr  fern.  Und  doch  wird  die  Predigt  wenig 
gepflegt  und  auch  wenig  begehrt  (v.  880  ff.).  Der  Dichter  kehrt 
dann  am  Ende  des  ersten  Buchs  zur  Sobrietas  zurück;  sie 
vermag  den  Teufel  zu  besiegen,  wie  der  Speichel  eines  Nüch- 
ternen das  Schlangengift  zerstört. 

Während  nun  der  Autor  in  dem  eben  betrachteten  Buche 
die  Vorbilder  der  von  ihm  verherrlichten  Tugend   dem  Alten 


De  sobrietate.  283 

Testament  eutuahm,  so  in  dem  zweiten  dem  Neuen.  Es  be- 
ginnt mit  dem  Lobe  der  Jungfrau  Maria,  zumal  die  Sobrietas 
auch  die  Pudicitia  in  sich  schliesst  's.  y.  S6);  Maria,  der  hier 
schon  die  verschiedensten  Prädicate  aus  dem  Pflanzen-  und 
Steinreiche  gegeben  werden  i),  übertraf  an  Glauben  Abraham, 
an  Muth  Daniel.  Es  folgt  die  wie  die  Turteltaube  keusche 
"Wittwe  Anna,  die  eben  deshalb  die  Gabe  der  Weissagung  be- 
sass ;  dann  Johannes  der  Täufer :  der  Dichter  widmet  ein  ganzes 
langes  Kapitel  (v.  117  tf.)  seiner  Passion,  in  deren  Schilderung 
er  seine  glänzendsten  Farben  verwendet.  2)  (Hieran  schliesst 
sich  eine  heftige  Diatribe  gegen  die  Weiberliebe.)  —  Christus 
selbst  zeigt  den  rechten  Weg,  indem  er  den  Versucher  über- 
wand; durch  seine  Hülfe  können  wir  ihn  auch  besiegen.  Der 
Dichter  warnt  dann  vor  der  Gefrässigkeit  und  besonders  vor 
der  Trunkenheit,  von  deren  Folgen  er  ein  lebendiges,  bis  zum 
Widerwärtigen  abschreckendes  Bild  entwirft  (v.  315  ff.).  Die 
Sobrietas  dagegen  geleitet  uns  zum  Paradies;  sie  müssen  wir 
zur  Lehrerin  nehmen,  die  unter  den  vier  Cardinaltugenden 
selbst  die  Meisterin  ist,  indem  sie  die  drei  andern  vor  jedem 
Zuviel  bewahrt,  so  dass  die  Klugheit  nicht  zur  Sectirerei,  die 
Gerechtigkeit  nicht  zur  Strenge,  die  Tapferkeit  nicht  zur  Grau- 
samkeit verfuhrt  wird  (v.  441  ff.).  Christus  gab  selbst  das  Bei- 
spiel der  Massigkeit,  als  er  seine  Menschennatur  bewies;  mit 
dem  Vater  uns  versöhnend,   ist  er  unser  „Friede".  0     Nur  um 


1)  Cednis,  cj-pressus.  platanus.  mix,  myrtus.  oliva, 
Myrra ,  storax ,  calamus ,  thus ,  balsama ,  cassia ,  nardus, 
Onyx,  cristallus,  prasius,  berillus,  iaspis.    v.  9  ff. 

Später,  V.  -14,  heisst  sie  noch:  Margarita  micans ,  praecellens  unio  gemmas. 

2)  In  der  Beschreibung  des  üppigen  Mahles  des  Herodes  -«-ird  denn 
auch  der  verschiedenen  Musikinstrumente  gedacht,  v.   161: 

Ebrietas,  hixus,  petulantia.  lusus  inanis. 
Earpa.  lirae,  citharae.  psalteria,  fistula,  musae, 
Cimbala,  sambucae,  simphonia,   timpana,  sistra. 
Organicumque  melos  aptabat  fib'a  mortis, 
Vipera  vipereo  saltatrix  germine  creta. 
Sibilat  ut  serpens,  ut  regulus  ore  volucrem 
Sorbeat,  ad  caput  haec  tendit  fera  bestia  vatis  etc. 

3)  Pax  dessen  drei  Buchstaben  die  Dreieinigkeit  bezeichnen:  ../' 
patrem",  ^A  genitum,  quod  Graecus  nominat  Alfa",  „A' duplex,  ab 
utroque  venit  quia  Spiritus  ahnus.'*     v.  5 14  ff. 


284  Milo,  De  sobrictate. 

Brod,  Fisch  und  Ei  sollen  wir  bitten,  das  erstere  bedeutet  die 
Caritas,  das  zweite  den  Glauben,  das  dritte  die  Hoffnung. 

Der  Dichter  wendet  sich  dann  zu  den  Gefallenen  und  er- 
mahnt sie  durch  Reue  und  Schuldbekenntniss  sich  wieder  zu 
erheben  (v.  552  ff.),  indem  er  auf  des  Petrus  Beispiel  verweist 
und  ausführlich  auf  die  Parabel  von  dem  verlorenen  Sohne 
eingeht.  Es  folgt  —  unvermittelt  —  ein  Lob  der  Schamhaf- 
tigkeit  oder  vielmehr  der  Jungfräulichkeit,  von  der  Maria  das 
Vorbild  ist.  Leider  ist  die  Jungfräulichkeit  zum  Himmel  ent- 
flohen, und  „Hess  nur  seltene  Spuren  ihres  Kultus  auf  der 
Erde  zurück."  Das  Laster  nennt  man  Natur,  eine  That  des 
schimpflichen  Ehebruchs  belobt  man  mit  beifälligem  Gelächter ! 
Und  die  Schuld  trifft  auch  Wittwen  und  Nonnen ;  und  selbst 
Priester  beflecken  ihre  Stola. ')  Wer  ein  Demant  sein  will,  muss 
sich  vor  dem  Bocksblut  der  Wollust  hüten,  das  ihn  zerbricht 
(v.  788  f.).  Die  Priester  müssen  rein  sein ,  wie  ihre  Gewan- 
dung, sonst  sind  sie  durch  Heuchelei  noch  schuldiger.  Doch 
nicht  alle  trifft  der  Tadel  oder  Verdacht:  die  guten  belobt 
und  ermahnt  der  Dichter.  Dann  aber  kehrt  er  zu  sich  selbst 
zurück  (v.  906  ff.),  um  seine  eigene  Sündhaftigkeit,  offenbar 
übertreibend,  zu  beklagen;  wer  lehrt,  muss  auch  dem  ent- 
sprechend handeln.  Diese  Klagen  zu  ergiessen  hat  ihn  seine 
Muse  aufgefordert,  um  so  den  ewigen  zuvorzukommen  —  durch 
seine  Reue.  Wer  wird  ihn  vor  der  Hölle  schützen?  Nur  im 
Vertrauen  auf  seinen  Glauben  hofft  er  durch  Gottes  Gnade 
gerettet  zu  werden.  —  In  einem  Epilog  dankt  der  Dichter 
schliesslich  Gott,  seine  Herrlichkeit  feiernd,  für  die  Vollendung 
des  Werks. 

Diese  umfangreiche  Dichtung,  die  durch  einzelne  kultur- 
geschichtlich interessante  Züge  anzieht,  legt  zugleich  recht 
ein  Zeugniss  von  der  für  jene  Zeit  nicht  geringen  theologischen 
Gelehrsamkeit  Milo's  ab,  namentlich  von  seiner  grossen  Bibel- 
kenntniss;    die   Sprache  wie  der  Vers  —  so  wenig  auch  der 


1)  Vixque  sacerdotes  iam  sorde  carere  secundos 
Flere  decet,  sed  scire  pudet  qui  crimine  stolas 
Non  vitant  maciüare  suas;  reverentia  celsi 
Digna  ministerii  tenet  hos  non  uUa,  nee  ii)sa 
PoUutis  manibns  sacranda  offeiTe  recusant. 

V.  770  ff 


Heiric.  Leben.  285 

Dichter  die  Quantität  geachtet  haben  will^)  —  bekunden  den 
gelehrigen  Schüler  der  Alten,  der  auch  seine  Kenntniss  der 
antiken  Mythologie  gelegentlich  zu  zeigen  versteht.-) 

Ein  interessantes  Gegenstück  zu  dem  von  Milo  verfassten 
poetischen  Heiligenleben  ist  das  eines  jüngeren  Zeitgenossen 
und  Landsmanns,  welches  nicht  minder  besondern  Beifall  ern- 
tete. Auch  gehörte  sein  Verfasser  zu  den  bedeutendsten  Ge- 
lehrten jener  Zeit.  Es  ist  das  Leben  des  h.  Germanus  von 
Heiric  von  Auxerre'')?  der  Mönch  des  dort  dem  Germanus 
geweihten  Klosters  war,  welcher  Heilige  selbst  aus  dieser 
Stadt  stammte.  Heiric  war  unweit  derselben  zu  Herj  S41 
geboren,  schon  im  achten  Jahre  zum  Mönch  tonsirt  und  859 
als  Subdiaconus  ordinirt.^)  Offenbar  ein  frühreifes  Lagenium, 
gleich  Walahfrid,  hatte  er  seine  Ausbildung  aber  nicht  bloss 
dem  Kloster  zu  danken,  vielmehr  nennt  er  selbst  als  Lehrer 
seiner  Jugend  in  einem  Gedicht  an  den  Bischof  von  Auxerre 
Hildebold-)  Lupus  und  Haimo,  den  ersteren  in  den  humanen 
Wissenschaften,  den  andern  in  der  Theologie  —  jeder  von 
beiden,  wie  er  sagt,  in  seinem  Fache  berühmt.  Der  erstere 
ist  gewiss  der  bekannte,  oben  erwähnte  Abt  von  Ferrieres, 
wer  der  andre  war,  dagegen  nicht  zu   sagen;   er   mag   wohl 


1)  Indem  er  im  Epilog  v.  1034  ff.  sagt: 

Posihabui  leges  ferulas  et  munia  metri: 
Non  piito  grande  scelus  si  syUaba  longa  brevisque 
Altera  in  alterius  dubia  statione  locetur; 
Quodsi,  ut  credo,  nequit  Carmen  iam  iure  vocari, 
Sit  satis  huic  saltem  censeri  nomine  rithmi. 
Auch  der  Schluss  der  Stelle  ist  bemerkenswertli.  —  Dass  es  auch  in  diesem 
Gedicht  an  der  Spielerei  der  Alliteration  nicht  fehlt,   lässt   sich   leicht 
denken,  obgleich  sie  sich  seltener  in  übertriebener  "Weise  findet:   ein  Bei- 
spiel, in  dem  sie  dem  Gedächtniss  zu  dienen  scheint  ist  1.  I  v.  979 :    Yii-- 
tus  viva  valet  vitiorum  vincere  virus. 

2)  S.  z.  B.  1. 1 Y.  S31  ff.,  wo  u.  a.  die  Harpj'ien  und  Furien  genannt  werden. 

3)  Acta  Sanctorum,  Julii  Tom.  VII,  p.  221  ff. Kaulich,  Geschichte 

der  scholast.  Philosophie  Bd.  I,  Prag  1S63.  —  Prantl,  Geschichte  der  Logik, 
Bd.  II,  S.  41  fl'.  —  Sickel,  Lettre  sur  an  msc.  de  Melk  venu  de  S.  Ger- 
main d' Auxerre  in:  Biblioth.  de  l'Ecole  des  Chart.  Ser.  V,  Bd.  3.  — 
Dümmler,  N.  A.  S.  528  ff. 

4)  S.  Sickel  a.  a.  0.  S.  35. 

5)  S.  das  Gedicht  bei  MabiUon,  Yet.  Analecta,  Paris  1723,  p.  423. 


286  Heiric. 

auch  dem  Kloster  FerriereS;  was  am  wahrscheinlichsten ,  oder 
Auxerre  selbst  angehört  haben.')  Mit  jenem  Gedichte  über- 
reichte er  seinem  Bischof  eine  Frucht  seines  Fleisses,  Collecta- 
neen  aus  Valerius  Maximus,  Sueton,  Solin,  Julian  von  Toledo 
und  den  Kirchenvätern  Hieron3anus,  Aug-ustin,  Beda  u.  a., 
Stellen,  welche  jene  Lehrer  in  wissenschaftlicher  Unterhaltung 
mitgetheilt  hatten.  Nach  einer,  allerdings  nicht  ganz  sichern 
Ueberlieferung  des  zehnten  Jahrhundert'-)  soll  Heiric  auch  ein 
Schüler  des  Schotten  Elias,  Bischofs  von  Angouleme,  dessen 
eigener  Lehrer  ihr  zu  Folge  Erigena  war,  gewesen  sein.  Un- 
wahrscheinlich ist  es  nicht  insofern  als  Heiric  in  der  That  mit 
der  Philosophie  des  Johannes  Scotus  sich  sehr  vertraut  zeigt, 
ja  in  uns  erhaltenen  commentirenden  Glossen  zu  älteren  philo- 
sophischen Werken,  namentlich  zu  den  pseudo-augustinischen 
Categoriae  und  dem  Martianus  Capeila,  sich  an  ihn  anschliesst, 
doch  keineswegs  unbedingt,  vielmehr  beweist  er  eine  gewisse 
philosophische  Selbständigkeit,  indem  er  einer  entschieden 
nominalistischen  Richtung  huldigt.  Heirics  Gelehrsamkeit  er- 
streckte sich  aber  auch  noch  auf  andre  Gebiete,  wie  auf  das 
der  Chronologie  und  Astronomie:  so  hat  er  ein  Werkchen  über 
die  Position  und  den  Lauf  der  Planeten  verfasst,  so  auch 
erklärende  Glossen,  zum  Theil  in  tironischen  Noten,  zu  Beda's 
Liber  de  temporibus."^)    Ferner  hat  er  sich  an  einer  Geschichte 


1)  An  Haimo  von  Halberstadt  ist  nicht  zu  denken,  wie  man  mit  Un- 
recht gethan  hat;  er  war  schon  seit  840  Bischof  jener  deutschen  Stadt, 
das  Gedicht  an  Hildebold  ist  vor  857  verfasst,  da  der  letztere  nur  so 
lange  lebte;  wie  sollte  Heiric  vor  dem  16.  Jahre  nicht  bloss  in  Ferrieres, 
sondern  auch  noch  in  Deutschland  und  zwar  dem  fernen  Halberstadt  stu- 
dirt  haben,  während  er  in  Auxerre  Mönch  war !  Manche,  wie  Kaulich  und 
Prantl,  lassen  ihn  sogar  in  Fulda  bei  Haimo  Unterricht  geniessen  — 
das  wäre  also  noch  vor  Heirics  Geburt  —  und  machen  Hanno,  wie  der 
sonst  so  verdienstvolle  Prantl,  zu  einem  Schüler  Rabans,  während  er  sein 
Mitschüler  bei  Alcuin  war. 

2)  In  Pertz,  Archiv  f.  ältere  deutsche  Geschichtskunde  Bd.  X,  S.  333  f. 

3)  Dass  diese  Glossen  von  Heiric  herrühren,  dafür  spricht  auch  der 
Umstand  dass  sie  zum  Theü  in  tironischen  Noten  geschrieben  sind:  was 
man  nämlich  bisher  nicht  beachtet  zu  haben  scheint,  er  bezeichnet  sich 
selbst  als  einen  Kenner  dieser  Stenogi-aphie  in  dem  Widmungsgedicht  der 
Collectanea,  die  er  ebenso  aufgezeichnet;  es  heisst  da  v.  15  f.: 

Haec  ego  tum  notulas  doctus  tractare  furaces  (?), 
Stringebam  digitis  arte  favente  citis. 


Tita  Germani.  287 

der  Bischöfe  von  Auxerre  betheiligt. ')  Was  endlich  seine  philo- 
logischen Kenntnisse  betrifft,  so  bezeugt  namentlich  seine  Dich- 
tung die  der  griechischen  Sprache  —  was  wieder  auf  Erigena's 
und  seiner  Schüler  Einflnss  zurückweist  —  und  eine  ungewöhn- 
liche Kenntniss  der  Metrik.  Ein  Gelehrter  von  solcher  Be- 
deutung musste  auch  als  Lehrer  keine  geringe  Wirksamkeit 
haben:  er  wurde  später  als  einer  der  Fortpflanzer  der  wissen- 
schaftlichen Tradition  im  eminenten  Sinne  bezeichnet,  als  der 
Lehrer  des  h.  Remigius,  des  Wiederherstellers  der  danach  so 
berühmten  Schule  von  Reims.-)  Auch  Hucbald  wird  sein 
Schüler  genannt.  Er  scheint  schon  576  oder  S77  gestorben 
zu  sein.-^) 

Die  Vita  S.  Germani  hat  Heiric  schon  in  früher  Jugend 
begonnen,  als  er  eben  die  Schule  verlassen,  wie  er  selbst  sagt, 
und  zwar  auf  den  Wunsch  des  jugendlichen  Abtes  seines 
Klosters,  des  Sohnes  Karls  des  Kahlen,  Lothar,  der,  damals 
noch  ein  Knabe,  in  dem  Kloster  erst  erzogen  wurde;  aber 
kaum  war  die  Arbeit  begonnen,  als  Lothar  starb  (S65),  Heiric 
liess  sie  dann  eine  Zeitlang  liegen,  und  auch  als  sie  vollendet, 
i.  J.  S73,  zögerte  er  noch  lange  mit  der  Herausgabe.  Diese 
erfolgte  nicht  vor  dem  Jahre  S76,  denn  in  dem  Widmungs- 
schreiben an  Karl  den  Kahlen  —  dem  wir  die  obigen  An- 
gaben entlehnen^) —  titulirt  er  denselben  Caesar.  Das  Wid- 
mungsschreiben hat  noch  dadurch  ein  besonderes  Interesse, 
dass  Heiric,  wenn  auch  in  panegyrischer  Weise,  über  die 
ausserordentliche  Begünstigung  der  humanen  Studien  und 
namentlich  der  Philosophie  durch  seinen  König  manche  An- 
gaben von  Bedeutung  macht,  die  wir  auch  am  geeigneten 
Orte  bereits  benutzt  haben.'')  Wenn  unser  Autor  dabei  aber 
insbesondere  auf  die  Einwanderung  irischer  Philosophen  nach 
Westfrancien  hinzeigt,  so  erweist  dies  von  neuem  seine  nahe 
Beziehung  zu  ihnen. 

Die  stoffliche  Grundlage  der  Dichtung  bildet  die  im  Ganzen 


1)  Gesta   episcoporiüii    Autisiodorensium ,    s.    Wattenbach,    Deutschi. 
Geschichtsq.  I,  S.  245. 

2)  S.  oben  S.  286  Anm.  2.  3)  Sickel  a.  a.  0.  S.  37. 

4)  Mit  Ausnahme  des  Jahrs  der  Vollendung,  dies  zeigt  Heiric  im  Epi- 
log der  Dichtung  an,  wo  er  sein  Alter  mit  32  Jahren  angibt. 

5)  Vgl.  oben  S.  118. 


288  Heiric. 

gut  abgefasste  Prosa -Yita  des  Heiligen,  welelie  der  Presbyter 
von  Lyon,  Constantius,  ein  Freund  des  Apollinaris  Sidonius  in 
den  achtziger  Jahren  des  fünften  Jahrhunderts  verfasste.^)  Der 
Heilige  selbst  lebte  bis  448 ,  so  dass  Constantius  noch  sein 
Zeitgenosse  war.  Die  Vita  ist  wie  die  des  heil.  Amandus  von 
grösserem  und  selbst  historischem  Interesse;  obgleich  dieser 
Heilige  kein  Missionar  war,  so  hat  er  doch  ein  bewegtes 
Leben  geführt.  Germanus  stammte  aus  Auxerre,  wovon  er 
auch  zum  Unterschied  von  andern  Heiligen  dieses  Namens, 
zubenannt  wird,  und  war  von  vornehmer  Abkunft;  so  schlug 
er  zunächst  die  politische  Laufbahn  ein,  auf  der  er  es  zu 
hohen  Würden  brachte:  da  wurde  er,  was  damals  nicht  auf- 
fallend, zum  Bischof  gewählt.  2)  Nachdem  Germanus  die  Wahl 
angenommen,  änderte  er  sein  Leben  vollständig  und  ward 
Asket,  so  dass  sich  der  Kuf  seiner  Frömmigkeit  bald  weit 
verbreitete,  und  auch  die  obligaten  Wunder  nicht  fehlten.  Er 
machte  verschiedene  weite  Keiseu,  so  ging  er  zweimal  nach 
Britannien,  um  auf  den  Wunsch  der  Katholiken  die  Pelagianer 
zu  bekämpfen:  bei  einer  dieser  Fahrten  führte  er  die  Britten 
auch  im  Kampfe  mit  den  Picten  zum  Siege,  den  einzigen,  den 
sie  über  diese  erfochten  (429),  daher  denn  dieser  Heilige  bei 
ihnen  eine  besondere  Popularität  stets  genoss.  So  zog  er  nach 
Italien,  um  den  aufgestaudenen  Armoricanern  vom  Kaiser  in 
Ravenua  Amnestie  zu  erwirken,  nachdem  er  das  gegen  sie  von 
Aetius  gesandte  Executionsheer  der  Alanen  durch  seine  muthige 
Beredsamkeit  zur  Umkehr  bewogen.  In  Ravenna  aber,  wo  er 
die  ehrenvollste  Aufnahme  fand,  ereilte  ihn  der  Tod.  Seine 
Leiche  wurde  nach  Auxerre  übergeführt.  Auf  allen  diesen 
Zügen  aber  gab  er  von  seiner  Wunderkraft,  namentlich  durch 
Heilungen,  Zeugniss. 

Auf  Grund  dieser  Vita  hat  Heiric  seine  Dichtung,  die  er 
in  sechs  Bücher  getheilt,  verfasst,  wenn  auch  mit  einzelneu 
Abweichungen^):    das   erste  Buch  geht  bis    zur  Bischofswahl, 


1)  Dessen  Autorscliaft  aber  Scholl,  De  eccles.  Briton.  Scotorumque 
histor.  foutibus  p.  25  bezweifelt. 

2)  Vgl.  z.  B.  die  Wahl  des  Sidonius,  Bd.  I,  S.  402. 

3)  Z.  B.  1.  I,  c.  2,  §.  32  wo  der  Vorgänger  des  Germanus,  Amator 
Märtyrer  zu  werden  wünscht,  während  in  der  Vorlage  §.  3  das  Gegentheil 
gesagt  wird. 


Tita  Germani.  289 

das  zweite  ist  dieser  und  einer  Charakteristik  des  Heiligen 
gewidmet,  im  dritten  und  vierten  bilden  den  Hauptinhalt  seine 
beiden  Reisen  nach  Britannien,  das  fünfte  erzählt,  wie  er  sich 
der  Armoricaner  annahm  und  deshalb  nach  Italien  zieht,  das 
sechste  endlich  berichtet  seine  Aufnahme  in  Eavenua,  den  Tod 
und  die  Translation,  und  schliesst  mit  einem  laugen  Gebet  an 
Christus  als  Epilog.  Jedem  Buche  geht  aber  eine  Prdefatio 
in  Versen,  dem  ersten  sogar  zwei,  eine  Invocatio  und  eine 
Allocutio  ud^Ubrum,  voraus,  sämmtlich  in  den  verschiedensten 
Versmassen,  die  zum  Theil  ganz  eigenthümliche  metrische 
Combinationen  sind.  Hier  zeigt  sich  denn  die  seltene  Kennt- 
niss  der  lateinischen  und  selbst  griechischen  Metrik,  auf  die 
wir  oben  schon  hindeuteten:  ist  doch  sogar  die  Angabe  der 
Gliederung  der  Sti'ophe  mit  dem  griechischen  Kunstausdrucke 
gegeben. ')  In  der  Hinzufiigung  solcher  Praefationes  ist  unser 
Autor  offenbar  dem  Beispiele  des  Prudentius  gefolgt,  wie  denn 
eine  derselben  auch  direct  an  eine  des  Prudentius  erinnert-); 
ebenso  bekundet  sich  auch  der  Einfluss  desselben  in  der  Man- 
nichfaltigkeit  der  Metra.  Aber  nur  eins  der  von  Prudentius 
gebrauchten  kehrt  hier  wieder.  Die  Invocatio  nämlich  ist  in 
den  phaläcischen  Hendecasjllaben  geschrieben,  wie  sie  Cathe- 
merin.  IV.  und  Peristeph.  VI.  bei  Prudentius  sich  finden,  aller- 
dings da  zu  dreizeiligen  Strophen  verbunden;  aber  beachtens- 
werth  ist,  dass  die  Invocatio  ein  Preis  der  Dreieinigkeit  ist, 
und  das  erst  erwähnte  Gedicht  des  Prudenz  auch  mit  einem 
solchen  anhebt,  das  andre  desselben  wenigstens  eine  Beziehung 
zur  Dreizahl  hat.-^j  Im  Ganzen  zeigt  sich  hier  Heiric  in  der 
Wahl  der  Metra,  namentlich  der  Systeme,  seinen  christlichen 
Vorgängern,  auch  dem  Boetius  gegenüber,  ja  zum  Theil  selbst 
überhaupt  sehr  originell.^)     Und   es   fehlt   ihm  auch  nicht  das 


1)  So  z.  B.  bei  der  Allocutio:  „Jiy.cö'/.co  SiarQÖfoj  discursa." 

2)  Es  ist  die  Praef.  1.  lY,  worin  nach  Matth.  c.  14  erzählt  wird,  wie 
Christus  die  Jünger  und  namentlich  Petrus  bei  dem  Sturm  auf  dem  Meere, 
über  die  Wogen  schreitend  rettet:  Christus  soll  dem  Dichter  ebenso  bei- 
stehen. Dies  Gedicht  erinnert  an  die  Praef.  1.  I  Contra  Symmachum,  worin 
eine  andre  Seefahrt  des  Petrus  nach  Apostelgeschichte  c.  27  erzählt  wird. 
Vgl.  Bd.  I,  S.  267. 

31  S.  Bd.  I,  S.  2.56. 

4i  Die  übrigen  Metra  Heirics  sind  die  folgenden.  Die  Allocutio:  pha- 
läc.  Hendecasyll.  mit  dactyl.  Tetram.  heroicus;  Praef.  libri  11:  Asclepiadeum 

Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  II.  19 


290  Heiric. 

Bewusstsein  der  ästhetischen  Bedeutung  der  Metra,  wenn  er 
die  Verbindung  der  „leichten"  Dactylen  mit  den  „morosen" 
Spondäen  für  anmuthiger  erklärt. ') 

Auch  in  ihrem  Inhalte  bilden  diese  die  Bücher  einleiten- 
den Gedichte  die  originellste  Partie  des  ganzen  Werkes,  welche 
die  Gelehrsamkeit  und  die  klassische  Bildung  Heirics  in  den 
verschiedensten  Beziehungen  zeigt.  So  gibt  sich  in  einzelnen 
rein  christlichen  Inhalts  der  Schüler  des  Erigena  leicht  zu  er- 
kennen, zumal  wenn  man  die  hier  von  Heiric  selbst,  allem 
Anscheine  nach,  hinzugefügten  Anmerkungen  in  Betracht  zieht. 
Dies  gilt  namentlich  von  der  Invocatio  und  der  Praefatio  des 
sechsten  Buches.  In  jener  gab  dazu  die  Anrufung  der  Drei- 
einigkeit die  beste  Veranlassung,  in  dieser  wird  das  Lob  der 
Sechszahl  gesungen  und  die  mystische  Bedeutung  derselben 
dargelegt,  was  dann  wieder  auf  die  Trinität  führt.  In  beiden 
Gedichten  finden  sich  öfters  griechische  Wörter,  ja  in  dem 
ersteren  sogar  ganze  griechische  Verse  eingefügt.  Ein  paar 
andre  dieser  Gedichte  bezeugen  eine  für  jene  Zeit  nicht  ge- 
wöhnliche Kenntniss  der  antiken  Mythologie :  so  wird  in  Prae- 
fatio V  das  Schicksal  des  Icarus  erzählt-'),  indem  es  dem 
Dichter  selbst,  der  sich  mit  ihm  in  seinem  erhabenen  Unter- 
nehmen vergleicht,  zur  Warnung  dienen  soll;  so  wird  in  der 
Allocutio  der  Fabel  von  der  Danae  gedacht.  Diese  Anrede 
des  Autors  an  sein  Buch  ist  auch  sonst  interessant.  Er  be- 
sorgt, dass  es  noch  nicht  genug  gefeilt,  wie  es  die  Werke  des 
Maro  waren,  in  die  Oeffentlichkeit  trete,  und  die  verschiedenen 
Kritiken,  die  es  dabei  erfahren  kann  —  Beifall  scheint  er  nur 
von  profanen  Händen  zu  erwarten^)  —  endlieh  werde  es  nach 
all  der  Unbill  in  den  Laden  des  Gewürzkrämers  wandern!^) 
Vor  solchem  Unheile   möge  es  der  heil.  Germanus  bewahren. 


IV  des  Horaz;   Praef.  1.  III:  Vers,  asclepiad.  maiores;  Praef.  1.  IV:  vier- 

zeilige  Strophen  also  gebildet:    \.  -^\j  —  ^^2.  —  ^<^  —  <^^  —  S. 

-ww-o4. ^^-o  -;  Praef.  1.  V:  dactyl.  Pentapodie  u.  Tripodie; 

Praef.  1.  VI:  Hexam.  und  dactyl.  Penthem. 

1)  Praef.  1.  II,  v.  26  f. 

2)  Heiric  behandelt  den  Stoff  frei,   an  die  Darstellung  des  Ovid,  Me- 
tam.  VIII,  V.  lS3tf.,  erinnert  nichts. 

3)  Hie  plausum  manibus  dabit  profanis. 

4)  Tandem  ludibrio  subactus  omni 

Mv^oxoTiov  trudere  taberna, 


Vita  Germani.  291 

In  der  Vita  selbst  hat  Heine  das  Interesse,  welches  sie 
in  seiner  Vorlage  schon  darbot,  durch  ausgeführtere  Beschrei- 
bung und  Schilderung  poetisch  zu  erhöhen  gestrebt,  so  in  der 
Darstellung  des  asketischen  Lebens  des  Helden  —  ein  in  jener 
Zeit  so  dankbarer  Stoff  —  die  tief  in  das  einzelne  geht,  und 
der  als  Gegenbild  die  seiner  frühern  üppigen  weltlichen  Lebens- 
weise folgt  (1.  II,  c.  1);  andre  hervorragende  Beispiele  sind 
die  Beschreibung  der  Fama  (1.  I,  c.  2,  §.  31),  die  manche 
originelle  Züge  zeigt,  und  die  daran  sich  schliessende,  mit 
grosser  Lebhaftigkeit  ausgeführte  Darstellung  des  Zorns  des 
Germanus,  ferner  die  den  Schüler  Virgils  offen  verrathende 
und  doch  zum  Theil  eigenthümliche  Schilderung  des  Meeres- 
sturmes (1.  III,  c.  3),  die  Zeichnung  des  Charakters  der  Armo- 
ricaner^)  und  die  Beschreibung  ihrer  Angst-)  (1.  V,  c.  1).  — 
Auch  in  der  Vita  selbst  zeigt  der  Autor  hier  und  da  seine 
Kenntniss  des  klassischen  Alterthums.^)  In  Bezug  auf  die 
Diction  aber  bildet  die  Dichtung  des  Heiric  einen  bemerkens- 
werthen  Gegensatz  zu  der  des  Milo,  der  Ausdruck  ist  oft  ge- 
sucht und  geschraubt,  die  Construction  verwickelt,  so  dass  das 
Werk  weit  schwerer  zu  verstehen  ist  als  das  des  Milo.  Und 
eben  dieser  gelehrten  Schwerverständlichkeit  verdankte  das 
Buch  die  Ehre,  als  Lesebuch  für  den  höheren  grammatischen 
Unterricht  in  den  Klosterschulen  eingeführt  zu  werden.  So 
zeigt  sich  also  hier  auch  in  den  versificirten  Heiligenleben  der 
Gegensatz  der  gelehrten  und  der  populären  Behandlung  der 
Legende,   wie  schon  viel   früher  in  den  prosaischen. ^j    Rück- 


Aut  nardi  luodicum  feres  piperve 
Et  si  quid  chartis  aniicitur 
Ignavis. 

1)  Torva  (sc.  gens),  ferox,  ventosa,  procax,  Lacauta,  rebellis, 
Inconstans,  disparque  sibi  uovitatis  amore, 

Prodiga  verboriim,  sed  non  et  prodiga  facti, 
Dicere  plus,  fecisse  minus  taxatui-  honestuni. 

2)  Non  conferre  manum,  non  fines  hoste  tueri, 
Non  saltem  tentare  fugam  sententia  surgit: 
Fingit  quisque  sibi  varii  discrimina  leti 
Solaque  suspectae  torquet  dUatio  mortis. 

3)  S.  z.  B.  1.  I,  c.  1,  §.  25. 

4)  S.  Bd.  I,  namentlich  S.  429;  vereinzelt  auch   schon  früher  in  der 
Dichtung  s.  a.  a.  0.  S.  513. 

19* 


292  Heiric,  Miraciüa  S.  Germani. 

sichtlich  des  Verses  ist  noch  erwähneuswerth.  dass  auch  Heiric 
nicht  selten  den  Schmuck  der  Alliteration  anwendet,  aber  nur 
ganz  vereinzelt  in  so  geschmacklos  übertriebener  Weise  als 
Milo.i) 

Nach  dieser  Dichtung  verfasste  Heiric  noch  zwei  Bücher 
Miracula  S.  Germani  in  Prosa,  die  er  zugleich  mit  jener  Karl 
dem  Kahlen  widmete.-)  In  dem  ersten  Buche  hat  er  die  von 
Constantius  übergangenen  Wunder,  im  zweiten  die  zu  Leb- 
zeiten des  Verfassers  selbst  bei  besonderen  Gelegenheiten,  wie 
bei  einem  Neubau  der  Klosterkirche,  von  den  Reliquien  des 
Heiligen  ausgegangenen  erzählt.  Namentlich  im  ersten  Buche 
finden  sich  die  unglaublichsten  Geschichten  erzählt,  die  der  Vor- 
gänger mit  gutem  Grunde  weggelassen.  —  Auch  der  Stil  dieser 
Prosa  bewegt  sicli  mitunter  in  schwierigeren  Perioden,  im  all- 
gemeinen aber  zeugt  er  auch  für  die  höhere  Bildung  des 
Autors.  Dies  gilt  nicht  minder  von  einer  dem  Festtage  des 
Heiligen  gewidmeten  Predigt.'*) 


FÜNFZEHNTES  KAPITEL. 

ERLOGEN    UND  ELEGIEN:    AGIUS,    ILDERICUS,    BERTHARIUS. 

Noch  ist  aus  dem  Ende  dieses  Zeitalters  einiger  Gedichte 
zu  gedenken,  wovon  eins  wohl  auch  Westfrancien  angehört.^) 
Es  ist  eine   im  Anschluss  an  die  Vita  Adalhardi  des  Radbert 


1)  Z.  B.  1.  I,  c.  3,  §.  38:  Discite,  doctores,  decretorumque  datores. 

2)  Vgl.  Hist.  Utter.  de  la  France  T.  V,  p.  540. 

3)  Doch  findet  sich  einmal  darin  eine  wohl  erwähnenswerthe  Reim- 
spielerei: dicam  hunc  esse  beatissimi  Germani  diem  non  funebrem,  sed 
celebrem,  non  lugnbrem,  sed  salubrem.  —  Noch  sei  bemerkt,  dass 
auch  ein  Hymnus,  von  Barth  in  zwei  Mss.  nach  der  Vita  S.  Germani  ge- 
funden, und  in  dessen  Adversaria  1.  XXXIV,  c.  20  publicirt,  Heu-ic  bei- 
gelegt yävA. 

4)  Da  Galatea  zum  Gesänge  auffordert,  könnte  man  auch  glauben, 
dass  das  Gedicht  in  Gorvey  entstanden  sei,  doch  spricht  die  Auffindung 
der  einzigen  Handschrift  in  Corbie,   sowie  wohl  auch  das  Corvey  gezollte 


Ecloga  duarum  sanctünonalium.  293 

in  einer  aus  Corbie  stammenden  Handschrift  des  zehnten  Jahr- 
hunderts sich  findende  Ecloga  Jiiarum  sanctimoniuliiun^)  in 
Hexametern  —  ein  amöbäischer  Klage-  und  Lobgesang  auf 
Adalhard,  ausgeführt,  wie  der  Dichter  annimmt,  bei  seiner 
Bestattung  von  der  älteren  und  jüngeren  Corbeia,  von  denen 
die  erstere,  seine  Gemalin  nach  dem  Bilde  der  Vermählung 
Christi  mit  der  Kirche,  hier  Philis  heisst,  wegen  ihrer  Liebe 
zur  Caritas,  die  andre,  seine  Tochter,  Galatea,  wegen  der 
Weisse  ihres  Angesichts.  So  wird  uns  in  ein  paar  einleitenden 
Prosazeilen  mitgetheilt.  Galatea  beginnt,  indem  sie  die  Män- 
ner, alle  die  Erwachsenen  auffordert,  mit  ihr  den  Vater  zu 
beklagen,  ihn  soll  die  romanische  Volkssprache  und  die  latei- 
nische feiern,  ja  der  Sachse  soll  auch  seinen  Klageruf  er- 
heben.-) Zu  Adalhards  Exequien  sollen  die  Priester  sein  Lob 
singen,  und  das  Volk  andrerseits  Gottes  Erbarmen  für  ihn  er- 
flehen, seine  Aufnahme  in  das  Paradies.  Philis  antwortet: 
Wer  mag  nicht  beklagen,  dass  „  ein  über  die  Sterne  Erhabener " 
zu  Asche  werde,  vom  harten  Marmor  bedeckt,  dass  des  Kaiser- 
hauses Spross,  von  dem  der  Ruf  der  Tugenden  überall  durch 
den  Erdkreis  fliegt,  den  Würmern  eine  Speise.  —  Und  Philis 
fordert  darauf  auch  die  Männer,  Knaben  und  Mädchen  zum 
Klagen  und  Weinen  auf.  Galatea  bittet  dann  die  „  ältere  Cor- 
beia" den  Greis  zu  bestatten,  und  gedenkt  hier  ihrer  Grün- 
dung durch  ihn,  der  ein  heiliges  Kloster  dort  baute,  wo  früher 
dem  Teufel  geopfert  ward.  Philis  aber  preist  die  jüngere 
Corbeia  ob   des  glänzenden  Aufschwungs,   den  sie   schon  ge- 


Lob  für  das  Mutterkloster.  Das  Gedicht  ist  allerdings  in  einem  sehr  ver- 
wahrlosten Text  überliefert;  aber  auch,  wenn  es  in  gereinigter  Gestalt 
vorläge,  würde  ich  es  doch  mit  den  Herausgebern  und  mit  den  Verfassern 
der  Hist.  litter.  des  Radbert  für  unwürdig  halten,  gegen  dessen  Autorschaft 
auch  sonst  manches  spricht.  Die  Anknüpfung  an  die  Vita  Adalhardi  in 
der  Handschrift  ist  ja  eine  ganz  äusserliche,  sie  geschieht  einfach  durch 
ein  Sequitur. 

1)  Mabillon,  Acta  S.  S.  ord.  Bened.  Saec.  IV,  Pars  1,  p.  321  ff. 

Dümmler,  N.  A.  S.  303  f. 

2)  Rustica  concelebret  romana  latinaque  lingua, 
Saxo  quin  pariter  plangens  pro  carmine  dicat. 

-Quin-  lese  ich  mit  Diez,  der  sich  über  diese  Stelle  in  seinen  Altroman. 
Sprachdenkmalen,  Bonn  1846,  S.  TS  Anm.  verbreitet.  Die  Handschrift 
hat  qui. 


294  Agius. 

Bommeu,  dessen  sie  sicli  stolz  rühmen  dürfe.  (Diese  Stelle 
weist  wohl  auf  die  Zeit  der  Abfassung  hin').)  Mit  solchen 
Reden  verbinden  sieh  dann  weitere  Klagen  beider,  die  wenig 
neues  bieten.  Sie  wünschen  schliesslich  in  den  seligen  Ge- 
filden mit  dem  geliebten  „  Senior  Menalcas "  vereint  zu  werden. 
Dümmler  hat  schon  nachgewiesen,  wie  ausser  andern 
Eeminiscenzen ,  namentlich  aus  dem  Trostgedichte  Fortunats 
an  Chilpericb  und  Fredegunde-j,  solche  vornehmlich  aus  Virgils 
Eklogen  sich  finden,  was  sich  ja  von  vornherein  schon  er- 
warten Hess;  wir  können  aber  weiter  gehen  und  bemerken, 
dass  die  Idee  des  Gedichtes  selbst  und  seine  Anlage  der 
fünften  Ekloge  des  Virgil  entlehnt  ist.  Dort  wird  von  zwei 
Hirten  Menalcas  und  Mopsus  unter  dem  Namen  des  Schäfers 
Daphnis  der  zum  Gott  erhobene  Julius  Caesar  besungen,  in- 
dem der  erstere  den  Tod  desselben  beklagt,  der  andre  Hirt 
über  seine  Vergötterung  frohlockt;  beides  geschieht  ja  ebenso 
auch  in  unserm  Gedichte  in  Betreff  des  Adalhard,  dem  hier 
der  Name  Menalcas  beigelegt  ist.  3) 


Einige  Verwandtschaft  mit  diesem  Gedichte  hat  eine  auch 
in  Dialogform  verfasste  Elegie  auf  den  Tod  einer  Aebtissin, 
welche  ganz  in  das  Ende  dieser  Periode  fallend  875,  oder  nicht 
lange  danach  gedichtet  ist.  Sie  ist  auch  im  Anschluss  an 
eine  Vita  der  Heiligen  in  Prosa  aufbewahrt,  welche  hier  den- 
selben Verfasser  hat,  und  um  dieselbe  Zeit  geschrieben  ist. 
Es  ist  die  Vita  Hatliumodae  von  deren  Bruder  Agius.  ^)  Beide 
waren  Kinder  des  berühmten  Grafen  Liudolf,    des  Ahnherrn 


1)  Indem  also  die  Abfassung  längere  Zeit  nach  Adalhards  Tod  und  der 
von  Radbert  verfassten  Vita  erfolgte. 

2)  Vgl.  Bd.  I,  S.  502. 

3)  Auch  der  Name  Philis  ist  dort  entlehnt,  da  Vers  10  bei  Virgil 
einer  PhyUis  gedacht  wird ;  aber  der  letztere  Name  erscheint  hier  wohl  ab- 
sichtlich verändert,  um  ihn  mit  fdeiv  in  Bezug  zu  bringen,  denn  es  heisst 
ja  in  dem  kurzen  Vorwort:  porro  aliam  propter  amorem  caritatis 
Philidis  nomine.  Es  ist  daher  auch  Philis  im  Texte  beizubehalten  und 
nicht  in  Phyllis  zu  ändern. 

4)  In:  Monumenta  Germaniae  histor.  ed.  Pertz  Script.  T.  IV,  p.  165  £f. 
(Praef.). Dümmler,  N.  A.  S.  527. 


Tita  Hathumodae.  295 

der  deutschen  Könige  der  sächsischen  Dynastie,^)  Derselbe 
zeichnete  sich  nicht  bloss  durch  seine  kriegerischen  und  staats- 
männischen Eigenschaften,  sondern  auch  durch  seine  Frömmig- 
keit aus,  in  der  seine  Gemalin  mit  ihm  wetteiferte.  Ihrem 
Beispiele  folgten  die  Kinder;  und  so  weihten  sich  fünf  Töchter 
und  ein  Sohn  dem  asketischen  Leben.  Der  letztere  verdankt 
wohl  seinen  Namen,  der  dann  zuerst  Beiname  war,  seiner 
frühen  ernsten  religiösen  Gesinnung,  oder  war  er  ein  puer 
oblatus,  dem  dieser  Name  in  der  Taufe  selbst  gegeben  ward? 
Er  wurde  Mönch,  wahrscheinlich  in  dem  Kloster  Lammspringe. 
Die  Schwester  Hathumod,  im  Kloster  Herford,  nachdem  sie 
den  Schleier  genommen,  erzogen,  wurde  in  noch  sehr  jungen 
Jahren  zur  Aebtissin  eines  von  Liudolf  neu  gegründeten  Klosters 
gemacht,  das  zuerst  von  ihm  in  Brunshausen  errichtet,  dann 
sehr  bald  nach  Gandersheim  verlegt  wurde.  Dort  starb  Ha- 
thumod an  einer  Epidemie  874  im  34.  Jahre."-)  Agius,  der 
ihr  besonders  nahe  stand,  war  an  das  Krankenlager  geeilt  und 
bei  ihrem  Tode  zugegen ;  ihren  Verdiensten  zum  Denkmal,  und 
ihr  und  dem  Kloster  zum  Danke  verfasste  er  für  dasselbe  die 
Vita,  um  den  Nonnen  ein  Bild  der  Verstorbenen  zu  zeichnen, 
die  sie  im  Leben  so  sehr  vermissten. 

Die  Lebensgeschichte  ist  eine  sehr  einfache,  wie  sich  dies 
bei  diesem  schon  so  früh  dem  Kloster  übergebenen  Mädchen 
kaum  anders  erwarten  lässt,  aber  in  ihrer  Darstellung  spiegelt 
sich  in  jedem  Zuge  die  treue  zärtliche  Liebe  des  Bruders  ab, 
die  dem  Ausdrucke  einen  individuellen  Reiz  verleiht.  Er  ge- 
denkt zuerst  ihrer  vornehmen  Herkunft  von  väterlicher  wie 
mütterlicher  Seite;  sie  wurde  „die  süsseste  Frucht  suter  aus 
gutem  Samen  entsprossener  Bäume".  Schon  als  Kind  ver- 
schmähte sie  Schmuck  und  Putz,  dagegen  lernte  sie  um  so 
eifriger  aus  eigenem  Antriebe.  Ihr  Aufenthalt  in  Herford  war 
die  glücklichste  Zeit  ihres  Lebens.  Als  Aebtissin  wirkte  sie 
durch   ihr  Beispiel  ebenso   viel  als   durch   ihre  Lehren:    denn 


1)  Tgl.  über  ihn  Dümmler,  Gesch.  d.  ostfränk.  Reichs  I,  S.  349  ff. 

2)  In  der  Elegie  heisst  es  v.  350  f.  Hathumod  habe  dasselbe  Alter  als 
Christus  gehabt : 

Annorum  siquidem  trigüita  trium  memoratiir, 

Quem  simul  annorum  ipsa  tulit  niunerum. 
In  der  Vita  dagegen  wird  c.  29  gesagt:  Omncs  anni  ntae  eius  fuenint  tri- 
ginta  quatuor.     Da  ist  wohl  das  nicht  vollendete  Jahr  mitgerechnet. 


296  Agius. 

„sie  that  selbst,  was  sie  lehrte,  und  was  sie  lehrte,  that  sie" 
(c.  7).  Ausführlicher  erzählt  der  Verfasser  von  ihrer  Krank- 
heit —  die  um  so  gefährlicher  wurde,  je  eifriger  sie,  so  lange 
sie  sich  aufrecht  erhalten  konnte,  die  früher  erkrankten  Nonnen 
gepflegt  —  von  den  Träumen  und  Visionen,  die  sie  —  im 
Fieber  —  hatte,  von  der  sorgsamen  ängstlichen  Pflege  der 
Mutter  und  leiblichen  Schwestern,  schliesslich  von  ihrem  from- 
men Ende.  In  dieser  Darstellung  finden  sich  manche  durch 
liebevolles  Eingehen  in  das  Detail  anziehende  Schilderungen.  ^ 
Dieselbe  innige  Liebe  zu  der  Schwester  bildet  nun  auch 
den  Grundton  der  Elegie,  deren  Inhalt  in  der  Hauptsache 
auf  einem  Gespräche  ruht,  das  der  Dichter  kurz  nach  dem 
Tode  der  Heiligen  mit  den  Nonnen,  sie  zu  trösten,  führte  und 
das  sie  aufgezeichnet  wünschten.  So  ist  die  Elegie  selbst  in 
der  Form  eines  Dialogs  verfasst.  Agius  beginnt,  indem  er  die 
Nonnen  auffordert,  nicht  zu  sehr  dem  Schmerze  sich  hinzu- 
geben, so  gerechtfertigt  er  auch  sei.  Sie  antworten,  dass  er 
nur  den  Verdiensten  der  Seligen  entspreche,  mit  der  sie  ein 
Herz  und  eine  Seele  waren.  Agius  läugnet  die  Gerechtigkeit 
ihres  Schmerzes  nicht:  wie  viel  habe  er  ja  selbst  in  ihr  ver- 
loren! —  Ihrer  geschwisterlichen  Liebe  gibt  er  hier  einen  ein- 
fach schönen  und  wahren  Ausdruck:  Leid  und  Freud  theilte 
Hathumod  mit  ihm,  mit  ihr  konnte  er  wie  mit  sich  selbst 
reden.  Der  Gedanke  allein,  dass  sie  jetzt  ein  besseres  Leben 
führt,  vermag  einen  Trost  zu  bieten.  —  Trotzdem  aber  können 
die  Nonnen,  wie  sie  antworten,  ihre  Thränen  nicht  stillen,  weil 
sie  unendliche  Sehnsucht  nach  ihr,  die  sie  mit  den  Augen  des 
Leibes  nicht  mehr  sehen  können,  erfülle.  Agius  wendet  dar- 
auf ein,  dass  Hathumod  selbst  durch  die  Klagen  der  Nonnen 
bekümmert  werde.  So  geht  das  Gespräch  fort,  das  manche 
schöne   Stellen   zarter   Empfindung    im   einzelnen  bietet 2),  bis 


1)  S.  z.  B.  c.  21. 

2)  S.  z.  V.  75  ff.,  wo  Agius  redet: 

Vos  melius  nostis,  quanto  me  semper  amore, 
Quantis  incolumis  foverit  officiis. 

Vos  nostis,  quanta  iam  languida  sedulitate 
Qua  anxietate  meam  gestierit  faciem, 

Quo  desiderio  susceperit  advenientem, 
Et  quam  mirandis  mulserit  obsequiis, 


Elegie.  297 

endlich  (v.  467)  die  Schwestern  ihre  Thräuen  trocknen,  indem 
sie  einsehen,  dass  sie  sich  selbst  nur  beweinen,  über  sie,  die 
Selige,  aber  freuen  müssen,  die  den  Hafen  erreichte.  Sie  prei- 
sen ihr  glückliches  Loos.  Sie  bitten  Hathumod,  sie  möge  sie 
wenigstens  im  Traume  besuchen.  Dann  empfehlen  sie  sich 
dem  Bruder,  der  sie  auch  ferner  lieben  und  belehren  möge. 
Agius  antwortet  verbindlich  0,  aber  anknüpfend  an  eine  Be- 
merkung der  Nonnen  (v.  493  ff.),  dass  Hathumod  jetzt  den 
verstorbenen  Familiengliedern,  namentlich  dem  Vater,  auch 
helfen  könne,  da  man  deren  Loos  doch  nicht  wisse,  erwiedert 
er,  sie  brauchten  darum  keine  Sorge  zu  haben,  und  gedenkt 
hier  der  frommen  Handlungen  und  Gesinnungen  des  Vaters, 
durch  die  er  etwaige  Flecken  seines  weltlichen  Lebens  getilgt 
habe.  Aber  er  rühmt  auch  dieses  mit  begeisterten  Worten.  2) 
Der  theuern  Schwester  aber  wird  er  immer  gedenken:  ihr 
liebes  Bild  wird  nie  aus  seinem  Herzen  weichen,  weder  im 
Wachen,  noch  im  Schlafe.  So  oft  er  die  Augen  schliesst,  steht 
es  vor  ihm.  So  ist  sie  ihm  auch  sieben  Tage  nach  der  Be- 
stattung im  Traume  erschienen,  und  hat  Gerberg,  die  Schwester 
und  Schülerin,  als  ihre  Nachfolgerin  angedeutet.  Er  beglück- 
wünscht dann  diese  als  solche,  indem  er  sie  lobt,  und  fordert 
die  Nonnen  auf,  ihr  zu  gehorchen. 

Hiermit  schliesst  diese  Dichtung,  welche  359  Distichen 
umfasst;  sie  erscheint  recht  als  ein  Erzeugniss  des  innigen 
deutschen  Gemüthes  und  als  ein  treuer  Ausdruck  seines  herz- 
lichen Familienlebens.  Mit  diesem  Reize  warmer  Empfindung 
verbindet  sich  eine  leichte  gewandte  Darstellung  und  ein 
fliessender  Vers,  die  keine  schulmässigen  Exercitien,  vielmehr, 
trotz  mancher  Incorrectheiten ,  ein  Werk  wahrer  Bildung  sind. 
So  zeigt  die  Dichtung  einen  individuellen  Charakter,  der  zu- 
gleich eine  nationale  Färbung  hat.  3) 


Qualiter  alloquio  fuerit  dignata  supremo, 
Assidue  nomen  ingeminando  meum. 

1)  Die  Stelle,  welche  beginnt: 

Gratum  valde  mihi  hoc  est  quod  dicitis,  immo 
Istud  nunc  ipse  debueram  petere  v.  527  f. 
zeigt  recht,  welche  feine  Lebensart  in  diesen  Kreisen  sich  damals  schon  fand. 

2)  V.  617  f.:  Simunus  erat,  quia  nempe  siii  generis  simul  omnes 

Vicit  virtute,  vicit  honore  quoque. 

3)  Merkwürdig  ist,   dass  auch   dieser  Dichter  wie   der  Verfasser   der 


298  Ildericus.    Bertharius. 

Derselben  poetischen  Form,  einem  Wechselgesange  in 
Disticlien,  begegnen  wir  noch  in  dem  Gedichte  eines  Italieners, 
das  uns  die  Chronik  von  Salerno  aufbewahrt  hat.  Es  ist  dies 
ein  in  der  Zeit  Kaiser  Ludwigs  II.  (843  —  875)  lebender  Ge- 
lehrter Benevents,  Ildericus'),  welcher  der  ausgezeichnetste 
der  Weisen  jener  Stadt  von  der  Chronik  genannt  wird,  ein 
Mann,  nicht  bloss  in  den  liberalen  Wissenschaften  vorzüglich 
imterrichtet,  sondern  auch  von  grosser  Kechtschaffenheit,  so 
dass  die  Tradition  ihn  sogar  mit  einem  Wunder  begnadigt 
werden  lässt.-) 

Das  in  der  Ausführung  unbedeutende  Gedicht  ist  ein 
Wechsellobgesang  der  Engel  und  des  Poeten  zu  Ehren  Gott- 
Christus,  welcher  zum  Schluss  angefleht  wird,  den  Menschen 
gnädig  zu  sein,  sie  vor  dem  Teufel  zu  schützen  und  zu  dem 
Himmel  zu  geleiten.     Es  sind  22  Distichen. 

Ein  anderes  Gedicht  in  Distichen  von  einem  Italiener  ge- 
hört wohl  auch  noch  dieser  Periode  an.  Es  ist  verfasst  von 
Bertharius'O,  Abt  von  Montecasino  (856-883),  dessen  ge- 
lehrte Bildung  besonders  gerühmt  wird.  Das  Gedicht,  zum 
Preise  des  heil.  Benedict  geschrieben,  gedenkt  auf  Grund  des 
Werks  des  Gregor  in  der  Kürze  der  Wunder  des  Heiligen, 
doch  ist  die  Darstellung  etwas  ausführlicher,  als  in  Paulus 
Diaconus'  reciproken  Distichen"*),  und  so  an  sich  schon  ver- 
ständlich. Paulus'  Gedicht  ist  nicht  benutzt.  Bertharius  hat 
auch  drei  Wunder  seiner  Zeit,  Heilungen  an  dem  Grabe  des 
Heiligen,  hinzugefügt;  am  Schlüsse,  wo  er  den  Schutzpatron 
anruft  und  die  Heerde  seiner  Diener  vor  dem  Wolf,  dem  Feinde, 
zu  schirmen  bittet,  nennt  er  sich  selbst,  und  diese  Bitte  lässt 
erkennen,  dass  er  als  Abt  das  Gedicht  verfasst  hat.    Die  Klar- 


vorher erwähnten  Ekloge  das  Trostgedicht  Fortunats  an  Chilperich  benutzt 
hat  (vgl.  namentlich  v.  237  mit  Fort.  v.  19,  und  v.  292  mit  Fort.  v.  34), 
■wie  Dümmler  S.  527  nachgewiesen  hat. 

\)  Chronicon  Salernitanum  c.  122  in:    Mouum.  Germaniae  histor.  ed. 
Pertz,  Script.  T.  III.  1839,  p.  534. Dümmler,  N.  A.  S.  527. 

2)  Dümmler  vermuthet  in  ihm  wohl  mit  Kecht  den  Verfasser  einer  von 
Keil  De  grammaticis  lat.  p.  23  erwähnten  Grammatik. 

3)  In:   Pia  quaedam  poemata  ed.  Prosper  Martinengius  Rom  1590.  — 
*Mabillon,  Acta  S.  S.  ord.  Bened.  T.  I,  p.  29 ff. Dümmler,  N.  A.  S.  539. 

4)  S.  oben  S.  55. 


Elegien.  299 

heit  und  verbältnissmässige  Correctheit  des  Ausdrucks  und 
Verses  bekunden,  dass  die  grammatischen  Studien  in  Italien, 
wenigstens  in  solchen  Klöstern  wie  Montecasino,  noch  immer 
wohl  gepflegt  wurden,  wenn  auch  nur  so  wenige  Gedichte  aus 
diesem  damals  jedesfalls  literarisch  recht  unproductiven  Lande 
ims  überliefert  sind. 


SECHZEHNTES  KAPITEL. 

EULOGIUS.     ALVARUS. 

Den  geringsten  Antheil  an  der  literarischen  Bewegung 
dieser  Zeit  überhaupt  musste  Spanien  nehmen,  das  zuerst  ganz 
ausgeschlossen  von  dem  "Weltreiche  Karls,  später  nur  in  seinem 
nordöstlichen  Grenzlande  mit  ihm  vereinigt  wurde.  Der  grösste 
Theil  der  Halbinsel,  der  Kern  des  Landes,  blieb  den  Mauren 
unterworfen.  Der  Kampf  mit  dem  Islam  erfüllte,  oder  be- 
dingte ganz  das  Leben  des  christlichen  Volkes,  das  reale  wie 
das  ideelle,  dies  namentlich,  weil  der  Islam  gerade  dort  seine 
eigenthtimliche  Kultur  zu  einer  hohen  Blüthe  entfaltete.  So 
musste  die  überlieferte  christlich -lateinische  Bildung,  soweit 
sie  sich  unter  den  Stürmen  des  Kriegs  und  dem  Drucke  der 
Unterjochung  erhalten,  sich  um  so  enger  an  die  Kirche  an- 
schliessen,  das  klassisch  -  antike  Element  in  den  Hintergrund 
treten,  zumal  auch  gar  manche  literarische  Hülfsmittel  ver- 
loren gegangen  und  zugleich  einer  weltlichen  lateinischen 
Poesie,  bei  denen  die  einer  solchen  geneigt  waren,  die  ara- 
bische eine  starke  Concurrenz  machte,  da  diese  Sprache  die 
Gebildeten  mehr  oder  weniger  verstanden.  Die  isolirte  Stel- 
lung der  spanischen  Kirche,  sowie  die  Einflüsse  des  Islam  und 
des  auf  der  pyrenäischen  Halbinsel  so  stark  vertretenen  Juden- 
thums,  Hessen  aber  manche  von  dem  Katholicismus  abweichen- 
den Lehren  auftauchen  und  selbst  sich  kräftig  entwickeln,  wie 
den  Adoptianismus  des  Elipand  von  Toledo,  der  selbst  wieder 
aus  der  Bekämpfung  einer  andern  häretischen  Trinitätslehre 
eines  Spaniers  hervorgegangen  war.  So  sind  denn  die  ältesten 
literarischen  Werke  seit  der  Eroberung,  von  denen  wir  wissen, 
polemisch-dogmatische,   die   ausser   dem  Bereiche  unserer  Be- 


300  Eulogius. 

traclitimg  liegen,  obschon  wir  gelegentlich  darauf  hingedeutet. 
Erst  in  dieser  Periode  treten  ein  paar  Schriftsteller  von  uni- 
versellerem literarischen  Interesse  dort  auf,  die  auch  an  ein 
allgemeines  Publikum  sich  wenden,  und  die  in  ihren  Schriften 
zugleich  manches  kulturgeschichtlich  wichtige  Zeugniss  bergen. 
Freilich  polemisch-apologetisch  sind  auch  ihre  Schriften  gröss- 
tentheils;  es  war  eben  eine  Zeit  der  inneren  und  äusseren 
Kämpfe  der  spanischen  Kirche,  und  diese  schloss  damals  das 
ganze  Nationalinteresse  des  den  Mauren  unterworfenen  Volkes 
in  sich. 

Die  beiden  Vertreter  der  Literatur  Spaniens  in  diesem 
Zeiträume  sind  Eulogius  und  Alvarus'),  die  beide  aus  Cor- 
doba,  von  Jugend  auf  innig  befreundet,  von  gleichen  Besti'e- 
bungen  beseelt,  auch  in  ihrer  literarischen  Thätigkeit  gegen- 
seitig sich  unterstützten.  Alvarus,  der  ältere,  hat  doch  Eulogius 
überlebt  und  dessen  Leben  beschrieben. 

Eulogius  stammte  aus  einer  edlen,  senatorischen  Familie 
von  Cordoba.  Zum  Priester  bestimmt,  wurde  er  in  dem  Col- 
legium  der  Kirche  des  heil.  Zoylus  erzogen.  Dort  zeichnete 
er  sich  durch  sein  eifriges  Studium  der  kirchlichen  Literatur 
aus.  Sein  Wissenstrieb  aber  Hess  ihn  auch  die  Vorträge  des 
durch  seine  theologische  Gelehrsamkeit  und  Beredsamkeit  in 
Andalusien  berühmten  Abtes  Speraindeo  besuchen"^);  und  hier 
war  es,  wo  Eulogius  des  Alvarus  erste  Bekanntschaft  machte, 
die  durch  gemeinsame  Studien,  wobei  gelehrte  Dispute  in 
Briefen  und  ein  gegenseitiges  Ansingen  in  rythmischen  Versen 
nicht  fehlte^),  zur  unverbrüchlichen  Freundschaft  wurde.  Eulo- 
gius wurde  dann  Priester  der  Kirche  des  h.  Zoylus,  aber  bei 
seiner  entschiedenen  Neigung  zur  Askese  hielt   er  sich   oft  in 


1)  S.  Eulogii  opera  in  Migne's  Patrol.  latina  T.  115.  (Ebendort  auch 
seine  Vita.)  —  Alvari  Cordubensis  opera  in  Florez'  Espaüa  sagrada  T.  XI. 

(Madrid    1753). v.   Baudissin,    Eulogius    und   Alvar,   ein   Abschnitt 

span.  Kirchengesch.  aus  der  Zeit  der  Maurenherrschaft.  Leipzig  1872.  — 
Amador  de  los  Rios,  Historia  critica  de  la  literatura  espaüola.  T.  II. 
Madrid  1862.  —  Dozy,  Histoire  des  musulmans  d'Espagne.  T.  11.  Leyde  1861. 

2)  Nam  et  abbatem  —  —  Speraindum  —  —  saepius  invisebat  audi- 
torioque  more  ex  illius  ore  disertissimo  dependebat,  qui  ipso  tempore  totius 
Baeticae  fines  prudentiae  rivulis  dulcorabat.     Alvar.  Vita  Eulog.  c.  1. 

3)  —  —  et  rhythmicis  versibus  nos  laudibus  mulcebamus.  Vita 
Eulog.  c.  1. 


Leben.  301 

BQöstern  auf.  Doch  blieb  er  seinem  wissenseliaftliclien  Inter- 
esse immer  getreu.  So  brachte  er  von  einer  Reise  nach  dem 
Gebiete  von  Pampelona^),  wo  er  verschiedene  Klöster  besuchte 
und  ihre  Bibliotheken  durchstöberte-),  gar  manche  Bücher,  um 
die  sich  dort  fast  niemand  kümmerte,  mit,  nicht  bloss  die 
Civitas  dei  des  Augustin  und  geistliche  Hymnen,  sondern  auch 
die  Aeneis,  den  Juvenal,  die  Satiren  des  Horaz,  die  Fabeln  des 
Avien,  des  Porphyrius  Bildergedichte ^)  und  „die  Epigrammen- 
werke" des  Aldhelm.  Nicht  lange  danach  trat  in  Folge  des 
Märtyrertodes  des  Presbyter  Perfectus  i.  J.  850  in  Cordoba  ein 
wahrhaft  fanatisches  Drängen  zum  Martyrium  ein  unter  dem 
asketischen,  religiös  aufgeregten  Theile  der  christlichen  Be- 
völkerung Andalusiens.  Diese  Bewegung  wurde  von  der  Geist- 
lichkeit Cordoba's,  und  an  ihrer  Spitze  stand  der  Bischof  und 
der  angesehene  Eulogius,  gebilligt  und  gefördert,  während 
dagegen  der  Metropolitanbischof  im  Einverständniss  mit  den 
Staatsbehörden  dawider  ankämpfte  und  sich  zuletzt  genöthigt 
sah,  jene  widerspenstigen  Geistlichen  einkerkern  zu  lassen. 
Dies  Loos  traf  nun  auch  Eulogius.  Dieser  widmete  aber  in 
dem  Gefängnisse  seine  Müsse  nicht  bloss  der  Fortführung  eines 
der  Verherrlichung  jener  Märtyrer  gewidmeten  Buches  wie  einer 
andern  geistlichen  Schrift,  sondern  auch  dem  Studium  der 
lateinischen  Metrik,  die,  wie  Alvarus  in  der  Biographie  des- 
selben sagt,  die  (damaligen)  Gelehrten  Spaniens  noch  nicht 
kannten ^),  und  gewiss  lernte  sie  Eulogius  an  der  Hand  des 
Werkes  von  Aldhelm,  das  er  von  der  Reise  mitgebracht,  denn 
die  „  epigrammatum  opera "  desselben  können  nichts  anderes  ge- 
wesen sein,  als  die  Epistola  ad  Acircium,  eine  Einführung  in 
die  lateinische  Metrik,  von  welcher  nur  den  Kern  gleichsam 
die  Epigramme,  d.  h.  die  Räthsel  des  Aldhelm,  bilden.  5)     Und 


1)  Nach  Baudissin  S.  92  wurde  die  Reise  i.  J.  S4S  gemaclit.  Ton  ihr 
gibt  uns  auch  interessante  IS^achricht  ein  später  an  den  Bischof  von  Pam- 
plona  gerichteter  Brief  des  Eulogius. 

2)  Eulogii  Apologet.  §.  15. 

3)  Porphyrii  depicta  opuscula  —  eine  Stelle  die  Morales  in  seinen  An- 
merkungen durchaus  missverstanden  hat. 

4)  Ibi  metricos,  quos  adhuc  nesciebant  sapieutes  Hispaniae,  pedes  per- 
fectissime  docuit  (sie)  nobisque  post  egressionem  suam  ostendit.  V.  Eulog. 
c.  II,  §.  4. 

.5)  S.  Bd.  I,  S.  590  ff. 


302  Eulogius. 

diese  metrischen  Kenntnisse  lehrte  Eulogius  später  seinem 
Freunde  Alvarus,  wie  er  denn  auch  seine  Bücherschätze  gern 
andern  mittheilte. 

Auch  nach  seiner  Freilassung  aus  dem  Gefängnisse  (851) 
fuhr  er  fort,  die  Märtyrer,  die  immer  von  neuem  noch  frei- 
willig sich  fanden,  zu  vertheidigen,  ja  in  ihrem  Unternehmen 
zu  bestärken.  Diese  Unerschrockenheit  vereint  mit  dem  Kufe 
seiner  Frömmigkeit  und  Gelehrsamkeit  bewogen  die  Kirchen- 
provinz von  Toledo,  ihn  zu  ihrem  Erzbischof  zu  wählen,  wohl 
die  höchste  Anerkennung,  die  Eulogius  werden  konnte,  aber 
die  Wahl  wurde  von  dem  Emir  Mohamed,  der  noch  strenger 
als  sein  Vorgänger  Abderrahman  IL  gegen  die  Christen  ver- 
fuhr, nicht  bestätigt.  Nicht  lange  danach  ergriff  Eulogius  eine 
Gelegenheit,  um  die  Meinung,  die  er  durch  seine  Schriften  ver- 
treten, auch  durch  die  That  zu  erhärten,  indem  er  selbst,  die 
Muslim  herausfordernd,  vor  dem  Kadi  ihren  Propheten  schmähte, 
und  so  der  Todesstrafe  vertiel.     Er  wurde  859  enthauptet. 

Das  Hauptwerk  des  Eulogius  ist  sein  Memoriale  Sanctorum^) 
in  drei  Büchern,  au  dem  er  Jahre  lang  gearbeitet,  den  Ereig- 
nissen zum  Theil  mit  der  Feder  unmittelbar  folgend.  Dies 
„Gedächtnissbuch  der  Heiligen"  war  von  ihm  begonnen  noch 
ehe  er  in  das  Gefängniss  geworfen;  von  dort  sandte  er  das 
erste  Buch  vollendet  seinem  Alvarus  zur  Beurtheiluug,  ehe  er 
es  publicire.  In  der  Antwort  auf  dieses  Begleitschreiben  rühmt 
der  Freund  das  Buch  in  tiberschwänglicher  Weise,  auch  in 
formeller  Beziehung,  indem  er  des  Eulogius  Beredsamkeit  noch 
über  die  eines  Livius,  Cato,  Demosthenes,  Cicero  und  Quin- 
tilian  erhebt  I 

Nachdem  der  Verfasser  in  dem  Vorworte  des  Werks  er- 
klärt, dass  er  es  nicht  bloss  für  die  Klöster,  wie  er  ursprüng- 
lich beabsichtigt,  sondern  für  die  ganze  Kirche  bestimmt  habe, 
da  das  Märtyrthum  ein  allgemeines  geworden,  .erzählt  er  denn 
hier  noch  ausführlich  das  erste  freiwillige  Martyrium  jener 
Zeit,  das  des  Mönches  Isaac  i.  J.  851.  Isaac  nämlich  trat 
ohne  alle   äussere  Veranlassung,   geschweige   denn  Nöthigung, 


1)  So  ist  der  Titel  und  nicht  Memorialis,  wie  er  in  den  Drucken  sicli 
findet.  —  Die  Form  Memoriale  wird  bezeugt  durch  die  Epistel  des  Eulo- 
gius au  Alvarus,  mit  der  er  diesem  das  erste  Buch  übersendet,  sowie  durch 
den  Eingang  und  Schluss  des  letzteren. 


Memoriale  Sanctorum.  303^ 

vor  den  Kadi,  um  Mohamed  zu  vei-fluclieu  und  so  die  Mär- 
tyrerkrone  zu  erwerben,  da  auf  die  Schmähung  des  Propheten 
die  Todesstrafe  gesetzt  war.  Da  dies  Verfahren,  im  Himmel 
sich  einen  der  ersten  Plätze  und  auf  Erden  nach  dem  Tode 
die  Verehrung  eines  Heiligen  zu  verschaffen,  alsbald  mannich- 
fache  Nachahmung  fand,  so  wurde  die  muslemische  Regierung 
gegen  die  Christen  erbittert,  und  es  erhoben  sich  nun  unter 
diesen  letzteren  selbst  viele  Stimmen,  die  ein  solches  Ver- 
fahren mit  Recht  eher  für  einen  Selbstmord  als  für  ein  Mär- 
tyrthum  erklärten,  und  diese  Heiligen  nicht  anerkennen  wollten. 
Das  erste  Buch  des  Memoriale  ist  daher  nur  eine  Apologie 
dieses  Martyriums,  indem  sich  Eulogius  bemüht,  die  gegen 
dasselbe  gemachten  Einwendungen  zu  widerlegen,  namentlich 
auch  die,  warum  sich  keine  Wunder  bei  demselben  begaben. 
—  In  den  beiden  folgenden  Büchern  erzählt  dann  der  Ver- 
fasser die  Thaten  der  Märtyrer,  indem  er  einem  jeden  ein 
Kapitel  widmet,  und  zwar  ist  das  zweite  Buch  denen  ge- 
weiht, welche  unter  Abderrahman,  das  dritte  denen,  welche 
unter  Mohamed  starben.  Das  Werk  ist  mit  dem  Fortschreiten 
dieser  religiösen  Epidemie  allmählich  selbst  fortgeschritten, 
der  Verfasser  wollte  ursprünglich  mit  dem  sechsten  Kapitel 
des  zweiten  Buchs  enden 'j,  dann  mit  dem  Schlüsse  des  zweiten 
Buchs,  dem  schon  ein  Gebet  als  Nachwort  des  Ganzen  hinzu- 
gefügt ist.  Das  dritte  Buch  ist  erst  nach  dem  Sommer  S56, 
aber  wohl  noch  in  diesem  Jahre  abgeschlossen.-)  Die  Bücher 
sind  offenbar  auch  einzeln  edirt,  wie  denn  ein  jedes  seine  be- 
sondere Praefatio  hat. 

Unter  diesen  Märtyrergeschichten  ist  eine  der  ausführlich- 
sten die  im  Kapitel  acht  des  zweiten  Buchs  erzählte  zweier 
Jungfrauen  —  wie  denn  überhaupt  das  weibliche  Geschlecht 
stark  vertreten  ist  —  Flora  und  Maria,  die  Eulogius  während 
seiner  Haft  im  Gefängnisse  traf  und  tröstete.  Die  erstere  hatte 
er  schon  als  Kind  kennen  gelernt  und  an  ihr  ein  lebhaftes 
Interesse   genommen,   da  sie  bereits  in  frühster  Jugend   eine 


1)  Wie  denn  dies  Kapitel  mit  einem  Amen  schliesst  und  das  folgende 
mit  den  Worten  beginnt:  Hucusque  finem  libri  secundi  esse  decreveram, 
hucusque  terminum  sanctorum  ad  huiusmodi  palaestram  currentium  esse 
putaveram. 

2)  S.  Baudissin  S.  142. 


304  Eulogius. 

asketische  Gesinnung  zeigte.  Diese  auch  durch  leibliche  An- 
muth  und  Schönheit  ausgezeichnete  Jungfrau  scheint  Eulogius' 
Herz  ganz  gewonnen  zu  haben,  und  so  ist  denn  ihre  und  ihrer 
Genossin  Passion  mit  besonderer  Theilnahme  von  ihm  ge- 
schrieben, und  auch  selbständig  ausser  dem  Gesammtwerke 
herausgegeben.  *) 

Diese  beiden  Jungfrauen  zu  dem  Vorhaben  ihres  Märtyrer- 
todes zu  stärken,  dass  sie  standhaft  bei  demselben  verharrten^), 
richtete  Eulogius  an  sie  noch  im  Gefängniss  —  wahrscheinlich 
weil  er  sie  nicht  mehr  sprechen  durfte  —  eine  Schrift,  welche 
er  selbst  Docunientum  tnarti/i'H  betitelt 3),  andre  aber  später, 
wie  schon  Alvarus  in  der  Vita,  Docunientum  viartyriale  ge- 
nannt haben.  Auch  diese  Arbeit  sandte  er  diesem  Freunde, 
wie  die  Correspondenz  beider  zeigt,  zunächst  zur  Durchsicht, 
sogar  ehe  er  sie  den  Jungfrauen  selbst  zukommen  liess.  In 
dieser  Schrift  sucht  er  dieselben  gegen  alle  Drohungen  des 
Richters  zu  wappenen,  indem  er  ihnen  zugleich  die  Belohnungen, 
die  ihnen  winken,  im  glänzendsten  Lichte  zeigt.  Auch  hier 
bekundet  sich  seine  zärtliche  Zuneigung  zu  Flora,  wo  er  sich 
gegen  den  Schluss  mit  seinen  Worten  an  sie  allein  wendet 
(§.  20)^),  die  eine  Rose  von  Dornen  erblühte,  weil  ihr  Vater 
ein  Moslim  war.  Der  König  (des  Himmels)  begehre  ihre  Schön- 
heit.    Ein  Gebet  schliesst  das  Buch. 

Noch  ein  Buch  hat  Eulogius  geschrieben,  welches  ge- 
wissermassen  als  eine  Fortsetzung  des  Memoriale  erscheint. 
Es  ist  der   857   verfasste   Apologeticus  Sanctorum,   worin   die 


1)  Dies  zeigt  die  besondere  Vorrede,  welche  sich  über  den  Heiligen- 
kultus überhaupt  verbreitet,  und  doch  sicher  von  dem  Autor  stammt. 

2)  So  heisst  es  §.  12:  Rogo  vos,  sanctae  sorores,  ne  desistatis  a  coep- 
tis,  ne  cessetis  ab  inchoatis,  ne  resiliatis  a  praeliorum  auspiciis,  quia  non 
inchoantibus  praemium,  sed  perseverantibus  datur.  Und  vgl.  die  Passio 
SS.  Virginum  Florae  et  Mariae  §.  14,  wo  der  Autor  dieses  Buches 
gedenkt. 

3)  S.  den  Brief  Eulogs  an  Alvarus  und  das  Prooemium. 

4)  Schon  der  Eingang  dieser  Stelle  zeigt  es :  Sed  iam  me  in  portu 
silentii  constituto,  priusquam  volumen  finem  appetat,  et  sancto  inspiramine 
educatis  arma  praeliandi  ministrare  desistat,  tecum  mihi  paululum  loqui 
übet.  0  virtutum  raeritis  florens  Flora,  sanctissima  soror,  ut  nostrae  famili- 
aritatis  verbum  auditu  placido  captans,  secretario  cordis  recondendum 
admittas,  nostrumque  consultum  sanctificatis  mentibus  tuis  ut  pii  patris 
praeceptum  reponas. 


Documentum  martyrii.     Apologeticus  Sauctorum.  305 

Passion  noch  zweier  Märtyrer  (Rodericb  imd  Salomo),  die  im 
März  dieses  Jahres  hingerichtet  wurden,  erzählt  wird.  Diese 
Erzählung  bildet  aber  nur  einen  zweiten  Theil  des  Buches, 
während  der  erste  (bis  c.  20)  von  neuem  eine  Apologie  des 
Martyriums  jener  Zeit  bringt,  wonach  denn  das  ganze  Buch 
seinen  Titel  erhalten  hat."  Hier  werden  denn  ausser  den  im 
Memoriale  schon  widerlegten  Einwendungen  derer,  welche  diese 
Märtyrer  den  früheren  nicht  gleich  stellen  wollten,  auch  neue 
bekämpft,  wie  die,  dass  doch  ein  Unterschied  zwischen  dem 
Islam,  der  doch  auch  den  wahren  Gott  verehren,  heisse ,  und 
dem  Götzendienste  der  Heiden  sei.  Dies  bietet  nun  Eulogius 
die  Gelegenheit,  den  Islam  und  seinen  Lügenpropheten  anzu- 
greifen, wobei  er  die  Lebensgeschichte  des  letzteren  aus  einem 
in  einem  Kloster  auf  seiner  Reise  gefundenen  lateinischen 
Werkchen  hier  mittheilt  (c.  16).  0 

Alle  diese  Schriften  des  Eulogius  sind  kulturgeschichtlich 
von  nicht  geringem  Interesse,  namentlich  die  Märtyrerlebens- 
und Leidensgeschichten,  welche  u.  a.  recht  zeigen,  wie  weit 
damals  die  Wechselbeziehungen  der  moslemischen  und  christ- 
lichen Bevölkerung  auf  dem  Boden  der  Gesellschaft  und  der 
Familie  gingen  in  Folge  des  Renegatenthums ,  und  wie  hart 
da  die  Gegensätze  des  Islam  und  des  Christenthums  auf  einan- 
der trafen.  Diese  Märtyrergeschichten,  namentlich  die  grösseren, 
deren  Helden  dem  Autor  persönlich  bekannt  waren,  sind  im 
allgemeinen  in  einem  klaren,  nicht  überladenen,  wohl  aber 
durch  die  herzliche,  oft  begeisterte  Theilnahme  des  Verfassers 
warm  belebten  Ausdruck  geschrieben.  Ueberhaupt  findet  sich 
in  Eulogius'  Schriften  eine  natürliche  Beredsamkeit,  welche 
die  Individualität  des  Schriftstellers  wohl  abspiegelt,  der  eine 
in  seiner  Nation  damals  seltene  Bildung  besass. 

Eine  ganz  andre  Persönlichkeit,  auch  als  Autor,  war  Eu- 
logius' Freund,  Alvarus.  Er  war  ein  angesehener  Laie,  bei 
Cordoba  begütert,  dessen  Vorfahren  von  jüdischer  Herkunft 
waren.     Er  war  auch  verheirathet  und  hatte  Kinder.     Dass  er 


1)  Auch  einige  Briefe  von.  Eulogius  besitzen  wir,  von  welchen  der 
lange  an  den  Bischof  von  Pamplona,  Wüiesind  gerichtete  am  interessan- 
testen ist.  Eulogius  hatte  dessen  Gastfreundschaft  genossen  und  beschreibt 
in  dieser  Epistel,  mit  welcher  er  ein  Geschenk  von  Reliquien  begleitet, 
u.  a.  seine  Reise.    Es  finden  sich  da  auch  historische  Notizen  von  Belang. 

Ebeht,  Literatur  des  Mittelalters  II.  20 


306  Alvarus. 

ein  Schüler  des  Speraindeo  gewesen,  sowie  was  er  Eulogiiis 
in  seiner  Bildung  verdankte,  ist  oben  bei  diesem  bemerkt 
worden.  Aber  nicbt  bloss  gemeinsame  Studien,  sondern  auch 
dieselbe  religiöse  Gesinnung,  zumal  in  jener  Streitfrage  über 
das  Martyrium,  verband  die  beiden  Freunde  aufs  innigste. 
Dieser  Freundschaft  hat  Alvarus  ein  Denkmal  in  der  Vita  des 
Eulogius  gesetzt,  namentlich  wo  er  im  letzten  Kapitel  seine 
Worte  an  den  Märtyrer  selber  richtet. 

Alvarus  schliesst  sich  auch  in  seinem  bedeutendsten  Werke 
an  die  literarische  Thätigkeit  seines  Freundes  an.  Es  führt 
dies  den  eigenthümlichen  Titel:  Indiculus  luminosiis  —  ein- 
leuchtender Nachweis,  „weil  es",  wie  der  Verfasser  selbst  im 
Eingang  den  Titel  erklärt,  „  einleuchtend  lehrt,  was  zu  befolgen 
ist,  und  mit  offenen  Indicien  den  Feind  der  Kirche,  welchen 
alle  Christenheit  vermeiden  muss,  zeigt,  "i)  Dies  Werk  ist 
nach  der  eigenen  Angabe  des  Verfassers  im  Jahr  854  ge- 
schrieben-), also  nach  dem  ersten  Buche  des  Memoriale  des 
Eulogius.  Alvarus  hat  aber  zunächst  dieselbe  Aufgabe  in 
seiner  Schrift  sich  gestellt,  als  Eulogius  in  jenem  Buche:  er 
will  das  angefochtene  freiwillige  Märtyrthum  seiner  Zeit 
vertheidigen.'^)  Es  geschieht  dies  aber  zum  Theil  mit  andern 
Gründen,  und  mit  grösserer  Leidenschaftlichkeit.  Alvarus  be- 
hauptet namentlich  energisch,  dass  es  eine  Zeit  der  Verfolgungen 
sei,  was  die  Gegenpartei  läugnete.  Er  weist  auf  die  beiden 
ersten  Märtyrer,  ihre  Geschichte  kurz  erzählend,  hin,  die 
allerdings  noch  von  den  Ungläubigen  zur  Schmähung  des  Pro- 
pheten herausgefordert  waren.  Aus  Stellen  der  Bibel,  ins- 
besondere des  Alten  Testaments,  sucht  er  zu  beweisen,  dass 
die  Feinde  der  Kirche  zu  verfluchen  recht  sei.  —  Diese  Apo- 
logie  bildet  den  ersten  Theil   der  Schrift,   entsprechend  dem 


1)  Hie  liber  ideo  liiminosus  Indiculus  dicitur,  quia  luminose  (Fl.  lu- 
minasse)  quae  sequenda  sunt,  docet,  et  apertis  indiciis  hostem  Ecclesiae, 
quem   omnis  vitare  christianitas  debet,  ostendit. 

2)  §.  21  fin.    Vgl.  Florez  a.  a.  0.  S.  250. 

3)  S.  §.  2  init. :  Sed  quia  siti  sunt  nonniüli  fervore  speciali  indigni, 
amore  fidei  frigidi,  pavore  terreno  et  ictu  gladii  territi,  qui  non  pressa 
voce,  sed  rauca  fauce,  dissoluto  labio,  obtorta  lingua  Martyrium  nostro 
tempore  gestum  invectione  minus  idonea  detrahunt  vel  sugUlant,  et  diabolo, 
quantum  in  eis  est,  palmam  victoriae  tradere  non  recusant:  nos  ipsi  sen- 
sibus  suis  respondentes  admittant. 


ludiculus  luminosus.  307 

ersten  Satz  der  Titelerklärimg ;  von  §.  21  an  beginnt  aber  ein 
zweiter  Theil,  worin  nun  gezeigt  wird,  dass  „der  Feind  der 
Kirche"  —  welchen  der  zweite  Satz  der  Titelerklärung  an- 
führt —  der  Vorläufer  des  Antichrist,  der  Pseudopropheta,  und 
dieser  niemand  anders  als  Mahomed  ist,  wie  denn  eben  jene 
im  ersten  Theil  behandelten  Verfolgungen  die  jüngsten  Zeiten 
ankündigten.  Den  Nachweis  für  seine  Behauptung  liefert  der 
Verfasser  hier  durch  Erklärung  der  Weissagungen  Daniels  im 
c.  7,  V.  23—25  und  c,  11,  v.  36  ff.  des  biblischen  Buches,  welche 
Stellen  Alvarus  auf  Mohamed  bezieht;  und  ebenso  deutet  er 
in  ausführlicher  allegorischer  Interpretation  auf  diesen  (§.  26  ff.) 
die  Schilderung  des  Behemoth  und  Leviathan  im  Buche  Hiob, 
c.  40  f.,  im  Anschluss  an  Gregors  des  Grossen  Moralia,  der 
auch  unter  beiden  Thieren  den  Antichrist  versteht.  Die  Wollust 
Mohameds  und  die  Rolle,  welche  sie  in  seiner  Lehre  spielt, 
wird  in  diesen  Bildern  des  Vorläufers  des  Antichrist  mit  be- 
sonderem Nachdruck  in  den  stärksten  Ausdrücken  hervor- 
gehoben i);  wie  denn  diese  Seite  des  Islam  den  christlichen 
Gegnern  immer  eine  beliebte  Zielscheibe  ihrer  Angriffe  war. 
—  Seine  Behauptung  dass  die  Zeit  des  Antichrist  gekommen, 
bestärkt  der  Verfasser  am  Schlüsse  (§.  35)  noch  auf  Grund  der 
Apocalypse  c.  13,  v.  17-)  durch  den  Hinweis  auf  die  fort- 
schreitende Arabisirung  seines  Volkes;  alle  die  Unsrigen, 
meint  er,  tragen  schon  den  Stempel  (nota)  des  Antichrist. 
Nehmen  wir  nicht  die  Beschneidung  vor?  Ergötzen  wir  uns 
nicht  an  ihren  Versen   und   ihren  Märchen?'^)     Und   während 


1)  Und  dabei  selbst  keine  Obscöuität  gesclieut.  S.  namentlich  §.  23  f.  u. 
§.  26.  Um  wenigstens  ein  gelindes  Beispiel  dieser  heftigen  Polemik  zu 
geben:  Quam  impurissimi  sectam,  impurissimi  sequipedi  amplientes  amis- 
sarii  et  adulteri  universi  sunt  facti,  dum  et  propter  iuramentum  scindunt 
coniugium,  quod  maiore  dedecore  iterum  adulterando  coniungunt;  et  pelli- 
ces  multiplicando  a  trigamis  vel  quadrigamis  serviendo  femellarii,  imo 
verius  amissarii  equi  hinnientes  seu  rudentes  asini  sunt 
universi.    §.  23. 

2)  Et  ne  quis  possit  emeie  aut  vendere,  nisi  qul  habet  characterem 
aut  nomen  bestiae  aut  numerum  nominis  eius.  Vgl.  dazu  den  voraus- 
gehenden Vers. 

3)  —  eorum  versibus  et  fabellis  milesüs  delectamus;  viilesiis  ist  die 
unzweifelhaft  richtige  Emendation  Dozy's  {II,  p.  103  Anm.)  für  das  hand- 
schriftliche mite  suis,  die  auch  Baudissin  adoptirt. 

20* 


308  Alvarus. 

wir  die  heilige  Schrift  zu  lesen  vernachlässigen,  studiren  wir 
ihre  Philosophen ,  vielmehr  Philocompen ,  nicht  um  ihre  Irr- 
thümer  zu  widerlegen,  sondern  wegen  der  Eleganz  ihres  Witzes 
und  der  Fülle  ihrer  Beredsamkeit.  Die  gebildete  Jugend  liest 
auf  das  begierigste  die  Werke  der  Araber,  von  der  Schönheit 
der  Bibel  aber  weiss  sie  nichts.')  Um  ihre  eigene  Sprache 
kümmern  sich  diese  Lateiner  so  wenig,  dass  unter  tausenden 
kaum  einer  einen  vernünftigen  Brief  darin  schreiben  kann, 
Ghaselen  können  sie  dagegen  drechseln,  noch  besser  als  die 
Mauren  selber. 

Vergleicht  mau  diese  Schrift  des  Alvarus  mit  dem  ersten 
Buche  des  Memoriale,  so  zeigt  sich  auffallend  die  grosse  Ver- 
schiedenheit der  Individualität  der  beiden  Freunde:  Eulogius 
ein  Geistlicher  von  einer  innigen  schwärmerischen  Frömmig- 
keit, eine  zarte  Natur,  ein  Gelehrter  zugleich,  dem  seine  Stu- 
dien auch  eine  Frucht  ästhetischer  Bildung  trugen  —  Alvarus 
dagegen  ein  Mann  von  der  Thatkraft  des  Laien,  von  südlicher 
Leidenschaft,  in  dem  das  orientalische  Blut  noch  fortwirkt; 
er  erinnert  au  Tertullian  in  seiner  apologetischen  Heftigkeit, 
aber  auch  mitunter  in  seiner  leidenschaftlich  fortreissenden 
Beredsamkeit.-)  Wenn  er  sich  beherrscht,  so  vermag  er  sich 
einfach  auszudrücken,  wie  in  seiner  Vita  des  Eulogius.  Hier 
aber  in  dem  Indiculus  lässt  er  seinem  Genius  freien  Lauf:  sein 
Stil  ist  da  überladen  mit  Metaphern  und  Bildern,  und  er  scheut 
nicht  vor  den  hässlichsten  zurück,  wenn  sie  ihm  die  treffend- 


1)  Nonne  omnes  iuvenes  christiani  vultu  decori,  lingua  disserti,  habitu 
gestuque  conspiciu,  gentilicia  eruditione  praeclari,  Arabico  eloqiüo  subli- 
mati  Volumina  Caldaeorum  avidissime  tractant,  intentissime  legunt,  arden- 
tissime  disserunt  et  ingenti  studio  congregantes  lata  constrictaque  lingua 
laudando  divulgant,  ecclesiasticara  pulchritudiuera  ignorantes  et  ecclesiae 
flumina  de  paradiso  nianantia  quasi  vilissima  contemnentes.  Heu  prob  do- 
lor! linguam  suam  nesciunt  Cbi-istiani  et  linguam  propriam  non  advertunt 
Latiui,  ita  ut  omni  Christi  coUegio  vix  inveniatur  unus  in  milleno  homi- 
num  numero,  qui  salutatorias  fratri  possit  rationabiüter  dirigere  litteras. 
So  äussert  sich  offenbar  übertreibend  unser  leidenschaftlich  erregter  Autor. 

2)  §.  3.  Adicitis:  tempus  persecutionis  non  est.  Imo  ego  plus  dico: 
tempus  Apostolorum  non  est,  quia  vigor  est  apostolicus  imminutus  qui 
debuerat  semper  in  pastoribus  Christi  fervore  constantiae  et  zelo  iustitiae 
usque  ad  consummationem  saeculi  flammas  spiritales  in  adversos  eiere  et 
fomite  inluminationis  accenso  tenebras  aevi  corusco  sidere  eoi  cUmatis  in- 
lustrare  etc. 


Confessio.    Briefe.  309 

sten  scheinen.  1)  In  dieser  Bildersprache  schliesst  er  sich  gern 
an  das  Alte  Testament  an.  Sein  Stil  erinnert  hier  an  den  pomp- 
haften Ausdruck  des  spanischen  Pathos.  Er  hat  eine  natio- 
nale Färbung,  aber  ein  Kolorit,  das  durch  semitischen  Einfluss 
bestimmt  erscheint;  und  man  sieht  hier  zugleich  recht,  wie 
dieser  Einfluss  mehr  noch  auf  Rechnung  des  jüdischen  Volks- 
elements in  Spanien,  als  auf  die  des  maurischen  zu  setzen  ist. 
Die  zum  Islam  übergegangenen  Christen  haben  weniger  nach- 
haltig auf  die  spätere  Entwicklung  des  spanischen  National- 
charakters gewirkt,  da  sie  im  Maurenthum  untergehen  mussten, 
als  die  zu  Christen  gewordenen  Juden,  in  denen  das  orien- 
talische Volkselement  unter  der  Herrschaft  der  ihnen  ver- 
wandten Nation  der  Araber  trotz  des  Christenthums,  das  sie 
aufrichtig  bekannten,  sich  wohl  conserviren  konnte,  zumal  sie 
doch  immer  mit  der  arabischen  Bildung  vertraut  blieben. 

In  einem  ähnlichen,  orientalisch,  namentlich  alttestament- 
lieh  gefärbten  Stile,  aber  in  ruhigerem  Tone,  ist  eine  andre, 
kleinere  Schrift  unsers  Autors  verfasst:  seine  Confessio,  die  an 
eine  dem  Isidor  beigelegte  erinnert  und  diese  zum  Vorbild 
hat.-)  Diese  etwas  wortreiche  Beichte  legt  doch  ein  beredtes 
Zeugniss  von  einem  tiefereu  Gemüthsleben  ab. 

Ausser  diesen  Schriften  Alvarus'  und  seiner  Lebensbe- 
schreibung des  Eulogius  besitzen  wir  in  Prosa  von  ihm  noch 
eine  Reihe  von  Briefen,  theils  an  einen  Schwager,  Johann  von 
Sevilla,  auch  einen  Laien,  theils  an  seinen  Lehrer  Speraindeo, 
theils  an  den  zum  Judenthum  übergetretenen  Presbyter  Bodo, 
der  am  fränkischen  Hofe  auferzogen  war,  gerichtet;  sie  be- 
treffen dogmatische  Fragen,  namentlich  die  Dreieinigkeit  und 
die  Christologie,  und  liegen  daher  ausser  dem  Bereich  unserer 
Betrachtung. 


1)  Z.B.  in  der  Einleitung :  Praecide,  Domine,  linguae  saeculari  coeno- 
confectae  praeputium.  ^Yie  das  letzte  "Wort,  filr  die  jüdische  Abkunft  des 
Autors  bezeichnend,  häufig  büdlich  angewandt  wird,  so  —  auch  acht 
orientalisch  —  canis  zur  demüthigen  Bezeichnung  des  Autors  selbst.  Die 
Kühnheit,  beziehungsweise  Geschmacklosigkeit  des  Gebrauchs  der  Metaphern 
zu  belegen,  seien  noch  ein  paar  Beispiele  gegeben:  flexo  cordis  poplite 
rogans.  dumosam  mei  pectoris  inriget  terram. 

2)  Es  ist  die  Oratio  pro  correptione  vitae  flenda  sc»ij>er  peccata. 
Appendix  XVIII  der  Ausgabe  Arevalo's,  T.  VII,  p.  35S  ff.  (Vgl.  Bd.  I, 
S.  555,  Anm.  1.) 


310  Alvarus. 

Eudlicli  sind  uns  auch  noch  Früchte  der  metrischen  Stu- 
dien des  Alvarus  erhalten,  in  einer  Anzahl  Gedichte,  in  wel- 
chen selbst  nicht  selten  der  metrische  d.  h.  quantitative  Cha- 
rakter der  Verse  vom  Autor,  wahrscheinlich  mit  einem  ge- 
wissen Stolz,  hervorgehoben  wird.')  Aber  die  Verse  sind  oft 
recht  mangelhaft,  namentlich  wird  auch  gegen  die  Quantität 
selbst  über  die  Grenze  der  in  der  christlichen  Poesie  schon 
länger  üblichen  Freiheiten  gefehlt^},  sowie  gegen  das  Gesetz 
der  Elision.  Diese  Gedichte  sind  zum  Theil  ganz  weltlicher 
Natur,  wie  eins  auf  die  Nachtigall  in  Distichen  in  Anlehnung 
an  das  dem  Eugen  von  Toledo  beigelegte'^)  und  ein  andres 
auf  den  Pfau  in  Hexametern,  aber  gerade  diese  Gedichte  er- 
scheinen als  Schulübungen,  gleichsam  nach  Vorbildern  ge- 
arbeitet, wie  denn  im  ersten  Worte,  Wendungen,  ja  ganze 
Verstheile  aus  der  Vorlage  entlehnt  sind.  Auch  in  den  geist- 
lichen Gedichten  des  Alvarus,  welche  alle  mit  einer  Aus- 
nahme in  Hexametern  geschrieben  sind,  zeigt  sich  die  Schüler- 
haftigkeit  und  geringe  Gewandtheit  des  Autors  in  Wieder- 
holungen derselben  Gedanken,  Schilderungen  und  Worte. ^) 
Was  den  Inhalt  betrifft,  so  findet  sich  ein  längeres  Gedicht 
auf  ein  Bibelwerk,  das  ein  Leovegild  (wahrscheinlich  ein 
Presbyter,  der  ein  Buch  De  habitii  clei^icorum  damals  verfasst 
hat""))  zusammenschreiben  Hess,  ferner  Verse  zum  Lobe  des 
Kreuzes ,  und  andre  zum  Lob  des  Hieronymus ;  interessanter 
sind  die  Verse  welche  sich  auf  eine  schwere  Krankheit,  viel- 
leicht die  letzte,  des  Autors  beziehen,  eben  durch  diese  Be- 
ziehung, aus  der  sich  ein  Beitrag  zu  seiner  Charakteristik 
ergibt. '^)     Auch    in    der  Lyrik    hat    sich    Alvarus    versucht    in 


1)  So  z.  B.  in  VII,  V.  4  bei  Florez,  p.  280:  metrice  secl  ecce  reboat 
(sc.  Alvarus);  ebenso  VIII  1.  1.  p.  286  oben:  Alvarus  baec  metrice  longa 
per  saecla  reboat.  Vgl.  auch  1.  1.  III  v.  15,  u.  den  Hymnus  auf  Eulogius 
Str.  2,  V.  4. 

2)  Es  ist  interessant  zu  beobachten,  wie  dabei  der  Einfiuss  der  Be- 
tonung sich  geltend  macht  in  einer  der  eigen thümlichen  spanischen  Be- 
tonung entsprechenden  VVeise,  so  findet  sich:  vineränt  für  veneräntur, 
ganz  entsprechend  dem  spanischen  veneran. 

3)  S.  Bd.  I,  S.  570  Anm.  2. 

4)  Man  vergleiche  nur  VI  u.  VII  bei  Florez. 

5)  S.  Florez  a.  a.  0.  p.  517. 

6)  "Wenn  auch  Eugen  ein  Gedicht:   Querimonia  aegritudinis  propriae 


Gedichte.  311 

einem  Hymnus  auf  den  heil.  Eulogius  für  dessen  Festtag  in 
vierzeiligen  Strophen  von  kleineren  asklepiadeischen  Versen: 
darin  wird  namentlich  das  Martyrium  des  zum  Heiligen  ge- 
wordenen Freundes  gepriesen,  jedoch  in  keiner  besseren 
Sprache  und  Metrik  als  in  den  andern  Gedichten  unsers 
Autors.  1) 


SIEBZEHNTES  KAPITEL. 

VOLKSMÄSSIGE    RYTHMISCHE    DICHTUNG. 

Dass  auch  in  dieser  Periode  die  volksmässige,  rjthmische 
Profandichtung-)  gepflegt  wurde,  haben  selbst  einzelne  Gedichte 
berühmter  Autoren,  eines  Raban,  Gottschalk  und  Sedulius  ge- 
zeigt. Aber  wir  können  noch  eine  grössere  Zahl  Gedichte 
unbekannter  Poeten  hinzufügen,  die  wir  zunächst  hier  soweit 
als  möglich  chronologisch  geordnet  aufführen,  um  hernach  zu 
einer  allgemeineren  Betrachtung  dieser  immer  mehr  aufblühen- 
den, für  die  spätere  Poesie  in  den  Volkssprachen  so  wichtigen 
Dichtung  zu  schreiten. 

Ganz  in  den  Anfang  der  Periode  fällt  ein  Phmctus^  Klage- 
lied, auf  den  Tod  Karls  des  Grossen  in  iambischen  Tri- 
metern^),    in    verschiedenen    Handschriften    abweichend    über- 


verfasst   hat,   so   zeigt  das   des  Alvar  mit  diesem  doch  keine  Verwandt- 
schaft. 

1)  Bemerkenswerth  ist  noch,  dass  am  Schluss  der  Verse  auf  das  Kreuz 
die  letzten  fünf  Hexameter  in  ore  auslauten.  Am  Ende  des  Gedichts  auf 
Hieronjnnus  finden  wir  zehn  leoninische  Hexameter,  worauf  schon  Amad.  de 
los  Rios  a.  a.  0.  p.  116  Anm.  1  aufmerksam  gemacht  hat:  aber  diese 
Verse  gehören  nicht  zu  dem  Gedicht ,  was  Florez  in  einer  Anmerkung 
richtig  anzeigt,  de  los  Rios  aber  gar  nicht  beachtet  hat;  sie  scheinen  gar 
nicht  von  Alvarus  zu  sein,  und  können  aus  einer  weit  späteren  Zeit 
stammen. 

2)  Worin  wir  hier  auch  Gedichte  geistlichen  Inhalts,  die  nicht  kirch- 
lichen Zwecken  dienten,  einbegreifen.  —  Bei  der  Angabe  der  Versmasse 
in  diesem  Kapitel  sind  selbstverständlich  immer  rythmische  zu  verstehen. 

3)  Du  Meril,  Poesies  populaires  latines  anterieures  au  XU.  siecle. 
Paris  IS43.  p.  24.3  f.  —  In:  Einhardi  ^•ita  Karoli  magni  in  usum  scholar. 
ed.  Pertz.  Hannover  1S4.5.  p.  40  ff. Dümmler,   N.  A.  S.   151  f. 


312  Rythmische  Dichtung. 

liefert.')  Höchst  walirscheinlich  ist  er  von  einem  Mönch  des 
Klosters  Bobbio  verfasst.^) 

Vom  Sonnenaufgang  bis  zu  den  westlichen  Meeresgestaden, 

beginnt  das  Lied,  schlägt  die  Klage  die  Brust 3) Franken, 

Römer  und  alle  Gläubigen  quält  der  Kummer,  die  Thränen- 
ströme  hören  nimmer  auf,  der  ganze  Erdkreis  beklagt  den 
Tod  Karls.  Wehe  dir,  Rom,  und  dem  römischen  Volke,  das 
den  höchsten,  ruhmvollen  Karl  verloren,  wehe  dir,  verwaistes 
schönes  Italien!  —  Christus  soll  Karl  die  ewige  Ruhe  geben, 
der  heil.  Columban  für  ihn  bitten.  —  Der  Dichter  gibt  aber 
zugleich  seinem  persönlichen  Schmerze  Ausdruck,  indem  jeder 
Strophe  ein  Refrain  folgt:  Wehe  mir  Armen,  und  an  einer 
Stelle  in  den  Worten:  die  Nacht  erzählte  (retulit)  mir  schreck- 
liche Träume,  und  der  helle  Tag  brachte  mir  kein  Licht! 
Durch  dieses  subjective  Moment  wird  der  Eindruck  des  Ge- 
dichts wesentlich  verstärkt,  das  einer  gewissen  einfachen 
Grösse  nicht  entbehrt. 

Hierauf  folgen  erst  aus  den  vierziger  Jahren  wieder  da- 
tirbare  rythmische  Gedichte;  zunächst  eins  in  trochäischen 
Tetrametern*)  auf  die  Schlacht  von  Fontanetum  841,  die 
blutigste  des  Bruderkrieges  der  Söhne  Ludwigs,  in  welcher 
Lothar  mit  Pippin  gegen  Karl  den  Kahlen  und  Ludwig  den 
Deutschen  focht,  und  die  letzteren  siegten.  Das  Gedicht  ist 
von   einem  Mitkämpfer,    der  sich   in   ihm   selbst  Angelbert 


1)  In  der  erweiterten  Gestalt  bei  Pertz  finden  sich  o£Fenbar  längere 
Interpolationen ,  sie  erscheint  als  das  Werk  eines  Franken ,  aus  der  Zeit 
der  Bürgerkriege  unter  Ludwig  dem  Frommen.  S.  die  Strophe  Francia 
diras  pei'pessa  iniurias,  die  sicher  auch  interpolirt  ist. 

2)  Wie  die  Anrede  an  den  heil.  Columban,  der  Klageruf  über  Italien 
zeigt. 

3)  A  solis  ortu  usque  ad  occidua 
Littora  maris  planctus  pulsat  pectora. 

Heu  mihi  misero! 

4)  Du  Meril  a.  a.  0.  p.  249  ff.  —  In:  Nithardi  histor.  libri  IV  in  usum 
Scholar,  ed.  Pertz.  Ed.  II.  Hannover  1870.  p.  .56  f.  —  Angilberts  Rythmus 
auf  die  Schlacht  von  Fontanetum  nach  den  Papieren  von  Pertz  herausgeg. 
von  Dümmler.  Aus  den  zu  Ehren  Mommsens  herausgeg.  Abhandl.  1877.  — 
—  Dümmler,  N.  A.  S.  267.  —  Meyer  v.  Knonau ,  Ueber  die  Schlacht  von 
Fontanetum  in  dessen :  Ueber  Mthards  vier  Bücher  Geschichten,  Excurs  VI, 
S.  136  ff. 


Karls  des  Grossen  Tod.    Fontanetum.  313 

nennt')  und  auf  der  Seite  Lothars  stand,  verfasst.  Er  zeigt 
gelehrte  Bildung  und  war  vielleicht  ein  Geistlicher.  Die 
Schlacht  wird,  und  mit  Recht,  als  ein  Verwandten-  und  Chri- 
stenmord, über  den  die  Hölle  sich  freue,  hingestellt,  Lothar 
aber  als  ein  durch  Gottes  Eechte  beschirmter  Held,  der  für 
seine  Person  siegreich  war,  aber  von  seinen  Herzögen  wie 
der  Heiland  von  Judas  verrathen  wurde,  —  Das  Gedicht  ist 
nicht  ohne  poetische  Züge.  So  schildert  es  das  Schlachtfeld, 
das  von  den  leinenen  Gewändern  der  von  den  Heeren  Karls 
und  Ludwigs  Gefallenen  weiss  glänzt,  wie  die  Fluren  im  Herbst 
von  den  Vögeln.  Die  Schlacht  ist  keines  Lobes  werth,  kein 
Lied  soll  sie  besingen.  Verflucht  sei  der  Tag,  der  ausgetilgt 
werde  aus  jedem  Gedächtniss.  Die  Sonne  soll  an  ihm  nicht 
leuchten,  das  Morgenroth  die  Dämmerung  nicht  verscheuchen. 
Und  welche  Nacht  folgte  dem  Tag,  in  der  sich  Klage  und 
Schmerz  mischten!  0  der  Trauer  und  des  Wehs!  Die  Todten 
entblösst,  sind  eine  Speise  der  Geier,  Raben  und  Wölfe.  Der 
Dichter  kann  den  Jammer  nicht  weiter  schildern;  mag  ein 
jeder  wie  viel  er  kann  seine  Thränen  trocknen  und  für  die 
Seelen  der  Gefallenen  den  Herrn  anflehn.  —  Das  Gedicht  ist 
ein  Abecedarius,  geht  aber  nur  bis  P.-)  Ein  tiefes  sittliches 
Leid  spricht  aus  ihm,  das  nur  der  Ausdruck  der  öffentlichen 
Meinung  war,  der  Kämpfer  auf  beiden  Seiten.  Bemerkens- 
werth  ist,  wie  offen  bei  diesem  Gedicht  das  subjective  Moment 
in  der  Darstellung  hervortritt. 

Auch  eine  Frucht  der  Bürgerkriege  ist  ein  Klagelied  in 
iambischen  Trimetern-^)  auf  den  Tod  des  Hugo,  Abt  von 
St.  Quentin,   der  in  einem  Gefecht  bei  Toulouse  844  fiel.     Er 


1)  Hoc  autem  scelus  peractum 
Quod  describi  ritmice, 
Angelbertus  ego  vidi 
Pugnansque  cum  aliis; 
Solus  de  multis  remansi 
Prima  frontis  acie. 

Ed.  Pertz.  —  In  der  von  Dümmler  edirten  Posener  Handschriften  hat  der 
Name  die  Form:  Engelbertus. 

2)  Und  auch  nur  in  zwei  Handschr.,  worunter  aber  die  älteste,  wäh- 
rend in  einer  nur  bis  N.  —  Die  Handschriften  weichen  öfters  beträcht- 
lich von  einander  ab. 

.3)  Du  Meril  a.  a.  0.  p.  251  ff. Dümmler,  N.  A.  S.  2G7. 


314  Rythmische  Dichtung. 

war  ein  natürlicher  Sohn  Karls  des  Grossen,  der  von  dem 
argwöhnischen  Ludwig  dem  Frommen  zum  Geistlichen  ge- 
macht, später  aber  in  Gnaden  aufgenommen,  sein  Erzkanzler 
geworden  war.  Er  stand  auf  der  Seite  Karls  des  Kahlen  in 
dem  Bruderkriege,  und  fiel,  als  er  mit  andern  Grossen,  na- 
mentlich Geistlichen,  dem  Toulouse  einschliessenden  Neffen  zu 
Hülfe  zog,  durch  einen  Ueberfall  Pippins,  denselben  bei  wel- 
chem auch  Lupus  gefangen  genommen  wurde.  Dies  gefühl- 
volle Gedicht  scheint  auch  das  Werk  eines  Deutschen  zu  sein, 
worauf  auch  die  unlateinischen  Nameusformen  Hug,  Karroff, 
Karli  wohl  hinweisen.  „Hug,  süsser  Name —  beginnt  das  Ge- 
dicht —  Hug,  edler  Spross  des  mächtigen  durchlauchtigen 
Fürsten,  unschuldig  in  den  Waffen,  so  plötzlich  erlagst  du  ver- 
wundet!" —  Aber  warum  wagtest  du  auch  Karl  zuzuziehen,  den 
der  Kaiser  Ludwig  so  gern  vom  Sohn  zum  König  machte? 
fährt  der  Dichter  fort,  indem  er  durch  das  ganze  Klagelied 
die  poetisch  wirksame  Anrede  an  den  Todten  beibehält.  — 
Darum  war  Hugo  doch  nicht  zu  durchbohren  und  zu  zerfleischen, 
da  er  immer  jedem  vielmehr  zu  nützen  als  zu  schaden  liebte 
—  ein  Satz  der  refrainartig  am  Schlüsse  der  zwei  letzten 
Strophen  sich  wiederholt,  gleichsam  die  Quintessenz  seines 
Lobes.  Selbst  sein  Gegner  Pippin  beweinte  ihn,  als  er  ihn 
nackt  da  liegen  sah  im  Staube  des  Schlachtfelds  und  wünschte 
ihn  in  das  Leben  um  jeden  Preis  zurück.  In  Karroff  soll  er 
ehrenvoll  bestattet  werden  i),  wie  er  wünschte.  Welche  schöne 
Erscheinung  war  er  vor  allen  andern ;  kein  Verbrechen,  keinen 
Eaub  hätte  er  begangen  —  im  Kriege  nämlich  —  ,  er  der  so 
sanft  war,  da  er  immer  jedem  vielmehr  zu  nützen  als  zu 
schaden  liebte.'-) 

In  dieselbe  Zeit  ungefähr,  d.  h.  zwischen  844  und  849 
fällt  ein  polemisches  Gedicht,  ein  Schimpflied  möchte  man 
sagen  in  trochäischen   Tetrametern 3),  gegen   Aquileja,   ins- 


1)  Karroff  honeste  coUocetur  tumiilo:  diese  Stelle  zeigt,  dass  das 
Gedicht  noch  vor  dem  Begräbniss,  also  bald  nach  dem  Tode  844  verfasst 
ist.    Karroff  ist  die  Abtei  Charroux  in  Poitou. 

2)  Non  crimen  ullum,  non  rapinam  quamlibet 
Tu  perpetrasses,  cum  fores  mitissimus, 
Cum  plus  prodesse  quam  nocere  cuique 

Semper  amares. 

3)  Du  Meril  a.  a.  p.  261  &.  —  Dümmler,  N.  A.  S.  118. 


Hugo.     Aquüeja.     Gloima.  315 

besondere  seine  geistliche  Oberherrliclikeit  über  die  Kirche 
Venedigs,  oder  genauer,  gegen  eine  Wiederherstellung  der- 
selben. Es  ist  offenbar  von  einem  Venezianer  Geistlichen  an 
die  „aiigustales  principes"  (v.  6),  d.  h.  wie  der  Schluss  des 
Gedichts  zeigi,  Kaiser  Lothar  und  seineu  Sohn  Ludwig,  der 
844  zum  König  der  Langobarden  gekrönt  wurde,  gerichtet. 
Die  schlimmen  Schicksale  der  „einst  herrlichen  Stadt"  seit 
ihrer  Zerstörung  durch  Attila  werden  von  dem  Dichter  als  ein 
göttliches,  von  ihr  verdientes  Strafgericht  gezeichnet,  da  sie 
Verbrechen  auf  Verbrechen  häufte.  Ihrem  ..dem  Himmel  und 
der  Erde  gleich  verhassten  Volke"  wird  das  leuchtende  und 
berühmte  Venedigs,  das  alle  Nationen  an  Huld  übertrifft, 
gegenübergestellt.  1)  —  Das  Gedicht  ist  ein  Abecedarius  und 
von  ziemlich  rohem  imgeleuken  Ausdruck. 

Hiernach  ist  zu  nennen  ein  39  Strophen  langes  episches 
Lied  in  iambischen  Dimetern-)  auf  die  Zerstörung  des  Klosters 
Glonna  in  Poitou  durch  den  Bretonenfürsten  Nominoi  und 
seine  Wiederherstellung  durch  Karl  den  Kahlen  i.  J.  850. 
Der  Verfasser,  ohne  Frage  ein  Mönch  des  Klosters,  wünscht 
sich  zunächst  in  einem  recht  gelehrt  kunstmässigen  Eingang'^) 
die  süssen  Weisen  des  Orpheus,  so  dass  ihm  Flüsse  und  Berge 
antworten  sollen;  dann  gedenkt  er  der  Gründung  des  Klosters 
durch  Karl  den  Grossen,  seiner  und  Ludwigs  Schenkungen, 
darauf  der  traurigen  Bürgerkriege  und  der  Theilung  des  Reichs, 
sowie  des  Aufkommens  des  Nominoi,  der,  ein  armer  Bauer, 
durch  Auffindung  eines  grossen  Schatzes  und  durch  Trug  zur 
Macht  gelangt,  die  innere  Zwietracht  im  Frankenreiche  be- 
nutzt und  in  dasselbe  plündernd  einfällt.  Auch  von  dem 
Kloster  verlangt  Nominoi  Unterwerfung  und  als  diese  ver- 
weigert wird,  übergibt  er  es  den  Flammen.  Der  Schutzheilige 
desselben,  Florentius  straft  ihn  aber  alsbald  durch  Lähmung. 
Hiernach  wird  noch  erzählt,  wie  Karl  das  Kloster,  es  wieder- 


1)  Lucida  Venetiarum  semper  gens  et  inclvta 
Omnes  nationes  prima  superat  per  gratiam: 
Sine  fine,  tirma  fide,  destruens  mendacia. 

2)  Du  MerU  a.  a.  0.  p.  255  ff. Dümmler,  N.  A.  S.  296. 

3)  Dulces  modos  et  carmina 
Praebe,  lyra  Threicia. 
Comraota  quis  cacumina 
Planxere  hyperborea. 


316  Rytbmische  Dichtung. 

herzustellen,  beschenkte.  Mit  einer  Aufforderung  zur  Freude 
zum  Gesänge  und  dem  Anruf  des  Heiligen  endigt  das  Lied, 
das  trotz  seines,  wenn  man  von  dem  Wunder  des  heil.  Floren- 
tius  absieht,  ganz  profanen  Charakters  auch  in  der  Kloster- 
kirche —  wohl  nur  zum  Theil  wenigstens  —  gesungen 
sein  sollJ) 

Genauer  datirbar  ist  noch  eins  dieser  Gedichte,  das  sich 
auf  ein  Ereigniss  des  Jahres  871  bezieht,  und  sehr  bald  nach 
demselben  verfasst  sein  muss.  Es  ist  ein  Abecedarius  in  tro- 
chäischen Tetrametern 2),  worin  das  von  der  Stadt  Benevent 
an  Kaiser  Ludwig  IL  im  genannten  Jahre  verübte  Verbrechen 
der  Welt  verkündet  wird,  wie  denn  das  Gedicht  mit  der 
Strophe  beginnt :  Höret  alle  Enden  der  Erde  mit  Abscheu  und 
Trauer,  welches  Verbrechen  von  der  Stadt  Benevent  begangen 
wurde:  Ludwig  den  heilig -frommen  Kaiser  nahmen  sie  ge- 
fangen. 3)  In  der  That  hatten  sich  die  Beneventaner,  an  ihrer 
Spitze  der  Herzog  Adalgisus,  des  Kaisers  am  13,  August  be- 
mächtigt und  gaben  ihn  erst  am  17.  September  frei.  Dies 
Ereigniss^)  machte  um  so  grösseres  Aufsehen  im  ganzen  Franken- 
reiche, als  Ludwig  eben  die  Saracenen  Italiens  mit  grossem 
Erfolge  bekämpft  hatte.  Das  unter  dem  Einfluss  der  Volks- 
sprache im  Ausdruck  rohe,  unvollständig  erhaltene'')  und  durch 
schlechte  Ueberlieferung  in  seinem  Text  entstellte  Gedicht  ist 
zum  guten  Theil  unverständlich.  Eine  gewisse  dramatische 
Lebendigkeit  erhält  es  durch  die  eingeschalteten  Reden,  wie 
der  Beneventaner  und  des  Kaisers. 

Mindestens  dieser,  wenn  nicht  schon  der  vorausgehenden 
Periode  gehören  eine  Anzahl  rythmischer  Gedichte  an,  welche 
Dümmler  in  der  Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum,  Neue 
Folge  Bd.  XI,  S.  261  ff.,  zum  Theil  zum  ersten  Male,  publicirt 


1)  S.  Du  Meril  p.  259,  Note  5. 

2)  Du  Meril  a.  a.  0.  p.  264  if.  —  Dümmler,  N.  A.  S.  154. 

3)  Audite  omnes  fines  terrae  orrore  (Du  M.  errorej  cum  tristitia, 
Quäle  scelus  fuit  factum  Benevento  civitas! 

Lhuduicum  comprenderunt  sancto-pio-augusto. 

4)  S.  über  dasselbe  Dümmler,  Gesch.  des  ostfränk.  Reichs  I,  S.  711  fF. 

5)  Es  geht  nur  bis  zur  Strophe  M,  die,  soweit  man  sieht,  noch  keinen 
Abschluss  bietet;  auch  fehlt  die  Strophe  H,  während  I  ii-rig  ans  Ende  ge- 
setzt, des  dritten  Verses  entbehrt. 


Beneveat.    Parabel.    Abt  von  Angers.  317 

hat,  mit  der  Vorbemerkung  dass  sie  „dem  Alter  der  Ueber- 
lieferung  nach  spätestens  in  das  neunte,  vielleicht  schon  in  das 
achte  Jahrhundert  gesetzt  werden  müssen."') 

Das  erste  dieser  Gedichte,  hier  Parabel  genannt,  ist  ein 
Zahlenräthsel,  in  sechs  Strophen  von  je  fünf  Kurzzeilen.  Das 
Räthsel  ist  an  eine  Erzählung  geknüpft,  die  zu  ihm  in  keinem 
inneren  Zusammenhang  steht  und  auf  welche  sich  die  Be- 
zeichnung ..Parabel"  zunächst  allein  bezieht.  Ein  Knabe  jagt 
einen  Eber,  er  tödtet  ihn,  aber  vor  ihm  zurückweichend,  tritt 
er  auf  eine  Natter,  die  zwar  hierdurch  auch  stirbt,  dem  Knaben 
aber  noch  eine  tödtliche  Wunde  beibringt,  so  dass  sie  also 
alle  sich  „gegenseitig  den  Tod  geben".  Die  Mutter  ruft  dann 
bei  der  Nachricht  unter  Thränen  aus:  "Wenn  du,  mein  Sohn, 
noch  so  lange  gelebt  hättest,  als  du  gelebt  hast,  und  noch 
einmal  soviel  und  dazu  die  Hälfte  und  noch  ein  Jahr,  so  hättest 
du  100  Jahr  gelebt.^) 

Das  zweite  Gedicht  ist  ein  scherzhaftes  Spottlied  auf  einen 
Abt  von  Angers,  beziehungsweise  auf  diese  Stadt  selbst,  in 
trochäischen  catalectischen  Trimetern,  fünf  Strophen  von  fünf 
Zeilen,  wovon  die  letzte  ein  freier  gebildeter  Refrain,  worin 
Bacchus  (Liber)  gepriesen  wird.  So  ist  das  Spottlied  zugleich 
ein  Trinklied.  Die  Audegaver,  heisst  es  da,  sollen  einen  Abt 
haben,  der  noch  mehr  trinkt,  als  alle  andern  Andegaver.  Er 
lässt  nicht  Tag,  noch  Nacht  vorübergehn,  dass  er  nicht  satt 
vom  Weine  schwanke,  wie  ein  Baum  im  Winde.  Sein  Leib 
ist  unverweslich,  mit  Wein,  wie  mit  Aloe,  ganz  gewürzt;  und 
wie  mit  ^lyrrhe  Leder  gebeizt  wird,  so  wird  seine  Haut  mit 
Wein  gefärbt.  Nicht  mit  einem  Becher  schöpft  er  aus  dem 
Fasse  sacht,  sondern  mit  Töpfen  und  zwar  über  die  Massen 
grossen.  An  den  denkt  Andegavium  und  gesellt  sich  keinen 
solchen  mehr,  der  so  immer  Wein  kann  schlürfen;  seine 
Thaten  lasst  euch,  Bürger,  malen.  Eia,  eia  Lob,  eia  Lob  dem 
Bacchus  sagen  wirl 

Die  beiden  folgenden  Gedichte  behandeln  alttestament- 
liche  epische  Stoffe  zum  Theil  im  strengen  Anschluss  an  ihre 


1)  Vgl.  dazu  meinen  Aufsatz:  Zu  den  carolingischen  Rythmen.  in  der- 
selben Zeitschr.  N.  F.  Bd.  XII,  S.  144  ff. 

2)  Die  Auflösimg  ist:    der  Knabe  war  16',2  Jahr  alt,  nämlich: 
I6V2  X  2  :  33  X  2  :  66  +  33  +  1  =  100. 


318  Rythmische  Dichtung. 

Quelle,  das  eine  die  Erzählung  von  Judith  und  Holofernes 
in  trochäischen  Tetrametern  (nach  Judith  c.  2 ff.)')?  das  andre 
die  von  der  Esther,  ein  Abecedarius  in  iambischen  Tri- 
metern  (nach  Esther  c.  1 — 9).  Das  erste  Gedicht  ist  nur 
fragmentarisch  erhalten,  d.  h.  der  Anfang  und  das  Ende, 
während  das  mittlere  Hauptstück  fehlt.  Das  erste  Stück  (zwölf 
Strophen)  schliesst  mit  der  Belagerung  Bethuliens,  und  zwar 
mit  dem  Abschneiden  des  Wassers  durch  Holofernes  c.  7,  v.  11. 
Das  Schlussstück  (ein  Vers  und  sechs  Strophen)  beginnt  mit 
der  Entdeckung  des  Mordes  c.  14,  v.  14  und  erzählt  dann  den 
Sieg  der  Juden  und  dessen  Feier.  Die  beiden  letzten  Strophen 
aber  enthalten  die  Nutzanwendung  für  die  Christenheit:  jener 
Gott,  heisst  es  da,  der  die  übermächtigen  Assyrer  schlug,  mag 
auch  die  ungläubigen  Heiden  vernichten-);  woran  sich  dann 
ein  Gloria  auf  die  Dreieinigkeit  schliesst.  —  Obgleich  die 
biblische  Erzählung  in  dem  Gedichte  natürlich  nur  im  Umriss 
wiedergegeben  ist,  so  findet  sich  doch  hier  und  da  im  Aus- 
druck selbst  einzelnes  entlehnt.  Die  Darstellung  ist  übrigens 
dramatisch  lebendig  und  schreitet  rasch  fort. 

Das  andre  Gedicht  erzählt''),  noch  mehr  die  biblische  Vor- 
lage kürzend,  die  Vermählung  des  Assyrischen  Königs  Assuerus 
mit  Esther,  den  Conflict  seines  Veziers  Aman  mit  der  Esther 
Oheim  Mardochaeus  und  den  Sturz  des  ersteren  durch  die 
Königin  und  damit  die  Rettung  der  von  jenem  mit  Vernichtung 
bedrohten  Juden,  die  nun  selbst  an  ihren  Feinden  Rache 
nehmen  dürfen.  „Christus,  der  die  Gebete  erhört,  rettete  sein 
Volk  vom  Verderben. "  „  Ruhm  ihm  dem  unbesiegten  Könige ! " 
—  So  werden  auch  hier  die  Juden  gleichsam  als  die  Vor- 
fahren der  Christen  gefeiert.  —  Beide  Gedichte  erhalten  so 
durch   ihren   Schluss    einen   etwas   geistlichen   Charakter,    der 


1)  Schon  bei  Du  Meril  a.  a.  0.  p.  lS4f. ,  aber  unvollständiger. 

2)  nie  deus  qui  percussit  castraque  Assyrios, 
In  virtute  sua  magna  et  in  forte  brachio, 
Perdat  gentes  paganorum  domino  incrediüas. 

3)  Es  beginnt  mit  der  folgenden  Strophe: 

Ampla  regalis  Susis  dicta  civitas, 
In  qua  regnare  Asuerus  ceperat, 
Regnans  ab  India  usque  Aethiopiam 
Centum  viginti  et  Septem  provincias. 


Judith.     Esther.     Lazarus.     Eustasius.  319 

aber  doch  nicht,  am  wenigsten  beim  zweiten,  an  einen  kirch- 
lichen Gebrauch  denken  lässt. 

Das  fünfte  Gedicht  behandelt  einen  neutestamentlichen 
Stoff,  die  Parabel  vom  Reichen  und  Lazarus,  nach  Lucas 
c.  16,  V.  19  ff.,  in  trochäischen  Tetrametern.  Es  schliesst  sich 
zum  grossen  Theil  so  unmittelbar  seiner  Vorlage  an,  dass  die 
Worte  so  viel  als  möglich  beibehalten  sind,,  ja  dass  ganze 
Halbverse  "Wort  für  Wort  der  Bibel  entlehnt  sind.  0 

Das  letzte  der  Gedichte  ist  inhaltlich  und  metrisch  von 
besonderem  Interesse.  Auf  die  eigenthümliche  Versbildung 
komme  ich  weiter  unten  zurück,  hier  sei  nur  bemerkt,  dass 
es  aus  4-4  Strophen  von  je  fünf  Langzeileu  besteht.  Es  ist 
die  älteste  poetische  Behandlung  der  im  Mittelalter  so  belieb- 
ten, in  den  verschiedenen  Nationalliteraturen  in  Prosa  wie  in 
Versen,  auch  in  mannichfach  veränderter  Gestalt  bearbeiteten 
Legende  vom  heil.  Eustachius.-)  Er  hiess  als  Heide  Placidas 
und  war  nach  unserem  Gedicht  unter  Trajan  Magister  mili- 
tum,  reich  und  tapfer,  aber  auch  ein  Freund  der  Armen.  Ein 
„grosser  Waidmanu  und  Bogenschütze"  sah  er  einst  auf  der 
Jagd  einen  glänzend  weissen  Hirsch;  er  verfolgt  ihn  lange, 
da  erblickt  er  den  Hirsch  die  Spitze  eines  Felsen  erklimmen 
und  zwischen  seinen  Geweihen  das  Bild  des  gekreuzigten 
Christus,  und  vernimmt  eine  Stimme,  die  ihm  (wie  einst  dem 
Saulus)  zuruft:  Warum  verfolgst  du  mich?  Ich  bin  Jesus,  an 
den  du  zwar  nicht  glaubst,  den  du  aber  in  guten  Werken  zu 
verehren  scheinst.  Placidas  fragt  erschrocken,  was  er  thun 
soll.  Er  wird  an  einen  christlichen  Priester  gewiesen.  Hier- 
auf lässt  er  mit  seinem  ganzen  Hause  sich  taufen,  und  erhält 
seinen  christlichen  Namen,  der  in  unserm  Gedichte  Eustasius 
lautet.    In  den  Wald  zurückgekehrt,  hört  er  wieder  die  Stimme 


1)  So  im  Anfang  Homo  quidam  erat  dives  vgl.  1.  1.  v.  19,  Str.  5  Mor- 
tuus  est  autem  dives  vgl.  v.  22  (wo  allerdings  noch  et  vor  dives  einge- 
schaltet); oder  nur  mit  Umstellung:  Str.  3  ulcera  eins  lingebant  vgl.  v.  21: 
et  lingebant  ulcera  eins.  Die  Strophe  1 1  ist  in  diesem  Gedicht  nach  Str.  8 
zu  stellen. 

2)  S.  Acta  S.  S.  Boll.  Sept.  T.  VI  p.  123fi'.,  und  über  die  Verbrei- 
tung der  Legende  in  der  mittelalterlichen  Literatur:  Dos  obras  didäcticas 
y  dos  lej'endas  sacadas  de  manuscritos  de  la  Biblioteca  del  Escorial ;  dalas 
ä  luz  la  Sociedad  de  Bibliötilos  espanoles.  (Dr.  Hermann  Knust  ist  der 
Herausgeber.)    Madrid  1878.  p.  107  ff.  u.  vgl.  p.  87  ff. 


320  Kytlimische  Dichtung. 

des  Herrn,  die  ihm  verkündet,  er  werde  viel  Unglück  haben, 
schliesslich  aber  die  Märtyrerkrone  erhalten.  Nun  werden  seine 
Leiden  erzählt.  Pestilenz  befällt  sein  Haus,  Räuber  stehlen 
sein  Vermögen ;  nichts  bleibt  ihm  von  aller  seiner  Herrlichkeit 
übrig  als  sein  Weib  und  zwei  Knaben.  Weil  er  den  Nach- 
barn ein  Spott,  zieht  er  mit  ihnen  heimlich  weg  gen  Aegypten. 
Der  Schiffer  aber,  der  sie  über  das  Meer  setzt,  raubt  das 
schöne  Weib  und  Eustasius  entgeht  mit  seinen  Kleinen  kaum 
dessen  Nachstellungen.  Mit  ihnen  kommt  er  zu  dem  Ufer 
eines  Flusses,  er  trägt  den  einen  Knaben  hinüber  und  kehrt 
um,  den  andern  zu  holen;  als  er  mitten  im  Flusse,  sieht  er 
einen  Löwen  den  einen,  einen  Wolf  den  andern  rauben.  Die 
Kinder  werden  später  aber  gerettet  von  Hirten  und  Bauern. 
Der  verzweifelte  Vater  wollte  sich  ertränken,  da  gedachte  er 
des  Worts  des  Herrn.  Weinend  zieht  er  nach  Aegypten  weiter, 
wo  er  Feldhüter  wird.  Zwölf  Jahre  vergehen:  da  fallen  die 
Barbaren  in  Pannonien  ein;  der  Kaiser  sammelt  ein  Heer  und 
erinnert  sich  nun  des  Placidas,  der  es  führen  soll.  Er  sendet 
darauf  in  alle  Lande  Soldaten  aus,  ihn  aufzusuchen.  Zwei  ent- 
decken ihn,  obwohl  er  sich  verläugnete,  an  einer  Narbe. 
Zurückgeführt,  wird  er  vom  Kaiser  mit  Schätzen  überhäuft 
und  an  die  Spitze  des  Heeres  gestellt.  Als  er  sich  den  Gren- 
zen Pannoniens  nähert,  strömen  von  allen  Seiten  ihm  junge 
Krieger  zu.  Darunter  sind  auch  seine  zwei  Söhne,  die  sich 
gegenseitig  zu  erkennen  geben  und  zwar  in  Gegenwart  ihrer 
Mutter,  die  sie  durch  ein  Fenster  belauscht  —  denn  der  Schiffer 
wohnt  dort.  Die  Mutter  will  dann  dem  Feldherrn  ihre  Ge- 
fangenschaft klagen,  dabei  erkennt  sie  ihren  Gemal,  und  die 
ganze  Familie  findet  sich  also  wieder.  —  Der  Name  des  Pla- 
cidas aber  schlägt  schon  allein  die  Barbaren  in  die  Flucht. 
Dem  zurückkehrenden  Sieger  kommt  der  „Cäsar  gewordene" 
Hadrian  entgegen.  Eustasius  aber  verweigert  zugleich  mit  den 
Seinigen  den  Göttern  zu  opfern,  indem  sie  sich  als  Christen 
bekennen.  Sie  werden  darauf  einem  Löwen  vorgeworfen ;  der 
jedoch  beleckt  nur  die  Füsse  der  Heiligen.  Nunmehr  werden 
sie  in  einem  eherneu  Stier  verbrannt,  nachdem  Eustasius  Gott 
gebeten,  ihren  Leibern  ein  gemeinsames  Begräbniss  zu  ge- 
währen. Diese  Bitte  wird  erfüllt,  und  ihr  Märtyrthum  erwirbt 
ihnen  die  Gemeinschaft  mit  Christus. 

Noch  gehört  diesem  Zeitabschnitte  ein  merkwürdiges  ryth- 


Alexander  der  Grosse.  321 

misches  Gedicht  an,  das  einen  Stoff  aus  dem  Altertlium  be- 
handelt, der  einen  der  Hauptsagenkreise  der  späteren  mittel- 
alterlichen Epik  bildet.  Es  ist  ein,  wie  es  scheint,  nur  frag- 
mentarisch erhaltener  Abecedarius  in  trochäischen  catal.  Tetra- 
metern'), welcher  Alexander  den  Grossen  auf  Grund  der 
aus  dem  Orient  überlieferten  Sage  besingt.  Alexander  wird  hier 
aber  nicht  als  Kriegsheld,  als  Besieger  des  Orients,  sondern  als 
kühner  Reisender  gefeiert,  der  die  ganze  Welt,  Länder  wie 
Meere  durchzogen.  2)  Er  ist  auch  der  Sohn  eines  Philisters 
und  einer  Bethanierin;  von  seiner  königlichen  Herkunft  und 
Stellung  ist  nirgends  die  Rede.  Nur  Reisewunder  werden  be- 
richtet. So  besucht  er  das  in  Fiusterniss  begrabene  Land,  aus 
dem  die  Edelsteine  stammen  3);  in  der  Wüste  fängt  er  ein  Thier, 
halb  Pferd,  halb  Stier  —  eine  Erinnerung  an  den  Bucephalus ; 
er  tödtet  zahllose  wilde  Bestien;  und  macht  die  Luftfahrt  mit 
den  Greifen,  als  er  hierbei  in  Lebensgefahr  schwebt,  gelobt  er 
zu  Gott,  eine  Stadt  zu  bauen,  da,  wo  er  herabkäme.  Dort 
gründete  er  in  der  That  Alexandria.  Dies  ist  der  Inhalt  des 
Stücks. 

Wenn  wir  nun  die  ryth mische  Profandichtung  dieser 
Periode  zugleich  mit  der  der  vorausgehenden  hier  überblicken, 
so  finden  wir  einmal  unter  den  Verfassern  die  verschieden- 
sten Nationalitäten  vertreten:  Romanen  und  Germanen,  letztere 
theils  rein,  theils  romanisirt,  und  Iren.  Iren  sind:  der  Hiber- 
nicus  exul  und  Sedulius^);  reine  Germanen:  Raban,  Gottschalk, 
und  vielleicht  die  Verfasser  der  Einhard  beigelegten  Passio 
und  des  Klagelieds  auf  den  Abt  Hug,  (dazu  wissen  wir  we- 
nigstens von  dem   Angelsachsen  Alcuin,    dass    er  solche   Ge- 


il Er  geht  nur  bis  zum  Buchstaben  J.  ^  Herausgeg.  von  Zarncke: 
Ueber  das  Fragment  eines  lateinischen  Alexanderliedes  in  Verona.  In  den 
Berichten  der  k.  sächs.  Ges.  d.  Wiss.  Philol.  hist.  Cl.  IST".  Bd.  2y,  S.  57  ff. 

2)  Dies  besagt  schon  die  erste  Strophe: 

Alexander  puer  magnus  circumivit  patriam 
Usque  ad  raare  oceanum,  civitates,  insulas. 
Ante  [quam]  Christus  fiat  natus  ex  Maria  virgine. 

Patria  hat  hier,  wie   auch  sonst  im  ]\Iittelalter  die  Bedeutung  von  terra, 

und  ist  daher  nicht  zu  ändern. 

3)  Vgl.  Zacher,  Pseudocallisthenes,  Halle  1S67.  S.  141. 

4)  Zu  ihnen  gesellt  sich  auch  noch  Dicuil,  s.  das  letzte  Kapitel. 

Ebeist,  Literatur  des  Mittelalters  II.  21 


322  -  Eythmische  Dichtung. 

dichte  gemaclit  hat'));  romanisirte  Germanen:  der  Langobarde 
Paulus  Diacouus,  der  Westfranke  Angelbert,  wohl  auch  der 
Verfasser  des  Spottgedichts  auf  Angers ;  Komanen :  Petrus  von 
Pisa,  Paulin  von  Aquileja  und  der  Venezianer,  der  das  Schimpf- 
lied auf  diese  Stadt  dichtete.  (Ausserdem  sahen  wir,  dass  in 
Spanien  die  rythmische  Poesie  überhaupt  und  lange  Zeit  allein 
gepflegt  ward 2)).  Die  uns  bekannten  Autoren  sind  Gelehrte  oder 
Kleriker,  alle  aber  zeigen  mehr  oder  weniger  wissenschaftliche 
Bildung.  Wir  machen  ferner  die  Beobachtung,  dass  einzelne 
dieser  rythmischen  Dichtungen  keinen  volksmässigen  Inhalt 
haben,  auch  nicht  an  das  allgemeine  Publikum  sich  wenden, 
wie  der  Wechselgesang  des  Paulus  Diaconus  und  Petrus  von 
Pisa,  die  Gedichte  der  beiden  Iren  und  die  Lieder  des  Gott- 
schalk. Hier  erscheint  denn  auch  die  populäre  rythmische 
Form  zum  Scherz  angewandt,  wie  ja  auch  Alcuin  die  Tafel- 
runde Karls  gerade  mit  solchen  Gedichten  unterhielt.  Von 
diesen  Gedichten  exclusiven  Charakters  absehend,  können  wir 
in  Bezug  auf  den  Inhalt  folgende  Kategorien  unterscheiden: 
1 )  S  c  h  1  a  c  h  1 1  i  e  d  e  r ,  so  das  auf  Pippins  Sieg  über  die  Avaren 
und  das  auf  die  Schlacht  von  Fontanetum,  das  erstere  ein 
Triumphlied,  das  andre  ein  Klagelied;  2)  P 1  an c tu s,  Klage- 
lieder, so  das  auf  den  Tod  Erichs,  Karls,  Hugs,  auf  den  Fall 
Aquileja's;  3)  Schimpflieder,  wie  die  gegen  Benevent  und 
Aquileja  und  gegen  den  Abt  von  Angers  gerichteten;  4.)  er- 
zählende Gedichte,  wie  die  Legenden  oder  die  biblische 
Geschichte  behandelnden,  sowie  das  Alexandergedicht  und  das 
auf  die  Zerstörung  von  Mont-Glonne,  wozu  denn  auch  das 
Gedicht  des  Raban  und  die  das  Räthsel  enthaltende  Parabel, 
sowie  das  Gedicht  des  Paulus  A  principio  seculorum  zu  rechnen 
sind,  welches  letztere  allerdings  mehr  aufzählt  als  erzählt. 

Betrachten  wir  nun  die  in  diesen  Gedichten  angewandten 
Versarten,  so  findet  sich  am  häufigsten  der  aus  dem  trochäischen 
Tetrameter  catal.  hervorgegangene  rythmische  Vers,  der  also 
nach  der  vierten  Senkung  eine  Cäsur  hat,   welche   die  Lang- 


1)  Dies  bezeugt  namentlich  eine  Stelle  in  Theodulfs  Gedichten,  1.  III, 
c.  1,  V.  136,  wo  es  bei  der  Schilderung  von  der  Unterhaltung  an  Kai'ls 
Tafel  (s.  oben  S.  79  f.)  von  Alcuin  heisst:  Et  solvat  numeri  vincla  fa- 
vente  ioco. 

2)  S.  oben  S.  300,  Anm.  3  und  S.  301,  Aum.  4. 


Trochäische  Rythmen.  323 

zeile  in  zwei  Hemistichen  zerlegt;  er  erscheint,  wie  in  der 
christlichen  Dichtung  schon  bei  Prudentius '),  zunächst  zu  drei- 
zeiligen  Strophen  verbunden,  die  zu  sechszeiligen  werden  kön- 
nen, wenn  die  Hemistichen  als  selbständige  Verse  nicht  bloss 
geschrieben,  sondern  auch  —  und  namentlich  im  Gegensatz  zu 
den  Langzeilen  —  durch  den  Reim  gebunden  werden.  Letz- 
teres kommt  aber  hier  nur  in  ein  paar  Gedichten  und  auch 
da  nur  ausnahmsweise  vor.-)  In  dieser  Versart  sind  verfasst 
einmal  die  Gedichte  der  ersten  Kategorie,  und  mit  Eecht: 
war  doch  der  trochäische  Tetrameter  catal.  das  Versmass  der 
römischen  Soldatenlieder  und  noch  Prudentius,  wie  ich  früher 
zeigte,  sich  dessen  bewusst.  Und  so  gehen  denn  auf  diese 
Versart  später  auch  die  Eedondillen  der  spanischen  Romanzen 
zurück.  —  Und  wie  jene  Soldatenlieder  auch  Spottlieder  waren, 
so  finden  wir  in  dieser  populären  Versart  auch  die  beiden  er- 
sten Gedichte  der  dritten  Kategorie;  nicht  minder  sind  viele 
der  vierten  in  ihr  verfasst,  so  die  dem  Eiuhard  beigelegte 
Passio  und  zwei  der  biblischen  Erzählungen  (Judith  und  La- 
zarus), wie  das  Gedicht  auf  Alexander  und  das  A  principio. 
Dazu  kommt  noch  der  Wechselgesang  des  Petrus  und  Paulus.  — 


1)  Cathemerin.  9,  Peristeph.  1,  s.  Bd.  I,  S.  249  u.  252. 

2)  In  dem  Lied  auf  die  Schlacht  von  Fontanetiuu ,  z.  B. : 

Gramen  illud  ros  et  imber 

Nee  humectet  pluvia. 

In  quo  fortes  ceciderunt 

Proelio  doctissimi; 

Plangent  illos  qui  fuerunt 

Elo  casu  mortui. 
Der    Reim  der  Kurzzeilen  im  Gegensatz   zu   den  Langzeilen   findet   sich 
hier  auch: 

Ima  vallis  retrospexi 

Yerticemque  iugeri 

Ubi  suos  inimicos 

Hex  fortis  Hlotharius 

Ebenso  in  dem  Lied  auf  Pippins  Sieg  Str.  2: 
Multa  mala  iam  fecerunt 
Ab  antico  tempore. 
Fana  Dei  destruxerunt 
Atque  monasteria, 
Vasa  aurea  sacrata, 
Argentea,  fictilia. 

21* 


324  Rythmische  Diclitung. 

Beaclitenswertli  ist  noch,  dass  gerade  diese  Versart  für  Abece- 
darieu  beliebt  erscheint:  so  sind  solche  das  Gedicht  Augel- 
berts,  die  beiden  zuerst  genannten  Schimpflieder  und  das 
Alexandergedicht,  während  A  priucipio  ein  Acrostichon,  ■) 

Der  trochäische  Rythmus  musste  sich  für  die  volksmässige 
lateinische  Dichtung  von  Beginn  dadurch  empfehlen,  dass  hier 
Ictus  und  Wortaccent  leichter  zusammenfielen.  Und  so  finden 
wir  denn  in  ihm  auch  eigenthümliche  Versbildungen,  So  ist 
das  Spottlied  auf  den  Abt  von  Angers  in  einem  Rythmus 
verfasst,  der  einem  trochäischen  catalectischen  Trimeter  ent- 
spricht, mit  der  Cäsur  nach  der  zweiten  Senkung.-)  Es  sind 
Strophen  von  vier  solchen  Versen,  an  die  sich  noch  eine  Re- 
frainzeile anschliesst,  die  einen  ganz  irregulären  rythmischen 
Charakter  hat. 

Höchst  merkwürdig  ist  die  trochäische  Versart,  worin  die 
zwei  rythmischen  Gedichte  der  beiden  Iren 3)  und  diese  allein 
verfasst  sind,  es  sind  Langzeilen,  deren  Hemistichen  einem 
catalectischen  trochäischeu  Dimeter  entsprechen.^)  Dieser 
Rythmus  ist  nämlich  der  irischen  Dichtung  entlehnt.  Und 
wie  in  ihr  diese  Laugzeilen  in   der  Regel  paarweise  gereimt 


1)  Zarncke  macht  bei  dem  Alexandergedicht  (a.  a.  0.  S.  59)  auch 
schon  darauf  aufmerksam.  Zu  seinen  Hinweisungen  lässt  sich  jetzt  noch 
hinzufügen  von  den  „Weiteren  caroling.  Rythmen",  die  Dümmler  Zeitschr. 
f.  d.  Alterth.  N.  F.  XII,  S.  151  ff.  veröffentlicht  hat,  No.  1,  3  und  4. 

2)  Das  Schema  ist  —  indem  wii"  die  Hebung  hier  immer  durch  das 
Zeichen  der  Länge,  die  Senkung  durch  das  der  Kürze  bezeichnen:  -  ^ 
-^    I    _w  —  ^-^— .    Ich  gebe  als  Beispiel  die  erste  Strophe: 

Andecavis  abbas  esse  dicitur, 

nie  nomen  primum  tenet  hominum, 

Hunc  fatentur  vinum  velle  bibere 

Super  omnes  Andecavis  homines. 

Eia  eia  eia  laudes,  eia  laudes  dicamus  Libero. 
Eine  andre  Auffassung  des  Yerses  rücksichtlich  der  Cäsur,  wie  sie  Bartsch 
bei  ähnlichen  späteren  lateinischen  Versen  in  seinem  interessanten  Auf- 
satz: Ein  keltisches  Yersmass  im  Provenzal.  und  Französ.  (Zeitschr.  f. 
roman.  Philol.  Bd.  II,  S.  195  ff.)  darlegt,  scheint  mir  hier  nicht  wohl  zu- 
lässig, schon  im  Hinblick  auf  v.  1  der  3.  Strophe:  Iste  gerit  corpus  in- 
putribile. 

3)  S.  oben  S.  5S  und  S.  196,  Amn.  3. 

4)  Das  Schema  ist: 


Trochäische  Rythmen.  325 

werden ,  so  auch  in  dem  Gedichte  des  Hiberaietis  exul  0 ;  sel- 
tener erscheint  in  ihr  der  Reim  der  Hemistichen  an  der  Stelle 
des  der  Langzeileu,  dieser  Reim  weise  begegnen  wir,  wenn 
auch  nur  bei  einigen  Versen,  in  dem  Gedichte  des  Sedulius.'-) 
Auch  in  den  beiden  Liedern  Gottschalks'-)  findet  sich  der 
trochäische  Rythmus,  in  dem  einen  durchaus,  in  dem  andern 
grösstentheils.  Der  Grundvers  in  dem  ersteren  (0  Dens  mi- 
seri)  ist  der  trochäische  Dimeter.  Das  Versschema  der  sieben- 
zeiligen  Strophe  siehe  unten,  die  zwei  ersten  und  der  letzte 
Vers  wiederholen  sich  in  allen  Sti-ophen,  und  alle  Verse  in 
sämmtlicheu  Strophen  reimen  in  /.^)  In  dem  zweiten  Liede 
(0  quid  iubes  pusiole),  das  aus  sechszeiligen  Strophen  besteht, 
sind  die  beiden  ersten  Verse  eine  Art  rythmisch  gljconischer, 
von  der  Cäsur  abgesehen,  die  folgende^u  trochäische  Dimeter.') 


1)  Irisch:  a  n-  dorigne  do  fertaib    |    ni  fail  dorurme  co  cert 

amra  ro  gab  prainn  Lugdach    |    trenfer  di  de  gaib  a  nert. 
Hibemic.  exul:  Fer  salutem  Caesari    |    ac  suis  agmiidbus, 

Gloriosis  pueris    |    sacrisque  virginibus. 
Ygl.  Bartsch  a.  a.  0.  S.  2 IS,  der  die  irischen  Beispiele  Windisch  verdankt. 

2)  Irisch:  ro  bad  imnain  lä  mad  fir    j    ricfed  Cuchulaind  no  thir 
Sedulius:  Ingentesque  bachones    |    et  cornuti  multones 

Multiplicesque  gazae    [    Christi  dono  coUatae. 

3)  Vgl.  oben  S.  169. 

4)  Das  Schema  ist: 


—  K^  —  ^  — 

—  <y  V^  \^ 

>— '  V^  \J      —      ^ 

—  V^  W  —  W 


—  y^    —    ^    —    v_/    — 

Die  erste  Strophe  lautet : 

0  Deus  miseri 

Miserere  servi! 

Ex  quo  enim  me  iussisti 

Hunc  in  mundum  nasci, 

Prae  cunctis  ego  amavi 

Vanitate  pasci. 

Heu  quid  evenit  mihi! 
Im  ersten  Vers  ist  Deus  offenbar  einsilbig  zu  lesen,  wie  es  so  öfters  in 
der  rythmischen  Poesie  gebraucht  erscheint. 

5)  —    o  —  w|w  —  w  — 

—  w  —  >-<    I    i^_(^_ 


326  Rythmische  Dichtung. 

Hier  wird  uiir  der  letzte  Vers  in  allen  Strophen  als  Refrain 
wiederholt.  Aber  auch  hier  findet  Durchreimung  durch  alle 
Strophen  statt,  indem  sämmtliche  Verse  des  Gedichts  in  e 
reimen.  Die  Fülle  des  Reimes  in  diesen  Gedichten,  die  schon 
ganz  den  Charakter  des  deutschen  Liedes  haben,  ist  höchst 
beachtenswerth ,  und  werde  ich  bei  der  deutschen  Dichtung 
dieser  Periode  später  darauf  zurückkommen.  Der  Reim  ist 
dabei  öfters  ein  erweiterter,  indem  er  sich  nicht  bloss  auf  die 
auslautende  Silbe,  selbst  wo  diese  den  Ton  hat,  sondern  auch 
auf  vorausgehende  erstreckt.  Dass  die  verschiedenen  Arten 
desselben  sich  ebenso  schon  in  dem  metrischen  Vorwort  der 
Epistel  Gottschalks  an  Ratramnus  finden,  ist  bereits  früher  be- 
merkt worden.  1) 

Unter  den  iambischen  Rythmen  erscheint  hier  am  gewöhn- 
lichsten gebraucht  die  dem  iambischen  acat.  Trimeter  ent- 
sprechende Versart,  welche  nach  der  dritten  Senkung  die  Cäsur 
hat. 2)  In  ihr  sind  sämmtliche  Gedichte  der  zweiten  Kategorie, 
die  Planctus,  geschrieben  und  auch  eine  der  biblischen  Er- 
zählungen (Esther);  doch  ist  eine  Verschiedenheit  in  der  Stro- 
pheubildung  zu  bemerken.  Nur  in  zweien  dieser  Gedichte  er- 
scheinen die  Langzeilen  allein,  in  der  Klage  um  Erich  zu 
Strophen  von  fünf,  in  der  Esther  von  vier  Versen  verbunden. 
Die  erstere  Strophenbildung  begegnet  uns  beim  quantitativen 
iambischen  Trimeter  schon  in  zwei  Gedichten  des  Prudentius 
Cathemer.  VII  und  Peristephan.  X  (der  Passio  des  Romanus). 
—  Die  Planctus  auf  Aquileja  und  Hug  sind  auch  in  Strophen 
von  vier  Versen,  von  denen  der  letzte  aber  eine  Kurzzeile  ist, 


^  —  ^  —  ^  —  Kj 


Ky   —   ^^   —   '^   — 


Die  erste  Strophe  lautet: 

0  quid  iubes,  pusiole? 
Quare  mandas ,  filiole, 
Carmen  dulce  me  cantare, 
Cum  sim  longe  exul  valde, 
Intra  mare? 
0  cur  iubes  canere? 

1)  S.  oben  S.  167  und  169. 

2)  Das  Schema  ist  also: 


JaAbische  Rythmen.  327 

welche  sich  als  rythmischer  Adouius  darstellt,  ^j  Das  Klage- 
lied auf  Karls  des  Grossen  Tod  ist  in  Strophen  von  zwei 
Langzeilen  und  einer  Refraiukurzzeile.-) 

In  rvthmischen  iambischen  Dimetern  sind  zwei  der  er- 
zählenden Gedichte  verfasst,  das  des  Raban  und  das  von  der 
Zerstörung  von  Glonna ;  im  ersteren  sind  diese  Verse  zu  sechs- 
zeiligen  Strophen,  im  zweiten  zu  vierzeiligeu  verbunden.  Beide 
sind  gereimt,  in  Rabans  Gedicht  ist  der  gepaarte  Reim  durch- 
geführt-^), nur  dass  mitunter  gleiche  Reimpaare  auf  einander 
folgen;  in  dem  andern  herrscht  der  Monorim  vor^),  und  der- 
selbe Reim,  der  alle  Verse  der  Strophe  bindet,  erstreckt  sich 
auch  über  mehrere,  ja  eine  ganze  Reihe  von  Strophen:  so 
lauten  alle  Verse  der  sechs  ersten  Strophen  in  «,  der  sechs 
folgenden  in  us  aus,  danach  tritt  aber  ein  öfterer  Wechsel  ein, 
und  auch  mitunter  Reimpaare. 

Ganz   eigenthümliche    iambische  Rythmen   zeigen   die  Pa- 
rabel und  die  Legende  des  Placidas.    Das  Schema  des  ersteren 
^   Gedichts   ist :   ^  -  ^  -  ^  ^  -  w  - .    j^j   dritten  Fusse   also   eine 
Doppelsenkung.  ^)     Von   einer  bestimmten  Cäsur  ist  bei  dieser 
Kurzzeile  so  wenig,   als   bei   dem  rythmischen  iambischen  Di- 


1)  Ursprüiiglicli  wohl  nur  das  erste  Hemistich  war;  diirch  die  Yer- 
tauscliung  des  ersten  Jambus  mit  einem  Trochäus  entstand  aus:  ^  —  ^  -  ^ 
:  -  w  w  -  w.  Jene  Yertauschung  ist  in  diesem  Rythmus  überhaujDt  häufig; 
einzelne  Verse  zeigen  noch  den  ursprünglichen  Chai-akter,  z.  B.  im  Planctus 
auf  Aquüeja  Str.  1.5:  ad  mansionem.     Vgl.  oben  S.  314  Anm.  2. 

2)  Heu  mihi  misero ,  oder  Heu  me  dolens  plango.  (Tgl.  oben  S.  312 
Anm.  2.)  So  ist  die  Strophenbildung  in  der  Ausg.  von  Pertz;  in  der  von 
Du  Meril  dagegen  folgen  die  Refrainzeilen  erst  nach  vier  Langzeilen, 
so  dass  die  Strophen  dort  fünfzeilige  sind. 

3)  Z.  B.  Str.  3 : 

Ut  tuam  laudem  famine 
In  primis  possim  dicere, 
Magnam  miram  ac  praeclaram 
Digna  voce  iustissimam; 
Meaeque  sim  miseriae  ' 

Compunctus  memor  ultimae. 

4)  S.  ein  Beispiel  oben  S.  31.5  Aura.  3. 

5)  Audite  versus  parabole 
De  quodam  puero  nobile: 
Dum  iret  in  solitndine 
Aprum  cum  canibus  querere, 
Invenit  eum  celeriter. 


328  Historiograpliio. 

meter  die  Rede,  eben  weil  es  Kurzzeileu  sind.  Fünf  Verse 
bilden  eine  Strophe;  der  Reim  findet  sich  nur  sporadisch.  — 
Noch  merkwürdiger  ist  der  Rythmus  des  Placidas.  Er  stellt 
sich  folgendermassen  dar :  w_v^-^-^|w-^-w-.  jj^ 
dritten  Fusse  kann  also  eine  Doppelsenkung  eintreten,  ja  sie 
tritt  sogar  ganz  gewöhnlich  ein,  doch  nie,  wenn  im  Fusse  vorher 
eine  schwebende  Betonung  ist,  um  eine  dreisilbige  Senkung 
zu  vermeiden.')  Fünf  Verse  bilden  auch  hier  eine  Strophe, 
der  Reim  findet  sich  hier  öfters,  aber  ganz  willkürlich  und 
regellos,  die  in  der  Anmerkung  mitgetheilte  Strophe  ist  darin 
durchaus  nicht  massgebend. 


ACHTZEHNTES  KAPITEL. 

HISTORIOGRAPHIE.       HEILIGENLEBEN    UND    TRANSLATIONEN 
OSTFRANCIENS. 

Es  bleibt  uns  nur  noch  übrig,  die  Geschichte  der  Histo- 
riographie 2)  in  diesem  Zeiträume  zu  verfolgen,  soweit  wir 
sie  nicht  schon  bei  den  einzelnen  Autoren,  deren  literarischer 
Schwerpunkt  auf  andern  Gebieten  lag,  bereits  berührt  haben; 
wir  wollen  also  hier  die  Werke  derer,  die  nur  oder  vorzugs- 
weise Geschichtschreiber  waren,  im  Zusammenhang  betrachten. 

Vier  Hauptgattungen  der  Historiographie  dieser  Zeit  kön- 
nen wir  unterscheiden,  von  welchen  drei  auch  in  dem  voraus- 
gehenden Zeiträume  sich  vertreten  finden.  Die  erste,  die  äl- 
teste in  der  christlich-lateinischen  Literatur  überhaupt,  und  die 
am  meisten  gepflegte,  ist  die  Vita,  die  Lebensgeschichte,  die 
seit  Einhard  in   zwei  Arten   sich   scheidet:  erstens   das  Hei- 


J)  Die  schwebende  Betonung  zeige  ich  durch  einen  Gravis  an: 
Diini  per  späcia  mi'üta    |    post  eum  ciirreret, 
Ascendit  cervus  in  sümmum    |    saxörum  verticem. 
Placidas  diim  perpensäret    |    quid  illic  fäceret, 
Vidit  in  cörnibus  eius    |    criicis  imäginem 
Et  inter  cörnua  pülcram    |    Christi  effigiem. 
lieber  die  gi'iechische  Betonung  der  Eigennamen  s.  meinen  Aufsatz. 

2)  Vgl.  Waitz ,  üeber  die  Entwicklung  der  deutschen  Historiographie 
im  Mittelalter,  in:  Schmidts  Zeitschr.  f.  Geschichtswissensch.  Bd.  2,  S.  39  tf. 


Haiiptgattungeii.  329 

ligenleben,  das  noch  immer  und  durch  das  ganze  Mittel- 
alter vorherrscht;  von  dieser  Art  haben  wir  schon  manche 
Werke  auch  dieses  Zeitraums  gelegentlich  betrachtet.  Als 
eine  besondere  Species  der  Vita  Sanctorum  ist  aber  anzufügen 
die  Translation,  d.  h.  die  Geschichte  der  Ueberführung  der 
Gebeine  der  Heiligen,  die  gewissermassen  eine  Ergänzung  der 
Vita  ist,  namentlich  durch  die  Erzählung  der  Wunder,  die  von 
dem  Heiligen  nach  seinem  Tode  ausgingen;  die  Translation 
erscheint  daher  nicht  selten  mit  der  Vita  verbunden,  aber  auch 
ganz  selbständig,  wovon  ein  rechtes  Beispiel  im  vorigen  Buche 
die  von  Einhard  verfasste  lieferte.  Die  zweite  Art  der  Vita 
ist  die  weltliche,  politische  Lebensbeschreibung,  die  erst  mit 
der  Vita  Cmwli  Einhards  wieder  auftritt.  Den  Uebergang  zu 
ihr  von  dem  Heiligenleben  bilden  solche  Vitae,  die  Geistlichen, 
beziehungsweise  selbst  Heiligen  gewidmet  sind,  welche  zu- 
gleich eine  politische  Rolle  gespielt  haben,  wie  die  von 
Paschasius  verfassten,  welche  wir  oben  bereits  behandelten.') 
Dergleichen  Heiligeuleben  fanden  sich  ja  auch  schon  viel 
früher,  wie  das  des  heil.  Leodegar  von  dem  Mönche  von 
St.  Symphorian.-) 

Die  zweite  Hauptgattung  der  Historiographie  bildet  die  Ge- 
schieh tschreibung  des  Jahrbuchs,  die  Annale n,  und  zwar  ein- 
mal die  des  Reichs,  dann  die  kleinerer  Gebiete,  in  unserm  Zeit- 
räume nur  von  Bisthümern  und  Klöstern.  Man  kann,  wie  wir 
schon  oben  Seite  97  f.  bemerkten,  zwei  Arten  der  Annalen 
unterscheiden,  die  erste  ursprüngliche,  die  eigentlichen,  welche 
Jahr  für  Jahr  gleichzeitig  mit  den  Ereignissen  geschrieben 
werden,  die  zweite  die  Annalen  im  weiteren  Sinne,  welche 
auf  Grund  der  ersten  die  Geschichte  der  näheren  oder  fer- 
neren Vergangenheit  von  Jahr  zu  Jahr  erzählen,  und  von  dem- 
selben Verfasser  fortgesetzt,  auch  wieder  zu  Annalen  im  engeren 
Sinne  werden  können.  Mit  der  zweiten  Art  der  Jahrbücher 
ist  die  Chronik  identisch.  —  Diese  zweite  Hauptgattung  der 
Historiographie  kann  sich  mit  der  ersten  vermischen,  indem 
die  Lebensgeschichte,  sei  es  eines  einzelnen,  wie  eines  Königs, 
oder  auch  mehrerer,  wie  einer  Reihe  von  Bischöfen  oder  Aebten, 
zur  Chronik  werden  kann. 

Die  dritte  Hauptgattung,  in  der  vorigen  Periode  nicht  ver- 


1)  Seite  236  ff.  und  2.39  ff.  2)  S.  Bd.  I,  S.  .577  f. 


330  Bruun. 

treten  ist  die  Weltclironilv,  mit  der  Eusebius-Hieronymus 
den  Anfang  machte i);  die  vierte  endlich  ist  die  National- 
geschichte, wie  im  vorigen  Zeiträume  des  Paulus  Diaconus 
Laugobardengeschichte. 

Indem  ich  nun  mit  der  ersten  Hauptgattung  beginne,  ge- 
denke ich  zunächst  der  von  mir  noch  nicht  behandelten  Hei- 
ligenleben dieses  Zeitraums,  die  formell  oder  inhaltlich  von 
Interesse  sind;  und  beginne  mit  Ostfrancien.  Einige  schliessen 
sich  an  schon  betrachtete  an,  insofern  sie  das  Leben  der  Bio- 
graphen derselben  zum  Gegenstand  haben.  Zu  ihnen  gehört  so- 
gleich eins  der  älteren,  die  Vita  Eigilis,  die  Lebensbeschreibung 
jenes  Abtes  von  Fulda,  welcher  selbst  das  Leben  Sturms  ge- 
schrieben.2)  Sie  ist  verfasst  von  Bruun,  genannt  Candidus^^), 
der  schon  unter  dem  Vorgänger  Eigils,  Ratgar,  in  Fulda  Mönch 
war.  Von  dem  letzteren  zu  seiner  weiteren  Ausbildung  zu  Ein- 
hard  gesandt,  zeichnete  er  sich,  eines  solchen  Lehrers  würdig, 
nicht  bloss  als  Gelehrter,  sondern  auch  als  Künstler  aus.  Wie 
er  später  unter  dem  Abte  Raban  als  Magister  an  der  Schule 
wirkte,  so  hat  er  auch  die  Absis  des  Grabs  des  Bonifatius  ge- 
malt. *)  Auf  Eigils  Anregung  hatte  er  das  Leben  Baugulfs,  das 
leider  verloren  ist,  geschrieben  (§.  2).  Denselben  Dienst  wollte 
er  nun  Eigil  selbst,  der  ihm  besondere  Theilnahme  geschenkt, 
leisten,  als  ihn  Raban  zu  literarischer  Thätigkeit  aufforderte 
unter  Einweisung  auf  sein  „in  Prosa  und  Versen  verfasstes 
Werk"  über  das  heilige  Kreuz.  Dem  gemäss  behandelte  Bruun 
auch  die  Vita  Eigilis  in  zwei  Büchern,  das  eine  in  Prosa,  das 
andre  in  Hexametern,  welche  Bücher  aber,  wie  er  selbst  in  der 
Praefatio  des  ersten  sagt,  ein  Werk  bilden  sollten,  da  auch 
das  eine  das  andre  ergänze;  und  dies  ist  in  der  That  auch 
hier   und  da   der   Fall.     So  ist,   obgleich   im  allgemeinen  im 


1)  S.  Bd.  I,  S.   199  ff.  2)  S.  oben  S.   104. 

3)  Mabillon,  Acta  S.  S.  ord.  S.  Bened.  saec.  IV,  pars  1,  p.  217  ft'. 

Wattenbach  I,  S.  189  f. 

4)  Er   sagt  beides  selbst  in  der  Vita  metrica  Eigilis,  c.  17  Ende,  in 
folgenden  Versen: 

Quamque  (sc.  absida)  egomet,  quondam  hac  Christi  nutritus  in  aula, 
.  Presbyter  et  monachus  Bruun  vilisque  magister 
Depinxi  ingenio  tenui  parvaque  Minerva 
Formans  expressi  varios  ferrugine  vultus. 


Vita  EigiUs.  331 

zweiten  Buche  nur  wiederholt  wird,  was  das  erste  in  Prosa 
erzählt,  die  Beschreibung  der  Translation  der  Gebeine  des 
Bonifatius  dort  (c.  17)  weit  ausführlicher,  worauf  auch  in  der 
Prosa  in  demselben  Kapitel  hingewiesen  wird*);  und  so  wird 
auch  am  Schlüsse  des  zweiten  Buchs,  und  damit  allerdings 
des  ganzen  Werks  ein  Lob  des  Heiligen  gegeben,  das  am 
Ende  der  Prosa  fehlt.  Andrerseits  findet  sich  in  der  Poesie 
auch  einzelnes  weggelassen  oder  gekürzt.  TVie  dem  ersten 
Buche  eine  prosaische  Vorrede,  geht  dem  zweiten  eine  in  as- 
klepiadeischen  Versen  verfasste  voraus,  in  welchen  beiden  der 
Autor  das  "Werk  seinem  Compresbyter  Modestus  widmet. 

Diese  Vita  ist  weit  davon  entfernt,  ein  gewöhnliches 
Heiligenleben  zu  sein.  Sie  ist  namentlich  in  dem  prosaischen 
Buche  eine  wichtige  Quelle  für  die  Geschichte  des  Klosters 
Fulda,  welches  damals  von  so  grosser  Bedeutung  war.  Diesem 
allgemeineren  historischen  Interesse  wird  von  dem  Verfasser 
besonders  Rechnung  getragen,  der  darin  nur  dem  Beispiele 
seines  Helden  selbst  in  dessen  Biographie  Sturms  folgt."-)  So 
wird  die  Wahl  Eigils  zum  Abt,  die  allerdings  nach  dem  auf 
die  Absetzung  Ratgars  folgenden  Interregnum  von  besonderer 
Wichtigkeit  war,  in  dem  Prosabuche  so  ausführlich  erzählt, 
dass  sie  die  Hälfte  seines  Raumes  einnimmt.  Die  erregten 
Verhandlungen  der  Mönche  unter  einander  vor  der  Wahl  wer- 
den durch  Mittheilung  ihrer  Reden  auf  das  lebendigste  ge- 
schildert, indem  den  verschiedenen  Wünschen  und  Erwägungen 
in  ihnen  Ausdruck  gegeben  wird.  Als  aber  nach  der  Wahl 
der  neue  Abt  im  Gefolge  einer  Schaar  seiner  Mönche  dem 
Kaiser  sich  vorstellt,  lässt  der  Autor  den  frommen  Ludwig 
zwei  lange  Reden  halten,  in  welchen  derselbe  die  Mönche  und 
den  Abt  an  ihre  Pflichten,  namentlich  auch  die  gegenseitigen, 
erinnert  und  dabei  indirect  eine  Kritik  des  Regimentes  des  ab- 
gesetzten Ratgar  gibt,  Dass  diese  Reden  auf  wirklichen  An- 
sprachen Ludwigs  beruhen,  zeigt  der  Verfasser  selbst  in  dem 
Vorworte  an:  nur  hat  er  letztere  rhetorisch  weit  ausgesponnen 
und  mit  theologischer  Gelehrsamkeit  geschmückt. 3)  —  Hierauf 


1)  Rlit  den  Worten:    sicut  in  seq^uenti  libro  manifestissime  con- 
tinetur. 

2)  S.  oben  S.  105. 

3)  Auf  diese  Reden  bezieht  sich   die  Stelle  im  Vorwort,   welche   be- 


332  .  Rudolf. 

gedenkt  Candidus  namentlich  der  bedeutenden  Bauten,  welche 
Eigil  ausführen  Hess,  genauer;  selbst  Alter  und  Kränklichkeit 
hielten  ihn  davon  nicht  ab.  Theilte  er  so  auch  die  Baulust 
seines  Vorgängers,  so  verfuhr  er  doch  dabei,  ganz  im  Gegen- 
satze zu  ihm,  durchaus  im  Einverständniss  mit  seinen  Mönchen, 
mit  denen  der  milde,  gebildete  Mann  überhaupt  in  bester  Ge- 
meinschaft lebte.  Sein  reges  wissenschaftliches  Interesse  hatten 
wir  schon  früher  Gelegenheit  zu  erwähnen.') 

Dies  Feld  der  Geschichtschreibung  hat  noch  besonders 
gepflegt  ein  andrer  Fuldaer  Mönch,  der  auch  als  Annalist  sich 
hervorgethan  hat.  Es  ist  Kudolf,  der  auch  ein  Schüler  des 
Raban  war  und  in  Fulda  unterrichtete-);  er  wird  bei  seinem 
Tode  865  in  den  Fulder  Reichsaunalen  als  ein  berühmter  Ge- 
lehrter, namentlich  Historiker,  aber  auch  Poet  bezeichnet 3); 
doch  haben  sich  keine  Dichtungen  von  ihm  erhalten;  seine 
hervorragende  wissenschaftliche  Bildung  aber  wird  durch  seine 
historischen  Werke  bezeugt,  denen  auch  mit  Recht  Reinheit 
und  Klarheit  des  Ausdrucks  nachgerühmt  wird.^)  In  welche 
nahe  Beziehungen  er  zu  seinem  Könige,  Ludwig  dem  Deut- 
schen, trat,  werden  wir  weiter  unten  bemerken. 

Rudolf  verfasste  zunächst,  und  zwar  auf  das  Gebot  seines 
„Abtes"  Raban •''),   das  Leben   der  heil.  Lioba,  Aebtissin  von 


ginnt:  In  quibus  (sc.  libris)  nimirum  Ludovici  Serenissimi  Augusti  clemen- 
tiam  circa  nos  factam  reverenter  expressi,  cuius  commonitionem  at- 
que  doctrinam  etsi  ita  ut  ab  eo  prolatae  sunt,  ad  integrum 
explanare  nequivi  etc.  Wattenbach  scheint  die  Stelle  nicht  berück- 
sichtigt zu  haben,  wenn  er  sagt:  „Darauf  versucht  sich  der  Verfasser  in 
langen  Reden,  die  man  nun  einmal  nach  dem  Vorbild  des  Alterthums  als 
nothwendig  betrachtete. " 

1)  S.  oben  S.  122.         2)  S.  oben  S.  179. 

3)  Ruodolfus  Fuldensis  coenobii  presbyter  et  monachus,  qui  apud  to- 
tius  pene  Germaniae  partes  doctor  egregius  et  iiisignis  floruit  historio- 
graphus  et  poeta,  atque  omnium  artium  nobilissimus  auctor  habebatur. 
Monum.  Germ.  bist.  Script.  I,  p.  378. 

4)  So  von  Dümmler,  Gesch.  d.  ostfränk.  Reichs  Bd.  I,  S.  877. 

5)  Schon  hiernach  lässt  sich  die  Zeit  der  Abfassung  ungefähr  be- 
stimmen, genauer  aber  noch  dadurch,  dass  Rudolf  hier  der  Translation 
der  Gebeine  der  Lioba  auf  den  Petersberg  nicht  gedenkt  (c.  23),  welche 
durch  Raban  838  erfolgte.  Er  erwähnt  sie  dagegen  in  der  sogen.  Vita 
Rabani  c.  47. 


Tita  Liobae.  333 

Bischofsheim  an  der  Tauber. ')  Sie  gehörte  zu  jenen  gelehrten 
angelsächsischen  Frauen,  die  Bouifatius  zur  Unterstützung  sei- 
ner missionaren  Thätigkeit  nach  Deutschland  berief,  um  sie  an 
die  Spitze  von  Klöstern  zu  stellen;  Lioba  war  dazu  eine  Ver- 
wandte von  ihm,  und  stand  zu  ihm,  wie  schon  die  erhaltene 
Con-espondenz  beider  zeigt"-),  in  besonders  naher  Beziehung. 
Sie  hatte  den  Schleier  in  dem  Kloster  "Wiubrunn  in  Britannien 
genommen,  welchem  die  ausgezeichnete  Aebtissin  Tetta  vor- 
stand. Dieser  als  ihrer  Erzieherin  glaubt  Eudolf  zuerst  aus- 
führlicher gedenken  zu  müssen.  Er  erzählt  dann,  wie  Lioba, 
schon  bei  ihrer  Geburt  der  Kirche  geweiht,  in  dem  Kloster 
als  junges  Mädchen  durch  wissenschaftlichen  Eifer  und  sitt- 
liches Streben  die  Liebe  ihrer  Oberen  gewann.  Und  so  musste 
sie  denn  ganz  besonders  berufen  sein,  die  Wünsche  des  Bo- 
uifatius als  Aebtissin  zu  erfüllen.  In  der  That  wurde  ihr 
Kloster  ein  Pflanzstätte  von  Lehrerinnen  (magistrae)  anderer 
in  Deutschland  (c.  11).  Ihr  gelehrter  Ruf,  ihre  Tugenden  und 
ihre  liebenswürdige  Persönlichkeit  führten  ihm  immer  von 
neuem  Töchter  der  Edlen  und  solche  Matronen,  die  aus  dem 
Leben  sich  zurückziehen  wollten,  zu.  Sie  liebte  dabei  auch 
den  Verkehr  mit  der  Aussenwelt:  so  besuchte  sie  öfters  das 
Kloster  Fulda  und  den  Hof  Karls  des  Grossen,  mit  dessen 
Gemalin  Hildegard  sie  sehr  befreundet  wurde.  Im  höheren 
Alter  zog  sie  sich  in  ein  Kloster  bei  Mainz  zurück,  wo  sie 
nach  einem  letzten  Besuch  bei  der  Königin  starb  (wahrschein- 
lich 779).  Sie  wurde  in  Fulda  bestattet,  wenn  auch  nicht  in 
demselben  Grabe  als  Bonifatius,  wie  dieser  gewünscht  hatte, 
doch  in  seiner  Nähe;  später  aber  wurden  ihre  Gebeine  in  die 
neue  Kirche  und  dann  auf  den  Petersberg  transferirt. 

Im  Eiugange  des  Buchs  erwähnt  Rudolf  seine  Quellen; 
es  sind  Aufzeichnungen  „ehrwürdiger  Männer",  namentlich 
eines  Mönches  Mago,  auf  Grund  der  Mittheilungen  von  vier 
Schülerinneu  der  Heiligen,  sowie  mündliche  Tradition:  die 
Wahrheit  dieser  Berichte  soll,  wie  Rudolf  meint,  nicht  bloss 
durch    die    Ehrlichkeit    ihrer   Erstatter,    sondern    auch    durch 


1)  Tita  S.  Liobae  in   Mabülous  Acta  S.  S.  ord.  S.   Bened.   Saec.  III, 
pars  2,  pag.  221  ff. Rettberg,  Kirchengesch.   Deutschi.  II,   S.  a36  ff. 

2)  S.  epp.  Bonif.  23,  91,  93,  97,  von  welchen  der  erste  von  Lioba,  in 
Jaffe's  Monum.  Moguntina.  Berlin  1S66. 


334  Rudolf. 

die  Wunder,  .,die  bei  den  Gebeinen  der  Heiligen  häufig  zu 
geschehen  pflegen",  gewährleistet  werden.  Nichts  zeigt  besser, 
wie  fest  Rudolf  an  diese  Wunder  glaubte,  und  welchen  Werth 
er  auf  sie  legte.  Und  so  werden  denn  nicht  bloss  alle  Mirakel, 
die  Lioba  im  Leben  wie  nach  dem  Tode  vollbrachte  —  und 
von  denen  sich  manche  sehr  leicht  natürlich  erklären  —  von 
ihm  ausführlich  und  mit  besonderer  Lebendigkeit  erzählt,  son- 
dern er  gedenkt  auch  solcher  von  ihrer  Lehrerin  Tetta. 

So  handelte  Rudolf  auch  durchaus  im  Sinne  seines  Lehrers 
Raban,  und  musste  daher  ganz  besonders  zu  der  Abfassung  eines 
Werkes  berufen  sein,  in  dem  er  sich  die  Aufgabe  stellte,  die 
Kräfte  und  Wunder  zu  beschreiben,  die  von  den  unter  Raban 
in  das  Fuldaer  Gebiet  eingeführten  Reliquien  in  der  Neuzeit 
ausgegangen  waren,  i)    Es  ist  dies  die  sogenannte  Vüa  liabani^) 

—  Der  Verfasser  beginnt  damit,  in  der  Kürze  zu  zeigen,  wie 
in  den  Zeiten  Ludwigs  des  Frommen  der  Reliquienimport  von 
Rom  nach  Francien  in  Schwung  gekommen  (wobei  er  auch 
der  Einhardischen  gedenkt),  geht  dann  auf  das  Kloster  Fulda 
über  und  seinen  Abt  Raban,  von  dem  er  namentlich  rühmt, 
dass  er  viele  Kirchen,  vornehmlich  in  den  Gellen  Fulda's,  ge- 
baut habe,  welche  er  durch  von  allen  Seiten  her  gesammelte 
Reliquien  geweiht  hätte  (c.  5  Ende).  Dies  war  oifenbar  das 
Hauptmotiv  von  Rabans  leidenschaftlichem  Reliquieusammel- 
eifer,  den  vollauf  zu  befriedigen  durch  die  neue  Industrie  ver- 
schmitzter Italiener,  sowohl  Geistlicher  als  Laien,  mit  heiligen 
Gebeinen  jenseits  der  Alpen  zu  handeln,  nicht  schwer  war. 
Da  hatte  z.  B.  der  aus  der  Einhardschen  Translation  bekannte 
Diacon  Deusdona  zu  gleicher  Zeit  einen  Schenkel  und  Fuss  des 
h.  Alexander,  einen  Arm  des  Felicissimus,  ein  Haupt  der  Con- 
cordia,  einen  Zahn  des  h.  Sebastian  u.  s.  w.  zu  verkaufen.  Raban 
nahm  alles,  was  er  bekommen  konnte;  von  irgendwelcher  Be- 
glaubigung oder  einer  Kritik  der  Aechtheit  der  Waare  ist  nir- 
gends die  Rede.  Den  versprochenen  und  angekündigten  Reli- 
quien wurde  dann  eine  festliche  Einführung  oder  auch  aus 
grösserer   Ferne    eine   feierliche   Translation    durch    entgegen- 

1) scribere   nitor   virtutes   et  miracula  quae  Deus  per  sanctos 

suos  modernis  temporibus  facere  dignatiis  est,  quorum  sacri  cineres,  re- 
gionem  nostram  illati,  quotidie  fidelibus  causa  salutis  existunt.  c.  1. 

2)  In  Mabülons   Acta  S.  S.  ord.  S.  Beued. ,   Saec.  IV,  pars  2,  p.  1  ff. 

—  Ingleiclien  im  1.  Bd.  der  Opera  Rabaiii. 


Vita  Rabani.  335 

gesandte  Boten  zu  Theil,  unter  denen  sich  ein  paarmal  auch 
Rudolf  selbst  befand,  der  dann  als  Augenzeuge  von  den  Wun- 
dern, die  sich  auf  dem  Wege  an  dem  Sarge  begaben,  berichten 
konnte. ')  Die  Bestattung  der  Gebeine  in  den  Kirchen  und  die 
ihnen  von  Eaban  gewidmeten  Epigramme  werden  nicht  minder 
sorgfältig  von  dem  Verfasser  erwähnt.  Am  Schlüsse  seiner  Er- 
zählung aber  erklärt  er,  dass  er  noch  nicht  aller  von  Eaban 
gesammelten  Reliquien  gedacht,  dies  jedoch  geeigneten  Orts 
später  thun  wolle  (c.  49).  Doch  hiermit  endet  das  Buch  noch 
nicht,  vielmehr  kehrt  Rudolf  noch  einmal  zu  Raban  zurück, 
der  als  der  Sammler  der  Reliquien  gleichsam  der  Held  der 
Erzählung  ist,  um  zu  berichten,  wie  derselbe  nach  20  Jahren 
seine  Abtwürde  niedergelegt  und  sich  nun  ganz  seinen  Studien 
gewidmet;  worauf  er  dann  noch  eine  Liste  seiner  Werke  bis 
zu  diesem  Zeitpunkte  folgen  lässt.^)  Durch  diese  drei  letzten 
Kapitel  (50 — 52)  erklärt  sich  denn  auch  der  falsche  Titel  Vita 
Rabani,  dem  man  dem  Buche  seit  lange  gegeben.  Dasselbe 
enthält  übrigens  manches  nicht  bloss  für  die  Biographie  Rabans 
interessante,  sondern  auch  sonst  historisch  denkwürdige. 

Noch  eine,  und  geschichtlich  bedeutendere  Translation'^) 
übernahm  Rudolf  zu  verfassen,  und  zwar  auf  den  Wunsch  des 
Translators  selbst.  Es  war  dies  ein  Enkel  des  berühmten 
Widukind,  Waltbraht,  welcher  den  unversehrten  (integrum) 
Leib  des  Märtyi-ers  Alexander,  Sohnes  der  Felicitas,  im 
J.  851  von  Rom  als  Geschenk  des  Papstes  nach  Wildeshausen 
gebracht  hatte.  Rudolf  aber  begann  nur  die  Schrift,  indem  er 
bloss  die  Einleitung,  welche  zur  Motivirung  des  Unternehmens 
des  Waltbraht  dient,  verfasste.  Durch  den  Tod  wurde  er  an 
der  Fortsetzung  gehindert,  worauf  sein  Schüler  Meginhard 
die  Schrift  vollendete,   wie   uns   dieser  in   einer  Widmung  an 


1)  So  c.  19  Ende:  caetera  (sc.  miracula)  vero.  quae  scrqjturus  siim, 
ipse  coram  positus  ndi,  quia  ex  eis  qui  ad  perferendos  sacros  cineres 
missi  fuerunt,  unus  eram.    Vgl.  auch  c.  34. 

2)  Denn  das  grosse  Werk  De  universo  (s.  oben  S.  134)  wird  hier  nicht 
erwähnt.  Rudolfs  Schrift  ist  aber  später  verfasst,  wie  schon  in  dem  Satze, 
wo  von  der  Zurückgezogenheit  Rabans  auf  dem  Petersberg  die  Rede  ist, 
der  Gebrauch  des  Imperfect  zeigt:  ibique  manens  ac  deo  serviens,  coelesti 
philosophiae  vacabat  (c.  .50  init.). 

3)  Translatio  S.  Alexaudri  ed.  Pertz  in:  Monum.  German.  histor. 
Script.  T.  II,  p.  673  tf. 


336  Piudolf.  Translatio  Alexandri. 

den  Priester  Simderolt,  späteren  Erzbischof  von  Mainz,  be- 
richtet. Waltbraht,  der  am  Hofe  Lothars  erzogen,  zu  dessen 
Palatinen  gehörte,  ein  frommer  Mann,  wünschte  durch  die 
Pveliquieu,  die  er  vom  Papste  selbst  erhielt  und  in  seine  Hei- 
math schaffte,  die  zum  grossen  Theil  noch  immer  im  heid- 
nischen Aberglauben  befangenen  Landsleute  zur  wahren  Re- 
ligion zu  bekehren.  Diesen  Wunsch  zu  begründen,  beginnt 
nun  Rudolf  die  Schrift  nach  kurzer  Andeutung  der  sagenhaften 
Herkunft  der  Sachsen,  der  Lage  ihres  Gebiets  und  ihrer  Standes- 
verhältnisse  —  wobei  er  die  leibliche  und  sittliche  Tüchtigkeit 
der  Sachsen  rühmt  —  mit  einer  Darstellung  der  heidnischen 
„  Irrthümer ",  in  welchen  sie  befangen  waren,  um  dann  im  dritten 
Kapitel  zu  berichten,  wie  sie  von  Karl  dem  Grossen  allmählich 
besiegt,  das  Christenthum  anzunehmen  gezwungen  wurden,  und 
ihr  Haupt  Widukind  selbst  von  Karl  aus  der  Taufe  gehoben 
wurde.  Fast  diese  ganze  Darstellung  besteht  aber  nur  aus 
wörtlichen  Excerpten,  in  den  beiden  ersten  Kapiteln  aus  Ta- 
eitus'  Germania,  in  dem  dritten  aus  Einhards  Vita  Caroli,  c.  7. 
—  Vom  vierten  Kapitel  an  schreibt  schon  Meginhard.  der  nun 
erzählt,  wie  Waltbraht  sein  LTnternehmen  mit  der  Unterstützung 
des  Kaisers  durchführte,  der  selbst  den  Papst  um  die  Reliquien 
bat.  Dieses  Sehreiben,  sowie  die  Geleitsbriefe  des  Kaisers  an 
seinen  Sohn,  den  König  von  Italien,  und  die  Primaten  dieses 
Landes,  werden  hier  wörtlich  mitgetheilt.  Die  feierliche  Ueber- 
gabe  der  Reliquien  durch  den  Papst,  sowie  ihre  Translation 
und  die  obligaten  Wunder,  die  bei  derselben  und  auch  nach- 
her von  ihnen  ausgingen,  werden  dann  im  herkömmlichen 
Stile  erzählt. 

Schon  früher  hatte  aber  eine  andre  Ti-anslation  nach 
Sachsen  stattgefunden,  von  der  wir  auch  einen  ausführlichen 
Bericht  haben,  welcher  zu  einem  Büchlein  von  mannichfachem 
historischen  Interesse  erweitert  worden  ist.  Es  ist  die  i.  J.  836 
ausgeführte  Uebertraguug  des  heil.  Veit')  von  St.  Denis  nach 
dem  noch  nicht  lange  gegründeten,  für  die  Christianisirung 
Sachsens  so  wichtigen  Kloster  Corvey.  Diese  Uebertragmig 
ist  von   einem  Mönche   des  Klosters,   der   selbst  an  ihr  Theil 


1)  Translatio    S.    Viti   in:   Monumenta   Corbeiensia   ed.  Jaffe.    Berlin 
1S54.  (Tom.  I  der  Bibliotheca  rer.  germanicar.)  pag.  3  ff . 


Translatio  Yiti.  337 

nahm,  ein  Jahr  darauf  geschildert.  Aber  er,  oder  ein  andrer 
hat  sich  mit  diesem  Berichte  nicht  begnügt  ^j,  vielmehr  hat 
derselbe  zur  gründlichen  Motivirung  eine  Erzählung  von  der 
Stiftung  des  Klosters  und  auch  eine  Nachricht  darüber,  wie 
jene  Reliquien  nach  Westfrancien  gekommen  waren,  voraus- 
gesandt. Ein  Laie  hatte  sie  dorthin  aus  Italien  gebracht. 
Corvey  aber  war  eine  Pflanzung  Corbie's:  dessen  berühmter 
Abt  Adalhard-)  hatte  zuerst  den  Gedanken  einer  solchen  gefasst, 
da  unter  seinen  Mönchen  Sachsen  sich  befanden,  die  in  Corbie 
ihre  Ausbildung  erhalten  hatten.  Nach  seiner  Verbannung  war 
auch  von  seinem  Nachfolger  im  Verein  mit  Adalhards  Bruder 
Wala  der  Versuch  einer  Ausführung  des  Planes  gemacht,  aber 
an  einem  wenig  geeigneten  Orte.  Erst  Adalhard  selbst  war 
es  vorbehalten,  nach  seiner  Rückkehr  aus  dem  Exil  die  rechte 
Stätte  in  dem  Gebiete  von  Höxter  aufzufinden  und  das  säch- 
sische Kloster,  das  neue  Corbeia,  zu  gi-ünden  (S22 — 23j,  dessen 
erster  Abt  S26  Warin  wurde.  Vier  Jahre  später  wurde  der 
Abt  von  St.  Denis,  Hilduin,  dorthin  verbannt;  er  versprach 
dem  Kloster  die  Reliquien  des  heil.  Vitus.  —  Hiernach  wird 
die  Translation,  die  namentlich  im  Sachsenlande,  wo  der- 
gleichen noch  neu  war,  grosses  Aufsehen  machte'^ ,  ausführlich 
erzählt  mit  allen  den  obligaten  wunderbaren  Heilungen,  welche 
auch  hier  vornehmlich  Blinde  und  Lahme  betrafen.  Bemerkens- 
werth  ist,  dass  es  doch  auch  nicht  an  Zweiflern  fehlte,  die 
sich,  freilich  ohne  Erfolg  nach  unserm  Autor,  genauer  er- 
kundigten.^)   Noch  gedenkt  derselbe  einiger  "Wunder,  die  sich. 


1)  Papebroch  (Acta  SS.  lun.  T.  ET)  ist  der  letzteren  Äusiclit,  indem 
er  zwei  Verfasser  annimmt,  der  entgegengesetzten  Jaffe,  dem  Enck,  De 
S.  AdaUiardo.  Münster  1ST3  (Dissert.)  zustimmt.  Ich  halte,  allein  auf  Grund 
der  ganzen  Dai'stellung,  die  Sache  für  zweifelhaft;  für  zweifellos  dagegen 
dass  der  erste  Abschnitt  (bis  „Anno  S36"  etc.)  erst  nach  Abfassung  des 
zweiten  hinzugefügt  ist,  wie  eine  Vergleichung  des  Schlusses  des  ersten  Ab- 
schnittes und  des  Anfangs  des  zweiten  leicht  zeigt. 

2)  S.  oben  S.  237  fif. 

3)  Igitur  post  dies  aliquot  regnum  Saxonicum  introeuntes  ac  recto 
calle  gi-adientes,  veniunt  in  villam,  quae  Sosat  vocatur,  ubi  maximam  mul- 
titudinem  Saxonum  obviam  habuerunt,  adeo  ut  incredibüis  numerus  \i- 
deretur  utriusque  sexus.  p.  21. 

4)  Qua  de  re  cum  aliqui,  ut  solet  in  hac  aetate,  diffidentiam  signi 
haberent  et  düigenter  inquirerent  nomenque  ipsius  percunctarentur .  affu- 

Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  H.  22 


338  Altfrid. 

am  Grabe  des  Heiligen  in  Corvey  selbst  in  d.  J.  836  und  837 
zutrugen,  um  dann  ohne  einen  äusseren  Abschluss  sein  Werk- 
chen zu  endigen,  so  dass  es  scheint,  als  hätte  er  sich  noch 
eine  weitere  Fortführung  vorbehalten. 

Eine  recht  gute  Biographie  fand  der  heil.  Liudger, 
erster  Bischof  von  Münster,  den  wir  schon  als  Verfasser  des 
Lebens  des  Gregor  von  Utrecht  oben  erwähnten;  dieselbe  ist 
von  einem  seiner  Verwandten,  der  auch  sein  zweiter  Nach- 
folger auf  dem  Bischofsstuhle  war ,  Altfeid  '),  auf  den  Wunsch 
des  von  Liudger  gegründeten  Klosters  Werden  geschrieben. 
Wie  die  an  die  Mönche  desselben  gerichtete  Widmung  zeigt, 
schrieb  Altfrid  als  Bischof,  also  zwischen  839  und  849  (in 
welchem  Jahre  er  starb),  und  zwar  auf  Grund  von  Mitthei- 
lungen von  Augenzeugen,  der  nächsten  Verwandten  und  Schüler 
des  Liudger.  —  Die  Biographie  ist  in  drei  Bücher  —  schwer- 
lich aber  von  dem  Verfasser  selbst  —  eingetheilt,  von  welchen 
das  erste  das  längste  und  interessanteste  ist,  dies  bringt  die 
eigentliche  Lebensgeschichte,  während  das  zweite  die  Wunder 
des  Heiligen  bei  seinem  Leben,  zugleich  mit  einer  Charakter- 
zeichnung desselben  (c.  6)  imd  einer  Schilderung  seines  Todes, 
das  dritte  aber  die  Wunder,  die  von  seinen  Reliquien  aus- 
gingen, enthält. 

Ein  besonderes  Interesse  hat  schon  die  Vorgeschichte  des 
Heiligen.  Liudgers  Grossvater,  Wursing  war  ein  edler  Friese, 
der  schon  als  Heide  durch  ein  tugendhaftes  Leben  sich  aus- 
zeichnete. Deshalb  von  dem  Könige  Radbod  verfolgt,  floh  er 
zu  den  Franken,  wo  er  mit  seiner  Familie  zum  Christenthum 
übertrat.  Nach  der  Eroberung  Frieslauds  durch  Karl  Martell 
erhielt  Wursing  dort  ein  Beneficium,  um  den  heil.  Willibrord 
in  seinem  Bekehrungswerke  zu  unterstützen,  mit  welchem  er, 
wie  später  mit  Bonifaz,  sehr  vertraut  wurde.  Liudger  zeigte 
schon  in  kindlichen  Spielen  Liebe  zur  Wissenschaft  (c.  8). 
Auf  seine   eigne  Bitte  übergaben  den  Knaben  die  Eltern  dem 


erunt  plurimi  vicini  et  cognati,  qui  eum  a  multo  tempore  claudiim  et  in 
asello  victum  quaeritantem  noverant.  p.  19,  vgl.  auch  p.  22. 

1)  Vita  Liudgeri  auctore  Altfrido   ed.  Pertz  in:   Monum.  Germ.  bist. 

Script.  T.  II,  p.  403  ff. Wattenbach  I,  S.  199  f.  —  Rettberg   Bd.  II, 

S.  425  ff. 


Vita  Liudgeri.  339 

Gregor  von  Utrecht  zum  Unterricht.  Als  er  herangewachsen,  trat 
er  in  Gregors  Kloster  und  nahm  an  der  berühmten  Schule  des- 
selben Theil.  0  Aber  sein  wissenschaftliches  Streben  ging  noch 
weiter:  nach  York  gesandt,  lernte  er  Alcuin  und  seine  Schule 
kennen ,  und  verlangte  nun ,  zurückgekehrt ,  diese  besuchen  zu 
dürfen,  was  ihm  auch  endlich  von  Gregor,  der  sich  sehr  un- 
gern von  ihm  trennte,  bewilligt  wurde.  Drei  ein  halb  Jahr 
blieb  er  bei  Alcuin,  und  nur  ein  zufälliger  Umstand  nöthigte 
ihn,  denselben  zu  verlassen  (c.  11).  Liudger  wirkte  dann  als 
Missionar  an  der  Yssel,  darauf,  nach  Gregors  Tode,  als  Pres- 
byter im  Gau  Ostrache,  wo  Bonifaz  erschlagen  worden-),  und 
zugleich  drei  Monate  des  Jahrs  au  der  Utrechter  Schule  (c.  15). 
Aus  seiner  Pfarre  nach  sieben  Jahren  durch  die  Sachsen  ver- 
trieben, besuchte  er  Rom  und  Montecasino,  wo  er  die  Regel 
des  h.  Benedict  kennen  lernte.  Nach  seiner  Heimkehr  aber 
erhielt  er  von  Karl  dem  Grossen  fünf  friesische  Gaue  zur  Seel- 
sorge —  in  welcher  Stellung  er  seine  missionare  Thätigkeit 
auch  auf  Helgoland  ausdehnte  (c.  19)  —  später  im  Anfange 
des  neunten  Jahrhunderts  auch  das  neu  errichtete  Bisthum 
Münster.  So  entfaltete  Liudger  als  Lehrer  wie  als  Geistlicher 
eine  ganz  ausserordentliche  segensreiche  Wirksamkeit. 

Was  nun  die  beiden  von  den  Mirakeln  handelnden  Bücher 
betrifft,  so  interessirt  uns  nur  der  Eingang  zu  denselben,  in 
welchem  der  Verfasser  gesteht,  dass  der  Dienst  der  evange- 
lischen Predigt  und  die  Erleuchtung  vieler  Herzen  dem  Wunder- 
und Zeichenthun  allerdings  vorzuziehen  sei.-^)  So  werden  denn 
die  Mirakel  gleichsam  nur  als  Anhang  gegeben.  Auch  hierin 
zeigt  der  Verfasser  wieder  die  höhere  Bildung,  von  welcher 
das  erste  Buch  durch  geschichtlich  bedeutenden  Inhalt  wie 
klaren  und  einfachen  Ausdruck  das  beste  Zeugniss  gibt. 

Die  wichtige  Missionsthätigkeit  im  germanischen  Norden, 
welche  die  Gründung  der  Bisthümer  Bremen  und  Hamburg 
veranlasste,  wird  in  zwei  Vitae  erzählt,  die  sich  an  den  Namen 


n  S.  oben  S.  107.        2)  Vgl.  auch  Tita  Willehacli.  c.  2. 

3)  Quamvis  praeponendura  sit  ministerinm  evangelicae  praedicationis 
et  multorum  illuminatio  cordium  operationibus  miraculorum  ostensionibus- 
que  signorum,  ad  honorem  tarnen  largientis  Domini'stilo  alligari  fecimus, 
qnae  ab  eodem  sancto  viro  facta  recolimus.  1.  II  init. 

■)0  * 


340  Aiisgar. 

des  ersten  Hamburger  Erzbisebofs,  Ansgar  knüpfen,  insofern 
er  als  der  Autor  der  einen  genannt  wird  und  der  Held  der 
andern  ist.  Die  erstere  ist  die  Vita  Willehadi  ^),  eines  Nortbum- 
briers,  Scbülers  des  Alcuin,  der,  wie  andre  Angelsacbsen ,  als 
Missionar  nacb  Friesland  kam  im  Anfang  der  siebziger  Jabre 
des  aebten  Jabrbunderts.  Er  wirkte  dort  mit  sebr  wecbseln- 
dem  Erfolg,  indem  das  unbesonnene  Vorgeben  seiner  Scbtiler 
wieder  verdarb,  was  seine  Predigt  erreicbt  batte,  und  ibn 
selbst  in  die  grösste  Lebensgefabr  bracbte.  Nacb  etwa  einem 
Decennium  wurde  Willebad  von  Karl  dem  Grossen  zur  Mission 
in  dem  säcbsiscben  Wicbmodesgau  berufen.  Aber  seine  Tbätig- 
keit  beendete  dort  bald  der  letzte  Aufstand  Widukinds:  erst 
nacb  dessen  Taufe  konnte  er  zur  Mission  zurückkebren ;  Karl 
Hess  ibn  jetzt  in  Worms  selbst  zum  Biscbof  weiben.  Seinen 
Sitz  nabm  Willebad  in  Bremen,  wo  er  eine  Kircbe  „von 
wunderbarer  Scbönbeit"  baute,  und  so  kann  man  wobl  sagen, 
dass  dies  der  erste  Anfang  des  Bistbums  Bremen  war.  Wille- 
bad aber  starb  scbon  zwei  Jabre  danacb,  789. 

Diese  Vita  ist  in  scblicbtem  wobl  ansprecbendem  Ausdruck 
gescbrieben  und  nacb  838  verfasst  —  denn  es  wird  darin 
(c.  11)  der  Nacbfolger  Willebads,  Willericb  als  verstorben  er- 
wäbnt^)  —  aber  mindestens  vor  860,  der  Translation  des  Hei- 
ligen in  die  neue  Basilika  durcb  Ansgar,  da  dieser  Translation 
hier  nicbt  gedacbt  wird,  obgleich  eine  ibr  vorausgebende, 
die  durcb  Biscbof  Willericb  geschah,  doch  Erwähnung  findet. 
Am  Schlüsse  der  Vita  beklagt  der  Verfasser,  dass  die  vielen 
Wunder,  die  sich  an  dem  Grabe  des  Heiligen,  sowohl  an  der 
einen,  wie  an  der  andern  Stelle,  begeben  hätten,  nicht  auf- 
gezeichnet worden  wären.  Nur  zwei  wunderbare  Ereignisse 
hätten  in  Bremen  bisher  die  Glorie  des  Heiligen  „göttlich 
offenbart",  nämlich  dass  sein  Stab  wie  sein  Kelch  bei  Feuers- 
brünsten unverletzt  geblieben  waren. 

Dieser  Vita  folgt  unmittelbar  ein  andres  Büchlein,  worin 
„die   Vwtuies  et  miracula  des  Heiligen,  welche  in  der  Kirche 


1)  Ed.  Pertz  in:  Moniun.  German.  bist.  Script.  T.  II,  p.  378  ff. 

Rettberg  Bd.  II,  S.  451  fi'.  —  Dehio,  Geschichte  des  Erzbisthums  Hamburg- 
Bremen  bis  zum  Ausgang  der  Mission.  Bd.  I.  Berlin  1877.  S.  12  ff.  und 
Krit.  Ausführungen  III. 

2)  Vgl.  Dehio  P,  S.  51. 


Vita  Willehadi.  341 

Bremens  sieh  begaben",  berichtet  werden;  es  sind  aber  nur 
solche  des  Jahres  S60'),  in  welchem  überhaupt,  wie  der  Ver- 
fasser sagt,  dieselben  erst  zu  geschehen  begannen.  Es  ist 
eine  grössere  Zahl  von  Heilungen,  namentlich  Blinder  und 
Gelähmter,  die  alle  mit  Namen  und  Herkunft  genannt  werden. 
Am  Schluss  wird  noch  der  durch  den  Verfasser"-)  vollzogenen 
Translation  des  Heiligen  gedacht.  Als  Autor  aber  nennt  sich 
in  einem  bevorwortenden  Schreiben,  worin  die  Mittheilung  der 
Wunder  gerechtfertigt  wird,  in  ganz  officieller  Form  Ansgar, 
Bischof  von  Bremen.  Liegt  nun  hier  keine  Fälschung  vor,  so 
muss  Ansgar  der  Verfasser  dieses  zweiten  Buches  sein,  wäh- 
rend in  Betreff  des  ersten  seine  Autorschaft  mindestens  sehr 
unwahrscheinlich  ist.'*)  Dass  es  ihm  beigelegt  wurde,  erklärt 
sich  leicht,  da  man  schon  frühe  die  beiden  Bücher  als  ein 
Werk  betrachtete.^) 

Ein  weit  bedeutenderes  Werk  ist  das  Leben  des  heil. 
Ansgar  selbst'^),  bald  nach  seinem  Tode  von  seinem  liebsten 
Schüler  und  Nachfolger  in  dem  Erzbisthum  Hamburg,  Eimbert 
und  einem  Mitschüler  desselben  verfasst.'O  Es  ist  den  Mön- 
chen von  Corbie  gewidmet.  In  die  Schule  dieses  Klosters  war 
Ansgar  schon  als  fünfjähriger  Knabe  aufgenommen  worden. 
Etwa  im  zwölften  Jahre  aber  wurde  er  dort  Mönch.  Seine 
religiös   extatische  Natur    gab    sich   schon    frühe   in  Visionen 


1)  So  muss  man  wenigstens  annehmen,  wenn  die  am  Schluss  erwähnte 
Translation  in  demselben  Jahre  stattfand. 

2)  C.  38:   Verum  nos,   ne  prolixior  narratio  onerosa  fiat  legentibus, 

haec  et  alia  multa  intermisimus Corpus  autem  ipsius  sanctum 

nos   cum  maxima  lidelium  turma  etc.   in  nova   quam  tunc   dedicavimus, 
coUocavimus  basilica. 

3)  Absolut  unmöglich  wäre  sie  nicht;  es  müsste  dann  Ansgar  die  Vita 
viel  früher  verfasst  haben,  als  das  andre  Buch. 

4)  So  Adam  von  Bremen,  der  allein  Ansgar  auch  als  Verfasser  der 
Vita  nennt,  1.  I,  c.  33:  Ipse  enim  qui  transtulit,  et  vi  tarn  et  miracula 
eius  singulis  libris  comprehendit.  Er  sagt  dies  offenbar  auf  Grund  des 
Schlusses  des  zweiten  Buchs,  wo  die  durch  den  Autor  desselben  vollzogene 
Translation  berichtet  wird.     S.  oben  Anm.  2. 

5)  Vita  S.  Anskarii  ed.  Dahhnann  in :  Monum.  German.  bist.  Scr.  T.  II, 

p.  683  ff. Dehio  a.  a.  0.  S.  42  ff.  Krit.  Ausführ.  VI— IX.  —  Dümm- 

1er,  Gesch.  des  ostfränk.  Reichs  Bd.  I,  S.  562  ff. 

6)  S.  Vita  Rimberti  c.  9 ,  bei  deren  Behandlung  wir  auf  Rimbert  zu- 
rückkommen werden. 


342  Rimbert. 

oder  Träumen  kund,  in  welchen  seine  erregte  Phantasie  ihm 
eine  unmittelbare  Leitung  durch  die  Mächte  des  Himmels  vor- 
spiegelte. Sie  kehrten  ihm  durch  das  ganze  Leben  wieder, 
wenn  er  in  kritischen  Lagen  sich  befand;  durch  sie  wurde  er 
in  seinen  Entschlüssen  befestigt  und  mit  Trost  erfüllt.  Eins 
dieser  Traumgesichte,  das  er  im  dreizehnten  Jahre  hatte,  wies 
ihm  das  ideale  Ziel  seines  Lebens  (c.  3),  Der  Tod  Karls,  des 
allmächtigen  Kaisers,  den  er  selbst  in  aller  seiner  Herrlichkeit 
gesehen,  hatte  ihn  aufs  tiefste  erschüttert,  indem  er  ihm  die 
ganze  Gebrechlichkeit  des  menschlichen  Daseins  zeigte.  Nicht 
lange  danach  sah  er  im  Traume  sich  gestorben  und  in  die 
andre  Welt  versetzt;  er  stand  die  Qualen  des  Fegefeuers  aus, 
dann  aber  kostete  er  die  Seligkeit  des  Paradieses,  und  ver- 
nahm die  Stimme  Gottes,  welche  ihm  zurief:  Gehe  und  mit 
der  Krone  des  Märtyrthums  kehrst  du  zurück.  —  Ansgar  aber 
verlor  sich  nicht  im  Mysticismus;  er  war  wissenschaftlich  so 
thätig  und  tüchtig,  dass  er  bereits  mit  15  Jahren  vom  Schüler 
zum  Lehrer  wurde,  als  welcher  er  sich  vortrefflich  bewährte. 
So  war  niemand  mehr  zum  Missionar  berufen,  als  er.  Und 
für  diese  Laufbahn  erhielt  er  nach  einigen  Jahren  noch  eine 
besondere  Schulung.  Er  wurde  nach  dem  neu  gegründeten 
Corvey  von  Adalhard  823  mitgenommen'),  um  dort  Vorstand 
der  Schule  zu  werden;  zugleich  wurde  er  einstimmig  zum 
Hauptprediger  gewählt  (c.  6). 

Hier  galt  es  nur,  das  Christenthum  Neubekehrter  zu  kräf- 
tigen. Seine  eigentlich  missionare  Thätigkeit  aber  begann  er, 
als  er  den  Auftrag  Ludwigs  des  Frommen  übernahm,  den  in 
Ingelheim  getauften  Däneukönig  in  seine  Heimath  zu  begleiten 
(826).  Vier  Jahre  später  folgte  er  einer  andern  Aufforderung 
Ludwigs  nach  dem  fernen,  unbekannten  Schweden.  Trotz  aller 
Widerwärtigkeit  im  Beginne  der  Reise,  indem  kurz  vor  der 
Landung  Seeräuber  ihn  seiner  ganzen  Habe,  namentlich  der 
kaiserlichen  Geschenke  für  den  schwedischen  König  und  seiner 
für  den  Gottesdienst  bestimmten  Bücher  beraubten,  (c.  10), 
blieb  der  muthige,  Gott  vertrauende  Mann  seiner  Sendung  ge- 
treu, die  denn  auch  in  Schweden  dem  Christenthum  Bahn 
brach.  Schon  war  dort  die  erste  Kirche  gebaut  (c.  II),  als 
Ansgar  nach   anderthalb  Jahren  heimkehrte,   um   dem  Kaiser 


1)  Vgl.  oben  S.  337. 


Vita  Anscarii.  343 

Bericht  abzustatten.  Dieser,  über  die  Erfolge  desselben  hoch 
erfreut,  nahm  einen  Plan  Karls  des  Grossen  wieder  auf,  und 
errichtete  in  Hamburg  ein  Erzbisthum,  in  welchem  die  nor- 
dische Mission  ihre  sichere  Stütze  tiuden  sollte;  er  verlieh 
dies  Ansgar,  der  auch  in  Rom  das  Pallium  und  die  Ernennung 
zum  päpstlichen  Legaten  erhielt.  In  der  Schule  des  von  ihm 
dann  in  Hamburg  gegründeten  Klosters  suchte  er  vornehmlich 
Missionare  auszubilden,  indem  er  unter  den  Dänen  und  Wenden 
Knaben  zu  dem  Zwecke  aufkaufte  (c.  15).  Aber  der  Ham- 
burger Wirksamkeit  wurde  ein  trauriges  Ende  bereitet,  als 
i.  J.  S45  dänische  Piraten  die  Stadt  überfielen  und  zerstörten. 
Ausgar  konnte  nur  sein  Leben  und  die  Relifjuien  retten.  Zwei 
Jahre  später  erhielt  er  dagegen  von  Ludwig  dem  Deutschen 
das  Bremer  Bisthum,  mit  dem  danach  auch  Hamburg  ver- 
einigt wurde  (c.  22).  Kun  nahm  Ausgar  mit  neuem  Eifer  seine 
missionare  Thätigkeit  wieder  auf,  indem  er  selbst  nach  Däne- 
mark und  Schweden  sich  begab  und  durch  die  Macht  seiner 
bedeutenden  Persönlichkeit,  der  namentlich  auch  die  Könige 
jener  Länder  sich  nicht  zu  entziehen  vermochten,  das  dort 
unterdessen  fast  wieder  zerstörte  Christenthum  zu  neuem  Leben 
erweckte.     Ansgar  starb,  64  Jahre  alt,  S65. 

Die  merkwürdige  Doppelnatur  dieses  Heiligen,  der  einer- 
seits ein  schwärmerischer  Mönch  war  und  das  contemplative 
Einsiedlerleben  über  alles  schätzte,  wie  er  sich  denn  auch 
selbst  als  Bischof  zeitweilig  gern  in  die  Einsamkeit  zurück- 
zog, der  andrerseits  aber  die  grösste  Thatkraft  zu  entfalten 
vermochte  und  in  der  Wirksamkeit  als  Lehrer  und  Prediger 
unter  den  Heiden  seine  höchste  Lebensaufgabe  fand,  —  diese 
Doppelnatur  spiegelt  auch  seine  Biographie  wieder,  die  ims 
ebensowohl  alle  seine  Visionen,  als  seine  wichtigsten  Hand- 
lungen berichtet.  Ja  die  erstereu  werden  von  seinem  Liebliugs- 
schüler,  dem  er  sie  im  tiefsten  Vertrauen  mitgetheilt,  mitunter 
noch  ausführlicher  und  eingehender  erzählt.  In  ihnen  musste 
sich  ja  nach  seiner  Anschauung  die  Bedeutung  seines  Helden 
am  grössten  und  unmittelbarsten  zeigen.  Bieten  diese  Visionen 
kein  andres  als  ein  psychologisches  Interesse,  so  sind  dagegen 
die  historischen  Nachrichten,  namentlich  über  die  Verhältnisse 
des  germanischen  Nordens,  die  politischen  wie  religiösen,  von 
unschätzbarem  Werthe,  der  durch  die  Unbefangenheit  der  Dar- 
stellung und  einen  einfachen  Ausdruck  nur  erhöht  wird. 


3i4  Yita  Alcuini. 

NEUNZEHNTES  KAPITEL. 

HEILIGENLEBEN    UND    TRANSLATIONEN   WESTFRANCIENS. 

Auch  in  Westfrancien  wurde,  wie  wir  schon  an  manchen 
Beispielen  sahen,  diese  Gattung  der  Geschichtschreibung  nicht 
minder  gepflegt.  Unter  den  wichtigeren  Werken  nennen  wir 
zuerst  eins  der  ältesten:  die  \fta  Alcuhii^),  wichtig  allerdings 
nur  als  die  einzige  zeitgenössische  Biographie  dieses  so  ein- 
flussreichen Mannes,  dessen  sie  weder  in  materieller,  noch  in 
formeller  Beziehung  würdig  ist.  Sie  ist  von  einem  unbekannten 
Mönche,  einem  Schüler  des  Sigulf,  welcher  nach  Alcuin  Abt 
von  Ferrieres  war,  zwischen  823  und  829  verfassf-),  und  zwar 
auf  Grund  von  Mittheihmgen^)  dieses  Lieblingsschülers  Alcuins, 
der  seinem  Meister  aus  York  nach  dem  Continente  gefolgt  war. 
Die  Quelle,  aus  welcher  der  Verfasser  schöpfte,  war  also  in 
manchen  Beziehungen  eine  gute,  und  doch  hat  er  im  all- 
gemeinen nur  ein  Zerrbild  seines  Helden  geliefert.  Nicht  im 
geringsten  vermochte  er  die  Bedeutung  desselben  zu  erkennen. 
Einige  Schuld  trifft  sicher  auch  Sigulf  selbst,  der  offenbar  zu 
der  Zeit,  als  er  dem  Verfasser  von  Alcuin  erzählte,  schon  ein 
blosser  Betbruder  geworden  war,  wie  er  denn  im  Alter  seine 
Abtwürde  in  die  Hände  seines  Schülers  Aldrich  niederlegte, 
um  sich  ganz  der  Askese  zu  widmen.  Sigulf  aber  war  schon 
todt,  als  unser  Autor  schrieb,  während  Aldrich  noch  Abt  war, 
auf  dessen  Veranlassung  er  wahrscheinlich  das  Buch  ver- 
fasste.  Die  Absicht,  die  ihn  bei  demselben  leitete,  spricht  er 
selbst  in  dem  Prolog  aus.  Es  soll  ein  Heiligenleben,  wie  es 
sich  gehört,  sein,  zur  Erbauung  geschrieben.  Die  alten  Hei- 
ligen nachzuahmen,  meint  der  Verfasser,  wäre  in  seinem  Zeit- 
alter zu  schwer,  so  müsse  man  vielmehr  aus  diesem  selbst  die 
Muster  nehmen;  ein  solches  sei  Alcuin  für  die  Canoniker,  wie 
Benedict  (von  Aniane)  für  die  Mönche.    Die  ganze  Darstellung 


1)  Monumenta  Alcuiniana  (s.  oben  S.  12,  Amn.  1)  p.  1  ff. 

2)  So  Wattenbach,  Praef.  p.  1. 

3)  Scribam  igitur  fideliter  quae  ab  eins  fidelissüno   tantum  didici  dis- 
cipulo,  Sigulfo  scilicet,  institutore  meo, Prolog. 


Yita  Alciiini.  345 

wird  von  dieser  Tendenz  beherrscht.  Der  alte  Abt  von  Tours, 
der  auch  wohl  schon  asketische  Anwandlungen  hatte,  soll  hier 
als  Heiliger  glorificirt  werden;  nur  von  seinem  Leben  in  Eng- 
land und  in  Tours  ist  ausführlicher  die  Rede,  während  sein 
Aufenthalt  am  Hofe  Karls  mit  ein  paar  Zeilen  abgethan  wird. 
In  naiver  Weise  werden  ihm  Visionen,  Prophezeiungen  —  die 
sich  gar  leicht  natürlich  erklären  —  und  sogar  Wunder  (c.  12) 
angedichtet.  Dagegen  wird  er  zu  einem  Verächter  der  heid- 
nischen Poeten,  und  insonderheit  des  Virgil  gemacht^  —  zu 
einer  Zeit,  wo  Raban  noch  bei  ihm  Metrik  studirte!  -)  Das  passte 
ja  zu  der  frommen  Tendenz.  Seine  „docti'ina"  ist  unserm  Autor 
nur  eine  „pia";  seine  Schriften  empfiehlt  er  auch  nur  zur  Er- 
bauung (c.  12).  —  Die  Darstellung,  mitunter  gewürzt  mit 
frommen  Exclamationen  und  Betrachtungen  in  sehr  geschraub- 
tem Stile,  zeigt  auch  die  geringe  humanistische  Bildung  dieses 
in  seinem  geistigen  Horizont  beschränkten  Mönches.  Bei  alle- 
dem ist  die  Vita  durch  einzelne  thatsächliche  Mittheilungen 
wichtig,  die  wir  in  Alcuins  Leben  schon  verwerthet  haben. 

Von  dem  berühmtesten  geistlichen  Zeitgenossen  Alcuins, 
mit  dem  er  in  den  letzten  Lebensjahren  auch  viel  freundschaft- 
lich   verkehrte,   dem   oben   erwähnten  Benedict  haben  wir 


1)  Es  ist  dies  die  bekannte  Stelle  c.  10:  Legerat  isdem  vir  Domini 
(Alcuin)  libros  iuvenis  antiquorum  philosophorum  Virgiliique  mendacia, 
quae  nolebat  iam  ipse  nee  audire  neqiie  discipulos  suos  legere, 
sufticiunt,  inqiüens.  divini  poetae  vobis,  nee  egetis  luxuriosa  sermonis  Vir- 
gilii  Yos  poUui  facundia.  Aus  dieser  Stelle  hat  man  dann  die  weitest 
gehenden  Folgerungen  gezogen,  ohne  den  Charakter  des  Buchs,  das  sie 
enthält,  und  ihres  Schreibers  zu  berücksichtigen.  Das  Geschichtchen, 
woran  sich  diese  Aeusserung  knüpft,  ist  offenbar  dahin  zu  interpretiren, 
dass  Sigulf  mit  seinen  SchuLknaben  den  Virgil  zu  einer  ungehörigen  Zeit 
las,  wo  das  Kloster  andre  Pflichten  gebot.  Alcuin  trat  offenbar  nur  dem 
übertriebenen  Yirgilkultus  entgegen,  wie  auch  in  seinem  Brief  an  den 
Erzbischof  Ricbod  (ep.  216  ed.  Jaffe);  die  scherzhafte  Weise,  worin  dies 
dort  geschieht,  zeigt  am  besten,  wie  auch  damals  noch  Alcuin  seinen 
Virgil  liebte,  dessen  anziehende  Mythen  man  einmal  herkömmlich  im 
christlichen  Jargon  mendacia  nannte,  als  Versicherung  dass  man  nicht 
daran  glaubte.  Wie  der  beschränkte  Mönch  in  der  obigen  Stelle  über- 
trieben hat,  kann  eine  andre  der  Yita  zeigen,  wo  es  (c.  4)  von  dem  jugend- 
lichen Alcuin  in  York  heisst :  „Hac  autem  insignitum  virtute  Albinum  mira 
cum  pietate  veneremur,  qui  npluit  absincium  saecularis  littera- 
turae  nosseü"  —  Sapienti  sat!  2)  S.  oben  S.  122. 


346  Smaragdus  Ardo. 

auch  aus  dieser  Zeit  eine  Biographie,  die  aber  weit  umfäng- 
licher und  gründlicher  als  die  Vita  Alcuini  ist.  Sie  ist  das 
Werk  des  Ardo  genannt  Smaragdus'),  der  Benedict  beson- 
ders nahe  stand  und  nach  dessen  Abgang  von  Aniane  Vorstand 
dieses  Klosters  war-),  auf  Bitten  von  Mönchen  von  luden,  die 
seine  Schüler  in  Aniane  gewesen,  verfasst.  Smaragd  nahm, 
nachdem  er  ein  Jahr  lang  gezögert,  aus  Furcht  der  Aufgabe 
nicht  gewachsen  zu  sein  (c.  1  u.  2)''),  dieselbe  822  in  Angriff.^) 
—  Er  starb  843,  und  wurde  in  seinem  Kloster  als  ein  Heiliger 
verehrt. 

Obgleich  diese  Vita  kein  ganz  vollständiges  Bild  von  der 
Thätigkeit  ihres  Helden  liefert,  namentlich  seit  der  Zeit,  wo  der- 
selbe Aniane  verlassen,  so  lässt  sie  doch  alle  wichtigen  Züge 
derselben  erkennen  und  bietet  ein  reiches  historisches  Material 
dar,  das  um  so  werthvoller  ist,  je  weniger  an  der  Treue  der 
Erzählung  die  Unbefangenheit  der  Darstellung  zweifeln  lässt, 
in  welcher  die  Subjectivität  des  Verfassers  ganz  in  den  Hinter- 
grund tritt.  ^)  So  ist  auch  der  Stil  einfach  und  ungesucht. 
Benedict,  750  geboren,  hiess  mit  seinem  weltlichen  Namen 
Witiza,  und  war  aus  edlem  gothischen  Stamme,  ein  Sohn  des 
tapferen  Grafen  von  Magelone.  Er  wurde  an  dem  Hofe  Pippius 
erzogen  und  widmete  sich  zuerst  dem  Kriegsdienst.     So  nahm 


1)  Vita  S.  Benedict!  abbatis  Ananiensis  in  Mabillons  Acta  S.  S.  ord. 
S.  Bened.  Saec.  IV,  pars  1,  pag.  183  ff. 

2)  Im  Chronic.  Moissiacense  (Cod.  Anan.)  heisst  es  unter  d.  J.  814: 
ipse  vero  supradictus  abbas  (Benedict),  antequam  abiret  in  Francia,  ordi- 
navit  in  loco  suo  in  monasterio  Aniano  abbatem  nomine  Smaragdum. 
Monum.  Germ.  bist.  Script.  T.  11,  p  311  und  vgl.  Simsen,  Jahrb.  I,  S.  24, 
Anm.  4.  An  Smaragd  ist  ja  auch  die  weiter  unten  erwähnte  Relation 
gerichtet. 

3)  Namentlich  fürchtete  er  auch  die  literarische  Kritik  wegen  seines 
ungeschmückten  und  von  Solöcismen  nicht  freien  Ausdrucks,  praesertim 
cum  noverim  vos  sacrae  aulae  palatii  adsistere  foribus  nee  turbulenti  rivuli 
sitire  potum.  quin  potius  ab  indeficienti  vena  purissimi  fontis  sedulo  sa- 
pientiae  ham-lre  fluenta.  Beachtenswerth  ist  dieser  Respect  vor  der  Hof- 
schule, der  Smaragd  selbst  zu  einer  so  gesuchten  Redeweise,  wie  sie  im 
ganzen  Buche  sich  nicht  wiederfindet,  bewegt. 

4)  Benedict  starb  d.  11.  Febr.  821,  und  die  Bitte  der  Mönche  ist 
ihrem  Bericht  über  seinen  Tod  beigefügt. 

5)  Dies  zeigt  sich  recht  da,  wo  er  von  der  Klosterschule  spricht;  er 
beschränkt  sich  auf  die  in  der  folgenden  Anmerkung  gegebenen  Worte. 


Tita  Benedicti  Anan.  347 

er  auch  an  dem  langobardisehen  Feldzuge  Karls  des  Grossen 
Theil.  Eine  Lebensgefahr,  in  die  er  auf  ihm  durch  einen 
unglücklichen  Zufall  gerieth,  reifte  in  ihm  den  schon  länger 
gehegten  Entschluss  der  Welt  zu  entsagen.  Er  führte  ihn 
heimlich  sogleich  aus  und  trat  in  ein  Kloster  des  Bisthums 
Langres.  Hier  gab  er  sich  im  Anfang  der  Askese  in  der  über- 
triebensten, ja  widerwärtigsten  Weise  hin  (c.  7),  indem  er  so- 
gleich zu  dem  Höhepunkt  derselben  aufstrebend,  die  Regel 
Benedicts  als  nur  für  Anfänger  und  Kranke  gut  genug  ansah 
(c.  S).  Hiervon  mit  der  Zeit  zurückgekommen,  verliess  er 
nach  des  Abtes  Tode  das  Kloster  (779),  um  auf  einer  Täter- 
lichen Besitzimg  am  Bache  Anianus  zunächst  eine  Cella,  dann 
ein  eignes  Kloster  zu  gründen,  das  nach  dem  Bache  seinen 
Namen  erhielt  (c.  14i.  Denn  die  Schaar  seiner  Schüler  wuchs, 
trotzdem  er  streng  auf  die  Beobachtung  der  Regel  hielt  und 
dies  im  Anfang  bei  der  damaligen  Verwilderung  des  Mönch- 
thums  manchen  Widerstand  fand.  Aber  sein  sittliches  Beispiel 
wirkte  mit  der  Zeit  ausserordentlich.  Für  seinen  Charakter 
bezeichnend  und  seine  Popularität  erklärend  ist,  dass  er  Leib- 
eigene, die  seinem  Kloster  geschenkt  wurden,  freiliess  (c.  14) 
und  bei  einer  Hungersnoth  die  Bevölkerung  mit  kluger  Be- 
sonnenheit auf  das  thatkräftigste  unterstützte. 

Das  Kloster  entwickelte  sich  indess  immer  glänzender: 
eine  prächtige  Kirche  ward  erbaut  und  mit  allem  liturgischen 
Schmuck  versehen,  ganz  im  Gegensatz  zu  den  einfachen  An- 
fängen; aber  es  wurde  von  Benedict  nicht  minder  für  die 
Schule  und  deren  Bibliothek  gesorgt  (c.  27).  i)  Die  Zahl  der 
Mönche  stieg  allmählich  bis  auf  300,  welche,  da  die  Gebäude 
nicht  ausreichten,  auch  auf  Gellen  vertheilt  wurden  (c.  34). 
Schon  Karl  der  Grosse  erkannte  Benedicts  Wirksamkeit  an, 
trotz  aller  gegen  ihn  am  Hofe  geschmiedeten  Intriguen  welt- 
licher und  geistlicher  Grossen  (c.  41)-),   noch   mehr  aber  sein 


1)  Instituit  cautores,  dociiit  lectores,  habuit  gi-ammaticos .  et  scientia 
scripturarum  peritos,  de  quibus  etiam  quidam  post  fuere  episcopi .  aggre- 
gavit.     Librorum  multitudinem  congregavit. 

2)  Das  folgende  Kapitel  enthält  eine  interessante  Episode,  indem  darin 
das  Möncbthum  des  in  der  Sage  und  Epik  so  berühmten  Wilhelm  Grafen 
von  Toulouse  geschildert  wird ,  der  ein  Verehrer  des  Benedict .  durch 
dessen   Beihülfe  im  Alter  in  diesen  Stand  trat.     Sein  Leben   als  Mönch 


348  Hilduiu. 

Sohn  Ludwig,  der  bereits  als  König  von  Aqnitanien  alle 
Klöster  dieser  Provinz  seiner  reformatorischen  Oberaufsicht 
unterstellte  und  ihm  manche  auch  verlieh.  Er  wie  seine  Ge- 
malin  verehrten  ihn  sehr.  Als  Ludwig  Kaiser  geworden,  gab 
er  ihm,  um  nicht  zu  weit  von  ihm  entfernt  zu  sein,  das  Kloster 
Maurmtinster  im  Elsass;  bald  danach  aber  baute  er  ihm  in 
nächster  Nähe  der  Achener  Pfalz  das  Kloster  luden,  wo  er 
nun  täglich  mit  ihm  verkehren  konnte.  Benedict  wurde  jetzt 
Obervorsteher  aller  Klöster  des  fränkischen  Reichs,  um  sie,  wie 
die  Aquitaniens,  zu  reformiren  (c.  50).  Unter  seiner  Leitung 
wurde  auf  dem  Achener  Reichstag  v.  J.  817  die  Benedictiner 
Regel  verbessert  und  ergänzt.  Sein  Inden  machte  er  zu  einem 
Musterkloster;  wie  er  dort  die  Regel  ausführen  liess,  wird 
hier  (c.  52)  im  einzelnen  gezeigt.  Auch  die  schriftstellerische 
Thätigkeit  Benedicts  bewegte  sich  nur  auf  diesem  Gebiete 
(c.  53).  Die  Vita  schliesst  mit  einer  Schilderung  seines  Endes, 
welche  eine  Ergänzung  in  dem  hinzugefügten  an  Smaragd  ge- 
richteten Briefe  der  Brüder  von  Inda  findet,  welcher  einen 
Bericht  von  den  letzten  Lebenstagen  Benedicts  enthält. 

Diese  Vita  eines  Zeitgenossen,  der  ein  so  thätiges,  erfolg- 
reiches Leben  führte,  von  einem  gelehrt  gebildeten  Magister 
geschrieben,  hat,  wie  sich  nicht  anders  erwarten  lässt,  den 
Charakter  eines  Geschichtswerks.  Von  Mirakeln  ist  nur  bei- 
läufig und  in  aller  Kürze  die  Rede.') 

Noch  eine,  literarhistorisch  merkwürdige  Vita  verdient  hier 
erwähnt  zu  werden,  es  ist  die  des  heil.  Dionysius  von  dem 
schon  mehrfach  erwähnten  Erzkanzler  Hilduin'-),  welcher  seit 
814  Abt  von  St.  Denis  war  und  Ludwig  den  Frommen  nicht 
lange  überlebte.  Er  macht  in  dieser  Vita,  allerdings  schon 
auf  Grund  der  Ansicht  seiner  Zeit^),  den  heil.  Denis  von  Paris 
zum  Areopagiten,  indem  er  das  wenige,  was  die  Tradition  von 
diesem  berichtete,  mit  der  Legende  jenes  leicht  verschmelzen 


wird    in    allen    Einzelheiten    hier    beschrieben.     S.    über    Wühelm    auch 
oben  S.  174. 

1)  So  sagt  der  Verfasser  selbst  c.  39:  Haec  de  miraculis  nostris  tem- 
poribus  actis  pauca  dixisse  sufficiat. 

2)  Migne's  Patrol.  lat.  T.  106,  p.  Uff.  —  S.  über  Hilduin  u.  a.  S.  248. 

3)  Vgl.  oben  S.  259. 


Vita  Dionysii.  349 

konnte.  Sein  Biicli  befestigte  dann  aber  die  Meinung  von  der 
Identität  der  beiden  für  das  ganze  Mittelalter,  ja  noch  darüber 
hinaus;  daher  schon  ist  es  von  historischer  Bedeutung.  Auch 
für  die  Nationalliteratur  wurde  die  Legende  des  heiligen  Denis, 
so  wie  sie  Hilduius  Yita  darstellt,  massgebend.  Dieser  aber 
hatte  sein  Werk  auf  die  Aufforderung  Ludwigs  des  Frommen, 
ja  nach  seiner  Vorschrift  unternommen. i)  Der  letztere,  auch 
von  der  Ansicht  der  Identität  der  beiden  Diouysius  ausgehend, 
wünschte  nach  seiner  feierlichen  Wiedereinsetzung  in  der  Abtei 
St.  Denis  hierfür  diesem  Heiligen,  dem  schon  seine  Vorfahren, 
wie  er  an  Hilduin  schreibt,  so  viel  verdankten,  seine  Erkennt- 
lichkeit zu  beweisen,  und  verlangte  deshalb  von  dem  Abte: 
alles  sorgfältig  zu  sammeln  und  in  einem  Buche  compendiös 
zu  vereinigen,  was  er  in  Bezug  auf  den  Heiligen  in  griechischen 
und  lateinischen  Werken  und  in  den  eigenen  desselben  fände 
—  dies  waren  also  die  Quellen  der  Lebensgeschichte  des 
Areopagiten  —  und  dies  mit  dem  aus  der  Passio  des  Heiligen 
und  aus  den  sehr  alten  Urkunden  der  Pariser  Kirche  geschöpf- 
ten —  also  das  Material  der  Biographie  des  heil.  Denis  — 
zu  verbinden. 

So  erzählt  denn  Hilduin  zuerst  von  Athen,  schon  um  den 
Beinamen  Areopagita  zu  erklären,  von  der  Predigt  des 
Paulus  dort  und  wie  Dionys  sein  Schüler  wurde,  der  von  da 
an  drei  Jahre  sein  unzertrennlicher  Begleiter  gewesen  wäre. 
Darauf  aber  gedenkt  er  der  Schriften  desselben  in  einer  Reihe 
von  Kapiteln  einzeln,  kurz  ihren  Inhalt  anzeigend.  Nach  dem 
Tode  der  Apostelfürsten,  berichtet  dann  Hilduin  weiter,  kommt 
Dionjs,  der  indessen  im  Orient  gewirkt,  nach  Rom  und  wird 
vom  Papst  Clemens  aufgefordert,  Gallien  zu  bekehren.  Er 
zieht  mit  einigen  Begleitern  dorthin,  landet  in  dem  Hafen  von 
Arles  und  begiebt  sich  nach  Paris,  wo  er  mit  dem  grössten 
Erfolge  das  Evangelium  verkündet  und  die  erste  Kirche  baut. 
Seine  heidnischen  Gegner  aber  denunciren  ihn  deshalb  bei 
Domitian,  der  über  diese  Fortschritte  des  Christenthums  er- 
bittert, eine  allgemeine  Christenverfolgung  beschliesst  und  einen 
Präfecten  speciell  zur  Verfolgung  des  Heiligen  aussendet. 
Nun  wird  die  Passio  desselben  in  einer  übertriebenen  schwül- 
stigen Weise  erzählt,   wie   wir  ihr  später  auch  in  den  franzö- 


1)  S.  das  Schreiben  Ludwigs  bei  Migne  1.  1.  T.  104,  p.  1326  ff. 


350  Ermentarius,  Translatio  Filiberti. 

sisclieu  Mysterien  wieder  begegnen:  so  wird  der  Heilige  erst 
gegeisselt,  dann  auf  einem  Rost  gebraten,  und  so  den  wilden 
Thieren  vorgeworfen,  die  ihn  aber  dank  dem  Zeichen  des 
Kreuzes  verschmähen;  darauf  wieder  in  einen  feurigen  Ofen 
gesteckt,  dessen  Feuer  jedoch  erlischt,  dann  von  neuem  ge- 
foltert und  endlich  enthauptet.  Hierbei  begibt  sich  denn  das 
wohl  hier  zuerst  berichtete,  wenn  nicht  von  Hilduin  erfundene 
Wunder,  dass  der  Heilige,  seinen  Kopf  in  den  Händen,  noch 
fast  zwei  Meilen  weiter  marschirt  bis  zu  der  Stelle,  wo  er  für 
immer  ruhen  wollte. 


Auch  manche  Translationen  hat  Westfrancien  in 
dieser  Periode  aufzuweisen,  von  denen  einige  auch  von  ge- 
schichtlichem Interesse  sind:  so  die  Tra7islatw  Sa?ic(t'  Filiberti 
von  Ermentaeius ')•  Dei'  Verfasser  war  Mönch  des  Klosters 
Hermoutier,  wo  sich  die  Gebeine  des  Heiligen  befanden,  er 
begleitete  sie  auf  ihrer  Translation,  so  dass  er  als  Augenzeuge 
berichtet;  25  Jahre  später,  um  d.  J.  860,  wurde  er  Abt  dieser 
wandernden  Mönchsgemeinde,  die  noch  nicht  in  ihr  Kloster 
hatte  zurückkehren  können.    Er  starb  etwa  fünf  Jahre  darauf. 

Die  Geschichte  der  Translation  zerfällt  in  zwei  Bücher, 
die  getrennt  erschienen  sind,  indem  das  zweite  dem  ersten 
nach  mehr  als  20  Jahren  gefolgt  ist.  Das  erste,  Hilduin  von 
St.  Denis  gewidmet-),  ist  zwischen  836  und  840  verfasst,  das 
zweite  erst  863.  Diese  Translation  war  von  eigenthümlicher 
Art,  denn  sie  betraf  nicht  bloss  die  Reliquien,  sondern  das 
ganze  Kloster.  Die  Normannen  nämlich,  welche  seit  835  die 
Küsten  Aquitaniens  plünderten,  waren  eine  solche  stete  Drohung 
für  das  auf  der  Insel  Heri  gelegene  Kloster,  dass  die  Mönche, 
nach  Zustimmung  des  Königs  Pippin,  Anfang  Juni  d.  J.  836 
nach  dem  Festlande  mit  den  Reliquien  ihres  Schutzheiligen 
übersetzten  und  sich  zunächst  nach  dem  ihnen  auch  gehörigen 
Kloster  Deas  (heute  St.  Filibert)  begaben.  Diese  Uebersiedelung 
mit   den   Mirakeln'^)  —  meist   wunderbaren   Heilungen  —  die 


1)  In  Mabillons  Acta  S.  S.  ord.  S.  Bened.  Saec.  IV,  pars  1,  p.  510  ff. 
Histoire  litter.  de  la  France  Tome  V,  p.  315  f. 

2)  Wie  aus  der  Vorrede  des  zweiten  Buchs  hervorgeht. 

3)  Bemerkenswerth  ist  darunter  eins  c.  82,  wo  erzählt  wird,  wie  brit- 


Odo,  Translatio  Mauri.  351 

von  den  Reliquien  unterwegs  und  in  Deas  selbst  ausgingen, 
bildet  allein  den  Gegenstand  des  ersten  Buches.  —  Das  zweite, 
viel  kleinere  Buch  berichtet  dann  die  weitere  Flucht  der 
Mönche  vor  den  Normannen  nach  Cunauld,  und  selbst  nach 
Messay  in  Poitou,  da  jene  Piraten  vier  Jahre  hinter  einander 
auf  der  Loire  überwinterten.  Von  Interesse  ist  die  im  Vorwort 
gegebene  Schilderung  der  verwüstenden  Raubzüge  der  Nor- 
mannen, die  in  Folge  der  Bürgerkriege  nach  Ludwigs  Tod, 
wie  der  Verfasser  klagend  ausführt,  immer  bedeutender  werden, 
und  nicht  allein  die  ganze  Westküste  Frankreichs  treffen, 
sondern  auch  die  Ufer  der  Rhone  und  Seine.  Lebendig  weiss 
unser  Autor  den  panischen  Schrecken,  den  sie  verbreiteten, 
mit  w^enigen  Worten  zu  malen,  i)  Den  Hauptinhalt  des  Buches 
aber  bilden  auch  hier  Mirakel. 

Eine  ähnliche  Flucht  vor  den  Normannen- wird  erzählt  in 
der  Histoi'i'a  iriuislationis  corporis  S.  Muiiri  in  Fossutense  mo- 
iiasteriujii-)  von  Odo,  der  seit  863  Abt  von  Glanfeuil,  seit 
S69  auch  von  S.  Pierre  des  Fosses  bei  Paris  war.  Die  Ge- 
schichte der  Translation  nimmt  aber  nur  einen  kleinen  Theil 
seines  Buches  ein,  weitaus  den  grössten  dagegen  die  Geschichte 
des  Klosters  Glanfeuil-^)  von  seiner  Zerstörung  durch  den  ihm 
von  Pippin,  Karls  des  Grossen  Vater,  vorgesetzten  Gaudulf 
von  Ravenna,  der  nach  Vertreibung  der  Mönche  es  in  ein  Ca- 
nonicat  verwandelte  und  gänzlich  verfallen  Hess,  bis  zu  jener 


tische  Kaufleute,  die  dem  Kloster  Blei  gestohlen,  die  Heimath  nicht  er- 
reichen können,  und  durch  die  Erscheinung  des  Heiligen,  der  auf  dem 
Meere  zu  Eoss  sie  mit  drei  Speeren  bedroht ,  zur  Umkehr  und  Rückgabe 
des  Gestohlenen  genöthigt  werden.  In  dieser  ausfühi'lichen  Erzählung 
sucht  der  Verfasser  durch  seinen  Stil  zu  glänzen ,  der  aUerdings  hier  von 
seinen  grammatischen  Studien  zeugt. 

1)  NuUus  paene  locus,  nullum  intactum  remanet  monasterium:  omnes 
fugam  arripiunt;  rarus  est  qui  dicat:  state,  State,  resistite,  pugnate  pro 
patria,  liberis  et  gente.  Sicque  torpentes  atque  in%'icem  dissidentes  quod 
defendere  debuerant  armis,  tributis  redimunt  ac  Christianorum  pessumdatur 
regnum. 

2)  In  MabUlons  Acta  S.  S.  ord.  S.  Bened.  Saec.  IV,  pars  2,  p.  175  ff. 
Eist,  litter.  de  la  France  T."  V,  p.  3S3  ff. 

3)  Er  selbst  bezeichnet  auch  sein  Buch  als  .Historia  eversionis  seu 
restaurationis  sancti  coenobii"  etc.  in  der  Praefatio. 


352  Aimom. 

Translation.  Namentlich  wird  die  Wiederherstellung  des  Klo- 
sters unter  Ludwig  dem  Frommen  durch  den  Grafen  Rorigo 
und  seine  fromme  Gemalin  ausführlich  erzählt.  Hierbei  hatte 
der  Abt  des  Klosters  des  Fosses,  Ingelbert  wesentlich  mit- 
gewirkt, und  mit  seineu  Mönchen  das  restaurirte  Glanfeuil 
wieder  bevölkert.  So  war  dies  zuerst  dem  Pariser  Kloster 
untergeben.  Nach  dem  Tode  des  Grafen  aber  erhielt  es  seine 
Selbständigkeit  und  einen  eigenen  Abt,  in  der  Person  eines 
Neffen  Rorigo's,  Gauzlin.  Die  Wunder,  die  sich  an  dem  Grabe 
des  Heiligen  zutrugen,  die  Verfolgungen,  die  das  Kloster  von 
einzelnen  mächtigen  Laien  erlitt,  und  deren  wunderbare  Strafen 
werden  dann  noch  weitläufig  berichtet,  ehe  die  Translation  in 
aller  Kürze  erzählt  wird,  die  erst  nachdem  der  h.  Leib  au  ein 
paar  andern  Orten  Jahre  lang  stationirt  hatte,  in  dem  Kloster 
des  Fosses  i.  J.  868  ihr  Ende  fand.  Die  Geschichte  von  Glan- 
feuil ist  als  ein  Spiegelbild  der  Schicksale  mancher  Klöster 
Westfranciens  in  jenen  Zeiten  von  allgemeinerem  Interesse. 
Die  Ueberzahl  von  Wundern,  womit  die  Erzählung  ausstaffirt 
ist,  ist  für  die  Zeit  und  den  Verfasser  bezeichnend,  der  als 
Erdichter  eines  Lebens  des  h.  Maurus  entlarvt,  auch  hier  den 
Verdacht  geringer  Wahrheitsliebe  in  manchen  Einzelheiten 
nur  um  so  mehr  erweckt,  als  er  so  grosse  Vorsorge  nimmt, 
sich  auf  das  Zeugniss  andrer  zu  berufen,  mitunter  aber,  wo 
es  gerade  nöthig  wäre,   mit  der  Sprache   nicht   herausrückt. i) 


Dem  Ende  dieser  Periode  gehören  noch  ein  paar  Werke 
dieser  Gattung  der  Historiographie  in  Westfrancien  an,  welche 
ein  besonderes  Interesse  haben  und  von  einem  und  demselben 
Autor  verfasst  sind,  der  also  diese  historische  Specialität  be- 
sonders cultivirte.  Es  ist  dies  ein  Mönch  von  St.  Germain- 
des-Pres  bei  Paris,  Aimoin2),  Lehrer  der  Schule  dieses  Klosters, 


1)  Wie  wo  er  von  dem  abhanden  gekommenen  Edict  Ludwigs  des 
Frommen  erzählt,  durch  welches  Glanfeuil  seine  Praepositi  und  Magistri 
von  dem  Kloster  Des  Fosses  erhalten  sollte:  Quod  qualiter  tempore  Ingel- 
berti  ablatum  ignique  crematum  fuerit,  melius  reticendum  quam  proferen- 
dum  putamus.  c.  14.     Sicherlich  hat  ein  solches  Edict  nie  existirt. 

2)  Vgl.  Dümmler,  N.  A.  S.  543.  —  Hist.  litter.  de  la  France,  T.  V, 
p.  641  ff. 


Translatio  Yincentii.  353 

dem  sein  Zögling  Abbo  die  Dichtung  „De  bellis  Parisiacae 
urbis"  gewidmet  bat,  als  eine  Frucht  des  bei  ihm  genossenen 
Unterrichts.  Hiernach  lässt  die  Gelehrsamkeit,  womit  dieses 
Werk  prunkt,  auf  eine  gleiche  des  Aimoin  schliessen.  Da 
aber,  wie  schon  DUmmler  bemerkt,  die  in  der  Dichtung  dar- 
gestellten Kämpfe  bis  896  reichen,  so  muss  Aimoin  mindestens 
dies  Jahr  überlebt  haben. 

Wohl  das  älteste')  von  Aimoins  Werken  ist  die  Trans- 
latio des  h.  Vincenz  aus  Spanien  nach  dem  Kloster  Castres^), 
welche  er  auf  Bitten  des  Abtes  und  der  Mönche  dieses  Klo- 
sters, wie  ein  dem  Werk  vorausgeschicktes  Schreiben  au  sie 
zeigt,  verfasste.  Es  ist  das  Werk  in  zwei  Bücher  getheilt^), 
von  welchen  das  erste  die  Auffindung  des  heil.  Leibes,  das 
zweite  seine  Uebertraguug  erzählt.  Das  erste  ist  das  bei 
weitem  interessantere.  Ein  Mönch  von  Conkittas  in  Aquitanien, 
Hildebert,  wird  (i.  J.  855)  in  einem  Traumgesicht  aufgefordert, 
den  Leib  des  Vincenz,  der  in  einer  zerstörten  Kirche  Valencia's 
unverehrt  ruhe,  zu  holen.  Er  verbindet  sich  zu  dieser  Fahrt 
mit  einem  ihm  nahe  befreundeten  andern  Mönche  desselben 
Klosters,  Audald.  Mit  Genehmigung  des  Abtes  treten  sie  die 
Reise  an;  Hildebert  aber  muss  erkrankt  umkehren,  während 
Audald  Valencia  erreicht.  Mit  der  Unterstützung  eines  Mauren, 
die  er  um  fünf  Soldi  erkauft,  gelangt  der  Mönch  auch  in  den 
Besitz  des  Leibes,  der  so  wohl  erhalten,  dass  er  um  ihn  in 
einem  Sack  zu  transportiren,  zerschnitten  werden  muss.  Audald 
kommt  dann  auch  mit  seinem  Schatze  glücklich  bis  Saragossa ; 
dort  aber  ist  er  so  unklug  in  dem  Absteigequartier,  das  eine 
fromme  Frau  ihm  gewährt  hat,  bei  angezündeten  Kerzen  und 
unter  Gesaug  deu  Heiligen  im  Sacke   zu  verehren.     Die  Frau 


1)  Denn  Aimoin  war  bei  der  Abfassung  der  diesem  Werk  erst  später 
beigefügten  Yerse  noch  Comminister,  wie  er  sicli  in  der  Widmung  derselben 
nennt ;  auch  wird  diese  Translation  in  der  folgenden  angeführt. 

2)  Mabillon,  Acta  SS.  ord.  S.  Bened.  Saec.  1\  pars  1,  p.  606  ff. 

3)  Um  den  Leser  mehr  anzuziehen;  deshalb  hat  sich  der  Autor  auch 
kurz  gefasst.  So  sagt  er  im  Eingang  des  zweiten  Buchs :  Neque  enim 
effugari  lectorem,  multo  magis  vero  ad  ea  quae  dicuntur  invitari  oportet, 
qualiter,  etsi  sermo  incultus  exasperat,  saltem  succinctus  demulceat.  Ideo- 
que  omne  hoc  opus  in  duo  etiam  dividere  voluimus  corpora,  licet  quan- 
titate  exigua. 

Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  IT.  23 


354  Aimoiii. 

macht  alsbald  bei  dem  Bischof  Anzeige.  Und  dieser  bemäch- 
tigt sich  des  Schatzes.  Vergeblich  versichert  der  Mönch,  es 
sei  ein  Verwandter,  den  er  aus  so  weiter  Ferne  geholt.  Durch 
Drohungen  eingeschüchtert,  gibt  er  dann  zu,  dass  es  der  Leib 
eines  Märtyrers  sei,  für  welchen  er  den  Namen  Marinus  er- 
findet. Die  „heilige  Beute"  lässt  darum  aber  der  Bischof  nicht 
fahren;  und  Audald  kehrt  mit  leeren  Händen  in  sein  Kloster 
zurück.  Seiner  Erzählung  schenkt  man  dort  so  wenig  Glauben, 
dass  ihn  als  Lügner  und  Herumstreicher  sein  Kloster  verstösst. 
Er  wendet  sich  darauf  nach  Castres,  wo  er  besseren  Glauben 
findet  und  deshalb  mit  offenen  Armen  aufgenommen  wird, 
denn  die  Mönche  hoffen  durch  ihn  in  den  Besitz  des  h.  Vin- 
cenz  zu  kommen.  Erst  nach  achteinhalb  Jahr  (864)  gelingt 
es  ihnen  in  der  That,  durch  die  Vermittelung  eines  Grafen 
von  Cerdagne,  der  unter  dem  Vorgeben,  der  sequestrirte  Heilige 
sei  ein  Verwandter,  Namens  Sugnarius,  einen  Befehl  des  Emir 
von  Cordoba  auf  Herausgabe  gegen  Zahlung  von  100  Solidi 
erwirkt.  Andre  100  kostete  es  noch  an  den  Statthalter  von 
Saragossa.  Der  Bischof  läugnet  zwar  alles  unter  vielen  Eid- 
schwüren'); aber  Audald  überführt  ihn,  und  so  wird  ihm  imd 
den  ihn  begleitenden  Mönchen  von  Castres  endlich  der  Hei- 
lige tiberliefert.  Wie  viele  Lügen  und  Meineide  um  den  Besitz 
desselben ! 

Im  zweiten  Buche  wird  kurz  die  Translation  be- 
richtet und  einiger  in  Castres  an  Vincenz'  Sarge  geschehener 
Wunder  gedacht,  unter  welchen  sich  einmal  die  Variation  findet, 
dass  der  Heiligeneinfluss  Diebe  zur  Restitution  des  Gestohlenen 
nöthigt.-)  Auch  diese  Reliquien  mussten  übrigens  vor  den 
Normannen  geflüchtet  werden. 

Auf  den  Wunsch  eines  befreundeten  Mönchs  Theotger 
fügte  Aimoin  nach  Vollendung  des  Werks  jedem  der  beiden 
Bücher  30  Hexameter  in  je  drei  Kapiteln  hinzu,  die  den  In- 
halt des  Buchs  sehr  unvollständig  recapituliren ,  und  formell 
wie  materiell  gänzlich  werthlos   sind.     Nur   verräth   sich  wohl 


1) Episcopus  advocatur,  et  cur  tantam  in  mortuum ex- 

ercuerit  iniquitatem  —  —  inquiritur.  Quo  omnia  negante,  et  quod  id  non 
fecerit,  cum  multis  Dei  sanctorumque  iuramentis  affirmante  etc. 

2)  Wie  dies  auch  schon  vom  h.  Felix  Paulin  erzählt.  S.  Bd.  I,  S.  292. 
Auch  vom  heil.  Nicolaus  wird  dasselbe  berichtet. 


Translatio  Georgii  et  Aurelii.  355 

der  Schulmeister  in   dem  Versuche   den  Xamen   des  Freundes 
etymologisch  zu  erklären.^) 

Noch  eine  Translati-on  aus  Spanien,  aber  nach  dem 
eigenen  Kloster,  die  mit  der  eben  betrachteten  in  einer  ge- 
wissen Beziehung  steht,  hat  Aimoin  erzählt. 2)  Es  ist  die  der 
Märtyrer  von  Cordoba,  Georgius  und  Aurelius.-^)  Auch 
diese  Translation  ist  in  mancher  Rücksicht  interessant.  Sie 
zerfällt  auch  in  zwei  Bücher.  —  In  dem  Kloster  St.  Germain 
war  auch  bekannt  geworden,  dass  der  Leib  des  h.  Vincenz 
„von  Valencia  leicht  gehabt  werden  könne".  Und  so  machten 
sich  denn  ein  paar  Mönche  dieses  Klosters  Odilard  und  Usuard 
mit  Genehmigung  des  Abtes  und  des  Königs  zu  dem  Zweck 
i.  J.  S5S  auf  den  Weg.  Doch  schon  im  südlichen  Frankreich 
erfahren  sie,  dass  der  h.  Leib  von  Valencia  weggebracht  sei, 
obwohl  mit  Unrecht  nach  Benevent  gesagt  wurde,  während  er 
damals  in  Saragossa  festgehalten  war.  Die  Mönche  wollen 
aber  doch  nicht  mit  leereu  Händen  zurückkehren.  In  Barce- 
lona klagen  sie  ihre  Noth  einem  angesehenen  Manne,  der  sie 
denn  auf  die  unlängst  unter  Abderrahman  zu  Märtyrern  gewor- 
denen Christen  Cordoba's,  namentlich  den  Georgius  und  Au- 
relius  aufmerksam  macht.  ^)  Diese  sollen  sie  nun  schadlos 
halten,  so  sehr  ihnen  auch  von  der  gefährlichen  Reise  abge- 
rathen  wird.  Indess  mit  einem  Empfehlungsschreiben  von  dem 
Grafen  von  Barcelona  an  einen  maurischen  „Magnaten"  Sara- 
gossa's  versehen,  werden  sie  von  diesem  einer  nach  Cordoba 
ziehenden  Karavane  anbefohlen;  und  kommen  so  sicher  dort- 
hin, wo  sie,  an  einen  angesehenen  Christen  Leovigild  empfohlen, 
auch    das  Ziel    ihrer  Wünsche    erreichen.     Während  aber  der 


1)  Theotger  soll  Deum  gerens  sein'.  Von  der  deutschen  Herkunft  des 
Wortes  hatte  man  also  in  Westfrancien  keine  Ahnung  mehr. 

2)  Er  ■wird  zwar  nicht  in  der  Handschrift  als  Verfasser  genannt,  aber 
er  gibt  sich  selbst  c.  3  zu  erkennen,  indem  er  auf  die  von  ihm  früher 
verfasste  Translatio  des  h.  Vincenz  verweist,  deren  Geschichte  ihm  Audald 
selbst  erzählt  habe.  Auch  findet  sich  hier  dasselbe  Motiv  für  die  Ein- 
theilung  in  zwei  Bücher  (s.  Prolog,  libri  II)  als  bei  der  Transl.  Vincent., 
s.  oben  S.  353  Anm.  3;  ingleichen  die  EtjTuologie  eines  Namens  1.  I,  c.  S. 

3)  MabiUon  1.  1.  Saec.  IV,  pars  2,  p.  45  fi'. 

4)  Ihre  Passion  ist,  wie  schon  Aimoin  1.  I,  c.  9  bemerkt,  von  Eulogius, 
dessen  eignen  Märtjrtod  unser  Autor  ebenda  erwähnt,  geschildert  in  dem 
Memoriale  Sanctorum  (s.  oben  S.  3u2  f.)  1.  H,  c.  10. 

23* 


356  Aimoiu. 

Leib  des  Georgius  vollständig  erhalten  war,  fehlte  an  dem 
des  Aurelius  der  Kopf,  der  nach  der  Hinrichtung  abhanden 
gekommen;  er  wurde  merkwürdiger  Weise  durch  den  seiner 
Gattin  Nathalia,  die  mit  ihm  gleichzeitig  enthauptet  und  deren 
Leib  nicht  aufgefunden  worden  war'),  ersetzt.  Den  Rückweg 
machen  die  Mönche  zunächst  im  Gefolge  des  Heeres  des  gegen 
das  aufständige  Toledo  ziehenden  Emirs  Mohamed  unter  dem 
besonderu  Schutz  des  Leovigild,  dann  über  Alcala  de  Henares 
und  Saragossa  nach  Südfrankreich.  —  So  weit  geht  das  erste 
Buch.  Die  weitere  Fahrt  nach  dem  Norden  —  wobei  denn 
auch  der  Invasion  Ludwigs  des  Deutschen  und  der  Plünde- 
rungen seines  Heeres  gedacht  wird  (c.  5  und  10)  —  und  die  Wim- 
derwirkungen, die  von  den  Reliquien  ausgingen,  werden  dann 
im  zweiten  Buche  erzählt,  worin  gegen  den  Schluss  noch 
erwähnt  wird,  wie  König  Karl  durch  einen  nach  Cordoba  Ab- 
gesandten die  Wahrheit  des  Martyriums  an  Ort  und  Stelle 
untersuchen  Hess.  -) 

Endlich  besitzen  wir  von  Aimoin  zwei  Bücher:  De  mira- 
ciiUs  S.  Get^numi.-^)  Es  ist  dies  Werk  aber  nur  eine  Bearbei- 
tung von  zwei  andern,  die  im  Auftrage  des  Abtes  Ebroin, 
Bischofs  von  Poitiers,  zwei  Mönche  des  Klosters  St.  Germain 
gleichzeitig  verfasst  hatten,  um  dem  Wunsche  des  Königs 
Karl  des  Kahlen  zu  genügen,  der  von  den  Wundern  der 
Reliquien  des  Heiligen  zu  den  Zeiten  des  Normannenherzogs 
Ragenarius  und  seiner  Gefährten  gehört  hatte  und  sie  aufge- 
zeichnet wünschte.  Die  beiden  Arbeiten  waren  aber  nicht 
veröffentlicht  worden,  und  Jahre  später  dem  Aimoin  ihre  Ver- 
schmelzung zu  einem  Werke  vom  Abt  Gozlin  aufgetragen. 
Auch  dieses  Werk  ist  eine  Geschichte  von  Translationen,  in- 
dem die  Gebeine  des  Heiligen  vor  den  Normannen  wieder- 
holt geflüchtet  werden.  Es  werden  uns  hier  sehr  lebendige 
Bilder  entworfen  von  zwei  Einfällen  dieser  Piraten,  die  auf 
der  Seine  bis  Paris  vordringen  und  dort  auf  einer  Insel  sich 
festsetzen,   um  dann  auch   zu  Lande   mit  requirirten  Pferden 


1)  Die  Christen  konnten  nur  heimlich  Nachts  die  Ueberreste  der  Mär- 
tyrer vom  Blutgerüst  holen,  und  daher  dieselben  leicht  zerstreut  werden. 

2)  Nee  est  oblitus  (Karolus)  delegans  Mancionem  Cordubae  huius  facti 
veritatem  ex  loco  requii'ere.  c.  27. 

3)  Mabillon  1.  1.  Saec.  III,  pars  2,  pag.  96  ff. 


De  miraciüis  S.  Gerruaui.  357 

ihre  nächtlichen  Ranbzüge  zu  unternehmen.  Die  feige  Flucht 
der  Bevölkerung-  0,  die  Barbareien  der  heidnischen  Feinde,  die 
namentlich  auch  Klöster  und  Kirchen  heimsuchen,  ihre  Brand- 
stiftungen, ihr  Aufgreifen  Vornehmer,  —  alles  nur  zum  Zweck 
hohe  Lösegelder  zu  erzwingen  —  ihre  stolze  Verachtung  der 
Gegner,  welche  sie  nur  durch  Zahlung  eines  Tributs  zu  ent- 
fernen vermögen-),  wird  uns  hier  anschaulich  geschildert.  Die 
erste  Invasion,  die  i.  J.  S45  stattfand,  wird  in  dem  einen,  die 
zweite,  die  einige  Jahre  später  erfolgte,  in  dem  andern  Buche 
erzählt,  zugleich  mit  den  von  dem  Heiligen  in  diesen  Zeiten 
gewirkten  "Wunderthaten ,  unter  denen  manche  Visionen  seiner 
Mönche  und  die  Pest,  w^elche  die  Normannen  sammt  ihrem 
Herzog  befiel  (1.  I,  c.  12  f.),  erwähnenswerth  sind.  Jedem  der 
beiden  Bücher  ist  gegen  das  Ende  ein  Gedicht  beigefügt,  von 
denen  das  erste  in  Distichen  kurz  und  ganz  unbedeutend  ist, 
das  zweite  in  rythmischen  trochäischen  catal.  Tetrametern  den 
Heiligen  bei  seiner  Rückkehr  zum  Kloster  begrüsst  und  eine 
früher  schon  (c.  lOj  erzählte  Rettung  der  Mönche  bei  einem 
Ueberfall  der  Normannen  —  indem  es  ihnen  gelang,  in  Ver- 
stecken sich  zu  verbergen  —  als  ein  Mirakel  besingt.  Diese 
„neue  Begrüssungshymne "  war  von  den  Mönchen  bei  der 
Wiedereinführung  der  Reliquien  ins  Kloster  gesungen  worden. 

Dass  auch  in  Italien  während  dieser  Periode  diese 
Gattung  der  Historiographie  vertreten  ist,  braucht  kaum  be- 
merkt zu  werden;  aber  die  Werke  sind,  so  viel  ich  sehe,  zu 
wenig  bedeutend,  um  ihrer  hier  zu  gedenken.    Nur  das  Büch- 


1)  Paris  und  alle  Klöster  im  umkreis  waren  von  ihren  Bewohnern 
verlassen  bei  der  Normamien  Ankunft.  Worauf  der  Autor  gut  fortfährt : 
Timor  siquidem  et  metus  universos  invaserat,  utpote  merito  iniquitatis  di- 
vino  enudatos  auxilio  atque  ideo  mundanae  defensionis  destitutos  solatio. 
Quis,  rogo,  non  doleret.  antequam  bellum  committei'etur.  fugatum  exercitum, 
antequam  jaceretur  sagitta,  confossum,  ante  scuti  conUsionem  ignominiose 
subactum?  1.  I,  c.   1. 

2)  Siquidem  Kagenarius  dux  auctorque  totius  memorati  mali  ante  pro- 
fanum  Horich  Nortmannorum  principem  cum  ingenti  superbia  veniens, 
ostendit  ei  quod  secum  hinc  absportaverat  aurum  argentumque  multum, 
dixitque  quod  opüiatissimam  Parisius  civitatem  captam  haberet,  quodque 
mansionem  Germani  senis,  quae  in  eadem  terra  decentissima  haberetur, 
intrasset,  insuper  et  quod  omne  Karoli  regnum  sibi  ratione  tributi  sub- 
iugatum  haberet.  1.  I,  c.  12. 


358  De  apparitione  S.  Michaelis. 

lein  De  apparitione  S.  Michaelis^)  sei  liervorgehoben ,  in  wel- 
chem die  Gründung  der  Kirclie  des  heil.  Michael  auf  dem 
Berge  Garganus  in  Campauien  nach  frommer  Sage  erzählt 
wird.  Ein  reicher  Heerdenbesitzer  Namens  Garganus  nämlich 
vermisst  einen  Stier,  und  entdeckt  ihn  endlich  auf  dem  Gipfel 
des  Bergs  vor  dem  Eingange  einer  Höhle:  zornig  schiesst  er 
einen  Pfeil  auf  ihn,  das  Geschoss  kehrt  aber  zurück,  ihn  selbst 
zu  durchbohren.  Das  Volk,  über  dieses  Ereigniss  erschrocken, 
fragt  den  Bischof  um  Rath.  Dieser  ordnet  ein  dreitägiges  Fasten 
und  Gebete  zu  Gott  um  Erleuchtung  an.  Da  erscheint  dem 
Bischof  der  Erzengel  und  verkündet  ihm,  dass  er  selbst  durch 
jenes  Wunder  sich  als  Hüter  des  Orts  hätte  erweisen  wollen. 
Dies  wird  denn  auch  noch  bestätigt  durch  einen  Sieg,  den  die 
Beneventaner  über  heidnische  Neapolitaner  davon  tragen,  in- 
dem ein  furchtbares  Ungewitter,  das  von  dem  Berge  ausgeht, 
die  letzteren  erschreckt  und  in  die  Flucht  jagt:  die  Fussspur 
des  Engels,  in  dem  Felsen  der  Höhle  eingeprägt,  bezeugt,  dass 
er  zugegen  war.  —  Es  wird  dann  noch  der  wunderbare  Bau 
der  merkwürdigen  Kirche  erzählt. 


ZWANZIGSTES  KAPITEL. 

WELTLICHE    BIOGRAPHIEN:     VITAE    LUDOVICI. 

Die  rein  weltliche,  politische  Biographie  ist  in  dieser 
Periode  durch  zwei  Lebensbeschreibungen  Ludwigs  des  From- 
men vertreten,  beide  Vita  Ludovici  imperaturis  betitelt.  Die 
ältere  ist  noch  bei  Lebzeiten  Ludwigs  geschrieben:  sie  reicht 
nur  bis  zum  Jahre  835  und  ist,  wie  es  scheint,  837  beendet. 
'Ihr  Verfasser  ist  Thegan,  Chorbischof  von  Trier'-).    Der  Name 


1)  Liber  de  apparitione  S.  Michaelis  in  Gargano  in:  Monum.  GeiTuan. 
hist. ,  Script,  rerum  langobardic.  et  Italic.  Saec.  VI— X,  p.  540  if.  —  Vgl. 
Gregorovius,  Wanderjahre  in  Italien,  Leipz.  1880.  Bd.  V,  S.  92. 

2)  Monum.  German.  histor. ,  Script.  T.  11  p.  585  ff.  ed.  Pertz  (Praef.) 
—  Simson ,  Ueber  Thegan  den  Geschichtschreiber  Ludwigs  des  Frommen. 
In  Forsch,  zur  Deutsch.  Gesch.  X,  S.  325  ff.  —  Foss,  Ludwig  der  Fromme 
vor  seiner  Thronbesteigung  (Progr.  des  Friedr.-Wilh.-Gymn.  in  Berlin  1858). 


Thegan,  Vita  Ludovici.  359 

ist  vielleicht  eine  verkürzte  Form  von  Theganbert.  Tliegau 
stammte  aus  einer  vornehmen  fränkischen  Familie  und  war  sich 
seines  Adels  wohl  bewusst.  Wie  der  mit  ihm  befreundete  Walah- 
frid,  welcher  das  Werk  zuerst,  und  zwar  nach  Ludwigs  Tode 
herausgab,  in  seiner  Vorrede  mittheilt,  hatte  Thegan  zwar  eine 
grosse  Belesenheit,  war  aber  kein  Literat,  kein  Gelehrter;  da- 
für war  er  durch  seine  praktische  Berufsthätigkeit  als  Prediger 
und  Seelsorger  zu  sehr  in  Anspruch  genommen.')  Damit  ent- 
schuldigt Walahfrid  den  „etwas  ungebildeten  Ausdruck "  {quan- 
tul(icu?ique  rusticitas),  womit  höflich  die  grosse  grammatische 
Fehlerhaftigkeit  angedeutet  wird.  —  Diese  Biographie  ist  nicht, 
wie  die  Einhards,  ein  Suetonisches  Kunstwerk,  sondern,  wie 
schon  ihr  Herausgeber  bemerkt,  nach  Art  der  Annalen  (m 
morejii  (mnuUum)  verfasst,  oder  genauer  gesagt,  als  Chronik, 
d.  h.  mehr  oder  weniger  in  einem  Zuge  geschrieben,  wenn 
auch  wohl  auf  Grund  jährlicher  Aufzeichnungen;  daher  sind 
denn  auch  die  letzten  Jahre  so  viel  ausführlicher  behandelt. 
Thegan  gibt  also  eigentlich  eine  annalistische  Geschichte,  mit 
biographischer  Zuthat,  von  dem  „Kaiser"  Ludwig. 

Die  sieben  ersten,  zum  Theil  recht  kleinen  Kapitel  bilden 
die  Einleitung;  in  denselben  wird  von  der  Abkunft  Ludwigs 
von  väterlicher  und  mütterlicher  Seite,  von  seiner  Jugend, 
seiner  Vermählung  und  seinen  Kindern,  dem  Tode  seiner 
Brüder,  der  ihm  den  Weg  zum  Kaiserthum  bahnte,  in  Kürze, 
dann  ausführlicher  von  seiner  Ernennung  zum  Mitregenteu  und 
Krönung,  sowie  von  Karls  des  Grossen  Tode  gehandelt.  — 
Vom  achten  Kapitel  an  folgt  nun  des  Kaisers  Geschichte 
chronologisch,  meist  auch  mit  annalistischer  Kürze  erzählt. 
Doch  finden  sich  auch  ausführlichere  Partien,  ja  Abschwei- 
fungen: so  wird  nach  der  Consecration  Ludwigs  durch  Papst 
Stephan  (i.  J.  S16)  ein  Charakterbild  des  frommen  Kaisers  in 
einem  längern  Kapitel  (19)  gegeben;  es  ist  recht  bezeichnend 
für  Thegan,  dass  es  an  dieser  Stelle  geschieht,  als  wenn  durch 
die  päpstliche  Consecration  Ludwig  erst  voller  Kaiser  ge- 
worden wäre.     In  diesem  Kapitel  ist  die  Vita  Caroli  Einhards 

1)  Novimus  et  nos  virum  multa  lectione  instructum,  sed  praedicationis 
et  correctionis  studiis  occupatum.  —  Wenn  in  dem  an  Thegan  gerichteten 
Jugendgedicht  Walahfrid  der  Carmina  desselben  gedenkt  und  ihn  als 
strengen  Kritiker  der  eignen  Verse  fürchtet,  so  erklärt  sich  dies  aus  dem 
Respect,  den  dem  jungen  Mönche  der  angesehene  Bischof  einflössen  musste. 


360  Thcgan. 

sein  Vorbild  gewesen.  An  die  Cliarakteristik  Ludwigs,  und 
zwar  au  die  Bemerkung,  dass  derselbe  seinen  Räthen  mehr 
als  nötbig  vertraute,  wird  aber  im  folgenden  Kapitel  (20)  eine 
noch  ausführlichere  Digression  geknüpft,  in  welcher  der  Ver- 
fasser seinen  Zorn  über  die  schädliche  Beförderung  von  Leuten 
niedriger  Geburt,  namentlich  geborenen  Leibeigenen,  zu  hohen 
Kirchenämtern  auslässt.  Ihr  Uebermuth,  ihr  Nepotismus  gegen 
ihre  gemeine  Verwandtschaft,  der  sie  die  geistliche  Laufbahn 
eröffneten,  wird  mit  scharfen  Worten  verurtheilt,  so  dass  unsern 
Autor  der  Zorn  hier  selbst  beredt  macht.')  Ebenderselbe 
macht  sich  in  einer  andern  ausführlichen  Abschweifung  Luft 
bei  Gelegenheit  der  Absetzung  Ludwigs  in  Compiegne  im 
44.  Kapitel,  worin  Thegan  den  Erzbischof  von  Eeims,  Ebbo 
aufs  heftigste  angreift,  der  unter  den  hohen  Prälaten  am  be- 
leidigendsten gegen  den  Kaiser  aufgetreten  war:  und  dieser 
„  unverschämte  und  grausamste "  war  von  Geburt  nur  ein  Leib- 
eigener. Ist  es  nur  das  adlige  Standesbewusstsein  des  Thegan, 
das  sich  hier  so  empört,  sowie  seine  eifrige  Treue  gegen  den 
Kaiser,  mit  der  Walahfrid  diese  zornigen  Ergüsse  entschuldigt"-); 
oder  hatte  er  von  Ebbo  und  seines  Gleichen  auch  persönliche 
Kränkungen  und  Zurücksetzung  erfahren,  zumal  der  erstere 
auch  ein  Gegner  des  damals  in  Westfrancien  so  bestritteneu 
Chorepiscopats  war  ?  3) 

Diese  Digressionen    sind    die    ausführlichsten   Kapitel   im 


1)  Da  heisst  es:  Postquam  illi  tales  culmen  regiminis  arripiunt,  niim- 
quam  sunt  antea  tarn  mansueti  et  sie  domestici,  ut  non  statim  incipiant 
esse  iracundi,  rixosi,  maliloqui,  obstinati,  iniuriosi  et  minas  omnibus  sub- 
iectis  promittentes,  et  per  huiuscemodi  negotia  cupiimt  ab  omnibus  timeri 
ac  laudari.  Turpissiniam  cognationem  eorum  a  iugo  debitae  (!)  servi- 
tutis  nituntur  eripere  et  libertatem  inponi.  Tunc  aliquos  eorum  liberalibus 
studiis  instruunt,  alios  nobilibus  feminis  coniungunt,  et  propinquas  eorum 

filios    nobilium   in    coniugium   compellunt  accipere. Propinqui  vero 

superdictorum,  postquam  aliquid  intellegunt,   senes  nobiles  derident  atque 

despiciunt,  sunt  elati,  instabiles,  incontinentes,  inpudici,  inverecundi 

Ein  interessantes  Sittenbild! 

2)  In  cuius  quibusdam  sententiis  quod  ett'usior  et  ardentior  in  loquendo 
videatur ,  ut  vir  nobilis  et  acris  animi ,  quod  de  indignitate  vüium  perso- 
narum  dolor  suggessit,  tacere  non  potuit.  Praeterea  nimius  amor  iustitiae 
et  executoris  eius,  cbristianissimi  imperatoris,  zeli  naturalis  exaggeravit 
dolorem.    Praef. 

3)  Vgl.  Simson  S.  346. 


Vita  Luclovici.  361 

ganzen  Buche;  sonst  gibt  unser  Verfasser  fast  immer  statt 
einer  lebendigen  Erzählung  nur  einen  trockenen  und  kurzen 
Bericht,  der  bis  zum  Jahre  833  auch  sehr  dürftig  ist:  erst  von 
diesem  und  namentlich  dem  folgenden  Jahre  wird  ausführ- 
licher gehandelt.  .  Indem  er  dann  am  Ende  seines  Berichts 
Tom  Jahre  835  den  Segen  des  Himmels  auf  Ludwig  erfleht, 
schliesst  er  mit  einem  Amen  sein  Werk,  das  auch  durch 
manche  lange  Bibelcitate,  bei  Gelegenheit  seiner  subjectiven 
Auslassungen,  den  theologischen  Autor  nicht  verläugnet. 

In  einer  Handschrift  findet  sich  noch  ein  kleiner  Anhang 
über  die  zwei  folgenden  Jahre,  der  aber  nicht  in  Walahfrids 
Ausgabe  war,  ganz  in  demselben  Geist  und  Stil  alt  das  Buch 
des  Thegan,  schwerlich  aber  von  ihm  selber. 

Obgleich  kein  offieieller  Geschichtschreiber,  ist  Thegan 
doch  weit  entfernt  von  Unparteilichkeit,  wozu  schon  die  Hef- 
tigkeit seiner  Natur,  sein  zelus  natiuHtlis ^  wie  Walahfrid  sich 
ausdrückt'),  ihn  unfähig  machte,  zumal  in  einer  von  solcher 
Parteileidenschaft  beherrschten  Zeit.  Hand  in  Hand  mit  seiner 
Sympathie  für  den  alten  Kaiser  geht  seine  Antipathie  gegen 
Lothar,  während  er  dagegen  Ludwig  den  Deutschen  sehr  be- 
günstigt, ja  ihn  rein  zu  waschen  sucht.  2)  Allerdings  handelte 
aber  Ludwig  in  der  That  auch  besser  gegen  seinen  Vater  als 
Lothar.  —  Bei  alledem  ist  Thegans  Werk  durch  das  selb- 
ständig gesammelte  Material  als  historische  Quelle  wichtig. 

Die  andre  Vita  Ludwigs  des  Frommen 3)  ist  ein  weit 
grösseres  Werk,  da  sie  nicht  nur  auf  das  ganze  Leben  Lud- 
wigs gleichmässig  sich  erstreckt  —  nicht  bloss  den  „Kaiser" 
zu    ihrem  Helden    macht,    sondern    auch    in    der    Darstellung 

1)  S.  oben  Seite  360  Anm.  2. 

2)  S.  Simson  S.  341  ff.  Derselbe  meint  sogar,  Thegan  hätte  deshalb 
über  d.  J.  837  seine  Geschichte  gar  nicht  fortsetzen  können. 

3)  Ed.  Pertz:   Monum.  German.  historica,  Scriptores  T.  II,  p.  604  ff. 

Simsen  Jahrb.  Bd.  II,  S.  294  ff.  Excurs  II :    Ueber  die  Vita  Hludo- 

vici  des  Astronomus.  —  Meyer  v.  Knonau,  Ueber  Nithards  vier  Bücher 
Geschichten  S.  129  ff.  (Excurs  III.  Ueber  die  Zerrüttung  der  Chronologie 
in  den  letzten  Theilen  des  Astronomus.  Exe.  IV.  Die  Umarbeitung  des 
dritten  Theils  der  fränk.  Königsannalen  durch  Astron.  Exe.  V.  Ver- 
gleichung  der  Parallelstellen  des  Nithard  und  Astron.  mit  den  der  fränk. 
Königsann.  u.  des  Astron.) 


362  Astronomus. 

weit  aiisfiilirliclier  ist.  Den  Verfasser,  dessen  Namen  unbe- 
kannt geblieben,  hat  man  den  Astronomen  genannt,  weil 
er,  wie  er  in  dem  Werke  selbst  sagt,  als  der  Astronomie 
kundig  galt,  und  den  Kaiser,  der  sich  für  dieselbe  besonders 
iuteressirte,  darin  berieth.')  Er  war  ein  Gelehrter  von  mannich- 
fachen  Kenntnissen,  selbst  von  medicinischen ,  nach  seinem 
Werke  zu  urtheileu,  das  uns  über  ihn  den  einzigen  Aufschluss 
bietet.  Dem  geistlichen  Stande  gehörte  er  offenbar  an,  ja  es 
zeichnet  ihn  eine  ultramontane  Gesinnung  aus,  indem  er  dem 
Papstthum  besondere  Verehrung  darbringt.  2)  Er  scheint  im 
Dienste  des  Kaisers,  wenigstens  seit  829  gewesen  zu  sein  — 
wenn  er  sich  wohl  auch  nicht  ständig  am  Hofe  aufhielt  — 
denn  er  berichtet  nach  eigener  Aussage  3)  auch  als  Augenzeuge 
von  dem,  was  sich  dort  begab.  Aus  einer  nahen  persönlichen 
Beziehung  zu  dem  Kaiser,  die  auch  durch  Thatsachen  in  seinem 
Werke  bezeugt  wird-*),  erklärt  sich  auch  allein  die  blinde 
Parteilichkeit  für  ihn,  das  ihm  gezollte  übertriebene,  oft  durch- 
aus unmotivirte  Lob,  welches  schon  den  Zeitgenossen  wie 
Ironie  klingen  musste.'')  Das  Werk  ist  aber  ein  paar  Jahre 
nach  Ludwigs  Tod  abgefasst,  so  dass  mau  deshalb  den  Ver- 
fasser kaum  einen  Schmeichler  nennen  kann:  er  müsste  denn 
bei  Karl  dem  Kahlen  und  der  Kaiserin -Wittwe  sich  damit 
haben  empfehlen  wollen. 

Schon  in  der  Vorrede  gibt  der  Verfasser  seine  begeisterte 
Verehrung  für  den  Kaiser  kund.  Der  Nutzen,  den  die  Ge- 
schichte in  dem  Berichte  der  Thaten  der  Fürsten,  die  als  Vor- 
bild wie  als  Warnung  dienen  können,  bietet,  treibt  ihn  an,  die 
Handlungen  und  das  Leben  des  Gott  lieben  [Deo  amabüis)  und 


1)  In  Bezug  auf  die  Erscheinung  eines  Kometen  i.  J.  838  heisst  es 
c.  58:  Quod  cum  imperator  talium  studio sissimus,  primum  ubi  constitit, 
conspexisset,  antequam  quieti  membra  committeret,  accitum  quendam 
(idem  me  qui  liaec  scripsi  et  qui  buius  rei  scientiam  haberi 
credebar)  percontari  studuit,  quid  super  hoc  mihi  videretur. 

2)  Ausser  dem  von  Simson  S.  296  Angeführten  beachte  man  auch  solche 
Stellen  wie  den  Eingang  des  c.  4. 

3)  S.  die  Anm.  der  folgenden  Seite.        4)  S.  schon  oben  Anm.  l. 

5)  So  wenn  er  bei  dem  Tode  Karls  des  Grossen  sagt:  At  vero  in  eius 
successore  veridica  probata  est  scriptura,  quae  in  talibus  tribu- 
lantium  consolans  animos  dicit:  „Morluus  est  vir  iustus  et  quasi  non  est 
mortuus;  similem  enim  sibi  reliquit  filium  haeredem."  c.  20. 


Yita  Ludovici.  363 

orthodoxen  Kaisers  Ludwig  aufzuzeichnen.  Dieser  Stoif  sei 
aber  ein  so  grosser,  dass  ihm  selbst  das  Genie  grosser  Männer 
erliegen  müsse.  Denn  Ludwig  besass  alle  vier  Cardinaltugen- 
den,  und  in  solchem  Grade,  dass  man  nicht  wusste,  welche 
man  in  ihm  am  meisten  bewundern  sollte;  nur  einen  Fehler 
hatte  er,  den  zu  grosser  Milde. 

Das  Werk,  welches  von  der  Geburt  Ludwigs  bis  zu  seinem 
Tode  reicht,  ist  eine  biographische  Chronik,  die,  weil  der  Held 
ein  Herrscher,  zugleich  zur  Geschichte  seiner  Regierung  wird. 
Drei  Theile  lassen  sich  in  dem  Werke  unterscheiden,  von  denen 
der  erste  bis  814,  zur  Kaiserherrschaft  Ludwigs  geht.  In  ihm 
wird  seine  Jugend,  seine  Regierung  in  Aquitanien  behandelt, 
welches  Land  ja  Ludwig  schon  bei  der  Geburt  zum  König- 
reich bestimmt  wurde.  Hier  werden  namentlich  auch  die  Ver- 
hältnisse des  Frankenreichs  zu  Spanien,  die  Kämpfe  mit  den 
Mauren,  aber  auch  mit  den  Basken,  zum  Theil  selbst  im  ein- 
zelnen geschildert:  diese  Partie  ist  als  historische  Quelle  von 
besonderem  Werthe,  nicht  minder  aber  für  die  Karlsage  wich- 
tig, wie  denn  auch  hier  der  Niederlage  von  Ronceval  (c.  2) 
gedacht  wird,  aber  auch  manches  andre,  was  mittelbar  mit  ihr 
zusammenhängt,  sich  erwähnt  findet.  In  diesem  ersten  Theile 
folgt  aber  der  Verfasser,  wie  er  im  Vorwort  bemerkt,  dem 
Berichte  {relatio)  des  sehr  edlen  und  frommen  Mönches  Ad- 
hemar,  der  gleichalterig  mit  Ludwig  und  mit  ihm  auferzogen 
war.  1)    Hier  ist,  dank  der  Vorlage,  die  Darstellung  am  besten, 


1)  Porro  quae  scripsi  usque  ad  tempora  imperii  Adhemari  nobilissimi 
et  devotissimi  monachi  relatione  addidici,  qui  ei  coaevus  et  conniitritus  est ; 
posteriora  autem,  quia  ego  rebus  interfui  palatinis,  quae  vidi  et  com- 
l)erire  potui.  stUo  contradidi.  Es  scheint  mir  sicher,  dass  diese  relatio 
eine  schriftliche,  ein  Buch  war,  welchem  der  Astronom  ebenso  treu  gefolgt 
ist,  als  danach  den  Reichsannalen ;  das  Buch  behandelte  aber  wohl  die 
Geschichte  Aquitaniens,  und  auch  vor  Ludwigs  Zeit:  dies  alles  schliesse 
ich  aus  dem  Anfange  des  Werks  des  Astronomen,  der  sonst  unerklärlich 
wäre.  Er  macht  ganz  den  Eindruck  eines  Ausschnitts  aus  einem  Buche, 
nur  dass  der  erste  Satz,  von  dem  Astronomen  selbst  davor  geschrieben,  eine 
Art  von  Eingang  bilden  soll.  Die  Yita  beginnt  nämlich  mit  der  Erzählung 
von  der  Unterdrückung  eines  Aufstands  in  Aquitanien  i.  J.  769,  also  neun 
Jahre  vor  Ludwigs  Geburt;  dieser  Erzählung  ist  aber  ein  Satz  allgemeiner 
Phrasen  über  Karl  den  Grossen  vorausgesandt.  —  So  erklärt  es  sich  auch, 
dass,  wie  der  Uebersetzer  des  Astronomen,  Jasmund,  schon  richtig  bemerkt, 
(Einleitung  S.  VI),  in  diesem  Theil  Erzählung  und  Sprache  am  besten  sind: 
es  kommt  dies  eben  auf  Rechnung  des  Adhemar. 


3G4  Astronomus,  Vita  Liidovici. 

durch  lebendige  Anscliaulichkeit  oft  wahrhaft  anziehend,  nament- 
lich in  der  Schilderung  der  Kriegszüge  in  Spanien,  auf  welchen 
der  Mönch  Ludwig  wohl  begleitete.  Jedesfalls  ruht  seine  Er- 
zählung auf  dem  Berichte  von  Augenzeugen.  —  Der  zweite 
Theil  des  Werks  erstreckt  sich  bis  zum  Jahre  829.  Hier  folgt 
unser  Autor  den  Eeichsannalen ,  obgleich  er  auch  noch  andre 
Nachrichten,  namentlich  über  kirchliche  Dinge,  bringt,  und 
noch  andre  Quellen,  wie  Nithard,  benutzt  hat.  —  In  dem 
dritten  Theile  endlich,  der  bis  S40  geht,  berichtet  der  Ver- 
fasser aus  eigener  Kunde  oder  selbst  als  Augenzeuge'),  und  so 
hat  dieser  Theil  als  Geschichtsquelle  wieder  besonderu  Werth, 
der  freilich  hier,  wie  auch  sonst,  durch  eine  verwirrte  Chrono- 
logie eingeschränkt  wird.  —  Wie  es  scheint,  ist  das  Werk  uns 
nicht  unversehrt  überliefert,  indem  ein  grosser  Theil  der  Ge- 
schichte des  Jahres  824  ausgefallen  ist.-) 

Was  die  Diction  betrifft,  so  beeifert  sich  der  Verfasser, 
obgleich  er  in  der  Vorrede  sich  entschuldigt,  dass  das  Werk 
in  einem  stihis  minus  doctus  geschrieben  sei,  doch  nicht  selten 
gerade  einer  gelehrten  Ausdrucksweise,  aber  indem  er  dann 
wieder  von  seinem  Kothurn  auf  den  platten  Boden  herabsinkt, 
macht  sie  recht  den  Eindruck  des  Gemachten,  Gesuchten  und 
Schwülstigen:  das  Ungleichmässige,  Bunte  der  Ausdrucksweise 
ruht  zum  Theil  auch  darin,  wie  er  seine  eigne  Rede  mit  der 
seiner  Vorlagen  mischt  und  diese  mit  hochtrabenden  Phrasen 
auszuschmücken  sucht.  ^) 


1)  Auf  diesen  Theil  allein  kann  der  in  der  vorausgehenden  Anmerkung 
citirte  zweite  Satz :  posteriora  etc.  sich  ganz  beziehen.  Wenn  der  Autor 
der  für  den  zweiten  Theil  benutzten  Eeichsannalen  unter  seinen  Quellen 
nicht  gedenkt,  so  geschah  dies  wohl,  weil  er  sie  als  allgemein  bekannt  an- 
nahm und  die  volle  Ausnutzung  einer  solchen  officiellen  Quelle  als  selbst- 
verständlich betrachtete.  —  {Girgensohn  nimmt  allerdings  auch  für  den 
dritten  Theil  eine  Benutzung  der  Fortsetzung  der  Reichsannalen  —  der 
sogen.  Bertmianischen  —  an,  in  P'orschungen  zur  deutsch.  Gesch.  X,  S.  653  ff., 
was  Simson  aber  verwirft  a.  a.  0.  S.  298,  Anm.  5.) 

2)  S.  Simson  S.  3U0. 

3)  Man  sehe  z.  B.,  wie  er  Ende  c.  4  in  einem  ganz  trockenen  Bericht 
den  Beginn  des  Herbstes  anzeigt :  Mansit  ergo  (Ludovicus)  cum  patre,  inde 
usque  ad  Herisburc  vadens,  usquequo  sol  ab  alto  declinans  axe  ardorem 
aestivum  autumnali  ciundescensione  temperaret !  Vgl.  damit  die  im  zweiten 
Theile  c.  26  sich  findende  Umschreibung  des  hie77ie  transacta  der  Reichs- 
annalen, auf  welche  Meyer  v.  Knonau  aufmerksam  macht  S.  134. 


Annales  Bertiniani.  365 

EINÜNDZWAKZIGSTES  KAPITEL. 

KEICHSANNALEX.     NITHARD. 

Die  Reichsannalen  erhalteu  iu  diesem  Zeiträume,  den 
Haupttheileu  des  karolingisclien  Weltreichs  eutsprecliend,  eine 
doppelte  Fortsetzung,  die  eine  iu  West-,  die  andre  iu  Ost- 
francieu ;  aber  die  eiueu  wie  die  andern  bescliränken  sieh 
nicht  auf  den  Reichstheil,  dem  ihr  Verfasser  angehört,  wie  ja 
trotz  aller  Tb eilung-en  noch  immer  ein  Imperium  bestand ;  doch 
haben  die  ersteren  mehr  als  die  letzteren  einen  universellen 
Charakter.  Es  ist  dies  eine  Folge  theils  der  Lage  Westfran- 
eiens,  theils  seiner  romanischen  Bevölkerung,  die  es  mit  dem 
grösseren  Theile  Lotharingiens  in  eine  nähere  Beziehung  setzte, 
theils  endlich  des  dort  herrschenden  lebhafteren  dogmatischen 
Interesses,  wobei  denn,  wie  überhaupt,  die  Persönlichkeit  der 
Autoren  auch  schwer  ins  Gewicht  fällt.  So  ist  denn  die  west- 
fränkische Fortsetzung  der  Reichsannalen  entschieden  bedeu- 
tender als  die  Ostfranciens.  Es  sind  dies  die  sogenannten 
Annales  Bertiniani^] ,  welche  ihren  Namen  nach  dem  Kloster 
St.  Bertin  erhalten  haben,  da  sie  aus  einer  Handschrift  des- 
selben zuerst  veröffentlicht  wurden.  Diese  Annalen  bestehen 
aus  drei  Theilen.  Der  erste  ist  vom  Jahre  741  bis  829  fast 
durchaus  nur  eine  wörtliche  Abschrift  der  alten,  oben  S.  98  f. 
betrachteten  Reichsannalen,  der  sogenannten  Lorscher  mit  der 
Einhard  beigelegten  Fortsetzung,  von  830  bis  835  aber  eine 
gleichzeitige  Fortsetzung  eines  literarisch  wenig  gebildeten 
Mannes,  der  ein  mangelhaftes  Latein  schreibt,  dessen  Fehler 
aus  dem  Einfluss  der  romanischen  Volkssprache  sich  erklären ; 
aus  ihnen  ergibt  sich  aUein  schon,  dass  er  ein  Romane,  und 
zwar  Frankreichs  war.-)     Er  zeigt  sich  durchaus  als  ein  dem 


1)  Ed.  Pertz  in:    Monum.  German.  histor.,   Script.    Tom.  I,  p.  410  ff. 

(Praef.). Die  Annalen  von  St.  Bertin  und  St  Vaast.    Nach  der  Ausg. 

der  Momim.  Germ,  übersetzt  von  Jasmund.  Berlin  1S5T.  (Geschicht- 
schreiber der  deutsch.  Vorzeit  IX.  Jahrh.  11.  Bd.)  (Vorwort.)  —  "NVatten- 
bach,  Deutschi.  Geschichtsq.  I,  S.  241.  Girgensohn,  Prudentius  etc.  (s. 
oben  S.  267  Amn.  1). 

2)  So  zeigt  sich  dies  in  dem  Gebrauch  der  Tempora,  indem  z.  B.  der 
Conjunctiv  des  Plusquamperfect  als  Conj.  Imperfect  gebraucht  wii-d:   spe- 


366  Annales  Bertiniani:  Prudentius. 

„sehr   religiösen   Kaiser"   {reliijiosissimus   imperator)   ergebener 
Diener. 

Der  zweite  Theil,  der  vom  Jahre  835  bis  S61  sich  er- 
streckt, hat  einen  weit  bedeutenderen  Verfasser.  Dieser  ist 
der  schon  oben  S.  267  erwähnte  Prudentius,  welcher,  als 
er  die  Arbeit  begann,  noch  nicht  Bischof  von  Troyes  war, 
vielmehr  zweifelsohne  am  Hofe  Ludwigs  des  Frommen  und 
danach  Karls  des  Kahlen,  bis  zur  Zeit  seiner  Ernennung  gegen 
die  Mitte  der  vierziger  Jahre,  lebte.')  So  imternahm  Pru- 
dentius gewiss  sein  Werk,  wenn  nicht  auf  des  Kaisers  Geheiss, 
wenigstens  mit  seiner  Billigung:  dem  entsprechend  ist  seine 
Darstellung  eine  Ludwig  dem  Frommen  sehr  günstige,  indem, 
wie  Girgensohn  zeigt-),  für  den  Kaiser  peinliche  Thatsachen 
ausgelassen,  und  äussere  Vorgänge  erzählt  werden,  ohne  Auf- 
deckung der  eigentlichen  Motive.  Auch  gegen  Karl  den  Kahlen 
werden  die  ersten  zwölf  Jahre  nach  Ludwigs  Tod  Rücksichten 
der  Loyalität  genommen;  erst  mit  dem  Jahre  853  —  vielleicht 
in  Folge  der  Synode  von  Quierzy  —  hören  sie  auf,  so  dass 
der  Autor  selbst  eine  scharfe  Kritik  der  Handlungen  und  Ge- 
sinnungen des  Königs  gelegentlich  sich  herausnimmt.  Es  er- 
klärt sich  leicht,  dass  der  officiöse  Annalist,  der  ausserdem, 
wie  es  scheint,  Ludwig  dem  Frommen  persönlich  ergeben  war, 
unter  Karl  dem  Kahlen  als  Bischof  und  vom  Hofe  fern,  von 
den  Einflüssen  desselben  sich  emancipirt.  Den  Beziehungen 
zu  diesem  verdankte  er  aber  den  Reichthum  des  Materials, 
indem  er  auch  politische  Urkunden  benutzen,  ja  mittheilen 
konnte.  Dazu  kamen  natürlich  auch  persönliche  Verbindungen, 
wie  denn  mit  Recht  schon  hervorgehoben  worden  ist,  dass 
sich  in  den  Jahrbüchern  dieses  geborenen  Spaniers  viel  mehr 
als  sonst  Nachrichten  über  die  pyrenäische  Halbinsel  finden. 
Wenn  auch  der  Stil  des  Prudentius  nicht  den  schlichten,  tref- 


cifisch  französisch  (incl.  provenz.)  aber  ist  der  Gebrauch  von  hostis  in 
der  Bedeixtung  von  exercitus,  gemein  romanisch  hingegen  -wieder:  nullus 
in  der  Bedeutung  von  irgend  einer,  so  p.  427,  Zeile  21. 

1)  Dies  geht  aus  der  Stelle  eines  uns  erhaltenen  Briefs  des  Prudentius 
mit  Sicherheit  hervor,   in  welcher   es  heisst:    cum    repente  tandem  a 

palatinis  excubiis,  quibus  diu  inservire  coactus  fueram,  latorem 

apicura  (celsitudinis)  vestrae  Trecas,   cui  me  divina  gratia praeesse 

dignata  est,  offendi.     Vgl.  Girgensohn  S.  20. 

2)  Seite  22. 


Annales  Bertiniani :  Hincmar.  367 

fenden  objectiven  Ausdruck  zeigt,  der  die  formell  besten  Au- 
nalen  auszeichnet,  so  ist  er  doch  klar  und  für  jene  Zeit  correct. 
In  dieser  Beziehung  steht  der  dritte  Theil  zurück,  wel- 
cher von  S61.  dem  Todesjahre  des  Prudentius,  bis  SS2  reicht, 
und  dieses  Annalenwerk  beendet.  Sein  Verfasser  ist  der  Erz- 
bischof von  Eeims,  Hincmar.')  Ist  seine  Arbeit  in  formeller 
Beziehung  der  seines  Vorgängers  nachzusetzen,  so  erhebt  sie 
sich  dagegen  über  sie  noch  in  der  Fülle  des  Stoffes  und  der 
Unabhängigkeit  der  Darstellung.  Der  stolze  Erzbischof,  der 
die  erste  geistliche^  Würde  Westfranciens  bekleidend,  an  der 
Spitze  seiner  kirchlichen  Angelegenheiten  stand  und  auf  die 
politischen  den  grössten  Einfluss  ausübte,  war  durch  Stellung 
und  Charakter  dem  Zwange  höfischer  Rücksichten  entzogen. 
Er  schrieb  auch  in  der  Geschichte  seiner  Zeit  zum  guten  Theil 
seine  eigene,  wie  vieles  hatte  er  selbst  vollbracht  und  an  wie 
vielem  persönlich  Antheil  genommen!  Um  so  mehr  ist  die 
unparteiliche  Ruhe  der  Erzählung,  zumal  bei  seinem  heftigen 
Temperament,  anzuerkennen :  Hincmar  hat  ein  Bewusstsein  von 
seiner  Pflicht  als  Historiograph  gehabt,  das  ihn  vor  Entstel- 
lungen der  Thatsachen  behütete,  andrerseits  aber  auch  sein 
sittliches  Urtheil  rücksichtslos  aussprechen  oder  andeuten  Hess. 
Dieses  subjective  Moment  gibt  seinen  Jahrbüchern  einen  eigen- 
thümlichen  Reiz. 2)  Durch  die  hervorragende  Berücksichtigung 
der  allgemeinen  kirchlichen  Interessen  wie  der  Curie,  durch 
die  ausführliche  Mittheilung  von  Actenstückeu,  aber  auch  durch 
eine  häufigere  und  eingehendere  Inbetrachtuahme  der  andern 
karolingischen  Reiche,  Lotharingiens  namentlich,  ist  der  dar- 
gebotene Stoff  ein  so  reicher,  und  hat  zugleich  dieser  Theil 
der  Bertinianischen  Annalen  unter  allen  den  Jahrbüchern  jener 
Zeit  den  universellsten  Charakter.  Dieser  entspricht  fürwahr 
der  Stellung,  welche  Westfrancien  damals,  dank  der  Initiative 
seines  ehrgeizigen  Königs,  unter  den  schon  augezeigten  gün- 
stigeren Verhältnissen  in  dem  Kreise  der  karolingischen  Reiche 
einnahm.     So   hätte   man  damals   wohl   denken  können,   dass 


1)  S.  über  ihn  oben  S.  247  if.  —  Als  Annalist  nennt  ihn  Richer  im 
Prolog  seiner  Geschichte.  Die  Jahrbücher  seines  Vorgängers  hatte  Hinc- 
mar, wie  er  selbst  in  einem  Schreiben  an  den  Erzbischof  Egilo  von  Sens 
sagt,  von  Karl  dem  Kahlen  geliehen  erhalten. 

2)  Vgl.  Noorden,  Hinkmar  S.  152  f. 


368  Annales  Fuldenses:  Enhard. 

die  Kaiserkrone,  die  Karl  der  Kahle  in  der  Tbat  sich  eroberte, 
auch  für  die  Zukunft  diesem  Reiche  vorbehalten  wäre. 

In  Ostfrancien  erhielten  die  Reichsannalen  eine  Fortsetzung 
in  den  Annales  Fuldenses^):  es  ist  bezeichnend,  dass  dies  an 
dem  Hauptsitze  der  wissenschaftlichen  Bildung  Deutschlands 
damals  geschah.  Diese  Fuldaer  Annaleu  sind  bis  zum  Jahre 
838  von  einem  sonst  nicht  weiter  bekannten  Mönche,  Enhard, 
verfasst;  er  schliesst  seine  eigenen  kargen  Aufzeichnungen  an 
eine  Compilation  von  Auszügen  aus  den  älteren  Reichsannalen, 
den  kleinen  Lorscher  und  den  des  Klosters  Sithiu  (St.  Bertin), 
vermehrt  durch  einige  Zusätze."^) 

An  diese  literarisch  werthlose  Arbeit  Euhards  schliesst 
sich  nun  vom  Jahre  838  an  die  weit  bedeutendere  Fortsetzung 
Rudolfs,  des  schon  von  uns  behandelten  Schülers  Rabans^), 
welche  bis  zum  Jahre  863  reicht.  Dieselbe  ist,  wenn  nicht 
im  Auftrage  Ludwigs  des  Deutschen,  wie  Wattenbach  annimmt, 
doch  ganz  in  seinem  Sinne  verfasst^),  wie  sie  denn  ganz  spe- 
ciell  seiner  Regierungsgeschichte  gewidmet  ist:  bezeichnend 
ist  dafür,  dass  auch  in  den  ersten  drei  Jahren,  wo  noch  Lud- 
wig der  Fromme  herrschte,  der  König  Ludwig  schon  durch- 
aus in  dem  Vordergrunde  der  Erzählung  steht.  Eine  Berück- 
sichtigung des  eigenen  Klosters  zeigt  Rudolf  ebenso  wenig, 
als  Enhard  in  seiner  Fortsetzung;  ja  er  gedenkt  nicht  einmal 
der  Resignation  Rabaus  als  Abt,  während  er  von  ihm  später 
und  als  Erzbischof  gelegentlich  selbst  rein  persönliches  be- 
richtet.'')   Auch  die  andern  karolingischen  Reiche  werden,  wo 


1)  Ed.  Pertz  in:  Monum.  German.  histor.  1.  1.  p.  337  ff.  (Praef.) 

Die  Jahrbücher  von  Fulda  und  Xanten.  Nach  der  Ausg.  der  Monum. 
GeiTu.  übers,  von  Rehdantz.  Berlin  1S52.  (Geschichtschr.  d.  deutsch.  Vorz. 
IX.  Jahrh.  9.  Bd.)  (Einleitung.)  —  Wattenbach  a.  a.  0.  S.  183  ff. 

2)  S.  Simson,  Ueber  die  Annales  Enhardi  Fuldenses  und  Annales 
Sithuenses.  Jena  1863.  —  Waitz  nimmt  das  entgegengesetzte  Verhältniss 
der  beiden  Annalen  an.  S.  Forschungen  zur  deutsch.  Gesch.  Bd.  18, 
S.  354  ff. 

3)  S.  oben  S.  332  f. 

4)  Die  Begünstigung  Ludwigs  des  Deutschen  zeigt  Rudolf  sogleich  im 
Eingang  beim  J.  839,  indem  er  den  Rückzug  desselben  vor  dem  Heere 
seines  Vaters  aus  kindlichem  Pflichtgefühl  erklärt. 

5)  So  i.  J.  844  die  Uebersendung  des  Buchs  De  s.  cruce  an  den  Papst; 
so  i.  J.  850  die  Speisung  der  Armen  auf  Rabans  Gut,  Winkel. 


Annales  Fuldenses:  Rudolf.  369 

nicht  Deutschland  zu  ihnen  in  eine  unmittelbare,  meist  feind- 
selige Beziehung  tritt,  sehr  wenig  in  Betracht  gezogen;  das- 
selbe gilt  in  noch  höherem  Grade  von  den  allgemeinen  kirch- 
lichen Interessen,  so  wird  der  Schicksale  Gottschalks  und 
seiner  Lehre  in  Westfrancien  gar  nicht  gedacht.  Aus  alle  dem 
erklärt  sich  leicht,  dass  diese  Jahrbücher  weit  kürzer  als  die 
Hincmars  sind.  —  Dass  Rudolf  dem  Hofe  nahe  gestanden  hat, 
ergibt  sich  mit  Sicherheit  aus  seinem  Werke;  es  ist  sogar  nicht 
unwahrscheinlich,  dass  er  zu  den  Rathgebern  Ludwigs  gehörte. ') 
Koch  ist  bemerkenswerth,  dass  unter  allen  Orten  Mainz,  auch 
in  rein  localer  Rücksicht,  in  seinen  Annalen  bei  weitem  am 
meisten  genannt  wird,  der  Art,  dass  man,  auch  bei  Berück- 
sichtigung des  freundschaftlichen  Verkehrs  Rudolfs  mit  Raban, 
doch  an  einen  zeitweiligen  längeren  Aufenthalt  desselben  dort 
denken  könnte.  Stilistisch  erheben  sich  diese  Jahrbücher  über 
alle  andern  jener  Zeit  —  wieder  ein  Zeugniss  der  erfolgreichen 
Pflege  der  klassischen  Studien  in  Deutschland. 

Eine  weitere  Fortsetzung  bis  zum  Jahre  SS2  erhielten  die 
Fuldaer  Annalen  in  unserer  Periode  noch  von  einem  unbe- 
kannten Kleriker,  der  jedenfalls  ein  Franke,  wahrscheinlich 
wohl  auch  ein  Fuldaer  Mönch  war,  so  wenig  auch  von  ihm 
dieses  Klosters  gedacht  wird.  Er  erzählt  zum  Theil  weit  aus- 
führlicher als  sein  Vorgänger,  obzwar  nicht  iu  ganz  ebenso 
gutem  Latein,  und  berücksichtigt  auch  etwas  mehr  das  karo- 
liugische  Ausland.  Seine  Erzählung  hat  aber  weit  weniger 
den  Charakter  ruhiger  Objectivität.  Nameotlich  mag  er  nir- 
gends seinen  Hass  gegen  Karl  den  Kahlen  verbergen:  nicht 
bloss,  dass  er  seine  Habsucht  und  Feigheit  offen  brandmarkt-j, 
er  betitelt  ihn  auch  sonst  öfters  „  Tyrann  Galliens  •'  statt  König, 
namentlich  nachdem  er  der  Kaiserkrone  sich  bemächtigt,  was 
besonders  den  Zorn  unsers  Autors  erregt  zu  haben  scheint. 


1)  Hierfür  scheint  die  Stelle  namentlich  zu  sprechen,  -worin  weitläufig 
die  Bedenken  und  Erwägungen  Ludwigs  erörtert  werden,  welche  i.  J.  S5S 
seinem  Entschluss  Karl  den  Kahlen  zu  entsetzen  vorausgingen,  da  heisst 
es  denn  schliesslich:  quod  longe  aliter  esse  quam  se  vulgi  fert  opinio, 
cuncti  consiliorum  regis  conscii  veraci  sermone  testantur.  1.  1. 
p.  371,  Zeile  34  f. 

2)  So  sagt  er  von  ihm  ST5:  est  enim  lepore  timidior;  und  ST":  Quod 
cum  Karolus  comperisset,  illico  iuxta  consuetudinem  suam  fugam 
iniit. 

Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  II.  24 


370  Nithard. 

Eine  gewisse  Verwandtscliaft  mit  der  Annalistik  zeigt  eine 
pragmatische  Geschichte  der  Gegenwart,  wie  sie  in  dem  Werke 
eines  Laien,  der  an  den  von  ihm  erzählten  Begebenheiten  einen 
thatkräftigen  Antheil  genommen,  schon  damals  uns  entgegen- 
tritt —  ein  Werk,  das  ohne  Frage  den  Höhepunkt  der  Historio- 
graphie in  dieser  Periode  bezeichnet.  Es  sind  die  Libri  quat- 
tuor  Instoriurum  des  Nithaed. '} 

Nithard,  wie  er  in  seinem  Werke  selbst  sagt'-),  ein  Sohn 
des  Angilbert  und  der  Tochter  Karls  des  Grossen,  Bertha,  war, 
wie  sein  Vater,  Laienabt-')  von  St.  Riquier,  das  ihm  wohl  als 
Erbgut  zugefallen.  Seinem  Neffen  Karl  dem  Kahlen  diente  er 
als  Soldat  und  Diplomat  in  hervorragender  Weise,  und  hing 
ihm  aufs  treueste  an,  wie  er  ihm  denn  offenbar  persönlich  sehr 
zugethan  war:  vergeblich  suchte  ihn  Kaiser  Lothar  auf  seine 
Seite  zu  ziehen.  Bei  Fontanetum  hat  er  zum  Siege  Karls 
als  geschickter  und  tapferer  Führer  wesentlich  beigetragen; 
andrerseits  gehörte  er  auch  zu  denen,  welche  842  mit  der 
Theilung  des  Reichs  Lothars  von  Karl  bevollmächtigt  wurden. 
Dass  der  Sohn  eines  Angilbert,  auch  ohne  zum  Geistlichen  be- 


1)  Mthardi  historiarum  libri  IV  ed.  Pertz  in:  Monum.  German.  histor., 
Script.  Tom.  II,  p.  649  ff,  —  *Iii  usum  scholar.  Ed.  altera.  Hannover  1870. 
Meyer  von  Knonau,  Ueber  Nithards  vier  Bücher  Geschichten.  Leip- 
zig 1866.  4°.  —  Patz,  De  vita  et  fide  Mthardi.  Haller  Dissert.  1865.  — 
Kuntzemüller,  Nithard  und  sein  Geschichtswerk.  Jen.  Dissert.  Guben  1873. 
—  AA'^attenbach,  Deutschi.  Geschichtsq.  4.  Aufl.  I,  S.  171  ff. 

2)  Ende  des  5.  Kap.  des  4.  Buchs. 

3)  Ganz  dem  entsprechend  heisst  es  in  Hariulfs  Chronic.  Centulense, 
lib.  III  am  Schlüsse  des  Angilbert  gewidmeten  cap.  7 :  post  eins  sanctum 
transitum  filius  eins  Nithardus,  quem  de  regis  filia  Berta  susceperat,  Cen- 
tulensibus  iure  Abbaticio  i^raelatus;  und  wenn  der  Verfasser  dann 
fortfährt:  paucisque  diebus  in  regimine  expletis,  interemptus 
praelio,  so  wird  meines  Erachtens  damit  gesagt,  dass  Nithard  nur  kurze 
Zeit  die  Abtei  selbst  leitete,  nachdem  er  nicht  lange  vor  seinem  Tode  dort- 
hin sich  zurückgezogen  und  in  den  geistlichen  Stand  selbst  eingetreten 
war:  so  besagt  ja  auch  die  Grabschrift:  Nomen  rectoris  qui  modico 
tenuit,  und  wieder  das  Chronic.  Centul.  1.  III,  c.  5:  Is  ipse  Nithardus, 
domni  Angilberti  filius,  coenobio  huic  praefuisse  asseveratur  post  decessum 
patris,  quique  cum  paucissimis  diebus  ministrasset,  beUo  interfectus, 
iuxta  patrem  sepulturam  meruit.  Die  nach  Angilberts  Tod  bis  auf  den 
Eintritt  Nithards  in  das  Kloster  in  der  Chronik  als  Aebte  Bezeichneten 
haben  nur  das  geistliche  Kegiment  geführt. 


Historiarum  libri  IV.  371. 

stimmt  zu  sein,  eine  wissenschaftliehe  Ausbildung  erhalten, 
versteht  sich  von  selbst. 

So  erklärt  es  sich  wohl,  dass  Karl  ihn  berufen  glaubte, 
die  Begebenheiten  seiner  Zeit  der  Nachwelt  zu  überliefern, 
und  ihm  hierzu  mitten  in  dem  Bürgerkriege  im  Mai  d,  J.  841 
den  Auftrag  gab,  wie  uns  Nithard  in  dem  an  Karl  gerichteten 
Vorwort  des  ersten  Buches  mittheilt.  Der  Auftrag  war  schön, 
meint  Nithard,  wenn  nur  auch  die  Müsse  zur  Ausführung  einer 
so  bedeutenden  Arbeit  gegeben  wäre:  er  nimmt  deshalb  die 
Nachsicht  des  Königs  und  der  Leser  überhaupt  in  Anspruch. 
Indessen  vollendete  unser  Autor  die  beiden  ersten  Bücher  schon 
im  Herbst  desselben  Jahres,  denen  er  dann  die  zwei  anderen 
allmählich  folgen  Hess  bis  zum  Frühjahre  843,  wo  er  die  Arbeit 
abbrach.  Die  eigenthümliche  Bedeutung  des  "Werks  lässt  schon 
das  erste  Buch  erkennen,  das  als  historische  Einleitung  einen 
Ueberblick  über  die  Geschichte  Ludwigs  des  Frommen  gibt, 
und  zwar  zu  dem  Zwecke,  dass  der  wahre  Sachverhalt  der 
Streitigkeiten  Karls  (mit  Lotharj  jedem  Leser  leichter  offenbar 
werde  und  derselbe  erfahre,  weshalb  nach  dem  Tode  des  Vaters 
Lothar  seinen  Bruder  zu  verfolgen  beschloss.  So  beginnt  Nit- 
hard  sogleich  mit  der  Motivirung  der  Ereignisse,  welche  er 
erzählen  will.  Der  Rückblick  ist  klar,  in  prägnanter  Kürze 
gegeben  und  durchaus  in  den  Grenzen  der  ausgesprochenen 
Absicht,  indem  vornehmlich  der  Keichstheilungen  und  ihrer 
Folgen  gedacht  wird,  in  welchen  unser  Autor  mit  Recht  die 
Anfänge  der  Streitigkeiten  seiner  Zeit  sieht.  Vom  zweiten 
Buch  an  beginnt  Nithard  ihre  Geschichte,  indem  er  nunmehr 
darstellen  will,  wie  er  in  der  Vorrede  dieses  Buches  sagt,  mit 
welcher  Tüchtigkeit  und  Geschicklichkeit  Lothar  die  Verfol- 
gung seines  Bruders  Karl  ausgeführt  habe.  Er  erzählt  hier 
aus  dem  Gedächtniss'j  die  Ereignisse  von  dem  Tode  Kaiser 
Ludwigs  bis  zur  Schlacht  von  Fontanetum  (Juni  841). 

Mit  dieser  Schlacht,  die  wie  ein  Zweikampf  als  ein  Gottes- 
urtheil  aufgefasst  wurde,  sollte  eigentlich  der  Streit  für  immer 
entschieden  sein;  aber  es  war  nur  das  erste  Certamen^  mit 
dessen  Ende,  wie  Nithard  sagt,  er  sein  zweites  Buch  schliesst. 
Gern  hätte  er  damit  seine  Arbeit  ganz  geendet,  wie  er  im  Ein- 
gänge   des   dritten   bemerkt,    denn,    schäme   er  sich   schon, 


1)  Prout  memoria  viresque  suppleverint.    Praef.  libri  U. 

24- 


372  Nithard. 

■wenn  er  etwas  schlimmes  von  seinem  Volke  höre,  so  müsse 
ihn  noch  mehr  verdriesseu  es  zu  berichten;  nur  damit  nicht 
ein  andrer  die  Ereignisse  anders  als  sie  sich  begeben,  zu  er- 
zählen sich  herausnehme,  habe  er  sich  bequemt,  von  dem,  bei 
welchem  er  selbst  dabei  war,  ein  drittes  Buch  hinzuzufügen. 
Und  so  erzählt  er  denn  hier  den  zweiten  Feldzug  Karls  gegen 
Lothar,  welcher  nach  dem  durch  den  Strassburger  Vertrag  neu 
besiegelten  Bündniss  Karls  mit  Ludwig')  vor  den  alliirten 
Heeren  nach  dem  Süden  bis  zur  Rhone  entweicht  (März  842). 
Von  diesem  Buche  an  folgte  der  Autor  gewiss  mit  der  Feder 
den  Ereignissen,  und  so  finden  sich  denn  hier  mehrere  kleinere 
oder  grössere  Episoden,  die  mit  der  Haupthandlung  in  einer 
nur  geringen  Verbindung  stehen;  unter  ihnen  ist  (c.  6)  von 
besonderem  Interesse  die  Schilderung  des  Zusammenlebens  der 
verbündeten  Könige  in  Worms  und  der  Kampfspiele  ihrer  aus 
den  verschiedensten  Nationen  aufgeboteneu  Truppen  —  so 
werden  hier  Sachsen,  Basken,  Austrasier  und  Britten  genannt. 
In  dem  letzten  Buche,  welches  die  Zeit  bis  zum  Früh- 
jahre 843,  also  ein  Jahr  umfasst,  und  namentlich  also  die  Ver- 
handlungen begreift,  welche  dem  Vertrage  von  Verdun  voraus- 
gingen, nimmt  Nithards  Werk,  zumal  gegen  Ende,  immer  mehr 
den  Jahrbuchscharakter  an,  indem  Notizen  von  Begebenheiten 
eingeschaltet  werden,  die  gar  keinen  Bezug  zu  dem  Bürger- 
kriege haben  und  auch  an  sich  von  keiner  Wichtigkeit  sind, 
wie  eine  Plünderung  der  Normannen  (c.  3),  die  Translation 
Angilberts  (c.  5),  die  Eroberung  von  Beneveut  durch  die  Mau- 
ren (c.  6)  u.  dgl.  Auch  mancherlei  Naturereiguisse  finden  sich 
hier  aufgezeichnet.  Ja  mit  einer  Betrachtung,  welche  dieselben 
veranlassen,  schliesst  der  Verfasser  das  Buch.  Der  harte  Win- 
ter, der  tief  in  den  März  hineinreicht,  den  Früchten  wie  dem 
Vieh  verderblich,  erscheint  ihm  als  eine  Strafe  des  Himmels 
für  den  Egoismus  der  Menschen,  die  das  öffentliche  Wohl  um 
ihres  Eigennutzes  willen  vernachlässigen,  so  dass  überall  Zwie- 
spalt und  Streit  sich  zeigt.  Wie  ganz  anders  war  alles  zu  Karls 
des  Grossen  Zeiten,  wo  Friede  und  Eintracht  herrschte,  und 
auch  die  Natur  ihren  reichen  Segen  spendete! 


1)  Hier,  c.  5,  theüt  denn  Nithard  bekamitlicli  die  Eide  in  romanischer 
und  deutscher  Sprache  mit,  mit  -welchen  die  Könige  und  ihre  Völker  das 
Bündniss  beschworen. 


Historiariim  libri  lY.  373 

Diese  traurige  Schlussbetraehtuug  entspricht  ganz  dem 
Vorwort  dieses  Buches,  wo  Nithard  nicht  allein  den  Wunsch 
wiederholt,  die  Arbeit  aufzugeben,  sondern  auch  den  andern 
ausdrückt,  sich  vom  öffentlichen  Leben  ganz  zurückzuziehen. 
Aber  weil  er,  noch  auf  stürmischem  Meere  herumgetrieben, 
nicht  wisse,  in  welchen  Hafen  er  getragen  werde,  so  stehe 
nichts  im  Wege,  wenn  er  etwas  Müsse  finde,  das  Werk  fort- 
zusetzen. „So  will  ich  denn,"  schliesst  er  dort,  „mit  einem 
vierten  Buche  mich  beschäftigen,  und  wenn  ich  sonst  in  Zu- 
kunft nichts  werde  nützen  können,  wenigstens  hierin  den  Xebel 
desirrthums  den  Nachkommen  durch  meine  Arbeit  zerstreuen."') 

Aus  diesem  Vorwort  des  letzten  Buches,  das  vor  der  Ab- 
fassung desselben  geschrieben  ist,  geht  hervor,  dass  Xithard 
seiner  Theilnahme  an  den  Staatsangelegenheiten  müde  war, 
wohl  auch  deshalb,  weil  der  König  auf  seinen  Rath  weniger 
hörte-);  den  Hafen  fand  er,  vielleicht  noch  vor  Beendigung  des 
Buchs,  in  seinem  Kloster,  wo  er,  wie  ich  glaube  'j,  jetzt  wirk- 
lich geistlicher  Abt  wurde ;  und  bald  danach,  vor  dem  Sommer 
des  Jahres  S44,  fiel  er,  noch  einmal  zum  Schwerte  greifend^), 
vielleicht  bei  einem  Augriffe  der  Normannen  auf  das  Kloster. 

Die  Bedeutung  seines  Werks  liegt  in  der  Pragmatik,  der 
Schwerpunkt  in  dem  ersten  Buche:  es  ist  seiner  Anlage  nach 
die  erste  politische  Geschichte,  und  dieser  Anlage  ent- 
sprechen auch  die  beiden  ersten  Bücher,  während  die  andern, 
im  Laufe  der  Begebenheiten  aufgeschrieben,  bei  dem  Mangel 
historischer  Perspective  in  eine  annalistische  Darstellung  mehr 
und  mehr  sich  verlieren.  Nithard  nimmt  einen  Parteistand- 
punkt ein,  wie  jeder  politische  Historiker  der  „Gegenwart"; 
wie  dies  an  und  für  sich  selbstverständlich,  so  gibt  dies  auch 
Nithard  offen  zu  erkennen.  Nur  in  so  weit  aber  erscheint  in 
dem  grössten  Theile  des  Werks  die  Darstellung  eine  subjective, 
—  vom  Memoirenstil   hat  sie   da  nichts  —  natürlich  von  den 


1)  Ergo  huic  rerum  operi  quarto  assistam,  et  si  in  ceteris  rebus  futuris 
prodesse  neqiiivero,  saltem  in  bis  erroris  nubeculam  proprio  labore  poste- 
ris  detergam. 

2)  Darauf  scheint  mir  die  in  der  vorigen  Amnerk.  citirte  Stelle  si  in 
ceteris  etc.  hinzudeuten;  wie  dies  schon  Pätz  annahm  1.  1.  p.  7. 

3)  S.  oben  S.  370  Anm.  3. 

4)  So  besagt  auch  das  Epitaphium;  dasselbe  tindet  sich  auch  bei 
Wattenbach  S.  174. 


374  Gesta  Pontificum  Romanoriim. 

Prologen  abgesehen;  diese  aber,  wie  der  Schluss,  erwecken 
die  lebendigste  Tbeilnahme  an  dem  Autor,  und  erhöhen  da- 
durch das  allgemeine  menschliche  Interesse  an  den  von  ihm 
erzählten  Begebenheiten.  Auch  in  dem  Stile  besitzt  das  Werk 
einen  Reiz,  denn  er  hat  einen  sehr  individuellen  Charakter; 
es  ist  unschwer  zu  erkennen,  dass  ein  zwar  literarisch  gebil- 
deter, aber  ganz  und  gar  nicht  gelehrter  Soldat  und  Staats- 
mann die  Feder  führt:  er  fasst  sich  kurz,  er  liebt  keine  langen 
Perioden ;  viele  und  schöne  Worte  machen  zu  wollen,  fällt  ihm 
nicht  ein,  und  dies  um  so  weniger,  als  sein  Wortschatz  ein 
dürftiger  ist;  wie  oft  kehren  dieselben  Worte  und  Wendungen 
wieder!  Auch  vergreift  er  sich  in  den  Ausdrücken  und  wird 
selbst  zuweilen  durch  Incorrectheit  dunkel. 


ZWEIÜNDZWANZIGSTES  KAPITEL. 

GESCHICHTEN    VON    BISTHÜMERN    UND     KLÖSTERN. 

Die  chronistischen  Werke,  die  einzelnen  Gebieten  gewid- 
met sind,  betreffen  in  dieser  Periode  nur  geistliche :  Bisthümer 
oder  Klöster,  indem  sich  die  Darstellung  unter  geringerer  oder 
grösserer  Einmischung  des  biographischen  Elements,  an  die 
leitenden  Persönlichkeiten  reiht,  die  Bischöfe  und  Aebte.  Das 
älteste  und  wichtigste  dieser  Werke,  das  den  andern  zum  Vor- 
bilde gedient  hat,  ist  der  Liher  pontißcalis  oder  Gesta,  auch 
Vitae  pontißcum  Romanorum  betitelt.')  Es  enthält  zunächst 
die  Geschichte  der  einzelnen  Päpste  bis  Stephan  VI.  (incl.),  der 
von  885  bis  891  den  römischen  Stuhl  einnahm.  Zwei  Theile 
lassen  sich  aber  in  dieser  ersten  Hauptpartie  —  dem  Grund- 
werk, das  später  eine  Fortsetzung  fand  —  unterscheiden,  von 


1)  Ed.  Bianchhii.  Rom  1718.  4  Tom.  fol.,  danach  in:  Muratori,  Rerum 

italicar.   Scriptores   T.  III. Piper,   Einleitung   in  die  monumentale 

Theologie.  Gotha  1867.  S.  315  ff.  —  Duchesne,  Etüde  sur  le  libre  ponti- 
ficalis.  Paris  1877.  —  Waitz,  Ueber  die  verschiedenen  Texte  des  über 
pontif.  im  N.  Archiv  Bd.  IV.  —  S.  über  den  heutigen  Stand  der  Frage 
nach  dem  Alter  und  dem  Verhältniss  der  verschiedenen  Texte:  Waitz  in 
der  Histor.  Zeitschr.  1880.  S.  1^5  ff'. 


Agiiellus.  Liber  pontif.  eccles.  Ravennatis.  375 

welchen  der  erste  mit  Conon  (6S6  bis  6S7)  abschliesst.  Dieser 
ist  auf  Grimd  eines  Papstcatalogs  aus  der  Mitte  des  vierten 
Jahrhunderts,  und  unter  Benutzung  der  Aufzeichnungen  des 
päpstlichen  Archivs,  der  Inschriften  und  mündlicher  Tradition 
ausgeführt.  Die  Vitae  sind  kurz,  annalistisch  in  der  Darstellung, 
obwohl  meist  nur  ganz  allgemeine  Zeitangaben  —  abgesehen 
von  der  Dauer  des  Pontiticats  —  sich  finden;  annalistisch 
auch  in  der  Art  der  Auswahl  des  Stoffes:  kurze  persönliche 
Angaben,  die  wichtigsten  politischen  Ereignisse,  die  das  Papst- 
thum  und  Rom  betreffen,  Häresien,  Naturereignisse;  eine 
ganz  besondere  Berücksichtigung  aber  wird  den  ausgeführten 
Bauten  und  erworbenen  Kirchengeräthen  zu  Theil.  Der  zweite 
Theil  ist  das  Werk  verschiedener  Verfasser,  die  den  ersten 
successive  fortsetzten,  zum  Theil  selbst  als  Zeitgenossen.  Die 
Vitae  sind  hier  umfangreicher,  manche,  wie  die  Hadrians, 
Leo's  III.  und  Leo's  IV.,  selbst  sehr  ausführlich,  indem  jetzt 
auch  auswärtige  Begebenheiten,  die  in  keiner  näheren  Be- 
ziehung zu  dem  Papstthum  stehen,  berichtet  werden.  Die 
Darstellung  gewinnt  zugleich  an  Lebendigkeit  und  individueller 
Färbung.  ^) 

Wie  schon  dem  Paulus  Diaconus  bei  seinen  Gesta  pon- 
tificum  Mettensium  das  römische  Pontificalbuch  Vorbild  war, 
so  ist  dies  ingleichen  der  Fall  gewesen  bei  einem  weit  be- 
deutenderen Werke  Italiens,  dem  Über  pontißcalis  ecclesnie 
Ravennali.s  des  Agnellus.-)  Agnellus,  der  auch  Andreas  hiess, 
stammte  aus  einer  edlen  und  reichen  Familie  Ravenna's  und 
war  um  d.  J.  805  geboren.  Schon  als  Kind  zum  geistlichen 
Stande  bestimmt,  kam  er  früh  für  Geld  und  durch  Erbschaft 
in  den  Besitz  von  ein  paar  Klöstern  und  wurde  Presbj^ter  der 
Kirche  seiner  Vaterstadt.  Durch  seine  Gelehrsamkeit  angesehn, 
wurde  er  von  seinen  geistlichen  Brüdern  (den  andern  Pres- 
bytern) um  Abfassung  des  Werkes  gebeten,  das  er  vor  d.  J,  838 


1)  Früher  nahm  man  irrthümlich  als  Verfasser  des  ganzen  oben  be- 
trachteten Grundwerks  den  römischen  „Bibliothekar"  Anastasius  an 
(der  um  8S6  starb  und  verschiedene  Werke  aus  dem  Griechischen  über- 
setzt hat),  ihm  ist  aber  höchstens  die  Tita  Nicolaus'  I.  beizulegen. 

2)  Ed.  Holdei'-Egger  in:  Mommi.  German.  histor.,  Script,  rer.  Lango- 
bard.  saec.  YI-IX.  p.  265  ff.  (Praef.) Piper  a.  a.  0.  S.  349  ff. 


376  AgneUus. 

begann   und  allmählich   es  fortführend'),   erst  nach   846    etwa 
beendete,  da  er  mit  dem  Erzbischof  Georgius  schliesst.-) 

Bei  der  Ausführung  seiner  Aufgabe  die  Wirksamkeit  der 
einzelnen  Bischöfe  von  Ravenua  zu  schildern,  verfährt  Agnellus 
zwar  in  ähnlicher  Weise,  als  das  römische  Pontificalbuch ,  in- 
dem er  in  chronologischer  Reihenfolge  einen  Bischof  nach  dem 
andern  vorführend,  die  Handlungen  derselben  berichtet  und 
dabei  namentlich  auch  der  Bauten  und  des  Schmuckes  wie  der 
Geräthe  der  Kirchen  gedenkt,  aber  er  unterscheidet  sich  schon 
in  dieser  Beziehung  von  semem  Vorbilde  insofern  er  nicht  auf 
blosse  Angaben  jener  sich  beschränkt,  sondern  die  Gebäulich- 
keiten  und  Kunstwerke  beschreibt,  wo  nicht  selbst,  doch  durch 
Mittheilung  schildernder  Gedichte,  die  sich,  wie  es  ja  schon 
lange  Sitte  war,  als  Inschriften  daran  fanden ;  ja  er  geht  noch 
weiter  und  benutzt,  wohl  der  erste,  die  Werke  der  monumen- 
talen Kunst  als  Geschichtsquelle,  wie  er  dies  auch  selbst  sagt.^) 
So  gibt  er  auch  nicht  selten  nach  Portraits  ein  Bild  des  Aeussern 
der  Bischöfe.  Auch  ist  die  mündliche  Tradition,  auf  die  er 
sich  häufig  beruft^),  in  weit  ausgedehnterer  Weise  seine  Quelle 
gewesen,  wie  er  denn  gern  selbst  ganz  lange  fromme  Sagen 
und  Anekdoten  seiner  Darstellung  einflicht.  Ja  er  scheut  sich 
sogar  nicht  (was  er  offen  eingesteht)  da,  wo  das  Material  ihm 
ganz  fehlt,  ein  Charakterbild  aus  der  Phantasie  zu  entwerfen.^) 


1)  Indem  er  es  stückweis  den  Brüdern,  die  ihn  fortwährend  um  die 
Fortsetzung  drängten,  vorlas,  s.  z.  B.  c.  38  u.  39,  c.  62. 

2)  Von  dem  man  annimmt,  dass  er  um  d.  J.  846  gestorben  ist. 

3)  S.  unten  Anm.  5  die  im  Druck  hervorgehobenen  Worte. 

4)  Allerdings  mitunter  auch  unwahrer  Weise ,  da  wo  eine  schriftliche 
Quelle  ihm  vorlag,  wie  dies  in  Betreff  der  Kavennater  Annalen  von  Holder- 
Egger  nachgewiesen  ist. 

5)  S.  De  s.  Exuperantio  (p.  297),  wo  er  sich  zugleich  gelegentlich  über 

seine  Quellen  äussert: Et  ubi  inveni  quid  illi  (fratres)  certius  fece- 

runt,  vestris  (legentium)  aspectibus  allata  sunt,  et  quod  per  seniores  et 
longaevos  audivi,  vestris  oculis  non  defraudavi;  et  ubi  istoriam  non  inveni 
aut  qualiter  eorum  vita  fuisset,  nee  per  annosos  et  vetustos  homines,  ne- 
que  per  haedifi  cationem,  neque  per  quamlibet  auctoritatem,  ne  intervallum 
sanctorum  pontiticum  fieret,  secundum  ordinem,  quomodo  unus  post  alium 
hanc  sedem  optinuerunt,  vestris  orationibus  me  Deo  adiuvante,  illorum  vi- 
tarn  composui,  et  credo  non  mentitum  esse,  quia  et  horatores  fuerunt  casti- 
que  et  eleemosinarü  et  Deo  animarum  hominum  acquisitores.  De  vero 
illorum  effigie  si  forte  cogitatio  fuerit  inter  vos,  quomodo  scire  potui: 


Liber  pontif.  eccl.  Ravennatis.  377 

Von  Büchern  hat  er  nur  wenige  benutzt;  dagegen  hat  er  vieles 
aus  den  Urkunden  des  Raveunatisehen  Archivs  geschöpft. 

Wie  er  selbst  einen  regen  Sinn  für  Kunst  und  Poesie  be- 
sass,  so  theilt  er  auch  Inschriften  in  Versen  mit,  wo  sie  auch 
nicht  zur  Beschreibung  dienen,  wie  auf  Gräbern  und  auch  sonst. 
Hierdurch  erhält  sein  Werk  noch  ein  besonderes  literarhisto- 
risches Interesse.  Er  selbst  hat  auch  zwei  eigene  Gedichte  in 
dem  Werke  gegeben.  Das  eine,  an  der  Spitze  desselben,  ent- 
hält ein  Gespräch  in  Hexametern  zwischen  dem  Dichter  und 
seinen  Mitpresbyteru ,  worin  sich  jener  nach  einigem  Sträuben 
bereit  erklärt,  ihre  Bitte  zu  erfüllen  und  das  Werk  zu  ver- 
fassen ;  es  schliesst  mit  einigen  adonischen  Versen.  Das  andre 
Gedicht,  das  dem  Vorworte  folgt,  wie  das  erste  ihm  voraus- 
geht, ist  ein  Acrostichon  von  zehn  Distichen  auf  den  heiligen 
„ Apolinaris ",  mit  welchem,  als  einem  Schüler  des  Apostels 
Petrus,  die  Reihe  der  Bischöfe  Ravenna's  sich  eröffnet.  —  Wie 
die  ganze  Darstellung  des  Agnellus  einen  recht  subjectiven 
Charakter  hat,  indem  er  manches  persönliche  einmischt  und 
von  Parteilichkeit  sich  durchaus  nicht  frei  hält,  so  auch  sein 
Stil;  er  ist  ungleich,  in  der  Erzählung  im  Ganzen  einfach 
und  natürlich,  zuweilen  aber  durch  poetische  Ausdrücke  und 
Phrasen,  die  namentlich  dem  Virgil  entlehnt  sind,  schwül- 
stig und  geziert.  Daneben  finden  sich  auch  episodisch  Be- 
trachtungen im  salbungsvollen  Kanzelstil.  Bei  der  sehr  schlech- 
ten Ueberlieferung  lässt  sich  über  die  Sprache  kaum  ein  Ur- 
theil  fällen. 

Um  dieselbe  Zeit  wurde  nach  demselben  Vorbilde  in 
Westfrancien  auch  die  Geschichte  eines  Klosters  geschrieben 
in  den  Gesla  abbatum  Fontanellensium^)\  es  ist  das  Kloster 
Fontanelle  oder  St.  Vandrille.  Der  Verfasser,  dessen  Namen 
unbekannt,  war  ein  Mönch  desselben  und  führt  sein  Werk  bis 
zum  Tode  des  Ansegis  833.  Bei  dem  Leben  dieses  wie  bei 
dem  des  Stifters  verweilt  er  am  längsten.  Das  Kloster  wurde 
von  Wandregisil,  einem  Vetter  des  älteren  Pippin,   der  zuerst 


sciatis,  me  pictura  docuit,  quia  semper  tiebant  imagines  suis  tempori- 
bus  ad  ülorum  similitudinem. 

1)  In:   Monum.  German.    histor. ,    Script.  T.   11,   p.  270  ff.    Ed.  Pertz. 
(Praef.).  — 


378  Gesta  abbat.  Fontanellensium. 

Laie,  Pfalzgraf  und  Herzog-,  war,  dann  sich  dem  asketischen 
Leben  weihte,  in  der  Nähe  von  Ronen  gegründet  (645).  Die 
Geschichte  dieser  Aebte,  die  auch  einiger  merkwürdiger  Mönche 
besonders  gedenkt'),  gibt  ein  anschauliches  Bild  von  den 
Schicksalen  eines  Klosters  im  Frankenreiche  im  siebenten  und 
achten  Jahrhundert.  Merkwürdig  ist,  wie  oft  Fontanelle  von 
Bischöfen  (von  Ronen  und  von  Reims)  und  Aebten  anderer 
Klöster  regiert  wurde.  Auch  Laien  fehlten  unter  seinen  Rec- 
toren  nicht.  Den  Hauptinhalt  dieser  Gesta  bildet  die  Mit- 
theilung der  Erwerbungen  des  Klosters  an  Grundbesitz  und 
andrerseits  ihrer  Verluste  vornehmlich  in  Folge  von  Säculari- 
sation^),  ferner  der  von  den  Aebten  geschenkten  und  vererbten 
Kirchengeräthe ,  Gewänder  und  auch  Bücher,  sowie  ihrer 
Bauten.  In  beiden  Beziehungen  zeichnete  sich  namentlich  der 
sehr  reiche  und  hochgebildete  Ansegis  aus,  der  seit  823  dem 
Kloster  vorstand ,  und  zugleich  noch  ein  paar  andre  besass. 
Wie  er  unter  Einhards  Oberleitung  die  königlichen  Bauten  in 
Achen  ausgeführt  hatte,  so  restaurirte  er  und  errichtete  auch 
neu  manche  Gebäude  des  Klosters  und  Hess  sie  auch  mit 
Wand-  und  Deckengemälden  schmücken ;  andrerseits  verbesserte 
er  den  Landbau  und  stellte  die  Regel  Benedicts  wieder  her; 
er  schenkte  auch  diesem  Kloster,  wie  einem  andern,  eine  nicht 
geringe  Zahl  Bücher^),  namentlich  Werke  des  Augustin,  Am- 
brosius,  Hieronymus  und  Beda,  welche  im  Verein  mit  einer 
frühereu  Schenkung,  des  Abtes  Wando  in  den  vierziger  Jahren 
des  achten  Jahrhunderts^),  eine  stattliche  Büchersammlung  schon 
bildeten.  Dazu  kamen  noch  eine  Anzahl  Bände,  welche  unter 
dem  Vorgänger  des  Ansegis   ein  Mönch   des  Klosters,   der  in 


1)  Leider  ist  sie  nur  rait  einer  Lücke  überliefert,  indem  die  Gesta  der 
drei  auf  den  Stifter  folgenden  Aebte,  sowie  der  Schluss  des  Lebens  des 
Wandregisil  in  der  Handschrift  fehlen. 

2)  Vgl.  Roth,  Die  Säcularisation  des  Kirchengutes,  im  Münchener  hi- 
stor.  Jahrbuch  für  1865. 

3)  Er  muss  eine  bedeutende  Bibliothek  gehabt  haben,  wie  man  sieht, 
wenn  man  die  nicht  eimnal  vollständige  Liste  der  dem  Kloster  Flaviacum 
geschenkten  Bücher  (p.  295)  mit  den  Fontanell  gegebenen  verbindet. 

4)  S.  c.  13  (p.  287).  Unter  diesen  Büchern,  die  selbstverständlich 
grösstentheüs  theologische  waren,  werden  doch  auch  genannt  die  „Historia 
Jordani,  episcopi  Ravennatis  ecclesiae,  de  origine  Getarum"  und,  was  noch 
interessanter,  die  „Historia  Apollonii  regis  Tyri." 


Constructio  Fai-fensis.  379 

einer  Cella  desselben  einsiedlerisch  lebte,  der  Presbyter  Harduiu 
selbst  geschrieben  hatte.  Dieser  machte  sich  auch  durch  seinen 
Unterricht  in  der  Arithmetik  und  in  der  Schreibkunst  verdient 
zu  derselben  Zeit,  wo  sein  Abt  Gervold  die  Klosterschule  für 
die  ganz  ungebildeten  Mönche  gründete,  und  selbst  recht  musi- 
kalisch, sie  im  Gesang  unterrichtete  (c.  16,  p,  292).  Politische 
Nachrichten  finden  sich  wenige  und  diese  sind  —  von  solchen 
abgesehen,  die  das  Kloster  unmittelbar  berührten  —  fast  alle 
bekannten  Werken,  wie  Fredegar,  den  Reichsannalen  u.  s.  w. 
entlehnt.  Die  Hauptquellen,  aus  denen  der  Verfasser  schöpfte, 
sind  Klosterurkunden  und  mündliche  Tradition"),  wozu  dann 
noch  die  alte  Vita  des  Stifters  kommt.-) 

Auch  eine  kurze  Chronik  dieses  Klosters  vom  Jahre  841 
bis  859  hat  sich  erhalten. -^ 

Noch  ist  aus  dieser  Periode  die  Geschichte  eines  Klosters 
Italiens  zu  erwähnen,  des  im  Sabinerlande  zwischen  Rom 
und  Reate  gelegenen,  der  heil.  Jungfrau  gewidmeten  Farfa  — 
so  genannt  nach  einem  Flusse  in  seiner  Nähe.  Diese  Geschichte 
von  Farfa  geht  bis  zum  Jahre  857,  und  ist  wohl  nicht  lange 
danach  verfasst  worden.  Den  grössteu  Raum  nimmt  in  ihr  die 
ausführliche  Erzählung  von  der  Gründung  des  Klosters  und 
dem  ersten  Abte  Thomas  ein;  daher  ist  denn  die  Schrift  Con- 
structio Farfensis  betitelt  worden.^)  Thomas  (starb  720),  ein 
Presbyter  Galliens,  hatte  eine  Pilgerfahrt  nach  Jerusalem  unter- 
nommen: dort  wird  ihm,  während  er  am  heil.  Grabe  Gott  an- 
fleht, ihm  den  Weg  des  Heiles  zu  zeigen,  eine  Erscheinung 
der  Jungfrau,  die  einen  Ort  im  Sabinerlande  bezeichnet,  wo 
mitten  im  Walde  bei  drei  hohen  Cypressen  eine  ihr  geweihte 
Basilika  steht;  dort  solle  er  leben,  um  seinen  Wunsch  erfüllt 
zu  sehen.     Nach   manchem   vergeblichen  Versuche  gelingt    es 


1)  Dieser  wird  lunständlich  gedacht  bei  der  Erzählung  von  einem 
Einsiedler  W\o  (aus  dem  Anfang  des  achten  Jahrhunderts),  wo  es  heisst: 
Audivi  nempe  narrantem  quendam  venerabilem  senem,  qui  ab  eo  didicit. 
qui  ipsum  Müonem  multo  tempore  vidit c.  4  (p.  278). 

2)  Herausgeg.  von  Arndt  in :  lüeine  Denkmäler  aus  der  Merovingerzeit. 
Hannover  1875. 

3)  Monum.  Germ.  bist.  1.  1.  p.  301  ff. 

4)  Ed.  Bethmann  in  Monum.  Gennan.  histor..  Script.  T.  XI,  p.  519  ff. 
(Praef.)- 


380  Frechulf. 

Thomas  auch  eleu  Ort  zu  fiuden,  wo  er  denn,  unterstützt  von 
dem  Herzog  von  Spoleto,  ein  Kloster  gründet.  Noch  wird  von 
ihm  eine  Cella  desselben  am  Vulturnus  zunächst  für  drei  edle 
junge  Beneventer,  die  sich  der  Askese  weihen,  errichtet.  — 
Der  andern  Aebte  bis  zum  vierzehnten,  der  857  starb,  wird 
meist  nur  in  wenigen  Zeilen  gedacht,  in  kurzer  Charakteristik, 
ähnlich  wie  in  den  libri  pontificales.  Sie  waren  fast  alle 
Franken.  Einer,  Alanus  (759— 69)  war  ein  Gelehrter,  der  viele 
Jahre  als  Eremit  lebend  mit  Abschriften  von  Codices  sich  be- 
schäftigte, die  er  „wundervoll"  ausführte;  aber  er  war  kein 
Menschenkenner,  denn  zu  seinem  Nachfolger  erwählte  er  einen 
Angelsachsen  Wigbert,  der  bei  seinen  rohen  Sitten  die  Mönche 
so  tyrannisirte ,  dass  sie  die  weltliche  Macht  zu  Hülfe  riefen, 
ihn  zu  vertreiben. 


DREIUNDZWANZIGSTES  KAPITEL. 

WELTCHRONIK;    FRECHULF,   ADO. 

Auch  die  Weltchronik  fand  in  diesem  Zeitraum  eine, 
und  sogar  doppelte  Bearbeitung:  einmal  von  Fkechulf i),  dem 
Bischof  von  Lisieux,  der,  wie  wir  sahen,  Kaban  zur  Abfassung 
seines  Commentars  zum  Pentateuch  aufgefordert  hatte.  Er  war 
ein  Schüler  des  Presbyter  Helisachar,  des  einflussreichen  Kanz- 
lers Ludwigs  des  Frommen.  Dank  seiner  Gelehrsamkeit  und 
der  Gunst  dieses  Fürsten,  dem  er  auf  das  treueste  anhing, 
wurde  er  um  824  in  der  Angelegenheit  der  Bilderverehrung  an 
den  Papst  nach  Rom  gesandt.  Bald  danach  mag  er  sein  Werk 
in  Angriff  genommen  haben,  das  er  vor  830  beendete. 2)     Die 


1)  Freculfi,  episcopi  Lixoviensis,  Chronicorum  Tomi  II.  Coloiiiae  1530. 

In:    Biblioth.   patrum  u.   in  Migne's  Patrol.  lat.  T.  106. Grünauer, 

De  fontibus  Historiae  Frechulfi.  Dissert.  Zürich  1864.  (Gibt  zugleich  Er- 
gänzungen des  ersten  Buchs  aus  dem  S.  Galler  Cod.)  —  Histoire  litter. 
de  la  France  T.  V,  p.  77  ff.  —  Wattenbach,  Deutschi.  Geschichtsq.  4.  Aufl. 
S.  177  ff. 

2)  Das  letztere  ergibt  sich  aus  der  Widmung  des  zweiten  Theils,  nicht 
bloss  weil  er  hier  Judith  felicissima  nennt,  sondern  viel  sicherer  noch 
aus  dem  Prädicat  invictus,  das  er  dort  dem  Kaiser  Ludwig  gibt:  das  war 


Welt  Chronik.  381 

Aufforderung  zu  demselben  war  ihm  von  Helisachar  gekommen, 
der  r unersättlich  in  seiner  Liebe  zur  Weisheit"  war.  Freehulf, 
dessen  Namen  noch  manche  Synodalverhandlungen  zeigen, 
lebte  bis  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts. 

Sein  "Werk  besteht  aus  zwei  Theilen,  die  selbständig 
edirt  sind.  Der  erste  ist  dem  Helisachar  gewidmet  und  be- 
handelt die  Weltgeschichte  bis  zu  Christi  Geburt,  und  nur  so 
weit  hatte  der  Kanzler  das  Werk  verlangt,  wie  die  Widmung 
besagt;  der  zweite  Theil  führt  dasselbe  bis  zum  Tode  Gregors 
des  Grossen,  indem  jedoch  am  Schluss  noch  anhangsweise  be- 
richtet wird,  wie  Bonifaz  (IV.)  das  Pantheon  vom  Kaiser 
Phocas  erhielt.')  Dieser  Theil  ist  aber  der  Kaiserin  Judith, 
welche  der  Verfasser  mit  galantem  Lob  überschüttet,  gewid- 
met; er  soll  zur  Unterweisung  ihres  Sohnes  Karl  dienen.  Der 
erste  Theil  begreift  sieben,  der  zweite  fünf  Bücher;  jedes  Buch 
aber  wieder  eine  grössere  Zahl  Kapitel.  Wie  sich  schon 
hieraus  ergibt,  ist  diese  Weltchronik  eine  Weltgeschichte  in 
zusammenhängender  Erzählung. 

Die  Gliederung  des  Stoffes  ist  die  folgende,  zunächst  des 
ersten  Theils.  Wie  Orosius,  und  mit  der  aus  ihm  wörtlich 
entlehnten  Motivirung,  beginnt  Frechulf  seine  Geschichte,  statt 
mit  Xinus,  wie  Eusebius,  vielmehr  mit  Adam  und  führt  sie 
im  ersten  Buche  bis  Abraham ,  von  dem  indessen  hier  schon 
ausführlich  gehandelt  wird.  Das  zweite  Buch  beginnt  mit 
Ninus,  bei  dem  und  dessen  Nachfolgern  Abrahams  von  neuem 
gedacht  wird,  und  geht  bis  auf  David,  insbesondere  die  Vor- 


nach  S3(i  auch  emem  Schmeichler  nicht  mehr  möglich  zu  sagen.  Dass  er 
das  "SVerk  erst  nach  der  italienischen  Reise  begonnen,  ist  wahrscheinlich, 
Tveü  ihm  auf  dieser  Avohl,  yrie  auch  Wattenbach  meint,  die  Gelegenheit  ge- 
boten ward ,  dem  Büchermangel  abzuhelfen ,  über  den  er  gegen  Raban  — 
mindestens  nach  822.  in  welchem  Jahre  Raban  Abt  wurde  —  klagt.  Vgl. 
oben  S.  130. 

1)  Frechulf  sagfe  selbst  gegen  Ende  des  letzten  Kapitels:  Igitur  a  na- 
tivitate  Domini  Jesu  Christi  ob  amorem  dominae  meae  Augustae  Judith 
aggressus  sum  opus  quod  usque  ad  Gregorii,  eximii  doctoris. 
ob i tum  perduxi.  De  gestis  etiam  Bonifatii  ])apae  quaedam  deinceps 
praeUbando  perstrinxi Er  identiticirt  aber  da  Bonifaz  lY.  mit  Boni- 
faz III.,  indem  er  von  demselben  Papst  zugleich  noch  berichtet,  dass  Phocas 
den  römischen  Bischofssitz  als  omntwn  ecclesiarum  fo/;?// anerkannt  habe; 
Bonifaz  III.  hatte  dies,  aber  auch  nicht  als  Papst,  sondern  als  Gesandter 
Gregors  durchgesetzt. 


382  Frechulf. 

bereitungen  zum  Bau  des  Tempels  von  Jerusalem.  Von  hier 
an  erstreckt  sich  das  dritte  Buch  bis  zur  zweiten  Wieder- 
herstellung desselben  unter  Darius.  Das  vierte  reicht  bis  auf 
die  vollständige  Unterwerfung  Italiens  unter  Kom  nach  dem 
Tode  des  Pyrrhus;  das  fünfte  bis  zur  Verwüstung  des  Tem- 
pels durch  Antiochus  und  den  Untergang  des  macedonischen 
und  carthagischen  Reiches;  das  sechste  geht  bis  auf  Pom- 
peius,  das  siebente  endlich  bis  zu  Christi  Geburt. 

Wie  sich  unschwer  erkennen  lässt,  geht  diese  Gliederung 
des  Stoffes  in  der  Hauptsache  theils  auf  das  in  der  Civitas 
dei  aufgestellte  System  der  Weltalter'),  theils  auf  das  der  Welt- 
reiche'-), die  Eintheilung  des  Werks  des  Orosius^),  zurück: 
das  erste  Buch  soll  nämlich  die  zwei  ersten  Weltalter  umfassen, 
nur  geht  der  Verfasser  hier,  indem  er  in  der  Weise  der  Civi- 
tas dei  da  weniger  erzählt,  als  vielmehr  einzelne  Fragen,  wozu 
der  biblische  Text  auffordert,  behandelt,  schon  auf  Abraham 
ein,  obgleich  er  das  zweite  Buch  von  dessen  Geburt  an  rechnet ; 
dieses  entspricht  dem  dritten  Weltalter;  das  dritte  Buch  ist 
durch  den  Verfasser  ganz  selbständig  abgegrenzt,  das  vierte 
dagegen  geht  bis  zum  Anfang  des  vierten  Buchs  des  Orosius, 
indem  das  letztere  in  seiner  Ausdehnung  ganz  dem  fünften  des 
Frechulf  entspricht:  mit  dem  Kriege  Roms  gegen  Pyrrhus  be- 
ginnend, endigt  es  auch  mit  der  Zerstörung  Carthago's ;  dasselbe 
Verhältniss  ist  bei  den  beiden  folgenden  Büchern:  das  sechste 
des  Frechulf  ist  in  seiner  Begrenzung  dem  fünften  des  Orosius 
gleich,  nur  dass  im  letzten  Kapitel  noch  der  Anfang  des  fol- 
genden Buchs  des  Orosius  behandelt  wird,  letzteres  geht  dann 
auch  bis  auf  Augustus  und  Christi  Geburt. 

Bei  der  Eintheilung  des  zweiten  Theils  ist  Frechulf 
dagegen  selbständig  verfahren,  da  hier  weder  das  System  der 
Weltalter  noch  Orosius  den  Weg  weisen  konnte,  weil  ja  der 
ganze  Theil  wie  einem  Weltalter,  so  auch  nur  einem  Buche 
des  Orosius  entspricht.   Das  erste  Buch  geht  hier  bis  zur  Zer- 


1)  S.  Bd.  I,  S.  224  ff. 

2)  Dass  sich  dessen  Frechulf  bewusst  ist,  zeigt  recht  der  Schluss  des 
fünften  Buchs:  Nunc  vero  ubi  contaminationem  atque  vastationem  templi 
ostendimus,  duoque  regna  potentissima,  Macedonicum  scilicet 
atque  Carthaginiense  defecisse,  finem  etiam  huius  vohiminis  im- 
ponere  decrevimus. 

3)  S.  Bd.  I,  S.  326  ff. 


Weltchronik.  383 

Störung  von  Jerusalem,  das  zweite  bis  auf  Caracalla  und  die 
unter  ihm  und  seinem  Vater  eingetretene  Verfolgung  der  Chri- 
sten, das  dritte  von  Elagabal  bis  auf  Constantin  den  Grossen 
und  die  Schliessung  der  heidnischen  Tempel  durch  ihn,  das 
vierte  von  dessen  Söhnen  bis  auf  Theodosius  den  Grossen 
und  die  Zerstörung  der  Götter  und  ihrer  Tempel,  das  fünfte 
endlich  von  Arcadius  und  Honorius  bis  auf  Gregor,  die 
Invasion  der  Langobarden  und  den  Uebertritt  Reccareds  zum 
Katholicismus.  Es  ist  offenbar,  dass  diese  Eiutheilung  des 
zweiten  Theils  durch  die  Geschichte  der  christlichen  Kirche 
bedingt  worden  ist,  und  so  vom  Standpunkt  jener  Zeit  be- 
trachtet, sogleich  (vom  zweiten  Buche  abgesehen)  vollständig 
motivirt  erscheint.  Dies  gilt  auch  von  dem  Schlüsse  des  Werks : 
durch  Gregor  den  Grossen  ist  die  römische  Kirche  erst  unab- 
hängig von  Byzanz  geworden,  und  bald  darauf,  wie  der  Autor 
noch  hinzufügt,  selbst  vom  Kaiser  als  das  Haupt  aller  Kirchen 
anerkannt.  Dazu  kommt,  nach  der  Widmung  des  zweiten 
Theils  wenigstens,  auch  noch  ein  verwandtes  weltliches  Motiv 
des  Abschlusses,  worauf  Wattenbach  mit  Recht  hingewiesen, 
das  Ende  der  römischen  —  jetzt  nur  noch  byzantinischen  — 
Kaiserherrschaft  im  Abendland,  da  ihre  Gewalten,  wie  Frechulf 
sagt'),  in  Gallien  wie  Italien  verschwinden. 

Die  Anlage  des  ganzen  Werkes  aber  zeigt  schon,  wie 
auch  in  dieser  Universalgeschichte  die  doppelte  Strömung  fort- 
dauernd sich  kundgibt,  eine  geistliche  und  eine  weltliche,  die 
Geschichte  der  Kirche  und  des  auserwählten  Volkes  und  die 
der  irdischen  Weltreiche  neben  einander  geht.  Augustins  Ci- 
vitas  dei  und  Orosius'  Geschichte,  die  diese  ergänzen  sollte, 
sind  die  Werke,  welche  auf  die  Anlage  und  Ausführung  dieser 
Weltchronik  den  grössten  Einfluss  gehabt  haben.  Ihrem  Inhalt 
nach  ist  sie  aber  eine  wörtliche  Compilation  aus  den  verschie- 
densten Büchern,  eine  wahre  Mosaikarbeit,  indem  in  demselben 
Kapitel  aus  drei,  vier,  ja  noch  mehr  Büchern  die  einzelnen 
Sätze  entlehnt  sein  können-),   hier  und    da   mit  geringer  Ver- 

1)  Die  Stelle  der  Widmung  lautet:  Igitur  ab  Octaviano  Augusto  et 
Domini  nativitate  Salvatoris  nostri  aggressus  sum  scribendo  opus,  quod 
peregi  usque  ad  regna  Francorum  et  Langobardorum,  deficientibus  Roma- 
norum imperatoribus  seu  iudicibus  ab  Italia  et  Gallia,  Gotorum  quoque 
regibus,  qui  successerant,  ab  iis  etiam  depulsis. 

2)  Wie  dies  Grünauer  durch   das  ganze  Werk  hin  nachgewiesen  hat. 


384  Ado. 

änderiiug-'),  wobei  es  denn  auch  wolil  gescliieht,  dass  dasselbe 
an  anderer  Stelle  noch  einmal  erzählt  wird.  Die  Hauptqiiellen 
Frechulfs  sind  ausser  den  beiden  schon  genannten  Werken  Eu- 
sebius-Hieronymus'  Weltchronik ,  Eusebius'  Kirchengeschichte 
mit  der  Fortsetzung  des  Kufin,  die  Historia  tripartita,  Isidors 
und  Beda's  Weltchronikeu ,  Josephus'  und  Jordanis'  Werke, 
Aurelius  Victor,  Florus,  die  Historia  miscella  und  Hieronymus' 
De  viris  illustribus,  welches  Werk  zum  grössten  Theil  excerpirt 
ist,  indem  der  Verfasser  also,  was  Anerkennung  verdient,  der 
christlichen  Literatur  eine  besondere  Berücksichtigung  schenkt. 
Ein  Hauptmangel  besteht  darin,  dass  chronologische  Angaben 
bei  den  einzelnen  Begebenheiten  in  der  Regel  ganz  fehlen, 
nur  Berechnungen  von  Zeiträumen  am  Ende  der  Bücher  sich 
finden,  sowie  die  Zahl  der  Regierungsjahre  der  Könige.  Nur 
durch  ganz  allgemeine  Zeitbestimmungen,  wie  Quo  tempore, 
timc,  intereu  und  dergleichen,  oder  auch  durch  ein  blosses  igitw^ 
—  das  unserm  nun  entspricht  —  werden  gewöhnlich  die  ein- 
zelnen Erzählungen  lose  mit  einander  verbunden. 

Den  formalen  Charakter  der  Weltchronik  bewahrt  reiner 
das  andre  Werk,  das  auch  weit  weniger  originell  in  der  An- 
lage wie  umfangreich  ist.  Es  hat  den  auch  sonst  literarisch 
bemerkenswerthen  Erzbischof  von  Vienne,  Ado'-)  zum  Verfasser. 
Dieser,  einer  alten  edlen  Familie  Westfranciens  entsprossen, 
war  in  dem  durch  seine  humanistischen  Studien,  wie  wir  sahen, 


1)  Dass  aber  auch  mitunter  bedeutungsvolle  Abänderungen  sich  finden 
können,  worauf  eine  erneute  Untersuchung  des  Werks  ihr  Augenmerk  zu 
richten  hätte,  mag  ein  Beispiel  lehren.  Cap.  4  des  1.  Buchs  des  2.  Theils, 
welches  Kapitel  von  Octavian  handelt,  ist  zuerst  aus  Orosius,  dann  aus 
Aurel.  Victor  entlehnt,  darauf  folgt  eine  kleine  Stelle  unbekannter  Her- 
kunft, dann  wieder  eine  Stelle  aus  Aurel.  Victor  Epit.  c.  1  Ende,  welche 
lautet:  Imperavit  annos  quinquaginta  et  sex  etc.,  qui  certe  numquam  aut 
reipublicae  ad  se  potentiam  traxisset,  aut  tamdiu  ea  potiretur,  nisi  magnis 
nalurae  et  sludiorum  bonis  abundasset.  An  die  Stelle  der  durch  cursiven 
Druck  hervorgehobenen  Worte  hat  aber  Frechulf  gesetzt:  nisi  pro  causa 
nativitatis  Domini  hoc  fieret. 

2)  S.  Adonis  opera  ad  fidem  editionum  Rosweidi,  Mabillonii  etc.  re- 
cognita  et  expressa,  accur.  Migne.  (Patrol.  lat.  T.  12.3).  —  Auszüge  der 
Chronik  und  von  814  an  vollständig  in:  Monum.  German.  histor.,  Scriptor. 

Tom.  II,  p.  315  ff.    ed.  Pertz.    (Praef.) Histoire  litter.   de  la  France 

T.  V,  p.  461  ff.  —  Wattenbach  a.  a.  0.  S.  179. 


Leben.     Weltchronik.  385 

sich  auszeichnenden  Kloster  Ferneres  erzogen  und  dort  Mönch 
geworden.  Er  wirkte  dann  eine  Zeitlang  in  Prüm,  welches 
Kloster  unter  Marcward  mit  Ferrieres  in  nahen  Beziehungen 
stand,  und  besuchte  danach  Italien,  wo  er  in  Rom  fünf  Jahre 
verweilte.  Auf  dieser  Reise  hat  er  namentlich  das  Material  zu 
seinem  Martyrologium  gesammelt.  Nach  der  Heimath  zurück- 
gekehrt, erhielt  er  eine  Pfarrstelle  in  Lyon.  Seine  Tüchtigkeit 
und  Gelehrsamkeit,  welche  letztere  er  auch  durch  die  Abfassung 
seines  Martyrologium  jener  Zeit  bewies,  empfahlen  ihn  dann 
i.  J.  860  für  den  erledigten  wichtigen  erzbischöflichen  Sitz  von 
Vienne.  Hochangesehen  wirkte  er  hier  bis  zu  seinem  Tode  874. 
Seiner,  nach  den  sechs  Weltaltern  eingetheilten  Chronik 
liegt  das  Werk  Beda's  unmittelbar  zu  Grunde,  das  er,  so  weit 
es  reicht,  nur  ergänzt  oder  modificirt,  indem  er  hierzu  na- 
mentlich aus  Isidors  Chronik  und  Orosius,  dann  auch  aus  den 
Gestü  regum  Fruncoi^mn^)  das  Material  entlehnt  und  meist 
wörtlich  einverleibt;  dann  als  Beda's  Werk  aufhört,  nimmt  er 
seinen  Stoff  aus  Kloster-  und  Reichsannalen  vornehmlich,  bis 
er  zur  Gegenwart  gelangt,  die  aber  gar  dürftig  behandelt  ist; 
denn  er  hat  seine  Chronik  bis  zum  Ende  der  sechziger  Jahre  des 
neunten  Jahrhunderts  fortgeführt.'-)  Auch  wo  ihn  Beda  verlässt, 
behält  er  als  Leitfaden  die  Reihenfolge  der  Kaiser  bei,  nur 
dass  er  mit  Karl  dem  Grossen  vom  Orient  zum  Occident  hiu- 
überspringt.  In  dem  letzten  Weltalter  sind  einige  Vienne  be- 
treffende Nachrichten  von  Werth.  So  wenig  originell  hier- 
nach das  Werk  in  stofflicher  wie  formeller  Beziehung  erscheint, 
so  hat  es  doch  eine  bisher  gar  nicht  beachtete  Eigenthümlich- 
keit,  auf  die  doch  der  Verfasser  selbst  im  Eingange  hinzeigt,  s) 
Jedem  der  vier  ersten  Weltalter  nämlich  ist  eine  allegorische 
Deutung  der  wichtigsten  biblischen  Handlungen  und  Persön- 
lichkeiten, welche  letztere  als  Typen,  vorzugsweise  von  Chri- 
stus, aufgewiesen  werden,  hinzugefügt,  eine  „ Präfiguration ", 
die  aber  „unbeschadet  der  historischen  Wahrheit",  wie  der 
Verfasser  sagt,  statthat. 


1)  S.  Bd.  I,  S.  573. 

2)  Sie  erhält  später  von  andern  ein  paar  unbedeutende  Fortsetzungen. 

3)  Darauf  geht  meines  Erachtens  die  Stelle:  Quaedam  etiam  ex  di- 
vinis  libris  ad  eruditionem  legentium,  ubi  opportunum  duximus,  sub- 
notantes,  ut  ex  brevi  lector  plura  colligere  possit. 

Ebebt,  Literatur  des  Mittelalters  II.  2o 


386  Ado,  Martyrologium  etc. 

Das  Martyrologium  Ado's,  ein  weit  umfangreicheres 
Werk  als  die  älteren,  wurde,  wie  er  in  der  Vorrede  bemerkt, 
auf  Bitten  frommer  Männer  von  ihm  unternommen,  und  zwar 
in  der  doppelten  Absicht,  erstens  die  Tage,  welche  Florus  leer 
gelassen,  auszufüllen  und  zweitens  von  den  gefeierten  Heiligen 
genauere  Nachricht  zu  geben,  und  so  werden  denn,  namentlich 
in  der  zweiten  Hälfte,  die  Passionen  recht  ausführlich  mit- 
getheilt,  dank  den  Codices,  die  der  Verfasser  in  Italien  ge- 
sammelt. Er  hat  sich  aber  mit  diesen  Erweiterungen  des 
Beda-Florusschen  Werkes  nicht  begnügt,  sondern  seinem  Mar- 
tyrologium noch  zwei  besondere  Stücke  einleitungsweise  vor- 
ausgeschickt :  einmal  ein  sehr  altes  aus  Rom  stammendes  Mar- 
tyrologium, das  er  in  Ravenna  abgeschrieben,  um  durch  dessen 
Autorität  die  früher  öfters  unrichtig  gegebenen  Daten  der  Fest- 
tage sicher  festzustellen,  dann  ein  Büchlein  über  die  Feste  der 
Apostel  und  ihrer  Schüler  imd  einiger  auserwählten  Märtyrer 
sowie  der  h.  Jungfrau,  welches  nicht  die  Zeitordnung  beobachtet, 
mit  der  h.  Jungfrau  endet  und  mit  den  Hauptaposteln  Petrus 
und  Paulus  beginnt. 

Das  Martyrologium  Ado's  wurde  aber  bald  in  den  Hinter- 
grund gedrängt  durch  ein  anderes,  das  mit  seiner  Benutzung 
noch  vor  der  Mitte  der  siebziger  Jähret  verfasst  war,  eine  noch 
grössere  Vollständigkeit  in  den  Namen  der  Heiligen  zeigte, 
und  andrerseits  die  Weitläufigkeit  ausführlicher  Märtyrerge- 
schichten vermied;  so  war  es  für  den  kirchlichen  Gebrauch 
zugleich  praktischer  angelegt.  Es  ist  dies  das  Martyrologium 
jenes  Mönchs  von  St.  Germain  in  Paris,  Usuardus,  dessen 
wir  früher  bei  der  Translation  des  Georgius  und  Aurelius  ge- 
dachten.'^) Seine  Arbeit,  zu  welcher  ihn  laut  der  Vorrede  Karl 
der  Kahle  aufgefordert,  wurde  allmählich  in  den  Kirchen  des 
ganzen  Abendlandes  eingeführt  und  von  Rom  selbst  adoptirt, 
so  dass  sie,  wenn  sie  auch  Zusätze  von  andern  erfuhr,  das 
Grundbuch  für  alle  Zukunft  wurde. 

Ado  aber  hat  als  Erzbischof  im  Interesse  seiner  Kirche 
noch  die  Passlo  des  Bischofs  von  Vienne,  Desiderius  —  die 


1)  Denn  Karl  der  Kahle  wird  von  dem  Verfasser  bloss  als  König  be- 
zeichnet. 

2)  S.  oben  S.  355  f.  Das  Martyrologium  findet  sich  auch  bei  Migne,  Pa- 
trol.  lat.  T.  123,  p.  453  ff  u.  T.  124,  „ex  recensione  SoUertü  et  ad  edition. 
Benedictin.  collatum." 


Nennius,  Historia  Britonum.  387 

er  als  Gegner  der  Bruuliilde  erlitt  —  auf  Grund  der  Acta  des- 
selben, und  das  Leben  des  heil.  Theuderius,  der  bei  Vienne 
im  sechsten  Jahrhundert  Klöster  gründete,  verfasst. 


VIERUNDZWANZiaSTES  KAPITEL. 

NATIONALGESCHICHTE:     NENNIUS,     ERCHANBERT. 

Die  vierte  Hauptgattung  der  Historiographie  in  dieser 
Periode,  die  Nationalgeschichte  ist  auch  nur  durch  zwei  Werke 
vertreten,  von  welchen  eins  allein  von  einer  gewissen  Bedeu- 
tung, selbst  für  die  Geschichte  der  Nationalliteraturen  des 
Mittelalters,  und  von  noch  grösserem  Rufe  ist.  Es  ist  die  unter 
dem  Autornamen  des  Nennius  bekannte  Historia  Brito?ium^), 
welche,  wie  sich  aus  dem  Inhalt  selbst  ergibt,  im  Jahre  822 
verfasst  ist.-)  Dies  Buch,  das  uns  nur  in  einer  mehrmals  inter- 
polirten  Gestalt  überliefert  ist,  enthält  in  Handschriften  späterer 
Zeit^)  zwei  offenbar  von  Abschreibern  hinzugefügte  Prologe, 
von  welchen  der  zweite  ein  Excerpt  des  ersten  ist.  In  ihnen 
nennt  sich  als  Verfasser  des  Werks  Nennius,  ein  Geistlicher, 
Schüler  des  heil.  Elbod  (welcher  letztere  809  als  Bischof  von 
Venedotia  in  Wales  starb).  Der  Autor  bittet  hier  in  der 
schwülstig  blumigen  Sprache,  die  seiner  Nation  eigen,  gar 
demüthig  um  Nachsicht  für  seinen  Stil,  indem  er  zugleich  die 
Quellen,  aus  denen  er  seine  Geschichte  compilirt  habe,  und 
das  Motiv,  das  ihn  zur  Abfassung  derselben  bewog,  anzeigt. 
So  wenig  durch  diese  fingirten  Prologe  die  Autorschaft  des 
Nennius  beglaubigt  wird,  wie  denn  das  Werk  in  andern  Hand- 
schriften Andern,  namentlich  auch  dem  älteren  Historiker  der 


1)  *Nennü  lüstoria  Britonum,  ad  fid.  codic.  mss.  recens.  J.  Steven- 
son. London  1S3S.  Abdruck  davon  in:  Nennius  und  Gildas,  herausgeg. 
V.   San-Marte.    Berlin  1844.  —  Femer  in:   Moniun.  historica  Britannica. 

Ed.   Petrie.  T.  I.   London   1848.   p.  47  fF. SchöU,   De  ecclesiasticae 

Britonum  Scotorumque  historiae  fontibus.  Berlin  1851. 

2)  S.  SchöU  S.  35. 

3)  Von  denen  die  älteste  aus  dem  Ende  des  12.  Jahrb.  ist;  in  einigen 
Mss.  ist  auch  nur  der  zweite  Prolog  gegeben. 


388  Nennius. 

Britten,  Gildas')  beigelegt  wird,  so  enthalten  doch  die  An- 
gaben über  die  Quellen  und  das  Motiv  der  Abfassung  wahres 
und  treffendes;  der  Verfasser  des  ersten  Prologs  hatte  das 
"Werk  offenbar  gründlich  studirt.  Wie  er  den  Autor,  der  ohne 
Zweifel  ein  Waliser  war,  in  dem  Prolog  sagen  lässt,  hat  den- 
selben nur  eine  „  innere  Herzenswunde "  bewogen  die  Geschichte 
zu  schreiben,  der  Kummer,  „den  einst  berühmten  imd  ausge- 
zeichneten Namen  seines  Volkes  von  der  Vergessenheit  zer- 
nagt in  Dunst  aufgehen"  zu  sehen.'-)  Es  ist  also  derselbe 
patriotische  Grund,  der  auch  einen  andern,  noch  berühmteren 
walisischen  Autor  des  Mittelalters,  den  Gottfried  von  Monmouth 
zur  Abfassung  der  Geschichte  seines  Volkes  bestimmte  und 
zwar,  um  dasselbe  weltgeschichtlich  gross  erscheinen  zu  lassen, 
in  einer  ganz  phantastischen  Gestalt  auf  Kosten  aller  histo- 
rischen Wahrheit. 

Das  Werk,  so  wie  es  vorliegt,  beginnt  mit  einer  kurzen 
allgemeinen  Chronologie  nach  den  Weltaltern,  die  manches 
eigenthümliche  enthält,  aber  dem  Werk  ursprünglich  nicht  an- 
gehörte, s)  Es  folgt  dann  (§.  7)  eine  kurze  Beschreibung  von 
Britannien,  welche  offenbar  den  eigentlichen  Anfang  bildet.  An 
sie  schliesst  sich  (§.  10)  die  Erzählung  von  dem  Ursprung  des 
brittischen  Volkes,  der  nach  dem  Vorgang  der  Trojanersage  der 
Franken^)  auch  von  den  Trojanern  hergeleitet  wird,  die  im  Ge- 
folge des  Urenkels  des  Aeneas,  Brutus  nach  Britannien  kamen, 
das  nach  diesem  selbst  seinen  Namen  erhalten  hat.^)  Brutus 
hatte  seinen  Vater  Silvius,  den  Sohn  des  Ascanius,  durch  Zu- 


1)  S.  über  ihn  Bd.  I,  S.  536  ff. 

2)  Attamen  internum  vulnus  circum  praecordia  volvens  aegre  ferebam, 
si  propriae  gentis  nomen,  quondam  famosiun  et  insigne,  oblivioue  corrosuni 
fumatim  evanesceret.  Prol.  I,  §.  1. 

3)  Diese  Chronologie  enthält  auch  Widersprüche.  Eigenthümlich  ist, 
dass  statt  bis  zur  Geburt  Christi,  vielmehr  zu  seiner  Passion  (§.  5)  oder 
auch  (§.  6)  bis  zu  Johannes  dem  Täufer  gerechnet  wird. 

4)  Vielleicht  auf  eine  Anmerkung  des  Ethicus  hin.  S.  Bd.  I,  S.  575, 
Anm.  1. 

5)  Obgleich  dies  §.  10  ausdrücklich  gesagt  wird,  so  heisst  es  doch 
§.  7:  Britannia  insula  a  quodam  Bruto  consule  romano  vocatur.  Es 
ist  dies  bezeichnend  für  die  Art  der  Abfassung  des  Buchs,  denn  als  Inter- 
polation kann  diese  Stelle,  womit  das  Buch  erst  in  der  That  begann,  nicht 
anscesehen  werden. 


Historia  Britonum.  389 

fall  im  Spiel  mit  einem  Pfeilschuss  getödtet,  und  war  deshalb 
aus  Italien  verbannt  worden,  und  erst  nach  manchen  Aben- 
teuern schliesslich  nach  England  gelangt.  —  Der  Verfasser 
gedenkt  dann  auch  (§.  13  ff.)  ausführlich  der  Herkunft  der 
Schotten,  die  nach  Irland  aus  Spanien  eingewandert  sein  sollen, 
wohin  ihre  Vorfahren  aus  Aegypten  gekommen  waren  I  So 
will  er  von  sehr  kundigen  Männern  dieses  Volkes  gehört  haben. 
—  Nachdem  dann  (§.  17  f.)  der  Autor  noch  einen  andern 
Stammbaum  der  Britten  aus  alten  Büchern  derselben  mit- 
getheilt,  wonach  sie  von  Britto,  einem  Enkel  des  Alanus,  eines 
Abkömmlings  des  Japhet,  abstammen  0,  gibt  er  in  sehr  abge- 
rissener und  fehlerhafter  Weise  Nachricht  von  der  römischen 
Herrschaft  seit  Caesar  in  Brittanieu  (§.  19 — 31). 

Darauf  folgt  die  interessanteste  Partie  des  Buches,  die 
sagenhafte  Geschichte  des  Königs  Guorthigirn,  der  von  den 
Picten  und  Scoten  bedrängt  und  in  Furcht  vor  den  Römern 
die  Sachsen  unter  Hors  und  Hengist  aufnimmt.  Hier  ergeht 
sich  der  Verfasser  in  ausführlicherer  Erzählung,  indem  er  be- 
richtet, wie  der  brittische  König  in  die  Tochter  des  Hengist, 
die  bei  einem  von  diesem  gegebenen  Gastmahle  aufwartet, 
sich  verliebt  und  sie  um  den  Preis  der  Landschaft  Kent  zur 
Ehe  erkauft  (§.  37  f.).  Von  ihm  wird  insbesondere  noch  er- 
zählt, wie  er  mit  der  eigenen  Tochter  einen  Sohn  erzeugte 
und  dieser  dem  heil.  Germanus-j  übergeben  ward  ($.  39),  so- 
wie ganz  ausführlich  die  Sage  von  einem  merkwürdigen  Burg- 
bau (§.  40  ff.).  Nach  der  Weisung  seiner  Magier  will  der 
König  nämlich  am  Ende  seines  Reichs  diese  Burg  als  letzte 
Zuflucht  bauen,  aber  der  Grund  weicht,  und  sie  stürzt  ein; 
die  Magier  verkünden  nun,   dass  nur  durch  Besprengung  mit 


1)  Hisitio  (Sohn  des  Alanus)  habuit  filios  quatuor:  Francus,  Roma- 
nus, Britto,  Alemannus  (al.  Albanus). Ab  Hisitione  autem  ortae  sunt 

quatuor  gentes,  Franci,  Latini,  Alemanni  (al.  Albani)  et  Britti. 

2)  Von  dessen  "Wundern  schon  §.  32 — 35  erzählt  wird  —  eine  Partie 
die  weder  mit  dem  Vorausgehenden  noch  mit  dem  Folgenden  in  äusserer 
oder  innerer  Verbindung  steht,  und  daher  mir  auch  interpolirt  scheint,  und 
um  so  eher,  als  die  dort  erzählte  Geschichte,  wie  der  Heilige  vergeblich 
den  Tyrannen  Beiüi  zu  sprechen  sich  bemüht,  und  dann  die  Burg  des- 
selben durch  Feuer  vom  Himmel  zerstört  wird,  sich  in  ihren  Hauptzügen 
§.  47  wiederholt,  wo  ganz  ähnliches  in  Bezug  auf  Vortigim  von  dem  Hei- 
ligen erzählt  wird. 


390  Nennius. 

dem  Blut  eines  vaterlosen  Kindes  der  Bau  sich  erhalten  werde ; 
ein  solches  Kind,  ein  Knabe,  wird  gefunden,  aber  er  erweist 
sich  als  ein  besserer  Kenner  des  Verborgenen  als  die  Magier, 
er  zeigt,  dass  ein  Sumpf  unter  dem  Baugrund  ist:  dort  finden 
sich  auch  zwei  Drachen,  von  denen  der  eine  roth,  der  andre 
weiss  ist,  sie  bekämpfen  sich  und  der  weisse  vertreibt  den 
rothen;  jener  bedeutet  aber  die  Sachsen,  dieser  die  Britten. 
Doch  sollen  in  späterer  Zeit  die  letzteren  wieder  die  andern 
über  das  Meer  verjagen  (§.  42).  Man  sieht  leicht,  dass  Gott- 
fried von  Monmouth  hier  seine  Prophezeiung  des  Merlin  im 
siebenten  Buche  geschöpft  hat,  wie  er  denn  im  sechsten  die 
Erzählung  des  Nennius  zum  Theil  selbst  wörtlich  aufgenommen. 

Im  weiteren  Verlauf  der  Geschichte  des  Guorthigirn  wird 
dann  auch  wieder  der  Legende  des  h.  Germanus  gedacht  und 
darauf  die  des  heil.  Patricius  eingeschaltet  (§.  50  ff.),  der  selbst 
mit  Moses  verglichen  wird  (§.  55).  —  Zum  Schluss  gedenkt 
dann  noch  der  Verfasser  ganz  kurz  (§.  56)  der  späteren  Kämpfe 
der  Britten  mit  den  Sachsen,  in  welchen  Arthur  als  Feldherr') 
sich  auszeichnete;  es  sind  nicht  weniger  als  zwölf  Treffen, 
das  letzte  auf  dem  Berge  Badon,  worin  er  allein  960  Feinde 
an  dem  einen^  Tage  niederwarf.  2)  Die  also  besiegten  Sachsen 
aber  riefen  aus  Germanien  Hülfstruppen  und  Könige,  die  über 
sie  herrschten  bis  zur  Zeit  des  Ida,  welcher  der  erste  König 
von  Bernicia  war.  —  Hiermit  endete  das  Werk,  dem  spätere 
Abschreiber  Genealogien  der  Dynastien  der  sächsischen  Reiche 
hinzugefügt  haben,  welche  alle  ihre  Abstammung  auf  Wodan 
zurückführen.  Andre  spätere  Anhänge  sind  ein  Büchlein  von 
den  Wundern  Britanniens  und  ein  Namensverzeichniss  seiner 
Städte. 

Die  Hauptquellen,  aus  denen  der  Autor  schöpfte,  sind 
ausser  brittischen  und  irischen  Traditionen  Hieronymus'  Welt- 
chronik  mit   der   Fortsetzung   des   Prosper,    Beda's  Kirch en- 


1)  Der  hier  nicht  als  König  erscheint;  es  heisst  viehnehr :  Tunc  Arthur 
pugnabat  contra  illos  (sc.  Saxones)  in  illis  diebus  cum  regibus  Brittonum, 
sed  ipse  dux  erat  bellorum.  Indem  die  im  Druck  hervorgehobenen 
Worte  im  Gegensatz  zu  den  i-eyibns  Brittonum  durch  das  sed  stehn,  wird 
ausdrücklich  angezeigt,  dass  Arthur  kein  König  war. 

2)  Duodecimiun  fuit  bellum  in  monte  Badonis ,  in  quo  corruerunt  in 
uno  die  nongenti  sexaginta  viri  de  uno  impetu  Arthur ;  et  nemo  prostravit 
eos  nisi  ipse  solus,  et  in  omnibus  beUis  victor  exstitit. 


Historia  Britonum.  391 

geschichte,  Orosius  und  ein  „Buch  vom  heil.  Germanus",  das  so 
von  dem  Verfasser  selbst  (§.  47)  citirt  wird.  Nur  durch  seinen 
sagenhaften  nationalen  Inhalt,  der  auch  in  formalen  Zügen 
sich  kundgibt 0,  ist  das  Buch  wichtig,  ein  Inhalt  der  in  Gott- 
frieds von  Monmouth  Werk  aufgenommen,  auch  von  literar- 
historischer Bedeutung  wurde.  Auch  in  der  Behandlung  des 
Stoffes  verläugnet  sich  der  keltische  Nationalcharakter  nicht. 
Der  geringe  Sinn  für  die  Wahrheit,  den  schon  Gildas  als  ein 
Nationallaster  seines  Volkes  bezeichnete,  und  eine  Prahlsucht, 
um  die  ganz  in  den  Hintergrund  gedrängte  Nation  wenigstens 
in  der  Vergangenheit  gewaltig  erscheinen  zu  lassen,  zeigen, 
dass  der  Verfasser  über  sein  Volk,  wie  es  damals  war,  sich 
nicht  erhob,  das  bei  starker  Sinnlichkeit  mehr  von  der  Phan- 
tasie und  dem  Gefühl,  als  von  dem  Verstand  geleitet  erscheint. 

Das  andre  Werk  dieser  Gattung  der  Historiographie  ist 
ein  äusserst  unbedeutendes  und  werthloses.  Es  ist  eine  826 
verfasste  Nationalgeschiehte  der  Franken,  welche  nach  einer 
handschriftlichen  Notiz  einem  Erchaxbert"-)  beigelegt  wird. 
Sie  ist  bis  zum  Jahr  720  durchaus  auf  Grund  der  Gesta  Fran- 
corum^),  von  ein  paar  Zusätzen  abgesehen,  geschrieben;  da- 
nach gibt  sie  nur  wenige  und  dürftige  Nachrichten,  in  welchen 
selbst  die  wichtigsten  Ereignisse  nicht  erwähnt  werden:  mü- 
der Absetzung  der  merowiugischen  Dynastie  wird  ausführlicher 
nach  der  sagenhaften  Ueberlieferung  gedacht. 


1)  So  in  der  Rolle,  -welche  die  Dreizahl  in  Zahlenangaben  spielt.     S. 
San-Marte  S.  16. 

2)  Erchanberti  Breviariiim  in :  üssennann.  Prodromus  Germaniae  sacrae, 
Sangall.  1790.  T.  I,  p.  XXXIX  ff.  —  Auszüglich  mit  dem  letzten  Abschnitt 

in:  Monum.  German.  histor.,  Script.  II,  p.  327  f. S.  über  die  Handschr. 

Hänel  in   den  Berichten  d.  k.  sächs.  Ges.  d.  Wiss.  1S65.  S.  Iff. ,  insbe- 
sondere S.  12. 

3)  S.  darüber  Bd.  I,  S.  573. 


392  Dicuil. 


FUNFUNDZWANZIGSTES  KAPITEL. 

GEOGRAPHIE:    DICUIL,    BERNARD. 

Zum  Schluss  habe  ich  noch  als  Anhang  zur  Historio- 
graphie zweier  geographischen  Schriften  dieses  Zeitalters  zu 
gedenken.  Die  ältere  ist  das  Buch  De  mensin^a  orhis  terrae 
des  Iren  Dicuil'),  welches,  wie  der  Autor  selbst  am  Ende 
sagt,  i.  J.  825  verfasst  ist.-)  Dicuil  schrieb  es,  allem  Anschein 
nach,  im  höheren  Alter. 3)  In  seiner  Heimath  gebildet,  war 
auch  er  nach  dem  Frankenreiche  gezogen,  um  dort  als  Lehrer 
zu  wirken:  als  Grammatiker  und  namentlich  als  Metriker  gibt 
er  sich  auch  in  dieser  Schrift  zu  erkennen.^)  Als  Magister 
bekunden  ihn  offenbar  die  Hexameter,  welche  er  einem  für 
Anfänger  bestimmten  metrischen  und  grammatischen  Schulbuch 
des  Priscian,  das  er  in  ihnen  selbst  als  solches  bezeichnet,  hin- 
zufügte.'^} Ausserdem  verfasste  er  in  den  Jahren  814  bis  816 
ein  noch  ungedrucktes  astronomisches  Werk,  eine  Art  Com- 
putus,   das  aber  auch  in  das  Gebiet  der  Metrik  hinüberstreift, 


1)  *Diciüli  über  de  mensura  orbis  terrae  a  G.  Parthey  recognitus. 
Berlin  1870.  (Praef.)  —  Letronne ,  Recherches  geogi'apbiques  et  critiques 
sur  le  livre  De  mensura  orbis  terrae  comp,  par  Dicuil,  suivies  du  texte  re- 
stitue.  Paris  1814. Dümmler,  N.  A.  S.  256  ff. 

2)  Dass  das  Buch  nach  Karls  des  Grossen  Zeit  geschrieben,  zeigt 
auch  schon  c.  7,  §.  3.5  eine  Stelle,  welche  auch  aus  andern  Rücksichten 
erwähnenswerth  ist:  Sed  idem  Julius  (Solinus)  nuntiando  de  Gennania  in- 
sulisque  eins  unum  de  elephantibus ,  mentiens  falso  loquitur,  dicens  ele- 
phantem  numquam  iacere,  dum  ille  sicut  bos  certissime  iacet,  ut  populi 
communiter  regni  Francorum  elephantem  in  tempore  imperatoris  Karoli 
viderunt.  Sed  forsitan  ideo  hoc  de  elephante  ficte  aestimando  scriptum 
est,  eo  quod  genua  et  suffragines  sui,  nisi  quando  iacet,  non  palam  appa- 
rent.  Aus  dieser  Stelle  ergibt  sich  meines  Erachtens  auch  sicher,  dass 
Dicuil  schon  zu  Karls  Zeit  in  Frankreich,  wenigstens  nach  802,  wo  der 
der  Elephant  dorthin  kam,  weilte,  denn  er  spricht  offenbar  aus  eigener 
Anschauung. 

3)  S.  darüber  Letronne  p.  22  ft". 

4)  S.  den  Eingang  und  c.  5,  ed.  Parthey  p.  20. 

5)  S.  diese  zu  den  Purtiüones  duodechn  versuum  Aeneidos  principalium 
hinzugefügten  Verse  bei  Keil,  Grammatici  lat.  Tom.  III,  p.  390. 


De  meiisura  orbis  terrae.  393 

aus  Prosa  und  Versen  gemischt  0,  dessen  Bücher  er  einzeln 
nach  ihrer  Vollendung  dem  Kaiser  Ludwig  in  jenem  Zeitraum 
als  jährliche  Lehnsgabe  darbrachte.-)  Hiernach  möchte  man 
fast  vermuthen,  dass  Dicuil  an  der  Hofschule  eine  Stellung; 
eingenommen. 

Das  geographische  Buch  Dicuils  ist  eine,  grossen  Theils 
wörtliche  Compilation  aus  verschiedenen  Werken  des  Alter- 
thums,  aber  mit  einigen  interessanten  Zusätzen,  die  der  Ver- 
fasser Reisenden  seiner  Zeit  verdankte.  Die  Grundlage  bildet 
eine  wohl  gleich  betitelte  Schrift,  der  Bericht  der  von  Kaiser 
Theodosius  zur  Ausmessung  des  Reichs  abgeordneten  Missi'-^)-, 
dazu  hat  der  Verfasser  dann  Auszüge  aus  „einer  unter  dem 
Consulat  des  Julius  Caesar  und  Marcus  Antonius  verfassten 
Cosmographie"^),  sowie  aus  Soliu  Plinius,  Isidors  Etymologien 
und  der  Periegesis  des  Priscian  hinzugefügt:  die  Zusätze  aus 
diesen  Autoren  wie  die  oben  erwähnten  aus  mündlicher  Ueber- 
lieferung  sind  meist  erdbeschreibender  Natur. 

Zuerst  wird  nur,  der  Anlage  des  Buchs  entsprechend,  von 
den  Massen,  der  Länge  und  Breite  der  Hauptländer  der  Erde, 
bei  einzelnen  auch  ihrer  Provinzen  gehandelt,  indem  bei  der 
Massbestimmung  auch  die  Begrenzung  in  grossen  Zügen  ge- 
geben wird.  Es  folgt  dann  ein  Abschnitt  über  die  fünf  Haupt- 
flüsse und  einige  andre;  die  ersteren  sind  der  Nil  —  bei  dem 
der  Autor  am  längsten  verweilt  —  der  Euphrat,  Tigris,  Ganges 


1)  ^Yie  Dümmler  sagt  a.  a.  0.  S.  256.  —  Unter  den  dort  von  Dümm- 
1er  auszugsweise  mitgetheilten  Versen  befinden  sich  auch ,  was  unbemerkt 
gebUeben,  rythmische  von  eigenthümlicher  Bildung,  Langzeilen  aus  zwei 
jambischen  Dimetern  gebUdet.  also  sechzehnsilbige  Verse  mit  einer  Cäsur 
nach  der  achten  mit  vorherrschend  iambischen  Rythmus,  die  Langzeilen 
erscheinen  als  Reimpaare,  zuweüen  auch  mit  Binnenreim,  welcher  dann 
die  beiden  Hemistichen  verbindet,  z.  B. : 

Ac  duodena  vitia,  quae  sunt  in  prosa  turpia. 
In  metro  cum  peritia  absque  ulla  stultitia, 
Sed  cum  vere  invenerit  quod  debet  reprehendere, 
More  frateiTio  corrigat,  ut  me  possit  defendere. 

Auch  hier  sind  die  rjthmischen  Verse  in  scherzhafter  Absicht  angewandt. 

Vgl.  oben  S.  322. 

2)  Also,  wie  der  Hibemicus  esul  Karl  d.  Gr.  Gedichte,  s.  oben  S.  57. 

3)  T^^ovon  wir  sonst  keine  Nachricht  haben,  es  ist  wohl  Theodosius  L 
zu  verstehen.     S.  Parthey,  Praef.  Xllf. 

4)  S.  c.  S,  ed.  Parthey  p.  2S. 


394  Bernardus. 

und  die  Donau:  bei  ihnen  beschränkt  sich  der  Verfasser  nicht 
auf  die  blossen  Massangaben,  sondern  gedenkt  auch  ihrer 
Inseln  und  des  Landes,  dem  sie  angehören,  namentlich  auch 
seiner  merkwürdigen  wilden  Thiere');  hier  schöpft  er  vor- 
nehmlich aus  Solin,  aber  beim  Nil  macht  er  auch  von  der  Er- 
zählung eines  irischen  Mönches  (c.  6)  Mittheilung,  der  von 
Jerusalem  nach  Aegypten  segelnd,  diesen  Fluss  befuhr,  die 
sieben  „Scheunen"  welche  Josef  in  den  Jahren  der  Frucht- 
barkeit baute  —  die  Pyramiden  —  bewunderte,  und  durch 
einen  Kanal  bis  zum  rothen  Meere  schiffte.  —  Hierauf  ist  ein 
längerer  Abschnitt  den  Inseln  des  Meeres  gewidmet;  auch  da 
wird  über  Thule  —  Island  —  und  die  Faröerinseln  der  Mit- 
theilungen irischer  Kleriker  gedacht,  die  sie  besuchten.-)  Dann 
wird  von  den  Dimensionen  des  Tyrrhenischen ,  d.  h.  hier  des 
ganzen  mittelländischen  Meeres,  und  von  dessen  Inseln  gehan- 
delt. Den  Schluss  bildet  eine  Nachricht  von  den  sechs  höch- 
sten Bergen ;  es  sind  der  Olymp,  der  Athos,  Atlas,  Pelion,  die 
Alpen  und  die  Pyrenäen  —  welchen  Abschnitt  und  das  Buch 
selbst  der  Verfasser  mit  41  Hexametern  beendet. 

Die  kurze  Inhaltsanalyse  zeigt  schon,  wie  mangelhaft  die 
ganze  Anlage  dieser  rohen  Compilation  ist,  die  auch  im  ein- 
zelnen sehr  ungeordnet  erscheint.  Bemerkenswerth  aber  ist, 
dass  der  Verfasser  nicht  ohne  alle  Kritik  verfährt:  er  gibt 
seinem  Zweifel  an  „unglaublichen"  Angaben  des  Solinus  Aus- 
druck, ja  er  unterdrückt  wohl  sogar  deshalb  eine  desselben, 
und  berichtigt  eine  andre. ^) 

Die  andre  Schrift  ist  ein  kurzes  Itinerarium^)  eines  frän- 
kischen Mönches,  der  aber  vielleicht  einem  Kloster  Italiens 
angehörte^),  Bernaedus,  über  eine  Reise  von  Rom  nach  Jeru- 


1)  Aber  auch  andrer,  wie  des  Phönix,  der  nach  Isidor  und  Solin  aus- 
führlicher behandelt  wird.  ed.  Parthey  p.  59  f. 

2)  C.  7.  ed.  Parthey  p.  42  ff.  —  Die  Nachi'iehten  über  Thule  waren 
Dicuil  vor  30  Jahren  geworden,  von  Klerikern,  die  sich  ein  Halbjahr  dort 
aufgehalten. 

3)  S.  oben  S.  392  Anm.  2  u.  vgl.  ferner  ed.  Parthey  p.  5.5  unten  u. 
p.  56,  sowie  p.  SO  f. 

4)  In:  Descriptiones  Terrae  sanctae  ex  saec.  VIII,  IX  etc.  nach  Hand- 
und  Druckschriften  herausg.  v.  T.  Tobler.  Leipzig  1874.  p.  85  ff.  u.  393  ff. 

5)  Im  Eingang  sagt  er  von  den  Brüdern  die  ihn  begleiten:  ex  quibus 


Itinerarium.  395 

salem.  Dieser  Keiseberieht  enthält  manches  interessante  und 
ist  schon  als  einer  der  ältesten  von  dem  heiligen  Lande  von 
Wichtigkeit.  Bernard  machte  die  Fahrt  in  Begleitung  eines 
Beneventer  und  eines  spanischen  Mönches.  Nachdem  sie  von 
Papst  Nicolaus ')  die  Erlaubniss  und  den  Segen  erhalten,  zogen 
sie  zunächst  zu  dem  Berge  Garganus  und  besuchten  seine 
wunderbare  Kirche,  die  kurz  beschrieben  wird-);  von  dort 
begaben  sie  sich  nach  dem  damals  saracenischen  Bari.  Hier 
verschafften  sie  sich  von  dem  „Suldan  dieser  Stadt"  Pässe  in 
aller  Form 3)  für  die  Reise  in  das  Kalifenreich;  wie  wenig  sie 
ihnen  nützten,  sollten  sie  freilich  bald  erfahren.  In  Tarent, 
wo  gerade  9000  gefangene  Beneventer  Christen  nach  Afrika 
eingeschifft  werden,  finden  sie  auf  einem  dieser  Fahrzeuge  die 
Gelegenheit  zur  Ueberfahrt  nach  Alexandrien.  Hier  (c.  6)  ge- 
denkt der  Verfasser  des  Raubs  des  Leibs  des  h.  Marcus  durch 
die  Venezianer.  Auf  dem  Nil  fahren  die  Pilger  dann  nach 
Kairo;  dort  aber  werden  sie  trotz  ihrer  Pässe  ins  Gefängniss 
geworfen,   bis  sie  endlich,  nachdem  jeder  13  Denare  gezahlt 

—  die  sie  auch  schon  in  Alexandrien  hatten  entrichten  müssen 

—  neue,  nun  gültige  Pässe  erhalten,  welche  aber  in  den 
Städten,  die  sie  passirteu,  zu  visireu  waren,  was  wieder  Kosten 
machte.^) 


iinus  erat  ex  monasterio  beati  Innocentü  Beneventani.  alter  Hispauus,  und 
fügt  dann  hinzu:  Francia  vero  est  nativitatis  meae  locus;  hiernach 
möchte  man  glauben,  dass  er  nicht  einem  Kloster  Frauciens  angehörte, 
das  er  wohl  sonst  hier  genannt  hätte.  Nach  einer  Bemerkung  in  c.  9 
scheint  seine  Heimath  die  Champagne  gewesen  zu  sein. 

1)  Es  kann  niu:  Nicolaus  I.  gemeint  sein,  der  von  858 — 867  Papst  war, 
hiermit  ist  schon  die  Zeit  der  Reise  im  allgemeinen  bestimmt.  Die  Er- 
wähnung des  Theodosius  als  Patriarchen  von  Jerusalem  (c.  10)  zeigt  aber, 
dass  sie  nicht  vor  S64  unternoumien  sein  kann,  da  derselbe  erst  in  diesem 
Jahre  Patriarch  wurde  (s.  Tobler  p.  396).  —  Des  Itinerars  gedenkt  auch 
Wilhelm  von  Malmesbury,  De  reb.  gest.  regum  Anglor.  1.  IV,  c.  2,  u.  setzt 
die  Reise  ungenau  in  d.  J.  870,  welche  Angabe  auch  ein  paar  Hand- 
schriften haben,  indem  Wühelm  wohl  diesen  folgt. 

2)  Vgl.  oben  S.  358. 

3)  Quarum  textus  epistolarum  notitiam  vultus  nostri  vel  intineris  ex- 
ponebat.  c.  3. 

4)  Postquam  vero  inferius  nominatas  civitates  ingi-essi  sumus,  non 
prius  permissi  sumus  exii-e  quam  chartam  aut  sigilli  impressionem  accipe- 
remus,  quod  uno  vel  duobus  denariis  impetrabamus.  c.  7.  Man  sieht,  die 
Polizei  des  Kalifenreichs  gab  der  modernen  nichts  nach. 


396  Bernardus,  Itinerarium. 

Von  Kairo  wenden  sie  sich  wieder  nach  Norden  und  über 
Damiette  und  das  an  Christen  reiche  Thanis  reisen  sie  nach  Fa- 
rama,  von  wo  sie  dann  die  Wüste  durchwandern.  Ueber  Gaza, 
Kamleh,  Emmaus  gelangen  sie  nach  Jerusalem.  Hier  gedenkt 
denn  der  Verfasser  kurz  der  heiligen  Stätten  und  der  auf  ihnen 
gegründeten  Kirchen,  ausführlicher  der  des  heil.  Grabes,  welche 
den  Mittelpunkt  der  Welt  in  sich  schliesst  (c.  10).  Auch  rühmt 
er  das  Hospital  für  Pilger  lateinischer  Zunge,  welches,  dank 
der  Freigebigkeit  Karls  des  Grossen,  nicht  bloss  reichen  Grund- 
besitz, sondern  auch  eine  Bibliothek  besitzt.  Natürlich  werden 
von  dem  Verfasser  auch  die  heiligen  Orte  der  näheren  und 
ferneren  Umgegend  besucht,  wie  Gethsemane  und  das  Thal 
Josaphat,  der  Oelberg,  Bethanien,  Bethlehem  und  dabei  manche 
einzelne  interessante  Bemerkungen  gemacht.') 

Von  der  Rückreise  Bernards  wird  nur  dreier  Stationen  ge- 
dacht, des  Mons  Aureus  und  seiner  Crypta  bei  Rom,  Roms 
selbst,  wo  der  Verfasser  von  seinen  Reisegefährten  sich  ver- 
abschiedet, und  der  Kirche  des  heil.  Michael  ad  duas  tumbas, 
von  der  ein  Naturwunder  erzählt  wird"-) ;  hier  endet  der  Reise- 
bericht. Es  folgen  dann  noch  einige  einzelne  Notizen,  die 
offenbar  später  hinzugefügt  sind.  3) 


1)  Z.  B.  c.  12:  In  ipso  etiam  loco  est  ecclesia  in  quo  Dominus  tradi- 
tus  est;  habet  ibi  quatuor  mensas  rotundas  coenae  ipsius.  Dies  ist 
beachtenswertli  im  Hinblick  auf  die  Tafelrunde. 

2)  Welche  Kirche  hier  gemeint  sein  kann,  darüber  fehlt  jede  An- 
deutung. 

3)  Ob  sie  aber  von  dem  Verfasser  selbst  herrühren,  bleibt  um  so  mehr 
fraglich,  als  sie  sich  nicht  in  allen  Handschriften  finden. 


E  e  g  i  s  t  e  r. 


V.  bedeutet  Vita.     Durch  *  Trilrd  auf  die  Anmerkungen  der  angeführten  Seite  verwiesen. 


Abbo,  Möncli  v.  St.  Germain,   3.53. 
Abecedarieii  324. 
Abendmahlslehre  232  ff.  245  f.  253. 

26S  *. 

Aberglauben  Ki.  141.  211  f.  250*. 

Adalhard,  Abt  v.  Corbie,  V.  236  ff., 
Charakter  242,  De  ord.  palatii 
254.  —215.  231  f.  240*.  293  ff. 
337.  342. 

Adam  v.  Bremen  341*. 

Adelperga  v.  Benevent  37.  39.  53 f. 

Adhemar,  Mönch,  303. 

Ado,  Erzb.  v.  Yienne ,  Leben  3S4, 
Weltchronik  3s5,  Martyrolog.  385f., 
Passio  Desiderii  3S0,  V.  Theu- 
derii  3'!>7. 

Aelbert,  Erzb.  v.  York,  13  f.  26. 

Agius  294  ff.,  V.  Hathumodae  294 ff".. 
Elegie  290  f. 

Agnellus,  Leben  375,  Liber  pontif. 
eccles.  Eavenn.  370  ff'. 

Agobard,  Leben  und  Charakter 
210  f.,  Contra  ins.  opin.  de  gran- 
dine etc.  211  ff'.,  Contra  eoriim 
superstit.  qui  picturis  etc.  212  f., 
Adversus  legem  Gundobaldi  213  f.. 
De  divin.  sententiis  214,  Schriften 
gegen  die  Juden  215  ff".,  De  divi- 
sione  imperü  21S,  Lib.  apologet. 
pro  filiis  Ludovici  21S  f.,  Schriften 
gegen  Felix  220,  Fredegis  221, 
Amalar  221  f..  De  correctione  An- 
tiphon. 222.  —  160.  26S.  272. 

Aimoin  v.  St.  Germain,  Leben 
352  f. ,  Transl.  Vincentü  353  f., 
Transl.  Georgii  et  Aurelii  355  f., 
De  miracuUs  S.  Germani  356  f. 

Aiulf,  Erzb.  v.  Bourges,  82. 


Alanus,  Mönch  v.  Farfa,  3S0. 

Alcuiu,  Leben  13fi". .  Grammatik 
16  f.,  Rhetorik  18,  Dialektik  19, 
De  orthogr.  19,  Disputat.  Pippini 

20,  astronom.  Äbhandl.  21,  Bibel- 
commentare  21,  De  fide  trinitat. 

21,  De  nrtut.  et  vitiis  22,  De  ra- 
tione  animae  22,  Heiligenleben 
23  ö'..  De  jjatribus,  reg.  et  sanctis 
Eubor.  25  t..  De  clade  Lindisfam. 
27,  Epigramme  28.  Epistelpoesie 
29  f.,  Elegien  30  f.,  Lyrik  31,  Acro- 
sticha  32,  Räthsel,  Fabel  32.  Briefe 
32  ff.  —  V.  344  f.  —  4  f.  62  f.  65  f. 
72.  80.  87*.  89.  91.  121  f.  128  f. 
133.  Ulf.  143  f.  147.  181  f.  185. 
203.  277.  321.  339  f. 

Aldhelm  16.  22*.  28.  301. 

Aldrich,  Abt  von  Ferrieres,  203. 
344. 

Alexander  der  Grosse,  rythm. 
Ged.  auf,  321.  323  f. 

Alexander  S.,  Transl.  335. 

Allegorie  182.  184.  197.  274  ff. 

Alliteration  154*.  280.  292. 

Altfrid,  B.  v.  Münster,  338,  Leben 
des  Liudger  338  ff'. 

Alvarus,  Leben  305,  V.  Eulogii 
300  ff'.,  Indiculus  luminos.  306  ff'., 
Charakteristik  3us  f..  Confessio  309, 
Briefe  309,  Gedichte  310  f. 

Anialarius  221  f. 

Aniandus  S.  V.  278  ff". 

Ambrosius  21.  207.  229.  237.  252. 

•    378. 

Anastasi  US,  Kirchengesch.  40. 

Anastasius  Bibliothecar.  375*. 

Angelbert  312. 


398 


Register. 


Angelsachsen   3  ff.  12.  20.  26.  33. 

85.  380. 
Angers.  Abt  v. ,  rythm.   Ged.  auf, 

317.  324. 
Angllbert,  Leben  62  f.,  Ep.   Ged. 

auf  Karl  5'J  ff. ,  a.  Gedichte  63  f. 

—  6.  23.  30.  65  f. 
Angilram,  Bisch,  v.  Metz,  41*.  56. 
Annalen  97  ff".  329. 

Annales  Bertiniani  364  ff. 
Annales  Fuldenses  368  ff'. 
Annales  Laurissenses  98. 
Ansegis,  Abt  v.  Fontanelle,  377  f. 
Anselm  S,  235. 
Ansgar,  Leben  341  ff.,  V.  WiUehadi 

340,  Virtutes  et  mirac.  WiUehadi 

341. 
Antichrist  307. 
Anticlaudianiis  182*. 
Apollinaris  S.,  Ged.  auf,  377. 
Apollonius  V.  Tyrus  37S*. 
Aquileia,  rythm.  Ged.  auf,  88.  326. 

—  Rythm.  Ged.  gegen,  314  f.  322. 
Arabische  Poesie  307  f. 
Arator  71*.  133. 

Ardo  gen.  Smaragdus,  Abtv.  Ani- 

ane,   346,   Leben  des  Benedict  v. 

An.  346  ff'. 
Arichis,  Herzog  v.  Benevent,   37. 

52  f. 
Arno,  Erzbisch,  v.  Salzburg,  6.  28. 

30.  34  f.  89. 
Arnulf  41. 

Arthursage  389  f.  396*. 
Astronom,  Leben  Ludwigs  d.  Fr. 

361  ff. 
Andald,  Mönch  v.  Conkittas,  353. 
Audrad  gen.  Modicus,   Liber  re- 

velation.    273  f. ,    De   fönte   vitae 

274  ft\,  Passio  Juliani  276. 
Auetor,  Bisch,  v.  Metz,  41. 
Augustinus  21.  124  f.  134.  141.  213. 

229.  235.  252.  262.  265*.  286.  378. 

—  Civit.  dei  4.  6.  301.  383. 
Aurelius  S.,  Transl.  355. 
Ausonius  184. 

Avaren  79.  86  f.  89. 
Avienus  301. 
Avitus  71*.  133.  214. 


Baugulf,  Abt  V.  Fulda,  92.  121  f. 
Basilissa  S.  276. 
Basilius  der  Grosse  90*. 
Beda    19.    21.    128.    183*.  229.  286. 

378.  —  Hist.   eccles.    26.  42.  257. 

391.  —  Martyrol.    128.    186.   268. 

386.  —  Weltchronik  40.  45  f.  98. 

384  f. 


Benedict  v.   Aniaue  V.  346  ff.  — 

30.  72.  81.   116.  172.  344.        rJ 
Benedict   v.   JVursia  43.   55.    119. 

122.  298. 
Beonrad,  Erzb.  v.  Sens,  24.  30. 
Bernardus,  Itinerarium  394  ff. 
Bernhard,  Herzog,  243  f. 
Bernold,  Bisch,  v.  Strassburg,  170. 

177. 
Bertha,  Tochter  Karls  d.  Gr.,  60. 

62.  64. 
Bertha,  Tochter  Lothars,  Aebt.  v. 

Avenay,  194. 
Bertharius,    Abt  v.   Montecasino, 

Ged.  auf  Benedict  298. 
Bibliothelien  der  Klöster  378. 
Bildergedichte  32.  142  f. 
Bilderverehrnng  11.  14.  213.  223ff. 

380. 
Blaitniaic  S.  V.  153. 
Bodo,  Presbyter,  309. 
Boetius  19.  128.  155.  198. 
Bonifatius  3  f.  105  ff\  257.  331.  333. 

338  ff. 
Brunn  gen.  Candidus,  M.  v.  Fulda, 

Leben  230,  V.  EigiUs  330  ff\ 


Calpurnius  65  ff". 
Candidus  s.  Bruun  u.  Wizo. 
Capella,  Marcianus,  265.  286. 
Cassianus  22. 
Cassiodorius  134.  136.  384. 
Christus,  jüdische  Sage.  217,  Typen 

385. 
Chrodegang  v.  Metz  41. 
Cicero  19.  205*.  209*.  231.  302. 
Claudius  v.  Turin ,   Leben  222  f., 

Bibelcommentare  223,  Apologeti- 

cum  223.  —  115*.  226  f. 
Clemens,  Grammatiker,  80.  116. 
Columban  S.  312. 
Columella  159. 
Computus  127.  392. 
Contlictus  veris  et  hiemis  68  ff. 
Consentius,  Grammatiker,  183*. 
Constantius,  V.  Germani  288.  292. 
Constructio  Farfensis  379  f. 
Cosmographia  Jul.  Caes.  393. 
Cvpi'ii^n  272,  Pseudocyprian.  Schrift 
*254. 


Dante  149. 
Demosthenes  302. 
Denis  S.  s.  Dionysius. 
Desiderius  S.,  Passio  386. 
Deutsche  Predigt  und  Beredsam- 
keit 177.  239.  241. 


Kegister. 


399 


Dicnil,  Leben  392,  Computus  392f., 
De  mensura  orb.  terrae  393  ff. 

Didactische  Dichtunsen  73  ff.  15S. 
2S1  fi'. 

Dionysias  Areopagita  V.  34Sfi. 

—  256.  2.59  f.  262. 
Dodo  31.  6S. 

Douatiis  15.  Tl.  lOSf.  1S3. 

DrosfO,  Sohn  Karls  d.  Kahlen,  277. 

Diiiigalu»,  Leben  224,  Contra  per- 
vers. Claudii  sententias  224  f.  — 
223. 

Eanbald  I.,  Erzb.  v.  York,  13. 
Eanbald  II..  Erzb.  v.  York,  34. 
Ebbo.   Erzb.' V.  Keims,    167*.  173. 

256.  360. 
Eberhard,  Markgraf  v.  Friaul,  125. 

195. 
Ebroio,  Bisch,  v.  Poitiers,  356. 
Ecloga  diiaruni  sanctinionialium 

293  f. 
Egbert.  Erzb.  v.  York,  13. 
Egilo.  Erzb.  v.  Sens,  367*. 
Eisil.'  Abt  V.  Fulda ,  Leben  330  ff., 

Y.  Sturmi  104  fl'.  —  121  f.*  144. 
Einbard,    Leben   92  fi'.,    V.   Caroli 

94  ö".  165.  336,  Annalen  9S,  Transl. 

Petri  und  Marceil.  99  fi'. .'  (Passio 

102.  323),  Briefe  103  f.,  De  ador. 

cruce  104.  — 29.  66.  SO.  144.  157. 

204  f.  329  f.  3.59.  378. 
Eklogeii  31.  63  fi".  293. 
Elbod,  Bisch,  v.  Yenedotia.  3S7. 
Elias.  Bisch,  v.  Angouleme.  2S6. 
Elipaud  V.  Toledo  299. 
Eitgeluiodus.  Panegvricus  auf  Ead- 

bert  232. 
Enhard.  Mönch  v.  Fulda.  Annalen 

36S. 
Epische    Dichtongen     25.     56  fi". 

171  fl'. 
Erchaiibald,  Kanzler,  80. 
Erchanbert,  Breviarium  391. 
Erigena,  Leben  257  fi"..  Uebersetzung 

des  Dionys.  Areop.  259,  des  Maxi- 
mus   260.    De   divisione   naturae 

261  fi'..  De  praedestin.   264  f.,  a. 

theol.  NYerke  265.  Gedichte  265  f. 

—  267  ff.  2'56.  290. 

Erich,  Markgraf,  Ged.  auf,  87.  326. 

—  90. 

Erlebald,  Abt  v.  Reichenau,  146. 

14Sf. 
Ermeiirich  179.  Y.   Soli  179,  Y. 

Hariulfi  ISO  f.,  Epist.  ad  Grimal- 

dum  ISlff". 
Ernientarius,   Transl.  S.  Filiberti 

350  f. 


Eriuoldus  Migelliis,  Leben  170, 
De  gestis  Ludovici  171  fi'.,  Elegien 
176  fi'. 

Esther,  rvthm.  Ged.  auf,  3 IS,  326. 

Ethehviilf,  Gedicht  85. 

Eugeiiiiis  V.  Toledo  310. 

Eulogius,  Leben  3o0  fi'.,  Memoriale 
302  fi'.,  Docum.  martjT.  304,  Apo- 
logeticum  3o4  f. ,  Briefe  305  *.  — 
Charakter  308.  Hymnus  auf  311. 
—  355*. 

Eusebius,  Hist.  eccles.  3S4,  s.  auch 
Hieronj-mus. 

Enstachius  S.,  rythm.  Ged.  auf, 
319  f.  327  f. 

Eiitropius  39  f. 

Eutjches,  Grammatiker,  202. 


Fabeln  32.  54. 

Fastrade,  Gemalin  Karls  d.  Gr.,  83. 
Fegefeuer.  Schilderung.  150  fi'.  256. 
Felix.  Bisch,  v.   l'rgel,   89.   220  fi'. 

224. 
Festus  38*. 

Filibert  S.,  Transl.  350  f. 
Flavianus.  Grammatiker,  37. 
Flora  S.  303  f. 
Florentius  S.  315. 
Floriis  3S4. 
Florus  V.  Lyon,   Leben   268,  De 

actione  missar.  268,  Martvrol.  128. 

268.    386,    De    praedestin.    26S  f., 

Gedichte  269  fi'.,  Querela  de  divis. 

imperii  269  f. .  an  Modoin  270  f., 

geistliche   Gedichte  271  f.  —  128. 

16U.  186.  245*. 
Fontanetuni.  rvthm.  Ged.  auf,  312  f. 
Fortunatiis  7. '28  f.  32.  4  5.  52.  59. 

71*.    79.    133.  142.   144.  225.  294. 

298*. 
Frauco,  B.  v.  Lüttich,  192.  195. 
Frecliiiif.  Leben  380.  "SYeltchronik 

381  fi'.  —  130. 
Fredegar  41.  234.  379. 
Fürsteuspiegel  HO.  198.  227.  250. 


Gallus  S.,  Y.  164,  Y.  184. 
Gaudulf  V.  Cilanfeuil  351. 
Gauzlin,  Abt  v.  Glanfeuil,  352. 
Georgius  v.  C'ordoba  S.,  Transl. 

355  f. 

Gerberg,  Aebtissin  v.  Gandersheim, 

297. 
Gerhoh  127*.  144. 
Gernianus  S.,  Y.  287  ff..  Miracula 

356  f.  —  389  fi'. 
Gerold,  Archidiac,  13o. 


400 


Register. 


Gerold.   Bruder  der  K.  Hildegard, 

152. 
Gervold,  Abt  v.  Fontanelle,  379. 
Gesta     abbatuin    Foiitanellens. 

:5TT  f. 
Gesta  episcop.  Antissiodor.  287. 
Gesta   pontinc.   Roinanor.  346  f. 

—  41.  46. 
Gesta    reg'uin    Fraiicoruui    255. 

385.  391. 
Gildas  33.  388.  391. 
Gisela,  Karls  d.  Gr.  Schwester,   6. 

21.  64.  80. 
Gloiina,  Kloster,  rythm.  Ged.  auf, 

315.  327. 
Goal-  S..  V.  190  f. 
Gottfried  v.  Moiimoutli  388. 
Gottsclialk    124  f.    138  f.    147.    160. 

166  tf.,  pros.  Schriften  167,  Epist. 

ad  Ratramn.    167  f. ,   rythm.    Ge- 
dichte   169.    325  f.    —    205.    208  f. 

245.  249  f.  257.  264  f. 
Gozbaid.  Bisch,  v.  Würzburg,  180. 
Gozbert,  Abt  v.  St.  GaUen,  164. 
Gozbert,  Diacon,  164. 
Gozliii,  Abt  V.  St.  Germain,  356. 
Gregor  d.  Gr.,  V.  42 ,  Cura  past. 

134,   Dial.  55.   150.  201.  257.  298, 

Homil.   21,   Moral.    252.  307,   Ep. 

ad  Reccared.  252.  —  46.  HO.  229. 
Gregor  v.  IVaziaiiz  260.  262. 
Gregor  v.  Utrecht  V.  107  f.  339. 
Griechische  Sprachkeiintniss  49. 

184.  192.  259.  267.  287.  289. 
Grimald,    Erzcapellan,    119.    128. 

147  0'.   157  f.   179.   181.   183  f. 
Günther,  Erzb.  v.  Köln,  169*. 
Giiiidrad.  Base  Karls  d.  Gr.,  6.  22  f. 

58. 
Giiiidraiii,  Neffe  Rabans,  179  f. 

Haiiuin,  Mönch  v.  Sf.  Vaast,  277  f. 
Haimo,  Lehrer  Heirics,  285. 
llaito,  Abt  V.  Reichenau,   146,  Vi- 
sion. Wettini  152. 
Ilardiiiii,  Mönch  v.  Fontanelle,  379. 
Ilarioir.  Bisch,  v.  Langres,  V.  180  f. 
Ilartgar,  Bisch,  v.  Lüttich,  191  ff. 
Ilathiiiiiod .  Aebtissin  v.  Ganders- 

heim,  V.  295  f.  —  296  ff. 
Ilatto,  Abt  V.  Fulda,  121.  123.  137. 

143  f. 
Ilavelok,  Sage  v.,  isl*. 
Heiligenleben   in  Prosa  23  f.  42. 

104  ff.    164  f.    179  ff'.    190  f.    206  ff. 

229  f.  236  ff'.  255.  292.  294  f.  302  ft". 

330  ff'.  338  ff.  344  ff".  356  f. 
Heiligenleben  in  Versen  24. 153  f. 

184.  276.  278  ff.  285  ff". 


Heiric.  Leben  285  ff'.,  Vita  Germani 
2s7  ff. .  Mirac.  Germani  292.  Pre- 
digt 292,  Hymne  292*. 

Heistulf,  Erzb.  v.  Mainz.  129.  131. 
144. 

Helisachar,  Kanzler,  215.  380  f. 

Helniengald,  Pfalzgraf,  83. 

Heraklius  142*. 

Hesiod  183*. 

Hibernicus  exul,  Episches  Ged. 
57  f..  a.  Gedichte  58.  —  325.  393*. 

Hieronymiis,  De  vii'is  illustr.  384, 
Epitaph.  237.  239  f.,  Weltchronik 
39.  384.  390.  —  133*.  207.  229. 
244.  286.  —  Ged.  auf,  310. 

Higbald,  Abt  v.  Lindisfarne,  27  f. 

Hildebald,  Primicerius,  64. 

Hildebert,  M.  v.  Conliittas,  353. 

Hildebold,  B.  v.  Auxerre,  285  f. 

Hildegard.  Gemalin  Karls  d.  Gr., 
41.  52.  333. 

Hildiiin  v.  St.  Denis  100. 102. 131. 
147.  156.  216.  248.  337.  350.  — 
V.  S.  Dionysü  348  ff. 

Hincniar,  Leben  247  ff". ,  De  prae- 
destin.  249.  De  regis  persona  25011'., 
De  divortio  Lotharii  250*,  De  ani- 
mae  ratione  250*.  De  cavendis  vi- 
tiis  252  f..  De  ordine  palatii  253  f., 
V.  S.  Remigii  255  f. ,  Visio  Ber- 
noldi  256  f.,  Verse  257*,  Annalen 
367  1".  —  166.  205.  244.  257.  260. 
273  f. 

Historia  misccila  40.  384. 

Historiographie.  Hauptgattungen, 
328  ff". 

Histrionen  63. 

Hölle,  Schilderung,  150. 

Horschule  5.  18.  20.  34.  116.  119. 
258.  261.  346*.  393. 

Homer  183*. 

Horatiiis  231.  301. 

Horologium  189. 

Hiicbald  277.  281.  287. 

Hugbert  S.,  V.  229  f. 

Hugo,  Abt  V.  St.  Quentin,  rythm. 
Ged.  auf,  314.  326. 

Humbert,  Bisch,  v.  Wüi'zburg,  137. 

Hymnen  55  f.  84.  91.  145.  161  f. 
163  f.  180.  272.  311.  357, 


Jeremias,  Erzb.  v.  Sens,  225. 
Hdericus  von  8alerno,  eleg.  Ged. 

298. 
luima,  Einhards  Gattin,  93  f. 
Ingelbert,  Abt  v.   St.  Pierre  des 

Fosses,  352. 
Jonas,  Leben  225  f..  De  cultu  imagi- 


Register. 


4ai 


num  226  f..  De  institutione  laicali 
227  S, .  De  institut.  regia  227  f., 
V.  Hugberti  229  f.  —  168.  205.  223. 

Irische  Rytbmen  324  f. 

Jordan is '39  f.  47.  388  f.  378*. 

Joseplnis  131.  3S4. 

Irmiiidriid.  Gemalin  Karls  d.  Kah- 
len, 266. 

Iriinugard,  Gemalin  Kaiser  Lothars. 
194. 

Isidorus,  Etymol.  IS  f.  125.  135. 
189.  393.  —  46.  70.  136.  229.  309. 
385. 

Islam  299  f.  307  f. 

Jadith.  r^-thm.  Ged.  auf,   318.323. 

Judith,  Kaiserin.  130.  147.  156.  15S. 
160.  204.  219  f.  243  f.  381. 

Jalianus  S.  276. 

Jaliauus  v.  Toledo  286. 

Jiistiiius  131. 

Jiivenalis  301. 

Jnvencas  71*.   133. 

Karl  der  Grosse  3  ff.  14  ff'.  18.23. 

29  f.    32.    34.    37  f.    41.    4S.  57  ff. 

63  f.  66  ff.  72.  79  ff.   S9.  94  ff.    99. 

106.   108.   117.  151.  17S.  191.  237  f. 

333.  339  f.  342.  347.   —  Planctus 

auf,  ."^11  f.  327. 
Karl,  Karls  d.  Gr.  Sohn,  64.  81. 
Karl  der  Kahle  118.  147.  156.  185. 

194.    204  f.  20S  f.    226.    233.   246. 

24S.  250  f.  256  ff.  265  f.  273  f.  277. 

2S1  ff.    292.    315.   356.  366  ff^  381. 

3S6. 
KarluiauD,  Karls  des  Kahlen  Sohn, 

251. 
Karlmann,  Karls  des  Kahlen  Enkel. 

252. 
Karlsage  174.  363. 
Konrad,  Graf,  160. 
Krenz  142  f,  Verse  auf  das  310. 

Laudolfns  8agax  40. 
Lactantias  22.  229. 

Laster  22.  74.  252.  282. 
Lazarus,  rythm.  Ged.  auf,  319.323. 
Leidrad,  Erzb.  v.  Lyon,  76.  210. 
Leo.  Sermonen  141. 
Leodi'rid,  Herzog,  196*. 
Leoninische    Hexameter    167  f. 

311*. 
Leovigild  355  f. 
Leovigild,  Presbyter,  310. 
Leupichis  44. 
Lioba,  S.  V.  332  ff. 
Liudger,  B.  v.  Münster,  Leben  338  f., 

Vita  des  Gregor  v.  Utrecht  107  f. 
Liudolf,  Graf.  294  f.  297. 

Ebert,  Literatur  des  Mittelalters  U. 


Liutgard,  Gemalin  Karls  d.  Gr.,  80  f. 

Livius  207.  302. 

Lothar,  Kaiser,  93.  103.  117  f.  123. 

130.    140  ff.    156.    160.   187.   194  f. 

205.  210.  224.  243.  250*.  313.  315. 

336.  361.  371. 
Lothar  II.   136.  198. 
Ludwig  der  Deutsche   118.   124, 

130  ff.    14S.    156.    194.    243*.   273. 

343.  356.  361.  36S.  372. 
Ludwig  der  Fromme  73.  81.  84. 

93  f.  102  fi'.  111  ff'.  139  ff".  155  ff. 

171  ff".  210.  218  ff.  238.  243.  248. 

273.  314.  331.  342  ff.  359  ff.  371. 
Ludwig  IL.  König  v.  Italien  und 

Kaiser,  273.  313.  316. 
Ludwig  der  Stammler  251. 
Lupus,   Leben   203  f..   Briefe   205, 

Kaisergesch.  206,  V.  AVigberti  206, 

V.  Maximini  20S,  De  tribus  quae- 

stion.    208  f.    —    104.    115*.   122. 

168.  185.   245.  285.  314. 

Macer  Floridus  158*. 

Mailand,  rythm.  Ged.  auf,  86*. 
Mammes  S.,  V.  153  f. 
Maria,  Prädicate  283. 
Malmesbury,  Wühelm  v.,  395*. 
Marcellinus  S..  Passio  102.  Transl. 

99  ff. 
Marcus  S.  395. 
Marcward,  Abt  v.  Prüm.  168.  185. 

190.  205.  385. 
Martin  S.  273. 
Martvrologien     128.    185  ff.    268. 

Matfrid,  Graf  v.  Orleans,  227  f. 
Maurus  S.,  Transl.  351  f. 
Maximiuus,  S.,  V.  208. 
Meginhard,  Transl.  Alexandri  335. 
Metrik.     Kenntniss    der    antiken, 

186  ff'.' 287.  289.  —  DiscipUn  17. 
Michael,  Erzengel.  De  apparitione, 

358. 
Mico  V.  St.  Riquier  188. 
Milo,  Leben  277  f,  V.  Amandi  278  ff".. 

De  sobrietate  281  ff. 
Modestus.  Presbyter,  331. 
Modoin,  Bisch,  v.  Autun,  78.  82  f. 

160.  270  f. 
Mohamed.  sagenhaftes  Leben,  305 

307. 
Monate,  Gedicht  auf,  189. 

^aso,  Leben  65,  Ekloge  65  ff.   — 

31.  70.  82*.   184. 
Tifennius,  Histor.  Britonum  387  ff. 
\ibridius.  Bisch,  v.  Verona.  125. 
26 


402 


Register. 


Xitliard.  Leben  370,  Histor.  1.  IV. 

371  ff.  —  63.  364. 
Nomiiioi,  Herzog  d.  Bretagne,  3t^. 
IVoriiiaiiiieii,  Einfälle,  350  ff.  35t;  f. 
IVotiiig,  Bisch.  V.  Verona,  125. 

Odilard,   Mönch  v.   St.   Germain, 

Odo,   Abt  V.  Glanfeuil ,  ^  Transl.  S. 

Mauri  351  f. 
Origeues  262. 

Origo  genUs  Laiigobaid.  46. 
Origo  gentis  rouianae  39. 
Orosius  39  f.  381  ff'.  385.  391. 
Otfrid  122.  129. 

Otgar,  Erzb.  v.  Mainz,  124.  144. 
Otlimar  S.,  V.  165. 
Ovidins,  Metam.  67.  71.  159,  Trist. 

52.   I7f..  —  7.  66.  178.  227. 

Pantakoii  S.  272. 

Parabel,  ryttm.  Ged.,  317,  327. 

Paradies,  Schilderung,  152.! 

Passionen  102.  244.  276. 

Pafricius  S.  390. 

Paulinns  v.  Aquileia,  Leben  89, 
Lib.  exhortat.  90,  De  regula  fidei 
90,  Hymnen  91,  rythm.  weltl.  Ged. 
87  ff".  —  30.  35. 

Paulinns  \on  Xola   71.  133.  225. 

Paulus,  Apostel,  274. 

Paulus  Diaconus,  Leben  36  ff., 
Histor.  romana  39  f.  45*,  Fort- 
setzungen ders.  40,  Gesta  episc. 
Mettens.  47,  V.  Gregors  42,  Histor. 
Langob.  42  ff'..  Homiliensammlung 
47.  ^,  Erklär,  d.  Regel  Bened.  47, 
Homilien  48,  poet.  Correspondenz 
mit  Petrus  48  ff.,  Epitaphien  52  f., 
Elegie  auf  d.  Comersee  54,  Fa- 
beln 54,  geistl.  Ged.  55  f.  —  5. 
298.  323. 

Petrus,  Apostel,  274. 

Petrus  V.  Pisa  5.  38.  48  ff. 

Petrus  S.,  Passio  102.  Transl.  99  ff. 

Philipp  V.  Thaiin  189*. 

Physiologl  200*. 

Pilatussage  200*. 

Pippin,  Karls  d.  Gr.  Sohn,  20.  60. 
63.  238,  rythm.  Ged.  auf,  86  f. 
322  f. 

Pippin,  Karls  d.  Kahlen  Sohn,  277. 

Pippin,  Ludwigs  d.  Fr.  Sohn,  170. 
173.   176  ff.  227.  243.  314. 

Placidas  s.  Eustachius. 

Plinius  d.  altere  393. 

Pomerius  90. 

Ponipeius,  Grammatiker,  71.  183*. 

Porphyrius,  Dichter,  142.  301. 


Prädestinationslehre    124.    167  f. 

208  f.  246  f.  249.  260.  264  f.  2b7  ff. 
Priscianus  18.  183*.  184.  392  f.  p, 
Prosper  40.  143*.  229.  390. 
Prudentius    22.    26.   71.   133.   162. 

187  f.    199.   289.  —  Psychom.    75. 

152*. 
Prudentius  v.  Troyes,  Leben  267, 

De  praedest.  267  f.,  Annalen  366. 

—  205.  245*.  257*. 

Quintilianus  302. 

Raban,  Leben  120  ff..  Grammatische 
Schriften  126,  Glossen  u.  deutsch. 
Sprachinteresse  127,  De  computo 
127  f.,  Martyrolog.  1 28,  Bibelcom- 
mentare  129  ff.,  De  clericor.  instit. 
1 31ff.,  De  universo  1 34  ff.,  De  anima 
136,  theol.  Flugschriften  137  ff., 
De  oblat.  puerorum  138,  De  re- 
verentia  filiorum  139,  Predigten 
140  ff..  De  laud.  s.  crucis  142  f., 
Gelegenheitspoesie  144,  Inschriften 
ib.,  Secessio  ib..  rythm.  Ged.  145. 
327.  Hymnen  145.  —  32.  82.  118. 
160.  204  f.  330.  332.  334  f.  368. 

Badbert,  Leben  230  ff'.,  De  corp.  et 
sang.  Dei  232  ff.,  Epist.  ad  Frude- 
gardum  234  f..  De  partu  virginis 
235,  De  fide  etc.  235,  Bibelcom- 
mentare  235  f.,  V.  Adalhardi  236  ff., 
V.  Walae  239  ff.,  Passio  Ruiini  et 
Val.  244.  —  205.  245  f.  253.  268*. 
293*  f. 

Rado,  Abt  v.  St.  Vaast,  23.  28. 

Rälhsel  14.  20.  32.  51. 

Ratchis  37. 

Ratgar,  Abt  v.  Fulda.  121.  144. 
330  f. 

Ratleik  94.   lOOfi'.  128.  144. 

Ratraninus,  Leben  244  f.,  De  corp. 
et  sang.  Dei  245  f. ,  De  eo  quod 
Chr.  ex  virgine  natus  246,  De  prae- 
dest. 247 ,  Contra  Graec.  oppos. 
247.  —  167. 

Reginbert  v.  Reichenau  162. 

Reniigius  S.,  V.  255. | 

Reuiigius  v.  Auxerre  287. 

Reim  im  Hexam.  16b*  f.,  in  Prosa 
292  *.  31 1  *,  in  Rythmen  323.  325  ff. 

Richarius  S..  V.  23f. 

Richer  367*. 

Rimbert,  Leben  Ansgars  341  ff'. 

Roman  des  eles  182*. 

Ronceval  363. 

Rorigo.  Graf,  352. 

Rotrud,  Karls  d.  Gr.  Tochter,  6. 
21.   37.  64. 


Register. 


403 


Rudolf  V.  Fulda.  Charakteristik 
332,  Y.  Liobae  332  ff.,  sogen.  V. 
Eabani  334  f. ,  Transl.  Alexandri 
335  f.,  Annalen  368  f.  —  179. 

Rufinns  384. 

Rntiuus  S.,  Passio  244. 

Rutilus  -1*. 

RythniisiLe  Dichtung  86  ff.  91. 
102.  169.  180*.  196.  300.  311  ff., 
Yerfasser  321  f..  Kategorien  d.  Ged. 
322.  Yersarten.  trochäische  322  ff'., 
iamb.  326  ff".  —  357.  393*. 

Sallustiu.s  207. 

Samuel,  Bisch,  v.  Worms.  121.  127*. 
144. 

Scliolastica  8..  Ged.  auf.  56. 

Schreibkunst  71.  85.  379  1. 

Schulen  9  f.  26.  72.  119.  126  f.  379. 

Scolen,  sagenhafte  Herkunft,  389. 

^ecundus  v.  Trient  46. 

8eduliu^.  d.  ältere,  71.  133.  143*. 

Sedulius'Scotus.  Leben  191  ff..  Ge- 
dichte 193fl\,  Elegien  193  f..  pa- 
negyr.  Gedichte  194  f..  Oden  195  f., 
an  Robert  190.  De  verbece  196, 
Allegorie  197,  Certamen  197  f..  De 
rectoribus  christianis  1 98  S. ,  Ge- 
dichte darin  199.  Comment.  in  Eu- 
tych.  202.  —  325. 

Seele,  ^^atur  der,  22  f.  136.  182. 

Servius  Honoratus  183. 

Severu!*,  Sulpicius,  181.  239  f. 

Sigulf,  Äbt  V.  Ferneres,  5.  344. 

Smaragdus  Ardo  s.  Ardo. 

Sniaragdu!^,  Abt  v.  S.  Mihiel,  Le- 
ben 108  f.,  Commentar  zumDonat 
108  f.,  Diadema  monach.  109  f., 
Yia  regia  1 10  ff'.,  Liber  comitis  112, 
Comment.  zur  Benedict.  Regel  112. 
Hvmne  112.  —  202. 

Solinus  286.  393  f. 

Speraiudeo,  Abt,  300.  309. 

Speratus  S.  272. 

Streitgedithte  68.  197  f. 

SUirmi,  Abt  v.  Fulda,  Y.  104  ff. 

Sualo  S.,Y.  179  f.,  Hymn.  auf  180. 

Suetonius  95  f.  286. 

Suuderolt,  Erzb.  v.  Mainz,  336. 

Synipliosius  20*. 

TacHu)^,  Germania  336. 
Tado,  Erzb.  v.  Mailand,  193.  196*. 
Ta8>silo  57. 

Tatto  V.  Reichenan  147.  160. 
Terentius  231. 
Tetberga.  Königin.  250*. 
Tetta.  Aebtissin  Y.  Winbrunn,  333  f. 
Thegan,  Leben  358  f.  V.  Ludovici 
359  ff'.  —  160. 


Theodemir,  Abt,  223.  226*  f. 

TLeodoricb  155  f.  201. 

Theodulf,  Leben  70  ff'.,  Charakteri- 
stik 73,  theol.  Schriften  72,  di- 
dact.  Dichtungen  73  fi^,  Paraenesis 
ad  iud.  75  ff".,  moralis.  beschreib. 
Gedichte  78  f.,  Epistelpoesie  79  ft"., 
Epigramme  83,  L^Tik  84.  —  6.S*. 
66.  176.  184. 

Theokrit  183*. 

Tbeotger,  Mönch.  354  f. 

Theuderius  S.  Y.  387. 

Thomas,  Abt  v.  Farfa.  379. 

Tiburtius  S.  100  f. 

Translationen  99  ff'.  334  ft\  350  ff'. 

Trojanersage  58.  388. 

Tugenden  19.  22.  74  f. 

Typen  385. 

lltan,  ;Mönch  v.  Lindisfame,  85. 
l'suard.  M.  v.  St.  Germain.  355  f., 

Martyrol.  386. 

Valerius  ]*iaximus  286. 

Valerius  8.,  Passio  244. 
Vedastus  8.,  Y.  23. 
Vegetius  136.  195. 
Veit  8..  Transl.  336  f. 
Verona,  rythm.  Ged.  auf,  86*. 
Victor,  Aurelius  39.  384. 
Victor,  Julius  19. 
Vlnceiitius,  Transl.  353  f. 
Virsilius,   Aen.   26.   59.    176. 

Eclog.     6.    51.    63  ff.    275*. 

Geors?.  159.  183*.  —  71.  91. 


301, 

294, 

178. 

r83.  l92.  208*.  227.  231.345.377. 


Visionen    149  ff. 
342.  345. 


256.    273  f.    296. 


Wala  Y.  239  ff.,  Charakter  242.  — 
215  f.  231.  337. 

Walahfrid,  Leben  146  ff'.,  Charak- 
teristik 148.  165,  De  vision.  Wet- 
tini 149  0".,  Yita  Blaitmaici  153, 
Y.  Mammae  153  f..  De  imag.  Te- 
trici  154  ff'.,  Hortulus  158  f.,  poet. 
Episteln  15'9.  Epigramme  u.  Lyrik 
161.  Hymnen  161  f..  De  eccles.  re- 
rum   exord.   162  ff'.,   Glossa  ordin. 

164,  Yita  S.  Galli  164,    Othmari 

165.  Ausg.  Einhards  165.  —  115*. 
122:  127.  144.  167.  179.  184.  207*. 
359  ff'. 

Walcaud,  Bisch,  v.  Lüttich,  229. 
Waldo,  Abt  v.  Maximin,  208. 
SValdo^  Abt  v.  Reichenau,  151. 
Waltbrabt.  Graf.  335  f. 
Wandalbert.  Leben  185,  MartyroL 
185  ff'..  Y.  Goaris  190  f. 


40-i 


Register. 


Wando,  Abt  v.  Fontanelle,  378. 
Waudregisil,    Abt   v.  Fontanelle, 

377  f. 
Wariii,  Abt  v.  Corvey,  232  f. 
Weise,  Aussprüche  ders.,  201  f. 
Weltalter  382.  385.  388. 
Weltchioiiik  380  ff. 
Weltgeschichte,  Epochen  53*. 
Weltreiche  382. 
Weltwunder  201. 
Weiiilo,  Erzb.  v.  Sens,  267. 
Wcttiii  V.  Reichenau  146  f.  149  ft. 

256. 


Farfa,  380. 
Fritzlar,  V.  206  f. 


Wido,  Graf,  22. 
Wigbert,  Abt  v. 
Wigbert,  Abt  v. 

—  105. 
Wilhelm,   Graf  v.  Toulouse,   174. 

347*. 
Willehad,  Bisch,  v.  Bremen,  340  f. 
Willerich,  Bisch,  v.  Bremen,  340. 
Willibrord  S.,  V.  23  ff.  -  338. 
Wizo  (CancUdus)  5  f.  21.  30. 
Wulfad,  Erzb.  v.  Bourges,  261. 
Wulfin,  Grammatiker,  81*.  271. 
Wursing  33S. 


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Druck  Ton  J.  B.  Hirschfeld  in  Leipzig-.